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Berlinale 2017 – Der osteuropäische Film triumphiert im Wettbewerb. Interessante Beiträge zeigten auch die Nebenreihen Panorama und Forum.

Donnerstag, Februar 23rd, 2017

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Das osteuropäische Kino triumphiert auf der 67. Berlinale. Das ist durchaus nichts Ungewöhnliches. Einen Goldenen Bären gab es auch schon 2013 für den Film Mutter und Sohn vom rumänischen Regisseur Călin Peter Netzer und auf der Berlinale 2015 teilten sich die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska (Body) und der rumänische Regisseur Radu Jude (Aferim!) einen Silbernen Regiebären. Aber in dieser Breite wie beim diesjährigen Wettbewerb der Berlinale ist die Präsenz guter Filme aus Osteuropa schon durchaus bemerkenswert. Und das liegt sicher nicht nur daran, dass bereits erprobte Berlinale-Regisseure und Regisseurinnen wie Thomas Arslan, Oren Moverman, Sally Potter, Sabu, Volker Schlöndorff oder Hong Sang-soo, der seine besseren Filme wohl lieber in Locarno zeigt, eher etwas schwächelten. Auch große Stars wie Kristin Scott Thomas, Bruno Ganz oder Richard Gere in den englischsprachigen Konversationsdramen The Party und The Dinner konnten nicht überzeugen.

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On Body and Soul von Ildikó Enyedi und Ana, mon amour von Călin Peter Netzer im Wettbewerb

Dafür gelang es der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi mit ihrem Spielfilm Testről és lélekről / On Body and Soul das Publikum wie auch die Kritiker und Wettbewerbsjury gleichermaßen zu berühren. Es holt sich damit nach 8 Jahren wieder eine Frau und nach 42 Jahren eine Ungarin den Goldenen Bären ab. 1975 gelang das überraschend der Regisseurin Márta Mészáros mit ihren Film Die Adoption. So überraschend war das diesmal allerdings nicht. Der Film wurde von Beginn an als Mitfavorit bei den Kritikern gehandelt. Und das durchaus zurecht. Ist es doch auch ein Beleg für die Wirkung von einfühlsamen Beziehungsdramen in einer zunehmend von Schnelligkeit, Brutalität und Gefühlsarmut gezeichneten Welt. Dass hier zwei leicht gehandicapte Außenseiter – die dazu noch in einem von emotionsloser, mechanisierter Gewalt bestimmten Schlachthof arbeiten – zunächst nur in einem gemeinsamen, friedlichen Traum als Hirsch und Hirschkuh zusammenfinden, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, was die Regisseurin auch mit Sinn für subtilen Humor inszeniert.

 

Testről és lélekről (c) Berlinale

 

Nach der Entdeckung dieses vermeintlichen Zufalls bei einer psychologischen Untersuchung wegen eines Diebstahls von Bullenpulver im Schlachthof beginnen die spröde Qualitätsprüferin Mária (Alexandra Borbély) und der Wirtschaftsdirektor Endre (Géza Morcsányi) über ihre Gefühle nachzudenken. In den anfänglich noch etwas ungelenken Annäherungsversuchen zwischen der leicht autistischen jungen Frau, die ihre Berührungsängste bei andauernden Sitzungen mit einem Kinderpsychologen analysieren lässt, und dem älteren Mann mit gelähmten Arm, der glaubte, mit der Liebe eigentlich schon durch zu sein, spielt der Film die Themen Sehnsucht nach körperlicher Nähe und Seelenverwandtschaft auf durchaus witzige Weise durch, ohne die beiden Träumer der Peinlichkeit preiszugeben. Während Mária die Treffen mit Endre mittels Salz- und Pfefferstreuer nachspielt, versucht auch Endre seine eingeübte Zurückhaltung gegenüber anderen abzulegen. Die wenigen drastischen Szenen zeigen nur den bestehenden Kontrast zwischen Traum und Wirklichkeit.

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Zum Ende des Wettbewerbs legte sich die Berlinale noch mal auf die Couch. Es begann mit Nietzsches Jenseits von Gut und Böse und endete dementsprechend mit der Psychoanalyse nach Freud. Der rumänische Regisseur Călin Peter Netzer übt mit seinem neuen Film Ana, mon amour Kritik an den überkommenen Moralvorstellungen einer kranken Gesellschaft, die sich tief bis in die Psyche seiner Protagonisten eingegraben hat. Die junge Studentin Ana (Diana Cavalliotis) leidet seit ihrem 17. Lebensjahr an einer Angststörung und bekommt gleich beim ersten Treffen und besagtem Nietzschedisput mit ihrem Kommilitonen Toma (Mircea Postelnicus) eine Panikattacke. Aber Toma steht ihr ab jetzt fürsorglich bei. Aus den beiden wird schnell ein Paar, dessen Beziehung der Film nun die nächsten sechs Jahre verfolgt und dabei immer wieder in den Zeitebenen hin und her springt.

Ana, mon Amour 
© Real Fiction

Es ergibt sich dadurch ein vielschichtiges Psychogramm zweier Menschen, die aneinander hängen, sich dadurch aber immer mehr zu erdrücken drohen. Die Probleme Anas scheinen aus der Kindheit zu kommen. Ihr Vater hat sich ziemlich zeitig nach Frankreich abgesetzt, mit dem Stiefvater Igor (Igor Caras Romanov) musste sie lange Zeit in einem Bett schlafen. Missbrauchsahnungen schweben unausgesprochen in der Luft. In Tomas intellektuellem Elternhaus ist es nicht viel besser. Die Besuche des Paars enden in beiden Familien jeweils im Eklat mit Vorwürfen und Beschimpfungen. Tomas Vater (Vasile Muraru) ist ein dominanter Mensch, der seinem Sohn den Umgang mit einer Verrückten verbieten will. Die Mutter erweist sich als Glucke, die Toma ein zu großes Herz attestiert. Dass in der Beziehung seiner Eltern auch etwas verdrängt wird, erfahren wir erst in den Einblendungen, in denen Toma Jahre später seine verkorkste Ehe mit Ana analysieren lässt.

Bis dahin macht das Liebespaar gute und schlechte Zeiten durch, die zunächst durch Anas Attacken, ihre Psychopharmaka-Abhängigkeit und eine ungewollte Schwangerschaft gekennzeichnet sind. Hier erweist sich Toma als guter Samariter, der allerdings auch zunehmend in Anas Leben eingreift. „Moral ist nur die Konsequenz von Angst.“ hatte Ana beim ersten Treffen der beiden gesagt. Dass sie diese These selbst tief verinnerlicht haben, beweisen ihre ständigen Versuche neben der Psychoanalyse auch in der orthodoxen Religion der Eltern nach Erlösung und Buße für begangene Sünden suchen. Besonders skurril ist z.B. eine Beichte, bei der Toma vom Priester u.a. das für seine Zigarettensucht verschwendete Geld vorgerechnet bekommt. Hier fallen auch die Worte vom unter den Teppich gekehrten Dreck, der irgendwann wieder zum Vorschein kommt. Hier erweist sich der gestrenge Diener Gottes auf seine ganz spezielle Weise bereits als hellsichtiger Analytiker.

Bis zum bitteren Ende durchlaufen die mittlerweile Verheirateten allerdings weiter ihren fast schicksalhaft vorbestimmten Leidensweg, der sicher bis in alle Ewigkeit andauern würde, begänne Ana sich nach ihrer Therapie nicht aus dem mittlerweile paranoiden Kontrollzwang Tomas zu lösen. Aus der Abhängigen wird nicht ganz ohne Egoismus eine ihr Leben selbst bestimmende Frau. „Kein Gott, keine Moral“ ist Tomas Vorwurf. Er beginnt damit das Verhaltensmuster des eigenen Vaters zu kopieren. Einen Alptraum, bei dem auch ein Pyjama vom Anfang eine Rolle spielt, und ein wenig zu viel Traumdeutung später steht Toma mit seiner Vergangenheitsbewältigung immer noch am Anfang. Nach seinem Goldenen Bären für Mutter und Sohn bei der Berlinale 2013 hat sich Călin Peter Netzer mit Ana, mon amour mindestens für einen Regiepreis bei der Wettbewerbs-Jury empfohlen.

Zuerst erschienen am 18.02.2017 auf Kutura-Extra.

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The Other Side of Hope von Aki Kaurismäki im Wettbewerb

Nach seinem Goldenen Bären bei der Berlinale 2013 empfahl sich Călin Peter Netzer mit Ana, mon amour aber auch für den Silbernen Regiebären, den die Wettbewerbs-Jury allerdings dem finnischen Altmeister Aki Kaurismäki nach dessen angesagtem Rückzug vom Filmgeschäft für seine Flüchtlings-Tragikomödie The Other Side of Hope sozusagen als Ehrengabe überreichte. Auch diese Entscheidung kann man akzeptieren, setzt Kaurismäki mit seinem Film doch auch ein wichtiges Signal für mehr Solidarität und Menschlichkeit.

 

The Other Side of Hope – © Sputnik Oy / Malla Hukkanen

 

Der finnische Sonderling unter den europäischen Regisseuren ist seiner Ästhetik aus 50er Jahre Interieur, lakonisch sparsamen Dialogen, alkoholgeschwängerter Melancholie und Rockabilly-Sound seit Jahren fast schon stoisch treu geblieben. Mit The Other Side of Hope spinnt er konsequent seine Geschichten von den einsamen aber unverwüstlichen Unterdogs aus Wolken ziehen vorüber, Lichter der Vorstadt, Der Mann ohne Eigenschaften oder Le Havre weiter. Die zwei zunächst parallel verlaufenden Handlungen um den älteren Hemdenverkäufer Wikström (Sakari Kuosmanen), der mit dem Gewinn aus einer Pokerparty seinen Traum vom eigenen Restaurant verwirklichen will und den syrischen Flüchtling Khaled (Sherwan Haji), der als blinder Passagier auf einem Kohlefrachter in Helsinki ankommt und in die Mühlen einer emotionslosen Einwanderungsbürokratie gerät, führt Kaurismäki auf gewohnt kuriose Weise zusammen.

Auch in diesem Film wimmelt es von skurrilen Typen, die rauchen, trinken und melancholische Lieder singen. Dabei versucht jeder nur irgendwie über die Runden zu kommen. Da fügt sich Khaled mit seinem Traum vom Glück und der Hoffnung, seine auf der Flucht verlorene Schwester irgendwann wieder zu finden, nahtlos ein. Es entspinnt sich ein utopisches Gesellschaftsmärchen von der Macht des Zusammenhalts kleiner Leute, die trotz eigener Probleme und gut gepflegter Eigenheiten ihren sympathischen Sinn für Gerechtigkeit auch jenseits von Legalität und staatlicher Autorität noch nicht ganz verloren haben. Dass das kaum der Realität entsprechen dürfte, aber immer auch denkbar bleibt, entspricht der einfachen und trotzdem wirkmächtigen Philosophie von Kaurismäkis Filmen.

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Insyriated von Philippe Van Leeuw und Inflame von Ceylan Özgün Özçelik im Panorama sowie My Happy Family von Nana & Simon im Forum

Die Berlinale bleibt das Festival der kleineren Produktionen auch in den Nebensektionen Forum und Panorama. Dort wurde zumindest der politische Anspruch des Internationalen Berliner Filmfestivals eingelöst. Und so kann es auch nur verwundern, dass der Gewinner des Panorama-Publikumspreises Insyriated von Philippe Van Leeuw, oder der äußerst ambitionierte türkische Spielfilm Kaygı / Inflame von Ceylan Özgün Özçelik nicht im Wettbewerb liefen. Während sich die Berlinale-Verantwortlichen auf der Abschlussfeier demonstrativ mit dem in der Türkei inhaftierten Journalisten und Welt-Korrespondenten Deniz Yücel solidarisierten, schob man den einzigen türkischen Filmbeitrag, der noch dazu von Zensur und Einschränkung der Pressefreiheit handelt, in die Nebenreihe Panorama Special ab.

Der im Libanon gedrehte Spielfilm Insyriated zeigt eine syrische Familie, bestehend aus Mutter, Kindern, Großvater, philippinischer Haushälterin und einem Paar mit Baby, die in einer Wohnung im umkämpften Damaskus festsitzen, in ständiger Bedrohung durch Bomben, Scharfschützen und marodierende Einbrecherbanden, die nach Wertsachen in den verlassenen Wohnungen suchen. Der belgische Regisseur Philippe Van Leeuw lässt die Zuschauer dieses klaustrophobischen Kammerspiels ziemlich unmittelbar am Alltag im Ausnahmezustand teilhaben. Die Entscheidung zu gehen oder zu bleiben, kann zu einer unmittelbaren Entscheidung über Leben und Tod werden. Der fast gefühllos erscheinende Pragmatismus der Mutter (dargestellt von der aus den Berlinale-Filmen Paradise Now und Lemon Tree bekannten israelisch-arabischen Schauspielerin Hiam Abbass) dient dabei allein dem Überleben der Familie während der Abwesenheit des Vaters.

 

Insyriated© Altitude 100 / Virginie Surdej

 

Ähnlich düster und beklemmend ist auch der türkische Spielfilm Kaygı, der zunächst einer jungen Cutterin bei ihrem Arbeitsalltag in einem Fernsehsender in Ankara folgt. Hasret (Algı Eke) muss erleben, wie Inhalte von Nachrichten und Interviews auf Anweisung der Senderverantwortlichen manipuliert werden. Auch die Benutzung sozialer Netzwerke auf den Firmencomputern wird untersagt und die politisch interessierte und ihre Meinung engagiert vertretende Hasret verliert schließlich ihren Job. In der großen Wohnung, in der sie nach dem Tod der Eltern allein lebt, beginnt sie nun, deren 20 Jahre zurückliegenden Unfall auf dem Weg zu einem Musikfestival in Anatolien neu zu untersuchen. Auch hier scheint die Wahrheit verfälscht worden zu sein. In einer zunehmenden Paranoia vermischen sich immer mehr fremde Stimmen mit hochkommenden Erinnerungssplittern im Kopf der jungen Frau.

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Auch im Forum der jungen internationalen Films gab es einen Beitrag aus dem erweiterten osteuropäischen Raum, der im Wettbewerb durchaus hätte bestehen können. Nana Ekvtimishvili und Simon Groß waren bereits 2013 mit ihrem ersten gemeinsamen Spielfilm Grzeli nateli dgeebi / In Bloom zu Gast im Forum. Damals portraitierte das georgisch-deutsche Regiepaar zwei 14jährige Mädchen im postsowjetischen Georgien zwischen patriarchaler Tradition und Moderne. In der deutsch-georgisch-französischen Koproduktion Chemi bednieri ojakhi / My Happy Family beschäftigen sich Nana & Simon nun mit der Müttergeneration.

 

My happy Family© Tudor Vladimir Panduru

 

Die 52jährige Lehrerin Manana (Ia Shugliashvili) lebt mit ihrem Mann, Sohn und Tochter, die ebenfalls verheiratet ist, und ihren Eltern zusammen in einer Wohnung in Tiflis. Ein Dreigenerationenhaushalt, wie er in Georgien nicht unüblich ist. Es wird früh geheiratet. Das Glück der Frauen ist es, Kinder zu kriegen und sich allseits für die Familie aufzuopfern. An ihrem Geburtstag, der wie immer groß gefeierte werden muss, eröffnet die erschöpfte Manana der versammelten Großfamilie, dass sie eine kleine Wohnung gemietet hat und ausziehen wird. Daraufhin beruft der erweiterte Verwandtenkreis den großen Familienrat ein. Mutter, Bruder, Ehemann, Tanten und Onkel reden der Abtrünnigen unablässig ins Gewissen und in deren neues Leben hinein. Es steht das Ansehen der Familie auf dem Spiel. Davon bekommt die Großmutter Schnappatmung und Mananas Bruder sorgt sich um die Ehre seiner Schwester.

Natürlich haben auch die Kinder ihre ersten Liebesprobleme, was die Mutter immer wieder in den Kreis der Familie zurücktreibt. Ansonsten genießt Manana die Ruhe, trifft alte Schulfreunde und beginnt sich wieder um ihre eigenen Interessen zu kümmern, wie etwa dem Gitarrenspiel. Die Kamera wechselt beständig zwischen Großszenen, in denen geredet, getrunken und auch viel gesungen wird, und den ruhigen Bildern in Mananas neuem Refugium. Nana & Simon bringen der Frau auf Suche nach sich selbst viel Verständnis entgegen und lassen ihr jede Zeit zum Nachdenken. Ob sich die angeknackste Beziehung zu ihrem Ehmann Soso (Merab Ninidze) wieder kitten lässt der Film offen. My Happy Family zeigt neben einem eindrücklichen Gesellschaftsbild auch weiteres interessantes Frauenportrait, das ebenso gut auch den Wettbewerb hätte bereichern können.

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Testről és lélekről / On Body and Soul
von Ildikó Enyedi
Ungarn 2017
Wettbewerb

Ana, mon amour
von Călin Peter Netzer
Rumänien / Deutschland / Frankreich 2016
Wettbewerb

The Other Side of Hope
von Aki Kaurismäki
Finnland / Deutschland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 30. März 2017

Insyriated
von Philippe Van Leeuw
Belgien / Frankreich / Libanon 2017
Panorama

Kaygı / Inflame
von Ceylan Özgün Özçelik
Türkei 2017
Panorama Special

Chemi bednieri ojakhi / My Happy Family
von Nana & Simon
Deutschland / Georgien / Frankreich 2017
Forum

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

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Filme aus Polen, Ungarn und Russland dominieren den Spielfilm-Wettbewerb auf dem 26. FilmFestival Cottbus – Ein Fazit und die Preisträger

Dienstag, November 15th, 2016

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26-ffc2016_jahrgangsmotiv_hoch_4c-rucksackEchte Komödien sind in den Wettbewerbs-Sektionen internationaler Filmfestspiele rar gesät. Meist verbinden die FilmemacherInnen in ihren Werken den Humor mit einer Geschichte über eher tragische Figuren oder auch mit Elementen des Genres. Und so ist es dann auch etwas verwunderlich, wie es relativ mainstreamhaft produzierte Blockbuster wie Planet Single (vom polnischen Regisseur Mitja Okorn) in den Spielfilm-Wettbewerb des FilmFestivals Cottbus schaffen. Wohl auch eine Konzession ans Publikum, das hier ausgiebig über das Format von Reality-TV-Shows privater Sender und deren Ausnutzung von Online-Dating-Opfern lachen kann. Mit gutgemachter Satire hat das leider wenig zu tun und zerrt mit 135 Minuten auch etwas an feiner ausgebildeten Geschmacksnerven. Trotzdem war der Publikumspreis wohl unausweichlich. Sei’s drum. Humor geht auch anders.

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Das beweisen Beiträge wie die Fake-Documentary Houston, wir haben ein Problem! über das angebliche jugoslawische Raumfahrtprogramm von Regisseur Žiga Virc oder der ungarische Spielfilm Kills on Wheels von Regisseur Attila Till, der auf mehreren Ebenen punkten kann. Mit der Geschichte über zwei Teenager mit körperlichem Handicap, die sich mit einem ebenfalls im Rollstuhl sitzenden Ex-Knacki zusammentun, setzt der Regisseur auf sogenannte gesellschaftliche Außenseiter, denen er mit einem Gangsterplot auch noch eine unerwartete Genre-Identität verpasst. Der junge Zoli (Zoltán Fenyvesi) hat eine progressive spinale Muskelatrophie und benötigt dringend eine kostspielige Wirbelsäulenoperation, die er sich nicht von seinem Vater, der die Mutter verlassen hat, bezahlen lassen will. Im Krankenhaus lernt er den querschnittsgelähmten ehemaligen Feuerwehrmann Janos Rupaszov (Szabolcs Thuróczy) kennen, der nach einem Knastaufenthalt Mordaufträge des serbischen Mafiaboss‘ Radoš (Dusan Vitanovics) ausführt. Gemeinsam mit seinem Freund Barba (Ádám Fekete), der an einer Zerebralparese mit Tremor leidet, beginnt Zoli Janos bei seinen gefährlichen Aufträgen zu helfen. Die Erlebnisse hält der Junge in einer Comic Novell fest, die bildlich in die Story integriert ist. So verbindet der Film auf interessante Weise Genre-Kino mit Animation und Humor, der nie zu Lasten der Protagonisten geht. Dafür gab es den FIPRESCI-Preis.

 

Kills on Wheels beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) HNFF World

Kills on Wheels beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) HNFF World

 

Auch ein rumänischer Tarantino (vermutlich wegen eines geheimnisvoll abgetrennten Fußes) war für den Spielfilmwettbewerb angekündigt. In Cannes vermochte Câini (Hunde) von Regisseur Bogdan Mirica zumindest noch die Kritikerjury zu begeistern. In Cottbus ging der Streifen über mafiöse Grundstücksgeschäfte in der rumänischen Einöde, die von einem alten, krebskranken Gesetzeshüter verfolgt werden, bis nach etwa 100 Minuten endlich mehrere Leichen im Steppengras liegen, leer aus. Ähnlich wie die unerfüllten Preishoffnungen der beiden georgischen Beiträge, die entweder in Das Haus der Anderen, einem Film über den Krieg in Abchasien von Rusudan Glurjidze, im pathetischen Dauerregen ertranken, oder in Annas Leben von Nino Basilia über ein überambitionierten Drehbuch stolperten, in dem eine alleinerziehende Mutter mit autistischem Sohn für ein Visum in die USA alles nur Erdenklich tut – bis hin zur verzweifelten Kindesentführung. Zumindest vermittelte das neben einer gewissen Spannung auch noch einen durchaus sozialkritischen Hintergrund, während All the Cities of the North vom serbischen Regisseur Dane Komljen mit Architektur-Ruinen nur sehr elegisch postsozialistische Agonie bebilderte.

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Aber nicht nur Komödie, Krimi oder Sozial-Drama – in die Reihe der Beiträge des 26. FilmFestival Cottbus, die sich durch ein geschicktes Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion auszeichneten, fügten sich auch nahtlos sogenannte Biopics ein. Ob nun im Kino oder TV, das Genre ist mehr denn je in Mode. So gab es auch neben dem Spielfilm-Wettbewerb in der Sektion Spektrum einen filmischen Beitrag über die Anarchistin, Sozialrevolutionärin und angeblich Lenin-Attentäterin Fanny Kaplan. Der ukrainische Spielfilm Meine Großmutter Fanny Kaplan von der Regisseurin Olena Demyanenko ist sehr um die Rehabilitierung der fast vergessenen, in Russland verpönten und in alten Propagandafilmen verunglimpften Frau bemüht. Einige fehlende Seiten in den Geheimdienstakten Fanny Kaplans nimmt der Film zum Anlass, ein rührendes Liebesdrama zu erzählen, verbunden mit einer Räuberpistole um den Anarchisten und Kaplan-Geliebten Viktor Garskiy sowie einer Geheimdienstverschwörung, in der die Beziehung der zeitweilig erblindeten Fanny Kaplan zu ihrem Arzt und Lenin-Bruder Dmitri Iljitsch Uljanow eine Rolle spielt. Gestützt wird das Ganze durch Interviews mit einer Enkelin Fanny Kaplans. Allerdings kann und will der Film zwischen Fiktion und Fakten nicht wirklich zur Aufklärung der tatsächlichen Geschehnisse beitragen.

 

The Last Family beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Hubert Komerski

The Last Family beim 26. FilmFestival Cottbus
(c) Hubert Komerski

 

Auf vielen originalen Film- und Tonaufnahmen, die der polnischen Maler Zdzisław Beksiński über drei Jahrzehnte in seiner Warschauer Wohnung aufgenommen hat, basiert dagegen der polnische Wettbewerbsbeitrag The Last Family (Die letzte Familie) von Jan P. Matuszyński. Der Regisseur hat die Unmengen an Archivmaterial durchstöbert und daraus einen bemerkenswerten Spielfilm gemacht, der uns die Familie des Malers (Andrzej Seweryn) und vor allem seines psychisch kranken Sohnes Tomasz, einem bekannten polnischen Radiomoderator der 1980 Jahre, näher bringt. Die Beiden genießen einen gewissen Kultstatus in Polen. Trotz dass der Film kaum auf die politischen Ereignisse und gesellschaftliche Umbrüche im Land eingeht, zeigt er ein eindrucksvolles Lebens-Portrait einer Familie, die sich eine Welt aus Malerei, Film und Musik in ihren eigenen vier Wänden aufbaut. Für die Rolle des Tomasz erhielt Dawid Ogrodnik den Preis für den besten Darsteller.

Ebenfalls in der eigenen Wohnung gedreht ist der ungarische Wettbewerbs-Beitrag It’s not the time of my Life von Regisseur Szabolcs Hajdu. Man verzichtete ganz bewusst auf die Beantragung von Fördermitteln beim ungarischen Staat, um so ganz unabhängig in der Arbeit und Produktion zu sein. Die Kamera übernahmen wechselnd einige Filmstudierende des Regisseurs, der hier sein eigens Theaterstück über zwei gut bürgerliche, mit einander verwandte Familien verfilmt hat. Es wird über Lebensentwürfe, Beziehungsprobleme und Kinderziehung gestritten. Ein starkes Filmportrait einer über soziale und politische Themen entzweiten Gesellschaft. Das war der Wettbewerbs-Jury den Preis für die beste Regie wert. Das unabhängige ungarische Kino ist wieder da.

 

It's not the Time of my Life beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Filmworks-Ltd

It’s not the Time of my Life beim 26. FilmFestival Cottbus 
(c) Filmworks-Ltd

 

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Was nie wirklich weg war, ist das russische Kino, das seit Jahren mit dem „Russkiy Den“ seinen festen Platz im Cottbuser Festivalprogramm einnimmt. Ob nun mit einer Mediensatire über einen angeblichen Mann aus der Zukunft, der die Zeugung des Erlösers der Welt verspricht, einem Omnibusfilm mit verschiedenen Frauenportraits aus dem modernen St. Petersburg (St. Petersburg-Selfie), oder einer Gaunerkomödie (S/W), die auf einer Flucht durch die russische Provinz einen Kaukasier und einen russischen Rechts-Nationalisten zusammenbringt; die filmische Qualität und Beliebtheit der russischen Beiträge ist ungebrochen. So verwundert es auch nicht, dass der russische Regisseur Tverdovskiy nach Klass Korrektsii vor zwei Jahren auch bei seiner zweiten Teilnahme am Cottbuser Wettbewerb den Preis für den besten Film einheimste.

 

Zoologiya beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) New Europe Film Sales

Zoologiya beim 26. FilmFestival Cottbus
(c) New Europe Film Sales

 

In Zoologiya (Zoologie) erzählt Ivan I. Tverdovskiy die Kafka‘sche Gregor-Samsa-Parabel einmal ganz anders. Als die unscheinbare Zoo-Angestellte Natascha eines Tages entdeckt, dass ihr ein Schwanz wächst, lebt sie einerseits in ihrer Liebe zum Röntgenarzt auf, erfährt aber auch gesellschaftliche Ablehnung von Kollegen und in religiösem Aberglauben verhafteten Nachbarn. Für ihre Darstellung der Natascha erhielt Natalia Pavlenkova den Preis für die beste Schauspielerin. Ein Betrag, „der die perfekte Verbindung schafft zwischen hoher künstlerischer Qualität und einem außerordentlichen Feingefühl für menschliche Werte. In einer starken Metapher erzählt uns der Film eine originelle und emotionale Geschichte über Einsamkeit, Liebe, Hoffnung und Lebenswillen in einer Gesellschaft voller Bigotterie, Vorurteile und Gefühllosigkeit gegenüber anderen. Mit viel Humor, Ironie und echtem Gefühl hat uns dieser Film eine andere Perspektive auf Menschlichkeit gezeigt“. Der Jury-Begründung ist da nichts weiter hinzuzufügen.

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26. FilmFestival Cottbus
08. – 13.11.2016
Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/

Zuerst erschienen am 14.11.2016 auf Kultura-Extra.

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Wirklichkeit und Fiktion in einigen Beiträgen des recht vielfältigen Programms auf dem 26. FilmFestival Cottbus

Montag, November 14th, 2016

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26-ffc2016_jahrgangsmotiv_hoch_4c-koffer

Neben zwölf Spielfilmen aus immerhin 18 Koproduktionsländern, die das Rennen um die Gläserne Lubina bestreiten, ist auch in den anderen Sektionen des 26. FilmFestivals Cottbus das Programm und die Themenauswahl der FilmemachereInnen recht vielfältig. Ob Filme nach wahren Begebenheiten, sogenannte Mockumentarys oder rein Dokumentarisches, das Publikum wird gleich zu Beginn des Festivals in mehreren Beiträgen vom Spiel zwischen Wirklichkeit und Fiktion in Bann geschlagen.

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Die bulgarische Regisseurin Iglika Triffonova beschäftigt sich in Der Ankläger, der Verteidiger, der Vater und sein Sohn – nach Investigation (2007), ihrem zweiten Spielfilm im Cottbusser Wettbewerb – wieder mit der wahren Geschichte eines Gerichtsprozesses. Der international breit koproduzierte Streifen handelt von einem Kriegsverbrecherprozesses vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Hier soll ein Zeuge der engagierten Anklägerin gegen einen Kommandeur der Armee der bosnischen Serben aussagen, der wegen der Erschießungen von bosnischen Muslimen in Bratunac in der Nähe von Srebrenica angeklagt ist. Die Identität des jungen Sodaten, der in einer serbischen Garde gedient hatte und in Sarajevo in Haft sitzt, ist aber zweifelhaft. Die ehrgeizige, katholische Anwältin stellt das Gesetz als Korrektiv in der Welt über alles. Sie will den serbischen Offizier, für den Bosnien nur das Land des Hasses ist, unbedingt verurteilt sehen.

 

The Prosecutor the defender the father and his Son beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) East West Filmdistribution GmbH

The Prosecutor the defender the father and his Son beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) East West Filmdistribution GmbH

 

Der Verteidiger findet bei seinen Nachforschungen aber die Eltern des sich als Waise ausgebenden Jungen und holt dessen Vater aus Bosnien nach Den Haag. Das Wiedererkennen der Beiden lässt das fragile Kartenhaus der Anklage vor Gericht zusammenbrechen. In den parallelen Handlungssträngen verfolgt die Regisseurin die Geschichten der Anklägerin, des Verteidigers und die von Vater und Sohn. Die Ansichten von Recht und Gesetz, Lüge, Wahrheit und Gerechtigkeit gehen dabei oft weit auseinander und ihre ganz eigenen Wege als von den Protagonisten vorhergesehen. Während die Freude der unerwarteten Familienzusammenführung bald wieder im Dschungel der Paragrafen verloren zu gehen droht und sich der Verteidiger mehr und mehr zum Anwalt von Sohn und Vater macht, erschwert auch der unüberlegte Deal der Anklägerin die Gerechtigkeit für die Opfer. Die Wahrheitsfindung erweist sich wieder mal als schweres, langwieriges Geschäft.

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Ein System aus Angst und Misstrauen beschreibt der slowenische Regisseur Damian Kozole in seinem Wettbewerbsbeitrag Nightlife. Auch hier geht es nach einer wahren Begebenheit um einen erfolgreichen politischen Anwalt, der eines Nachts nackt und mit blutigen Hundebissen auf der Straße aufgefunden wird. Als auch noch ein großer Dildo bei dem Verletzen gefunden wird und die Polizei im Privatleben des Anwalts zu ermitteln beginnt, befürchtet seine Frau eine politische Intrige und den medialen Rufmord an ihrem Mann. Der Film verfolgt in düsteren, klaustrophoben Bildern im Krankenhaus und auf einer Polizeistation die Bemühungen der Frau, ihren Mann, der im OP mit dem Tode ringt, zu entlasten. Dabei versucht sie sogar den Notarzt zu bestechen, da sie kein Vertrauen in die schlampigen Ermittlungsmethoden der Polizei hat. Kennen wir uns wirklich, und wie kommt es zu solchen Szenarien der Angst in einer Gesellschaft – das sind die brennenden Fragen, die der Film aufwirft. Leider verliert er sich dabei mit seinen langen Kameraeinstellungen auch etwas in der Einsamkeit seiner von der bekannten slowenischen Schauspielerin Pia Zemljič dargestellten Hauptfigur.

 

Nightlife beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Vertigo

Nightlife beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) Vertigo

 

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Eine schräge, fiktive Dokumentation (ein sogenanntes Mockumentary) hat der slowenische Regisseur Žiga Virc mit Houston, wir haben ein Problem! gedreht. Er nutzt dabei eine in Ex-Jugoslawien verbreitete Verschwörungstheorie, Tito hätte das jugoslawische Raumfahrtprogramm in den 1960er Jahren für 2,5 Mrd. US-Dollar Entwicklungshilfe an die USA verkauft. Dafür werden fiktive Zeitzeugen, wie etwa ein ehemaliger, kroatischer Raumfahrt-Ingenieur und seine Tochter, die er damals verlassen musste, sowie ein ehemaliger serbischer Sicherheitschef aufgefahren, um diese steile These glaubhaft darzulegen. Mit jeder Menge filmischem Archivmaterial und der Hilfe von US-amerikanischer Historikern, die die Zeitzeugen zu ehemaligen unterirdischen Bunkern und Ruinen eines Testgeländes führen, entsteht ein politisches Panorama des ehemaligen Jugoslawien, das über die Zeit von 1961 bis in die 1990er Jahre und mehreren Besuchen Titos in Amerika bei US-Präsidenten wie Kennedy, Nixon, Carter und Clinton reicht.

 

Houston, wir haben ein Problem! beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Catdocs

Houston, wir haben ein Problem! beim 26. FilmFestival Cottbus – (c) Catdocs

 

Im klassischen Stil wird mit viel Aufwand eine Verschwörung behauptet, die die Amerikaner zur Destabilisierung Jugoslawiens angezettelt hätten, nachdem sie die Unausgereiftheit der jugoslawischen Weltraumpläne erkennen mussten. Das geht von einem Attentat an Tito in Kennedys Zeit über einen geplatzten Autodeal bis zu den Balkankriegen und der Bombardierung Serbiens durch die NATO. Und Žiga Virc inszeniert das wirklich spannend und witzig. Allerdings nimmt der Regisseur mit diesem gefakten Dokumentarfilm auch die Leichtgläubigkeit der Menschen aufs Korn. Als entlarvenden Sidekick hat er den bekannten slowenischen Philosophen Slavoj Žižek engagiert, der das Ganze in Interviews über Mythenbildung und Manipulationspraktiken spricht. Mit recht einfachen Behauptungen lassen sich so die komplexesten Vorgänge relativ schnell in Zweifel ziehen.

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Kein Fake ist der Dokumentarfilm Transit Havanna, den Daniel Abma als Abschlussfilm für sein Regiestudium an der Filmuniversität Babelsberg vor Ort in Kuba gedreht hat. Das FilmFestival des osteuropäischen Films in Cottbus gönnt sich in diesem Jahr also einen Kuba-Fokus und begründet das mit dem politischen und wirtschaftlichen Wandel, auf dessen Weg sich Kuba seit 1995 befindet und den man durchaus mit der Transition, die viele Länder Ost- und Mitteleuropas nach dem Zusammenbruch des Kommunismus Anfang der 1990er Jahre erlebt haben, vergleichen könne. Der „diskrete Charme des tropischen Sozialismus“ befindet sich als in der Transformation, was bestens zu den ProtagonistInnen des Films passt, deren Geschlecht ein Binnen-I noch nicht ausreichend klärt.

 

Transit Havanna beim 26. FilmFestival Cottbus - (c) Rise and Shine World Sales

Transit Havanna beim 26. FilmFestival Cottbus
(c) Rise and Shine World Sales

 

Daniel Abma, der 2015 für seinen ebenfalls in Cottbus gezeigten Dokumentarfilm Nach Wriezen den Grimme-Preis erhielt, porträtiert in seinem neuen Film drei kubanische Transsexuelle. Die in der LGBT-Community sehr engagierte Malú, die sehr religiöse Odette, die früher Offizier in der kubanischen Armee war, und Juani, den älteste Transsexuellen Kubas, der seit 1970 für seine Rechte kämpft. Alle drei haben sehr mit der fehlenden Toleranz in der zumeist traditionellen oder religiös geprägten kubanischen Gesellschaft zu kämpfen. Ihnen sollen einmal im Jahr ins Land kommende, niederländische Ärzte und ein staatliches Programm, das von der Tochter des jetzigen Staatschefs Raúl Castro, Mariela Castro, und ihrem Nationalen Zentrum für sexuelle Aufklärung (CENESEX) unterstützt wird, helfen. Dabei geht es neben der Aufklärung der Familienangehörigen auch um die Information der kubanischen Bevölkerung, um die Akzeptanz für Trans-Menschen zu fördern.

Natürlich fängt die europäische Filmcrew bei ihrem Dreh auch den normalen, durch Wohnungs- und Geldnot sowie Lebensmittelrationierung geprägten Alltag auf Kuba ein. Einmal fällt mitten in einem Fernsehinterview mit Mariela Castro der Strom aus, und auch der Notstrom-Akku ist leer. In eindrucksvollen Bildern und Interviews werden die Probleme der einfachen Leute in der Stadt und auf dem Land dargestellt. Man hat gelernt sich in der Situation einzurichten, repariert vieles selbst und hofft stets auf Besserung – genau wie auf die jedes Jahr neu anstehende Entscheidung einer Kommission über die geschlechtsumwandelnde Operation. Kuba, ein Land im Wartestand zwischen sozialistischen Parolen und dem fast unaufhaltsam scheinenden Wandel. Der bereits mit mehreren Preisen bedachte Festivalrenner ist letzte Woche in den deutschen Kinos gestartet.

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TRANSIT HAVANA | TRANSIT HAVANNA | TRANSIT HAVANA (Niederlande, Deutschland 2016, 89 min)
Regie: Daniel Abma
Kamera: Johannes Praus
Kinostart in Deutschland: 03.11.2016

Fazit mit Preisen des Spielfilm-Wettbewerbs folgt.

26. FilmFestival Cottbus
08. – 13.11.2016
Infos: http://www.filmfestivalcottbus.de/de/

Zuerst erschienen am 11.11.2016 auf Kultura-Extra.

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Tschick – Fatih Akin hat den Jugendbuch-Bestseller von Wolfgang Herrndorf verfilmt

Mittwoch, September 28th, 2016

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tschick_filmposterDer 2010 erschienene und mittlerweile in 24 Sprachen übersetzte Jugendroman Tschick von Wolfgang Herrndorf hat lange auf eine Verfilmung warten müssen, obwohl der 2013 verstorbene Autor die Filmrechte bereits 2011 verkauft hatte. Zur gleichen Zeit kam die erste Bühnenadaption des Dramaturgen Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden heraus. Es sollten viele weitere folgen. Mittlerweile ist Tschick das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Der posthum veröffentlichte Roman Bilder deiner großen Liebe (Dresden, Potsdam, Zürich) tut es dem Vorgänger nach. Das Theater, das sich gern in der Literatur und beim Film bedient, hat hier klar die Nase vorn. Auch weil Filmfinanzierungen immer etwas länger dauern oder andere Probleme ein Projekt in die Länge ziehen können.

So auch hier. David Wnendt (Kriegerin, Feuchtgebiete, Er ist wieder da), der zuerst als Regisseur vorgesehen war, sprang ab (aus Termingründen, wie es heißt) und Fatih Akin ebenfalls schon länger am Buch interessiert, kam doch noch zum Zug. Es folgten eine Drehbuchüberarbeitung zusammen mit Hark Bohm und die Umbesetzungen der Hauptrollen. Man geriet in Zeitdruck. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für den Erfolg eines so ambitionierten Projekts. Trotz allen Widrigkeiten lässt sich das Ergebnis (seit letzter Woche in den deutschen Kinos) durchaus sehen.

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Fatih Akin hat die Geschichte der beiden 14jährigen Jungen Maik und Tschick, die in einem geklauten Lada quer durch den Süden Brandenburgs unterwegs sind, recht behutsam adaptiert. Es ist kein krachiges Road-Movie geworden, obwohl es schon mit einem großen Knall beginnt und sich dann von Station zu Station wieder zum finalen Anfang hinbewegt. Auch wird neben der leiernden Richard-Clayderman-Kassette im Auto mit dem Gefühlsreißer „Pour Adeline“ noch so manch anderer zeitgemäßer Sound von K.I.Z., den Beginners, Betasteaks oder SEEED eingespielt. Und zu „Willkommen im Dschungel“ von Bilderbuch heizt man mit Begeisterung in Schleifen durchs Maisfeld.

Ein paar Nebenstränge sind gekappt, die Vorgeschichte ist sinnvoll gestrafft, und im letzten Teil der Reise hat Fatih Akin die Story etwas umgeschrieben. Ansonsten streift der Film alle wichtigen Orte. Etwa Maiks Heim mit der dauerbetrunkenen, Tennis spielenden Mutter, die zur Entziehung auf die „Beautyfarm“ fährt und dem Immobilien-Vater, der, bevor er mit seiner jungen Assistentin auf Geschäftsreise geht, dem Sohn noch zweihundert Euro rüberschiebt, nicht ohne den Hinweis, keinen Scheiß zu bauen. Oder die Schule, in der Maik nur der „Psycho“ ist und von der schönen Tatjana nicht bemerkt wird, bis er mit Tschick, dem „Asi“ und Spätaussiedler aus Russland, und einer Beyoncé-Zeichnung mit dem Lada-Niva auf der Geburtstagsparty der Angebeteten auftaucht, nur um diese mit quietschenden Reifen wieder zu verlassen.

 

Tschick - Foto (c) Studiocanal GmbH

TschickFoto (c) Studiocanal GmbH

 

Die beiden Außenseiter werfen Smartphone und Schnapspulle über Bord und machen sich ohne Landkarte auf die Suche nach Tschicks Großvater in der Walachei. Herrndorfs Buch beschreibt hier das unbekümmerte Lebensgefühl, jung zu sein. Eine Bandbreite der Gefühle von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Der Trick Herrndorfs ist, dass Maik und Tschick zwar die Welt der Erwachsenen fliehen, diese aber klug beobachtend immer wieder reflektieren, was Maik als Erzähler auch im Film manchmal tut. Akin hat einiger dieser Passagen fast im Wortlaut übernommen, auch viele tolle Dialoge der Jungen, in denen ein Stichwort das nächste gibt und ganze Reflexionsketten entstehen. So wird ein Blick in den Nachthimmel unter Windrädern und ein Gespräch über den Science-Fiction-Film Starship Troopers zur kleinen Philosophiestunde über die Unendlichkeit.

Herrndorfs Roman ist eine Hommage ans Kino wie den Lesestoff ganzer Jugendgenerationen von Huckleberry Finn über den Steppenwolf bis zum Fänger im Roggen. Mit Goethe und Eichendorfs Entwicklungsromanen ist Herrndorfs Stoff verglichen worden. Superlative, die im Buch nie abheben und immer wieder schön lakonisch geerdet werden. Diesem Sprachstil müssen Fatih Akins Bilder einfach hinterherhinken. Der Film macht das mit zwei außergewöhnlichen Hauptdarstellern wett. Tristan Göbel als Maik und Anand Batbileg als Tschick, die nicht nur vom Äußeren her ihre Rollen bestens ausfüllen. Natürlich kommt auch der schräge Humor Herrndorfs nicht zur kurz. Er spiegelt sich in den zahlreichen skurrilen Nebenfiguren vom „Adel auf dem Radel“ über die Nachtisch-Quiz-Familie auf dem Land bis zu Eltern, Lehrern und Dorfpolizisten, alle hochkarätig besetzt.

Bleibt noch die wichtigste Nebenfigur. Isa von der Müllkippe (Mercedes Müller), der Herrndorf bekanntlich seinen letzten, unvollendeten Roman gewidmet hat. Sie ist das weibliche Pendant der beiden träumenden Jungs. Im Film leider etwas zu strength im Ton. Dass sie auch leisere, verletzliche Seiten hat, klingt in der kurzen Flirtszene mit dem unsicheren Maik an. Ein Charakter, der mehr Raum verdient hätte. Auch das Nilpferd mit dem Feuerlöscher oder der Rentner Horst Fricke, der vom Krieg und der Liebe erzählt, sind gestrichen. Den Fuß verletzt sich Tschick durch einen Splitter des schmalen Holzstegs, über den Maik dann erstmals selbst fahren muss. Dass Herrndorf hier immer wieder das Große im Kleinen spiegelt, schien Fatih Akin wohl etwas zu redundant. Das zieht dem guten Sound trotz geiler Mugge etwas den Stecker. Bleibt ein unterhaltsamer Road-Trip, an dessen Ende Maik gemeinsam mit seiner Mutter den Ballast der Vergangenheit in den Pool werfen kann.

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Tschick
Deutschland, 2016, 93 Minuten
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
Kamera: Rainer Klausmann
Produktion: Marco Mehlitz
Musik: Vince Pope
Schnitt: Andrew Bird
Szenenbild: Jenny Roesler
Kostüme: Anna Wübber
Maske: Kitty Kratschke
Besetzung:
Tristan Göbel: Maik Klingenberg
Anand Batbileg: Andrej „Tschick“ Tschichatschow
Mercedes Müller: Isa Schmidt
Aniya Wendel: Tatjana Cosic
Anja Schneider: Maiks Mutter
Uwe Bohm: Maiks Vater
Udo Samel: Herr Wagenbach
Claudia Geisler: Mutter Risi-Pisi-Familie
Marc Hosemann: Dorfpolizist
Alexander Scheer: Jugendrichter
Friederike Kempter: Anwältin

Infos: http://tschick-film.de/

Zuerst erschienen am 23.09.2016 auf Kultura-Extra.

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Vor der Morgenröte – Ein eindrucksvoller Film von Maria Schrader über den Schriftsteller Stefan Zweig und seine Jahre im amerikanischen Exil

Freitag, Juni 10th, 2016

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Vor der Morgenröte_FilmplakatÜber sechs Jahre hat Maria Schrader an ihrem zweiten Kinofilm Vor der Morgenröte gearbeitet. Damals gab es noch nicht einmal den syrischen Bürgerkrieg – geschweige denn dass man in Europa eine Ahnung davon gehabt hätte, was der IS ist. Und dennoch schlägt dieser Film über den österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig als Flüchtling vor der Nazidiktatur aktuell ein wie eine Bombe.

Der Film betrachtet in lose aneinandergereihten Episoden Zweigs Jahre im Exil auf dem amerikanischen Kontinent von 1936 bis zu seinem Freitod 1942 in Brasilien. „Ein halber Kontinent möchte auf einen anderen flüchten, wenn er könnte.“ sagt der Schriftsteller (Josef Hader) in einer Szene mit seiner ersten Frau Friderike (Barbara Sukowa), die ihn mit zahlreichen Bittgesuchen von Bekannten aus der ehemaligen Heimat für amerikanische Visa konfrontiert. Das ist ein Zwischenspiel in New York. Zweig trifft nach Jahren seine Exfrau und deren Töchter wieder und ist sichtlich erschüttert von deren Schilderungen über die beschwerliche Flucht über die Pyrenäen und die Szenen vor der Abfahrt des Schiffes mit Flüchtlingen, die Visa über ein Liste von Eleanor Roosevelt erhalten hatten, in die USA. Nun zählt man auf ihn. Seine Stimme hat Gewicht.

Einige Jahre zuvor, 1936 – Zweig weilt zum P.E.N.-Kongress in Buenos Aires – , gedenkt der deutsche Schriftsteller und Publizist Emil Ludwig (Charly Hübner) – wie Zweig ein literarischer Biograf von Persönlichkeiten seiner Zeit sowie der Welt- und Kunstgeschichte – in seiner Rede den deutschsprachigen Mitgliedern, die noch auf der Flucht sind und von denen man noch nicht genau wusste, ob sie es geschafft haben. Darunter bekannte Namen wie Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Anna Seghers und Walter Benjamin, dessen Schicksal beispielhaft für jene steht, denen die Flucht aus Europa nicht geglückt ist.

 

Vor der Morgenröte_ © X Verleih 1

Vor der MorgenröteFoto © X Verleih

 

Zweig zeigt sich hier beschämt ob dieser klaren Stellungnahme zu den politischen Vorgängen in Deutschland, zu denen er sich als Pazifist und Künstler nicht berufen fühlt und die er sich zuvor bei einer Pressekonferenz auch nicht entlocken lässt. „Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.“ ist seine Antwort auf das Drängen eines jungen jüdischen Journalisten (André Szymanski). Zweigs Waffe ist sein Werk, wie er betont. Seinen Einfluss, den er als weltweit verlegter Schriftsteller genießt – der Film macht das mit der Anfangsszene eines großen Banketts zu Ehren des Autors in Brasilien klar – will er nicht politisch ausschlachten.

Zweig ist ein Mensch des Ausgleichs. Auch wenn er die Meinungsfreiheit als hohes Gut schätzt und verteidigt, wird er nicht das Wort gegen Deutschland erheben. Und sein Buch über die neue Exil-Heimat Brasilien ist eine Liebeserklärung, die ihm vor allem von linken Kritikern übel genommen wird. Im südamerikanischen Staat sieht Zweig die Utopie eines geeinten Europas verwirklicht, ohne Unterschied von Hautfarbe, Rasse und Religion. Das ist dann angesichts einer Reise in die Region des Zuckerrohranbaus mit seiner zweiten Frau Charlotte (Aenne Schwarz) schon recht fragwürdig. Zumindest deutet der Film die Gegensätze des Bildungsbürgers und der ländlichen, schwarzen Landarbeiterbevölkerung an. Vom heimischen weißen Bürgermeister wird er dann wieder als internationale Persönlichkeit mit schwarzer Blaskapelle und einem schrägen Donauwalzer geehrt.

 

Vor der Morgenröte - Foto © X Verleih

Vor der MorgenröteFoto © X Verleih

 

Zweig bleibt auch im südamerikanischen Exil ein europäischer Intellektueller, liberal eingestellt, aber wenig reflektiert gegenüber den tatsächlichen Verhältnissen. Und das verbindet ihn unter den europäischen Flüchtlingen wohl noch eher mit Thomas Mann als mit Ernst Bloch oder Bertolt Brecht. Natürlich verfolgt Zweig das Geschehen in Deutschland in der im brasilianischen Exil erhältlichen internationalen Presse. Das und die Berichte der deutschen Flüchtlinge deprimieren ihn allerdings zunehmend. „Es gibt keine Opposition gegen den Krieg als solchen, in keinem Land“, ist das tief enttäuschte und melancholisch gefärbte Credo des Humanisten Zweig. Selbst der Blick in die paradiesischen Pflanzenwelt seiner Zuflucht in Petrópolis lässt ihn verzweifeln vor dem Unglück der Anderen. Trotz allem spricht er dem mit seinem Emigrantenschicksal hadernden Berliner Journalisten Ernst Feder (Matthias Brandt) ironisch Mut zu. Man könnte es schlimmer treffen.

„Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht!“ steht in Zweigs Abschiedsbrief, den Ernst Feder am Ende des Films verliest. Der Glaube an ein freies Europa ohne Grenze und Pässe ist Stefan Zweig abhandengekommen. Er hat ihn in eine ferne Zukunft, ein anderes Leben verschoben, dass es auch heute noch gelebt werden will. Die zweigeteilte Kameraeinstellung, der indirekte Spiegelblick auf das Paar auf der einen und die trauernden Freunde im Nebenraum auf der anderen Seite, scheidet klar die Lebenden von den Toten.

Schraders Film ist kein Biopic im üblichen Sinne. In langen, fast meditativen Einstellungen fängt er mehr Stimmungen ein, als dass er über historische Fakten informiert. Es ist der Zwiespalt des Künstlers zwischen politischem Engagement und Dienst am künstlerischen Werk, zwischen Empathie und Hilflosigkeit. Zweig kann zwar in der Fremde weiter publizieren, glaubt aber nicht mehr an die Kraft seiner Worte. Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader verkörpert die innere Zerrissenheit und Depression des Intellektuellen kongenial. Er ist ein Glück für diesen Film. „Hader ist Zweig“, titelte ganz Wien. Josef Hader ist Stefan Zweig und ist es auch wieder nicht, genauso wenig wie Armin Mueller-Stahl je Thomas Mann oder Bruno Ganz Adolf Hitler waren. Und doch wird man beim Namen Stefan Zweig in Zukunft Josef Hader vor Augen haben.

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VOR DER MORGENRÖTE
Stefan Zweig in Amerika (D/F/A, 2016)
Film-Länge: 107 Min.
Regie: Maria Schrader
Buch: Maria Schrader und Jan Schomburg
Kamera: Wolfgang Thaler
Szenenbild: Silke Fischer
Kostümbild: Jürgen Döring
Maskenbild: Monika Fischer-Vorauer, Andreas Meixner
Originalton: Philippe Garnier
Tongestaltung: Kai Tebbel
Mischung: Bruno Tarrière
Musik: Tobias Wagner
Schnitt: Hansjörg Weissbrich, BFS
DIE BESETZUNG:
Stefan Zweig: JOSEF HADER
Friderike Zweig: BARBARA SUKOWA
Lotte Zweig: AENNE SCHWARZ
Ernst Feder: MATTHIAS BRANDT
Emil Ludwig: CHARLY HÜBNER
Joseph Brainin: ANDRÉ SZYMANSKI
In weiteren Rollen: HARVEY FRIEDMAN, OSCAR ORTEGA SÁNCHEZ, IVAN SHVEDOFF,  VINCENT NEMETH, TÓMAS LEMARQUIS, ARTHUR IGUAL, JOÃO CABRAL, JACQUES BONNAFFÉ, BENEDIKT ERLINGSSON, JOÃO DIDELET, NAHUEL PÉREZ BISCAYART, VALERIE PACHNER, SARAH VIKTORIA FRICK, ROBERT FINSTER, STEPHEN SINGER, ABRAHAM BELAGA, IRINA POTAPENKO, MARIA VIEIRA, FRANZISKA TRAUB, RALF HARSTER, ANA PINHEIRO u.a.

Infos: http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/de/

Zuerst erschienen am 09.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Genre- und Experimentalfilme beim 12. Achtung Berlin Filmfestival 2016

Montag, April 25th, 2016

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achtung-berlin-logo-2016Auch zwei vorab schon viel gelobte Genrefilme im Spielfilm-Wettbewerb des 12. achtung berlin-Filmfestivals haben ungewöhnliche Frauenfiguren im Fokus.

Da wäre zunächst der Langspielfilm Der Nachtmahr des Regisseurs und bildenden Künstlers Achim Bornhak (Das wilde Leben), der nun neu unter dem Pseudonym AKIZ firmiert. Ohne Förderung mit nur 80.000 Euro Budget und eigener Produktionsfirma OOO-Films hat er einen kleinen Horrorfilm inszeniert, der sich ähnlich der absurden Groteske Der Bunker von Nikias Chryssos nicht ins übliche Schema pressen lässt. Regisseur AKIZ spielt dabei mit vielerlei kunsthistorischen Anleihen und filmischen Vorbildern, die vom Maler Johann Füssli, von dessen Gemälde Der Nachtmahr sich der Film den Titel leiht, über die Psychoanalyse von Sigmund Freud bis zu Filmregisseuren der Neuzeit wie Steven Spielberg oder David Lynch reichen. Der 1969 geborene AKIZ ist da ganz Kind der 1980er und 90er Jahre, was sich auch in seinem Fabel für Street-Art und Techno-Musik zeigt. Als echter Gimmick ist die Ex-Bassistin der Kult-Band Sonic Youth Kim Gordon als Englischlehrerin besetzt, in deren Unterricht Gedichte des düsteren Romantikers William Blake gelesen werden.

Durchaus zeitgemäß ist aber die eigentliche Story des Films, bei der die 17jährige Tina (Carolyn Genzkow) mit ihren Freundinnen von einer schrillen, wummernden Techno-Party zur nächsten zieht. Der Film arbeitet mit ordentlich Stroboskoplicht und binauralen Beats, die sich stimulierend aufs Hirn legen sollen. Das ist schon echt Hardcore. Es machen Selfies und skurrile Handy-Videos die Runde, Alkohol wird konsumiert und so manch andere Substanz. Das allein wäre schon genug für eine handfeste Psychose. Die wachsende Paranoia der jungen Filmheldin hat aber einen ganz realen Grund, den zunächst nur sie selbst sehen kann und deswegen von den hilflosen Eltern (Julia Jenkins und Arnd Klawitter) zum Psychologen geschickt und von ihrer Clique für verrückt erklärt wird.

 

DER NACHTMAHR - Foto (c) achtung berlin

DER NACHTMAHRFoto (c) achtung berlin

 

Der titelgebende Nachtmahr, der sich in der heimischen Küche und Tinas Kinderzimmer zu schaffen macht, ist ein gnomartiges Wesen zwischen ET und einer Missgeburt in Spiritus aus der Anatomischen Sammlung. AKIZ hat es schon vor der ersten Filmidee modelliert und die Geschichte drum herum nach und nach entworfen. Tina muss nun zum Psychologen (Alexander Scheer), der ihr Tabletten verschreibt und rät die Kreatur in ihren vermeintlichen Albträumen doch einfach anzusprechen oder zu berühren. Der handfeste Beweis der Echtheit zeigt sich dann in Handlungen, die der Nachtmahr vollzieht und die sich wie Selbstverletzungen am Körper Tinas manifestieren.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine geistige, fast symbiotische Beziehung. Regisseur AKIZ verarbeitet im Film eigene Nahtoterfahrungen, Teenagerprobleme wie Liebeskummer, Bulimie oder ungewollte Schwangerschaften genauso wie psychologische Projektionen des Unterbewusstseins. Damit hält er den nach Erklärungen suchenden Zuschauer geschickt in einer dauerhaften Spannung. Echt skurril wird es nochmal, wenn der von der Polizei eingefangene Nachtmahr tatsächlich wie ET im Krankenhaus an Drähten hängt. Neben Horrorfilm und Psychothriller ist Der Nachtmahr aber auch eine ganz klassische Coming-of-Age-Geschichte, in der sich die Protagonistin von ihren Ängsten löst und lernt zu sich selbst und ihrem Körper zu stehen.

Der Film hat auf dem Festival den Preis des Verbands der deutschen Filmkritik (VdFk) erhalten und startet bereits am 26. Mai in den deutschen Kinos.

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DER NACHTMAHR
Regie und Buch: AKIZ
Kamera: Clemens Baumeister, Alex Bloom
Mit: Carolyn Genzkow, Kim Gordon, Julia Jenkins, Arnd Klawitter, Alexander Scheer, Wilson Gonzales Ochsenknecht, Sina Tkotsch, Michael Epp, Lynn Femme, Til Schindler, Uwe Preuss, Hagen Stoll

Infos: http://der-nachtmahr.com/

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Bereits mit einem First Step Award für den Kameramann Johannes Waltermann ging der Diplomfilm After Spring Comes Fall von Daniel Carsenty in den Spielfilmwettbewerb. Nun ist noch der Preis für die Beste Produktion beim achtung berlin-Filmfestival hinzugekommen. Während die Dokumentation Research Refugees Kommentare zur allgemeinen Lage von Flüchtenden in Europa abgibt, behandelt Carsentys Film einen ganz konkreten Fall von Flucht und Verfolgung, bei dem der syrische Bürgerkrieg die vor ihm geflohene Mina (Halima Ilter) in Deutschland wieder einholt. Auch Carsenty begann zunächst einen Dokumentarfilm über einen geflüchteten Syrer in Deutschland zu drehen, der vom syrischen Geheimdienst bedrängt wurde. Um seinen Protagonisten zu schützen, hat sich der Regisseur entschlossen, die recherchierten Fakten zu fiktionalisieren.

 

 © Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

After Spring Comes FallFoto (c) Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF

 

Es beginnt in Damaskus (wofür im Film ein Set in Potsdam-Babelsberg gebaut wurde) mit einer leidenschaftlichen Romanze zwischen Mina und ihrem Geliebten Khaled (Murad Seven), die abrupt durch Schüsse eines Snipers unterbrochen wird. Mina flüchtet nach Berlin und muss Khaled in einem Krankenhaus in Damaskus zurücklassen. Hier lebt sie illegal allein in einem Kreuzberger Apartment. Die Kamera beobachtet sie lange beim Weg zur Arbeit in einer Wäscherei, beim Telefonieren mit dem Geliebten und beim Geldschicken nach Daheim. Mina ist einsam und hat das Gefühl verfolgt zu werden. Die Paranoia ist nicht unbegründet, denn eines Morgens sitzen drei Männer vom syrischen Geheimdienst an ihrem Bett. Sie haben den Weg des Geldes verfolgt.

Mina wird nun mit Drohungen und Foltermethoden zur Mitarbeit für den Geheimdienst in Berlin gezwungen. Sie gibt sich als Journalistin aus und interviewt den syrischen Oppositionellen Mansour (Asad Schwarz), der Professor an der Humboldt-Uni ist und wiederum Beziehungen zu anderen Oppositionellen unterhält. Mina begleite ihn auf Demos und macht Fotos. Ihr Führungsoffizier Abbas (Tamer Yigit) und seine Männer sind zynische Befehlsempfänger, die einfach ihren Job machen, um das marode Assad-Regime am Leben zu halten, an das sie selbst kaum noch glauben. Nicht nur die Schergen, auch die Beamten in der Flüchtlingsaufnahmestelle, in die Mina kurz nach einem Zusammenbruch eingeliefert wird, oder der Schichtleiter der Wäscherei, der sie kurzerhand feuert, überall wo Mina hinkommt, handeln alle mit blankem Zynismus und Gleichgültigkeit.

Daniel Carsenty zeigt ein graues, unwirtliches Berlin, wie man es seit den 1980er Jahren in kleinen, dreckigen Agentenfilmchen wie Der Westen leuchtet! nicht mehr gesehen hat. Der kalte Krieg, der auch autoritäre Systeme wie das syrische geschaffen und gestützt hat, wirkt nun zurück bis in unsere freie Welt, die für die aus den Krisengebieten vor den Restriktionen Geflüchteten wieder zur Falle wird. Der Film schwankt zwischen Agententhriller und persönlichem Martyrium einer Frau, die aus Angst um ihre Liebe handelt und keinen Ausweg aus der Gewaltspirale sieht. Das ist sicher nicht so spektakulär gefilmt wie die gerade im deutschen TV laufende Berlin-Staffel von Homeland, aber ein trauriger Film Noir unserer Tage mit düster-jazzigen Klängen, glaubhaft inszeniert und gut gespielt.

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After Spring Comes Fall (D, 2015), 92 Min.
Regie und Drehbuch: Daniel Carsenty
Kamera: Johannes Waltermann
Mit: Halima Ilter, Tamer Yigit, Asad Schwarz, Murad Seven, Raschid Daniel Sidgi, Marc Philipps

Infos: http://www.filmuniversitaet.de/de/filmeprojekte/filme/detail/kafkanistan/1/0.html

Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Abseits des Spielfilmwettbewerbs in der Sektion „Berlin Highlights“ hatte im kleinen Kino 5 des Filmtheaters am Friedrichshain die kleine filmische Meditation Fideliche ihre Weltpremiere. So nennt zumindest der in Berlin lebende russische Filmregisseur, Theatermacher, Schauspieler und Musiker Alexey Shipenko sein neuestes Werk. Er hat es gemeinsam mit dem Schauspieler Stipe Erceg produziert, der auch eine der Hauptrollen übernahm. Gedreht wurde in Indien und Portugal, was nun nicht gerade Berlin-Bezüge vermuten lässt. Es geht auch eher um ein Gedankenspiel, das sich um den 9. Oktober 1967 dreht und ebenso geschickt im Filmtitel versteckt ist.

 

Fideliche_- Foto (c) Nondual Productions

FidelicheFoto (c) Nondual Productions

 

Vermutlich haben sich Shipenko und Freunde nach Dreharbeiten zu anderen Projekten in Indien bei einem guten Joint gedacht, man müsste mal was zum zufälligen Zusammentreffen des 27. Geburtstags von John Lennon und dem Tag der Exekution Che Guevaras im bolivianischen Urwald machen. John Lennon hielt sich zu dieser Zeit mit Yoko Ono und den Beatles in Indien beim Guru Maharishi Mahesh Yogi auf und schrieb neben der Mediation die Songs zum Weißen Album der Beatles. Wenn man sich so die Bilder von damals ansieht, wirkt der hagere, langhaarige Lennon ein wenig wie die Reinkarnation von Jesus Christus. Später schreibt er mit Yoko Ono Happy Xmas (War ist over).

Nachdem der lateinamerikanische Befreiungskampf nach dem Tod Che Guevaras beendet war, wurde Che zur bekannten Ikone, die ebenso an Jesus erinnert und die Hoffnung auf die Auferstehung der Revolution in sich trägt. Ob das nun genau die Intensionen Shipenkos waren, lässt sich nicht genau aus dem Gezeigten eruieren. Möglich wäre es schon. Zumindest wird auf zwei Ebenen in einer portugiesischen Theatergarderobe in spanischer Sprache viel über die Revolution sinniert und in einem indischen Landhaus über Jesus und das Leben an sich. Dazu treffen in besagtem Theater ein Fidel-Castro-Darsteller (Rui Madeira) und ein Toter in Militäruniform (Carlos Feio) aufeinander. Während Fidel revolutionäre Reden vor leeren Rängen schwingt, wäscht sich Che den Dreck des bolivianischen Dschungels vom Körper und raucht genüsslich eine letzte Zigarre.

Als Reinkarnation in dreifacher Hinsicht dürfte sich die Figur Stipe Ercegs, ein Musiker, der mit japanischer Freundin (Fumie Kimura) und Kind Ferien auf dem indischen Land macht, fühlen. Er schwingt sich aufs Motorrad und fährt – wie Jesus einst in die Wüste -in den indischen Dschungel und macht sich dort seinen eigenen brennenden Dornbusch als Zeichen der Auferstehung. Dazu hören wir noch den Working Class Hero von John Lennon und erfahren von einem lächelnden Rastafari (Pranaji Bindoobaba), dass Ringo Star the King und Paul McCartney the Queen of Clubs ist. Auch Lennon wurde 1980 erschossen und ist zur Pop-Ikone auferstanden. So weit, so gut und in unserer kurzlebigen Zeit der TV-Stars und Sternchen ein paar Gedanken wert. Aber ob sich dafür ein Kinopublikum finden lässt?

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Fideliche
Regie und Buch: Alexey Shipenko
Kamera: Christian Thiem
Mit: Stipe Erceg, Rui Madeira, Fumie Kimura, Carlos Feio, Shion Kimura Jones, Frederico Bustorff, Pranaji Bindoobaba

Infos: http://nondual-productions.org/de/projekte/fideliche/

Fazit Teil 1

Weiter Infos: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Junge Filmemacherinnen und neue Frauenfiguren im Spielfilmwettbewerb des 12. Achtung Berlin Filmfestivals 2016

Sonntag, April 24th, 2016

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achtung berlin_plakatIn sieben von zwölf Filmen des diesjährigen achtung berlin-Spielfilmwettbewerbs stünden Frauen im Mittelpunkt, rühmte sich das Festival zu Beginn. Das Thema „Neue Frauenfiguren“ war den Machern dann sogar ein eigenes Gesprächspanel wert, bei dem die bereits seit einigen Jahren spürbare Hinwendung zu Frauen im Film diskutiert werden sollte. Schaut man aber auf den Anteil von Regisseurinnen im Wettbewerb, sieht die Sache allerdings schon wieder etwas anders aus. Mit Bernadette Knoller, Leonie Krippendorff, Linnea Saasen (in Coworking mit Regie-Kollegen Alex Holdridge), Mia Maariel Meyer und Nicolette Krebitz (mit Wild außer Konkurrenz) waren ganze fünf Filmfrauen im Wettbewerb vertreten. Und so ist zwar eine gehobene Frauenquote feststellbar, ebenso bemerkenswert war aber auch der hohe Anteil von Debüt- und Diplomfilmen.

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Treppe Aufwärts_FilmplakatMia Maariel Meyer hat in ihrem Spielfilmdebut Treppe aufwärts sogar eine reine Männerriege am Start. Taxifahrer Adam (Hanno Kofler) manipuliert nachts Spielautomaten, um die hohen Schulden seines spielsüchtigen und mittlerweile dementen Vaters (Ex-Falkenau-Förster Christian Wolff) abzubezahlen. Eine im wahrsten Sinne des Wortes reine Männerwirtschaft, zu der sich noch Adams 16jähriger Sohn Ben (Matti Schmidt-Schaller) gesellt, der von seiner Mutter ausgerissen ist und einfach beim getrennt lebenden Vater einzieht. Statt wieder in die Schule zu gehen, gerät Ben unter den Einfluss des zwielichtigen Bardo (Patrick Wollf), der ihn zum Geldeintreiben bei säumigen Spielern schickt. Da es Adam wegen seines Geheimnisses nicht gelingt, Ben ein gutes Beispiel für die Zukunft zu geben, droht die Situation bald schon zu eskalieren. Ein ruhig gefilmtes aber dennoch eindrucksvolles und spannendes Generationenportrait, das schon in dieser Woche in die Kinos kommt.

Von Frauen aus drei Generationen erzählt Regisseurin Leonie Krippendorff in Looping. Der Titel ihres Diplomfilms ist durchaus doppeldeutig. Die 19jährige Leila (Jella Haase aus Fack ju Göhte) lebt als Rummelkind zwischen Auto-Scooter und Zuckerwatte und wird durch die heimliche Liebe zu ihrer Freundin Sarah (Luisa-Céline Gaffron) und einer Vergewaltigung psychisch aus der Bahn geworfen. In der Psychiatrie trifft sie auf die 35jährige verheiratete Mutter Frenja (Lana Cooper aus Love Steaks) und die alleinstehende 52jährige Ann (Marie-Lou Sellem), deren Probleme sich in Essstörungen und Beziehungsunfähigkeit äußern. Durch gemeinsame Aktivitäten finden die drei Frauen langsam wieder zu sich. Das ist gut gespielt, einfühlsam und nicht ohne Witz inszeniert. Lana Cooper konnte „durch ihr unaufgeregtes Spiel“ den Preis für die Beste Schauspielerin einheimsen.

 

LOOPING_Foto © Salzgeber & Co. Medien GmbH

LOOPINGFoto © Salzgeber & Co. Medien GmbH

 

Auffallend mental krisengeschüttelt sind auch die Frauenfiguren in den Filmen Lotte von Julius Schultheiß, Luka tanzt leise von Philipp Eichholtz und Ferien von Bernadette Knoller. Wobei in allen drei Filmen nicht so sehr viel Zeit auf das Warum verwendet wird, sondern eher auf die langsame Entwicklung der Figuren.

Lotte (Karin Hanczewski) ist so etwa Anfang/Mitte dreißig, ziemlich flapsig und pflegt einen sehr lockeren Lebensstil mit nächtlichen Unternehmungen, reichlich Alkohol und hin und wieder Drogen. Obwohl es ihr als Krankenschwester nicht an Empathie zu Menschen in Not fehlt, halten ihre privaten Beziehungen meist nicht lang, und sie ist stets auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Nach 15 Jahren begegnen ihr plötzlich zuerst ihr kopfverletzter Ex-Freund (Paul Matzke) aus dem Heimatort und dann im Krankenhaus auch noch die verunfallte Tochter Greta (Zita Aretz), die sie damals beim Weggang nach Berlin zurückgelassen hatte. Greta hängt sich nun an ihre wiedergefundene Mutter, die damit zunächst überhaupt nicht klar kommt und weiter die Coole gibt. So entsteht nach und nach ein doch eher kumpelhafter Umgang, der sich in Discobesuchen und dem Erlernen von Rauchen, Saufen, Rülpsen erschöpft. Das wirkt mitunter merkwürdig, ist aber nur die konsequente Umkehr der gewohnten Geschlechterrollen und was man gemeinhin unter mütterlicher Verantwortung versteht.

 

LOTTE - Foto (c) Martin Neumeyer

Karin Hanczewski als LOTTEFoto (c) Martin Neumeyer

 

Selbst als die Elternzusammenführung erwartungsgemäß genau an diesen gegenseitigen Vorwürfen scheitert, lässt Greta nicht locker und schreckt auch nicht vor einem Wetttrinken zurück, um die Mutter in Richtung Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – von der wie nie Näheres erfahren – zu drängen. Lotte weiß sich zu wehren und wirkt eigentlich nie unsympathisch dabei oder gar wirklich unglücklich. Wobei sie das in ihrer Art natürlich auch gut zu kaschieren weiß. Trotzdem fragt man sich mitunter, warum sie sich so unbedingt ändern sollte. Für die Spielfilmjury war das zumindest der überzeugendste Beitrag im Wettbewerb und den Hauptpreis für den besten Langspielfilm wert. Der zweite Hauptpreis hintereinander für Schauspielerin Karin Hanczewski nach Im Sommer wohnt er unten von Tom Sommerlatte im letzten Jahr, der (wie Lotte) zuvor schon auf der Berlinale lief.

Seinen zweiten Film im Wettbewerb des Festivals hat Philipp Eichholtz mit Luca tanzt leise. War die Sarah (Lilli Meinhard, die hier mal in einer kleinen Nebelrolle vorbeirennt) aus Liebe mich! ziemlich flippig und laut, so ist die Luca der Martina Schöne-Radunski umso leiser und eher melancholisch veranlagt. Das liegt daran, dass Luca eine etwas längere dunkle Phase in ihrem Leben hinter sich hat. Nun macht die 25jährige ihr Abitur nach und will dann ein Praktikum bei der Tierärztin beginnen, zu der sie mit ihrer Hündin Martha geht. Das Kümmern um Martha gibt der jungen Frau Struktur für ihr Leben, das durch den zur Gewalt neigenden Ex-Freund (Sebastian Fräsdorf) immer wieder aus der Bahn gerät. Durch Mutti, die auch noch die Englischlehrerin ist, gegängelt und „Von Oma gefördert“ (die typische Eichholtz-Finanzierung), ringt die junge Frau um ihre Selbstbestimmung. Der Deal mit dem älteren Automechaniker Herrn Pfeiffer (Hans-Heinrich Hardt), durch gemeinsames Lernen die Prüfungen zu schaffen, gerät durch eine erneute Depri-Phase Lucas in Gefahr.

 

Luca tanzt leise - Foto (c) von Oma gefördert

Luca tanzt leiseFoto (c) von Oma gefördert

 

Philipp Eichholtz hat eine weitere kleine Improvisation nach dem „Sehr gute Filme“-Manifest von Axel Ranisch vorgelegt, die eine junge Frau bei der Selbstfindung zeigt. Trotz der sympathisch agierenden Hauptdarstellerin krankt der Film ein wenig an seiner bewusst ausgestellten, fast schon dokumentarischen Schlichtheit. Die plötzliche Dramatik reißt zwar die Protagonistin aus ihrer Lethargie, den Film aber auch etwas aus dem Fluss. Die Probleme lösen sich am Ende etwas zu schnell in Wohlgefallen auf. Das kann nicht wirklich überzeugen.

Als Komödie kommt der Erstling von Bernadette Knoller, Ferien, daher. Die an sich zweifelnde junge Staatsanwältin Vivian (Britta Hamelstein) verlässt Job, Freund (Golo Euler) und neu eingerichtete Wohnung, um sich auf der „Insel der Träume“ Borkum eine Auszeit zu nehmen. Was mit Heul- und Wutattacken wie ein Post-Examens-Burn-Out daherkommt, ist eine veritable Lebenskrise, womit sie auf der Insel nicht ganz alleine ist. Hier hat so ziemlich jeder einen kleinen, sympathischen Sockenschuss. Vivi zieht bei der etwas schrägen, alleinerziehenden Biene (Inga Busch) ein, die sich nach gescheitertem Bastelkurs mal wieder neuerfinden will. Mit deren Sohn Eric (Jerome Hirthammer), der ohne echten Anschluss ist, anleingelassen, muss sich Vivi sofort wieder behaupten. Was sie dann trotz ständiger Bevormundung durch ihren hyperaktiven Vater (Detlev Buck, Vater der Regisseurin) auch relativ relaxt mit einem Job im Kramladen des herrlich verhuschten Otto Mukitz (Ferdinand von Schirach) angeht. Der Film ist gut und witzig in Szene gesetzt und zudem noch bis in die Nebenrollen ausgezeichnet besetzt. Das Berliner Nachwuchstalent Jerome Hirthammer bekam für seine Rolle des 13jährigen Eric den Preis für den Besten Schauspieler zuerkannt.

 

FERIEN - Foto (c) Nicolai Mehring

FERIENFoto (c) Nicolai Mehring

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Weiter Infos: https://achtungberlin.de/programm0/madeinberlinbrandenburg0/spielfilme/

Fortsetzung folgt

Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Research Refugees – Fluchtrecherchen – Ein gelungener aktuell-politischer Beitrag im Dokumentarfilm-Wettbewerb des Achtung Berlin Filmfestivals

Freitag, April 22nd, 2016

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achtung berlin_plakatKaum eine Kunstgattung kommt heute noch an der uns umgebenden Realität vorbei. Die Verarbeitung aktuell-politischer Themen wie Krieg, Flucht und Vertreibung in der bildenden und darstellenden Kunst gewinnt vor allem nach dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien immer mehr an Bedeutung. Vor allem das Genre des Dokumentarfilms eignet sich hier, möglichst schnell und direkt vor Ort auf die Ereignisse zu reagieren. Beweis dafür ist nicht nur der Goldene Bär für die Flüchtlings-Doku Fuocoammare auf der diesjährigen Berlinale. Auch auf anderen Filmfestivals ist der vermehrte Einbruch des realen Weltgeschehens in die Filmkunst zu verzeichnen.

So haben Studierende der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und der Bauhaus Universität Weimar 2015 begonnen, in einem von Michael Klier betreuten Projekt die Flüchtlingsbewegungen in Europa aus verschiedenen Perspektiven filmisch einzufangen. Das Ergebnis hatte am vergangenen Sonntag im Rahmen des Dokumentarfilm-Wettbewerbs beim 12. achtung berlin-Filmfestival im Kino Babylon Weltpremiere. Herausgekommen sind elf filmische Skizzen zusammengefasst in einer 98minütigen Dokumentation mit dem Titel Research Refugees – Fluchtrecherchen.

Es beginnt mit einer essayistischen Betrachtung über den Zufall von Ort und Zeit, bei der die in der Schweiz geborene Regisseurin Thaïs Odermatt ihre eigene Biografie und die Geschichte der Schweiz vom Franzoseneinfall zweihundert Jahre bzw. den Hungersnöten und Auswanderungen ungefähr einhundert Jahre vor ihrer Geburt mit dem Schicksal heutiger Flüchtlingskinder verbindet. Einleuchtendes Fazit: Kriege und Flucht sind kein Zufall, wo und wann man geboren ist schon.

Auch der Film Wegweiser von Laura Laabs verwebt geschickt europäische Geschichte an den Grenzen von Österreich und Deutschland mit der jüdischen Familiengeschichte der Regisseurin. In einer sehr poetischen Sprache und mit entsprechenden Bildern geht es von Braunau, dem Geburtsort Hitlers, über Bayreuth, der Weihestätte für Wagner, bis zu einem Runengrenzstein in Jamel im Norden Deutschlands. Als Beispiel für Flucht und eine gelungene Integration zeigt Laura Laabs die Erlebnisse ihrer jüdischen Verwandten, die aus Breslau fliehen mussten und nach dem Krieg im bayrischen Trostberg in einem Bauerngehöft unterkamen, mit deren Bewohnern ihr altes Geschäft wieder aufgebaut haben. Auch eine Chance für Deutschland heute. Nur will keiner die Flüchtenden haben, die wie die drei Könige aus dem Morgenland in goldene Kältedecken gehüllt, auf ein Zeichen warten.

 

Research Refugees - Fluchtrecherchen - (c) Carlos Vasquez

Research Refugees – Fluchtrecherchen  (c) Carlos Vasquez

 

Der Beitrag Police Woman & Dragon Rider von Duc Ngo Ngoc porträtiert Helfer und Betroffene vor dem LAGeSo in der Berliner Turmstraße, das in der letzten Zeit für etliche Negativschlagzeilen (die Versorgung der Flüchtenden betreffend) gesorgt hat. Die Mutter des 5jährigen Fabian und andere freiwillige Helfer sorgen hier vor Ort für die Verteilung von Kleidung und anderen Sachspenden. Der Film betrachtet das durch die Augen von Fabian und der 12jährigen Jaqueline aus Syrien und hält dabei Träume und Wünsche der Kinder für ihre Zukunft fest.

Fast ohne Sprache kommt der Beitrag Autum Songs von Valérie Anex aus. Der Film zeigt die Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft in der Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule in Berlin-Schöneberg bei ihren täglichen Verrichtungen und dem Singen von Liedern aus ihrer Heimat. Mittlerweile mussten die Geflüchteten wieder aus der Schule ausziehen, da sie für die Eröffnung eines Bildungszentrums umgebaut werden soll. Der Film Kurzaufenthalt von Felix Pauschinger thematisiert das mit Bildern von Protesten vor der Schule und den leeren Räumen danach. Auf ironische Weise legt der Beitrag Meinungsaustausch von Sophia Bösch und Sophie Linnenbaum O-Töne mit deutschen Ängsten, Vorurteilen und Klischees über Fremde den betroffenen Flüchtlingen in den Mund.

 

Research Refugees - Fluchtrecherchen - (c) Janine Paetzold

Research Refugees – Fluchtrecherchen  (c) Janine Paetzold

 

Weitere Beiträge beschäftigen sich auch mit den Fluchtwegen und den Geschehnissen in den europäischen Erstankunftsländern. So etwa Griechenland, wo junge Senegalesen am Strand Souvenirs verkaufen müssen und von ihrer Zukunft in Europa träumen (Nordwärts von Therese Koppe) oder Flüchtende an einem Grenzimbiss und einer Akkuladestation (Regie: Christoph Eder und Jonas Eisenschmidt) gefilmt werden. 0,5 m² von Tobias Wilhelm zeigt das Leben der Angekommenen in einem Flüchtlingsheim für christliche Männer in Deutschland.

Ganz vom Dokumentarischen weg bewegen sich nur zwei der filmischen Beiträge. In Umut schwimmt eine muslimische Frau auf einer Europalette übers Meer und landet erst in einem idyllisch menschenverlassenen Olivenhain, bevor die Reise an einem überfüllten Touristenstrand endet. Der Schlussfilm Veto zeigt ironisch eine Festival-Kommission, die sich über der Auswahl passender Dokumentarfilmbeiträge zur Flüchtlingssituation in die Haare bekommt und dabei sämtliche bekannte Exoten-Klischees durchdekliniert. Eine ratlose Veranstaltung, der es nach dem vorher Gezeigten eigentlich nicht mehr bedarf. Also Licht aus und Spot an für zukünftige Fluchtrecherchen.

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Fluchtrecherchen_FilmposterResearch Refugees – Fluchtrecherchen
Dokumentarfilm (D 2016) 98 Min, OmeU
Regie: Laura Laabs, Duc Ngo Ngoc, Tobias Wilhelm, Natalia Sinelnikova, Sophia Bösch, Sophie Linnenbaum, Christoph Eder, Therese Koppe, Thaïs Odermatt, Felix Pauschinger, Jonas Eisenschmidt, Valérie Anex, Baturay Ertas
Kamera: Omri Aloni, Christoph Eder, Jonas Eisenschmidt, David-Simon Groß, Therese Koppe, Lilian Nix, Felix Pauschinger, Janine Pätzold, David Schittek, Domenik Schuster, Carlos Vasques
Schnitt: Valérie Anex, Christoph Eder, Jonas Eisenschmidt, Emma Gräf, Andrea Herda-Muñoz, Friederike Hohmuth, Therese Koppe, Lena Köhler, Thais Odermatt, Felix Pauschinger, Laura Sabogal Espinel, Tobias Wilhelm, Martin Wunschick
Musik: Franziska Henke

Infos: https://achtungberlin.de

Zuerst erschienen am 20.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Ausbruch mit Wolf – Wild, der neue Film von Nicolette Krebitz mit einer bemerkenswerten Lilith Stangenberg in der Hauptrolle

Montag, April 18th, 2016

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WILD_PlakatDie Schauspielerin und Regisseurin Nicolette Krebitz hat ihren dritten Spielfilm Wild nicht auf der Berlinale sondern beim renommierten Sundance Film Festival für internationale unabhängige Produktionen gezeigt. Der Film hat dort für einiges Aufsehen gesorgt und war nun parallel zum deutschen Kinostart als Gast im Wettbewerb des diesjährigen achtung berlin-Festivals zu sehen.

Wild handelt von der jungen Frau Ania, die sich nach der Begegnung mit einem Wolf aus ihren bisherigen Lebenszwängen befreit und zu einer selbstbestimmten Sexualität findet. In der Hauptrolle ist die bemerkenswert vielseitige Volksbühnenschauspielerin Lilith Stangenberg zu bewundern.

Ania ist die graue IT-Maus in einem äußerlich sterilen PR-Büro in Halle. Ihr Chef Boris (Georg Friedrich) wirft mit Bällen gegen die Bürotrennwand, wenn sie ihm einen Kaffee bringen soll. Die Kamera verfolgt Ania zunächst auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit vorbei an stillgelegten Bahngleisen entlang eines verwilderten Parks in der Betonwüste Halle-Neustadts. Dort lebt sie allein, die Schwester ist zu ihrem Freund gezogen. Über den Flur befindet sich die Wohnung der Großeltern, um die sie sich kümmert, während der Großvater (Hermann Beyer) nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus liegt und schließlich stirbt. Auf einem geselligen Abend mit den Kollegen fühlt sich die stille Frau deplatziert. Einzige Freizeitunternehmung scheint der regelmäßige Gang zum Schießstand.

Das monotone Einerlei ihres Alltags ändert sich, als Ania am Rand des Wäldchens einen Wolf sieht. Man kann es schon im Leuchten ihrer Augen erkennen. Sie beginnt den Wolf zunächst mit einem riesigen Kottelet zu locken. Da er das Stück Fleisch verschmäht, kauft sie zwei lebendige Kaninchen und setzt diese aus. Als auch das fehlschlägt, erwacht in Ania der Jagdinstinkt. Dabei helfen ihr die Affinität zum Schießen und ein altes Buch des Großvaters über die sogenannte Lappjagd, bei der das Wildtier mit an Bäumen aufgefädelten Stofflappen in ein bestimmtes Gebiet getrieben wird.

 

Lilith Stangenberg im Film Wild von Nicolette Krebitz - (c) Heimatfilm

Lilith Stangenberg im Film Wild von Nicolette Krebitz
Foto (c) Heimatfilm

 

Ania vernachlässigt ihren Job und konzentriert sich voll auf die Jagd nach dem Wolf, bei der ihr drei Vietnamesinnen aus einer Lumpenfabrik helfen, in die sie wegen eines Kunden mit ihrem Chef gefahren war. Mit Fackeln und Blasrohr wird der Wolf schließlich gestellt und betäubt. Ania beginnt nun in ihrer Plattenbauwohnung mit dem die absolute Freiheit gewohnten Tier ein gefährliches Annäherungsspiel, das den Wolf in ihrer Fantasie sogar über ein Menstruationsrinnsal zwischen ihre Beine führt und dann beim gemeinsamen Eierfrühstück endet. Erst durch ein Loch in der Wand beobachtet, schlägt sich der Wolf schließlich zu ihr durch und beschnuppert seine Bezwingerin.

Je mehr sie den Wolf domestiziert, umso mehr beginnt auch die junge Frau selbst zu verwildern. Das zeigt sich u.a. im plötzlich aufmüpfigen Verhalten gegenüber ihrem Chef, der davon sichtlich irritiert ist und sich nun ebenfalls zu ihr hingezogen fühlt. Nach wildem Sex auf dem Bürotisch versagt Boris allerdings, da er nicht aus seiner angestammten Rolle findet. Ania hinterlässt ihre Marke auf dem Tisch und zündet das nach künstlichem Bodenbelag riechende Büro einfach an.

Der Ausbruch mit Wolf erst auf die Dächer über Halle-Neustadt und schließlich in die Wildnis eines verlassenen Tagebaus ist konsequenter Abschied aus der einengenden Zivilisation als Sinnbild des alten unfreien Lebens. Die Sehnsüchte und Wünsche dieser Frau lassen sich dabei nur schwerlich durch die Symbolik der Bilder oder gar durch Anleihen an Freud’sche Psychologiemodelle erklären. Das ist auch gut so. In dem sorgfältig fotografierten Film wirkt nichts aufgesetzt oder voyeuristisch. Es ist sogar Platz für eine leicht subtile Komik, die nie die Hauptfigur denunziert und jede Menge Platz für eigene Fantasien und Interpretationsmöglichkeiten lässt.

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WILD (D 2016), 97 Min.
Regie und Drehbuch: Nicolette Krebitz
Kamera: Reinhold Vorschneider
Schnitt: Bettina Böhler
Szenenbild: Sylvester Koziolek
Kostümbild: Tabassom Charaf
Darsteller: Lilith Stangenberg, Georg Friedrich, Silke Bodenbender, Saskia Rosendahl, Kotti Yun, Laurie Young, Pit Bukowski, Nelson und Cossa, Hermann Beyer
Eine Produktion von Heimatfilm in Koproduktion mit WDR, ARTE
Produzentin: Bettina Brokemper
Kinostart: 14. April 2016

Infos unter: http://www.heimatfilm.biz/?portfolio=wild&lang=de

Infos Festival unter: https://achtungberlin.de/

Zuerst erschienen am 16.04.2016 auf Kultura Extra.

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Freischwimmer am Nagel – Der 12. achtung berlin – new berlin film award wurde mit MANN IM SPAGAT – PACE, COWBOY von Timo Jacobs eröffnet

Sonntag, April 17th, 2016

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achtung berlin_plakat

(c) achtung berlin

Wie uns die Kino-Experten seit Jahren weiß machen wollen, steckt der deutsche Film tief in der Krise. Viel Grund zum Jammern, wie noch bei der Berlinale im Februar, haben Hajo Schäfer und Sebastian Brose, die beiden Leiter des achtung berlin-Filmfestivals, dessen 12. Ausgabe am vergangenen Donnerstag im Kino International eröffnet wurde, allerdings nicht. Spielt das Festival auch in einer anderen Liga, so hat es sich doch über die Jahre fest im Kalender der Berliner Filmenthusiasten etabliert. Und nun wird es nach dem letzten Jahr sogar noch etwas internationaler. Viele Filme des reichhaltigen Programms sind von Berliner Filmschaffenden mit verschiedenstem Migrationshintergrund, oder von RegisseurInnen, die gerade neu nach Berlin gezogen sind. Und was man internationalen Großfestivals voraus hat: Sieben der zwölf Filme im Spielfilm-Wettbewerb sind oder handeln von Frauen. Noch bis zum 20. April laufen die rund 80 Spiel-, Dokumentar-, Kurz- und mittellangen Filme in vier Berliner Kinos und den Neuen Kammerspielen in Kleinmachnow.

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Zum Auftakt des Wettbewerbs gab es aber einen echten Jungsfilm von Timo Jacobs zu sehen. Nach Klappe Cowboy! (2012) ist Mann im Spagat – Pace Cowboy, Pace die zweite Arbeit des Schauspielers und Regisseurs über sein Alter-Ego, den pfiffigen Berliner Lebenskünstler und BMX-Radler Cowboy. Entdecker von Timo Jacobs ist Kult-Regisseur Klaus Lemke, der sich bekanntlich seine DarstellerInnen immer direkt von der Straße castet. Mit Kein großes Ding war Lemke 2014 erstmals bei achtung berlinMann im Spagat deutlich anzumerken. Auch Cowboy (Timo Jacobs selbst) sprüht vor verrückter Ideen. Als praktizierender Freischwinger sowie Erfinder und Hersteller des dazu passenden esoterischen Wassers leitet er außerdem noch das Chapter Kreuzberg der „Agentur für Weltatem“.

Doch der Vertrieb des Freischwinger-Wassers stagniert ebenso wie die allgemeine finanzielle Lage Cowboys, der seine kranke Mutter (Dorothea Hagena) anstatt in den mondänen Seniorensitz „Soho Savoy Ritz“ mit Elvis-Hologramm-Show ins Altersheim für Briefmarkensammler und BVG-Mitarbeiter geben muss. Bisher hatte Cowboy sich mit Diensten in der Sado-Maso-Szene über Wasser gehalten, nun will er einen ökologisch nachhaltigen Fahrradkurierdienst gegen das stinkende Pendant des benachbarten Motorockers Tschick McQueen (herrlich finster Clemens Schick) und seiner Partnerin Angel (Hanni Bergesch) etablieren. Worauf diese den bösen Teufel vom Herrmannplatz (wie immer sehr diabolisch: Claude-Oliver Rudolph) aus der Flasche lassen.

 

Mann im Spagat_Foto -® Timo Jacobs Productions

Ein Cowboy für alle Fälle – Timo Jacobs als Mann im Spagat 
Foto (c) Timo Jacobs Productions

 

Außerdem schneit Cowboy noch die schöne Fey (DT-Schauspielerin Natalia Belitski) von der „Agentur für Weltatem“ ins Haus, die sein Unternehmen zwecks finanzieller Zuschüsse evaluieren soll, aber schnell Job mit Gefühl vermengt und gleich bei ihm einzieht. Mit einer Fahrrad-Rallye der schrägen Typen quer durch Berlin will Cowboy punkten und das nötige Personal für den Kurierdienst an den Start bringen. Die große Flucht nach vorn, die zunächst auf dem Berliner Pflaster landet.

Der Berliner Großstadtdschungel war schon immer Filmset, Spielwiese und Rennstrecke für Leute mit Kreativwahn und erhöhtem Hang zur Selbstdarstellung. Auch Timo Jacobs feiert das als Parade der unbeirrten Lebenskünstler und großspurigen Originale. Mann im Spagat ist dabei nicht nur als ironische Persiflage und komödiantische Farce angelegt, sondern auch als ein großes, filmisches Märchen über sympathische Verlierer, die wie Stehaufmännchen jeden Tag immer wieder am Start sind, ob es nun um die Kunst, Liebe oder den großen Weltfrieden geht.

Leider ist das inhaltlich auf Dauer doch etwas dünn und redundant. Zum großen Spaß taugt es allemal, und was das sicher mit viel Herzblut und Engagement entstandene Filmchen halbwegs rettet, ist neben den tollen Kostümen der Einsatz von großen Mimen und Entertainern wie Meret Becker, Rolf Zacher, Friedrich Liechtenstein oder Olli Schulz, die selbst in Nebenrollen, oder als nölender Running Gag noch eine blendende Figur machen.

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MANN IM SPAGAT – PACE, COWBOY, PACE. (D 2016) 90 Min.
Regie: Timo Jacobs
Buch: Federico Avino, Timo Jacobs
Kamera: Dominik Friebel
Ton: Robert Fuhrmann
Szenenbild: Claudia Steinert
Kostüm: Anna Schmidbauer
Produzent: Timo Jacobs Produktion
Darsteller: Timo Jacobs, Clemens Schick, Natalia Belitski, David Scheller, Meret Becker, Hanni Bergesch, Rolf Zacher, Claude Oliver Rudolph, Olli Schulz, Dorothea Hagena, Friedrich Liechtenstein

Infos: http://mannimspagat.de/

Infos Festival unter: https://achtungberlin.de/

Infos Wettbewerb Spielfilm: https://achtungberlin.de/programm0/madeinberlinbrandenburg0/spielfilme/

Zuerst erschienen am 16.04.2016 auf Kultura Extra.

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