Archive for the ‘Philipp Eichholtz’ Category

„Die defekte Katze“, „Jibril“, „Rückenwind von vorn“ und „Feierabendbier“ – Junge Deutsche Filme überzeugen auf der Berlinale 2018

Montag, Februar 26th, 2018

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Ein kleiner Rückblick auf junge deutsche Filme im Panorama und in der Perspektive Deutsches Kino bei der Berlinale 2018.

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Ehe auf Probe – Im Panorama und der Perspektive Deutsches Kino kämpfen junge Paare um Liebe, Glück und Selbstbestimmung

Das Gegenteil von perfekt ist vielleicht defekt. So lautet zumindest der Name der etwas merkwürdig aussehenden Katze von Mina (Pegah Ferydoni), die aus dem Iran stammend eine arrangierte Ehe mit Kian (Hadi Khanjanpour) eingeht, einem jungen Anästhesiearzt aus Deutschland. Wie Mina ist er Iraner, aber hier aufgewachsen und spricht deshalb wohl auch ein etwas merkwürdiges Farsi, wie die junge Frau aus Isfahan bemerkt. Der Name der Katze stellt sich als Übersetzungsfehler heraus, ein Gendefekt. Das lässt sich so wenig reparieren, wie man die Liebe und das perfekte Leben arrangieren kann. Die Frau fürs Leben, das wäre ja wie ein Sechser im Lotto, meint Kian bei einem Dating.

Trotzdem versuchen es die beiden. Keiner wird dazu gezwungen. Sie wählen ganz bewusst den traditionellen iranischen Weg der Eheanbahnung. Es entsteht so eine Art Ehe auf Probe in einer noch nicht fertig eingerichteten Wohnung, in der die Katze ihren Platz in einer Umzugskiste hat, und doch immer wieder unkontrolliert für Chaos sorgt. Umstellung bedeutet auch das neue Leben für die beiden Partner. Die eigentlich recht emanzipierte Mina, die im Iran Elektrotechnik studiert hat, versucht sich in der neunen Umgebung zurecht zu finden, geht zum Sprachkurs, allein ins Schwimmbad oder auch in einen Club zum Tanzen. Mit der Sprache hapert es noch ein wenig, aber Kian unterstützt sie bei den Bewerbungen für einen Job, nur kann er die Alleingänge von Mina nicht verstehen. Dennoch ist er nicht das typische Klischee eines Patriarchen, der seine Frau ans Haus binden will. Sie haben einfach verschiedene Interessen und Vorstellungen vom Leben, die nicht nur von den Eltern beeinflusst sind.

 

Die defekte KatzeFoto © Glory Film / Julian Krubasik

 

Beide geraten in Stress und haben Angst, den Vorstellungen des anderen nicht zu genügen. Als es nach ersten auch sexuellen Annäherungen dann zu unglücklichen Eifersuchtsszenen kommt, da Mina durch einen Arbeitskollegen (Constantin von Jascheroff) von Kian bedrängt wird, schnappt die Klischeefalle doch noch zu und Kian sperrt Mina ein. Das bedeutet das vorzeitige Ende dieses fast geglückten Versuchs, Liebe zu lernen. Erst nach der vorläufigen Trennung entsteht durch die Suche nach der verschwundenen Katze ein gemeinsamer spontaner Moment, der bisher in ihrer vorgeplanten Beziehung fehlte.

Susan Gordanshekan [die Regisseurin von Die defekte Katze], deren Eltern selbst in einer arrangierten Ehe leben, versucht hier Traditionen zu hinterfragen, ohne sie zu vorab zu verurteilen und gönnt dem Paar ein offenes Ende.

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Die defekte Katze (Perspektive Deutsches Kino)
Regie, Buch: Susan Gordanshekan
Kamera: Julian Krubasik
Montage: Frank Müller
Musik: Sebastian Fillenberg
Sound Design: Nico Krebs
Ton: Udo Steinhauser
Production Design: Markus Dicklhuber
Kostüm: Katharina Schmidt
Maske: Sylvia Niehues
Regieassistenz: Olga Müller, Merlin Nadj-Torma
Production Manager: Caroline Fischer
Produzent: Ralf Zimmermann
Co-Produzentinnen: Natalie Lambsdorff, Monika Lobkowicz, Barbara Häbe
Co-Produktion: Bayerischer Rundfunk, München, Arte, Straßburg
Mit:
Pegah Ferydoni (Mina)
Hadi Khanjanpour (Kian)
Henrike von Kuick (Sophie)
Constantin von Jascheroff (Lars)
Arash Marandi (Masoud)
Kianoosh Sadigh (Maryam)
Azar Shahidi (Frau Torabian)
Mahdokht Ansari (Rawi)
Marzieh Alivirdi (Frau Faridani)
Massud Rahnama (Herr Faridani)

Infos: http://www.berlinale.de

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Relativ offen und ungewöhnlich ist auch die Beziehung der dreifachen, alleinerziehenden Mutter Maryam (Susana Abdulmajid) zu Gabriel (Malik Adan), der sechs Jahre im Gefängnis abzusitzen hat. Beide hatten sich kurz zuvor bei der Hochzeit von Maryams Freundin gesehen und begegnen sich erneut im Knast, wo Maryam Sachen für den Cousin ihrer Freundin abgeben soll. Um Liebe auf den ersten Blick und auch eine etwas andere Art von Ehe geht es in Jibril von Henrika Kull, die an der HFF Potsdam Regie studierte. Ihr Abschlussfilm lief in der Sektion Panorama, was an sich schon ein großer Erfolg ist. Kull zeigt hier auch einen recht reifen Erstling, der scheinbar wie selbstverständlich Beziehungsprobleme unter jungen Menschen mit arabischem Migrationshintergrund behandelt.

 

JibrilFoto © Carolina Steinbrecher

 

Miryam hat ihren ersten Mann, einen Patriarchen, verlassen und erzieht ihre Kinder allein. Nur mit der ältesten Tochter gibt es hin und wieder Stress, wegen des Vaters. Die Sehnsucht nach Liebe hat Miryam aber noch nicht aufgegeben, auch wenn sie dem Drängen der Mutter nach einem neuen Mann nicht nachgibt und einen Schüler aus der Sprachschule, wo sie arbeitet, auf Distanz hält. Sie beginnt intuitiv Gabriel (Jibril) öfter im Knast zu besuchen und ermuntert ihn auch etwas für seine Bildung zu tun. Gabriel ist nicht abgeneigt und beginnt zu flirten, obwohl er aus seiner Gruppe beim Gefängnispfarrer weiß, dass Liebesbeziehungen von Häftlingen zu Frauen draußen meistens scheitern.

Dieses Scheitern hängt auch immer in der Luft. Dennoch entwickelt sich eine zunächst noch recht zarte Zuneigung, die durch sehnsuchtsvolle Telefongespräche immer weiter angeheizt wird. Nähe und Distanz wechseln beständig, auch wenn Miryam einen Besuch spontan abbricht und dann wieder im Gegenlicht vor den Gitterstäben des Zauns entlanggeht. Die Kamera ist dabei immer nah dran an den DarstellerInnen und ihren Gesichtern, selbst beim ganz intimen Blick in den Spiegel oder auch beim Masturbieren. Über die vier Jahreszeiten verfolgt der Film fast dokumentarisch in kurzen Alltagsszenen und den Treffen im Knast das Leben der beiden. Miryam versucht die schwebende Situation durch eine Heirat zu verbessern. Die erste Nacht zusammen im Besucherzimmer ist aber von krampfhafter Unsicherheit geprägt. Als Gabriel bei einer Zellendurchsuchung das Handy weggenommen wird, reagiert er zunehmend aggressiv und stößt Miryam ohne Erklärung von sich.

Die Chancen stehen schlecht, und für eine gemeinsame Zukunft scheint die wenige gemeinsame Zeit auch nicht ausreichend. Gefühle und Liebe entwickeln sich hier nicht wie von Miryam erhofft, oder beim ständigen Verfolgen einer romantischen arabischen TV-Soap ersehnt. Dazu scheint Gabriel auch viel zu stolz. Der Film setzt mehr auf atmosphärische Bilder und die Darstellung der unmittelbaren Gefühlswelt des Paars als auf eine stringente Handlung und schlüssige Erklärungen. Ob den beiden noch ein weiterer Jahreszeitenzyklus gegönnt ist, muss dabei letztlich offen bleiben.

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Jibril (Panorama)
Deutschland 2018, 83 Min
Regie, Buch: Henrika Kull
Kamera: Carolina Steinbrecher
Montage: Henrika Kull
Ton: Tarek Soltani, Louis Marioth, Niklas Kammertöns
Mischung: Martin Steyer
Musik: Dascha Dauenhauer
Szenenbild: Theresa Reiwer
Kostüm: Wiebke Lebus
Casting: Henrika Kull
Regieassistenz: Benjamin Cantu
Montageassistenz: Benedikt Strick
Herstellungsleitung: Andrea Wohlfeil
Produktionsleitung: Sophie Lakow
Producerinnen: Henrika Kull, Sophie Lakow, Carolina Steinbrecher
Mit:
Susana Abdulmajid (Maryam)
Malik Adan (Gabriel)
Doua Rahal (Sus)
Emna El-Aouni (Sadah)
Regina Schulte am Hülse (Maggi)
Tobias Müller-Monning (Pfarrer)

Infos: http://www.plutofilm.de/films/jibril/0034

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Rückenwind von vorn und Feierabendbier – Frauen- und Männerselbstfindung auf recht unterschiedliche Art in der Perspektive Deutsches Kino

Relativ deutsch-normal in eingefahrenen Bahnen läuft die Beziehung von Charly (Victoria Schulz) und Marco (Aleksandar Radenković) im neuen Film von Philipp Eichholtz, der in der Sektion Perspektive Deutsches Kino zu sehen war. Rückenwind von vorn bekommt die junge Lehrerin, die sich gerade ihre Karriere aufbauen will und plötzlich mit den Kinderwünschen ihres Partners konfrontiert wird. Charly geht dem Beziehungsstress zunächst aus dem Weg, indem sie ohne es Marco zu sagen, einfach die Pille weiternimmt. Sie vermisst die Spontanität der ersten Jahre und möchte lieber zu ihrer Freundin (Amelie Kiefer) nach Südkorea fahren als mit Marco auf eine größere Wohnung zu sparen. Charly ist hin- und hergerissen zwischen Ausbruchssehnsucht, Job, ihrer kranken Oma Lisbeth (Angelika Waller) und der Familienplanung mit Lebenspartner Marco, der lieber zu Hause vorm Computer sitzt, als mit ihr tanzen zu gehen. Interessenkonflikte sind da vorprogrammiert.

 

Rückenwind von vorn(c) von Oma gefördert / Berlinale

 

Der Schmu mit der Pille fliegt natürlich auf. Und nachdem sich plötzlich auch noch Charly und ihr Kollege Gerry (Ex-Volksbühnenschauspieler Daniel Zillmann) in einer tollen Nebenrolle) etwas näher kommen, zieht Marco aus und heult sich bei seiner Schwester (Karin Hanczewski) aus. Für die verzweifelte Charly ist der nette Gerry allerdings mehr ein Retter in der Not als neuer Liebhaber. Als kulinarischer Reiseleiter entführt er sie und Oma Lisbeth spontan auf Knödel-Tour nach Tschechien.

Die richtige Ausfahrt vom absehbar vorgezeichneten Lebensweg zu finden fällt Charly nicht gerade leicht, auch nachdem sie sich von Marco getrennt hat. In der Eingangssequenz sehen wir sie als Kind mit ihren bereits verstorbenen Eltern an der Ostsee. Zwischen dieser Sicherheit und dem Wunsch auch verrückte Träume zu leben, sich allein der Böe entgegenzustellen, gestaltet Philipp Eichholtz die spannende Ich-Suche einer jungen Frau, die sich nicht in vorgezeichnete Muster drücken lassen will und mit den Erwartungen der anderen um sie herum hadert. Der Film schwankt geschickt zwischen Tragik und Komik und hat ein hervorragendes Ensemble am Start, zu dem auch Martina Schöne-Radunski aus Eichholtz‘ letztem Film Luca tanzt leise in einem Kurzauftritt gehört.

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Rückenwind von vorn (Perspektive Deutsches Kino)
Deutschland 2018, 77 Min
Regie, Buch: Philipp Eichholtz
Kamera: Fee Scherer
Montage: Markus Morkötter, Daniel Stephan
Musik: Tina Pepper
Sound Design: Olga Molchanova Reed
Ton: Max Hachemeister
Kostüm: Alexandra Wasserthal
Maske: Martina Klein
Casting: Philipp Eichholtz
Production Manager: Oliver Jerke
Kameraassistenz: Manuel Ruge
Produzenten: Oliver Jerke, Philipp Eichholtz
Mit:
Victoria Schulz (Charlie)
Aleksandar Radenković (Marco)
Daniel Zillmann (Gerry)
Angelika Waller (Oma Lisbeth)
Karin Hanczewski (Marcos Schwester)
Amelie Kiefer (Charlies Freundin)
Claudius von Stolzmann (Arzt)
Martina Schöne-Radunski (Luca)
Ruth Bickelhaupt (Lucas Oma)

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Um einen Mann mit gescheiterter Beziehung und Sohn, den er nicht sieht, geht es im Spielfilm Feierabendbier von Ben Brummer, ebenfalls in der Sektion Perspektive Deutsches Kino gezeigt. Magnus (Ex-Schaubühnenschauspieler Tilman Strauß) ist Barbesitzer aus Passion und fährt einen Mercedes SEC Baujahr 1981, der für ihn fast schon Fetisch-Charakter besitzt. In seiner Bar, die den titelgebenden Namen „Feierabendbier“ trägt, bedient er all abendlich hinterm Tresen die immer gleiche Stammkundschaft bestehend aus seinem sexbesessenen Kumpel und Autoschrauber Dimi (Johann Jürgens) und dem Hobbyesoteriker Manfred. Comedian Christian Tramitz spielt hier in einer begnadeten Nebenrolle den typischen Kneipenphilosophen in hässlichen Katzenpullis. Dazu stößt noch Patrick (Jonathan Berlin), schwuler Besitzer der Autowerkstadt, in der Dimi arbeitet, ein junger Erbe und Vatersöhnchen vom Dienst. Deren Geschichten hört sich Magnus meist geduldig an, ist aber ansonsten eigentlich ein ziemlich miesepetriger Misanthrop.

 

Feierabendbier (c) GAZE Film / Jakob Wiessner

 

Eines Abends taucht ein ziemlich durchgeknallten Typ (James Newton) in der Bar auf und will Magnus seinen geliebten Oldtimer abkaufen, was der natürlich vehement ablehnt und ihn rauswirft. Als am nächsten Abend der Wagen weg ist, hängt Magnus natürlich ziemlich deprimiert rum, und Kumpel Dimi schlägt im zur Aufheiterung eine nächtliche Tour in einen Swingerclub vor. Dort trifft Markus zufällig den von ihm verdächtigten Unbekannten wieder. Diesmal fliegt er nach einer Schlägerei mit dem Typen raus und sinnt nun die ganze Zeit darüber nach, wie er an den vermeintlichen Dieb seines Autos herankommt. Soweit der Grundplot dieser recht spritzigen Bodykomödie um Markus und Dimi, die sich zumeist in der Münchner Vorstadtnacht mit ihrem abgehalfterten Typenpersonal abspielt.

Da es hier nicht nur nebenbei auch um Frauen geht, spielen selbstverständlich auch ein paar mit. Wir lernen sie zunächst als fesche Anhängsel von Dimi kennen, der in jedem Nachtklub mit Handschlag und Küsschen begrüßt wird, und seine erlesene Auswahl u.a. in Philosophievorlesungen an der Uni trifft. Zunächst ist da Vivian (Julia Dietze), die sich aber bald für den coolen Schweiger Magnus zu interessieren beginnt. Und weil Dimi das unter Freunden nicht so eng sieht, taucht an seiner Seite bald die taffe Tini (Sophia Schober) auf. Im Grunde die etwas moderne Version eines typischen Klaus-Lemke-Films, nur dass die Story hier eben nicht improvisiert sondern ziemlich konstruiert wirkt und es trotz der etwas überraschenden Wendung am Ende auch ist.

Bis dahin liegt es an der wegen Beziehungsproblemen aus New York zurückgekehrten Designkünstlerin Vivian, den Eisblock Magnus aufzutauen. Durch den Verlust des Autos beginnt der sich nun auch wieder mehr für seinen Sohn Sevi (Levi Schäfer) zu interessieren, was seine Ex Svenja (Korinna Krauss) ziemlich verwundert, da er das seit der Trennung nicht getan hatte. Warum, das ist Magnus Geheimnis, über das er nicht sprechen kann. Alles weiter kennt man: Vater streitet mit Mutter, die einen Neuen (Manuel Rubey) hat, um die Besuchszeiten. Das Frauenbild des Regisseurs lässt da schon ein wenig zu wünschen übrig. Wie weit geht Frau für ihren Mann? Und da ist Magnus nicht gerade zimperlich im Einspannen von Vivian und Tini für seine Zwecke. Um an den Namen des Unbekannten heranzukommen, schickt er Vivian mal eben in den Swingerclub, was diese auch bereitwillig tut. Und Tini hat da zum Spaß des Publikums noch ganz andere Sachen drauf. Man kann das natürlich auch als eine spezielle Form der Emanzipation sehen oder des Vorführens von Machoklischees. Aber Regisseur Brummer geht es hier eigentlich vorrangig um die Wandlung seines männlichen Helden, wofür ihm allerdings jeder noch so derbe Witz recht zu sein scheint.

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Feierabendbier (Perspektive Deutsches Kino)
Deutschland 2018, 113 Min
Regie: Ben Brummer
Buch: Ben Brummer, Adrian Mikkat
Kamera: Jakob Wiessner
Montage: Ben Brummer
Musik: Dr. Will
Sound Design: Dr. Will
Ton: Martial Kuchelmeister
Production Design: Verena Kaupert
Kostüm: Marcella Büchler
Maske: Alexandra Batke
Casting: Ben Brummer, Ina Mikkat
Regieassistenz: Aenn-Sophie Siebert
Production Manager: Ina Mikkat
Produzenten: Ina Mikkat, Adrian Mikkat
Mit:
Tilman Strauß (Magnus)
Julia Dietze (Vivian)
Johann Jürgens (Dimi)
Christian Tramitz (Manfred)
Jonathan Berlin (Patrick)
Sophia Schober (Tini)
James Newton (Bene)
Korinna Krauss (Svenja)
Manuel Rubey (Christoph)
Levi Schäfer (Severin)

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 21.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Junge Filmemacherinnen und neue Frauenfiguren im Spielfilmwettbewerb des 12. Achtung Berlin Filmfestivals 2016

Sonntag, April 24th, 2016

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achtung berlin_plakatIn sieben von zwölf Filmen des diesjährigen achtung berlin-Spielfilmwettbewerbs stünden Frauen im Mittelpunkt, rühmte sich das Festival zu Beginn. Das Thema „Neue Frauenfiguren“ war den Machern dann sogar ein eigenes Gesprächspanel wert, bei dem die bereits seit einigen Jahren spürbare Hinwendung zu Frauen im Film diskutiert werden sollte. Schaut man aber auf den Anteil von Regisseurinnen im Wettbewerb, sieht die Sache allerdings schon wieder etwas anders aus. Mit Bernadette Knoller, Leonie Krippendorff, Linnea Saasen (in Coworking mit Regie-Kollegen Alex Holdridge), Mia Maariel Meyer und Nicolette Krebitz (mit Wild außer Konkurrenz) waren ganze fünf Filmfrauen im Wettbewerb vertreten. Und so ist zwar eine gehobene Frauenquote feststellbar, ebenso bemerkenswert war aber auch der hohe Anteil von Debüt- und Diplomfilmen.

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Treppe Aufwärts_FilmplakatMia Maariel Meyer hat in ihrem Spielfilmdebut Treppe aufwärts sogar eine reine Männerriege am Start. Taxifahrer Adam (Hanno Kofler) manipuliert nachts Spielautomaten, um die hohen Schulden seines spielsüchtigen und mittlerweile dementen Vaters (Ex-Falkenau-Förster Christian Wolff) abzubezahlen. Eine im wahrsten Sinne des Wortes reine Männerwirtschaft, zu der sich noch Adams 16jähriger Sohn Ben (Matti Schmidt-Schaller) gesellt, der von seiner Mutter ausgerissen ist und einfach beim getrennt lebenden Vater einzieht. Statt wieder in die Schule zu gehen, gerät Ben unter den Einfluss des zwielichtigen Bardo (Patrick Wollf), der ihn zum Geldeintreiben bei säumigen Spielern schickt. Da es Adam wegen seines Geheimnisses nicht gelingt, Ben ein gutes Beispiel für die Zukunft zu geben, droht die Situation bald schon zu eskalieren. Ein ruhig gefilmtes aber dennoch eindrucksvolles und spannendes Generationenportrait, das schon in dieser Woche in die Kinos kommt.

Von Frauen aus drei Generationen erzählt Regisseurin Leonie Krippendorff in Looping. Der Titel ihres Diplomfilms ist durchaus doppeldeutig. Die 19jährige Leila (Jella Haase aus Fack ju Göhte) lebt als Rummelkind zwischen Auto-Scooter und Zuckerwatte und wird durch die heimliche Liebe zu ihrer Freundin Sarah (Luisa-Céline Gaffron) und einer Vergewaltigung psychisch aus der Bahn geworfen. In der Psychiatrie trifft sie auf die 35jährige verheiratete Mutter Frenja (Lana Cooper aus Love Steaks) und die alleinstehende 52jährige Ann (Marie-Lou Sellem), deren Probleme sich in Essstörungen und Beziehungsunfähigkeit äußern. Durch gemeinsame Aktivitäten finden die drei Frauen langsam wieder zu sich. Das ist gut gespielt, einfühlsam und nicht ohne Witz inszeniert. Lana Cooper konnte „durch ihr unaufgeregtes Spiel“ den Preis für die Beste Schauspielerin einheimsen.

 

LOOPING_Foto © Salzgeber & Co. Medien GmbH

LOOPINGFoto © Salzgeber & Co. Medien GmbH

 

Auffallend mental krisengeschüttelt sind auch die Frauenfiguren in den Filmen Lotte von Julius Schultheiß, Luka tanzt leise von Philipp Eichholtz und Ferien von Bernadette Knoller. Wobei in allen drei Filmen nicht so sehr viel Zeit auf das Warum verwendet wird, sondern eher auf die langsame Entwicklung der Figuren.

Lotte (Karin Hanczewski) ist so etwa Anfang/Mitte dreißig, ziemlich flapsig und pflegt einen sehr lockeren Lebensstil mit nächtlichen Unternehmungen, reichlich Alkohol und hin und wieder Drogen. Obwohl es ihr als Krankenschwester nicht an Empathie zu Menschen in Not fehlt, halten ihre privaten Beziehungen meist nicht lang, und sie ist stets auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Nach 15 Jahren begegnen ihr plötzlich zuerst ihr kopfverletzter Ex-Freund (Paul Matzke) aus dem Heimatort und dann im Krankenhaus auch noch die verunfallte Tochter Greta (Zita Aretz), die sie damals beim Weggang nach Berlin zurückgelassen hatte. Greta hängt sich nun an ihre wiedergefundene Mutter, die damit zunächst überhaupt nicht klar kommt und weiter die Coole gibt. So entsteht nach und nach ein doch eher kumpelhafter Umgang, der sich in Discobesuchen und dem Erlernen von Rauchen, Saufen, Rülpsen erschöpft. Das wirkt mitunter merkwürdig, ist aber nur die konsequente Umkehr der gewohnten Geschlechterrollen und was man gemeinhin unter mütterlicher Verantwortung versteht.

 

LOTTE - Foto (c) Martin Neumeyer

Karin Hanczewski als LOTTEFoto (c) Martin Neumeyer

 

Selbst als die Elternzusammenführung erwartungsgemäß genau an diesen gegenseitigen Vorwürfen scheitert, lässt Greta nicht locker und schreckt auch nicht vor einem Wetttrinken zurück, um die Mutter in Richtung Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – von der wie nie Näheres erfahren – zu drängen. Lotte weiß sich zu wehren und wirkt eigentlich nie unsympathisch dabei oder gar wirklich unglücklich. Wobei sie das in ihrer Art natürlich auch gut zu kaschieren weiß. Trotzdem fragt man sich mitunter, warum sie sich so unbedingt ändern sollte. Für die Spielfilmjury war das zumindest der überzeugendste Beitrag im Wettbewerb und den Hauptpreis für den besten Langspielfilm wert. Der zweite Hauptpreis hintereinander für Schauspielerin Karin Hanczewski nach Im Sommer wohnt er unten von Tom Sommerlatte im letzten Jahr, der (wie Lotte) zuvor schon auf der Berlinale lief.

Seinen zweiten Film im Wettbewerb des Festivals hat Philipp Eichholtz mit Luca tanzt leise. War die Sarah (Lilli Meinhard, die hier mal in einer kleinen Nebelrolle vorbeirennt) aus Liebe mich! ziemlich flippig und laut, so ist die Luca der Martina Schöne-Radunski umso leiser und eher melancholisch veranlagt. Das liegt daran, dass Luca eine etwas längere dunkle Phase in ihrem Leben hinter sich hat. Nun macht die 25jährige ihr Abitur nach und will dann ein Praktikum bei der Tierärztin beginnen, zu der sie mit ihrer Hündin Martha geht. Das Kümmern um Martha gibt der jungen Frau Struktur für ihr Leben, das durch den zur Gewalt neigenden Ex-Freund (Sebastian Fräsdorf) immer wieder aus der Bahn gerät. Durch Mutti, die auch noch die Englischlehrerin ist, gegängelt und „Von Oma gefördert“ (die typische Eichholtz-Finanzierung), ringt die junge Frau um ihre Selbstbestimmung. Der Deal mit dem älteren Automechaniker Herrn Pfeiffer (Hans-Heinrich Hardt), durch gemeinsames Lernen die Prüfungen zu schaffen, gerät durch eine erneute Depri-Phase Lucas in Gefahr.

 

Luca tanzt leise - Foto (c) von Oma gefördert

Luca tanzt leiseFoto (c) von Oma gefördert

 

Philipp Eichholtz hat eine weitere kleine Improvisation nach dem „Sehr gute Filme“-Manifest von Axel Ranisch vorgelegt, die eine junge Frau bei der Selbstfindung zeigt. Trotz der sympathisch agierenden Hauptdarstellerin krankt der Film ein wenig an seiner bewusst ausgestellten, fast schon dokumentarischen Schlichtheit. Die plötzliche Dramatik reißt zwar die Protagonistin aus ihrer Lethargie, den Film aber auch etwas aus dem Fluss. Die Probleme lösen sich am Ende etwas zu schnell in Wohlgefallen auf. Das kann nicht wirklich überzeugen.

Als Komödie kommt der Erstling von Bernadette Knoller, Ferien, daher. Die an sich zweifelnde junge Staatsanwältin Vivian (Britta Hamelstein) verlässt Job, Freund (Golo Euler) und neu eingerichtete Wohnung, um sich auf der „Insel der Träume“ Borkum eine Auszeit zu nehmen. Was mit Heul- und Wutattacken wie ein Post-Examens-Burn-Out daherkommt, ist eine veritable Lebenskrise, womit sie auf der Insel nicht ganz alleine ist. Hier hat so ziemlich jeder einen kleinen, sympathischen Sockenschuss. Vivi zieht bei der etwas schrägen, alleinerziehenden Biene (Inga Busch) ein, die sich nach gescheitertem Bastelkurs mal wieder neuerfinden will. Mit deren Sohn Eric (Jerome Hirthammer), der ohne echten Anschluss ist, anleingelassen, muss sich Vivi sofort wieder behaupten. Was sie dann trotz ständiger Bevormundung durch ihren hyperaktiven Vater (Detlev Buck, Vater der Regisseurin) auch relativ relaxt mit einem Job im Kramladen des herrlich verhuschten Otto Mukitz (Ferdinand von Schirach) angeht. Der Film ist gut und witzig in Szene gesetzt und zudem noch bis in die Nebenrollen ausgezeichnet besetzt. Das Berliner Nachwuchstalent Jerome Hirthammer bekam für seine Rolle des 13jährigen Eric den Preis für den Besten Schauspieler zuerkannt.

 

FERIEN - Foto (c) Nicolai Mehring

FERIENFoto (c) Nicolai Mehring

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Weiter Infos: https://achtungberlin.de/programm0/madeinberlinbrandenburg0/spielfilme/

Fortsetzung folgt

Zuerst erschienen am 22.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Zwischen kaltem Großstadt-Kiez und Sommer auf dem Land – Fazit und Preisträger des 11. Achtung Berlin Filmfestivals 2015

Donnerstag, April 30th, 2015

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AB-LogoDie 11. Ausgabe des Achtung Berlin Filmfestivals 2015 ist Geschichte. Am 21. April vergaben die Jurys im Kino Babylon-Mitte ihre Preise. Und die diesmal mit der Produzentin Nicole Gerhards, der Casterin Suse Marquardt und der Schauspielerin Katharina Marie Schubert (DT) rein weiblich besetzte Wettbewerbsjury verteilte ihre Preise nach dem bewehrten Gießkannenprinzip.

Die Damen entschieden sich beim Preis für den Besten Spielfilm für das sommerliche Feel-Good-Movie Im Sommer wohnt er unten. Regisseur Tom Sommerlatte erhielt dafür  bereits im Februar auf der BERLINALE einen kleinen Preis. Sein Debutspielfilm, der die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ eröffnete, erhielt von der Jury des Dialogue en perspective eine lobende Erwähnung. Familientraditionen und hohe Erwartungshaltungen überschatten darin das Verhältnis zweier recht ungleicher Brüder. Angesiedelt im recht idyllischen Sommerdomizil einer deutschen Bankiersfamilie in Frankreich, entlädt sich diese spannungsgeladene Konfliktsituation in einem schönes Spiel um Balzgehabe, Rivalitäten und Eifersüchteleien rund um den zentralen Austragungsort Haus und Pool. Die Komödie hat durchaus das Potential zum Publikumsrenner – was wie immer bei Achtung Berlin auch sehr wichtig ist – und zeigt nebenbei auf witzige Art, das Geld eben nicht alles ist. Schauspieler Godehard Giese konnte in seiner Rolle als Ekelpaket David auch noch den neu geschaffenen Darstellerpreis absahnen. Als weibliches Gegenstück, allerdings in der Darstellung nicht ganz so fies und ihrer Widerspenstigkeit auch wieder ungemein sympathisch, bekam die junge Lilli Meinhard für ihre Sarah in dem großartigen Improfilm Liebe mich! den Preis für die beste Schauspielerin.

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Lilli Meinhard und Godehard Giese – Foto: St. B.

Im Folgenden nun eine Auswahl aus dem Wettbewerb der Sektion Langspielfilm, bei dem sich wieder fast alle der thematisch recht vielgestaltigen Beiträge in zwei Kategorien einteilen ließen. Entweder haben die Filme einen direkten Bezug zur Metropole Berlin, oder sie zeigen die dort lebenden Großstädter außerhalb ihres gewohnten Umfelds auf dem Land.

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Christian Moris Müller fügt dem obig Gesagten noch eine weitere Möglichkeit hinzu. In seinem Spielfilm Lichtgestalten, der das Festival eröffnete, sperrt der Regisseur den Moloch Berlin konsequent aus dem Setting aus. Den etwas kryptischen Namen „Lichtgestalten“ geben sich das Paar Katharina und Steffen (Theresa Scholze und Max Riemelt), als sie von heute auf morgen beschließen, alle Spuren ihres bisherigen Daseins auszulöschen, um irgendwo anders noch mal neu zu starten. Die beiden Thirtysomethings mit Berufen im Kreativbereich fühlen sich nicht nur ausgebrannt, sie wollen der Eintönigkeit und Vorhersehbarkeit in ihrem Leben und Job entkommen, und deshalb noch mal ganz zurück auf Anfang. Dazu ist es allerdings erforderlich ihren Besitzstand komplett aufzulösen. Die materiellen Dinge, die sie umgeben, und mit denen sie wie verwoben scheinen – die roten Vorhänge im Film sind dafür ein schönes Bild – engen sie ein. Radikale Freiheit verlangt loslassen zu können.

LICHTGESTALTEN© Christian Moris Müller Filmproduktion

Lichtgestalten © Christian Moris Müller Filmproduktion

Ihren Ausbruchsversuch halten Katharina und Steffen mit der Videokamera fest. Ein Tagebuch für die Zurückgebliebenen wie das befreundete Pärchen Robert und Paul (Sebastian Schwarz und Max Woelky) – zur Nachahmung gedacht. Demonstrativ zerlegen die Beiden nun das Mobiliar und die Einrichtungsgegenstände ihrer teuren Loft-Wohnung auf der Kreissäge. Steffen verzichet auf den beruflichen Aufstieg, hebt alles Geld von der Bank ab und verteilt es in Plastiktüten in der Stadt. Doch irgendwann verlangt die anfängliche Radikalität ihren Tribut. Letztendlich entsteht bei der Löschung der eigenen Identität auch eine innere Leere, die das Paar mit nichts Neuem anfüllen kann. Die gemeinsame Liebe scheint nicht zu reichen, um den bedingungslosen Neuanfang zu wagen. Der neue Lebensentwurf nimmt außer in den Köpfen der Beiden kaum Gestalt an. Vor allem Steffen scheint noch zu sehr verhangen in den alten Gewohnheiten.

Lichtgestalten im International_Hauptdarsteller Theresa Scholze und Max Riemelt - Foto: St. B.

Lichtgestalten im International. Hauptdarsteller Theresa Scholze und Max Riemelt – Foto: St. B.

Theresa Scholze und Max Riemelt gelingt es dabei über weite Strecken des Films, die innere Not ihrer Figuren anschaulich zu machen. Allerdings verschenkt in diesem interessanten Gedankenexperiment Regisseur Christian Moris Müller seine Idee immer wieder an filmische Spielereien wie Slowmotion-Einstellungen, Unschärfen, Nahaufnahmen. Überhaupt verliert sich die Kameraführung von Mario Krause, die in den privaten Videoaufnahmen noch sehr rau und direkt ist, in den mit Musik unterlegten Passagen vollends im Künstlichen. Sicher ist der Film dadurch vor allem auch etwas für cineastische Ästheten. Den gedanklich philosophischen Aspekt vermag Müller in den eingestreuten Traumsequenzen, inneren Monolog und Reflektionen seiner Protagonisten kaum näher auszuloten. Der Plot dieses Vier-Wände-Kammerspiels bleibt da leider viel zu vage. Aus einer besenrein leeren Wohnung öffnet sich am Ende der Blick durchs Fenster auf die Stadt Berlin.

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LICHTGESTALTEN
D 2015 | 81 Min
Regie, Buch: Christian Moris Müller
Kamera: Mario Krause
Mit: Theresa Scholze, Max Riemelt, Sebastian Schwarz, Max Woelky

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Liebe mich! (c) Von Oma Gefördert„Sarah ist laut, unangepasst, taktlos, ehrlich und provokant. Sie wirkt unverwundbar, doch der Schein trügt. Sarah ist einsam.“ So Regisseur Philipp Eichholtz über die Protagonistin seines ersten langen Spielfilms Liebe mich! Eine Aufforderung, der man zumindest bei der Schauspielerin Lilli Meinhard kaum widerstehen kann. Ihre Sarah allerdings macht es einem in dieser Hinsicht nicht gerade einfach. Sie kann im wahrsten Sinne des Wortes eine rechte Nervensäge sein. Freund Markus (Davide Brizzi) bezeichnet es dann am Morgen nach einer anstrengenden Liebesnacht, an dem ihm Sahra nebst Frühstück am Bett auch noch eine handfeste Debatte serviert, in etwa so: „Du saugst mich aus.“ Er braucht eine Pause und Zeit für sich, was die impulsive Emotionsgranate Sarah reflexartig mit ihrem MacBook als Frisbeescheibe kontert. Ihr angeknackstes Gefühlsleben und die traurigen Reste des Laptops, die sie von der Straße klaubt, soll nun Computernerd Oliver (Christian Ehrich) wieder kitten.

Der Mann hat die Ruhe weg, und zunächst auch ein offenes Ohr und Herz für die Nöte der angehenden Webdesignerin im Abgabestress. Sahra vermietet kurzerhand ihre Wohnung an koreanische Künstler, um das nötige Kleingeld für die Reparatur der gecrashte Festplatte aufzutreiben und zieht spontan wieder bei ihrem „allerbesten“ Papa Dieter (Achtung-Berlin-Urgestein Peter Trabner) ein. Das der mit seiner schwangeren Freundin Natascha (Eva Bay) gerade auf heile Familie machen will, ist der unkonventionellen Tochter dabei ziemlich schnurz. Doch unter der taffen Schale hat Sarah eine ziemlich verletzliche Seele. Hallo Tiefseetaucher, ist ihr stiller Hilferuf, den aber bei dem ganzen Chaos, das die junge Frau veranstaltet, kaum jemand hören kann.

„Von Oma gefördert“, wie es heißt, und gedreht nach den Kriterien des „Sehr gute Filme“-Manifests von Axel Ranisch (der in einer schönen Nebenrolle als Verteiler von Flyern für Singlepartys im Biene-Willi-Outfit auftritt), ist Liebe mich! einer dieser kleinen, feinen mit nur sechsseitigem Skript auskommenden Lowbudget-Improfilme, für die man das Achtung Berlin Filmfestival liebt. Und mit Lilli Meinhard hat es bereits eine heiße Anwärterin für den neu geschaffenen Darstellerinnenpreis.

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Liebe mich!
Buch und Regie: Philipp Eichholtz
Kamera: Fee Scherer
Mit: Lilli Meinhardt, Christian Ehrich, Peter Trabner, Eva Bay, Axel Ranisch, Davide Brizzi, Maggy Domschke u.a.

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Nicht in Berlin sondern in Frankfurt/M ist der Wettbewerbsbeitrag von Regisseurin Maria Hengge angesiedelt. Dabei könnte der Plot von Sin & Illy Still Alive auch gut an der Spree spielen. Allerdings streifen die Protagonisten des Films nicht etwa durch das feine Bankenviertel der Mainmetropole, sondern durch das Sex- und Drogenmilieu rund um den Frankfurter Hauptbahnhof. Die drogenabhängige Sin (Ceci Chuh) versucht zum wiederholten Mal den Heroinentzug und will deshalb der kalten, grauen Stadt auf eine griechische Insel entfliehen. Das Geld für den Flug treibt die junge Frau durch den Verkauf von Blankorezepten auf, die sie in der Arztpraxis ihres Vaters gestohlen hat.

Sin & Illy © Abadon Production

Sin & Illy – Foto © Abadon Production

Sin trennt sich von ihrem Freund Leon (Ulrich Fastnacht) und holt die bei ihrem Zuhälter Mesuth (Burak Yigit) rausgeflogene Illy (Cosima Ciupek) vom Straßenstrich. Die Freundinnen kommen allerdings nicht allzu weit. Auf der Suche nach Illys Reisepass stranden die Beiden schon auf einem Dauercampingplatz in der Nähe des Frankfurter Flughafens. Im Wohnwagen von Illys alkoholkranker Mutter (Pascale Schiller) offenbart sich all das Elend aus Sucht und Hoffnungslosigkeit.

Maria Hengge zeigt einen realistischen, schonungslosen Blick auf den endlosen Kreislaufs aus Drogen, Alkohol und Beschaffungskriminalität, dem sich Sin mit letzter Kraft entziehen will, was sie allerdings nur schaffen kann, wenn sie konsequent alle Brücken hinter sich abbricht. Die Reise zum Sehnsuchtsort Griechenland endet für die körperlich vollkommen ausgelaugte Sin erst einmal nur wieder in der Entzugsklinik. Eine beeindruckende schauspielerische Leistung der 24jährigen Ceci Chuh, die gerade erst als Hanna in Moritz Krämers Bube Stur auf der BERLINALE zu sehen war. Die bekannte Berliner Theaterschauspielerin Angela Winkler spielt in einer Nebenrolle als Sins Ärztin.

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SIN & ILLY STILL ALIVE
D, AT 2014 | 70 min
Regie, Buch: Maria Hengge
Kamera: Peter Roehsler
Mit: Ceci Chuh, Cosima Ciupek, Ulrich Fastnacht, Angela Winkler, Pascale Schiller, Burak Yigit

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Ins Brandenburgische führt der Spielfilm Nachthelle von Florian Gottschick. Anna (Anna Grisebach) und ihr jüngerer Freund Stefan (Vladimir Burlakov) fahren zum letzten Mal in Annas Heimatdorf in der Lausitz, das kurz vorm Abbaggern für die Braunkohle steht. Dort treffen sie auf Bernd (Benno Fürmann) und seinen Lebensgefährten Marc (Kai Ivo Baulitz). Anna und Bernd kennen sich seit der Schule und hatten auch eine 4 Jahre dauernde Beziehung, was erst nach und nach herauskommt. Und auch ein weiteres, düsteres Geheimnis aus der Vergangenheit um den Suizid eines Mitschülers holt die Protagonisten ein. Der Psychologe Marc holt mit seinen provokanten Fragen das im Unterbewusstsein von Anne verschütte Trauma langsam wieder an die Oberfläche. Dazu kommen allgemeine Eifersüchteleien und Diskussionen Sex, Treue und freie Liebe. Eine schonungslose Trauma-Bewältigung bei viel Rotwein und Liedern aus der Jugend. Das gottverlassene Dorf dient dabei als leere Projektionsfläche für die verlorenen Erinnerungen. Titelgebend schwebt das von Franz Schubert vertont Gedicht „Nachthelle“ des österreichischen Dichters Johann Gabriel Seidl wie eine düster romantische Metapher über dem Ganzen.

Nachthelle - Foto 8c) achtung berlin

Nachthelle – Foto (c) achtung berlin

Regisseur Florian Gottschick hat nach eigener Aussage eine psychotherapeutische Hypnosesitzung bebildern wollen, was ihm im ersten Teil des Films durch die Gespräche der Protagonisten, die vielen Erinnerungsstücke im Haus und Annas geheimnisvolle Träume auch ganz gut gelingt. Allerdings läuft das Experiment irgendwann etwas aus dem Ruder. Nach Siegmund Freuds Theorie trennt sich bei einem Autounfall Annas Ichs vom Trauma-Ich und geistert aus einer anderen Perspektive rückwärts durch den schon bekannten Plot. Das nimmt Anklänge beim Mystery-Genre, wirkt aber auch etwas bemüht. Das Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten nach Freud wird für Annas Doppel-Ich zu einer albtraumhaften aber heilsamen Reise durch die Vergangenheit. In schönen kleinen Nebenrollen sind hier noch Michael Gwisdek und Gudrun Ritter als letzte geheimnisvolle Bewohnerin des bereits wie leergefegten Dorfes zu sehen.

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NACHTHELLE
D 2014 | 83 min
Regie: Florian Gottschick
Buch: Carsten Happe, Florian Gottschick
Kamera: Jakob Seemann
mit: Anna Grisebach, Benno Fürmann, Ivo Baulitz, Vladimir Burlakov, Gudrun Ritter,  Michael Gwisdek

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Politisch sehr engagiert, aber keinesfalls korrekt geht es im Film Nachspielzeit von Andreas Pieper zu. Der alte Sponti-Spruch „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.“, längst auch am rechten Rand zu Hause, und das ebenso allseits beliebte Mannschaftsspiel Fußball bilden hierfür die Klammer. Dazwischen fächert der Regisseur aber noch eine ganze Menge weiterer Themen und Fragen auf, die den jungen, politisch interessierten Berliner Deutsch-Türken Cem (Mehmet Atesci vom Ensemble des Maxim Gorki Theaters) bewegen. In seinem Neuköllner Kiez bekommt er es mit hohen Mieten, der um sich greifenden Gentrifizierung, Ausländerhass, Arbeitslosigkeit und Gewalt zu tun. Wobei die Gewalt- bzw. die Gewaltenfrage wohl am immanentesten ist, dass Cem ihr auf Dauer auch nicht ausweichen kann.

Nachspielzeit - Foto © Lichtblick Media GmbH

NachspielzeitFoto © Lichtblick Media GmbH

Und das beginnt schon auf dem Fußballplatz. Wem also gehört die Stadt? Man wähnt sich dabei fast schon bei lautstark martialisch geführten Revierkämpfen, wenn Cems bunt gemischte Truppe aus dem Süden-Westen gegen die eher deutschstämmige Mannschaft aus dem Nord-Osten Berlins zum normalen Ligaspiel auflaufen. Cem gerät hier mit Roman (Frederick Lau) aus der gegnerischen Mannschaft nicht nur verbal aneinander. Aus dieser Fußballplatzrangelei entwickelt sich schließlich eine handfeste Rivalität, die auch nicht vor Romans Auto Halt macht. Im Gegenzug vergreift sich Roman an Cems Freundin und Kollegin Astrid (Friederike Becht) aus dem Altenheim, in dem Cem ein freiwilliges Jahr absolviert.

Um die beiden Kontrahenten gegeneinander auszuspielen, nutzt der zwielichtige Calli (Aleksandar Teslar), Chef eines Sicherheitsdienstes, der u.a. auch kalte Entmietung für Immobilienbesitzer betreibt, das stetige Aufschaukeln der Gewalt. Da dem arbeitslosen Roman von der Arbeitsagentur die Stütze gekürzt wird, kann er seine Miete nicht mehr zahlen und auch Cem hat Calli schon länger wegen seines heimlichen, nicht vollkommen spaßbetont gewaltfreien Engagements für eine sich im Internet formierende Armada gegen Miethaie auf dem Kieker. Nebenbei interessiert sich Calli noch für das schlechtgehende Lokal von Cems Vater (Vedat Erincin) und drängt sich in das Privatleben der Familie.

Mehmet Atesci und Regisseur Andreas Pieper von Nachspielzeit_Beste Produktion_St. Bock

Nachspielzeit. Hauptdarsteller Mehmet Atesci und Regisseur Andreas Pieper – Foto: St. B.

Beide Jungen, die sich aus unterschiedlichen Motiven und Überzeugungen für ihren heimischen Kiez zur Wehr setzen, geraten so immer mehr unter Druck und ins Abseits. Auf der einen Seite steht das durch klare Regeln definierte Fußballspiel, auf der anderen Gewalt und Anarchie zur Konfliktlösung. „Wer im Kapitalismus nicht kämpft, hat schon verloren“ heißt da das Postulat des alten widerständigen Ost-Sportjournalisten Liebach (Horst Westphal), den Cem im Altenheim betreut. Ein weiterer Knackpunkt ist Romans familiäre Verbindung zum alten Liebach. Das Leben als Kampf. Cem steht schließlich irgendwann zwischen allen Fronten und muss sich entscheiden. Alt-Linke Ansätze (Wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst) stoßen hier auf Resignation und Ohnmacht gegenüber einem mit unfairen Mitteln agierenden, kaum greifbaren System. Regisseur Andreas Pieper webt einen relativ dichten, spannungsgeladenen Plot, der vieles anschneidet aber auch zur Diskussion offen lässt. Dafür gab es von der Spielfilmjury zu Recht den Preis für die beste Produktion.

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NACHSPIELZEIT
D 2014 | 84 Min
Regie, Buch: Andreas Pieper
Kamera: Armin Dierolf
Mit: Mehmet Atesci, Frederick Lau, Friederike Becht, Uwe Preuss, Aleksandar Teslar, Horst Westphal, Jacob Matschenz

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Etwas ratlos lässt einen der Spielfilm Limbo von Anna Sofie Hartmann zurück. Der Erstling der jungen dänischen Regieabsolventin wurde von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) mit produziert und lief bereits 2014 auf dem 62. Festival de San Sebastián und den 48. Hofer Filmtagen. Die recht sparsame Handlung führt in die dänische Kleinstadt Nakskov am Meer, in der in einer großen Raffinerie aus Rüben Zucker hergestellt wird. Die Kamera zeigt immer wieder in langen Fahrten das Fabrikgelände, oder die Erntemaschinen auf dem Feld. Ein eher herbstlich trostloses Bild.

Limbo_© Gourmet Film

LimboFoto © Gourmet Film

Hier geht das Mädchen Sara (Annika Nuka Matthiassen) aufs Gymnasium. Sie wohnt gemeinsam mit ihren Mitschüler*innen im Wohnheim. Ihre neue recht progressive Lehrerin Karen (Sofia Nolsø) behandelt in der Schule Genderfragen und diskutiert dabei auch über männliche und weibliche Geschlechterzuschreibungen im Alltag und in der Kunst. In einem Theaterkurs probt sie mit der Klasse Antigone oder Nora ein Puppenheim. Die etwas schüchterne Sara verliebt sich dabei in ihre Lehrerin. Nachdem sich beide beim Renovieren von Karens Wohnung etwas näher kennengelernt haben, gesteht Sara ihr offen ihre Liebe. Als sie von der ungläubigen Karen abgelehnt wird, zieht sich das Mädchen wohl aus Enttäuschung darüber wieder zurück. Viel mehr erfährt man nicht.

Anna Sofie Hartmann, Regisseurin von Limbo Foto: St. B.

Anna Sofie Hartmann, Regisseurin von Limbo
Foto: St. B.

Außer in den Schulstunden oder bei Kneipenbesuchen der Teenager wird in Anna Sofie Hartmanns Film eher wenig geredet. Persönliche Gespräche sind selten und oberflächlich, was eigentlich im krassen Gegensatz zum direkten Unterrichtsstil der Lehrerin steht. Es herrscht ein kühler, distanzierter Blick von außen auf die Figuren. Atmosphärisch assoziativ wirken dagegen die langen Kamerafahrten in der Natur oder die in einer Einstellung gedrehten Beobachtungen beim Sport. Ein Autounfall lässt die Situation schließlich völlig erstarren. Karen geht nach einigen Szenen des stummen Nachdenkens, schnell wieder zum Alltag über. Der mit fast ausschließlich Laien gedrehte Film wirkt wie eine kommentarlose Dokumentation über das Erwachsenwerden in der Provinz. Inspiration für den düsteren Titel Limbo (auch Limbus oder dt. Vorhölle) könnte das dänische Computergame gleichen Namens sein. Ein Suchspiel, bei dem Vorgeschichte, Handlung und Ausgang relativ ungewiss sind.

Tatsächlich eher ein Film für eingefleischte Cine-Cracks. Limbo erhielt den Preis des Verbandes der Deutschen Filmkritik. Aber auch die Spielfilmjury konnte sich für Anne Sofie Hartmann erwärmen und vergab an die Regisseurin eine lobende Erwähnung.

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LIMBO
D, DK 2014 | 80 Min | OmdU
Regie, Buch: Anna Sofie Hartmann
Kamera: Matilda Mester
Mit: Annika Nuka Matthiassen, Sofia Nolsø, Laura Gustavsen, Sarai Randzorff

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Die internationalen Berlin-Globetrotter kamen dann fast zum Schluss noch auf ihre Kosten. Mit Lost in the Living vom irischen Regisseur Robert Manson stand wieder mal ein rein in englischer Sprache gedrehter Berlinfilm im Achtung-Berlin-Programm. Und das sogar noch als einzige richtige Weltpremiere des Wettbewerbs. Es ist eine filmische Hommage an die Szenestadt Berlin, die jeden Tag tausende jugendlicher Traveller aus aller Welt anzieht, nachts in ihre heißen Clubs aufsaugt und am nächsten Morgen kalt wieder ausspuckt. Und so kommt der junge Dubliner Musiker Oisín (Tadgh Murphy) trotz sommerlichen Temperaturen auch im wärmenden Parka nach Berlin, um mit seiner Band hier ein paar Gigs zu spielen. Da das irgendwie schief läuft, findet sich Oisín plötzlich allein in der nächtlichen Berliner Clubszene wieder und wird schließlich von Sabine (Almanya – Willkommen in Deutschland-Star Aylin Tezel) aufgegabelt und abgeschleppt.

Lost in the Living © Ballyrogan Films

Lost in the LivingFoto © Ballyrogan Films

Mit sich rum schleppt der herrlich stoffelige Oisín allerdings auch einiges an familiären Ballast, den er bei ein paar durchzechten Partynächten eigentlich abstreifen wollte. Mit Sabine scheint ihm das zunächst auch ganz gut zu gelingen. Die beiden finden schließlich aneinander Gefallen und verabreden sich immer wieder lose in den Parks oder Cafés der Stadt, ziehen durch Clubs und Wohnungen, und es dauert auch ein wenig, bis es dann endlich richtig funkt. Sogar einen kleinen Trip zu Sabines Mutter (Adelheid Kleineidam) ins Berliner Umland machen die beiden, bis Sabine sich unter Tränen wieder von Oisín trennt. Selbst dabei schaut man dem flüchtigen Paar noch gerne zu, bevor der enttäuschte Oisín zur finalen nächtlichen Sauftour mit Liquid-Ecstasy-Absturz im Golden Gate aufbricht. Robert Manson gelingt eine ganz eigene Sicht auf die Szenestadt Berlin auch fernab ihrer coolen Party-Locations, sowie ein schönes Portrait eines jungen Paars mit dem vielleicht sympathischsten Silberblick der Filmgeschichte. Dafür vergab die Wettbewerbsjury dann auch den Preis für die beste Regie.

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LOST IN THE LIVING
IRL 2015 | 77 min
Regie, Buch: Robert Manson
Kamera: Narayan Van Maele
Mit: Aylin Tezel, Tadgh Murphy, Ian Mc Farlane, Roy Duffy, Ruan van Vliet, Stefan Richter, Jamila Saab, Adelheid Kleineidam

Tom Sommerlatte und Team Im Sommer... mit der Jury_St. Bock

Siegerbild mit Jury. Tom Sommerlatte und das Team von
Im Sommer wohnt er untenFoto: St. B.

Alle weiteren Preisträger und Infos auf: http://achtungberlin.de/home/

Die Filmkritiken sind zuerst erschienen am 20.04. und am 24.04.2015 auf Kultura Extra.

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