Archive for the ‘Volker Schlöndorff’ Category

Biopics, Dokus und Literaturadaptionen im Wettbewerb der Berlinale 2017

Dienstag, Februar 28th, 2017

___

Die 67. BERLINALE wartete im diesjährigen Wettbewerb mit einigen Biopics, Dokumentationen und Literaturadaptionen auf, die große Künstler zum Thema haben. Portraits von Django Reinhardt, Alberto Giacometti, Josef Beuys und Max Frisch – wiederum alles Männer – bis auf Django Reinhardt meist in ihren späten Jahren und mithin nun auch schon etwas länger ziemlich tot. Ihrer Kunst und Berühmtheit tut das keinen Abbruch, über die Qualität der Filme lässt sich aber wie immer streiten…

*

Django von Etienne Comar im Wettbewerb

Ein besonders männliches Exemplar ist der berühmte Jazzgitarrist Django Reinhardt, den uns der französische Produzent Etienne Comar in seinem ersten Spielfilm als Regisseur vorstellt. Django eröffnete die Berlinale und gab damit auch gleich so etwas wie eine programmatische Richtung vor. Politische Anliegen, Vergangenheitsbewältigung, Künstlerkino und emotionale Geschichten. All das lässt sich mühelos mit der Person von Django Reinhardt erzählen.

Comars Film spielt 1943 in der Zeit der deutschen Besatzung von Paris. Dass Reinhardt nicht nur in Frankreich berühmt und sogar von den Deutschen heiß umworben war, sondern auch ein Angehöriger der Sinti-Minderheit, die in ständiger Gefahr der Verfolgung durch die Nazis lebte, wird uns gleich zu Beginn vor Augen geführt. In den Ardennen löscht ein deutsches Kommando eine ganze Sinti-Familie beim Campieren und Muszieren aus. Davon noch unbehelligt steht Reinhard zur gleichen Zeit in Paris an der Seine, fängt Fische, raucht und betrinkt sich genüsslich, während im Theater die Pariser Gesellschaft auf seinen Auftritt wartet. Sie werden dennoch nicht enttäuscht.

 

DjangoFoto © Roger Arpajou

 

Der begnadete Musiker, eigenwillige Künstler und allseits geliebte Macho mit Moustache hält Hitler für einen schreienden Clown mit schlechtem Schnurrbart. Mit den deutschen Benimmregeln für einen Konzertertrag über eine Deutschland-Tournee wischt sich Reinhardt beim Essen den Mund ab. Keine unarischen Instrumente wie Kuhglocken, langsamer spielen, keinen Blues und nur 5% Synkopen, diese Forderungen sind für den Musiker nur ein schlechter Witz. Dass den Nazis nicht zum Scherzen ist, geht ihm erstmals beim Arzt auf, der seine durch einen Brand verkrüppelte Hand für ein Zeichen der Degeneration hält. Der Lebemensch Reinhardt wird nun nach und nach immer mehr durch verschiedene politische Interessen vereinnahmt, was ihn zunächst aber noch ziemlich kalt lässt.

Verkörpert wird dieser Django Reinhardt durch den Schauspieler Reda Kateb, der gerade erst in dem spätsommerlichen Konversationsfilm Die schönen Tage von Aranjuez, den Wim Wender nach dem gleichnamigen Theaterstück seines Freundes Peter Handke drehte, zu sehen war. In Django ist es bereits sehr herbstlich und düster. In Paris fallen Bomben und dem sonst eher lebenslustigen und gegenüber politischen Dingen recht gleichgültigen Reinhardt wird es langsam ungemütlich. Er will sich im Kino wegträumen. Seine geheimnisvolle niederländische Geliebte Louise (Cécile de France) rät ihm mit seiner schwangeren Frau und der Mutter in die Schweiz zu fliehen. An der Schweizer Grenze muss Reinhardt nun sehr lange auf die Gelegenheit der Flucht mit einem Schlepper warten.

Hier trifft der Musiker auch Mitglieder seiner Sinti-Familie, die am See lagern, und verdient sich mit ihnen das Geld für die Unterkunft und den Schlepper bei Konzerten in der Dorfkneipe. Comars Film zeigt Reinhardt nun als einen immer ängstlicher werdenden, fast gebrochenen Mann, der von den Nazis gedemütigt und zum Aufritt bei einem Fest gezwungen wird. Was Sie ihm nicht nehmen können, ist sein Stolz. Und wie zum Trotz setzt sich Reinhardt über die Regeln der Deutschen hinweg und spielt die Tanzgesellschaft mit seinem Gypsy-Swing geradezu in einen Höllenrausch, während ein verwundeter englischer Flieger von der Résistance über den See gerudert wird.

Comar will uns hier natürlich auch die Macht der Musik demonstrieren und die Angst der Nazis vor ihrem rhythmischen Sog. Die eigene Flucht über die tief verschneiten Berge gelingt nicht. In dramatischen Bildern will der Film nun nachholen, was er zunächst in seinen etwas dahinplätschernden Pariser Szenen wohl versäumt hat. Der Zuschauer wird nie richtig warm mit der Figur des Django, auch wenn Comar noch die Geschichte der von Reinhard komponierten und hochemotionalen Gypsy-Messe für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma mit einflicht. Als Mensch bleibt einem Django Reinhardt doch fremd und als großer Held taugt dieser Mann eh nicht. Django zeigt die innere Zerrissenheit eines Künstlers in schwierigen Zeiten aber dennoch recht gut.

***

Django
von Etienne Comar
FRA 2017
Wettbewerb
Kinostart: 27. Juni 2017

*

Return to Montauk von Volker Schlöndorff im Wettbewerb

Streiten lässt sich über den von der autobiografischen Novelle Montauk des Schweizer Schriftstellers Max Frisch inspirierten Spielfilm Return to Montauk. Volker Schlöndorff, der bereits 1991 mit Homo Faber ein Werk von Max Frisch verfilmte, spinnt hier die Geschichte des Schriftstellers Max Frisch, der in den 1970er Jahren auf einer Lesereise in die USA in New York eine junge Frau kennenlernt und mit ihr ein Wochenende in Montauk, einem Küstenstädtchen an der Spitze Long Islands, verbringt, einfach fiktiv weiter. Dazu verlegt er den Plot in die heutige Zeit. Max (Stellan Skarsgård), Anfang 60, heißt hier mit Nachnamen Zorn, stammt aus Berlin und kommt nach Jahren zur Vorstellung seines neuen Romans wieder nach New York. Hier lebt auch seine Frau Clara (Susanne Wolff), die für seinen amerikanischen Verlag arbeitet. Das Buch The Hunter And The Hunted trägt ebenfalls autobiografische Züge und handelt u.a. von der Beziehung zu seinem Vater und von einer verlorenen Liebe zu einer Frau. Bei einem zufälligen Treffen mit seinem Jugendfreund und Mentor, dem Kunstsammler Walter (Niels Arestrup als geheimnisvoller W. aus Frischs Montauk), erfährt Max, dass seine alte Liebe Rebecca (Nina Hoss) als erfolgreiche Anwältin immer noch in New York lebt.

 

Return to MontaukFoto © Franziska Strauss

 

Wie bei Max Frisch geht es auch bei Volker Schlöndorff und seinem irischen Drehbuchautoren Colm Tóibín um verpasste Chancen im Leben, um das Bereuen von etwas, das man getan oder auch das man versäumt hat zu tun. Und natürlich um Frauen, die dabei noch mal davon und die nicht darüber hinweg gekommen sind. Als letztere stellt sich auch die zunächst noch recht kühl und abweisend auftretende Rebecca heraus, der Schlöndorff auch noch eine verdrängte DDR-Biografie andichtet. Erst nachdem Max hartnäckig auf einem Treffen besteht, lädt sie ihn zu einer als Hausbesichtigung getarnten Fahrt nach Montauk an den Ort ihrer früheren Liebe ein.

Nun wirkt dieser gealterte Schriftsteller, der in seinem Tweed-Jackett, wie sein amerikanischer Verleger ironisch anmerkt, wie ein europäischer Antiquitätenhändler aussieht und sich in den New Yorker Nightclubs, in die ihn seine jüngere Frau Clara schleppt, sichtlich unwohl fühlt, nicht gerade wie ein unwiderstehlichen Frauenschwarm. Auch die phrasenhaften Antworten des links-intellektuellen Alt-Achtundsechzigers auf Fragen von amerikanischen Journalisten nach dem Zustand der europäischen Kultur entsprechen nur einem inneren Wunsch nach Wandlungsfähigkeit. Im Grunde ist Max doch eher der unflexible Baum, der seinen Erinnerungen nachhängt und diese verklärt. Mit der von Frisch angestrebten „maximalen Aufrichtigkeit gegenüber sich selbst“ ist es da nicht weit her. Die flippige Verlagsassistentin Lindsey (Isi Laborde) muss Max erst ein etwas moderneres Outfit verpassen. Für ihn wegen seines Ausflugs zu lügen, fällt ihr allerdings schon etwas schwerer.

Bis hierhin sind die Charaktere ganz gut gezeichnet. Nur verläuft dann jene Fahrt in die Vergangenheit im sprichwörtlichen Sand der Dünen, in dem Auto und klischeehafter Plot schließlich stecken bleiben. Mit den sehr persönlichen Reflexionen von Max Frisch hat dieser Film wenig zu tun. „Du träumst mich.“ erwidert die spröde Rebecca als Max ihr vorschlägt, mit ihm ein neues Leben zu beginnen, und returniert weiter mit einer langen Beichte über ihr eigenes Liebesglück und -leid. Allein, das macht die Altherrenfantasien des Helden und seines Regisseurs nicht unbedingt erträglicher. Fragen nach Wahrhaftigkeit, Schicksal, Lebenslügen und Selbstbetrug werden hier im Stile einer Vorabendserie für gehobene Intellektuelle abgehandelt. Vielleicht wollte Volker Schlöndorff Max Frisch im Nachhinein auch nur ein Schnippchen schlagen. Wenn sie ihn damals auch einen Lügner nannte, hat Frisch seine echte Lynn aus Montauk Jahre später doch rumgekriegt. Besonders bitter aber ist es, dass Schlöndorff seinen Film auch noch Max Fritsch gewidmet hat. Ein glatter Fall von Selbstüberschätzung.

***

Return to Montauk
von Volker Schlöndorff
Deutschland / Frankreich / Irland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 11. Mai 2017

*

Beuys von Andres Veiel im Wettbewerb

Streitbar ist sicher auch der deutsche Künstler Joseph Beuys, dessen Leben und Werk der Dokumentar- und Spielfilmregisseur Andres Veiel in seinem zweiten Wettbewerbsbeitrag auf der BERLINALE ein fast vollständig aus Archivmaterial geschnittenes filmisches Portrait widmet. In Beuys ist Andres Veiel nicht nur dem Künstler und Menschen auf der Spur, sondern v.a. dem Phänomen, dass die zeitgenössische Kunst einmal das Potential zur Veränderung der Gesellschaft in sich trug. Zumindest war Beuys davon überzeugt, mit der Ahnung dessen, was Menschen an der Kunst interessiert, mit dem Stellen der richtigen Fragen und gezielter Provokation ein Bewusstsein für Veränderungen zu schaffen. Dazu prägte Beuys die Definition des „Erweiterten Kunstbegriffs“ und die der „Sozialen Plastik“. Kreatives Handeln zur Strukturierung und Formung der Gesellschaft.

Man muss allerdings keine Angst haben, hier ginge es vorrangig um sozialwissenschaftliche Theorien oder die genaue Einordung Joseph Beuys in die allgemeine Kunstgeschichte. Veiel interessiert Beuys in erster Linie als politisch denkender Künstler. Es geht um den gesellschaftspolitischen Diskurs, den Beuys ab den 1960er Jahren durch verschiedene Kunstaktionen verstärkt in die Öffentlichkeit trug. Für Beuys ist jeder Mensch ein Künstler und könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen. Die Kunst dient dabei zur Bewusstmachung dieses Prozesses. Kunst sei „Nährsubstanz“, erklärt Beuys 1970 in der legendären Podiumsdiskussion „Provokation – Lebenselement der Gesellschaft“ mit Max Bill, Arnold Gehlen und Max Ben, aus der Veiel u.a. auch das schöne Statement hat, dass der Künstler bei einer Revolution natürlich auch auf seine Kosten kommen wolle. Der lachende Beuys ist die Entdeckung Veiels – aber auch der charismatische Selbstdarsteller, der 1965 in einer Galerie in Düsseldorf mit Blattgold im Haar einem toten Hasen die Bilder erklärt.

Veiel geht die wichtigsten Stationen des künstlerischen und politischen Schaffens von Beuys ab. Fettecke, Honigpumpe, The Pack, ein Rudel aus 24 Schlitten mit Filzrollen, oder die 7000 Eichen auf der Documenta 7 1982 in Kassel – eine urbane und ökologische Kunstaktion, auf die Veiel in seinem Film immer wieder zurückkommt. Es ist aber auch Beuys als Lehrer zu sehen, der als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf alle abgelehnten Studenten aufnehmen will und der versammelten Kulturbürokratie eine Öh-Öh-Öh-Rede entgegenhält. Beuys ist auf Windstärke 12 („Vor Hurrikan kommt Sturm.“), wird aber vom damaligen NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau entlassen. Viel Zeit lässt sich Veiel dann für Beuys‘ USA-Aufenthalte mit der großen New Yorker Guggenheim-Ausstellung 1979/80 und seiner bekannten Performance I like America and America likes Me, in der der Künstler sich 1974 mit dem kriegerischen Konflikten der US-Amerikaner auseinandersetzte.

 

Beuys – Foto: Ute Klophaus © zeroonefilm / bpk_ErnstvonSiemensKunststiftung_StiftungMuseumSchlossMoyland

 

Der politische Beuys boxt später für direkte Demokratie und gründet 1980 die Partei der Grünen mit. Der unbequeme Geist wird allerdings 1983 nicht auf einen der vorderen Listenplätze für den Deutschen Bundestag nominiert. Beuys zieht sich enttäuscht zurück. Den privaten Beuys, Beuys als Mensch, gibt es aber kaum zu sehen. Beuys ist immer in Aktion auch im Kreis der Familie. Er ist einer der sich lieber endlos verschleißt. „Wer will schon sterben, wenn er noch gut ist?“ Das wäre ja Verschwendung. Nur einmal, schon recht krank, ein Foto ohne den berühmten Hut als Schutz für seinen selbst diagnostizierten „Dachschaden“, den man ihm im Zweiten Weltkrieg als Jagdflieger „zurechtgeschossen“ hatte. Hier zeigt Veiel Filmbilder des jungen Beuys mit Model- und größerem Segelflieger, später dann ein Foto des 20jährigen Freiwilligen in Wehrmachtsuniform.

Sein Kriegstrauma hat Beuys u.a. 1976 in der Installation zeige deine Wunde thematisiert. Beuys ist hier nicht nur Guru von Düsseldorf, Magier, Medizinmann, Schamane oder Scharlatan, alles Bezeichnungen, mit denen ihn Gesprächspartner Hermann Schreiber 1980 in der Sendereihe „Lebensläufe“ konfrontiert, sondern auch ein „Schmerzensmann der Kunst“. Für den Mitstreiter und Plakatkünstler Klaus Staeck ist der „der Mann am Schalthebel“. Weitere Beglaubigungen bekommt Beuys von seinem ehemaligen Schüler Johannes Stüttgen, der Kunsthistorikerin und Beuys-Mitarbeiterin Rhea Thönges-Stringaris, der Kunstkritikerin und Beuys-Versteherin Caroline Tisdall sowie dem Jugendfreund Franz Joseph van der Grinten, bei dessen Familie der Kunstschüler Beuys seine Depressionen in den 1950er Jahren mit Feldarbeit und verstörenden Zeichnungen bekämpft.

Veiel montiert diese Zeitzeugenberichte zwischen die Filmbilder und Fotos, die er oft im Stil von Kontaktbögen arrangiert und auch nebeneinander abspielt. Das gibt der Collage einen gewissen Drive, der zum Ende hin in immer schnelleren Bildfolgen kulminiert. Man wird in diesem Portrait kaum kritische Stimmen finden oder etwas vom Einfluss auf nachfolgende Künstler wie etwa Christoph Schlingensief erfahren. Es zeigt aber einen Menschen, der Kunst als Kapital ansah, die kapitalistische Ökonomie verändern und das Geld als Ware abschaffen wollte. Darin ist Beuys nach wie vor aktuell.

***

Beuys
von Andres Veiel
Deutschland 2017
Wettbewerb
Kinostart: 1. Juni 2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de

Zuerst erschienen am 18.02.2017 auf Kultura-Extra.

__________