Archive for the ‘Western’ Category

Für eine Handvoll Kies – Mit „Western“ drehte Regisseurin Valeska Grisebach einen interessanten Film über die Konfrontation von Kulturen und das Funktionieren von Männerbünden

Dienstag, September 5th, 2017

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(c) Komplizen Film

Die Faszination für das Filmgenre des Western scheint auch Jahrzehnte nach seinem eigentlichen Tod ungebrochen. Angefangen bei den US-amerikanischen Coen-Brüdern mit True Grit über den Euro-Western Slow West des schottischen Regisseur John Maclean bis zum Racheepos The Hateful 8 von Quentin Tarantino gab es in den letzten Jahren eine regelrechte Western-Renaissance im Kino. Auch der deutsche Regisseur Thomas Arslan, sonst für Filme der Berliner Schule bekannt, drehte mit Gold einen Western über deutsche Einwanderer, die in Nordamerika ihr Glück versuchen. Nun also kommt von Valeska Grisebach der erste nach den Regeln des Western-Genres gedrehte Film einer Regisseurin ins deutsche Kino. Premiere hatte Western im Mai bei den Filmfestspielen in Cannes, wo schon im Vorjahr Maren Ade mit Toni Erdmann brillierte.

Es ist nach den preisgekrönten Filmen Mein Stern (2001) und Sehnsucht (2006) der dritte Spielfilm von Valeska Grisebach, den sie ausschließlich mit Laien gedreht hat. Ähnlich wie Toni Erdmann in Rumänien spielt Western nicht im wilden Westen, sondern in Osteuropa, genauer in Bulgarien an der griechischen Grenze. Trotzdem spielt der Film auf fantastische Weise mit den Genremitteln des amerikanischen Spätwestern mit seinen gebrochenen Helden-Figuren. Der Lonesome Rider aus der amerikanischen Frontier-Mythologie ist hier ein zunächst unscheinbarer deutscher Bauarbeiter, der mit seiner Truppe an einem Fluss im bulgarisch-griechischen Grenzgebiet ein Wasserkraftwerk errichten soll. Meinhardt (Meinhard Neumann) entzieht sich mehr und mehr dem Gruppenzwang und den Männerriten seiner Landsleute und schart sich im Gegensatz zu ihnen nicht mehr nur im Camp unter einer aufgepflanzten Deutschlandfahne, sondern beginnt sich für die Einheimischen zu interessieren, um mit ihnen auch ohne die Chance einer wirklichen Verständigung ins Gespräch zu kommen.

 

Western(c) Komplizen Film

 

„Bist du ein Schlitzohr?“ fragt ihn der misstrauische Polier Vincent (Reinhardt Wetrek). Doch Meinhardt will nur Geld verdienen und hat trotzdem auch eine unbekannte, dunkle Seite, von der wir wegen seiner Schweigsamkeit nicht viel erfahren – außer dass er weiß, was Gewalt ist und als angeblicher „Legionär“ in Afghanistan auch erlebt hat. Meinhardt liebt seine Freiheit, wie er auf Fragen der Dorfbewohner nach seiner Familie besteht. Unbeirrt geht er geradlinig seinen eigenen Weg von Freiheit, auch wenn er damit aneckt oder sich zwischen alle Stühle setzt. Das macht ihn in den Augen des machtbewussten Poliers suspekt. Es beginnen sich die klassischen Fronten zu bilden.

Valeska Grisebach entwickelten diesen Konflikt zunächst aber recht langsam. Eine Zwangspause wegen fehlendem Kies und Wasser verurteilt die Bauarbeiter zum Nichtstun. Sie trinken Bier, klopfen Sprüche und baggern ungelenk bulgarische Frauen am Fluss an. Meinhardt dagegen reitet auf einem in den Bergen freilaufenden Pferd ins Dorf und lernt dort den Besitzer und Chef der Gemeinde Adrian (Syuleyman Alilov Letifov) kennen. Von ihm erfährt er den Grund für das abgestellte Wasser, das die Dorfbewohner zur Bewässerung ihrer Tabakfelder benötigen. Doch während sich zwischen Meinhardt und Adrian eine echte Männerfreundschaft und ein Zweckbündnis bilden, fährt der um seine Autorität fürchtende Vincent voll auf Konfrontation. „Wir haben hier was zu schaffen.“ Der Westen bringt dem Osten die Infrastruktur und versteht nicht, warum das die Dorfbewohner nicht interessiert.

 

Western (c) Komplizen Film

 

Natürlich sind auch die Frauen Grund zum Streit, vor allem die junge Studentin Veneta (Veneta Frangova), die den Sommer im Heimatdorf verbringt und nun zwischen Meinhardt und Vincent steht. Aber wir lernen auch Vyara (Vyara Borisova) und ihre alten Mutter (Ivanka Popova) kennen, jede für sich eine interessante, starke Persönlichkeit. Aber vor allem prallen hier zwei patriarchal organisierte Systeme mit starken Führungsfiguren aufeinander. Und doch liegt die Sympathie am Ende beim traditionell funktionierenden Dorfverband gegen die entwurzelten Bauarbeiter fern der Heimat.

Freiheit, Familie, Heimat, Heimweh und Zugehörigkeit sind neben den Männerbünden, deren Funktionsweise man hier wie unter einem Brennglas beobachten kann, das, was die Regisseurin interessiert. Ein fast ausschließlich aus Frauen bestehendes Filmteam mit einem Ensemble von Männern, die die Regisseurin direkt vom Bau oder im Fall des schweigsamen Meinhardt vom Havelländer Pferdemarkt gecastet hat. Man wird bei ihrem Auftreten nicht von ungefähr an den DEFA-Spielfilm Spur der Steine von Frank Beyer erinnert. Auch eine Art Western im Bauarbeiter-Milieu des noch wilden Ostens im Aufbau. Nur Grisebach zeigt den heutigen Bruch an der richtigen Stelle. Der Showdown wird zum Augenblick der Erkenntnis, wohin Mann wirklich gehört.

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Western
(Deutschland/Bulgarien/Österreich 2017)
Länge: 119 min.
Regie: Valeska Grisebach
Künstlerische Assistenz: Lisa Bierwirth
Bildgestaltung: Bernhard Keller
Montage: Bettina Böhler
Szenenbild: Beatrice Schultz
Kostümbild: Veronika Albert
Ton: Uve Haußig
Mischung: Martin Steyer
Tongestaltung: Fabian Schmidt
Casting: Katrin Vorderwülbecke
Produktionsleitung: David Keitsch
Herstellungsleitung: Ben von Dobeneck
Mit: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Frangova, Vyara Borisova u. a.
Kinostart war am 24.08.2017

Infos: http://www.western-der-film.de/

Zuerst erschienen am 01.09.2017 auf Kultura-Extra.

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The Hateful Eight – In seinem achten Kinofilm beerdigt Quentin Tarantino gnadenlos die uramerikanische Mentalität des bewaffneten Law-and-Order-Denkens

Samstag, Februar 6th, 2016

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The Hateful Eight_FilmposterNach The Revenant von Alejandro González Iñárritu ist mit Quentin Tarantinos The Hateful 8 der zweite große Schneewestern des Jahres in die deutschen Kinos gekommen. Auf den 156 Minuten währenden Rache- und Überlebenskampf von Leonardo DiCaprio legt Kultregisseur Tarantino für sein neuestes, in 70mm Panavison gedrehtes Kinowerk nochmal 11 Minuten drauf und erreicht mit der um weitere 20 Minuten längeren Originalfassung immerhin satte 187 Minuten. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Der Meister des gut gemachten Trashs hat sich, was die Länge seiner Filme betrifft, seit seinem 1992 erschienenen Erstling Reservoir Dogs (95 Minuten) stetig gesteigert. Und was die expliziten Gewaltszenen betrifft, werden die Fans des Splatter-Movies in The Hateful 8 ebenfalls auf ihre Kosten kommen. Auch wenn man nach dem Motto „Warten steigert das Verlangen“ diesmal etwas mehr Geduld zeigen muss. Wirklich langweilig wird es allerdings auch in den ersten zwei Dritteln des Films nicht.

Fing Iñárritu die Weite der Bergwelt im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten um 1824 mit einer hochauflösenden Digitalkamera ein, so leisten sich Tarantino und sein Kameramann Robert Richardson den Luxus eines analogen, fast ausgestorbenen 70mm-Super-Breitwand-Formats. The Hateful 8 spielt einige Jahrzehnte später nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg in Wyoming. Gedreht wurde in Colorado auf den Spuren des großen Western-Helden John Wayne. Tarantino frönt also auch in seinem achten Werk dem Hang für die Filmgeschichte. Noch mehr als an Zitaten aus alten Genre-, Trash- und B-Movies berauscht sich der Regisseur allerdings diesmal an sich selbst. Kenner werden unschwer Verweise auf Themen, Stilmittel und andere kleine Details aus Tarantinos bisherigem Filmschaffen finden.

Wenn man so will, ist es nicht das sogenannte verflixte siebte Jahr, das ihm zu schaffen macht, sondern lässt sich der Titel The Hateful 8 durchaus auch als der „verhasste“ achte Film verstehen – ein selbstironischer Rückblick auf fast 25 Jahre als Regisseur und Drehbuchautor. Und was in diesem Film so hassenswert oder verabscheuungswürdig daherkommt ist, gebannt auf anachronistisches Filmmaterial, die nicht totzukriegende, uramerikanische Mentalität, Recht und Gewalt als Mittel zur Ordnung selbst in die Hand zu nehmen. Und so zieht sich das Rachemotiv wie ein roter Blut-Faden durch die Filme Quentin Tarantinos. Wobei das Zählen nicht zu den Stärken des Regisseurs zu gehören scheint. Genau wie die Anzahl von acht Filmen, ist auch die Anzahl der Figuren in The Hateful 8 relativ und nach Belieben erweiterbar.

 

The Hateful 8 – (C) The Weinstein Company

 

Und so treffen sich in der gottverlassen Schneewüste Wyomings zum dräuenden Soundtrack von Altmeister Ennio Morricone all die Gewalt und Bosheit, Dummheit und Verschlagenheit sowie der Hass und Rassismus aus über 200 Jahren Land of the Free and Home of the Brave, vertreten durch zunächst einmal acht ganz instinktgetriebene Archetypen. „Einer von denen, ist nicht das, was er vorgibt zu sein“, vermutet etwas später John Ruth (Kurt Russell), der rücksichtslose Kopfgeldjäger mit Hang zum Henken, der um seine 10.000 Dollar fette Beute bangt, die in der Person von Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) als lebendes Anhängsel an sein Handgelenk gekettet ist. In Ruth‘ Kutsche nach Red Rock steigen noch der schwarze Kopfgeldjäger und Ex-Nordstaaten-Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) mit drei bereits steif gefrorenen Beutestücken und der sich als neuer Sheriff von Red Rock vorstellende Sohn des ehemaligen Anführers der Mannix-Marodeure aus den Südstaaten, Chris Mannix (Walton Goggins).

Alte Animositäten brechen auf, und das Territorium wird sofort verbal neu abgesteckt. Handfest einstecken muss zunächst nur die Gefangene, der im Lauf des Films noch ganz andere Sachen ins Gesicht fliegen werden. Der Film und seine Männerwelt gehen nicht gerade zimperlich mit dem „Miststück“ um. „Bastarde müssen hängen“, ist einer ihrer Lieblingssätze. Und in Minnies Miederwarenladen, in dem die Gruppe vor einem aufkommenden Schneesturms Zuflucht sucht, wartet auch schon der englisch näselnde Henker von Red Rock, Oswaldo Mobray (Tim Roth) in Gesellschaft des geheimnisvollen Cowboys Joe Gage (Michael Madsen), des wie ein (noch) lebendiges Inventarstück wirkenden alte Südstaaten-Generals Sandy Smithers (Bruce Dern) und des zwielichtigen Mexikaners Bob (Demián Bichir), der vorgibt, Minnies Laden vorübergehend zu führen. Sie und der eher unbeteiligte Kutscher O.B. (James Parks) komplettieren die „Hateful Eigth“, die sich nun in der klaustrophoben Enge der Blockhütte gegenseitig belauern. Schöner Running Gag ist dabei die kaputte Eingangstür, die immer wieder aufgetreten und zugenagelt werden muss.

 

The Hateful 8 – (C) The Weinstein Company

 

Die alle bereits in mehreren Filmen von Quentin Tarantino aufgetretenen Darsteller treiben, nachdem sie Norden, Süden und eine neutrale Zone markiert haben, ein mehr oder minder lustiges Spielchen aus Verdächtigungen, Erniedrigungen und Beleidigungen, denen nicht nur die Frau ausgesetzt ist, auch der nach Belieben mit dem N-Wort belegte Major Warren kommt dabei nicht zu kurz. Er revanchiert sich mit einer besonders perfiden Racheschilderung und ist auch ansonsten nicht untätig in der Hölle des weißen Mannes, in der er sich nur sicher fühlt, wenn er ihn entwaffnet weiß. Seine selbst gelöste Eintrittskarte in die Gesellschaft trägt er als Brief von Abraham Lincoln bei sich, der ihm in gewissem Maße Respekt wie auch Verachtung einträgt. Das hier trotz Afroamerikaner und Mexikaner der Nativ American im Gegensatz zu The Revenant überhaupt keine Rolle mehr spielt, ist geradezu bezeichnend.

In seiner kammerspielartigen Szenerie verliert der Film nie ganz seine Spannung. Dafür sorgen vergifteter Kaffee, reichlich Blutstürze, unerwartete Wendungen und eine Rückblende zur Aufklärung der allerwildesten Befürchtungen. Tarantino greift dabei auf bewährte Erzählstrukturen zurück. In Kapiteln, teilweise mit Erzähler und in einem detailreichen Plauderton, läuft die Maschinerie in Richtung gewohnt splattrigem Showdown, bei dem der Regisseur konsequent beerdigt, was sich von Amerika noch träumen lies. Weder Schwarz noch Weiß retten diese Welt, die sich mit Wonne in ihren Urinstinkten suhlt. Mit dem Diskurs um den Unterschied von Gerechtigkeit und Lynchjustiz ist es bei allen trotz rudimentärer Ahnungen nicht weit her. Anschaulicher und kunstvoller lassen sich Gewaltexzesse dieser Art nicht zelebrieren.

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THE HATEFUL EIGHT (USA, 2015)
Filmstart in Deutschland: 28.01.2016
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Produktion: Richard N. Gladstein, Shannon McIntosh, Stacey Sher
Kamera: Robert Richardson
Schnitt: Fred Raskin
Musik: Ennio Morricone
Kostüme: Courtney Hoffman
Ausstattung: Yohei Taneda
Verleih: Universum Film
Dauer: 187 Min
Mit: Channing Tatum, Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Zoë Bell, Michael Madsen, Bruce Dern, Demian Bichir, Walton Goggins

Infos: http://thehatefuleight.com/

Zuerst erschienen am 02.02.2016 auf Kultura-Extra.

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Der Weg als Wille und Vorstellung – Alejandro González Iñárritu schickt in „The Revenant“ einen physisch präsenten Leonardo DiCaprio auf Survival-Tour durch die Rocky Mountains

Sonntag, Januar 17th, 2016

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© Twentieth Century Fox

© Twentieth Century Fox

Es ist schon viel im Vorfeld über den neuen Film des mexikanischen Regisseurs Alejandro González Iñárritu gesagt und geschrieben worden. „Einmal Bisonleber für Leonardo DiCaprio, bitte – und den Oscar!“ höhnte die Süddeutsche Zeitung. In der Regenbogenpresse machten sogar Gerüchte um eine Bären-Vergewaltigung in The Revenant – Der Rückkehrer die Runde. Es wäre eine der schwierigsten Szenen seiner Filmkarriere gewesen, war vom Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio zu hören. Und obwohl er bei seiner Rückkehr von den verschneiten Gipfeln der Rocky Mountains 300 Kilometer weit zurück in die Zivilisation die meiste Zeit in einem Fell steckt, spielt er nicht den Bären, sondern den Trapper Hugh Glass, dessen Abenteuer Iñárritu in Anlehnung an das Buch Der Totgeglaubte – Eine wahre Geschichte (The Revenant: A Novel of Revenge) von Michael Punke verfilmt hat. Und nach dem Golden Globe gilt DiCaprio nun tatsächlich auch als heißer Oscar-Favorit.

Die besagte Szene, in der Hugh Glass von einer Bärin, die ihre Jungen verteidigt, angefallen wird, ist digital animiert und dennoch so lebendig, dass der Hauch des Grizzly an der das Geschehen in Nahaufnahme umkreisenden Kamera zu kondensieren scheint. Wir schreiben das Jahr 1824, der Westen ist noch wild und zum größten Teil unerforscht. Nachdem die Vereinigten Staaten das Monopol auf den Pelzhandel weitestgehend aufgegeben haben, drängen private Handelsgesellschaften in die nördlichen Plains vor, in gegenseitiger Konkurrenz mit den Ureinwohnern und französischen Pelztierjägern. Glass hat sich „Ashleys Hundert“, einer Gruppe von Trappern und Mountain Men angeschlossen, die am Oberlauf des Missouri-Rivers unter der Führung von Captain Andrew Henry (Domhnall Gleeson), dem Mitbegründer der Rocky Mountain Fur Company, nach Pelztieren jagen.

 

The Revenant - Foto © Twentieth Century Fox

Leonardo DiCaprio in The Revenant – Der Rückkehrer
Foto © Twentieth Century Fox

 

Dabei werden sie zu Beginn des Films von den Arikaree-Indianern, kurz Ree genannt, überfallen. Eine ebenso in Naheinstellungen gedreht Sequenz, die das blutige Aufeinanderprallen der nur scheinbar ungleichen Kräfte, den Kampf Pfeil und Bogen gegen Vorderlader und schließlich Mann gegen Mann in plastischen Bildern beschreibt. Eine kleine Gruppe Überlebender erreicht das Boot und flieht zunächst auf dem Fluss. Soweit ist die Geschichte historisch verbürgt und Grundlage für den Mythos um die wundersame Rückkehr des Hugh Glass von den Toten. Regisseur Iñárritu gibt dem Trapper Glass allerdings noch ein Vorleben bei den Pawnee-Indianern, das ihn in Rückblenden mit seiner Familie zeigt. Bei einem Massaker der US-Armee wurde seine Frau (Grace Dove) getötet. Retten konnte Glass nur seinen Halbblutsohn Hawk (Forrest Goodluck), der ihn nun bei der Jagd begleitet.

Glass steht somit zwischen den Kulturen. Sein Widersacher ist der ehemalige Soldat John Fitzgerald (Tom Hardy), ein unverhohlener Rassist und zynischer Egoist. Nachdem die Truppe den nach der Bärenattacke notdürftig zusammengeflickten Glass auf dem Rückweg über die Berge nicht mehr mitnehmen kann, lässt Henry neben Hawk den zwielichtigen Fitzgerald und den jungen Trapper Jim Bridger (Will Poulter) bei dem seiner Meinung nach Sterbenden zurück und nimmt beiden das Versprechen ab, Glass ordentlich zu begraben. Fitzgerald versucht aber Glass‘ Leben schneller ein Ende zu setzen und tötet dann den zu Hilfe eilenden Hawk. Den verletzten Glass in einem ausgehobenen Grab zurücklassend zwingt Fitzgerald den ahnungslosen Bridger mit ihm zu fliehen.

The Revenant - Foto © Twentieth Century Fox

The RevenantFoto © Twentieth Century Fox

Hierauf baut sich nun der zweite Teil des Films auf, in dem Hugh Glass sich erst auf allen Vieren, dann zu Fuß durchs Wasser und schließlich auch zu Pferd durch die Wildnis bewegt. Allein getrieben von dem Gedanken nach Rache für den Mord an seinem Sohn. Das ist nicht gerade neu. Wie sich aber DiCaprio in diesen nur durch den einen Willen beseelten Mann verwandelt, der von den Toten zurückkehrt, allein um wieder zu töten, ist in seiner reinen Körperlichkeit sehenswert. Zwischen Initiationsritus und umgekehrtem Passionsweg vom Tod über den Schmerz zurück ins Leben trifft Glass auf sich und die Natur, die hier die zweite große Rolle spielt. Auf sich selbst zurückgeworfen muss er sich der reinen Urgewalt unterwerfen, um zu überleben. Kurz prescht eine gewaltige Bison-Herde vorüber. Was aus den Beherrschern der nordamerikanischen Prärien wurde, sieht man, als der kleine Mensch vor einem riesigen Schädelberg steht. Auch Glass hat den modernen Sündenfall des Einbruchs in die unberührte Natur schon zu Beginn des Films an einem heiligen Wapiti begangen.

Neben der rein physischen Gewalt hat der Film auch ein religiös-philosophisches Antlitz. Iñárritu bettet seinen naturphilosophischen Ansatz vom archaischen Back to Natur einer wiedergeborenen Kreatur in großformatigen Bilder von der tief verschneiten Rockys (gedreht wurde in Kanada und Argentinien). Die Kamera von Emmanuel Lubezkis (bekannt für seine Arbeit in Filmen von Terence Malick, oder auch in Alfonso Cuaróns Gravity und Iñárritus Erfolgsfilm Birdman) blickt auf der Suche nach der Sonne immer wieder in den Himmel über den kathedralenartig aufstrebenden Bäumen, während Glass unten rohen Fisch und das Fleisch eines von Wölfen gerissen Bisons isst. Wie zur Rückkehr in den Schoß der Natur verkriecht sich der Frierende schließlich ins Innere eines ausgeweideten Pferds. In Glass‘ Fieberträumen verschmelzen christliche und naturkultische Symbolik der Ureinwohner zu einer transzendenten Mischung. Ihm erscheinen dabei immer wieder Frau und Sohn, oder eine zerstörte Kapelle mit orthodoxen Bildmotiven.

 

The Revenant - Foto © Twentieth Century Fox

The RevenantFoto © Twentieth Century Fox

 

Natürlich ist The Revenant auch eine große Abrechnung mit der europäischen Aufklärung. Der Held durchläuft fast etappenartig die verschiedenen Denkmodelle von Rousseaus Naturmenschen und „edlem Wilden“ über Hobbes Determinismus und ethischem Solipsismus bis zu Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung. „Nous sommes tous des sauvages“ (Wir sind alle Wilde) steht auf einem Schild, das ein von französischen Trappern gehenkter Pawnee (Arthur RedCloud) um den Hals trägt. Es ist der indianische Samariter, der Glass zuvor unterwegs aufgelesen, verarztet und eine Weile auf seinem Pferd mitgenommen hatte. Die Franzosen vergehen sich gerade an einer Arikaree-Squaw (Melaw Nakehk’o), die von ihrem Vater, dem Häuptling des Stammes (Duane Howard), der zu Beginn die Gruppe um Glass überfallen hatte, gesucht wird. Die Wege der beiden Rächer werden sich bis zum Ende des Films immer wieder kreuzen.

Auch in den früheren Werken Iñárritus ging es immer auch um Verzweiflung, Schmerz und Läuterung. Neu ist dieses unbedingte Ausgeliefertsein an eine reine Naturgewalt, die ihre heilige, heilende Transzendenz gleich einer schamanischen Vision freilegt. Auch ist hier die Nähe zum großen religiösen Ernst in Terrence Malicks Filmen Der schmale Grat oder The Tree of Life nicht nur in der Kameraführung zu spüren. Das ist sicher an manchen Stellen etwas zu viel des Guten, und man könnte Iñárritus Film durchaus auch als esoterischen Quark abtun. Ganz arg wird es, wenn am Ende der unausweichliche Showdown im alttestamentarischen Bibelpsalm „Gott allein gehört die Rache“ kulminiert. Was folgt, ist natürlich nicht die erhoffte Genugtuung oder gar Läuterung, sondern mehr eine große innere Leere. Iñárritus‘ Werk fehlt doch ein wenig die ironische Leichtigkeit von Jim Jarmuschs Dead Man, oder auch John Macleans Slow West.

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The Revenant – Der Rückkehrer
USA (2015)
Länge: 156 Minuten
Regie: Alejandro G. Iñárritu
Drehbuch: Mark L. Smith, Alejandro G. Iñárritu
Produktion: Steve Golin, Alejandro G. Iñárritu, David Kanter, Arnon Milchan, Mary Parent, Keith Redmon, James W. Skotchdopole
Musik: Bryce Dessner, Alva Noto, Ryūichi Sakamoto
Kamera: Emmanuel Lubezki
Schnitt: Stephen Mirrione
Besetzung:
Leonardo DiCaprio: Hugh Glass
Tom Hardy: John Fitzgerald
Domhnall Gleeson: Andrew Henry
Will Poulter: Jim Bridger
Forrest Goodluck: Hawk
Paul Anderson: Anderson
Kristoffer Joner: Murphy
Joshua Burge: Stubby Bill
Duane Howard: Elk Dog
Melaw Nakehk’o: Powaqa
Fabrice Adde: Toussaint
Arthur RedCloud: Hikuc
Christopher Rosamond: Boone
Robert Moloney: Dave Chapman
Lukas Haas: Jones
Brendan Fletcher: Fryman
Tyson Wood: Weston
McCaleb Burnett: Beckett

Infos: http://www.fox.de/the-revenant

Zuerst erschienen am 15.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Dead or Alive – In John Macleans Euro-Western Slow West ziehen ein idealistisches Greenhorn und ein wortkarger Kopfgeldjäger philosophierend durch den Wilden Westen.

Samstag, August 8th, 2015

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Slow West_Kinoplakat © Prokino FilmverleihDead or Alive (zu Deutsch: tot oder lebendig) stand auf so gut wie jedem Steckbrief, der im Wilden Westen um 1870 ausgestellt wurde, dazu ausgemalt mit einer an ein schlechtes, heutiges Computerphantombild gemahnenden Visage eines mutmaßlich wüsten Gesetzesbrechers, was zusammen wiederum den gesamten Abschaum dies- und jenseits des Rio Grandes wie das Aas die Schmeißfliegen anzog. Tot oder lebendig ist auch das Credo des ersten Langspielfilms Slow West, den der schottische Regisseur und Ex-Musiker John Maclean mit seinem Lieblingsschauspieler und Koproduzenten Michael Fassbender in der Rolle des wortkargen Kopfgeldjägers Silas gedreht hat. Ein lakonischer Independent-Spätwestern, der thematisch und formell durchaus an die ironisch philosophierenden Filme des Independent-Regisseurs Jim Jarmusch (Dead Man) oder auch die haarsträubenden Storys der Coen-Brüder (No Country for Old Men und True Grit) erinnert.

Der sechzehnjährige Schotte Jay Cavendish (Kodi Smit-McFee) hat sich mit einem rostigen Colt und jeder Menge anderem unnützem Ballast auf die Suche nach seiner großen Liebe Rose (Caren Pistorius) gemacht, die mit ihrem Vater (Rory McCann) fluchtartig die britische Insel verlassen musste und nun irgendwo im tiefen Westen Amerikas ein neues Leben beginnen will. Der junge gebildete Aristokratensohn („Ich bin Brite“) träumt seinen ganz eigenen Traum von jener ersten Liebe, die wir in kurzen Rückblenden kennenlernen, schaut immer wieder romantisch in den funkelnden Nachthimmel und scheint dabei selbst wie von einem anderen Stern. Als unschuldiger Idealist ausgerüstet mit Kompass und literarischem Reisehandbuch tappt er durch die fremde Wildnis, in der ihm alles irgendwie passiert, als hätte er einen persönlichen Schutzengel.

Slow West - Foto © 2015 PROKINO Filmverleih GmbH

Slow West – Foto © 2015 PROKINO Filmverleih GmbH

Dieser begegnet ihm dann irgendwann auch tatsächlich, wie aus heiterem Himmel gesandt, in der Gestalt von Silas, der Jay Schutz gegen Geld anbietet und dazu außerdem immer wieder ein paar zynische Weisheiten für den Jungen parat hält. Er ist dabei allerdings zunächst nur auf Eigennutz bedacht, denn auf Jays Angebetete und ihren Vater ist ein sattes Lösegeld von 2.000 Dollar ausgesetzt. Das weiß der jugendliche Träumer natürlich nicht und begibt sich treuglaubend in die Hände des Kopfgeldjägers. Das hat durchaus seinen Witz, verfolgt aber auch noch ein ganz anderes Ziel. Auf dem weiten Ritt durch das noch weitere Colorado (als Landschafts-Set diente hier allerdings Neuseeland) gehen dem einen seine Illusionen immer mehr flöten, während der andere seine verschütteten Gefühle wiederentdeckt. Romantisches Greenhorn und abgezocktes Raubein kommen sich schließlich nach alptraumhafter, feuchter Absinth-Nacht näher.

Zuvor treffen sie aber noch auf etliche skurrile Typen oder am harten Westen gescheiterte Existenzen. Und es pflastern natürlich jede Menge Leichen ihren Weg. Selbst der prinzipienfeste Jay verliert hier auf höchst dramatische Weise seine Unschuld in einem Handelsposten fern der Zivilisation, wo man Geld ausgeben aber auch mit vorgehaltenem Colt mitnehmen kann.  Das Erlebnis treibt ihn, noch bevor die Tränen getrocknet sind, kurzzeitig vom Grobian Silas weg in die Arme des deutschen Anthropologen Werner (Andrew Robertt), der die Auslöschung der indianischen Rasse dokumentiert, und in dem der ahnungslose Jay einen intellektuellen Freund im Geiste sieht. Eine Nacht später, halb nackt mit Decke und Frühstücksei, macht sich der Belehrte wieder allein auf in Richtung Westen.

Slow West - Foto © 2015 PROKINO Filmverleih GmbH

Slow WestFoto © 2015 PROKINO Filmverleih GmbH

Macleans Western erzählt dabei ganz nebenbei auch die Geschichte der zahllosen Einwanderer aus dem alten Europa. Iren, Schotten, Schweden oder Deutsche, wie sie auch schon (allerdings wesentlich langatmiger) in Thomas Arslans Glücksucher-Western Gold durch Amerika und Kanada ritten, kämpfen hier ums nackte Überleben, auch gegeneinander, was sie letztendlich aber vor allem zum tödlichen Übel für die Ureinwohner und verschleppten Sklaven werden lässt. Am Wegesrand spielen ein paar Kreolen aus dem Süden den Sound auf dem Banjo dazu. Um den glorreichen Westen ist es also in Slow West wirklich übel bestellt, und dem philosophierenden Jay, der meint, dass Leben doch mehr als Überleben ist, hält Silas zynisch entgegen: „Ja, das Sterben gehört dazu.“.

Da helfen dann auch keine tröstenden Bibelverse mehr. Und so treibt das Geschehen zielsicher auf den unvermeidlichen Showdown im goldgelben Kornfeld zu, bei dem eine ganze Horde von finsteren Gestalten und ein verkleideter Priester mit Präzisionsgewehr im Koffer für ein paar Dollar mehr die Hütte der gesuchten Geliebten belagern. „Zu jung um zu sterben. Zu alt, um für die Liebe zu sterben.“ Wie sich das letztendlich auflöst, ist ganz nach den Gesetzen eines Film Noir gestrickt, aber auch nach dem Geschmack manch berühmter Spagetti-Western. Am Ende wirft der Film zwar kurz einen Blick in die Zukunft, bewegt sich aber auch wie im Zeitraffer über seine Toten wieder zurück auf Anfang.

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Slow West
UK/NZL 2015, 84 Min.
Regie, Buch: John Maclean
Kamera: Robbie Ryan
Musik: Jed Kurzel
Schnitt: Roland Gallois, Jon Gregory
mit: Kodi Smit-McPhee, Michael Fassbender, Ben Mendelsohn, Caren Pistorius, Rory McCann,
Andrew Robertt u.a.

Kinostart war am 30. Juli 2015

Infos: http://www.slow-west.de/

Zuerst erschienen am 05.08.2015 auf Kultur-Extra.

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Andere Länder, andere Sitten – Ein Silberner Regiebär für den Balkanwestern von Radu Jude, Peter Greenaways Eisenstein-Biopic, eingeschworene Jungfrauen in Albanien und ein Mädchenschicksal in Kabul auf der 65. Berlinale 2015.

Montag, Februar 16th, 2015

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Foto: St. B.

Austragungsort des Wettbewerbs der Berlinale 2015 – Foto: St. B.

Ein Ritt in die dunkle Vergangenheit der Donaufürstentümer – Aferim! Ein Schwarz-weiß-Film des Rumänen Radu Jude

Schwarz-weiß ist die karge Landschaft, schwarz-weiß ist auch das Denken der in ihr umherirrenden Protagonisten des im Stile eines Balkan-Western gedrehten rumänischen Wettbewerbsbeitrags von Regisseur Radu Jude. Er entführt uns in eine vermeintlich längst vergangene Zeit des Donaufürstentums Walachei, in dem 1835 die Angehörigen der Roma-Minderheit noch als Arbeitssklaven gehalten wurden und auf Gedeih und Verderb ihren ländlichen Herren, den Bojaren und der Kirche, ausgeliefert waren. Einem dieser mittelalterlich absolutistischen Exemplare ist der Rom Carfin (Cuzin Toma) davongelaufen. Er hat mit der Frau des Bojaren geschlafen und fürchtet nun dessen gnadenlose Rache. Das erfährt man erst etwas später. Zunächst sieht man nur zwei schwatzende Gestalten auf Pferden, die sich auf die Suche nach der entflohenen „Krähe“ gemacht haben.

Der Gendarmenhauptmann Constandin (Teodor Corban) und sein Sohn Ionita (Mihai Comanoiu) philosophieren in langen Kameraeinstellungen über Gott und die Welt, wie sie ist. Der junge Möchtegern-Haudrauf, noch etwas ungelenk, will seinem Vater nacheifern. Der Alte prahlt nur von früher, als er noch ein schlimmer Finger war, hat aber schon das Reißen in den Knochen und das Brennen im Schwanz. Den baldigen Tod vor Augen gilt seine einzige Sorge dem Sohn, der von der Mutter etwas zu sehr verzärtelt wurde. Der berittene walachische Pegida-Stammtisch begegnet auf seiner Reise durch das osmanisch beherrschte Gebiet, was außerdem noch vom bösen Russen bedroht ist, in einem Kloster unterjochte und am Fluss frei goldwaschende Roma, konkurrierende, korrupte Bezirkspolizisten und betrügt nebenbei arme Bauern und Fischer. Constandin schickt noch einen dummen, türkischen Handlungsreisenden in die Irre, bevor sie den Flüchtigen dingfest machen und mit einem kleinen Roma-Jungen über die Sättel werfen. Das greinende „Krähenküken“ wird auf dem Sklavenmarkt zur Aufbesserung der Reisekasse einfach an den erstbesten Popen verhökert.

Aferim! von Radu Jude - © Silviu Ghetie

Aferim! von Radu Jude – © Silviu Ghetie

Radu Jude inszeniert das alles sehr ironisch mit einem guten Schuss Zynismus. Man braucht eigentlich keine weiteren Erklärungen und Figurenentwicklungen, hat man im Grunde doch alles, was man wissen muss, ständig direkt vor der Nase. Letzte Gewissheit gibt es bei einer ordentlichen Hasspredigt eines Pfaffen vom gerade reparierten Eselskarren herunter. Hier erfährt man nun auch den Unterschied vom noch zu den Menschen gerechneten „Zigeuner“ zum bösen „Riesenjuden“. Und für jede Nation hat der Priester ein schönes Vorurteil parat, nur der Rumäne leidet still. Und sind es nicht die Juden oder die Zigeuner, dann sind es die Sodomisten und die Frauen. Aferim! Der aus dem Türkischen stammende Ausruf bedeutet so viel wie Bravo, gut gesprochen. Der Film könnte im Untertitel auch „Wie die Dummheit in die Welt kam“ heißen. Das kann man sich natürlich gar nicht alles ausdenken. Im Abspann gibt es eine lange Liste von Quellen. Der Regisseur hat dem Volk und seinen Führern aufs Maul geschaut.

Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass der Bojar zum Ende hin seine verletzte Mannesehre blutig wieder herstellt, umringt von einer johlenden Meute. Da ist selbst der hartgesottene Constandin etwas konsterniert. Seinem lernbegierigen Filius kann er da nur mit auf den Weg geben, es sich nicht so zu Herzen zu nehmen. Die Welt bleibt so, wie sie ist. „Gott schützt jeden Wurm. Nur wir können nicht aufeinander aufpassen.“ Bravo! Zu diesen Film kann man Radu Jude nur beglückwünschen und natürlich auch für den verdienten Bären in Silber für seine Regie. Er bewegt sich hier durchaus auch stilistisch in den Fußstapfen des vor einigen Jahren zurückgetretenen Ungarn Béla Tarr, wenn auch mit einem etwas schwärzeren Humor, bei dem einem das anfängliche Lachen erst nach und nach im Halse stecken bleibt. Auch Radu Jude arbeitet mit versteckter Symbolik, wenn er schon zu Beginn in langer Einstellung eine Distel zeigt. Ein Zeichen des christlichen Leids, aber auch für heidnische Wehrhaftigkeit. Es muss nicht immer der stark reduzierte Gegenwartsrealismus von Cristian Mungiu sein, um etwas über das dunkle Wesen des modernen Menschen zu erfahren. Die meisten Geister und Ängste kommen direkt aus der Vergangenheit.

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Aferim!
Rumänien / Bulgarien / Tschechische Republik 2015, 108 Min
Regie: Radu Jude
Buch: Radu Jude, Florin Lazarescu
Kamera: Marius Panduru
Mit: Teodor Corban, Mihai Comanoiu, Cuzin Toma, Alexandru Dabija, Luminita Gheorghiu, Victor Rebengiuc, Alberto Dinache, Mihaela Sirbu, Alexandru Bindea, Adina Cristescu

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Wettbewerb: Eisenstein in Guanajuato – Regiealtmeister Peter Greenaway feiert in seinem Eisensteinportrait ein visuelles Fest der Sinne

Nur ein Jahrhundert weiter springt Regiealtmeister Peter Greenaway in seinem Biopic Eisenstein in Guanajuato, das auf der Berlinale ebenfalls seine Weltpremiere im Wettbewerb feierte. Und auch dieser Film ist durchaus Historie, gewürzt mit einem deftigen Schuss Fiktion. Verbürgt ist zumindest die Reise des russischen Kultfilmers Sergei Eisenstein 1931 nach Mexiko. Der Regisseur von so berühmten Werken der sowjet-revolutionären Stummfilmära wie Panzerkreuzer Potemkin und Oktober wollte dort einen vom US-amerikanischen Schriftsteller Upton Sinclair finanzierten Dokumentarfilm mit dem Titel ¡Que viva México! drehen. Es kamen immerhin 400 km Filmmaterial zusammen, das Eisenstein allerdings nie fertig schneiden sollte. Wie im Untertitel zu Oktober, mit dem zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution filmisch nachgestellten Sturm auf das Petersburger Winterpalais, ging es für ihn in Guanajuato dennoch recht stürmisch zu. Nicht gerade Zehn Tage, die die Welt erschütterten, dafür aber das Leben des Regisseurs umso mehr.

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Um das Leben geht es dann auch im Allgemeinen, und im Speziellen um Liebe und Tod, Eros und Thanatos. Für Greenaways Filme mindestens so bedeutend wie für das Werk Eisensteins. Der Regisseur opulenter Cineastenkost wie Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber, Der Kontrakt des Zeichners oder Prosperos Bücher vollzieht hier eine bedeutungsschwangere, bildlich stark auskomponierte Zusammenführung von miteinander korrespondierenden Gegensätzen. Mexiko als Land, in dem sich Liebe und Tod fast lustvoll freundschaftlich umgarnen. Umschwärmt von Fliegen, in seinen Augen stalinistische Spione, kommt Eisenstein (grandios: Elmer Bäck) froh den entbehrungsreichen sowjetischen Verhältnissen für kurze Zeit entkommen zu sein, voll Tatendrang in Mexiko an. Beargwöhnt von mexikanischen Pistoleros, begrüßt von Frida Kahlo und Diego Rivera, schwebt auch spürbar der berühmte Eispickel des russischen Diktators über ihm. Eisenstein lässt sich gefangen nehmen vom katholischen Totenkult mit Knochenmännern und jeder Menge mythischem Mummenschanz. Dazu läutet ein tauber und blinder Azteke die Kirchenglocken.

Sichtlich erfreut über luxuriöse Bäder und große Betten ergeht sich Eisenstein beim Warmduschen in aufschneiderischen Posen und Zwiegesprächen mit seinem besten Stück, das er zwecks Frustgewinn zum besseren Kreativoutput wohl seit längerem nur zum Pinkeln gebraucht hat. Dem zügellosen Lustgewinn argwöhnt der libidinös unterversorgte und leicht verklemmte Clown im jungfräulichen Weiß. Beim Coming Out steht Eisenstein dann ein gutaussehender mexikanischer Begleiter in Schwarz zur Seite. Luis Alberti macht sowohl als Religionslehrer wie Anthropologe und natürlich auch als echter Latin-Lover eine äußerst gute Figur. Die Deflorierung des Regisseurs des roten Oktobers findet als eine Art Eindringen der neuen in die alte Welt durch die Hintertür statt. Ein durchaus doppeldeutig zu verstehender kolonisatorischer Rollback zum Jahrestag der großen Revolution inklusive Hissen der roten Fahne im verlängerten Rückenteil.

Zum Glück für ihn und die Zuschauer nimmt Greenaway das große Vorbild nicht allzu ernst, es darf ausgiebig gelacht werden. Daneben gibt es noch eine Hommage an alte, längst verstorbene Filmgrößen, einen Seitenhieb auf Hollywood und Schwarz-Weiß-Einblendungen historischer Szenen aus Eisensteins Filmen. Greenaway benutzt hier auch ganz bewusst digitale Tricks, Überblendungen, Dreifachteilungen (wie in sakralen Triptychen), großzügige Weitwinkelaufnahmen und rasante Kamerafahrten im Kreis, bis einem auch schon mal ganz schwindelig vor Augen wird. Und selbstverständlich untermalt Greenaway seine farbenprächtigen Bilder wie immer mit viel pathetisch klassischer Musik und hier natürlich vor allem der des von Eisenstein geschätzten Komponisten Sergei Prokofjew.

Irgendwie verliert der Film dabei aber auch etwas sein Ziel und Zentrum. Beide Regisseure erliegen sichtlich erschöpft dem katastrophenartigen Regen und den fremden, morbiden Reizen Mexikos. Letztendlich geht es neben Sex und Selbstfindung, auch um Macht und Geld. Denn nicht nur seinem mexikanischen Führer in erotischen Dingen gibt sich Eisenstein hin, er muss auch vor der dumpfen Macht seines Financiers kapitulieren, verkörpert durch die abgesandten bigotten Vertreter Upton Sinclairs, die dem überdrehten Regisseur in Gestalt der snobistischen Ehefrau des großen Schriftstellers und ihres noch verständnisloseren Bankiers mangels verwertbarer Ergebnisse einfach den Geldhahn zudrehen.

Sichtlich frustriert fährt Eisenstein am Ende wieder seinem ungewissen Schicksal in der Sowjetunion entgegen, das für schwule, jüdische Künstler nicht besonders rosig aussieht. Parallelen zum heutigen Russland drängen sich auf. Hier platziert Greenaway nicht nur eine bildgewaltige Pointe auf die unheilige Verflechtung von Kunst und Geld, in der sich die Protagonisten in slalomartigen Zick-Zack-Bewegungen durch den Set eines weitläufigen, mit Säulen ausgestatteten Cafés schlängeln. Er gibt zu guter Letzt auch einen zwar ironischen, aber wenig optimistischen Ausblick auf das Ende des großen Regisseurs, der mit seinem Werk die Filmwelt revolutionierte, und dennoch 1948 – just beim Erstellen einer Chronik des sowjetischen Films – trotz Hämmern an der Heizung ungehört von den Nachbarn einem Herzinfarkt erlag. Der Klempner lässt grüßen.

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EISENSTEIN IN GUANAJUATO
Niederlande / Mexiko / Finnland / Belgien 2014, 105 Min
Regie und Buch: Peter Greenaway
Kamera: Reinier van Brummelen
Mit: Elmer Bäck, Luis Alberti, Rasmus Slatis, Jakob Öhrman, Maya Zapata, Lisa Owen, Stelio Savante

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Eingeschworene Jungfrauen in den Bergen Albaniens – Vergine giurata (Sworn Virgin) – Ein Film von Laura Bispuri im Wettbewerb

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Die italienische Regisseurin Laura Bisputi erzählt in ihrem Debutfilm die Geschichte von Hana (Alba Rohrwacher), die nach dem Tod der Eltern bei Pflegeeltern in den nordalbanischen Bergen aufwächst. Während sich ihre Stiefschwester Lila (Flonja Kodheli) der Zwangsverheiratung durch Flucht entzieht, wählt die schon früh von einem unbändigen Freiheitsdrang geprägte Hana einen anderen Weg. Um die gleichen Rechte wie die alles beherrschenden Männer zu erlangen – auch weil sie ihren Ziehvater und die heimatlichen Berge liebt – , legt sie das Gelübde ab, aller körperlichen Liebe zu entsagen. Sie darf nun ausgestattet mit den nötigen Attributen wie Kleidung und Gewehr als Mann Mark in der Gemeinschaft weiterleben. Eine Tatsache, die traditionell in den Gewohnheitsrechten der albanischen Bergbevölkerung verankert ist.

Die gelebte Verleugnung des eigenen Geschlechts hält jedoch nicht dauernd an. Nach einigen Jahren fährt Mark zur Stiefschwester, die nun mit ihrer Familie in Mailand lebt. Das Ziel dieser späten Flucht ist zunächst nicht ganz klar. Lange kreist der Film um seine Protagonisten, ihr gegenseitiges Ausweichen und die schüchternen Wiederannährungsversuche von Mark an sein ursprüngliches Geschlecht. Über Lilas Tochter, die ihren „Onkel“ erst für etwas merkwürdig oder gar eine als Mann verkleidete Lesbe hält, erhält Mark dann schließlich eine Möglichkeit sich zu finden. Das Mädchen (Emily Ferratello) ist im Wasserballett, und über den freien Blick im Schwimmbad sieht Mark nun zum ersten Mal die Vielfalt von Körperlichkeit. Fast wie eine Art Erweckungserlebnis oder auch zweite Pubertät.

Hier hat dann der Berliner Schaubühnenstar Lars Eidinger seinen Auftritt als italienischer Bademeister und erstes Objekt des erwachenden sexuellen Interesses, der nach neuer Freiheit suchenden Frau. Die Häutung samt Überstreifen neuer Bekleidungs-Accessoires vollzieht sich aber recht gemächlich. So einfach lässt sich eine alte, als nicht mehr passend empfundene Haut dann doch nicht abstreifen. Und auch die sich einst innig liebenden Geschwister finden erst langsam wieder zueinander. Die Geschichte der beiden Mädchen in der rauen Bergwelt wird in mehreren Rückblenden erzählt. Der ruhige Film von Laura Bispuri hat auch keine klare Lösung parat. Außer der vielleicht, dass Freiheit, wie Hana am Ende meint, auch bedeuten kann, mal nicht irgendetwas sein zu müssen. Das ist dann auch eine irgendwie beruhigende Antwort auf die oft nicht ganz einfache Genderfrage. Neben den silbernen Regie-Bären für Malgorzata Szumowska und Radu Jude trägt auch Vergine giurata zum insgesamt wieder sehr starken Auftritt des osteuropäischen Films beim Wettbewerb der 65. Berlinale bei.

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VERGINE GIURATA
Italien / Schweiz / Deutschland / Albanien / Republik Kosovo 2015, 90 Min
Regie: Laura Bispuri
Buch: Francesca Manieri und Laura Bispuri, nach einem Buch von Elvira Dones
Mit: Alba Rohrwacher, Flonja Kodheli, Lars Eidinger, Luan Jaha, Bruno Shllaku, Ilire Celaj, Drenica Selimaj, Dajana Selimaj, Emily Ferratello

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Eine Kindheit in Kabul – Mina Walking von Yosef Baraki in der Reihe Generation 14plus

Mina Walking. Hauptdarstellerin Farzana Nawabi - Foto (c) St. Bock

Mina Walking. Hauptdarstellerin Farzana Nawabi auf der Premiere
Foto (c) St. Bock

Ein weiteres eindrucksvolles Frauenschicksal erzählt der afghanische Regisseur Yosef Baraki in seinem im kleinen Wettbewerb der Reihe „Generation 14plus“ laufenden Film Mina Walking. Dabei ist Mina (Farzana Nawabi) ein erst 12jähriges Mädchen aus Kabul, das aber bereits die Familie im Alleingang ernähren muss. Ihre Mutter wurde einst von den Taliban getötet. Der Großvater ist senil und träumt nur noch vom Geldverdienen. Mina muss ihn mit einem Strick anbinden, damit er nicht davonläuft. Die Hauspforte besitzt kein Schloss, da der Hausherr, Minas Vater, das Geld und die Medikamente des Großvaters für Heroin ausgibt. Wenn das Mädchen nicht auf dem Markt Ramschware verkauft, dann geht es in die Schule, wo meist nur der Koran gelehrt wird. Es stehen gerade Präsidentenwahlen an und die junge Lehrerin schwört auf die neue Demokratie, wogegen Mina ganz andere Probleme hat.

Als der Großvater stirbt und der Vater mal wieder seinen Drogenrausch ausschläft, muss sie sich ganz allein mit den Nachbarn um das traditionell islamische Begräbnis kümmern. Doch Mina lässt sich nicht unterkriegen. Um den Vater von den Drogen fernzuhalten, greift sie auch zu recht drastischen Mitteln. Allein es hilft alles nichts. Einer Zwangsheirat entkommt das Mädchen nur durch die Flucht ausgerechnet im Gewand einer Burka. Mina verkauft ihre einziges Habe, eine alte russische Nähmaschine, und macht sich auf den Weg in eine ungewisse Freiheit. Der Film erzählt in ruhigen fast dokumentarischen, mit der Handkamera gedrehten Bildern vom harten Leben der Kabuler Kinder. Es ist mal nicht der Blick des waffenstrotzenden oder mitleidigen Europäers, hier sieht man ein selbstbewusstes Mädchen, das sich beharrlich durchzuschlagen weiß, aber an den traditionellen und den neuen Marktgesetzen zu scheitern droht. Mit der großartig spielenden jungen Farzana Nawabi besitzt der Film ein eindrückliches Gesicht, das einem so schnell nicht mehr aus dem Kopf geht.

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MINA WALKING
Kanada/Afghanistan 2015, 125 Min.
Regie, Buch: Yosef Baraki
Kamera: Yosef Baraki
Mit: Farzana Nawabi, Hashmatullah Fanaie, Qadir Aryaie, Marina Golbahari, Safi Fanaie, Massoud Fanaie, Shahwali Nawabi, Hamidullah Wafa, Mohammad Nabi Attaie, Gholam Farouq Baraki

Die Kritiken sind zuerst am 13. und 14.02.2015 auf Kultura-Extra erschienen.

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Berlinale 2013 (Teil 1) – Go East! Go West! Go North! Gold oder Liebe und ein wenig Hoffnung in Wettbewerbsfilmen aus den USA, Deutschland und Österreich.

Mittwoch, Februar 13th, 2013

„The same procedure as every year.“

Foto: St. B. potsdamer-platz-arkaden.jpg
Wiedermal Anstehen für Tickets in den Potsdamer Platz Arkaden.

Go East for Love! „The Necessary Death of Charlie Countryman” von Fredrik Bond mit Shia LaBeouf, Evan Rachel Wood, Mads Mikkelsen und Til Schweiger – USA 2013, 107 min.

Wer sehen will, womit der deutsche Schauspieler Til Schweiger das Geld für die Produktionen seiner Kassenschlager „Keinohrhasen oder „Kokowääh“ verdient, der ist im amerikanischen Action Movie „The Necessary Death of Charlie Countryman” des schwedischen Muiskvideofilmers Fredrik Bond bestens aufgehoben. Schweiger verkörpert hier den rumänischen Killer Darko, den Bad Guy schlechthin, der zum schlechten Spiel nur noch die passende Mine machen muss. Und das kann er wirklich gut. He looks very serious, really. Und versteht sich natürlich nicht nur auf die rein visuelle Abschreckung. Das muss leider auch der junge Amerikaner Charly (Shia LaBeouf) in einem echten Backpackeralbtraum zu treibenden Moby-Beats quer durch die techno-, sex- und drogengeschwängerte Club-Szene von Bukarest nicht ganz freiwillig am eigen Körper erfahren.

Nach dem Tod seiner Mutter (Melissa Leo – bei der Berlinale 2012 noch als „Francine“ im Forum zu sehen) ist der eh schon recht antriebslose Charly ziemlich down. In einem Schmerzmittelrausch erscheint ihm seine Mutter, die ihn dazu auffordert, nach Bukarest zu reisen, um seinen Kopf und auch das Herz wieder freizubekommen. Im Flugzeug macht er die Bekanntschaft eines älteren rumänischen Musikers (Ion Caramitru), der aber nach einer Flasche Champagner ebenfalls das Zeitliche segnet, nicht ohne ihm noch einen Gruß und eine lustige Krümelmonstermütze für seine Tochter Gaby (Evan Rachel Wood) mit auf den Weg zu geben. Nach der Landung fangen damit aber prompt die Schwierigkeiten für den arg naiven Charly an. Bereits auf dem Flughafen macht er Bekanntschaft mit finsteren Polizisten, bei denen Elektroschocker und Schlagstock recht locker sitzen, und Charly damit eine kleine Vorahnung auf den wilden Osten geben.

Was Charly aber von da ab antreiben wird, ist die unbedingte, kompromisslose Liebe, die ihn fortan unauflöslich an die Augen, Lippen und Fersen der schönen Cellospielerin Gaby vom Sinfonieorchester der Bukarester Oper – ein wenig Kultur muss schließlich auch im dunklen Osteuropa sein – heftet. Die betrachtet allerdings der noch viel düsterer blickende Drogenboss Nigel (Mads Mikkelsen) als sein persönliches Anhängsel und macht dies Charly auch immer wieder schlagkräftig klar. Der rennt aber wie einst Lola ohne Rast und Ruh durch das nächtliche Bukarest und leider immer wieder gegen die Fäuste von Nigel, Darko und dessen Handlangern, die nun auch noch wegen eines geheimnisvollen Videobandes hinter ihm her sind. Furchtlos- und unermüdlich wie ein Stehaufmännchen schwingt sich Charly zum Retter seiner geliebten Gaby auf. Selbst mit der Notwendigkeit dafür sterben zu müssen konfrontiert, bleibt er noch kopfüber an einem Seil hängend, optimistisch und felsenfest von seiner Liebe überzeugt. Das ist dann doch in seiner sentimental-kitschigen Art etwas zu fett aufgetragen. Und dazu noch mit bedeutungsschwanger aufgeladenen Kommentaren von John Hurt aus dem Off viel zu hoch angehängt. Trotzdem erscheint diese Actionkomödie in ihrer künstlich aufgepuschten Emotionalität immer noch wesentlich lebendiger als so manch anderer Film des ersten Wochenendes auf der Berlinale.

friedrichstadtpalast_2.jpg Foto: St. B.

In einer weiteren schrägen Nebenrolle ist der als Ron aus den Harry-Potter-Filmen bekannte Rupert Grint zu sehen. Er spielt den rothaarigen Karl, der in Bukarest unter dem Künstlernamen Boris Becker (Charly says Pecker) zu einem Pornocasting will, und mit seiner durch ein paar rumänische Viagra verursachten Dauererektion die Schwierigkeiten für Charly erst so richtig eruptiv eskalieren lässt. Wäre der Film, der bereits auf dem Sundance Festival Premiere feierte, in der Sektion Panorama gelaufen, er hätte durchaus einen kleinen Achtungserfolg beim Publikum erzielen können. Eine fast ausgelassene Heiterkeit war im Kinosaal des Friedrichstadtpalastes förmlich greifbar. Für den Wettbewerb ist diese verunglückte Genrepersiflage trotz der schweren Jungs allerdings etwas zu leichtgewichtig geraten. Aber genau so abenteuerlich stellt man sich in Amerika wohl das Leben hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang vor. Ob nun Bukarest oder Budapest, bleibt dabei sicherlich einerlei, und ist nur ein weiterer abgenutzter Gag unter vielen.

Kinostart in Deutschland noch nicht bekannt

Go West for Gold! „Gold” von Thomas Arslan mit Nina Hoss, Marko Mandić, Uwe Bohm, Lars Rudolph, Peter Kurth, Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser – Deutschland 2013, 112 min.

Eigentlich müsste es korrekter Weise Go North! heißen. Denn die Reise geht im Nordwesten Amerikas quer durch British Columbia ins Yukon-Territorium nach Dawson City, der berühmten Goldgräberstadt im hohen Norden Kanadas. Traumziel all jener die ab 1896 dem Lockruf des Goldes folgend, die angestammte Heimat und ihr bisheriges Leben hinter sich ließen, um im Norden Kanadas Glück und Reichtum zu finden. Der deutsch-türkische Regisseur Thomas Arslan hat in seinen Filmen bisher immer wieder Außenseiterfiguren meist aus der Berliner Postmigrantenszene (Geschwister, Dealer, Der schöne Tag) in den Mittelpunkt seiner Filme gestellt. Nun hat er inspiriert von alten Fotos deutscher Auswanderer, deren Schicksal in der neuen Welt Amerikas genauer unter die Lupe genommen. Also Ausgangspunkt der sieben Protagonisten aus „Gold ist die alte Welt Europas. Und wie heute viele aus der dritten Welt oder dem Süden Europas auf der Suche nach Glück und einem Auskommen für ihre Familien, der Armut ihrer Heimat entfliehen wollen, taten dies am Ende des 19. Jahrhunderts auch schon die Verlierer der industriellen Revolution auf unserem Kontinent.

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Die wahre Emily Meyer? Martha Black aus Chicago. The First Lady of the Yukon. (1898) – Foto auf whitepinepictures.com, Women of the Klondike 

Die Deutsche Emily Meyer (Nina Hoss), ein ehemaliges Dienstmädchen aus Chicago, schließt sich 1898 allein einer Gruppe deutscher Goldsucher um den zwielichtiger Treckführer Wilhelm Laser (Peter Kurth) an. Sie wählen die billige Landroute und vertrauen den angeblichen Wegkenntnissen Lasers, der sich aber schnell verfranst und dann klammheimlich stiften gehen will. Emily ist der ruhende Pol der Gruppe, im Gegensatz zum selbstgefällig schwafelnden Journalisten Gustav Müller (Uwe Bohm), der an einen Reisebericht schreibt, gerne mal einen trinkt und den Beschützer raushängen lässt. Allerdings blitzt er schnell bei Emily ab. Sie gibt wenig über sich Preis, macht sich wo sie kann nützlich und will ansonsten in Ruhe gelassen werden. Ruhe ist das entscheidende Element des Films. In sparsamen, fast elegischen Bildern sieht man die Truppe durch die unbekannte Wildnis streifen, immer wieder unterbrochen durch Achs- oder Schlüsselbeinbruch, erschöpfte Pferde oder Menschen, sowie anderen Unwägbarkeiten der beschwerlichen Reise. Die Weite der Landschaft öffnet sich nur für wenige, kurze Augenblicke.

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Percy Pond auf dem Weg zu den Goldfeldern. Viele Goldsucher führten Tagebücher über ihre Goldrausch-Reise. Foto: Yukon Archives, Gillis family fonds (auf tc.gov.yk.ca)

Nichts Heroisches hat der Film an sich. Die Motivationen und Sehnsüchte der Menschen beschränken sich auf das Blinken des Goldes in Lasers Hand. Ihre Vergangenheit behalten sie größtenteils für sich. Einzelschicksale werden nur gestreift, vom vierfachen Familienvater Joseph Rossmann aus New York (Lars Rudolph) über das ehemalige Restaurantbesitzerpaar Maria und Otto Dietz (Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser) bis zum Packer Carl Boehmer (Marko Mandić), der von zwei Viehdieben wegen des Mordes an ihrem Bruder verfolgt wird. Ihren Weg kreuzen Indianer, die sie für Geld kurze Zeit führen, ein irrlichternder Rückkehrer oder gar ein Gehängter, der es allein in der Wildnis nicht mehr ausgehalten hat. Einer nach dem Anderen gibt auf, bleibt zurück, verfällt dem Wahnsinn oder tritt in eine Bärenfalle und stirbt trotz Whiskydesinfektion an einem eindrücklich in Echtzeit abgesägtem Bein. Allein Emily beißt sich durch an der Seite Boehmers, zu dem sie sich immer mehr hingezogen fühlt. Und so bekommt der Film doch noch so etwas wie einen Showdown in Telegraph Creek, der allerdings auch recht unspektakulär und vorhersehbar ausfällt. Nur Nina Hoss reitet, alle männlichen Beteiligten hinter sich lassend, mit stoischer Entschlossenheit und hoch erhobenen Hauptes weiter durch die kanadische Wildnis Richtung Dawson. Ein echter Beitrag zum von der Berlinale ausgerufenen Festival der starken Frauen, für das Nina Hoss mit „Barbara“ ja auch schon im letzten Jahr stand.

Zwischen Fiktion und dem unbedingten Willen zur detailgetreuen Dokumentation eines solchen Trecks tappt der Film nicht nur in Bärenfallen, sondern auch in jede Menge Wild-West-Klischees. Allerdings ohne daraus wenigstens etwas Spannung erzeugen zu können. Arslan geht es auch nicht um die unbedingte Erzeugung von genrebedingter Spannung, auch wenn er mit an Neil Young erinnernde schräg zerrende Gitarrenriffs den Film immer wieder vorantreiben will. Zumindest dockt er mit seinem ruhigen Stil phasenweise an den epischen und illusionslosen Spätwestern „Haevens`s Gate“ (1980) von Michael Cimino oder den lakonischen „Dead Man“ (1995) von Jim Jarmus an. Dieser Film hatte mit seiner mystischen Symbolik einen durchaus ähnlichen Ausgangspunkt. Nämlich das Verlorensein eines Menschen aus der Stadt, wie die deutschen Siedler von der technischen Revolution ausgespieen (Zugmotiv zu Beginn beider Filme), in eine ihm völlig fremde Welt. Die Berliner Schule schlägt bei Arslan aber leider immer wieder gnadenlos durch, von den fast peinlich banalen Dialogen bis zum ungeschönt normalen Alltag, der auch oder gerade in den Weiten Kanadas kaum Abwechslung verheißt. Das Ganze kommt dann eben am Ende doch zu deutsch, bieder und kleinlich genau daher.

18 Filme sind im Wettbewerb der Berlinale wieder auf Bärenjagd.

 Foto: St. B. berlinale-2013_baren.jpg

Nach dem krankheitsbedingtem Ausfall von Nina Hoss, die im letzten Jahr noch den Silbernen Bären für die Hauptrolle in Christian Petzolds Film „Barbara“ in Empfang nehmen konnte, war es dann doch Til Schweiger als einzigem verbliebenen, wahren deutschen Kinostar vorbehalten, erstmals zu einem Wettbewerbsbeitrag über den Berlinaleteppich zu schreiten. Wer hätte das je für möglich gehalten. Von einem Silber- bzw. sogar Goldbären sind aber beide Filme eigentlich ziemlich weit entfernt. „„Was für ein verfluchtes Pech“, darf dann zumindest Lars Rudolph in Thomas Arslans „Gold völlig ironiefrei konstatieren, „in einem so riesigen Land in eine Bärenfalle zu treten!“. Das wird wohl beiden Filmen auf der Berlinale, trotz allem gewollten oder auch unfreiwillig gekonntem Einsatz seiner Protagonisten, mit einiger Sicherheit erspart bleiben.

Kinostart: 15.08.2013

Verlorene Hoffnung im Diätcamp – „PARADIES: Hoffnung“ von Ulrich Seidl mit Melanie Lenz, Vivian Bartsch, Joseph Lorenz, Michael Thomas und Verena Lehbauer – Österreich 2013, 91 min.

Seine Paradies-Trilogie hat der österreichische Film- und Theaterregisseur Ulrich Seidl nach „Liebe“ in Cannes und „Glaube“ in Venedig mit „Paradies: Hoffnung“ nun bei der Berlinale zu einem Ende gebracht. Kein Ende mit Schrecken, obschon die ersten beiden Teile nicht gerade Beiträge zum Wohlfühlkino darstellen. Drei Frauen, drei göttliche Tugenden, drei unerfüllte Sehnsüchte nach dem Glück, so ließe sich die Grundidee der Trilogie auch kurz beschreiben. Die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung sind untrennbar miteinander verbunden. Aus diesem Grund hatte Ulrich Seidl auch ursprünglich einen geschlossenen Episodenfilm geplant, wegen der Fülle des gedrehten Materials sich dann aber für drei eigenständige Filme entschieden.  In „Paradies: Liebe“ fährt eine verlassene, alleinerziehende Frau als Sextouristin nach Kenia. Sie erlebt im scheinbaren Liebesparadies nach anfänglichem Glück die plötzliche Ernüchterung und erfährt dabei den tatsächlichen Preis für Gefühle und die Wahre Liebe, was letztendlich in blanken Rassismus mündet. In „Paradies: Glaube“ sieht ihre Schwester die Erfüllung oder besser Erlösung in einer obsessiv gelebten Religiosität, und wird dabei mit Problemen der ehelichen Pflichterfüllung und der Toleranz gegenüber anderen Glaubensvorstellungen konfrontiert. In „Paradies: Hoffnung“ ist das verheißene Paradies mit einem uniformen Schönheitsideal verknüpft, dem die jugendlichen etwas zu dick geratenen Protagonisten nicht entsprechen und daher von ihren Eltern in ein Diätcamp in der österreichischen Natur verschickt werden.

Dieser dritte Film schließt den Kreis und geht wieder zum Ausgangspunkt der Paradies-Trilogie, über den Glauben vor allem aber zurück zur Liebe, die hier zudem noch aus der naiven Unbedingtheit einer ersten Teenagerschwärmerei der 13jährigen Melanie (Melanie Lenz) zum 40 Jahre älteren Diätarzt des Camps (Joseph Lorenz) entspringt. Ermutigt durch die etwas joviale, aufgeschlossene Art des bereits ergrauten, aber immer noch, entgegen des seinen Bauch einziehenden sadistischen Sportlehrers (Michael Thomas), recht sportlich aussehende Mitfünfziger, beginnt sie ihn immer wieder in seinem Sprechzimmer aufzusuchen oder ihm gar vor dem Heim aufzulauern. Melanie schwärmt unschuldig vor ihrer sich in Liebesdingen bereits erfahrener gebenden Freundin (Verena Lehbauer) und beginnt sich für ihren Angebeteten sogar schön zu machen. Nur kurz kommen sich die beiden einmal bei einem Ausflug im Wald näher. Nach einer verbotenen nächtlichen Disko- und Sauftour mit ihrer Freundin kommt es zu einer einzigen etwas verstörenden Szene zwischen Arzt und Mädchen. Danach distanziert er sich um so stärker und weist Melanie schroff zurück. Die unschuldige Welt aus Teenagerspielen, und zwanglosem Austausch erster Liebesgeheimnisse kontrastiert Seidl immer wieder mit seinen formal streng symmetrisch arrangierten Bildern von Turnübungen, Disziplinierung und Bestrafung. Leider bleibt diesmal in Seidls Film vieles, vor allem was die Motivation des Arztes gegenüber der jungen Protagonistin betrifft, im vagen. Die Unmöglichkeit eines nicht akzeptierten Ausbruchs aus einem genormten System klingt aber dennoch unterschwellig an.

Kreuz, Herz und Anker versinnbildlichen die drei göttlichen Tugenden in der christlichen Bildsprache. In „Paradies: Liebe“ und „Paradies: Glaube“ tauchen die ersten beiden Symbole auch immer wieder auf. Der Anker ist die Hoffnung oder wenn man so will das Vertrauen, das die junge Melanie in dem viel älteren Mann sucht. Ihre Sehnsucht nach Glück erfüllt sich, wie auch bei Teresa (Liebe) und Anna Maria (Glaube), jedoch nicht. Wo das Verlangen nach Liebe und Glauben bei den anderen beiden Frauen zur Obsession wird, fällt Melanie fast apathisch wieder in die Gruppe der anderen Jugendlichen zurück. Man kann das auch als ein Aufgeben des Glaubens an die Kraft die Liebe oder eine Absage an die Hoffnung interpretieren. So ruhig und unspektakulär wie der Abschluss der Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl auch in Szene gesetzt sein mag, er verdeutlich doch klar diesen Zusammenhang. Ohne Hoffnung kein Glaube an die Liebe und ohne Glaube an die Liebe ist der Mensch hoffnungslos verloren. Und das muss man heute Gott sei Dank auch gar nicht mehr religiös begründen.

berlinale-2013_paradies-hoffnung.jpg Foto: St. B.

„Paradies. Liebe, Glaube, Hoffnung“. Eine Ausstellung mit Film-Stills aus der Trilogie von Ulrich Seidl ist noch bis zum 08.03.13 in der Galerie C/O Berlin zu sehen.

Ulrich Seidl wird sich, nachdem er im letzten Jahr einen kurzen Abstecher mit „Böse Buben / Fiese Männer“ nach David Foster Wallace auf die Theaterbühne bei den Wiener Festwochen wagte, vermutlich auch weiterhin mit den Sehnsüchten und Obsessionen beiderlei Geschlechter beschäftigen und demnächst wohl die unterirdischen Hobbyräumen der Österreicher filmisch etwas näher beleuchten. Man kann durchaus wieder darauf gespannt sein, was er dabei zu Tage fördern wird. Nach dem ersten Wochenende der Berlinale muss man jedenfalls dem nach Cannes und Venedig drittgrößten A-Festival einen eher recht fahlen und schwachen Beginn attestieren. Ideen sind schon vorhanden, es fehlt nur noch etwas an der nötigen Strahlkraft. Stärkeres ist scheinbar auch weiterhin nicht in Sicht. Aber wie schon das vielbemühte Sprichwort besagt, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Fortsetzung folgt

Kinostarts:

  • „Paradies: Liebe“ ist bereits angelaufen.
  • „Paradies: Glaube“ am 21.03.2013
  • „Paradies: Hoffnung“ am 16.03.2013

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