Archive for the ‘Kunst’ Category

Arno Rink. Ich male! – Das Museum der bildenden Künste Leipzig widmet dem Vertreter der Leipziger Schule eine große Retrospektive

Montag, Mai 28th, 2018

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Bärtig, kantig, glatzköpfig, so stellte sich der Leipziger Maler Arno Rink(1940-2017) 1982 der Kamera des Fotografen Helfried Strauß. Rasur heißt die Fotoserie. Sie hängt im ersten Raum der dem im vorigen September verstorbenen Vertreter der Neuen Leipziger Schule gewidmeten großen Retrospektive im Museum der bildenden Künste Leipzig. Aber nicht nur das Aussehen des 1940 im thüringischen Schlotheim geborenen Künstlers hatte sich da geändert, auch im Werk gab es einen Bruch. Der in seinen frühen Jahren mit Farben und klar konturierten Formen nicht geizende Rink setzte nun Steigende, Stürzende und immer wieder sich selbst in wesentlich fahleren Farben und weiniger konturierten Formen ins Bild. Das Gemälde Die Nacht aus dem Jahr 1988 zeigt den Maler nackt und schmal vor lärmender Meute hockend. In der Hand mit langen, schmalen Fingern hält er eine Zigarette. Ein Rückzug ins Private.

Persönliche Schicksalsschläge, Ängste und eine tiefe Zerrissenheit wie wohl auch depressive Selbstzweifel ließen Arno Rink neue Wege der seelischen Innenschau gehen. Diese düstere Werkphase wird trotz allem zu einer sehr produktiven und wohl auch interessantesten im Schaffen des 1984 mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichneten und 1987 zum Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig ernannten Künstlers. Die Ausstellung, für die Arno Rink noch selbst kurz vor seinem Tod einige Bilder aussuchen konnte, gibt den 1980er und 1990er Jahren (in denen der Maler noch bis 1994 Rektor, bis 2005 Prorektor und bis 2007 Leiter einer Meisterklasse war) viel Raum. In einer Phase, als die Malerei gemeinhin nicht mehr viel galt, wird Rink zum Vater der Neuen Leipziger Schule. Zu seinen Schülern gehörten die heute sehr bekannten und bei Sammlern begehrten Maler Michael Triegel, Christoph Ruckhäberle und Neo Rauch, mit dem ihn auch eine tiefe, von Rauch selbst als väterlich bezeichnete Freundschaft verband.

 

Arno Rink, Canto Libre, 1977, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

 

Der erst bei der zweiten Bewerbung 1962 zum Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig zugelassene Rink lernte bei Werner Tübke und Bernhard Heisig. Er hatte schnell Erfolg und begann selbst 1972 eine Lehrtätigkeit an der Hochschule. Am Beginn der Ausstellung stehen seine sozialistisch-realistischen Frühwerke wie die Großgemälde Die führende Rolle der Arbeiterklasse (1973/74) und eine zweite Fassung seines Diplombilds Lied vom Oktober (1968), dessen Erstfassung einen Dauerplatz im damaligen Militärmuseum Dresden bekam. Die Maler der ersten Generation der Leipziger Schule und andere bekannte Vorbilder sind da noch unverkennbar. Rink malte an den Historienstil Tübkes und die surrealen Bilderwelten eines Salvator Dalí erinnernde Bilder mit dem für die damalige Zeit in der DDR genehmen politischen Gehalt.

In den 1970er Jahren entstanden einige Gemälde mit kämpferisch revolutionären und antikapitalistischen Motiven wie Tod der Kommunarden, Canto Libre als Hommage an Pablo Neruda, Die Unabhängigen II mit dem Konterfei von Ho Chi Minh oder Stürzender Aggressor und Terror II als Kommentar zum Militärputsch in Chile. Aber auch das andere große Bildthema ist da schon sehr präsent. Rink malte als bekennender Erotomane vor allem Frauenakte. Frühe Beispiele dieser Obsession sind hier Zwei Frauen am Strand von 1972 und ein umschlungenes Paar im Wind von 1973. Ob als Allegorie oder mit mythischem Bezug, als Große Versuchung, Späte Versuchung oder einfach nur Versuchung wie das hier gezeigte Gemälde einer Frau in rotem Kleid von 1995/95, Arno Rink war besessen vom weiblichen Körper. Als Muse diente ihm seine Frau Christine, von der hier auch ein frühes Portrait in züchtigem Blau zu sehen ist.

 

Arno Rink, Paar im Wind, 1973, Öl auf Hartfaser, 84 x 114 cm, MdbK Leipzig, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

 

Ab Ende der 1980er Jahren wandte sich Rink auch biblischen Motiven zu. Vor allem malte er immer wieder Judith, Salome und Lots Töchter, bekannt für ihre die Männer versuchenden Zuschreibungen. Rink rang hier mit den eigenen erotischen Obsessionen, malte Frauen aber nie sexuell abwertend sondern immer bewundernd in stolzer Pose. Das mag heute etwas voyeuristisch oder gar frauenfeindlich anmuten. Die Akte, in denen er sich auch auf Vorbilder wie Gustav Courbet bezog, sprechen da aber eine ganz eigene Sprache. Rink griff die Motive über Jahre immer wieder auf. So steht hier die Judith mit rotem Tuch von 1998 einer Version von 2009/10 gegenüber.

Arno Rink, Atelier IV, 2012, Privatbesitz, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

Interessante Einblicke in den Arbeitsprozess bietet die ausgestellte Serie der Studien zu seinem 1994 entstandenen Gemälde Leda, die Rink in fast abstrakter Form auf Papier zeichnet, wild übermalte und collagierte. Die Wendeereignisse, Kritik an seiner Person und Malerei hält er in düsteren Bildern wie der Selbstportraitserie Protokoll einer Ministerbesprechung (1991) oder Brennendes Atelier (1990) fest. Der Ausstellungstitel Ich male! ist da tatsächlich als expressiver Schrei zu verstehen, der 2002 in einem Selbstbildnis auf Papier in einer fast giacomettihaft dünnen Bleistift-Silhouette endet. Danach wird Rinks Malstil wieder ruhiger und gegenständlicher. Letzte Arbeiten von 2009-12 rücken nochmal das Atelier des Malers in den Mittelpunkt. Schon von der Krebserkrankung gezeichnet, reflektiert sich hier Arno Rink in verwischenden Kontouren als alternder Künstler vor seinem Werk.

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Arno Rink. Ich male!
18.04. – 19.08.2018
Museum der bildenden Künste Leipzig
Katharinenstraße 10
04109 Leipzig

Weitere Infos siehe auch: http://www.mdbk.de

Zuerst erschienen am 25.05.2018 auf Kultura-Extra.

Motiv auf dem Plakat: Stürzender Aggressor, 1973, 118 x 71 cm, Öl auf Holz, MdbK Leipzig, © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

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Max Beckmann. Welttheater – Das Museum Barberini Potsdam zeigt Werke des Künstlers zur Welt des Theaters, Zirkus und Varietés

Mittwoch, April 25th, 2018

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Nach großen Themen-Ausstellungen zum Exil in Amsterdam und Amerika in München und Frankfurt am Main, zu den Portraits in Leipzig, den Stillleben in Hamburg und vor drei Jahren in der Berlinischen Galerie zur Präsenz des Malers in der damaligen Hauptstadtmoderne legt nun auch das Potsdamer Museum Barberini mit einer weiteren Max-Beckmann-Schau nach. Max Beckmann. Welttheater beschäftigt sich mit der Leidenschaft des 1884 in Leipzig geborenen Künstlers für die Welt des Theaters, Zirkus und Varietés. Max Beckmann malte sich sehr gern in Gesellschaft aber oft auch allein in Maske und Verkleidungen posierend. Er portraitierte die bekannten Künstler seiner Zeit und bannte das große Welttheater als grelle Show, Katastrophenszenario oder Metapher für das gegenwärtige Weltgeschehen auf die Leinwand.

Die in Kooperation mit der Kunsthalle Bremen von Ortrud Westheider und Eva Fischer-Hausdorf kuratierte Ausstellung zeigt mehr als 100 Gemälde, Skulpturen, Grafiken und Skizzenbücher aus selten gezeigten Privatsammlungen und Beständen so berühmter Häuser wie dem MoMA in New York, der Tate Gallery London, dem Harvard Art Museums/Fogg Museum in Cambridge (MA) oder der National Gallery of Art in Washington D. C. Aber auch viele deutsche Museen mit großen Beckmann-Sammlungen wie die Kunsthalle Bremen, das Frankfurter Städel, der Kunstpalast Düsseldorf, die Münchner Pinakothek der Moderne, das Museum Ludwig in Köln, die Staatsgalerie Stuttgart, das Von der Heydt-Museum Wuppertal, das Museum der Bildenden Künste Leipzig, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Nationalgalerie Berlin haben Werke beigesteuert.

Max Beckmann: Doppelbildnis Karneval, Max Beckmann und Quappie, 1925, Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf – © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Photo ARTOTHEK, Weilheim, Stiftung Museum Kunstpalast

Ausgangspunkt der Ausstellung im Barberini ist allerdings der Erste Weltkrieg, in den Beckmann mit großer Neugier und Begeisterung als freiwilliger Sanitätshelfer zog. Er erhoffte sich wie viele Künstler seiner Zeit Inspiration für seine Arbeit, wurde aber nach einem Nervenzusammenbruch stark traumatisiert wieder entlassen. In dieser Zeit entstanden düstere, theatral komponierte Radierungen wie Traum I (Totenklage) oder Das Leichenhaus, die sich im Stil des Expressionismus mit dem Tod befassen. Kurz nach dem Krieg entstanden Graphik-Mappen wie Gesichter mit Caféhausimpressionen und ersten Karnevalsbildern. Maskierte Menschen sind sein bevorzugtes Sujet. Oft malte Beckmann sich selbst als Clown. Im Selbstportrait als Clown (1921) schaut er eher traurig mit abgenommener Maske und Klatsche den Betrachter an. Aber auch als Musiker posierte der Maler gern wie in dem 1930 entstanden Selbstbildnis mit Saxophon.

Schon früh verbannt Max Beckmann viel mit dem Theater. Seine erste Frau Minna Tube, die er 1903 auf der Kunsthochschule in Weimar kennenlernte, trat neben ihrer Malerei auch als Opernsängerin auf. Eine Reminiszenz an diese Zeit ist das Gemälde Walküre von 1948. Und auch „Quappi“, seine zweite Frau Mathilde von Kaulbach, war vor der Ehe Sängerin und wurde vielfach von Beckmann portraitiert. Etwa das Doppelbildnis Karneval von 1925 zeigt Max Beckmann und Quappie in karnevalesker Verkleidung. „Maskerade. Rollenspiele im Raum“ nennt die Ausstellung dieses Werkkapitel. „Beckmann als Beobachter“ führt in Nachtlokale und Cafés, „Zirkus. Das Leben als Hochseilakt“ in die bunte Welt des Jahrmarkts und Zirkus und „Varieté. Szenen im Theater der Unendlichkeit“ in die berühmten großstädtischen Varietés der 1920er und 30er Jahre wie dem Tauentzienpalast (1924). Hier schüttelte Beckmann die schrecklichen Erinnerungen des Krieges ab. „Wenn man dies alles (…) nur als eine Szene im Theater der Unendlichkeit auffaßt, ist vieles leichter zu ertragen.“ schrieb er 1940 in sein Tagebuch. Der Hochseilakt in der Grafik Varieté von 1927 oder das Gemälde Artistin. Am Trapez von 1936 stehen hier gleichbedeutend symbolisch für einen Tanz am Abgrund der eigenen Existenz als Künstler. Waghalsig auch die Artistennummer zweier Ballonfahrer im 1928 entstandenen Gemälde Luftakrobaten. Die Welt steht Kopf in Beckmanns Bildern.

 

Max Beckmann, Schauspieler. Triptychon 1941,42; Harvard Art Museums, Fogg Museum, Cambridge, MA, Schenkung Lois Orswell
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Photo Imaging Department, © President and Fellows of Harvard

 

In den 1920er Jahren entstehen Graphikmappen wie Berliner Reise mit den Lithografien Die Enttäuschten I und II. Oft arrangiert Beckmann seine Figuren wie auf einer Guckkastenbühne, zeigt Theaterfoyers, Bühnenbilder und Menschengruppen in Logen. Was weniger bekannt ist: Beckmann steuerte nicht nur Illustrationen zu Romanen und Erzählungen bei, er schrieb auch selbst satirische Theaterstücke wie Ebbi und Das Hotel. Beide Dramen sind in illustrierten Buchausgaben ausgestellt.

Der Werkteil „Theater. Die komplexe Welt auf der Bühne“ widmet sich den Portraits von berühmten Schauspielern wie dem befreundeten Heinrich George (Familienbild George, 1935) oder dem französischen Mimen N.M. Zeretelli, den er in Öl (1927) und auf Papier (1924) verewigte. Das große Triptychon Die Schauspieler von 1941/42 aus dem Havard/Fogg Museum, Cambridge (MA) ist sicher ein Höhepunkt der Ausstellung und Beispiel für sein zum Teil surreal verrätseltes Spätwerk im Exil.

 

Max Beckmann: Apachentanz, 1938, Kunsthalle Bremen
Der Kunstverein in Bremen, Photo Lars Lohrisch, © VG BILD-KUNST, Bonn 2018

 

Was in den 1930er Jahren in Pariser Vaudevilles und Varietétheatern entstand, zeigt die Abteilung „Varieté. Szenen im Theater der Unendlichkeit“. Viele von Beckmanns Bildern tragen das Varietéthema schon im Namen wie etwa Varieté mit Tänzerin und Zauberer von 1942. Der Künstler, der in Deutschland mittlerweile als entartet gilt, malte wieder Tänzerinnen in allen möglichen Posen (Tänzerin mit Pelzmütze, 1937 oder Tänzerin in schwarz mit Laute, 1943), maskierte Schöne mit Instrumenten (Mädchen mit Banjo und Maske, 1938) und expressiv gewalttätige Bordellszenen wie das Gemälde Apachentanz aus dem Jahr 1938, in dem ein Zuhälter (sogenannter „Apache“) eine Prostituierte über dem Kopf wirbelt. Flankiert werden diese Bilder von Beckmanns biegsamen aber auch wuchtigen Bronzen von Akrobaten, Tänzerinnen und Schlangenbeschwörerinnen.

Der letzte Teil der Ausstellung „Argonauten. Das Selbstverständnis als Künstler“ ist Beckmanns Vorliebe für Mythen und Symbolik gewidmet. Schon 1923 beschäftigte er sich mit Tamerlan, einem grausamen mongolischen Tyrannen, bekannt aber auch für seinen Sinn für Kunst und Literatur. Tucholsky dichtete 1922 „Mir ist heut so nach Tamerlan zu Mut / ein kleines bißchen Tamerlan wär gut.“ Beckmann fertigte dazu ein Wimmelbild aus dem wilden Großstadtvarieté. Sicher ganz ähnlich funktioniert die Übertragung alter Mythen in die Welt der Gegenwart im Triptychon Die Argonauten von 1949/50 (Eine Leihgabe aus der National Gallery Washington). Fast eine Art künstlerisches Vermächtnis des Malers, der auf den drei Bildtafeln noch einmal mit den für ihn typischen Symbolen und Figurengruppen das ganze Spektrum des Beckmann‘schen Welttheaters zusammenfasst.

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Max Beckmann. Welttheater
24. Februar bis 10. Juni 2018
Museum Barberini
Alter Markt
Humboldtstr. 5-6
14467 Potsdam

Infos: https://www.museum-barberini.com/ausstellung-max-beckmann.welttheater/

Zuerst erschienen am 23.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Zwei außergewöhnliche Künstlerinnen im Vergleich – Retrospektiven von Gabriele Münter im Lenbachhaus München und Anita Rée in der Hamburger Kunsthalle

Sonntag, Januar 14th, 2018

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Gabriele-Münter, 1900 – Wikipedia

Frauen in der Kunst sind in Ausstellungen leider immer noch lange nicht so präsent wie ihre männlichen Künstlerkollegen. Das vergangene Jahr 2017 hatte diesbezüglich allerdings Einiges zu bieten. Berlin, Hamburg und München zeigten z.B. große Retrospektiven von Jeanne Mammen, Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter und Anita Rée. Vier Namen (wenn auch sicherlich nicht gleich jedem präsent), die in der Kunstgeschichte durchaus als durchgesetzt gelten dürften. Ist Paula Modersohn-Becker in Deutschland mittlerweile fast schon zur Ikone der weiblichen Kunst stilisiert und in diesem Jahr sogar mit einem Biopic bedacht worden, bedarf es zum Werk der Hamburger Künstlerin Anita Rée und selbst zu dem der Münchnerin Gabriele Münter – vorrangig bekannt als Mitstreiterin der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ – sicher noch ein wenig Nachhilfe.

Die 1877 in Berlin geborene Gabriele Münter wurde bisher meist im Rahmen der im Münchner Lenbachhaus beheimateten Sammlung des „Blauen Reiters“ ausgestellt, während Werke der 1885 in Hamburg geborenen Anita Rée immer mal wieder in kleinen Überblicksschauen der Hamburger Kunsthalle zur dort ansässigen Sammlung der Hamburgischen Sezession, deren Gründungsmitglied sie 1919 war, gezeigt wurden. Es fiele aber sicher schwer, die Vielfalt des Werks beider Künstlerinnen anhand dieser kleineren Auftritte umfänglich zu beschreiben. Nun sind Münter und Rée in jeweils recht umfangreichen Retrospektiven der beiden großen Ausstellungshäuser neu zu entdecken.

Gabriele Münter – Bildnis Marianne von Werefkin, 1909, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München – Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Was diese durchaus sehr verschiedenen Künstlerinnen eint, ist zunächst ihre gutbürgerliche Herkunft, die es ihnen schon früh ermöglichte, das erst ab 1919 für Frauen zugängliche Kunststudium bereits um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert bei privaten Lehrern zu absolvieren. Bei Gabriele Münter, Tochter einer aus Nordamerika zurückgekehrten deutschen Zahnarztfamilie, war das zunächst eine private Damenkunstschule in Düsseldorf, bevor die Familie 1901 nach München umzog und sie dort in der Damen-Akademie des Künstlerinnen-Vereins ihre Studien fortsetzen konnte. Anita Rée, Tochter eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns und seiner aus Venezuela stammenden Frau, nahm ab 1905 Malunterricht beim Hamburger Künstler Arthur Siebelist. Max Liebermann, dem sie bei einem Besuch in Berlin erste Werke zeigte, riet ihr weiterzumachen. Bei Münter dürfte es die Begegnung mit dem russischen Maler Wassily Kandinsky in dessen Münchner Malklasse gewesen sein, was sie in ihrem künstlerischen Drang bestärkte. Initialzündungen waren bei beiden angehenden Künstlerinnen aber mit Sicherheit diverse Reisen ins Ausland u.a. nach Paris und in verschiede Städte Italiens.

In beiden Ausstellungen ist in den frühen Werken der Künstlerinnen vor allem der Einfluss der französischen Impressionisten erkennbar. Sind es bei Münter die flüchtigen, mit pastösem Farbauftrag gemalten spätimpressionistischen Landschaftsbilder, so sind es bei Rée Portraits und Stillleben, die in ihrem Stil deutlich an Cézanne erinnern. Das sollte sich aber bei beiden Malerinnen recht schnell ändern. Wechselte Gabriele Münter mit der Gründung des „Blauen Reiters“ zum Expressionismus mit seinen ausdrucksstarken Farbflächen, so wendet sich Anita Rée, die Expressionismus und Abstraktion eher weniger interessierten, dem Studium der italienischen Frührenaissance zu. In ihren Bildern, die sie bei längeren Aufenthalten in Positano an der italienischen Amalfiküste malte, greift sie in vielen Portraits von Einheimischen vor allem immer wieder das Madonnenthema auf. Die Hamburger Ausstellung zeigt hier wunderbare Frauen- und Kinderportraits aus den 1920er Jahren.

 

Anita Rée – Paar (Zwei römische Köpfe), 1922–1925, Öl auf Leinwand, 51 x 45,5 cm, Privatbesitz USA – Foto: Christoph Irrgang

 

Auch die Gabriele-Münter-Schau im Münchner Kunstbau beginnt mit Portraits. Am Beginn steht das wohl zum bekanntesten Lenbachhaus-Postermotiv gewordene, farbenfrohe Bildnis der Künstlerkollegin Marianne von Werefkin. In der thematisch ausgerichteten Münchner Ausstellung kann man den künstlerischen Werdegang Münters vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit und wieder zurück zu naiveren Bildern schon anhand der Portraits gut erkennen. Einfach und „ohne Umschweife“ bezeichnet sie ihre Herangehensweise. Den kräftigen Ausdruck der Gemälde, die hier meist motivisch nach Landschaften, Bildern arbeitender Menschen, Stillleben und Interieurs angeordnet sind, erzielt die Künstlerin vor allem durch die Farbe. Das hat den Bildern mit ihren flüchtig hingemalten, zumeist bäuerlichen Sujets auch den Vorwurf naiver Kunst eingetragen.

 

Gabriele Münter – Dame im Sessel schreibend, 1929 – Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

 

Nach dem Ende der Künstlergemeinschaft „Der Blaue Reiter“ und spätestens mit dem Aufkommen der Neuen Sachlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg bekam Münters Werk einen zweiten Aufschwung, oder, wie sie es bezeichnete, „eine neue Sichtweise“. Es entstanden wieder wunderbare Portraits wie Die Sinnende II, Dame im Sessel, schreibend oder Bildnis einer Künstlerin (Margret Cohen). Besonders hier ist eine gewisse Ähnlichkeit zum Werk Anita Rées, die zur gleichen Zeit als Porträtistin der Hamburger Gesellschaft reüssierte, zu beobachten. Die Kunsthalle zeigt Bildnisse des befreundeten Kunstkritikers Carl Einstein, von Otto und Gustav Pauli sowie mehrere großformatige Frauenportraits.

 

Gabriele Münter – Stilleben vor dem gelben Haus, 1953, Textiler Bildträger, 46,5 × 54,5, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München, Inv.-Nr. S 19 – Foto: Lenbachhaus

 

Während sich Gabriele Münter als „Plein-air-Malerin“ bezeichnete, sind die Landschaften in den Bildern von Anita Rée immer auch fremdländische Sehnsuchtsorte, die sie nach Eindrücken ihrer vielen Reisen malte. Anfang der 1930er Jahre entstanden Bilder mit Fabeltieren und ein mit Affen bemalter Bauernschrank. Auch Münter befasste sich mit Bauernkunst, Kinderbildern und dem sogenannten Primitivismus als Quelle der freien, ursprünglichen Kreativität. Motive finden die Malerinnen bei volkstümlichen Maskenfesten, den Anfang des 20. Jahrhunderts stattfindenden Völkerschauen oder in den Völkerkundemuseen Hamburgs und Berlins. Im Gemälde Blauer Dämon portraitiert Münter die Statue einer hinduistischen Gottheit, die noch heute im Ethnologischen Museum Berlin zu sehen ist. Interessant auch die Sammlung früher Fotografien einer Reise Gabriele Münters, die sie 1899-1900 mit ihrer Schwester zu Verwandten in den Süden der USA unternimmt.

Anita Rée – Selbstbildnis, 1930, Öl auf Leinwand, 66 x 60,8 cm © Hamburger Kunsthalle – bpk – Foto: Elke Walford

Selbstbildnisse gibt es von Gabriele Münter nur wenige. Eins zeigt sie 1909 in hellen Farben mit Blumen am Hut. Wesentlich nachdenklicher präsentiert sich Anita Rée in ihren zahlreichen Selbstportraits. In einem letzten 1930 malte sie sich sinnend im Halbakt, eine Hand an der Wange. Da stand die Malerin eigentlich im Zenit ihrer Karriere. Zwei öffentliche Aufträge für Wandbilder in Hamburger Schulen hatte sie erhalten. Vorarbeiten und Fotos sind in der Ausstellung zu sehen. Der Auftrag für die Gestaltung des Altars der neuen Ansgarkirche in Hamburg-Langenhorn wurde in Folge der Einflussnahme der erstarkenden Nationalsozialisten zurückgezogen. Die eigentlich bis dahin allgemein anerkannte Künstlerin geriet daraufhin in eine persönliche Krise. 1932 reiste Anita Rée zusehends deprimiert und einsam nach Sylt. Die dort entstanden, in gedeckten Farben gehaltenen Aquarelle von Dünen, Leuchttürmen und Tieren sind im letzten Raum ausgestellt. Kontakt hatte die Künstlerin nur zur Freundin Lotte Burk, die sie mehrfach malt. Am 12. Dezember 1933 nimmt sich Anita Rée auf Sylt das Leben. Die sehr gelungene Retrospektive entreißt sie nun dem Vergessen.

Die Münchner Ausstellung beschäftigt sich nicht weiter mit der Zeit des Nationalsozialismus. Recht unbekümmert erscheinen die 1935 gemalten Bilder der Baustelle der Olympiaanlagen in Garmisch. Nach einem Ausstellungsverbot zog sich Gabriele Münter ins Privatleben zurück. Nach dem Krieg malte sie bis zu ihrem Tod 1962 weiter. Münter kehrte dabei teilweise wieder zur Phase der expressionistischen Malweise zurück. Auch den Weg zur Abstraktion versuchte sie ähnlich wie Wassily Kandinsky. In der Ausstellung sind einige Studien, Interieurs und Stillleben vertreten, die aber nur in zwei Fällen den Grad abstrakter Auflösung in geometrische Formen wie bei Kandinsky erreichen. Natürlich ist Münters zeitweiliger Lebensgefährte nicht aus ihrer Kunst wegzudenken. Er taucht dann immer wieder in Bildern von Münters Haus in Murnau auf, wo die Künstlerin ihre Sammlung expressionistischer Gemälde der Künstlergruppe „Der Blauen Reiter“ vor dem Zugriff der Nationalsozialisten bewahren konnte. Nun ist sie Grundstock der Sammlung im Lenbachhaus, aber wie die Retrospektive nun zeigt, nur eine von vielen Facetten der Künstlerin.

 

Anita Rée – Stillleben mit Orangenbaum, vor 1920, Öl auf Leinwand, 61 x 65,2 cm, Privatbesitz – Foto: Christoph Irrgang

 

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Gabriele Münter. Malen ohne umschweife
31. Oktober 2017 – 8. April 2018
Kunstbau München in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus
Luisenstraße 33
80333 München
U-Bahnhof Königsplatz
Zwischengeschoss

Infos: http://www.lenbachhaus.de/

Anita Rée – Retrospektive
6. Oktober 2017 – 04. Februar 2018
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall 5
20095 Hamburg

Infos: http://www.hamburger-kunsthalle.de/

Zuerst erschienen am 09.01.2017 auf Kultura-Extra.

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„Fever Room“ und „News Crime Sports“ – Kunstvoll Installatives und Dilettantisch Performatives aus dem Bereich der bildenden Kunst in der neuen Volksbühne Berlin

Donnerstag, Dezember 14th, 2017

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Fever Room – Die Volksbühne Berlin zeigt in deutscher Erstaufführung die audiovisuelle Projektions-Performance des thailändischen Filmregisseurs Apichatpong Weerasethakul

Apichatpong Weerasethakul
Foto (c) Kick the Machine Films

Den thailändischen Filmregisseur Apichatpong Weerasethakul kennen Kinoenthusiasten vorrangig durch seine preisgekrönten Spielfilme wie etwa Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben, der 2010 in Cannes die Goldene Palme erhielt. Sein letzter Spielfilm Cemetery of Splendour wurde 2015 ebenfalls beim Filmfestival Cannes gezeigt und kam unter dem Titel Friedhof der Könige im Januar 2016 in die deutschen Kinos. Die Bezeichnung Spielfilm ist hier allerdings etwas irreführend. Cemetery of Splendour bewegt sich in seinen meditativen Naturaufnahmen und beschreibenden Dialogen eher zwischen Dokumentar- und Kunstfilm. Weerasethakul beschäftigt sich hier mit dem Thema der transzendentalen Seelenwanderung, die Teil des religiösen Empfindens der Einwohner im Nordosten Thailands, der Heimat des Regisseurs, sind. Parallel zu seinen Filmen arbeitet Apichatpong Weerasethakul auch für den internationalen Kunstbetrieb. Seine Videoinstallationen wurden bei der Saitama Triennale in Japan, der Biennale in Sidney, der 13. Documenta in Kassel oder in der Tate Modern in London gezeigt. Dabei kam sicherlich auch die Verbindung zu Chris Dercon zustande.

Bei der Pressekonferenz zur Programmvorstellung der neuen Volksbühne wurde Weerasethakuls für den internationalen Festivalbetrieb entwickelte Projektions-Performance Fever Room als weitere große Regiearbeit zwischen Film und Schauspiel angekündigt. Premiere hatte die Produktion 2015 im Asian Arts Theatre Gwangju, Südkorea. Die Erstaufführung im deutschsprachigen Raum fand im September dieses Jahres beim Steirischen Herbst im Orpheum-Konzerthaus in Graz statt. Wenn auch für die Bühne konzipiert, hat Fever Room mit herkömmlichem Schauspiel allerdings kaum etwas zu tun. Schauspieler sieht man nur in den aus Cemetery of Splendour stammenden Filmszenen, auf denen die Videoinstallation zum größten Teil beruht. Ansonsten ist Fever Room eher dem Bereich bildende Kunst zuzuordnen, dem sich die Volksbühne unter Chris Dercon ja zunehmend verschrieben hat.

 

Fever RoomFoto (c) Kick the Machine Films

 

Das Publikum sitzt bei der Vorführung in der Volksbühne auf Stühlen bzw. direkt auf dem Boden der abgedunkelten Bühne im großen Saal. Aus dem Schnürboden senkt sich zunächst im Bereich des Bühnenportals vor dem noch geschlossenen Vorhang eine Videoleinwand, auf die besagte Filmszenen projiziert werden. Später kommen eine Leinwand darüber und zwei weitere links und rechts davon hinzu. Zu sehen sind Bilder aus einem Krankenhaus, von Hunden, Bäumen und Pavillons in einem Park, oder von Bergen und dem Meer, die von den beiden ProtagonistInnen, einem an der Schlafkrankheit leidenden Soldaten und einer Krankenschwester, die sich als Medium in seine Träume hineinversetzt, nacheinander beschrieben werden. Diese Sequenzen laufen nacheinander in sich wiederholenden Schleifen. Nach einer längeren Bootsfahrt auf dem Mekong, bei der Bilder der Landschaft mit denen von befestigte Uferböschungen wechseln, sieht man noch das Innere einer Höhle. Es entsteht dabei eine zunehmende visuelle und akustische Überlagerung von gleichzeitig ablaufenden Filmszenen und der aus Originalgeräuschen der Umgebung bestehenden Tonspur.

Schon das allein hat eine sehr meditative und fast magische Wirkung, die nach etwa 50 Minuten noch durch den Einsatz eines Laserstrahls verstärkt wird. Nachdem die Leinwände wieder hochgefahren werden, öffnet sich der Vorhang zum Zuschauerraum. Der sich in Trockeneisnebel drehende Laserstrahl bildet dabei wechselnd eine trichterartige Höhle oder eine sich hebende und senkende zentralperspektivische Ebene, die einem das Gefühl geben, in diese dreidimensionale Lichtinstallation eingesogen zu werden. Musik, einzelne Stimmen und schattenartige Projektionen von Menschen sollen das Geschehen und die Gedanken der sich in ihren Träumen an frühere Begebenheiten Erinnernden in eine Dimension der Transzendenz überführen. Was recht esoterisch klingt und ein wenig auch an die Intension der Performance Women in Trouble von Susanne Kennedy erinnert. Nur dass deren Arbeit nicht die immersive Kraft von Fever Room entfalten kann. Auch wenn man sich auf Weerasethakuls Denkart nicht einlassen möchte, überzeugt zumindest die technische Perfektion dieser audiovisuellen Installation, die den Raum der Volksbühne perfekt nutzt, ohne wirklich Theater zu sein.

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Fever Room (Volksbühne, 08.12.2017)
Regie: Apichatpong Weerasethakul
Visual Design: Rueangrith Suntisuk
Licht Design: Pornpan Arayaveerasid
Sound Design: Akritchalerm Kalayanamitr
Komposition: Koichi Shimizu
Produktion: Asian Culture Centre Theatre – Korea, Kick the Machine Films, Volksbühne Berlin
Die Berlin-Premiere war am 07.12.2017
Dauer: 90 min., keine Pause
Thailändisch mit deutschen und englischen Untertiteln
Termine: 26., 27., 28.01.2018

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/de

Zuerst erschienen am 10.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Seelen reisen in Gruppen und bevorzugt mit Rollkoffern – Im Grünen Salon der neuen Volksbühne laden das Künstler-Duo Calla Henkel & Max Pitegoff zu einer News Crime Sports genannten Performances- und Konzertreihe

News Crime SportsFoto (c) Calla Henkel & Max Pitegoff

Im Grüner Salon der Volksbühne sieht’s derzeit ein wenig aus wie bei Hempels unterm Sofa. Die lotterige Bühneninstallation für die neue Performance-Reihe News Crime Sports stammt von Calla Henkel & Max Pitegoff, denen Chris Dercon die Programmgestaltung der kleinen Nebenspielstätte im 1. Stock des Hauses überantwortet hat. Das in den USA geborene und seit 7 Jahren in Berlin lebende Künstler-Duo zeichnet auch für Text und Regie dieser als in loser Folge entwickelten Performances- und Konzertreihe verantwortlich. Die Musik stammt von Katrin Vellrath und dem allseits bekannten Volksbühnenurgestein Sir Henry, der hier auch den Part des Manns an den Tasten übernommen hat und in einer Art Tattoo-Überzieher den Captain Cook mimt.

Calla Henkel & Max Pitegoff sind in der Kunstszene Berlins bestens vernetzt und haben ihre Fotografien und installationsartigen Wohnräume bereits in New York, London, Rotterdam und bei der letzten Berlin Biennale 2016 ausgestellt. Vertreten werden sie von der Schöneberger Galerie Isabella Bortolozzi. Von 2013 – 2015 bespielten die beiden mit englischsprachigen Stücken auch das New Theater in einem Kreuzberger Ladenlokal. Dann kam der Ruf von Chris Dercon an die neue Volksbühne. Im ersten Teil von News Crime Sports, der zur Eröffnung des Grünen Salons uraufgeführt wurde, sieht man einer internationalen Entourage aus Kunstgroupies und Partypeople beim Zeittotschlagen zu. Das Ganze handelt laut Website „in einer undeutlichen Vergangenheit, in der Wahnsinn die Passagiere eines Kreuzfahrtschiffs wellenartig überfällt, während sie die Stunden, Wochen und Jahre zu füllen versuchen, die wie auf einen Schlag zu vergehen scheinen.“

 

News Crime SportsFoto (c) Calla Henkel & Max Pitegoff

 

Auf der Bühne steht dabei eine Gruppe von bildenden Künstlern, Tänzern, Performern und Musikern. Sogar ein Model mit Mick-Jagger-Schmollmund mimt hier eine Tochter aus besserem Hause, die sich in der „City of lazy, hazy, grazy People“, die sich hier auf den rumstehenden Sofas lümmeln, zunehmend langweilt. Und auch die Mutter ist als Journalistin auf der Suche nach besagten News, Crime and Sports. Zunächst gibt’s aber nur Champagner, Dosenpfirsiche und gute Ratschläge vom Hausphilosophen („Seelen reisen in Gruppen“), bis irgendwann eine mysteriöse Dame mit Rollkoffer und Einkaufstaschen die träge Gesellschaft aufmischt. „Kollektives Träumen ist möglich.“ heißt es da. Die Stimme kommt vom Band und gehört Silvia Rieger, die neben Sir Henry weiterhin zum Rumpf-Ensemble der neuen Volksbühne gehört. Dazwischen gibt es etwas Musik und ein paar Anspielungen auf das schwere und prekäre Künstlerleben. „We all need Jobs.“ Leider kann hier niemand wirklich Theater spielen und tänzelt und feudelt sich dann halt irgendwie durch.

Vor drei Jahren hat das Ballhaus Ost mit einer Romanadaption von Franz Hessels Heimliches Berlin schon mal das ewige Künstlertum in einer sich beständig wandelnden Metropole beschrieben. Seit den wilden Zwanzigern scheint sich da in Berlin nicht viel geändert zu haben. Was sich ändert sind nur die Vorzeichen, und die stehen zurzeit auf Austauschbarkeit. Worte wie Vergangenheit oder Zukunft haben hier keinerlei Bedeutung mehr, da sich die Kunst längst von Ort und Kontext befreit hat. Dabei wirkt die Performance so Old School, dass man erstaunt ist, dass es so etwas wirklich noch gibt. Oder besser, dass die Kapelle des untergehenden Kreuzfahrtdampfers immer noch so lange einfach weiterspielt, bis der Kahn tatsächlich gesunken ist. „What Time it ist?“ oder „How long are we here?“ sind dann auch die großen Fragen des Abends, die man sich notgedrungen beginnt selbst zu stellen. Wenn dann auch noch von einem von Polizisten abgesperrten Theater die Rede ist, ist das schon etwas kokett, und man fragt sich ernsthaft, warum sich die Volksbühne erst von hinten den Dilettantismus in den Grünen Salon reinholt, den sie durch die Polizei vorne hat rausholen lassen.

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News Crime Sports (Grüner Salon, 08.12.12017)
Regie und Text: Calla Henkel & Max Pitegoff
Kostüme: Ella Plevin
Komposition: Sir Henry, Katrin Vellrath
Stimme von: Silvia Rieger
Choreographie: Tarren Johnson
Musik: Sir Henry
Redaktion und Übersetzung: Alex Scrimgeour
Kuratorin: Elodie Evers
Mit: Agathe Bommier, Mia von Matt, Lily McMenamy, Leon Kahane, Theresa Patzschke, Elias Pitegoff
Die Premiere war am 17.11.2017 im Grünen Salon der Volksbühne
Mehrsprachig (Englisch, Deutsch, Französisch)

Infos und Termine: https://www.volksbuehne.berlin/de/

Zuerst erschienen am 11.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Jeanne Mammen. Die Beobachterin – Die Berlinische Galerie widmet der großen Porträtistin der neuen Frau in der Weimarer Republik eine umfassende Retrospektive

Mittwoch, Oktober 18th, 2017

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Jeanne Mammen, o. T. (Selbstbildnis), o. D. (um 1926), Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Mathias Schormann

Jeanne Mammen (1890-1976) ist vor allem als große Porträtistin der „neuen Frau“ in der Weimarer Republik bekannt. Dass ihr künstlerisches Oeuvre weit über die 1920er und 30er Jahre hinausreicht, kann man nun in einer umfassenden Retrospektive, die die Berlinische Galerie der Berliner Malerin und Grafikerin widmet, erleben. Während der Nazi-Diktatur in Deutschland ging Jeanne Mammen nicht nur den Weg in die innere Emigration, sondern widmete sich auch dem Kubismus und nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre verstärkt der Abstraktion und Collagetechnik.

1890 in Berlin geboren, wächst Jeanne Mammen in Paris auf. Als Tochter einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie kann sie gemeinsam mit ihrer Schwester Marie Louise in Paris, Brüssel und Rom Malerei und Grafik studieren. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs muss die Familie über Holland einer Internierung als „feindliche Ausländer“ entfliehen und siedelt sich wieder in Berlin an. Für die junge Frau, der das libertäre Leben in der französischen Metropole fehlt, bedeutet das zunächst eine herbe Umstellung. Sie versucht sich zunächst als Grafikerin. In ihren Märchen- und Bibelzyklen zum Heiligen Antonius ist Mammen noch ganz dem Symbolismus verpflichtet. Schon bald nach dem Krieg bekommt sie erste Aufträge als Werbegrafikerin und Illustratorin. Es entstehen erste Plakate für die boomende deutsche Filmbranche und Zeichnungen für Modemagazine wie Die schöne Frau. Zahlreiche Werke aus dieser Schaffensperiode sind im ersten Raum der Ausstellung zu sehen.

Jeanne Mammen, Die Großstadt, um 1927, Titelblattentwurf für: Die Großstadt, 1927, Jg. I, Heft 1, Berlinische Galerie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Kai-Annett Becker

Verstärkt taucht Jeanne Mammen nun wie einst Henri Toulouse Lautrec in Paris in das Berliner Nachtleben ein. Als stille Beobachterin dokumentiert sie Szenen aus Cafés und Tanzlokalen der Stadt in den „wilden 20ern“. Ebenso zeichnet sie für Satiremagazine wie den Simplicissimus, den Ulk oder die Kunst- und Literaturzeitschrift Jugend. Die Zeichnungen sind mit dem spitzen Stift gemacht, stehen Arbeiten von bekannten Künstlern wie George Grosz oder Otto Dix in nichts nach und werden u.a. von Kurt Tucholsky wegen ihres karikaturistischen Stils gelobt. Mammens Mal- und Zeichenkunst ist nun der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen. Besonders beispielhaft sind dafür die Portraits von Tänzerinnen (Zwei Frauen, tanzend), VarietékünstlerInnen wie dem Travestiestar Babette (Damenimitator Babette I) oder einer Portraitserie von Berliner Persönlichkeiten. Viele Belege dieser Zeit wie Skizzenbücher und Zeitungsexemplare sind in Vitrinen ausgestellt.

Jeanne Mammen, Die Rothaarige, um 1928, Berlinische Galerie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Kai-Anett Becker

In den 1930 Jahren bekommt Mammen eine erste große Ausstellung in der Galerie Gurlitt. Ihr Stil ist nun deutlich veristisch und zeigt auch die Schattenseiten des Elends in der Weimarer Republik, wovon mehrere Papierarbeiten (Leihgeber ist hier vor allem die Berliner Jeanne-Mammen-Stiftung) zeugen. Prägend wird die Begegnung mit dem Bild Guernica von Pablo Picasso auf der Pariser Weltausstellung 1937. Hier beginnt Mammens Auseinandersetzung mit dem Kubismus, der sich in einer Reihe von Gemälden, die in der Haupthalle ausgestellt sind, niederschlägt. Das Vorbild Picasso ist vor allem in Bildern wie Mädchen mit Katze erkennbar. Auch Anleihen an expressionistische Künstler wie Lyonel Feininger (Segelschiff) oder Max Beckmann (Atelierbild, Jongleur) sind erkennbar. Mit dem Gemälde Der Würgeengel bezieht die Künstlerin eine klare Antikriegshaltung.

K. L. Haenchen, Jeanne Mammen in ihrem Atelier in Berlin, um 1946-1947, © Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., Berlin

In den 1940er Jahren verstärkt sich der Trend zur Abstraktion. Mammen rückt in Folge der Verfemung ihrer Kunst durch die Nazis vom Realismus ab. Aus Mangel an Malutensilien beginnt sie kuboexpressionistische Kopfplastiken aus Gips und Ton im Stil von Henry Moore zu fertigen. Diese plastische Phase überträgt sich auch auf ihre Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg. In Stürzende Fassaden zeigt Mammen das zerstörte Berlin. Die Künstlerin will nicht mehr realistisch malen, weil sie diese Kunstrichtung von den Nazis vereinnahmt sieht. Mammen nimmt die „Antibilderpille“, wie sie es später selbst scherzhaft formuliert, und versucht sich neu zu orientieren. In den 1950er Jahren entstehen informelle Fantasiebilder wie Mondsüchtiger oder Auratisches Profil. Das Gemälde Kirchenfenster erinnert sogar an der Dripping-Technik Jackson Pollocks.

Jeanne Mammen, Photogene Monarchen, um 1967, Leihgabe des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft, Berlin-Buch, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., Berlin

Der letzte Raum der Ausstellung widmet sich dann ganz dem Spätwerk der Künstlerin ab den 1960er Jahren. Sie malt nun zeichenhaft abstrakt, ähnlich wie Paul Klee oder Jean Miro. Die Vergleiche drängen sich auf, Mammen fügt ihren meditativen Gemälden aber kleine Accessoires aus buntem Stanniol- und Schokoladenpapierschnipseln bei. Zudem nimmt sie religiöse Motive aus ihrem Frühwerk wie die Erscheinungen des Heiligen Antonius in der Wüste wieder auf und nennt die Gemälde Strandgut, Kontemplation (Wellen) oder Die Kreuzigung. Ihre Bilder sind durchzogen von Traumvisionen, psychologischen Symbolen (Der durchbohrte Mond, Kampfgeister) und Totemfiguren (Photogene Monarchen). Mammen ist dabei von der Poesie Rimbauds und Flauberts inspiriert, die sie beide auch ins Deutsche übersetzt hat. In der Mitte des Raumes hängen zum Vergleich ihre frühen, symbolistischen Papierarbeiten. Es entstehen aber auch wieder sehr rätselhafte Gemälde zum Thema Karneval und Varieté wie Marionetten oder Schaubude. So wenig Aufhebens Jeanne Mammens um ihre Kunst machte, so wenig ist auch aus ihrem Privatleben bekannt. Ihre Bilder sprechen für sich, und es ist ein Erlebnis, mit ihnen durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu gehen.

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Jeanne Mammen. Die Beobachterin
Retrospektive 1910 – 1975
06.10.2017 – 15.01.2018
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin

Infos: https://www.berlinischegalerie.de/

Zuerst erschienen am 17.10.2017 auf Kultura Extra.

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Raum und Bild – Ausstellungen von Monica Bonvicini und Norbert Bisky in der Berlinischen Galerie und der Galerie König

Mittwoch, September 27th, 2017

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Monica Bonvicini, Breathing, 2017 – Courtesy the artist and König Galerie, Berlin; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Galleria Raffaella Cortese, Mailand. Ausstellungsansicht, Berlinische Galerie, 2017. © Monica Bonvicini and VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Foto: Jens Ziehe

Seit dem Gewinn des Goldenen Löwen bei der Kunst-Biennale in Venedig 1999 hat sich die 1965 in der italienischen Lagunenstadt geborene Konzept-Künstlerin Monica Bonvicini zu einer wichtigen Größe in der zeitgenössischen Kunstszene entwickelt. Mittlerweile in Berlin lebend hat sie an zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen in Hamburg, München, Wien, Paris, London oder Chicago teilgenommen sowie weitere Kunst-Preise erhalten. So etwa den Preis der Berliner Nationalgalerie für junge Kunst 2005 mit einer Installation, bei der sie Utensilien der S/M-Kultur aus Latex und Ketten in den Hamburger Bahnhof hängte. Ursprünglich von der Malerei kommend hat sich Monica Bonvicini seit Mitte der 1990er Jahre auf raumgreifende, zum Teil recht monumentale Installationen spezialisiert, in denen sie sich mit den Themen Macht, Sexualität und Verführung in der uns umgebenden Architektur auseinandersetzt. Zu ihrem Oeuvre gehören Werke der Objekt- und Videokunst wie auch grafische Arbeiten, mit denen sie die Ausstellungsräume gestaltet.

So auch jetzt in der Berlinischen Galerie, in der zur diesjährigen Berlin Art Week die Ausstellung 3612,54 m³ vs 0,05 m³ eröffnet wurde. Monica Bonvicini stellt hier ihr eigenes Raumvolumen dem der hohen Eingangshalle der Berlinischen Galerie gegenüber. Mit auf Baustellen in Istanbul gefundenen Abgrenzungszäunen aus Stahlplatten hat sie die Halle nochmal begrenzt. Man kann sie durch eine Tür in der raumhohen Stahlwand (Passing) betreten. In der Halle hat die Künstlerin verschiedene Objekte zu einer Rauminstallation zusammengestellt. Auch hier ist es ein Mix aus raumgreifenden kinetischen und kleineren Objekten aus dem Alltag und der Fetischszene, die das Publikum verstören sollen.

 

Monica Bonvicini, Waiting #1, 2017 – Courtesy the artist and König Galerie, Berlin; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Galleria Raffaella Cortese, Mailand, Ausstellungsansicht, Berlinische Galerie, 2017. © Monica Bonvicini und VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Foto: Jens Ziehe

 

Bonvicini will eine Art Unbehagen beim Betrachter erzeugen, ein Gefühl der Enge, wie etwa in einem Flüchtlingscontainer. Die Thematik ist wie gesagt nicht neu, schon in Venedig 1999 hängte die Künstlerin Kettensägen in Latexriemen oder Ledereier an die Wände. So auch hier mit der allerdings recht verspielt wirkenden Installation Belts Ball (double ball), bei der zwei aus Ledergürteln gefertigte Bälle in der einen Ecke der Halle hängen. In der Mitte ist die kinetische Objekt-Installation Breathing angeordnet. Eine von der Decke hängende Peitsche aus einem starken Seil, an dem wieder mehrere Ledergürtel hängen und beim Schleifen über den Boden ein metallisches Geräusch erzeugen. Über Luftdruck wird diese Installation angetrieben. Die Peitsche bewegt sich dann spontan mit einer Art Fauchen im Raum, das an ein Atmen erinnert. So kann sie dabei auf die BesucherInnen schon mal bedrohlich wirken, hängt aber meist nur schlaff von der Decke.

Der Raum wirkt eigentlich nur durch den Vergleich von Leere und Enge. So fühlt man sich allein eher verloren, mit mehreren Menschen könnte sich schon ein Gefühl der Beklemmung ergeben. Weitere Objekte zeigen das verbogene Abgrenzungsgeländer eines Wartebereichs (Waiting), an dem an einer Kette Handschellen hängen, oder zwei Stahlstützen, die schräg an der Wand verschraubt sind und Diener heißen, sowie ein Lichtschalter aus weiß gefärbter Bronze, den Bonvicini ironisch The Beauty You Offer Under the Electric Light nennt. Die Schönheit, die sich hier im gleißenden Licht der Halle präsentiert, wirkt in ihrem Fetischmaterial zwar verführerisch, ist aber anderseits auch sehr trügerisch.

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Ergänzend zur Ausstellung in der Berlinischen Galerie hat die in unmittelbarer Nähe befindliche Galerie König, die Monica Bonvicini in Berlin vertritt, ein weiteres Werk der Künstlerin ausgestellt. Parallel zur 15. Istanbul Biennale, bei der Bonvicini vertreten ist, zeigt die Galerie eine ikonische Installation der Künstlerin. Dazu muss man wissen, dass die Galerie König seit vier Jahren in der ehemaligen St. Agnes Kirche in Kreuzberg residiert. Die 1964 vom Architekten Werner Düttmann erbaute Kirche ist ein quaderförmiger Betonbau mit angrenzender Sakristei und Glockenturm, die seit 2004 nicht mehr als katholisches Gotteshaus genutzt wird. Im Turm von St. Agnes, zu dem man einige Stufen in einem Beton-Treppenhaus aufsteigen muss, ist die Installation Bonded Eternmale zu sehen. Monica Bonvicine setzt hier eine bereits 2001 begonnene Idee über stereotypische Männerwohnungen fort. Die Installation zeigt zwei klassische Willy Guhl Eternit Stühle und einen Tisch, bezogen mit S/M anmutenden Lederbezügen auf einem schwarzen Linoleum Boden mit Leder-Ästhetik sowie einen Luftbefeuchter voll mit Whiskey. Eine ironische Verbindung von fetischisierten Baumaterialen mit Geschlechterrollen und deren Lebensstil.

 

Norbert Bisky in der Galerie König – Foto: St. B.

 

Ähnlich verstörend, aber auf eine eher faszinierende Art, sind die eine Etage tiefer ausgestellten, zumeist großformatigen Gemälde des Berliner Malers Norbert Bisky, die sich durch ihre explodierenden Farben und beunruhigenden Bildszenen auszeichnen. Meist handeln sie sehr konkret von Chaos, Gewalt und Zerstörung, die der Maler auf eine sehr extreme Weise ästhetisiert. Der Titel der Ausstellung Trilemma fokussiert auf eine dreifache Ausweglosigkeit in einer aus den Fugen geraten Welt. Bisky, der sich auch oft in Tel Aviv und Rio de Janeiro aufhält, reflektiert in seinen Bildern die ihn umgebende Realität wie auch die täglich auf uns einstürmenden Medienbilder. Vor neun Jahren hat Norbert Bisky einen terroristischen Anschlag in einem Hotel in Mumbay erlebt. Seine Albträume zwischen Schönheit und Apokalypse spiegeln sich nun in diesen Gemälden, die in der Ausstellung noch durch kleinformatigere Papierarbeiten ergänzt werden.

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Monica Bonvicini
3612,54 m³ vs 0,05 m³
16.09.2017 – 26.02.2018
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts
Alte Jakobstraße 124–128
Infos: https://www.berlinischegalerie.de/home/

Monica Bonvicine – Bonded Eternmale
Nerbert Bisky – Trilemma
09.09 – 08.10.2017
König Galerie, St. Agnes
Alexandrinenstr. 118–121
10969 Berlin
Infos: http://www.koeniggalerie.com/

Weitere Infos siehe auch: http://monicabonvicini.net/

Zuerst erschienen am 25.09.2017 auf Kultura-Extra

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Die Kunstmessen „art Berlin“ und „Positions“ auf der Berlin Art Week 2017

Freitag, September 22nd, 2017

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Die neue art berlin löst die alte art berlin contemporary ab und präsentiert sich neu als reine Verkaufs-Messe mit 112 Galerien in der Station Berlin am Gleisdreieck

Fünf Jahre lang bildete die art berlin contemporary (abc) das Flaggschiff der Berlin Art Week. Wegen schlechter Umsätze im letzten Jahr geriet die bis dato kuratierte Kunstmesse in Schieflage und tritt nun unter neuem Namen art berlin und mit neuem Partner, der Koelnmesse, wieder als klassische Verkaufsschau auf. Das bedeutet eine Rolle rückwärts in die Zeit der Kojen-Anordnung, weg von der freien Stellung einzelner Künstlerpositionen in der architektonisch beeindruckenden Weite der Hallen in der Station Berlin am Gleisdreieck. Einerseits schade, ist es doch anderseits nachvollziehbar – die Galerien wollen ihre KünstlerInnen für das interessierte Sammlerklientel präsentieren.

Ai Weiwei bei der Galerie neugerriemschneider – Foto: St. B.

In der globalisierten Kunstwelt erhoffen sich art berlin-Chefin Maike Cruse und Art-Cologne-Direktor Daniel Hug durch die Kooperation der Galeriestandorte Köln und Berlin einige Synergien im Bereich der modernen und zeitgenössischen Kunst. Mit 112 Galerien platzt die Messe in diesem Jahr allerdings aus allen Nähten. Doch Maike Cruse denkt bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der art berlin bereits an eine Erweiterung. Lieber nicht, denkt man sich da beim Rundgang durch die zwei großen, mit Galerie-Kojen vollgestellten Hallen. Masse ist nicht immer gleichbedeutend mit Klasse. Und zwischen den großen Stars der internationalen Kunstszene geht da so manches Neue unter.

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Einen guten Überblick über den aktuellen Kunstmarkt bietet die erste art berlin dann aber schon. Es gibt eine Mischung aus altbekannten abc-Teilnehmern, jungen Galerien und klassischer Moderne zu sehen. 30 Galerien präsentieren auch weiterhin die traditionellen Soloshows einzelner KünstlerInnen. So zeigt etwa die Galerie Sprüth Magers in einer grünen Box eine wuselige Atelier-Installation des deutschen Kunst-Enfant-Terribles John Bock, der jüngst erst in einer Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie zu bewundern war. Neugerriemschneider fokussiert sich ganz auf Gemälde, Skulpturen und Installationen des in Berlin lebenden chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Die Galerie Karin Guenther hat die Wände ihrer Koje komplett mit den provakanten Text-Bildern aus dem Raumjournal für Schweinezyklen des Künstlers Gunter Reski ausgestaltet.

 

 

Mark Dion, Monster, 1998 – Courtesy the artist and Galerie Nagel Draxler, Berlin-Cologne

 

Azade Köker, Entkettet bei der Zilberman Gallery – Foto St. B.

Recht interessant sind die von der Galerie Nagel Draxler präsentierten Werke des US-amerikanischen Objektkünstlers Mark Dion. Er beschäftigt sich in seinen Installationen mit der kulturellen Repräsentation von Phänomenen der Natur, die er für eine raffinierte Arena für die Produktion von Ideologien hält. So zeigt der Naturschützer Dion in Monster die Nachbildung eines fossilen Artefakts wie in einer zoologischen Monstrositätenschau. Monströs aber meist eher sehr ironisch geht es auch beim kanadischen Zeichner und Objektkünstler Marcel Dzama zu. Seine Papierarbeiten bei der schwedischen Galleri Magnus Karlsson werden von fotorealistischen Gemälden der schwedischen Malerin Sara-Vide Ericson und fantastischen Tierskulpturen aus glasiertem Steingut der tschechischen Künstlerin Klara Kristalova flankiert.

Starke Kunstpositionen von Frauen gibt es auch bei Soy Capitán mit Objekten von Camilla Steinum und Zeichnungen von Grace Weaver, oder bei Sperling mit Objekten und Collagen der britischen Künstlerin Anna McCarthy. Anna Vogel zeigt ihre abstrakten Pigmentdrucke von überarbeiteten Digitalfotografien bei der Düsseldorfer Galerie Conrads. Bei der Zilberman Gallery fällt die Großskulptur Entkettet der in Berlin lebenden türkischen Künstlerin Azade Köker auf.

 

Katharina Sieverding, Transformer I A/B, 1973
© Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst, Foto © Klaus Mettig, Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf

 

Magische Schwarz-Weiß-Fotografien menschenleerer Orte von Gregory Crewdson und Katharina Sieverdings Doppelportrait Transformer I A/B hängen bei der Galerie Wilma Tolksdorf. Grafikserien von Daniel Richter und Rodney Graham gibt es bei den Galerien Sabine Knust und Esther Schipper. Die Londoner Pippy Houldsworth Gallery kombiniert die Gemälde der britischen Künstlerin Jadé Fadojutimi mit denen des Berliner Malers Uwe Henneken. Kunst, die sich an der kolonialen Vergangenheit Europas abarbeitet, ist bei der Galerie Barbara Thumm mit Martin Dammanns Gemälde Greetings und Tuschezeichnungen des peruanischen Künstlers Fernando Bryce zu sehen. Surreale Mischtechniken von Hans Weigand, der sich an alten Werken der Renaissance oder des japanischen Holzschnitts wie Hokusais großer Welle orientiert, zeigt die Gabriele Senn Galerie. Die Wiener Galerie Elisabeth & Klaus Thoman wartet mit Gemälde von Maria Brunner und Herbert Brandl auf.

 

Martin Dammann, Greetings, 2016-2017 – Courtesy the artist and Galerie Barbara Thumm

 

Junge witzige Objekt-Kunst präsentiert die Leipziger Galerie Tobias Naehring. Wilhelm Klotzek bringt in seiner Zigarettenskulptur an einem Straßenschild die Erfurter Fotografin Gundula Schulze Eldowy mit dem kritischen DDR-Dichter Adolf Endler zusammen. Eva Grubinger hat mit Untitled (Problem No. 2) ein Kunstwerk aus Seil und Ringen zwischen Geschicklichkeitsspiel und Fetischobjekt geschaffen. Und wenn wir bei Leipzig sind, darf die Galerie Eigen+Art nicht fehlen. Im Programm sind dort Objekte von Olaf Nicolai und Gemälde von Martin Eder, Tim Eitel und Nicola Samori, die die insgesamt recht starke Malereisektion der art berlin komplettieren.

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art berlin
14.09. bis 17.09.2017
in der Station Berlin
Luckenwalder Str. 4–6.
Tickets: 16 Euro.

Infos: http://artberlinfair.com/

Katharina Sieverding, Transformer I A-B, 1973 – (c) Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst; Foto: Klaus Mettig, VG Bild-Kunst Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf

Zuerst erschienen am 16.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Die POSITIONS Berlin Art Fair überzeugt in der Arena in Treptow mit viel zeitgenössischer Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie im mittleren Preissegment

Im nunmehr vierten Jahren ihres Bestehens hat sich die 2014 von Berliner Galeristen Kristian Jarmuschek gegründete POSITIONS Berlin Art Fair zum festen Bestandteil der Berlin Art Week entwickelt. Mehr als eine bloße Satellitenmesse zur vorherigen art berlin contemporary und jetzigen art berlin versteht sich die POSITIONS als Messe für Newcomer genauso wie für Galerien mit langjähriger Ausstellungstradition. Man will mit Wiedererkennungswert und neuen Perspektiven auf die Kunst sowohl etablierte Sammler als auch ein junges kunstinteressiertes Publikum erreichen. Vom letztjährigen Veranstaltungsort dem Postbahnhof ist die POSITIONS in die 6.500 qm große Halle der Arena Berlin zurückgekehrt. Hier zeigen in diesem Jahr 84 ausgewählte internationale Galerien aus 15 Ländern ihre prägnanten künstlerischen Positionen der zeitgenössischen und modernen Kunst.

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Schon immer war die POSITION ein guter Ort für die verschiedensten Arten von Malerei und Grafikkunst. In diesem Jahr ist das besonders augenfällig. Zu entdecken gibt es u.a. die entfernt an Francis Bacon erinnernden verswischten Öl-Portraits auf MDF-Platte von Justine Otto, die vom Hamburger Polarraum vertreten wird. Großformatige Acrylportraits von Lars Teichmann präsentiert Lachmann Art aus Konstanz. Jarmuschek+Partner zeigen Moritz Schleime mit einer Serie kleinformatigen Ölbilder, mit denen der Cornelia Schleie-Sohn motivisch tief in der Kunstgeschichte fischt. Die Berliner Galerie Gerken hat ihren neuen Malerstar Dieter Mammel mitgebracht. Schon beim Galerie Weekend im Frühjahr beeindruckten seine verrätselten, meist einfarbig gehaltenen Gemälde aus einem Tusche-Acryl-Mix. Bei der Galerie Robert Drees aus Hannover fällt ein großes Frauen-Portrait von Hanna Nitsch aus Tusche und Grafitstift auf Papier ins Auge. Die Berliner Galerie Burster hat mit Katharina Albers, Alex Feuerstein und Wolfgang Ganter gleich drei Positionen Malerei im Angebot. Flankiert werden sie von Plastiken des Japaners Hirofumi Fujivara.

 

Dieter Mammel, The Messenger (Western Storm), 2017
(c) Galerie Gerken

 

International wird es auch mit farbigen Kreidearbeiten des 1992 an AIDS gestorbenen US-amerikanischen Künstlers Patrick Angus, der neben deutschen Malergrößen wie Rainer Fetting und Jochen Hein bei der Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs zu finden ist. Eine Art griechischen Neo Rau zeigen mit Tassos Missouras die Athener Kaplanon Galleries. Sebastian Meschenmooser zeigt bei der Frankfurter Galerie Greulich seine Ölgemälde gestrandeter Gulliver-Astronauten. Bei so viel gegenständlicher Malerei haben es abstrakte Positionen häufig schwer. Die Kreuzberger Galerie Sievi präsentiert da mit Darko Lesjak und Oliver Messas gleich zwei ganz interessante Künstler. Bei der Berliner Galerie aquabitArt hängen die monochromen Tuschearbeiten der Brasilianerin Paula Klien. Chinesische Tuschemalereien des südkoreanischen Malers Jong-Taek Woo zeigt auch die Nürnberger Bode Galerie. Sie werden von den Kopfbronzen des Bildhauers Dietrich Klinge ergänzt.

 

Martin C. Herbst bei der Christopher Cutts Gallery
Foto: St. B.

 

 

Einen interessanten Bildträger benutzt der bei der Berliner Galerie Born ausgestellte französische Maler Daniel Schlier. Seine zum Teil recht ironischen Bildmotive mit dem europäischen Stier oder röhrendem Hirschen arbeitet der gebürtige Elsässer mit Öl und Blattgold auf unterschiedlich gemusterte Marmorplatten. Regelrecht poppig wird es bei der Wiener Galerie Ernst Hilger, die neben dem Altmeister Hermann Nitsch, Papierarbeiten des isländischen Pop-Art- und Comic-Künstlers Erró, einen Doppel-Che-Guevara auf Papier von Bernard Rancilllac und kleinformatige Acrylmalereien von Andreas Leikauf anbietet. Interessant sind auch die großköpfigen Portraits der Niederländerin Tamara Muller bei der Galerie Bart aus Amsterdam. Große Gesichter schauen einen auch aus den Glaskugeln von Martin C. Herbst bei der kanadischen Christopher Cutts Gallery an. Mat Brown zeigt dort surreale, farbige Tuschearbeiten auf Papier.

 

Hanna Nitsch, Rema est # 1 – (c) Galerie Robert Drees

 

Geschnitten, geklebt und collagiert wird von Marion Eichmann bei Tammen & Partner sowie von Fritz Bornstück bei der Galerie Greulich. Wer es traditionell und etabliert mag, ist bei beim Kölner Kunsthandel Osper richtig. Hier hängen Malergrößen wie Markus Lüpertz mit ein paar großformatigen Papierarbeiten und Klaus Fußmann mit Blumenaquarellen. Die beiden deustchen Malerfürsten werden auch hier von Bronzen des Bildhauers Hannes Helmke gut ergänzt. Die Berliner Galerie Poll hat mit dem Dresdner Volker Stelzmann eine Ex-DDR-Malergröße im Angebot. Realistische Malerei in verschieden Facetten gibt es auch bei Westphal Berlin mit CD Aschaffenburg oder bei der Nürnberger Galerie Von&Von mit Konstantin Schroeder und Kathrin Rank bei. Gräfe Art.Concept zeigt die pastösen Acryl-Gemälde des polnischen Malers Leszek Skurski.

 

Wolfgang Stiller bei der Galerie Schmalfuss Berlin
Foto: St. B.

 

Neben der Malerei ist die Plastik ebenfalls stark auf der POSITONS vertreten. Von der BERLINER LISTE hierher gewechselt ist der Holzbildhauer Edvardas Racevicius. Seine mit dem Werkstoff Holz verwachsenen Figuren sind bei der Galerie Peters-Barenbrock aus Ahrenshoop zu sehen. Aus Eiche sind die alltägliche Codes, Tabellen und Kurvendiagramme darstellenden Holzreliefs von Mathias Hornung bei der Reutlinger Galerie Reinhold Maas. Interessant sind auch die vielschichtigen Gruppenausstellungen bei Brennicke Fine Art und der mianki.Gallery. Dort überzeugen vor allem die Malerinnen Anna Bittersohl und Franziska Maderthaner sowie die fragilen Plastiken der Bildhauerin Tina Heuter und Laubbilder, für die der Künstler Michael Schuster Fotografien zur Grundlage nimmt. Schmalfuss Berlin zeigt Epoxidharz-Plastiken von Oliver Czernetta und die überdimensionalen schwarzen Streichholzköpfe von Wolfgang Stiller.

 

Patrick Angus, Rainbow flag Pool table, 1987; Kreide auf Papier, 22.6 x 30.5 cm – (c) The Estate of Patrick Angus

 

Eine gute Mischung aus Fotografie, Grafik und Plastik haben auch die Hamburger Galerie Cometer | Persiehl und Heine sowie die Frankfurter Galerie Hübner & Hübner im Angebot. Hier faszinieren vor allem die Platin Palladium Prints von Gregor Törzs und die Plastiken von Carole Feuermann. Starke Fotoarbeiten gibt es von Anna Bresoli bei der Projekteria (Art Gallery) aus Barcelona und von bei der Schweizer Brouwer Edition von Dierk Maass und bei der Warschauer Galeria Apteka Sztuki die eindrucksvollen schwarz-weißen Gesichtslandschaften des Kubaners Stéphane Noël. Ein echter Hingucker ist nicht zuletzt auch die digital montierte und aus Jacquardstoff gearbeitete Großtapisserie Stadt der Frauen von Magret Eicher bei der Berliner Galerie Horst Dietrich.

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POSITIONS Berlin Art Fair
Vom 14. – 17. September 2017
In der Arena Berlin
Eichenstr. 4
Tickets: 12 Euro

Infos: http://positions.de/

Zuerst erschienen am 18.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Die 14. BERLINER LISTE ist etwas verkleinert in die Hallen des Postbahnhofs umgezogen und präsentiert wieder ein ausgewähltes Angebot an Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie für den kleineren Geldbeutel

Mittwoch, September 20th, 2017

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Hatte die BERLINER LISTE 2016 noch den Platz der größten Kunstmesse in Berlin inne, muss sich die jährlich parallel zur Berlin Art Week laufende BERLINER LISTE 2017 (als Entdeckermesse für zeitgenössische Kunst in ihrer 14. Ausgabe) allerdings damit begnügen, die älteste unter den noch bestehenden Berliner Verkaufsmessen zu sein. Konnte man im letzten Jahr noch 112 Aussteller (so viel wie die berlin art in diesem Jahr) präsentieren, so sind es 2017 nur noch 90, die allerdings aus 34 Ländern und 5 Kontinenten stammen. So international war die BERLINER LISTE laut Messedirektor Jörgen Golz noch nie. Aber auch hier hat die Krise auf dem globalisierten Kunstmarkt zugeschlagen, da braucht es einiges an aufmunternden Worten zur Eröffnung am Donnerstagnachmittag, einen Tag später als sonst. Auch der Umzug in die im Vergleich zum alten Standort Kraftwerk Mitte recht übersichtlichen Hallen im Postbahnhof am Ostbahnhof muss erwähnt werden. Und ähnlich wie die neue art berlin pflegt die BERLINER LISTE schon länger die Kooperation mit Köln und Frankfurt/M.

 

Solo Show Jim AvignonFoto: St. B.

Die Messe-Verantwortlichen haben zwar ihr Konzept aus verschiedenen Sektionen wie Urban Art, Fotografie, separaten Artist- und klassischen Galeriepräsentationen beibehalten, aber deutlich wahrnehmbare Schnitte vollzogen. Das kann für die Qualität der gezeigten Kunst nur gut sein. Viel Gefälliges und Dekoratives verstellte in den letzten Jahren die Sicht auf wirklich Neues. Den Ruf als junge Entdeckermesse lassen sich die Veranstalter aber dennoch nicht nehmen. Große Namen wird man hier schwerlich finden, dafür aber Kunst in allen Geschmacksrichtungen zu durchaus erschwinglichen Preisen. Als sogenannte „Einstiegsdroge“ hat die BERLINER LISTE eine auf 10 Exemplare limitierte Edition von 10 Kunst-Positionen des Jahrgangs für je 100 Euro herausgegeben.

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Rainer Jacob, Radiator – Foto: St. B.

Im Erdgeschoss der Halle befinden sich Fotosektion und Urban Art, für der Berliner Künstler Jim Avignon in diesem Jahr eine Soloshow in Zusammenarbeit mit der URBAN SPREE Galerie aufgebaut hat – eine Art visueller Internet-Jahrmarkt aus Street Art und Installationen zum Thema World Wide Web. Wie im letzten Jahr präsentiert daneben die Berliner OPEN WALLS Gallery Sreet Art von ALIAS und eindrucksvolle Portraits von Alevtina Golovin.

In der Foto-Sektion gibt es wieder die noch aus dem letzten Jahr bekannten inszenierten Kunstfotografien des russischen Künstlers Andrey Kezzyn. Neu sind die Eisskulpturen des Leipziger Bildhauers und Fotografen Rainer Jakob, die dieser Undercover wie den hier ausgestellten Heizradiator in der Stadt installiert und das Schmelzen in seinen Fotos dokumentiert. Aus Afghanistan kommt die junge Fotografin Mujaheda Khowajazada, deren schwarz-weiße Frauenportraits durchaus an Shirin Neshat erinnern. Urbane, digital bearbeitete Giclée-Drucke zeigt Jordan Seiler bei Open Walls. Ausladend arrangierte Vanitas-Collagen, Objekte und inszenierte Fotozyklen schafft der auf einem Schloss im brandenburgischen Wrodrow lebende Künstler Sylvester Antony.

 

Mujaheda KhowajazadaFoto: St. B.

 

In der Galerie-Sektion im Obergeschoss zeigt der Londoner Kunstverlag Square Rock Ltd. Werke der Künstler Dante, Anthony Knapik-Bridenne und Travis Durdon zwischen Pop-Art, Comic und Star Wars. Die Galerie Bazis Contemporary aus Cluj-Napoca präsentiert Werke mehrerer rumänischer KünstlerInnen, darunter interessante Mixed-Media-Objekte und Zeichnungen von Zsolt Berszán. Von den Philippinen kommt die Transwinng® Art Gallery, die wimmelige Acrylmalerei von Ms. Anafe Nemenzo und reliefartige Gesichtsskulpturen von Arnel Garcia mitgebracht hat. Einen interessanten Mix aus Fotografie, Malerei und Objektkunst stellt das Berliner KünstlerInnen-Netzwerk Sieben Todsünden rund um die Kreativ-Agentur „Bees & Butterflies“ aus. Hier fallen vor allem die lebensechten Gesichtsskulpturen der Objektkünstlerin Lisa Büscher zum Thema Völlerei auf.

 

Lisa BüscherFoto: St. B.

 

Die Berliner Artgeschoss Galerie zeigt die surrealen Gemälde von Dmitrij Schurbin und Felix Wunderlich. Expressive Acrylmalerei von Kerstin Wüstenhöfer und fotorealistische Gemälde von Igor Strozzega gibt es bei Artinnovation aus Innsbruck. Fotorealistisch arbeiten auch die Berliner Malerin Anne Vonnemann und der Maler Jean-Pierre Kunkel, dessen Gemälde bei der von der Hamburger Galerie Marion Stoeter hängen. Das Künstlerpaar Chris Hartschuh und Paula Bogatti (Hartschuh-Bogatti) arbeiten für ihre Porträt-Serie Silent Portraits mit Printcollagen auf Leinwand. Betsy Weis stellt ihre eindrucksvollen Naturbilder in traditioneller Schwarz-Weiß-Fotografie her. Die wie alte Farbpostkarten wirkenden Bilder von Ron Weis sind dagegen fotorealistisch in Öl gemalt.

 

Igor StrozzegaFoto: St. B.

 

Starke Aquarelle von Urs Bumke sind bei der Greifswalder Galerie Alte Bäckerei zu sehen. Der Hamburger Maler Gregor Kalus überzeugt mit Tuschearbeiten und seiner Portraitserie Facetime. Eine witzige Idee sind die übermalten BVG-Fahrscheine von Peer Kriesel. Überhaupt sind bei vielen Künstlern der BERLINER LISTE der Spaß an der Arbeit und der Bezug zu klassischen Vorbildern spürbar. Nicht zuletzt auch beim niederländischen Künstler Victor Sonna, der die Inspirationen für seine futuristischen Metallobjekte aus der Gegenwart, Tradition und klassischen Moderne zieht.

 

Gregor Kalus, aus der Serie Facetime, Ink on Paper
Foto: (c) Gregor Kalus

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14. BERLINER LISTE
Messe für zeitgenössische Kunst
14. – 17. September 2017
im Postbahnhof Berlin
Straße der Pariser Kommune 8, 10243 Berlin
Eintritt: Tagesticket 13 €, Tagesticket ermäßigt 9 €
beides inkl. Katalog

Infos: https://discoveryartfair.com/de/fairs/berliner-liste/

Zuerst erschienen am 17.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Die OSTRALE 2017 zeigt in den Futterställen des ehemaligen Schlachthofs im Ostragehege Dresden wieder jede Menge internationale zeitgenössische Kunst

Samstag, September 9th, 2017

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Seit 11 Jahren gibt es sie nun schon, die OSTRALE in Dresden. Gegründet wurde sie 2007 von den beiden Dresdner Künstlern Andrea Hilger und Mike Salomon in den Futterställen des alten Erlweinschen Schlachthofs im Ostragehege in direkter Nachbarschaft zur Dresdner Messe. Als internationales Zentrum für zeitgenössische Kunst mittlerweile fest etabliert, musste die jährliche Ausstellung nun allerdings um ihr festes Domizil bangen, da die Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten Gebäude inzwischen als höchst baufällig gelten und die Genehmigung für den weiteren Betrieb nicht mehr erteilte werden kann. Mit der Stadt hat man sich nach langem Hin und Her schließlich auf ein Sanierungskonzept geeinigt. Da der endgültige Zeitplan noch nicht steht, konnte die nun als Biennale laufende Kunstaustellung in diesem Jahr noch einmal stattfinden. Wenn dann das Areal saniert wird, muss die OSTRALE allerdings in noch zu findende Interimsräume umziehen. Sorge und Hoffnung zugleich. Es bleibt also weiterhin spannend um diese ganz besondere Schau unabhängiger internationaler zeitgenössischer Kunst, die von der Malerei über die Fotografie und Plastik bis hin zu Tanz, Video- und Performancekunst so ziemlich alle Genres abdeckt.

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Feng Lu – 13 am Tisch (Detail) – Foto (c) Stefan Bock

Auch in diesem Jahr haben sich die MacherInnen mit 164 eingeladenen Künstler aus 25 Nationen, die insgesamt 1.118 Werke und Werkgruppen präsentieren, wieder einiges vorgenommen. Damit es nicht allzu unübersichtlich wird, gibt es verschiedene Schwerpunkte wie Kunstgeschichte, Zukunft, Identität, Religion oder Krieg und Krise, in die sich die ausgestellten Werke lose einordnen lassen. Dem übergeordnet beschäftigt sich die OSTRALE mit drei weiteren Kernthemen. Mit der Theorie der „Kreativen Klasse“ wird kritisch der Zusammenhang der Aufwertung von Stadtgebieten durch Künstler und Kreative und der einhergehender Gentrifizierung untersucht. Über den „Pilgerweg zur Kunst“ begibt man sich zu urbanen Kunst- und Denkräumen. Mit „re_form & Reformation“ widmet sich auch die OSTRALE dem allgegenwärtigen 500. Reformationsjubiläum und in eigener Sache der Reform von Kunst im Wandel der Zeit sowie alten und neuen Formen der Präsentation.

 

Ostrale 17 – Ausstellungsansicht – Foto (c) Stefan Bock

 

Die OSTRALE will bewusst keine Verkaufsschau sein, die KünstlerInnen werden seit diesem Jahr ausschließlich von den Kuratoren eingeladen. Den einzelnen Ausstellungsräumen auf dem oberen Heuboden und den darunterliegenden Stallungen sind passend zu den politischen Schwerpunktthemen sinngebende Zitate aus Werken bekannter Schriftsteller und Denker wie Antonin Artaud, Jorge Luis Borges, Charles Bukowski, László F. Földényi, Heinrich Heine, Erich Kästner, Heinrich Mann, Fernando Pessoa oder Leo Tolstoi vorangestellt. Nach einem ausgedehnten Rundgang, für den man sich schon etwas Zeit nehmen sollte, fällt es allerdings schwer eine Art Best of der ausgestellten Werke zu küren. Bei der Fülle an Bildern, Fotografien, Objekten, Installationen und Videoarbeiten wird hier sicher auch jeder die Highlights anders setzen.

 

Diamante Feraldo – A nord del futuro (Nördlich der Zukunft)
Foto (c) Stefan Bock

 

Ein wenig düster mutet die Wahl zum Thema Zukunft mit Földényis Kulturgeschichte der Melancholie an. Aber wie es der Autor schon anmerkt: „…ich glaube, dass der Melancholiker dadurch ausgezeichnet ist, dass er sich vor dieser Welt verstecken möchte, er will aber nicht ins Jenseits flüchten, vielmehr ist er vertraut mit einer Geschichte, die verschwiegen und verdrängt wird.“ Man bewegt sich hier vorbei an Peter Makolies Memento-Mori-Sammlung aus Feldstein-Schädeln, träumerischen Zukunftsgemälden von Kerstin Junker und Katrin Königs 6-teiligem Aluminium-Tafelbild santuario (Heiligtum) hin zu Diamante Faraldos umgestürzter Weltkarte A nord del futuro. Alle Gewissheiten sind hier exemplarisch anhand der Auflösung der bekannten Anordnung der Dinge wie Kontinente auf den Kopf gestellt. Die Welt ist aus den Fugen und dichter zusammengerückt.

 

Jean Xavier Renaud – La défaite (Ausschnitt)
Foto (C) Stefan Bock

 

Großes und aktuelles Thema in der Kunst ist nach wie vor die Auseinandersetzung mit der Religion. Hier zeigt die OSTRALE wieder viele KünstlerInnen aus Osteuropa, die diesen Schwerpunkt nahezu dominieren. Aber zunächst begrüßt einen der Anblick von Papst Franziskus auf Jean Xavier Renauds Großgemälde La défaite. Eine in bunten Farben gemalte Allegorie des gesellschaftlichen Scheiterns. Auch Iwona Ogrodzka zeigt in ihrer Mixed-Media-Installation Flight&Church, dass die alte Weltordnung nach dem 11. September 2001 aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ikonografisch arbeiten Pawel Napierala mit seinem umgedrehten Kreuzigungsbild und Petro Ryaska mit seinem, orthodoxen Ikonenbildern nachempfundenen Prayer. Franciszek Orłowski lässt in seinem Video SERCE den Ton der Kirchenglocke in Poznań verstummen. Kritisch setzt sich auch Verena Rempel in ihrer Fotocollage Pieta. Die Mareinklage mit dem neuen Gott Mammon auseinander und Stephan Popella zeigt in seinem Pieta-Gemälde das Problem der Gaffer im Handyzeitalter.

 

Arne Kalkbrenner – Sans-papiers – Foto (C) Stefan Bock

 

Krieg und Krise sind da nicht mehr weit. Hier droht Arne Kalkbrenners MPi red borderline, dort bilden in Parastou Forouhars Kopf-Portraits schwarze und weiße Figuren Vexierbilder der Gewalt. Der japanische Pop-Art-Künstler Keiichi Tanaami zeigt in seinem Video Crayon Angel einen Mix aus bunten Animationen und schwarz-weißen Kriegsbildern. In einer Nische des Raums steht Arne Kalkbrenners identitätslose Flüchtlingsgruppe Sans-papiers (Ohne Papiere). Auch der in Berlin lebende chinesische Bildhauer Feng Lu ist mit zwei Werken auf der Ostrale vertreten, die besonders ins Auge fallen. Ebenso bildgewaltig wie ironisch setzt er sich in Believe Me and God Bless You mit der Geschichte von Religion und Kriegszielen auseinander. Die Epoxidharz-Skulptur zeigt eine Kathedrale in einem Elefantenarsch. In Thirteen at Dinner veranstalten politische Persönlichkeiten eine Art Friedenskonferenz. Ihnen gegenüber sitzen farblose, tierköpfige Gestalten.

 

Fernando Sanchez Castillo – Mauerspringer
Foto (c) Stefan Bock

 

Mit der Miniatur-Figur Mauerspringer gedenkt der spanische Künstler Fernando Sánchez Castillo in seinem gleichnamigen interaktiven Skulpturenprojekt dem Fall der Berliner Mauer. Einen ganzen avantgardistischen Kunststaat präsentieren schließlich internationale KünstlerInnen mit der NSK (Neue Slowenische Kunst) auf der OSTRALE. In den 1980er Jahren um die slowenische Band Laibach gegründet, hat der NSK-Staat mittlerweile sogar eigene Pässe und erklärt immer wieder temporär bestimmte Areale wie etwa 1993 die Berliner Volksbühne zum künstlerischen Staatsgebiet.

 

Anka Leśniak – Women patRIOTs – Foto (C) Stefan Bock

 

Auch in den unteren Räumen des langgezogenen Gebäudekomplexes der OSTRALE befinden sich einige interessante Einzel- und Gruppenwerke. Direkt dort vor Ort hat Matthias Jackisch seine dem Gemälde Das Floß der Medusa von Théodore Géricault nachempfundene Installation Floß aus Holz, Stroh und Gips geformt. Auch das ein Sinnbild für das fast schon schicksalhafte Versagen der modernen Zivilisation. Mit Emanzipation und Patriotismus von polnischen Frauen beschäftigt sich Anka Leśniak in ihrer Mixed-Media-Installation Women patRIOTs.

 

Matthias Jackisch – Floß – Foto (c) Stefan Bock

 

Auch in den unteren Räumen des langgezogenen Gebäudekomplexes der OSTRALE befinden sich einige interessante Einzel- und Gruppenwerke. Direkt dort vor Ort hat Matthias Jackisch seine dem Gemälde Das Floß der Medusa von Théodore Géricault nachempfundene Installation Floß aus Holz, Stroh und Gips geformt. Auch das ein Sinnbild für das fast schon schicksalhafte Versagen der modernen Zivilisation. Mit Emanzipation und Patriotismus von polnischen Frauen beschäftigt sich Anka Leśniak in ihrer Mixed-Media-Installation Women patRIOTs.

 

Vj group CUBE – Multiperson M (mimicry)
Foto (c) Stefan Bock

 

In jedem Falle ein Highlight ist die Gestaltung des Ausstellungsraums hinter Tor 1. Der Chemnitzer Fotograf Thomas Kretschel hat hier mit aqua alta(r) eine fast gruftartige Installation gegen die Zerstörung der Lagunen-Stadt Venedig gebaut. Im Vorraum befinden sich zwei sehr starke Video-Arbeiten zum Thema Identität. Die Vj group CUBE zeigt mit Multiperson M den Versuch einer Person sich der Umgebung anzupassen und Sergiy Petlyuk formt mit aneinandergereihten kopflosen Körperprojektionen auf Oberbekleidung einen neuen biomorphen Ketten-Organismus.

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OSTRALE – Zentrum für zeitgenössische Kunst    
11. Internationale Biennale für zeitgenössische Kunst
28.07.2017 – 01.10.2017
Ostragehege
Messering 8 | 01067 Dresden

Infos: http://www.ostrale.de

Zuerst erschienen am 21.08.2017 auf Kultura-Extra.

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Lucian Freud: Closer – Der Martin Gropius Bau zeigt erstmals Radierungen des britischen Malers aus der UBS Art Collection

Sonntag, August 13th, 2017

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Lucian Freud – Ausschnitt aus Head and Shoulders of a Girl, 1990 – © The Lucian Freud Archive, Bridgeman Images, UBS Art Collection

Lucian Freud (1922-2011) wurde von seinen Kritikern als der „besessenste Maler des Fleisches“ bezeichnet. Seine stark pastösen Gemälde nackter Modelle wirken oft sehr korpulent und auf viele geradezu obszön. Jede Ader, jede Hautfalte, jeder noch so kleine Makel, alles Intime liegt in seinen radikal-realistischen Bildern gnadenlos offen. Aber es ist die Art, wie er die Menschen sah. „Zu den aufregendsten Dingen gehört, durch die Haut hindurchzusehen, bis zum Blut, zu den Venen und Narben.“ Das Innere bildhaft nach außen kehren. Darin ähnelt Lucian Freud seinem Malerkollegen und Freund Francis Bacon. Beide haben sich mehrfach gegenseitig portraitiert.

Die Modelle fand der in Berlin geborene Enkel des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud im direkten Umfeld. „Mein Werk ist rein Autobiografisch. Es ist der Versuch, etwas aufzuzeichnen. Es geht darin um mich und meine Umgebung. Ich male nach Menschen, die mich interessieren und die mir etwas bedeuten und über die ich nachdenke, in Räumen, in denen ich lebe und die ich kenne.“ Auch die Natur und vor allem Tiere tauchen immer wieder in Freuds Gemälden auf. In Kombination sind dies Bilder der Ruhe und Ausgeglichenheit, fast wie fleischgewordene Meditationen.

Wie setzt man diese Art zu Malen nun in das eher reduziertere Medium der Druckgrafik um? Dazu sind im Martin Gropius Bau zurzeit 51 Radierungen Freuds aus der UBS Art Collection zu sehen. Ergänzt werden sie durch ein aquarelliertes Selbstportrait und zwei bekannte Gemälde aus der großen Schweizer Unternehmens-Sammlung. Lucian Freud: Closer ist nach großen Retrospektiven 2010 im Centre Georges Pompidou Paris, 2012 in der National Portrait Gallery London und 2013 im Kunsthistorisches Museum Wien, eine erste Ausstellung mit Werken Freuds in Berlin seit 1991.

 

Lucian Freud: The Painter´s Mother, 1982, Radierung, 29,5 x 24,2 cm © The Lucian Freud Archive, Bridgeman Images UBS Art Collection

 

1922 in Berlin geboren, wanderte der damals 10jährige Freud nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mit seiner Familie nach Großbritannien aus. Mit 16 wurde er britischer Staatsbürger und besuchte bereits die Central School of Art. Kontinuierlich an sich arbeitend hatte Freud mit 21 seine erste eigene Ausstellung. Gezeichnet und radiert hatte er im kleinen Maßstab eigentlich schon immer. Aber erst ab den 1980er Jahren entstanden parallel zu seinen Gemälden viele auch großformatige Radierungen mit den gleichen Motiven. Die ausgestellten Werke stammen bis auf das Aquarell Self-Portrait aus dem Jahr 1974 aus der Zeit von 1982 bis 2001.

Als ironische Wertung der symbolhaft überladenen Werke der Surrealisten, denen er sich nur ganz kurz in den 1940er Jahren zuwandte, ist sein Ausspruch zu verstehen: „Was könnte surrealer sein, als eine Nase zwischen zwei Augen.“ Freud suchte die Wahrhaftigkeit in seinen Portraits. „Ich wünsche mir, dass meine Porträts sozusagen die Leute selbst sind, nicht nur deren äußere Erscheinung.“ Den strengen Maßstab seiner Portraitbilder legte er auch ans eigene Antlitz. Die Ausstellung öffnet mit dem besagten Selbstportrait am Eingang zum ersten Raum, in dem vorwiegend Portraits von Verwandten und Bekannten sowie Londoner Künstlerpersönlichkeiten gezeigt werden, und schließt mit einer sehr düsteren Self-Portrait-Radierung von 1996. Ein tief gefurchtes Gesicht mit dunklen Augenhöhlen und heruntergezogenen Mundwinkeln, nichts beschönigend. Zum Vergleich kann man im ersten Raum eine kleine Serie von Radierungen seiner Mutter betrachten. The Painter‘s Mother von 1982 dokumentiert schon ebenso kompromisslos die Vergänglichkeit des Körpers.

 

 

Lucian Freud: Large Sue, 1995, (Benefits Supervisor Sleeping), Radierung, 82,5 x 67,3 cm
(c) Lucian Freud Archiv/Bridgeman Images UBS Art Collection

 

Weitere Radierungen zeigen vor allem seine Tochter Bella, Bekannte der Familie, wie den Anwalt seines Großvaters Sigmund Freund, oder Freunde und Künstlerkollegen wie den britischen Konzeptkünstler, Bildhauer und Filmemacher Cerith Wyn Evans, dessen Kopf er zusätzlich mit Pastellkreide wild über den Rand der Radierung hinaus kolorierte, oder in Head of a Man und Large Head den australischen Modedesigner und Performancekünstlers Leigh Bowery, der Freud ebenfalls meist nackt Modell stand. Eines davon, Reclining Figure, ist im zweiten Raum zu sehen, der sich ganz Freuds vielen Nacktmodellen widmet. Sie verströmen alle eine ganz spezielle Nähe und Intimität.

Lucian Freud ließ in den Radierungen alles Interieur um seine Modelle weg. Das erweckt tatsächlich den Eindruck von Schwebenden. Als signifikantes Beispiel dafür hängen hier die Bilder der recht barocken Arbeitsamtsangestellten Sue Tilley, die ihm sehr oft Modell saß, oder besser lag. Wie eine schlafende Madonna von Rubens. Als Gemälde erzielten diese Aktbilder auf Auktionen enorme Preise. Die Radierungen Large Sue und Woman with Arm Tattoo sind aber nicht minder eindrucksvoll.

 

Lucian Freud: Double Portrait 1988–1990 (Susanna Chancellor und Freuds Hund Pluto), Öl auf Leinwand, 113,3 x 134,62 cm
(c) The Lucian Freud Archive, Bridgeman Images UBS Art Collection

 

Freuds Vorlieben für Tiere und Naturdarstellungen widmen sich die hinteren Räume der Ausstellung. Hier fasziniert vor allem die Radierung eine feingliedrigen Diestel, ein Motiv, das öfters in seinen Gemälden auftaucht. Ebenso wie Hunde, die er zusammen mit ihren Besitzern portraitierte. Als anschauliches Beispiel dient hier das Gemälde Double Portrait (1988–1990), das Freuds Modell Susanna Chancellor mit seinem Jagdhund Pluto zeigt. In der Radierung reduzierte Freud den Bildausschnitt lediglich auf den Hund, der zu Füßen der Ruhenden liegt.

Vorbilder fand Freud in der klassischen französischen Portrait-Malerei des 18. Jahrhunderts mit Vertretern wie Jean-Auguste-Dominique Ingres oder Jean Siméon Chardin, dessen Gemälde Die Schulmeisterin er in zwei Radierungen adaptierte. Chardin ist als „Maler der Stille“ bekannt, was Freuds Intensionen der Malerei natürlich sehr nahe kommt. In der Radierung The Egyptian Book reflektiert Freud Besuche des Berliner Ägyptischen Museums in seiner Kindheit. Das Bild zeigt das aufgeschlagene Buch Geschichte Ägyptens aus seinem Besitz, mit den Portraits zweier früher ägyptischer Statuen. Ebenfalls eine Referenz an die Kunstgeschichte wie auch an die Vergänglichkeit.

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Lucian Freud: Closer
Radierungen aus der UBS Art Collection
22.07.2017 – 22.10.2017
Martin-Gropius-Bau,  Berlin
Niederkirchnerstraße 7

Infos: https://www.berlinerfestspiele.de/

Zuerst erschienen am 10.08.2017 auf Kultura-Extra.

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