Archive for the ‘Kunst’ Category

Jeanne Mammen. Die Beobachterin – Die Berlinische Galerie widmet der großen Porträtistin der neuen Frau in der Weimarer Republik eine umfassende Retrospektive

Mittwoch, Oktober 18th, 2017

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Jeanne Mammen, o. T. (Selbstbildnis), o. D. (um 1926), Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Mathias Schormann

Jeanne Mammen (1890-1976) ist vor allem als große Porträtistin der „neuen Frau“ in der Weimarer Republik bekannt. Dass ihr künstlerisches Oeuvre weit über die 1920er und 30er Jahre hinausreicht, kann man nun in einer umfassenden Retrospektive, die die Berlinische Galerie der Berliner Malerin und Grafikerin widmet, erleben. Während der Nazi-Diktatur in Deutschland ging Jeanne Mammen nicht nur den Weg in die innere Emigration, sondern widmete sich auch dem Kubismus und nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre verstärkt der Abstraktion und Collagetechnik.

1890 in Berlin geboren, wächst Jeanne Mammen in Paris auf. Als Tochter einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie kann sie gemeinsam mit ihrer Schwester Marie Louise in Paris, Brüssel und Rom Malerei und Grafik studieren. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs muss die Familie über Holland einer Internierung als „feindliche Ausländer“ entfliehen und siedelt sich wieder in Berlin an. Für die junge Frau, der das libertäre Leben in der französischen Metropole fehlt, bedeutet das zunächst eine herbe Umstellung. Sie versucht sich zunächst als Grafikerin. In ihren Märchen- und Bibelzyklen zum Heiligen Antonius ist Mammen noch ganz dem Symbolismus verpflichtet. Schon bald nach dem Krieg bekommt sie erste Aufträge als Werbegrafikerin und Illustratorin. Es entstehen erste Plakate für die boomende deutsche Filmbranche und Zeichnungen für Modemagazine wie Die schöne Frau. Zahlreiche Werke aus dieser Schaffensperiode sind im ersten Raum der Ausstellung zu sehen.

Jeanne Mammen, Die Großstadt, um 1927, Titelblattentwurf für: Die Großstadt, 1927, Jg. I, Heft 1, Berlinische Galerie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Kai-Annett Becker

Verstärkt taucht Jeanne Mammen nun wie einst Henri Toulouse Lautrec in Paris in das Berliner Nachtleben ein. Als stille Beobachterin dokumentiert sie Szenen aus Cafés und Tanzlokalen der Stadt in den „wilden 20ern“. Ebenso zeichnet sie für Satiremagazine wie den Simplicissimus, den Ulk oder die Kunst- und Literaturzeitschrift Jugend. Die Zeichnungen sind mit dem spitzen Stift gemacht, stehen Arbeiten von bekannten Künstlern wie George Grosz oder Otto Dix in nichts nach und werden u.a. von Kurt Tucholsky wegen ihres karikaturistischen Stils gelobt. Mammens Mal- und Zeichenkunst ist nun der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen. Besonders beispielhaft sind dafür die Portraits von Tänzerinnen (Zwei Frauen, tanzend), VarietékünstlerInnen wie dem Travestiestar Babette (Damenimitator Babette I) oder einer Portraitserie von Berliner Persönlichkeiten. Viele Belege dieser Zeit wie Skizzenbücher und Zeitungsexemplare sind in Vitrinen ausgestellt.

Jeanne Mammen, Die Rothaarige, um 1928, Berlinische Galerie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Kai-Anett Becker

In den 1930 Jahren bekommt Mammen eine erste große Ausstellung in der Galerie Gurlitt. Ihr Stil ist nun deutlich veristisch und zeigt auch die Schattenseiten des Elends in der Weimarer Republik, wovon mehrere Papierarbeiten (Leihgeber ist hier vor allem die Berliner Jeanne-Mammen-Stiftung) zeugen. Prägend wird die Begegnung mit dem Bild Guernica von Pablo Picasso auf der Pariser Weltausstellung 1937. Hier beginnt Mammens Auseinandersetzung mit dem Kubismus, der sich in einer Reihe von Gemälden, die in der Haupthalle ausgestellt sind, niederschlägt. Das Vorbild Picasso ist vor allem in Bildern wie Mädchen mit Katze erkennbar. Auch Anleihen an expressionistische Künstler wie Lyonel Feininger (Segelschiff) oder Max Beckmann (Atelierbild, Jongleur) sind erkennbar. Mit dem Gemälde Der Würgeengel bezieht die Künstlerin eine klare Antikriegshaltung.

K. L. Haenchen, Jeanne Mammen in ihrem Atelier in Berlin, um 1946-1947, © Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., Berlin

In den 1940er Jahren verstärkt sich der Trend zur Abstraktion. Mammen rückt in Folge der Verfemung ihrer Kunst durch die Nazis vom Realismus ab. Aus Mangel an Malutensilien beginnt sie kuboexpressionistische Kopfplastiken aus Gips und Ton im Stil von Henry Moore zu fertigen. Diese plastische Phase überträgt sich auch auf ihre Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg. In Stürzende Fassaden zeigt Mammen das zerstörte Berlin. Die Künstlerin will nicht mehr realistisch malen, weil sie diese Kunstrichtung von den Nazis vereinnahmt sieht. Mammen nimmt die „Antibilderpille“, wie sie es später selbst scherzhaft formuliert, und versucht sich neu zu orientieren. In den 1950er Jahren entstehen informelle Fantasiebilder wie Mondsüchtiger oder Auratisches Profil. Das Gemälde Kirchenfenster erinnert sogar an der Dripping-Technik Jackson Pollocks.

Jeanne Mammen, Photogene Monarchen, um 1967, Leihgabe des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft, Berlin-Buch, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., Berlin

Der letzte Raum der Ausstellung widmet sich dann ganz dem Spätwerk der Künstlerin ab den 1960er Jahren. Sie malt nun zeichenhaft abstrakt, ähnlich wie Paul Klee oder Jean Miro. Die Vergleiche drängen sich auf, Mammen fügt ihren meditativen Gemälden aber kleine Accessoires aus buntem Stanniol- und Schokoladenpapierschnipseln bei. Zudem nimmt sie religiöse Motive aus ihrem Frühwerk wie die Erscheinungen des Heiligen Antonius in der Wüste wieder auf und nennt die Gemälde Strandgut, Kontemplation (Wellen) oder Die Kreuzigung. Ihre Bilder sind durchzogen von Traumvisionen, psychologischen Symbolen (Der durchbohrte Mond, Kampfgeister) und Totemfiguren (Photogene Monarchen). Mammen ist dabei von der Poesie Rimbauds und Flauberts inspiriert, die sie beide auch ins Deutsche übersetzt hat. In der Mitte des Raumes hängen zum Vergleich ihre frühen, symbolistischen Papierarbeiten. Es entstehen aber auch wieder sehr rätselhafte Gemälde zum Thema Karneval und Varieté wie Marionetten oder Schaubude. So wenig Aufhebens Jeanne Mammens um ihre Kunst machte, so wenig ist auch aus ihrem Privatleben bekannt. Ihre Bilder sprechen für sich, und es ist ein Erlebnis, mit ihnen durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu gehen.

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Jeanne Mammen. Die Beobachterin
Retrospektive 1910 – 1975
06.10.2017 – 15.01.2018
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin

Infos: https://www.berlinischegalerie.de/

Zuerst erschienen am 17.10.2017 auf Kultura Extra.

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Raum und Bild – Ausstellungen von Monica Bonvicini und Norbert Bisky in der Berlinischen Galerie und der Galerie König

Mittwoch, September 27th, 2017

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Monica Bonvicini, Breathing, 2017 – Courtesy the artist and König Galerie, Berlin; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Galleria Raffaella Cortese, Mailand. Ausstellungsansicht, Berlinische Galerie, 2017. © Monica Bonvicini and VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Foto: Jens Ziehe

Seit dem Gewinn des Goldenen Löwen bei der Kunst-Biennale in Venedig 1999 hat sich die 1965 in der italienischen Lagunenstadt geborene Konzept-Künstlerin Monica Bonvicini zu einer wichtigen Größe in der zeitgenössischen Kunstszene entwickelt. Mittlerweile in Berlin lebend hat sie an zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen in Hamburg, München, Wien, Paris, London oder Chicago teilgenommen sowie weitere Kunst-Preise erhalten. So etwa den Preis der Berliner Nationalgalerie für junge Kunst 2005 mit einer Installation, bei der sie Utensilien der S/M-Kultur aus Latex und Ketten in den Hamburger Bahnhof hängte. Ursprünglich von der Malerei kommend hat sich Monica Bonvicini seit Mitte der 1990er Jahre auf raumgreifende, zum Teil recht monumentale Installationen spezialisiert, in denen sie sich mit den Themen Macht, Sexualität und Verführung in der uns umgebenden Architektur auseinandersetzt. Zu ihrem Oeuvre gehören Werke der Objekt- und Videokunst wie auch grafische Arbeiten, mit denen sie die Ausstellungsräume gestaltet.

So auch jetzt in der Berlinischen Galerie, in der zur diesjährigen Berlin Art Week die Ausstellung 3612,54 m³ vs 0,05 m³ eröffnet wurde. Monica Bonvicini stellt hier ihr eigenes Raumvolumen dem der hohen Eingangshalle der Berlinischen Galerie gegenüber. Mit auf Baustellen in Istanbul gefundenen Abgrenzungszäunen aus Stahlplatten hat sie die Halle nochmal begrenzt. Man kann sie durch eine Tür in der raumhohen Stahlwand (Passing) betreten. In der Halle hat die Künstlerin verschiedene Objekte zu einer Rauminstallation zusammengestellt. Auch hier ist es ein Mix aus raumgreifenden kinetischen und kleineren Objekten aus dem Alltag und der Fetischszene, die das Publikum verstören sollen.

 

Monica Bonvicini, Waiting #1, 2017 – Courtesy the artist and König Galerie, Berlin; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Galleria Raffaella Cortese, Mailand, Ausstellungsansicht, Berlinische Galerie, 2017. © Monica Bonvicini und VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Foto: Jens Ziehe

 

Bonvicini will eine Art Unbehagen beim Betrachter erzeugen, ein Gefühl der Enge, wie etwa in einem Flüchtlingscontainer. Die Thematik ist wie gesagt nicht neu, schon in Venedig 1999 hängte die Künstlerin Kettensägen in Latexriemen oder Ledereier an die Wände. So auch hier mit der allerdings recht verspielt wirkenden Installation Belts Ball (double ball), bei der zwei aus Ledergürteln gefertigte Bälle in der einen Ecke der Halle hängen. In der Mitte ist die kinetische Objekt-Installation Breathing angeordnet. Eine von der Decke hängende Peitsche aus einem starken Seil, an dem wieder mehrere Ledergürtel hängen und beim Schleifen über den Boden ein metallisches Geräusch erzeugen. Über Luftdruck wird diese Installation angetrieben. Die Peitsche bewegt sich dann spontan mit einer Art Fauchen im Raum, das an ein Atmen erinnert. So kann sie dabei auf die BesucherInnen schon mal bedrohlich wirken, hängt aber meist nur schlaff von der Decke.

Der Raum wirkt eigentlich nur durch den Vergleich von Leere und Enge. So fühlt man sich allein eher verloren, mit mehreren Menschen könnte sich schon ein Gefühl der Beklemmung ergeben. Weitere Objekte zeigen das verbogene Abgrenzungsgeländer eines Wartebereichs (Waiting), an dem an einer Kette Handschellen hängen, oder zwei Stahlstützen, die schräg an der Wand verschraubt sind und Diener heißen, sowie ein Lichtschalter aus weiß gefärbter Bronze, den Bonvicini ironisch The Beauty You Offer Under the Electric Light nennt. Die Schönheit, die sich hier im gleißenden Licht der Halle präsentiert, wirkt in ihrem Fetischmaterial zwar verführerisch, ist aber anderseits auch sehr trügerisch.

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Ergänzend zur Ausstellung in der Berlinischen Galerie hat die in unmittelbarer Nähe befindliche Galerie König, die Monica Bonvicini in Berlin vertritt, ein weiteres Werk der Künstlerin ausgestellt. Parallel zur 15. Istanbul Biennale, bei der Bonvicini vertreten ist, zeigt die Galerie eine ikonische Installation der Künstlerin. Dazu muss man wissen, dass die Galerie König seit vier Jahren in der ehemaligen St. Agnes Kirche in Kreuzberg residiert. Die 1964 vom Architekten Werner Düttmann erbaute Kirche ist ein quaderförmiger Betonbau mit angrenzender Sakristei und Glockenturm, die seit 2004 nicht mehr als katholisches Gotteshaus genutzt wird. Im Turm von St. Agnes, zu dem man einige Stufen in einem Beton-Treppenhaus aufsteigen muss, ist die Installation Bonded Eternmale zu sehen. Monica Bonvicine setzt hier eine bereits 2001 begonnene Idee über stereotypische Männerwohnungen fort. Die Installation zeigt zwei klassische Willy Guhl Eternit Stühle und einen Tisch, bezogen mit S/M anmutenden Lederbezügen auf einem schwarzen Linoleum Boden mit Leder-Ästhetik sowie einen Luftbefeuchter voll mit Whiskey. Eine ironische Verbindung von fetischisierten Baumaterialen mit Geschlechterrollen und deren Lebensstil.

 

Norbert Bisky in der Galerie König – Foto: St. B.

 

Ähnlich verstörend, aber auf eine eher faszinierende Art, sind die eine Etage tiefer ausgestellten, zumeist großformatigen Gemälde des Berliner Malers Norbert Bisky, die sich durch ihre explodierenden Farben und beunruhigenden Bildszenen auszeichnen. Meist handeln sie sehr konkret von Chaos, Gewalt und Zerstörung, die der Maler auf eine sehr extreme Weise ästhetisiert. Der Titel der Ausstellung Trilemma fokussiert auf eine dreifache Ausweglosigkeit in einer aus den Fugen geraten Welt. Bisky, der sich auch oft in Tel Aviv und Rio de Janeiro aufhält, reflektiert in seinen Bildern die ihn umgebende Realität wie auch die täglich auf uns einstürmenden Medienbilder. Vor neun Jahren hat Norbert Bisky einen terroristischen Anschlag in einem Hotel in Mumbay erlebt. Seine Albträume zwischen Schönheit und Apokalypse spiegeln sich nun in diesen Gemälden, die in der Ausstellung noch durch kleinformatigere Papierarbeiten ergänzt werden.

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Monica Bonvicini
3612,54 m³ vs 0,05 m³
16.09.2017 – 26.02.2018
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts
Alte Jakobstraße 124–128
Infos: https://www.berlinischegalerie.de/home/

Monica Bonvicine – Bonded Eternmale
Nerbert Bisky – Trilemma
09.09 – 08.10.2017
König Galerie, St. Agnes
Alexandrinenstr. 118–121
10969 Berlin
Infos: http://www.koeniggalerie.com/

Weitere Infos siehe auch: http://monicabonvicini.net/

Zuerst erschienen am 25.09.2017 auf Kultura-Extra

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Die Kunstmessen „art Berlin“ und „Positions“ auf der Berlin Art Week 2017

Freitag, September 22nd, 2017

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Die neue art berlin löst die alte art berlin contemporary ab und präsentiert sich neu als reine Verkaufs-Messe mit 112 Galerien in der Station Berlin am Gleisdreieck

Fünf Jahre lang bildete die art berlin contemporary (abc) das Flaggschiff der Berlin Art Week. Wegen schlechter Umsätze im letzten Jahr geriet die bis dato kuratierte Kunstmesse in Schieflage und tritt nun unter neuem Namen art berlin und mit neuem Partner, der Koelnmesse, wieder als klassische Verkaufsschau auf. Das bedeutet eine Rolle rückwärts in die Zeit der Kojen-Anordnung, weg von der freien Stellung einzelner Künstlerpositionen in der architektonisch beeindruckenden Weite der Hallen in der Station Berlin am Gleisdreieck. Einerseits schade, ist es doch anderseits nachvollziehbar – die Galerien wollen ihre KünstlerInnen für das interessierte Sammlerklientel präsentieren.

Ai Weiwei bei der Galerie neugerriemschneider – Foto: St. B.

In der globalisierten Kunstwelt erhoffen sich art berlin-Chefin Maike Cruse und Art-Cologne-Direktor Daniel Hug durch die Kooperation der Galeriestandorte Köln und Berlin einige Synergien im Bereich der modernen und zeitgenössischen Kunst. Mit 112 Galerien platzt die Messe in diesem Jahr allerdings aus allen Nähten. Doch Maike Cruse denkt bei der Pressekonferenz zur Eröffnung der art berlin bereits an eine Erweiterung. Lieber nicht, denkt man sich da beim Rundgang durch die zwei großen, mit Galerie-Kojen vollgestellten Hallen. Masse ist nicht immer gleichbedeutend mit Klasse. Und zwischen den großen Stars der internationalen Kunstszene geht da so manches Neue unter.

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Einen guten Überblick über den aktuellen Kunstmarkt bietet die erste art berlin dann aber schon. Es gibt eine Mischung aus altbekannten abc-Teilnehmern, jungen Galerien und klassischer Moderne zu sehen. 30 Galerien präsentieren auch weiterhin die traditionellen Soloshows einzelner KünstlerInnen. So zeigt etwa die Galerie Sprüth Magers in einer grünen Box eine wuselige Atelier-Installation des deutschen Kunst-Enfant-Terribles John Bock, der jüngst erst in einer Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie zu bewundern war. Neugerriemschneider fokussiert sich ganz auf Gemälde, Skulpturen und Installationen des in Berlin lebenden chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Die Galerie Karin Guenther hat die Wände ihrer Koje komplett mit den provakanten Text-Bildern aus dem Raumjournal für Schweinezyklen des Künstlers Gunter Reski ausgestaltet.

 

 

Mark Dion, Monster, 1998 – Courtesy the artist and Galerie Nagel Draxler, Berlin-Cologne

 

Azade Köker, Entkettet bei der Zilberman Gallery – Foto St. B.

Recht interessant sind die von der Galerie Nagel Draxler präsentierten Werke des US-amerikanischen Objektkünstlers Mark Dion. Er beschäftigt sich in seinen Installationen mit der kulturellen Repräsentation von Phänomenen der Natur, die er für eine raffinierte Arena für die Produktion von Ideologien hält. So zeigt der Naturschützer Dion in Monster die Nachbildung eines fossilen Artefakts wie in einer zoologischen Monstrositätenschau. Monströs aber meist eher sehr ironisch geht es auch beim kanadischen Zeichner und Objektkünstler Marcel Dzama zu. Seine Papierarbeiten bei der schwedischen Galleri Magnus Karlsson werden von fotorealistischen Gemälden der schwedischen Malerin Sara-Vide Ericson und fantastischen Tierskulpturen aus glasiertem Steingut der tschechischen Künstlerin Klara Kristalova flankiert.

Starke Kunstpositionen von Frauen gibt es auch bei Soy Capitán mit Objekten von Camilla Steinum und Zeichnungen von Grace Weaver, oder bei Sperling mit Objekten und Collagen der britischen Künstlerin Anna McCarthy. Anna Vogel zeigt ihre abstrakten Pigmentdrucke von überarbeiteten Digitalfotografien bei der Düsseldorfer Galerie Conrads. Bei der Zilberman Gallery fällt die Großskulptur Entkettet der in Berlin lebenden türkischen Künstlerin Azade Köker auf.

 

Katharina Sieverding, Transformer I A/B, 1973
© Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst, Foto © Klaus Mettig, Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf

 

Magische Schwarz-Weiß-Fotografien menschenleerer Orte von Gregory Crewdson und Katharina Sieverdings Doppelportrait Transformer I A/B hängen bei der Galerie Wilma Tolksdorf. Grafikserien von Daniel Richter und Rodney Graham gibt es bei den Galerien Sabine Knust und Esther Schipper. Die Londoner Pippy Houldsworth Gallery kombiniert die Gemälde der britischen Künstlerin Jadé Fadojutimi mit denen des Berliner Malers Uwe Henneken. Kunst, die sich an der kolonialen Vergangenheit Europas abarbeitet, ist bei der Galerie Barbara Thumm mit Martin Dammanns Gemälde Greetings und Tuschezeichnungen des peruanischen Künstlers Fernando Bryce zu sehen. Surreale Mischtechniken von Hans Weigand, der sich an alten Werken der Renaissance oder des japanischen Holzschnitts wie Hokusais großer Welle orientiert, zeigt die Gabriele Senn Galerie. Die Wiener Galerie Elisabeth & Klaus Thoman wartet mit Gemälde von Maria Brunner und Herbert Brandl auf.

 

Martin Dammann, Greetings, 2016-2017 – Courtesy the artist and Galerie Barbara Thumm

 

Junge witzige Objekt-Kunst präsentiert die Leipziger Galerie Tobias Naehring. Wilhelm Klotzek bringt in seiner Zigarettenskulptur an einem Straßenschild die Erfurter Fotografin Gundula Schulze Eldowy mit dem kritischen DDR-Dichter Adolf Endler zusammen. Eva Grubinger hat mit Untitled (Problem No. 2) ein Kunstwerk aus Seil und Ringen zwischen Geschicklichkeitsspiel und Fetischobjekt geschaffen. Und wenn wir bei Leipzig sind, darf die Galerie Eigen+Art nicht fehlen. Im Programm sind dort Objekte von Olaf Nicolai und Gemälde von Martin Eder, Tim Eitel und Nicola Samori, die die insgesamt recht starke Malereisektion der art berlin komplettieren.

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art berlin
14.09. bis 17.09.2017
in der Station Berlin
Luckenwalder Str. 4–6.
Tickets: 16 Euro.

Infos: http://artberlinfair.com/

Katharina Sieverding, Transformer I A-B, 1973 – (c) Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst; Foto: Klaus Mettig, VG Bild-Kunst Courtesy Galerie Wilma Tolksdorf

Zuerst erschienen am 16.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Die POSITIONS Berlin Art Fair überzeugt in der Arena in Treptow mit viel zeitgenössischer Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie im mittleren Preissegment

Im nunmehr vierten Jahren ihres Bestehens hat sich die 2014 von Berliner Galeristen Kristian Jarmuschek gegründete POSITIONS Berlin Art Fair zum festen Bestandteil der Berlin Art Week entwickelt. Mehr als eine bloße Satellitenmesse zur vorherigen art berlin contemporary und jetzigen art berlin versteht sich die POSITIONS als Messe für Newcomer genauso wie für Galerien mit langjähriger Ausstellungstradition. Man will mit Wiedererkennungswert und neuen Perspektiven auf die Kunst sowohl etablierte Sammler als auch ein junges kunstinteressiertes Publikum erreichen. Vom letztjährigen Veranstaltungsort dem Postbahnhof ist die POSITIONS in die 6.500 qm große Halle der Arena Berlin zurückgekehrt. Hier zeigen in diesem Jahr 84 ausgewählte internationale Galerien aus 15 Ländern ihre prägnanten künstlerischen Positionen der zeitgenössischen und modernen Kunst.

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Schon immer war die POSITION ein guter Ort für die verschiedensten Arten von Malerei und Grafikkunst. In diesem Jahr ist das besonders augenfällig. Zu entdecken gibt es u.a. die entfernt an Francis Bacon erinnernden verswischten Öl-Portraits auf MDF-Platte von Justine Otto, die vom Hamburger Polarraum vertreten wird. Großformatige Acrylportraits von Lars Teichmann präsentiert Lachmann Art aus Konstanz. Jarmuschek+Partner zeigen Moritz Schleime mit einer Serie kleinformatigen Ölbilder, mit denen der Cornelia Schleie-Sohn motivisch tief in der Kunstgeschichte fischt. Die Berliner Galerie Gerken hat ihren neuen Malerstar Dieter Mammel mitgebracht. Schon beim Galerie Weekend im Frühjahr beeindruckten seine verrätselten, meist einfarbig gehaltenen Gemälde aus einem Tusche-Acryl-Mix. Bei der Galerie Robert Drees aus Hannover fällt ein großes Frauen-Portrait von Hanna Nitsch aus Tusche und Grafitstift auf Papier ins Auge. Die Berliner Galerie Burster hat mit Katharina Albers, Alex Feuerstein und Wolfgang Ganter gleich drei Positionen Malerei im Angebot. Flankiert werden sie von Plastiken des Japaners Hirofumi Fujivara.

 

Dieter Mammel, The Messenger (Western Storm), 2017
(c) Galerie Gerken

 

International wird es auch mit farbigen Kreidearbeiten des 1992 an AIDS gestorbenen US-amerikanischen Künstlers Patrick Angus, der neben deutschen Malergrößen wie Rainer Fetting und Jochen Hein bei der Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs zu finden ist. Eine Art griechischen Neo Rau zeigen mit Tassos Missouras die Athener Kaplanon Galleries. Sebastian Meschenmooser zeigt bei der Frankfurter Galerie Greulich seine Ölgemälde gestrandeter Gulliver-Astronauten. Bei so viel gegenständlicher Malerei haben es abstrakte Positionen häufig schwer. Die Kreuzberger Galerie Sievi präsentiert da mit Darko Lesjak und Oliver Messas gleich zwei ganz interessante Künstler. Bei der Berliner Galerie aquabitArt hängen die monochromen Tuschearbeiten der Brasilianerin Paula Klien. Chinesische Tuschemalereien des südkoreanischen Malers Jong-Taek Woo zeigt auch die Nürnberger Bode Galerie. Sie werden von den Kopfbronzen des Bildhauers Dietrich Klinge ergänzt.

 

Martin C. Herbst bei der Christopher Cutts Gallery
Foto: St. B.

 

 

Einen interessanten Bildträger benutzt der bei der Berliner Galerie Born ausgestellte französische Maler Daniel Schlier. Seine zum Teil recht ironischen Bildmotive mit dem europäischen Stier oder röhrendem Hirschen arbeitet der gebürtige Elsässer mit Öl und Blattgold auf unterschiedlich gemusterte Marmorplatten. Regelrecht poppig wird es bei der Wiener Galerie Ernst Hilger, die neben dem Altmeister Hermann Nitsch, Papierarbeiten des isländischen Pop-Art- und Comic-Künstlers Erró, einen Doppel-Che-Guevara auf Papier von Bernard Rancilllac und kleinformatige Acrylmalereien von Andreas Leikauf anbietet. Interessant sind auch die großköpfigen Portraits der Niederländerin Tamara Muller bei der Galerie Bart aus Amsterdam. Große Gesichter schauen einen auch aus den Glaskugeln von Martin C. Herbst bei der kanadischen Christopher Cutts Gallery an. Mat Brown zeigt dort surreale, farbige Tuschearbeiten auf Papier.

 

Hanna Nitsch, Rema est # 1 – (c) Galerie Robert Drees

 

Geschnitten, geklebt und collagiert wird von Marion Eichmann bei Tammen & Partner sowie von Fritz Bornstück bei der Galerie Greulich. Wer es traditionell und etabliert mag, ist bei beim Kölner Kunsthandel Osper richtig. Hier hängen Malergrößen wie Markus Lüpertz mit ein paar großformatigen Papierarbeiten und Klaus Fußmann mit Blumenaquarellen. Die beiden deustchen Malerfürsten werden auch hier von Bronzen des Bildhauers Hannes Helmke gut ergänzt. Die Berliner Galerie Poll hat mit dem Dresdner Volker Stelzmann eine Ex-DDR-Malergröße im Angebot. Realistische Malerei in verschieden Facetten gibt es auch bei Westphal Berlin mit CD Aschaffenburg oder bei der Nürnberger Galerie Von&Von mit Konstantin Schroeder und Kathrin Rank bei. Gräfe Art.Concept zeigt die pastösen Acryl-Gemälde des polnischen Malers Leszek Skurski.

 

Wolfgang Stiller bei der Galerie Schmalfuss Berlin
Foto: St. B.

 

Neben der Malerei ist die Plastik ebenfalls stark auf der POSITONS vertreten. Von der BERLINER LISTE hierher gewechselt ist der Holzbildhauer Edvardas Racevicius. Seine mit dem Werkstoff Holz verwachsenen Figuren sind bei der Galerie Peters-Barenbrock aus Ahrenshoop zu sehen. Aus Eiche sind die alltägliche Codes, Tabellen und Kurvendiagramme darstellenden Holzreliefs von Mathias Hornung bei der Reutlinger Galerie Reinhold Maas. Interessant sind auch die vielschichtigen Gruppenausstellungen bei Brennicke Fine Art und der mianki.Gallery. Dort überzeugen vor allem die Malerinnen Anna Bittersohl und Franziska Maderthaner sowie die fragilen Plastiken der Bildhauerin Tina Heuter und Laubbilder, für die der Künstler Michael Schuster Fotografien zur Grundlage nimmt. Schmalfuss Berlin zeigt Epoxidharz-Plastiken von Oliver Czernetta und die überdimensionalen schwarzen Streichholzköpfe von Wolfgang Stiller.

 

Patrick Angus, Rainbow flag Pool table, 1987; Kreide auf Papier, 22.6 x 30.5 cm – (c) The Estate of Patrick Angus

 

Eine gute Mischung aus Fotografie, Grafik und Plastik haben auch die Hamburger Galerie Cometer | Persiehl und Heine sowie die Frankfurter Galerie Hübner & Hübner im Angebot. Hier faszinieren vor allem die Platin Palladium Prints von Gregor Törzs und die Plastiken von Carole Feuermann. Starke Fotoarbeiten gibt es von Anna Bresoli bei der Projekteria (Art Gallery) aus Barcelona und von bei der Schweizer Brouwer Edition von Dierk Maass und bei der Warschauer Galeria Apteka Sztuki die eindrucksvollen schwarz-weißen Gesichtslandschaften des Kubaners Stéphane Noël. Ein echter Hingucker ist nicht zuletzt auch die digital montierte und aus Jacquardstoff gearbeitete Großtapisserie Stadt der Frauen von Magret Eicher bei der Berliner Galerie Horst Dietrich.

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POSITIONS Berlin Art Fair
Vom 14. – 17. September 2017
In der Arena Berlin
Eichenstr. 4
Tickets: 12 Euro

Infos: http://positions.de/

Zuerst erschienen am 18.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Die 14. BERLINER LISTE ist etwas verkleinert in die Hallen des Postbahnhofs umgezogen und präsentiert wieder ein ausgewähltes Angebot an Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie für den kleineren Geldbeutel

Mittwoch, September 20th, 2017

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Hatte die BERLINER LISTE 2016 noch den Platz der größten Kunstmesse in Berlin inne, muss sich die jährlich parallel zur Berlin Art Week laufende BERLINER LISTE 2017 (als Entdeckermesse für zeitgenössische Kunst in ihrer 14. Ausgabe) allerdings damit begnügen, die älteste unter den noch bestehenden Berliner Verkaufsmessen zu sein. Konnte man im letzten Jahr noch 112 Aussteller (so viel wie die berlin art in diesem Jahr) präsentieren, so sind es 2017 nur noch 90, die allerdings aus 34 Ländern und 5 Kontinenten stammen. So international war die BERLINER LISTE laut Messedirektor Jörgen Golz noch nie. Aber auch hier hat die Krise auf dem globalisierten Kunstmarkt zugeschlagen, da braucht es einiges an aufmunternden Worten zur Eröffnung am Donnerstagnachmittag, einen Tag später als sonst. Auch der Umzug in die im Vergleich zum alten Standort Kraftwerk Mitte recht übersichtlichen Hallen im Postbahnhof am Ostbahnhof muss erwähnt werden. Und ähnlich wie die neue art berlin pflegt die BERLINER LISTE schon länger die Kooperation mit Köln und Frankfurt/M.

 

Solo Show Jim AvignonFoto: St. B.

Die Messe-Verantwortlichen haben zwar ihr Konzept aus verschiedenen Sektionen wie Urban Art, Fotografie, separaten Artist- und klassischen Galeriepräsentationen beibehalten, aber deutlich wahrnehmbare Schnitte vollzogen. Das kann für die Qualität der gezeigten Kunst nur gut sein. Viel Gefälliges und Dekoratives verstellte in den letzten Jahren die Sicht auf wirklich Neues. Den Ruf als junge Entdeckermesse lassen sich die Veranstalter aber dennoch nicht nehmen. Große Namen wird man hier schwerlich finden, dafür aber Kunst in allen Geschmacksrichtungen zu durchaus erschwinglichen Preisen. Als sogenannte „Einstiegsdroge“ hat die BERLINER LISTE eine auf 10 Exemplare limitierte Edition von 10 Kunst-Positionen des Jahrgangs für je 100 Euro herausgegeben.

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Rainer Jacob, Radiator – Foto: St. B.

Im Erdgeschoss der Halle befinden sich Fotosektion und Urban Art, für der Berliner Künstler Jim Avignon in diesem Jahr eine Soloshow in Zusammenarbeit mit der URBAN SPREE Galerie aufgebaut hat – eine Art visueller Internet-Jahrmarkt aus Street Art und Installationen zum Thema World Wide Web. Wie im letzten Jahr präsentiert daneben die Berliner OPEN WALLS Gallery Sreet Art von ALIAS und eindrucksvolle Portraits von Alevtina Golovin.

In der Foto-Sektion gibt es wieder die noch aus dem letzten Jahr bekannten inszenierten Kunstfotografien des russischen Künstlers Andrey Kezzyn. Neu sind die Eisskulpturen des Leipziger Bildhauers und Fotografen Rainer Jakob, die dieser Undercover wie den hier ausgestellten Heizradiator in der Stadt installiert und das Schmelzen in seinen Fotos dokumentiert. Aus Afghanistan kommt die junge Fotografin Mujaheda Khowajazada, deren schwarz-weiße Frauenportraits durchaus an Shirin Neshat erinnern. Urbane, digital bearbeitete Giclée-Drucke zeigt Jordan Seiler bei Open Walls. Ausladend arrangierte Vanitas-Collagen, Objekte und inszenierte Fotozyklen schafft der auf einem Schloss im brandenburgischen Wrodrow lebende Künstler Sylvester Antony.

 

Mujaheda KhowajazadaFoto: St. B.

 

In der Galerie-Sektion im Obergeschoss zeigt der Londoner Kunstverlag Square Rock Ltd. Werke der Künstler Dante, Anthony Knapik-Bridenne und Travis Durdon zwischen Pop-Art, Comic und Star Wars. Die Galerie Bazis Contemporary aus Cluj-Napoca präsentiert Werke mehrerer rumänischer KünstlerInnen, darunter interessante Mixed-Media-Objekte und Zeichnungen von Zsolt Berszán. Von den Philippinen kommt die Transwinng® Art Gallery, die wimmelige Acrylmalerei von Ms. Anafe Nemenzo und reliefartige Gesichtsskulpturen von Arnel Garcia mitgebracht hat. Einen interessanten Mix aus Fotografie, Malerei und Objektkunst stellt das Berliner KünstlerInnen-Netzwerk Sieben Todsünden rund um die Kreativ-Agentur „Bees & Butterflies“ aus. Hier fallen vor allem die lebensechten Gesichtsskulpturen der Objektkünstlerin Lisa Büscher zum Thema Völlerei auf.

 

Lisa BüscherFoto: St. B.

 

Die Berliner Artgeschoss Galerie zeigt die surrealen Gemälde von Dmitrij Schurbin und Felix Wunderlich. Expressive Acrylmalerei von Kerstin Wüstenhöfer und fotorealistische Gemälde von Igor Strozzega gibt es bei Artinnovation aus Innsbruck. Fotorealistisch arbeiten auch die Berliner Malerin Anne Vonnemann und der Maler Jean-Pierre Kunkel, dessen Gemälde bei der von der Hamburger Galerie Marion Stoeter hängen. Das Künstlerpaar Chris Hartschuh und Paula Bogatti (Hartschuh-Bogatti) arbeiten für ihre Porträt-Serie Silent Portraits mit Printcollagen auf Leinwand. Betsy Weis stellt ihre eindrucksvollen Naturbilder in traditioneller Schwarz-Weiß-Fotografie her. Die wie alte Farbpostkarten wirkenden Bilder von Ron Weis sind dagegen fotorealistisch in Öl gemalt.

 

Igor StrozzegaFoto: St. B.

 

Starke Aquarelle von Urs Bumke sind bei der Greifswalder Galerie Alte Bäckerei zu sehen. Der Hamburger Maler Gregor Kalus überzeugt mit Tuschearbeiten und seiner Portraitserie Facetime. Eine witzige Idee sind die übermalten BVG-Fahrscheine von Peer Kriesel. Überhaupt sind bei vielen Künstlern der BERLINER LISTE der Spaß an der Arbeit und der Bezug zu klassischen Vorbildern spürbar. Nicht zuletzt auch beim niederländischen Künstler Victor Sonna, der die Inspirationen für seine futuristischen Metallobjekte aus der Gegenwart, Tradition und klassischen Moderne zieht.

 

Gregor Kalus, aus der Serie Facetime, Ink on Paper
Foto: (c) Gregor Kalus

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14. BERLINER LISTE
Messe für zeitgenössische Kunst
14. – 17. September 2017
im Postbahnhof Berlin
Straße der Pariser Kommune 8, 10243 Berlin
Eintritt: Tagesticket 13 €, Tagesticket ermäßigt 9 €
beides inkl. Katalog

Infos: https://discoveryartfair.com/de/fairs/berliner-liste/

Zuerst erschienen am 17.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Die OSTRALE 2017 zeigt in den Futterställen des ehemaligen Schlachthofs im Ostragehege Dresden wieder jede Menge internationale zeitgenössische Kunst

Samstag, September 9th, 2017

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Seit 11 Jahren gibt es sie nun schon, die OSTRALE in Dresden. Gegründet wurde sie 2007 von den beiden Dresdner Künstlern Andrea Hilger und Mike Salomon in den Futterställen des alten Erlweinschen Schlachthofs im Ostragehege in direkter Nachbarschaft zur Dresdner Messe. Als internationales Zentrum für zeitgenössische Kunst mittlerweile fest etabliert, musste die jährliche Ausstellung nun allerdings um ihr festes Domizil bangen, da die Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten Gebäude inzwischen als höchst baufällig gelten und die Genehmigung für den weiteren Betrieb nicht mehr erteilte werden kann. Mit der Stadt hat man sich nach langem Hin und Her schließlich auf ein Sanierungskonzept geeinigt. Da der endgültige Zeitplan noch nicht steht, konnte die nun als Biennale laufende Kunstaustellung in diesem Jahr noch einmal stattfinden. Wenn dann das Areal saniert wird, muss die OSTRALE allerdings in noch zu findende Interimsräume umziehen. Sorge und Hoffnung zugleich. Es bleibt also weiterhin spannend um diese ganz besondere Schau unabhängiger internationaler zeitgenössischer Kunst, die von der Malerei über die Fotografie und Plastik bis hin zu Tanz, Video- und Performancekunst so ziemlich alle Genres abdeckt.

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Feng Lu – 13 am Tisch (Detail) – Foto (c) Stefan Bock

Auch in diesem Jahr haben sich die MacherInnen mit 164 eingeladenen Künstler aus 25 Nationen, die insgesamt 1.118 Werke und Werkgruppen präsentieren, wieder einiges vorgenommen. Damit es nicht allzu unübersichtlich wird, gibt es verschiedene Schwerpunkte wie Kunstgeschichte, Zukunft, Identität, Religion oder Krieg und Krise, in die sich die ausgestellten Werke lose einordnen lassen. Dem übergeordnet beschäftigt sich die OSTRALE mit drei weiteren Kernthemen. Mit der Theorie der „Kreativen Klasse“ wird kritisch der Zusammenhang der Aufwertung von Stadtgebieten durch Künstler und Kreative und der einhergehender Gentrifizierung untersucht. Über den „Pilgerweg zur Kunst“ begibt man sich zu urbanen Kunst- und Denkräumen. Mit „re_form & Reformation“ widmet sich auch die OSTRALE dem allgegenwärtigen 500. Reformationsjubiläum und in eigener Sache der Reform von Kunst im Wandel der Zeit sowie alten und neuen Formen der Präsentation.

 

Ostrale 17 – Ausstellungsansicht – Foto (c) Stefan Bock

 

Die OSTRALE will bewusst keine Verkaufsschau sein, die KünstlerInnen werden seit diesem Jahr ausschließlich von den Kuratoren eingeladen. Den einzelnen Ausstellungsräumen auf dem oberen Heuboden und den darunterliegenden Stallungen sind passend zu den politischen Schwerpunktthemen sinngebende Zitate aus Werken bekannter Schriftsteller und Denker wie Antonin Artaud, Jorge Luis Borges, Charles Bukowski, László F. Földényi, Heinrich Heine, Erich Kästner, Heinrich Mann, Fernando Pessoa oder Leo Tolstoi vorangestellt. Nach einem ausgedehnten Rundgang, für den man sich schon etwas Zeit nehmen sollte, fällt es allerdings schwer eine Art Best of der ausgestellten Werke zu küren. Bei der Fülle an Bildern, Fotografien, Objekten, Installationen und Videoarbeiten wird hier sicher auch jeder die Highlights anders setzen.

 

Diamante Feraldo – A nord del futuro (Nördlich der Zukunft)
Foto (c) Stefan Bock

 

Ein wenig düster mutet die Wahl zum Thema Zukunft mit Földényis Kulturgeschichte der Melancholie an. Aber wie es der Autor schon anmerkt: „…ich glaube, dass der Melancholiker dadurch ausgezeichnet ist, dass er sich vor dieser Welt verstecken möchte, er will aber nicht ins Jenseits flüchten, vielmehr ist er vertraut mit einer Geschichte, die verschwiegen und verdrängt wird.“ Man bewegt sich hier vorbei an Peter Makolies Memento-Mori-Sammlung aus Feldstein-Schädeln, träumerischen Zukunftsgemälden von Kerstin Junker und Katrin Königs 6-teiligem Aluminium-Tafelbild santuario (Heiligtum) hin zu Diamante Faraldos umgestürzter Weltkarte A nord del futuro. Alle Gewissheiten sind hier exemplarisch anhand der Auflösung der bekannten Anordnung der Dinge wie Kontinente auf den Kopf gestellt. Die Welt ist aus den Fugen und dichter zusammengerückt.

 

Jean Xavier Renaud – La défaite (Ausschnitt)
Foto (C) Stefan Bock

 

Großes und aktuelles Thema in der Kunst ist nach wie vor die Auseinandersetzung mit der Religion. Hier zeigt die OSTRALE wieder viele KünstlerInnen aus Osteuropa, die diesen Schwerpunkt nahezu dominieren. Aber zunächst begrüßt einen der Anblick von Papst Franziskus auf Jean Xavier Renauds Großgemälde La défaite. Eine in bunten Farben gemalte Allegorie des gesellschaftlichen Scheiterns. Auch Iwona Ogrodzka zeigt in ihrer Mixed-Media-Installation Flight&Church, dass die alte Weltordnung nach dem 11. September 2001 aus dem Gleichgewicht geraten ist. Ikonografisch arbeiten Pawel Napierala mit seinem umgedrehten Kreuzigungsbild und Petro Ryaska mit seinem, orthodoxen Ikonenbildern nachempfundenen Prayer. Franciszek Orłowski lässt in seinem Video SERCE den Ton der Kirchenglocke in Poznań verstummen. Kritisch setzt sich auch Verena Rempel in ihrer Fotocollage Pieta. Die Mareinklage mit dem neuen Gott Mammon auseinander und Stephan Popella zeigt in seinem Pieta-Gemälde das Problem der Gaffer im Handyzeitalter.

 

Arne Kalkbrenner – Sans-papiers – Foto (C) Stefan Bock

 

Krieg und Krise sind da nicht mehr weit. Hier droht Arne Kalkbrenners MPi red borderline, dort bilden in Parastou Forouhars Kopf-Portraits schwarze und weiße Figuren Vexierbilder der Gewalt. Der japanische Pop-Art-Künstler Keiichi Tanaami zeigt in seinem Video Crayon Angel einen Mix aus bunten Animationen und schwarz-weißen Kriegsbildern. In einer Nische des Raums steht Arne Kalkbrenners identitätslose Flüchtlingsgruppe Sans-papiers (Ohne Papiere). Auch der in Berlin lebende chinesische Bildhauer Feng Lu ist mit zwei Werken auf der Ostrale vertreten, die besonders ins Auge fallen. Ebenso bildgewaltig wie ironisch setzt er sich in Believe Me and God Bless You mit der Geschichte von Religion und Kriegszielen auseinander. Die Epoxidharz-Skulptur zeigt eine Kathedrale in einem Elefantenarsch. In Thirteen at Dinner veranstalten politische Persönlichkeiten eine Art Friedenskonferenz. Ihnen gegenüber sitzen farblose, tierköpfige Gestalten.

 

Fernando Sanchez Castillo – Mauerspringer
Foto (c) Stefan Bock

 

Mit der Miniatur-Figur Mauerspringer gedenkt der spanische Künstler Fernando Sánchez Castillo in seinem gleichnamigen interaktiven Skulpturenprojekt dem Fall der Berliner Mauer. Einen ganzen avantgardistischen Kunststaat präsentieren schließlich internationale KünstlerInnen mit der NSK (Neue Slowenische Kunst) auf der OSTRALE. In den 1980er Jahren um die slowenische Band Laibach gegründet, hat der NSK-Staat mittlerweile sogar eigene Pässe und erklärt immer wieder temporär bestimmte Areale wie etwa 1993 die Berliner Volksbühne zum künstlerischen Staatsgebiet.

 

Anka Leśniak – Women patRIOTs – Foto (C) Stefan Bock

 

Auch in den unteren Räumen des langgezogenen Gebäudekomplexes der OSTRALE befinden sich einige interessante Einzel- und Gruppenwerke. Direkt dort vor Ort hat Matthias Jackisch seine dem Gemälde Das Floß der Medusa von Théodore Géricault nachempfundene Installation Floß aus Holz, Stroh und Gips geformt. Auch das ein Sinnbild für das fast schon schicksalhafte Versagen der modernen Zivilisation. Mit Emanzipation und Patriotismus von polnischen Frauen beschäftigt sich Anka Leśniak in ihrer Mixed-Media-Installation Women patRIOTs.

 

Matthias Jackisch – Floß – Foto (c) Stefan Bock

 

Auch in den unteren Räumen des langgezogenen Gebäudekomplexes der OSTRALE befinden sich einige interessante Einzel- und Gruppenwerke. Direkt dort vor Ort hat Matthias Jackisch seine dem Gemälde Das Floß der Medusa von Théodore Géricault nachempfundene Installation Floß aus Holz, Stroh und Gips geformt. Auch das ein Sinnbild für das fast schon schicksalhafte Versagen der modernen Zivilisation. Mit Emanzipation und Patriotismus von polnischen Frauen beschäftigt sich Anka Leśniak in ihrer Mixed-Media-Installation Women patRIOTs.

 

Vj group CUBE – Multiperson M (mimicry)
Foto (c) Stefan Bock

 

In jedem Falle ein Highlight ist die Gestaltung des Ausstellungsraums hinter Tor 1. Der Chemnitzer Fotograf Thomas Kretschel hat hier mit aqua alta(r) eine fast gruftartige Installation gegen die Zerstörung der Lagunen-Stadt Venedig gebaut. Im Vorraum befinden sich zwei sehr starke Video-Arbeiten zum Thema Identität. Die Vj group CUBE zeigt mit Multiperson M den Versuch einer Person sich der Umgebung anzupassen und Sergiy Petlyuk formt mit aneinandergereihten kopflosen Körperprojektionen auf Oberbekleidung einen neuen biomorphen Ketten-Organismus.

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OSTRALE – Zentrum für zeitgenössische Kunst    
11. Internationale Biennale für zeitgenössische Kunst
28.07.2017 – 01.10.2017
Ostragehege
Messering 8 | 01067 Dresden

Infos: http://www.ostrale.de

Zuerst erschienen am 21.08.2017 auf Kultura-Extra.

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Lucian Freud: Closer – Der Martin Gropius Bau zeigt erstmals Radierungen des britischen Malers aus der UBS Art Collection

Sonntag, August 13th, 2017

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Lucian Freud – Ausschnitt aus Head and Shoulders of a Girl, 1990 – © The Lucian Freud Archive, Bridgeman Images, UBS Art Collection

Lucian Freud (1922-2011) wurde von seinen Kritikern als der „besessenste Maler des Fleisches“ bezeichnet. Seine stark pastösen Gemälde nackter Modelle wirken oft sehr korpulent und auf viele geradezu obszön. Jede Ader, jede Hautfalte, jeder noch so kleine Makel, alles Intime liegt in seinen radikal-realistischen Bildern gnadenlos offen. Aber es ist die Art, wie er die Menschen sah. „Zu den aufregendsten Dingen gehört, durch die Haut hindurchzusehen, bis zum Blut, zu den Venen und Narben.“ Das Innere bildhaft nach außen kehren. Darin ähnelt Lucian Freud seinem Malerkollegen und Freund Francis Bacon. Beide haben sich mehrfach gegenseitig portraitiert.

Die Modelle fand der in Berlin geborene Enkel des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud im direkten Umfeld. „Mein Werk ist rein Autobiografisch. Es ist der Versuch, etwas aufzuzeichnen. Es geht darin um mich und meine Umgebung. Ich male nach Menschen, die mich interessieren und die mir etwas bedeuten und über die ich nachdenke, in Räumen, in denen ich lebe und die ich kenne.“ Auch die Natur und vor allem Tiere tauchen immer wieder in Freuds Gemälden auf. In Kombination sind dies Bilder der Ruhe und Ausgeglichenheit, fast wie fleischgewordene Meditationen.

Wie setzt man diese Art zu Malen nun in das eher reduziertere Medium der Druckgrafik um? Dazu sind im Martin Gropius Bau zurzeit 51 Radierungen Freuds aus der UBS Art Collection zu sehen. Ergänzt werden sie durch ein aquarelliertes Selbstportrait und zwei bekannte Gemälde aus der großen Schweizer Unternehmens-Sammlung. Lucian Freud: Closer ist nach großen Retrospektiven 2010 im Centre Georges Pompidou Paris, 2012 in der National Portrait Gallery London und 2013 im Kunsthistorisches Museum Wien, eine erste Ausstellung mit Werken Freuds in Berlin seit 1991.

 

Lucian Freud: The Painter´s Mother, 1982, Radierung, 29,5 x 24,2 cm © The Lucian Freud Archive, Bridgeman Images UBS Art Collection

 

1922 in Berlin geboren, wanderte der damals 10jährige Freud nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mit seiner Familie nach Großbritannien aus. Mit 16 wurde er britischer Staatsbürger und besuchte bereits die Central School of Art. Kontinuierlich an sich arbeitend hatte Freud mit 21 seine erste eigene Ausstellung. Gezeichnet und radiert hatte er im kleinen Maßstab eigentlich schon immer. Aber erst ab den 1980er Jahren entstanden parallel zu seinen Gemälden viele auch großformatige Radierungen mit den gleichen Motiven. Die ausgestellten Werke stammen bis auf das Aquarell Self-Portrait aus dem Jahr 1974 aus der Zeit von 1982 bis 2001.

Als ironische Wertung der symbolhaft überladenen Werke der Surrealisten, denen er sich nur ganz kurz in den 1940er Jahren zuwandte, ist sein Ausspruch zu verstehen: „Was könnte surrealer sein, als eine Nase zwischen zwei Augen.“ Freud suchte die Wahrhaftigkeit in seinen Portraits. „Ich wünsche mir, dass meine Porträts sozusagen die Leute selbst sind, nicht nur deren äußere Erscheinung.“ Den strengen Maßstab seiner Portraitbilder legte er auch ans eigene Antlitz. Die Ausstellung öffnet mit dem besagten Selbstportrait am Eingang zum ersten Raum, in dem vorwiegend Portraits von Verwandten und Bekannten sowie Londoner Künstlerpersönlichkeiten gezeigt werden, und schließt mit einer sehr düsteren Self-Portrait-Radierung von 1996. Ein tief gefurchtes Gesicht mit dunklen Augenhöhlen und heruntergezogenen Mundwinkeln, nichts beschönigend. Zum Vergleich kann man im ersten Raum eine kleine Serie von Radierungen seiner Mutter betrachten. The Painter‘s Mother von 1982 dokumentiert schon ebenso kompromisslos die Vergänglichkeit des Körpers.

 

 

Lucian Freud: Large Sue, 1995, (Benefits Supervisor Sleeping), Radierung, 82,5 x 67,3 cm
(c) Lucian Freud Archiv/Bridgeman Images UBS Art Collection

 

Weitere Radierungen zeigen vor allem seine Tochter Bella, Bekannte der Familie, wie den Anwalt seines Großvaters Sigmund Freund, oder Freunde und Künstlerkollegen wie den britischen Konzeptkünstler, Bildhauer und Filmemacher Cerith Wyn Evans, dessen Kopf er zusätzlich mit Pastellkreide wild über den Rand der Radierung hinaus kolorierte, oder in Head of a Man und Large Head den australischen Modedesigner und Performancekünstlers Leigh Bowery, der Freud ebenfalls meist nackt Modell stand. Eines davon, Reclining Figure, ist im zweiten Raum zu sehen, der sich ganz Freuds vielen Nacktmodellen widmet. Sie verströmen alle eine ganz spezielle Nähe und Intimität.

Lucian Freud ließ in den Radierungen alles Interieur um seine Modelle weg. Das erweckt tatsächlich den Eindruck von Schwebenden. Als signifikantes Beispiel dafür hängen hier die Bilder der recht barocken Arbeitsamtsangestellten Sue Tilley, die ihm sehr oft Modell saß, oder besser lag. Wie eine schlafende Madonna von Rubens. Als Gemälde erzielten diese Aktbilder auf Auktionen enorme Preise. Die Radierungen Large Sue und Woman with Arm Tattoo sind aber nicht minder eindrucksvoll.

 

Lucian Freud: Double Portrait 1988–1990 (Susanna Chancellor und Freuds Hund Pluto), Öl auf Leinwand, 113,3 x 134,62 cm
(c) The Lucian Freud Archive, Bridgeman Images UBS Art Collection

 

Freuds Vorlieben für Tiere und Naturdarstellungen widmen sich die hinteren Räume der Ausstellung. Hier fasziniert vor allem die Radierung eine feingliedrigen Diestel, ein Motiv, das öfters in seinen Gemälden auftaucht. Ebenso wie Hunde, die er zusammen mit ihren Besitzern portraitierte. Als anschauliches Beispiel dient hier das Gemälde Double Portrait (1988–1990), das Freuds Modell Susanna Chancellor mit seinem Jagdhund Pluto zeigt. In der Radierung reduzierte Freud den Bildausschnitt lediglich auf den Hund, der zu Füßen der Ruhenden liegt.

Vorbilder fand Freud in der klassischen französischen Portrait-Malerei des 18. Jahrhunderts mit Vertretern wie Jean-Auguste-Dominique Ingres oder Jean Siméon Chardin, dessen Gemälde Die Schulmeisterin er in zwei Radierungen adaptierte. Chardin ist als „Maler der Stille“ bekannt, was Freuds Intensionen der Malerei natürlich sehr nahe kommt. In der Radierung The Egyptian Book reflektiert Freud Besuche des Berliner Ägyptischen Museums in seiner Kindheit. Das Bild zeigt das aufgeschlagene Buch Geschichte Ägyptens aus seinem Besitz, mit den Portraits zweier früher ägyptischer Statuen. Ebenfalls eine Referenz an die Kunstgeschichte wie auch an die Vergänglichkeit.

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Lucian Freud: Closer
Radierungen aus der UBS Art Collection
22.07.2017 – 22.10.2017
Martin-Gropius-Bau,  Berlin
Niederkirchnerstraße 7

Infos: https://www.berlinerfestspiele.de/

Zuerst erschienen am 10.08.2017 auf Kultura-Extra.

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Tony Cragg in der Villa Schöningen und Dominique Raack im Pomonatempel auf dem Pfingstberg – Eine Kulturtour mit dem Rad von Berlin nach Potsdam

Freitag, August 4th, 2017

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Das Belvedere auf dem Pfingstberg Potsdam – Foto: St. B.

An der südwestlichen Grenze Berlins gelegen, ist Potsdam nicht nur geschichtlich eng mit der gesamt-deutschen Bundeshauptstadt verbunden. Die wesentlich kleinere brandenburgische Landeshauptstadt ist außerdem ähnlich gut wie ihre große Schwester mit kulturellen Highlights bestückt. Ein Grund mehr in der an Kultur-Events etwas flaueren Sommerzeit einen Blick über die Havel nach Potsdam zu werfen. Zu erreichen ist die alte preußische Residenz- und Garnisonsstadt über die Regionalbahn Richtung Brandenburg, mit der S-Bahn oder für sportlich Ambitionierte auch mit dem Fahrrad.

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Fährt man vom S-Bahnhof Wannsee entlang der Königstraße Richtung Potsdam am Schloss Glienicke vorbei, trifft man kurz hinter der Glienicker Brücke auf die Villa Schöningen. Direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegen beherbergt die 2008 vom Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner und dem Vorstandsvorsitzenden der RHJI, Leonhard Fischer gekaufte und denkmalschutzgerecht wieder aufgebaute Villa eine Dauerausstellung zur Geschichte des Hauses und zur Glienicker Brücke. Im Obergeschoss finden noch dazu wechselnde Sonderausstellungen renommierter Künstler und Künstlerinnen statt. Momentan sind dort (noch bis 3. September) Werke des britischen Bildhauers Tony Cragg zu sehen.

 

 

Die Ausstellung umfasst eine kleine Auswahl von Skulpturen aus den letzten sechs Jahren sowie Zeichnungen und Grafiken der letzten zwanzig Jahre. Die Arbeiten bieten einen guten Einblick in die Vielfalt des Schaffens des Turnerpreisträgers von 1988, der auch schon mehrfach auf der documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig vertreten war. Besonders faszinieren immer wieder seine dynamischen Skulpturen, die mal sehr filigran in die Höhe wachsen und dann wieder in gedrungener Form durchaus Ähnlichkeiten mit den wesentlich voluminöseren Bronzeskulpturen seines Landsmanns Henry Moore aufweisen. Zumindest teilt der 68jährige Cragg die Vorliebe Moors für polierte Oberflächen aus Marmor oder Bronze und widmete dem von ihm verehrten Kollegen eine Ausstellung in seinem 2008 eröffneten Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal.

Was allerdings die Skulpturen Tony Craggs auszeichnet, ist ihre abstrahierende Form aus ständig wechselnden Perspektiven. Die dargestellten Figuren bilden ganze Gesichts- und Körperlandschaften, die sich den BetrachterInnen aus verschiedenen Blickwinkeln immer wieder neu präsentieren. So auch bei den ausgestellte Werken in der Villa Schöningen. Sie zeigen Skulpturen aus behandeltem Holz, gegossene Bonzen und sogar mundgeblasene Gegenstände aus venezianischem Muranoglas. Besonders gut verdeutlichen die Bronze Woman’s Head oder die aus Holz gearbeitete Skulptur Contradiction das Prinzip des Bildhauers, die Formen von Werk zu Werk weiter zu entwickeln.

 

Tony Cragg, Ausstellungsansicht mit der Skulptur Contradiction – Foto: St. B.

 

Flankiert werden Craggs Skulpturen von Arbeiten auf Papier, die zum Teil wie Vorstudien zu seinem bildhauerischen Schaffen wirken, aber durchaus eine eigenständige von ihm „sculptures on the page“ genannte Werkgruppe bilden. Die auf den Zeichnungen und Druckgrafiken dargestellten Gesichter, sich windenden Formen und Figuren stehen hier in einer unmittelbaren Wechselwirkung zu den sinnlichen Skulpturen im Raum.

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Wenn man von der Villa Schöningen weiter durch den Neuen Garten vorbei am ebenfalls geschichtsträchtigen Schloss Cecilienhof fährt, kommt man schließlich zum Pfingstberg, mit seinem nach der Wende bis 2005 aus Spenden wieder aufgebauten Schloss Belvedere. Seit mehr als 25 Jahren engagiert sich der Förderverein Pfingstberg in Potsdam e.V. für den Erhalt des historischen Ensembles. Unter dem Titel „Kultur in der Natur“ veranstaltet der Förderverein hier in den Sommermonaten Open-Air-Kinoabende, Märchenlesungen, Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen. So etwa im ersten von Karl Friedrich Schinkel ausgeführten Bau, dem 2010 sanierten Pomonatempel. Hier findet eine jährliche Ausstellungsreihe mit Werken junger Künstlerinnen und Künstler statt. Die Auswahl trifft eine Jury des Fördervereins Pfingstberg.

 

 

Zur Zeit (noch bis zum 10. September) stellt die in Potsdam lebende Künstlerin Dominique Raack spezielle Fotoarbeiten und Keramiken aus. Auch sie experimentiert mit skulpturalen Formen und Arbeiten auf Papier. In ihrem bisherigen Œuvre dominieren aber eindeutig die foto- und videobasierten Papierarbeiten. Dominique Raack bearbeitet dafür am Computer im Atelier eigene Fotografien und Videos mit Motiven aus der Natur. Dabei werden mit Hilfe eines Bearbeitungsprogramms verschiedene Bildebenen (Layer) übereinander gelegt, bis ein neues Bild entsteht. Die Künstlerin arbeitet dabei sehr intuitiv. Am Anfang steht meist nur eine Idee, die sich bis zum Ende des Arbeitsprozesses aber noch stark verändern kann.

Es entstehen hierbei teils magische, teils sinnliche Bildcollagen, die ihren Ursprung etwa in den antiken Theorien von den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde als Ursprung des Lebens haben, oder wie Traumbilder das nicht Sichtbare in eine symbolhafte Form bringen. In ihren Bildern mit Titeln wie Driftin, Floating, Connected oder Between the lines setzt Dominique Raack Bestandteile der Natur in eine Beziehung zueinander oder zeigt in Weißer Regen das natürliche Fließen der Dinge.

 

Dominique Raack – Foto: St. B.

 

Ihre Inspirationen holt sie sich bei Spaziergängen durch die brandenburgischen Kiefernwälder, oder auf Reisen in andere Länder. So war sie bereits vor und auch nach dem Studium der Europäischen Medienwissenschaft an der Universität Potsdam für eine längere Zeit in Neuseeland, oder zu kürzeren Studien- und Arbeitsaufenthalten im spanischen Barcelona und der Ukraine. Der Mond ist die große Klammer für die Ausstellung im Pomonatempel. Zur neuen Werkserie Promises from the Moon mit Mond- Wald- und Bergmotiven kombiniert die Künstlerin weitere ähnlich surreale „Landschaftsklänge“ wie Gesang des Herzens oder Bei Vollmond. Die runde Mondform findet sich auch in der ausgestellten Keramikserie zu den vier Elementen wieder.

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Der Mond in echt ist im August noch jeden Freitag an den sogenannten Mondnächten auf dem Pfingstberg bei Musik und einem Glas Wein zu genießen. Berlin erreicht man dann wieder auf dem ausgeschilderten Mauerradweg über Sacrow, wo sich noch der Besuch des Schlosses und der Heilandskirche am Sacrower See lohnt. In Kladow geht die Fähre zurück zum S-Bahnhof Wannsee.

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TONY CRAGG
4. Juni bis 3. September 2017
VILLA SCHÖNINGEN
Berliner Straße 86
14467 Potsdam

Infos: https://www.villa-schoeningen.org/ausstellungen/Kunst/

Promises from the moon
Fotoarbeiten von Dominique Raack
29. Juli bis 10. September 2017
Eine Ausstellung des Fördervereins Pfingstberg im Pomonatempel auf dem Pfingstberg Potsdam
Öffnungszeiten: immer samstags, sonntags und feiertags in der Zeit von 14 bis 17 Uhr
Der Eintritt ist frei, Spenden sind jedoch erwünscht.

Infos: http://pfingstberg.de/ausstellung/

Die Homepage der Künstlerin: http://www.dominique-raack.de/

Zuerst erschienen am 01.082017 auf Kultura-Extra.

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Luther und die Avantgarde – Eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst zum Reformationsjubiläum im Alten Gefängnis der Lutherstadt Wittenberg

Montag, Juli 31st, 2017

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Die Stadt Wittenberg befindet sich momentan ganz im Luther-Fieber. Der Namenspatron und Kirchenreformer ist hier im sogenannten Lutherjahr überall präsent. Gleich am Bahnhof werden die Gäste von einem 27 Meter hohen, begehbaren Bibelturm begrüßt. Wer Lust hat, sich schon hier einen Ausblick auf die Stadt zu verschaffen, kann über ein verkleidetes Baugerüst auf eine Plattform steigen und die Lutherstadt mal aus einer anderen Perspektive betrachten. Der Aussichtsturm gehört zum Projekt Weltausstellung Reformation – Tore der Freiheit, das sich über die gesamte Innenstadt erstreckt. 7 Tore bilden 7 Räume, in denen sich verschiedene Hochschulen zu 7 Weltthemen wie der Kultur, Globalisierung, Spiritualität, Jugend oder dem Frieden und der Gerechtigkeit widmen. Eine schöne Idee, deren Ergebnisse auch weitestgehend im Stadtbild verbleiben werden. Wer also neben dem Besuch der zahlreichen Ausstellungen zum Reformationsjubiläum noch genügend Elan verspürt, kann diesen für einen ausgedehnten Stadtspaziergang nutzen.

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Am anderen Ende der Innenstadt gleich hinter dem Stadtschloss mit seinem weit hin sichtbaren Kirchturm befindet sich das Alte Gefängnis Wittenberg. Es war bis in die 1970er Jahre in Betrieb und bietet nun einen interessanten Rahmen für die Ausstellung Luther und die Avantgarde, einer Schau zeitgenössischer Kunst mit 66 KünstlerInnen aus mehreren Ländern. Auch diese Ausstellung ist wie die großen nationalen Schauen zum Reformationsjubiläum dreigeteilt. Neben dem zentralen Ort Wittenberg gibt es im Rahmen der Documenta in der Kassler Karlskirche Werke von Shilpa Gupta und Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo zu sehen. Das britische Künstlerduo Gilbert & George zeigt in der St. Matthäus-Kirche am Berliner Kulturforum ihre Sündenbock-Bilder zum Thema religiöse und soziale Konflikte, Fundamentalismus und Terrorgefahr.

 

Torraum 2 – Spiritualität-Steg auf dem Bunkerberg der Lutherstadt Wittenberg – Foto: St. B.

 

Schon in der großen Wittenberger Ausstellung Luther! 95 Schätze – 95 Menschen hat man versucht, das Wirken des Reformators in einen Bezug zu Ansichten und Positionen von Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte bis ins Heute hinein zu setzen. Und auch auf dem Rasen vor dem Alten Gefängnis begegnet uns wieder Edward Snowden, der meistgesuchte Whistleblower, als auf schachbrettartigen Gehwegplatten verpixeltes, nur aus der Vogelperspektive erkennbares Portrait. Achim Mohnés am Computer entstandene Kunstwerk 0,000672 Megapixel – Citizen tob e seen from Mars setzt die über des Internet verbreiteten Enthüllungen Snowdens in einen direkten Kontext zu dem von Luther genutzten, damals wohl schnellstem medialen Verfahren, dem Buchdruck.

 

robotlab: bios [bible], 2007 –  Foto: St. B.

Dem Druck der von Luther ins Deutsche übersetzten Bibel widmet sich auch das Künstlerkollektiv robotlab in ihrer Installation bios [bible], bei der ein programmierter Industrieroboterarm mit einem Füllfederhalter tagtäglich in deutscher Gutenbergschrift die komplette Luther-Bibel abschreibt. Überhaupt ziehen sich Sprache, Schrift und Buchdruck wie ein roter Faden durch die Ausstellungsräume in den langen Zellenfluren des viergeschossigen Gefängnisbaus. Viele der ausstellenden KünstlerInnen, wie auch die Konzeptkünstler Art & Language, die Luthers Schrift für den heutigen Kunstgebrauch desakralisiert haben, verbinden heute mit dem geschriebenen Wort auch ein mediales Ereignis. Diese Sicht karikiert Olaf Metzel mit seiner im Treppenhaus hängenden Metall-Installation Luther rauf und runter aus zerknüllten Zeitungsartikeln zum Lutherjahr. Eine Hommage an die Sprache in gedruckter Form ist das Gemälde Zeitungsstapel von Cornelius Völker.

 

Olaf Metzel: Luther rauf und runter –  Foto: St. B.

 

Schrift, die man vervielfältigen kann, wird damals wie heute zur vielfach teilbaren Information. Als Metatext flimmert bei Mischa Kuball ein philosophischer Diskurs über Luther zwischen dem Psychoanalytiker Jacques Lacan und dem Kunsttheoretiker Felix Ensslin über den Bildschirm. In seiner narrativen Videoarbeit Von der Reformation zum Bombentrichter. Installation für eine Gefängniszelle verbindet der Filmemacher Alexander Kluge Schrift und Bild sowie deutsche Geschichte von Luther bis Bismarck mit der zerbombten syrischen Stadt Aleppo. Mit dem Thema Zensur beschäftigt sich die chinesische Künstlerin Jia, die die Wände der Treppenhäuser mit in der Kulturrevolution verbotenen Schriftzeichen bemalt hat. Mit arabischen Schriftzeichen in prophetischem Grün ritzte der deutsche Atheist Jörg Herold die 99 Namen und Eigenschaften Allahs aus dem Koran an die Wände seiner Zelle. Dass Sprache sehr komplex ist, verdeutlicht der Künstler Jan Svenungsson mit einem ebenfalls an die Zellenwände geschriebenen Mix aus Deutsch und Englisch, mit dem er für den Fall begrenzender Sprachbarrieren wirbt.

Die Zelle als Symbol des Eingesperrt-Seins ist Thema weiterer Arbeiten. Den äußeren Begrenzungen durch die Zellenmauern wird die innere Freiheit der Gedanken gegenübergestellt. Das Ringen, die innere und äußere Freiheit wiederzuerlangen, kann in ganz kontemplativen Werken wie etwa Die Dusche von der Künstlerin Paoloma Varga Weisz, bei der eine nackte, hölzerne Gliederpuppe wie ein betender Mönch auf dem Zellenboden liegt, zum Ausdruck kommen, oder aber ganz ostentativ mit der individuell kostümierten Schaufensterpuppen-Installation Schauspieler II, 4 von Isa Genzken. Der chinesische Künstler Ai Weiwei setzt sich als gefangener man in a cube gleich selbst in Szene. Der Künstler Andrey Kuzkin zeigt in Setzkästen, die die ganze Zelle ausfüllen, kleine betende Brotfiguren, wie sie in russischen Straflagern gefertigt wurden. In The Eminent Direction of Thoughts von Ilya und Emilia Kabakov führen die Gedanken einer unsichtbaren Figur wie Fäden an die Zellendecke. Leuchtende Spiritualität verströmt die Lichtinstallation Inner touch sphere des Künstlers Olafur Eliasson, während in Monica Bonvecinis Erhellung das Licht der Aufklärung strahlt.

 

Stephan Balkenhol: Nackter Mann, 2017 – Foto: St. B.

 

Direkt mit Lutherabbildern beschäftigen sich etwa die bunt collagierten Portraits von Adrian Ghenie oder der Entwurf von Markus Lüpertz für ein ambivalentes Lutherdenkmal, das er Eiferer nennt. Dagegen ist Stephan Balkenhols Nackter Mann eine Reflexion auf Luthers Auftritt vor dem Tribunal des Wormser Reichstags. Ulrike Kuschels Papier-Serie M.L. zeigt den Reformator als Figurengedicht aus Reden zum Thema Luther und die deutsche Geschichte von Thomas Mann über Erich Honecker bis zu Karl Carstens. Erwin Wurm stellt Luthers Wucht der Reformation als eingedellt-deformierten Boxhandschuh auf den Hof vor dem Gefängnis.

Der sonst den Hammer schwingende Nagelkünstler Günther Uecker verbindet in der Installation Tücher das persönliche Erlebnis von angespülten toten KZ-Häftlingen der untergegangen Cap Arcona mit dem Schicksal der Mittelmeerflüchtlinge. Bemerkenswert dazu auch die Videoarbeit Asylum von Julian Rosenfeldt. Der chinesische Künstler Sun Xun lässt in seinem aufregenden Animations-Film Protestant revolutionäre Protestbewegungen aus fünf Jahrhunderten revuepassieren. In Christian Jankowski Video wird ein Jesus vor einer vatikanischen Jury gecastet. Auch Jürgen Klauke beschäftigt sich in seiner Fotoserie Grüße vom Vatikan mit gesellschaftlichen Mechanismen der Deformation des Menschen im Namen von Glaube, Liebe, Hoffnung und Erlösung.

 

Jonathan Meeses Kunstzelle – Foto: St. B.

 

Luther stand der bildenden Kunst eher skeptisch gegenüber. Für den Protestanten waren Bilder nicht notwendig. Das verdeutlichen u.a. Christian Boltanski mit schwarzen Spiegeln oder der Künstler Tal R mit seinen schwarzen Jalousien. Gehörte Luther in seiner Zeit wirklich zur Avantgarde? Was machte ihn zum Vordenker einer neuen Zeit? Sehr kritisch und auf seine typisch provozierende Art setzt sich der Skandal-Künstler Jonathan Meese in seiner Kunst-Zelle mit Luther und der Reformation auseinander. Sein Fazit: „Alles für die Katz.“ Für Meese gehört die Religion abgeschafft und die Zukunft der ideologiefreien Kunst. In Miao Xiaochuns Zero Degree Doubt legt Caravaggios Ungläubiger Thomas nochmal computergeneriert den Finger in die Wunde.

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Luther und die Avantgarde
Zeitgenössische Kunst in Wittenberg, Berlin und Kassel
19. Mai bis 17. September 2017
Altes Gefängnis Wittenberg
Berliner Straße / Ecke Dessauer Str.
06886 Lutherstadt Wittenberg
Mit Werken von: Eija-Liisa Ahtila – Ai Weiwei – Art & Language – Stephan Balkenhol – Christian Boltanski – Monica Bonvicini – Maurizio Cattelan – Mat Collishaw – Olafur Eliasson – Ayse Erkmen – Elger Esser – Isa Genzken – Adrian Ghenie – Gilbert & George – Dorothee Golz – Manuel Graf – Assaf Gruber – Shilpa Gupta – Axel Heil + Roberto Ohrt – Diango Hérnandez – Jörg Herold – Thomas Huber – Richard Jackson – Christian Jankowski – Jia – Ilya und Emilia Kabakov – Yury Kharchenko – Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo – Jürgen Klauke – Alexander Kluge – Korpys/Löffler – Eva Kot’átková – Olya Kroytor – Mischa Kuball – Csilla Kudor – Ulrike Kuschel – Andrey Kuzkin – Thomas Locher – Markus Lüpertz – Antje Majewski – Jonathan Meese – Olaf Metzel – Miao Xiaochun – Marzia Migliora – Achim Mohné – Christian Philipp Müller – Eko Nugroho – Pjotr Pawlenski – Ivan Plusch – Johanna Reich – Sebastian Riemer – Robotlab – Julian Rosefeldt – Luise Schröder – Andreas Slominski – Song Dong – Juergen Staack – Sun Xun – Jan Svenungsson – Tal R – Pascale Tayou – Günther Uecker – Paloma Varga Weisz – Cornelius Völker – Erwin Wurm – Xu Bing – Zhang Huan – Zhang Peili
Eine Kooperation der Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn mit dem Reformationsjubiläum 2017 e.V. und Teil der Weltausstellung Reformation

Weitere Infos siehe auch: http://luther-avantgarde.de/r2017/

Zuerst erschienen am 29.07.2017 auf Kultura-Extra.

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Luther! 95 Schätze – 95 Menschen – Eine zweiteilige Ausstellung im Lutherhaus Wittenberg zeigt wie der junge Mönch zum großen Reformator wurde

Freitag, Juli 28th, 2017

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„Die volle Wucht der Reformation“ sollen in diesem Luther-Jubiläumsjahr drei Nationale Sonderausstellungen in Berlin, Eisenach und Lutherstadt Wittenberg verbreiten. Die Ausstellungsverantwortlichen haben sich deshalb wohl auch das Symbol des Thesen-Hammers als Marketinglogo auserkoren. Das sieht dann leider etwas nach Holzhammermethodik aus, preist man diese drei Jubiläumsschauen doch sogar als „Großereignis, das durch Umfang und Vielfalt das globale Wirkungsmaß der Reformation widerspiegelt“. Zumindest mit der Ausstellung Der Luthereffekt im Martin-Gropius-Bau Berlin hat das KuratorInnenteam diesbezüglich nicht ganz danebengehauen.

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An der ehemaligen Wirkungsstätte des Reformators im Augusteum Wittenberg beschäftigt sich die Ausstellung Luther! 95 Schätze – 95 Menschen nun eher mit dem Menschen Martin Luther. Und das mit Ausrufezeichen. Den BesucherInnen soll im ersten Teil zunächst anhand von 95 ausgewählten Kunstschätzen aus der Zeit der Reformation nahe gebracht werden, wie Luther zum Reformator wurde, was er sich erhoffte, was ihn prägte und antrieb seine Ziele umzusetzen. Im Grunde folgt man hier Luthers Lebensweg vom jungen Augustinermönch über die Stationen Kloster, Theologiestudium, Romreise, Professur in Wittenberg, Thesenanschlag, Auftritt beim Reichstag zu Worms bis zum Bibelübersetzer und Verfasser zahlreicher Schriften.

Am Beginn steht natürlich das Erweckungserlebnis des jungen Jurastudenten Luther, der 1505 bei einem Gewitter in Lebensgefahr geraten, zur heiligen Anna betete und verspracht ins Kloster einzutreten. „Vom Himmel durch Schrecken gerufen, bin ich Mönch geworden.“ Damit widersetzt er sich auch seinem autoritären Vater, einem Bergbauunternehmer, den Luther dennoch sehr verehrte und dem er später in einem Brief seine Beweggründe als notwendigen Schritt zum wahren, dem Evangelium des Glaubens erklärte. Bis dahin durchschritt Luther aber eine lange Phase der Ängste und Zweifel, Gott nicht zu genügen. Das sind durchaus typische Auffassungen für das ausgehende Mittelalter mit seiner Jenseitsangst und Darstellungen von Tod und Teufel. Beispielhaft dafür stehen hier ein in Lindenholz geschnitzter Tod in Mönchskutte, oder ein Weltgerichtsaltar, Rosenkranztafeln, zahlreiche Christkindfiguren und Reliquiengefäße.

 

Lucas Cranach d.Ä., Das goldene Zeitalter – Foto (c) Anne Hansteen Jarre, Nasjonalmuseet for Kunst, Arkitektur og Design Oslo

 

Durch die exzessive Beschäftigung mit der Bibel, der Auseinandersetzung mit den Zehn Geboten und dem Studium bei seinem Lehrer Johann von Staupitz, dessen Schrift Von der Liebe Gottes hier ausgestellt ist, vollzieht sich „Luthers innere Wandlung“ hin zu einem Glauben an die Gnade Gottes, die Liebe und die Freiheit des Christenmenschen. Er bezieht sich dabei unmittelbar auf das Hohelied der Liebe aus den Korintherbriefen des Paulus im Neuen Testament. Luthers Weg geht nun unbeirrt über die 95 Thesen wider den Ablass bis zur Weigerung des Widerrufs vor dem Wormser Reichstag. Die Ausstellung feiert das als Gewissenstat. „Mein Gewissen ist frei geworden, das heißt gründlich frei.“ Während man den Worten Luthers lauscht, sieht man seine Kutte in einer Vitrine.

In Schiften, Bildern und Alltagsgegenständen wird Luther als energischer Verfechter seiner Ansichten dargestellt. Man liest über seine Auffassungen zur Jungfrau Maria, zur Ehe und erotischen Liebe anhand von Beispielen seiner Lektüre wie etwa Ovids Remedia amoris, einer Anleitung beim Ende von Liebesbeziehungen über die Schmerzen hinwegzukommen, was Luther für ungeeignet zum Schutz vor der sexuellen Versuchung hielt. Ansonsten war Luther nicht faul seine Gegner wie etwa Papst Leo X. entsprechend scharf anzugehen. Er nutzte dazu Polemik und Satire, wie etwa Hermann Botes Till Eulenspiegel. Davon zeugen auch zeitgenössische Darstellungen seiner Gegner mit Tierköpfen oder ein Holzschnitt, der Luther als Hercules Germanicus zeigt, der mit der Keule gegen die Autoritäten der römischen Kirche vorgeht. „Je mehr jene wüten, desto weiter gehe ich vor.“ Für Luther waren der Heilige Georg und Johannes der Täufer zeitlebens wichtige Figuren. Der Reformator besaß ein unnachgiebiges Sendungsbewusstsein.

 

sogenannter Schreibkasten Luthers, 1. Hälfte 16. Jh.
Angermuseum Erfurt, Foto (c) Dirk-Urban

 

Luther geißelte nicht nur den Katholizismus. Seine Schriften zu den Juden und Türken sind bekannt, auch wenn sie in dieser Jubelschau mal wieder zu kurz kommen. Dafür gibt es einige Portraits von Luthers Wittenberger Leibmaler Lucas Cranach d. Ä. zu sehen. Sie zeigen Freunde und Förderer wie die Wettiner Herrscherbrüder Friedrich der Weise und Johann der Beständige, ein Portrait Luthers im Kreise der Wittenberger Reformatoren von Lucas Cranach d. J., oder das berühmte Gemälde Das goldene Zeitalter von Cranach d. Ä., eine Leihgabe aus der Nationalgalerie Oslo. Dieses Sinnbild des humanistischen Ideals sah Luther eher als Zeichen der Endzeit, einer Wiederkehr Christi und einer neuen Schöpfung. Das Zeitalter der Renaissance brachte auch neue wissenschaftliche Theorien hervor. Nur hielt Luther angeblich nicht viel von Kopernikus‘ Weltbild und in Kolumbus‘ Entdeckung Amerikas sieht er nur eine weitere Möglichkeit die frohe Botschaft des Evangeliums auch in der neuen Welt zu predigen. Hier zeigt sich sicher nicht ganz unbewusst die Parallele zur Berliner Ausstellung Der Luthereffekt mit dem Blick auf die territoriale und missionarische Eroberung der Welt.

Am Ende des ersten Teils zeigt die Ausstellung dann noch Luther als Erfolgsautoren, der die Möglichkeiten des Buchdrucks zu nutzen verstand. Man sieht sein hölzernes Schreibkästchen und andere Utensilien sowie Auszüge aus Schriften und Briefen, wie etwa seinem Testament, in dem er als Zeuge des Evangeliums in Erinnerung bleiben möchte, und die weltliche Obrigkeit bat, den Prozess der Reformation fortzusetzen. So sehr Luther auch an die Befreiung des Menschen vor Gott glaubte, so verfangen war er in seinem Obrigkeitsdenken. Seine Ablehnung von weiterführenden gesellschaftlichen Veränderungen haben u.a. die Bauern und die Täufer schmerzlich erfahren müssen.

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Thesennägel mit Köpfen macht die Ausstellung dann im Zweiten Teil. Das Ausstellungsteam hat lange recherchiert und 95 mehr oder weniger bekannte Köpfe aus 5 Jahrhunderten versammelt. Es sind Persönlichkeiten aus Kunst, Politik, Religion, Wissenschaft und Wirtschaft, die sich unabhängig von Glauben oder Weltanschauung in ihren Worten und Werken auf Martin Luther berufen, oder sich von seinem Wirken positiv wie negativ inspirieren ließen. Passend zur Charakterisierung des Reformators im ersten Teil lassen sie sich gut in Gewissens-, Geistes-, Tat- oder Machtmenschen einteilen.

 

Thesenanschlag Martin Luther Kings 1966 in Chicago – Foto (c) John Tweedle; John Tweedle Foundation, All Rights Reserved

 

Da wäre natürlich zu allererst der schwarze US-amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King, der seinem Wittenberger Namensvetter folgend 1966 zumindest 48 Thesen zu den unmenschlichen Wohnbedingungen in den Chicagoer Schwarzengettos an die Tür des dortigen Rathaus heftete. Wie schon in Berlin ist der schwedische Regisseur Ingmar Bergman Zeuge eines kritischen Umgangs mit der lutherischen Religion. Für ihn zählt allein die irdische Heiligkeit des Menschen. Der Maler Max Beckmann bekennt: „Meine Religion ist Trotz gegen Gott, dass er uns so geschaffen hat, das wir uns nicht lieben können.“ Und der Dadaist Hugo Ball ruft: „Erlösen wir uns von den Erlösern.“

Als „Staatsbürger mit Gewissen“ zeigt die Ausstellung den Whistleblower Edward Snowden. Und auch Friedrich Bonhoeffer und Sophie Scholl leisten Widerstand gegen den Faschismus aus einer inneren Überzeugung der Freiheit und Nächstenliebe. Als nationalistisch befeuerter Idealist steht der Dichter Ernst Moritz Arndt. Wogegen Apple-Gründer Steve Jobs wohl die Religion des modernen Arbeitsmenschen symbolisiert. Sein Gegenpart dürfte Künstler Bruce Naumann sein, der das lutherische Arbeitsethos mit seinem Video Bouncing in the Corner ad absurdum führt.

 

Lutherdarstellungen von Karl Bauer – Foto (c) Thomas Bruns

 

Die US-amerikanische Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton kritisiert Luthers Bibelübersetzungen als frauenfeindlich und legt 1895 ihre Woman’s Bible vor. „Zuerst Mensch und dann Christ.“ ist die Maxime des dänischen Schriftstellers, Philosophen und Pfarrers N. F. S. Grundtvig, der sich im 19. Jahrhundert um eine Reform der evangelischen Kirche bemüht. Seine völkisch-mythischen Ideen sind heute allerdings auch Anknüpfungspunkte für rechtsnationale Bewegungen.

Ob Wissenschaftlerin Lise Meitner, Filmemacher Michael Haneke, KünstlerInnen und SchriftstellerInnen wie Käthe Kollwitz, Edward Munch, Ricarda Huch und Astrid Lindgren, oder Philosophen wie Nitzsche und Kierkegaard, es ist müßig alle Personen im Einzelnen aufzuzählen. Man kann hier ganz für sich auf die Suche gehen, von dem einen oder anderen Gedanken inspirieren lassen, oder auch nur erstaunt mit dem Kopf schütteln. Das Karl May seinen Winnetou für eine Christen hielt, ist eine lässliche Binse, ebenso darf man das christlich motivierte Sendungsbewusstsein von Zeitungsmogul Axel Springer bezweifeln. Aber auch an einen modernen Märtyrer erinnert die Ausstellung mit dem evangelischen Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich aus Protest gegen die Unterdrückung der Kirche in der DDR 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz selbst verbrannte.

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Wem das noch immer nicht genug ist, der kann allein, oder mit der ganzen Familie im Obergeschoss in der Mitmachausstellung „Der Mönch war’s!“ auf eine spannende Zeitreise ins spätmittelalterliche Wittenberg gehen. Luthers Hund Tölpel lädt ein, in über acht Stationen mittels Klang, Geruch, Bild, Sprache, Musik und Erzählung ein sehr persönliches Bild vom Leben des Mönches Martin Luther zu gewinnen. Dort kann man dann auch seine ganz persönlichen Thesen auf Papier stempeln.

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Luther! 95 Schätze – 95 Menschen
13.05.2017 – 05.11.2017
Eine Ausstellung der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
im Augusteum am Lutherhaus
Collegienstraße 54
06886 Lutherstadt Wittenberg

Öffnungszeiten: täglich 9 – 18 Uhr

Tickets sind an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gültig, auch für die Mitmachausstellung Der Mönch war’s! und das Lutherhaus. Einzelticket 12 Euro, ermäßigt 8 Euro, Schüler 5 Euro, Kinder bis 6 Jahre frei. Bei Gruppen ab 10 Personen zahlt jeder 10 Euro, Gruppenführung 75 Euro plus Eintritt, Dauerkarte 80 Euro, Kombiticket für alle drei Nationalen Sonderausstellungen 24 Euro, Kombiticket Gruppen 21 Euro pro Person, Audio-Guide 3 Euro, öffentliche Führungen 4 Euro plus Eintritt.

Weitere Informationen: https://www.3xhammer.de/wittenberg/luther-95-schaetze-95-menschen/

Zuerst erschienen am 26.07.2017 auf Kultura-Extra.

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Der Luthereffekt – Eine Ausstellung zum Reformationsjubiläum im Martin-Gropius-Bau zeigt am Beispiel von Schweden, den USA, Korea und Tansania den Einfluss von 500 Jahren Protestantismus in der Welt

Mittwoch, Juli 26th, 2017

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Deutschland befindet sich im Lutherjahr. 1517 nagelte der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen gegen das Ablasswesen an die Wittenberger Kirchentür, was nun 500 Jahre später mit einigen Jubiläumsausstellungen quer durch die reformierten Lande begangen wird. Das Deutsche Historische Museum Berlin gedenkt im Martin-Gropius-Bau dem Beginn der Reformation mit der breit angelegten Schau Der Luthereffekt. Es ist eine von drei nationalen Sonderausstellungen, die in diesem Jahr einen umfassenden Überblick über die Reformation und ihre Folgen bieten. In der Lutherstadt Wittenberg zeigt die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt Luther! 95 Schätze – 95 Menschen. Die Wartburg-Stiftung in Eisenach widmet sich dem Thema Luther und die Deutschen.

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Im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus wird auf rund 3.000 Quadratmetern das Wirken der sich von deutschen und anderen europäischen Nachbarlanden über vier Kontinente ausbreitenden Reformation am Beispiel von Schweden, den USA, Korea und Tansania präsentiert. Im Wandelgang um den Lichthof bekommen die BesucherInnen einen Überblick über die Ursprünge der europäischen Reformationsgeschichte beginnend bei den Kirchenkritikern John Wycliff und Johannes Hus, die bereits vor Luther die Mitgestaltung des kirchlichen und religiösen Lebens durch Laien forderten. Die Schau verschweigt auch nicht, dass es verschiedene europäische Reformwege, etwa die der anglikanischen Kirche in England oder die eidgenössische Reformation unter Zwingli und Calvin, gab.

Anhand von in Schaukästen ausgestellten Texten, Gegenständen der Religionsausübung und Kunstwerken aus der Zeit der Reformation in Europa werden die Veränderungen im Alltag der Menschen des 16. Jahrhunderts erklärt. Die neuen Glaubensvorstellungen wie etwa der Wegfall des Zölibats und die von Luther propagierte Aufwertung der Ehe, beeinflussten Kultur und Gesellschaft. Es kam nicht nur zur Umgestaltung der Kirchenräume und Gottesdienste, sondern auch zu offenen Konflikten mit der katholischen Kirche, was schließlich zum Dreißigjährigen Krieg zwischen der kaiserlichen Katholischen Liga und der Protestantischen Union von Kurfürsten lutherischer Konfession führte. Aber auch die verschiedenen Reformrichtungen machten sich untereinander Konkurrenz. Es kommt zur Herausbildung mehrerer protestantischer Glaubensrichtungen.

 

Martin Luther im Kreise von Reformatoren, 1625-1650
(c) Deutsches Historisches Museum

 

Hier fehlt dem interessierten Laien dann doch etwas die Orientierung, auch wenn der kostenfrei gereichte Multimedia-Guide in Form eines kleinen Tablets mit angeschlossenen Kopfhörern einiges an Wissenswertem über Luther und den Weg der Reformation in Europa vermittelt. Eine darüber hinausgehende kritische Betrachtung des Reformators und seiner Texte zum Beispiel über die Juden erfolgt allerdings nur am Rande. Das Bild der Frau und ihr Wirken in der Reformation werden ebenfalls nur kurz gestreift. Hier ist es nicht etwa die ehemalige Nonne Katharina von Bora (Cranachs Doppelgemälde Luthers und seiner Frau hängt in der Ausstellung), sondern die Altenburger Reformatorin Ursula Weyda, die mit ihren prolutherischen Flugschriften für das Einmischen von Frauen in die Reformation sorgte. Ansonsten hatten auch evangelische Frauen den Platz an der Seite ihres Mannes einzunehmen und sich seiner Führung unterzuordnen.

Zu erwähnen wäre noch die Licht-Klang-Installation ÜBERGANG des Berliner Künstlers Hans Peter Kuhn. Eine den Lichthof durchschneidende, sich spiralförmig windendende Doppelhelix-Skulptur aus Aluminiumrohren, die mit einer 16-kanaligen Klangkomposition die Spaltung der Kirchenlehren audiovisuell erfahrbar machen soll. Der Wechsel vom katholischen ins protestantische Weltbild wird im Genesismodel der Chromosomen als Bausteine des Lebens sichtbar. Irdische Horizontale und göttliche Vertikale verändern sich im Protestantismus, der den direkten Zugang der Gläubigen zu Gott erleichterte, dafür aber strengere irdische Regeln aufstellte, denen man sich nicht wie im Katholizismus durch Beichte und Sündenerlass entziehen konnte. Was aber auch andeuten soll, dass beide Konfessionen auch weiterhin untrennbar miteinander verbunden sind.

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Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt aber klar in der Verbreitung der neuen reformierten Glaubenslehren in Europa und über den Kontinent hinaus. Durch den ab 1539 in Wittenberg studierenden und späteren Reichsrat Carl Holgerson Gera verbreiteten sich Luthers Schriften sehr rasch im Königreich Schweden. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts bildete sich dort die erste lutherische Staatskirche heraus. Militärische Erfolge in den europäischen Feldzügen feierte der schwedische König Gustav II. Adolf als nationale Triumphe des Glaubens. Entsprechende Reliquien und Devotionalien sind in der Abteilung ausgestellt. Schweden wird zur lutherischen Großmacht in Europa. Die schwedische Zentralkirche drängt freie pietistische Glaubensvereinigungen zurück und zwangsmissioniert die im Norden lebende Urbevölkerung der Sámi. Als Zeuge des zunehmend in Schweden herrschenden Katechismus aus Sünde, Bekenntnis, Strafe, Vergeltung und Gnade führt die Ausstellung den schwedischen Regisseur Ingmar Bergmann, bekannt durch seine zahlreichen Filme zum Thema, wie etwa Fanny und Alexander.

 

Apothese Koenig Gustavs II. Adolf, um 1650
(c) Nationalmuseum Stockholm, Schweden

 

Die Utopie eines sich tolerant gebenden Gottesstaats versuchen im 17. Jahrhundert europäische Auswanderer in Amerika zu leben. Neben den in den englischen Kolonien vorherrschenden Puritanern, Anglikanern und Presbyterianern gründen wegen ihres Glaubens in Europa verfolgte reformierte Glaubensgemeinschaften wie die Quäker, Herrnhuter, Amische oder Mennoniten unter dem Quäker William Penn in Pennsylvania eine neue Kolonie als „Holy Experiment“. Die dort gelebte Glaubensfreiheit und Toleranz fand in der Einstellung zu Sklaverei und Rassismus allerdings auch ihre Grenzen. Die zunehmende christliche Missionierung ging vor allem mit einer territorialen Expansion in den Westen, ins sogenannte „gelobte Land“ der amerikanischen Ureinwohner einher. Indigene Konvertiten sind die „First Fruits“ der sich als erwähltes Volk sehenden Neuamerikaner. Weiterhin beschäftigt sich dieser Ausstellungsteil noch mit den in Folge der durch die Verfassung der USA garantierten Glaubensfreiheit wie Pilze aus dem Boden schießenden Frei- und Erweckungskirchen sowie ihren übers Land ziehenden Wanderpredigern. Zusammenfassend lässt sich die Wirkung des Protestantismus bei der Herausbildung der amerikanischen Nation ganz gut mit den Worten Abraham Lincolns zusammenfassen: „Intelligenz, Patriotismus, Christentum und ein starkes Vertrauen in ihn, der dieses bevorzugte Land noch nie verlassen hat, befähigen uns immer noch, uns an gegenwärtige Schwierigkeiten anzupassen.“ Kurz gesagt: „In God we trust.“

Europäische und amerikanische Missionare sind es auch, die den protestantischen Glauben nach Afrika und Asien bringen. Besonders in Tansania zu deutschen Kolonialzeiten und im Korea des ausgehenden 19. Jahrhundert fällt dies auf fruchtbaren Boden. In Tansania leben heute neben 40 Prozent Muslimen ebenso viele Protestanten. Die dortige evangelisch-lutherische Kirche ist nach der schwedischen die zweitgrößte lutherische Kirche der Welt und im Gegensatz zu Deutschland weiter im Wachsen begriffen. Die Ausstellung dokumentiert in Exponaten und Fotografien die Geschichte wie auch das heutige Gemeindeleben als ein sehr reges an eigenen religiösen Riten wie dem „Faith Healing“ reiches Gemeinwesen, das auch Ausdruck eines wachsenden Selbstbewusstseins ist.

 

Erzengel Gabriel kündigt der Jungfrau Maria die Geburt Christi an – Kim Ki-chang, um 1950.  (c) Seoul Museum

 

Korea wird dann noch geradezu als „Boomland des Protestantismus“ gefeiert. Die christlichen Werte des Westens lassen sich besonders gut in leistungsorientierte Gesellschaften integrieren. Der Anteil der evangelischen Christen beträgt heute etwa 20 Prozent. Besonders presbyterianische Missionare mit ihrer Glaubenslehre „Du bist ein Sünder“ bekehrten die nach einer Erneuerung der konfuzianischen Lehre suchenden Koreaner zum Christentum. Interessant ist vor allem der in diesem Teil gezeigte Bilderzyklus Das Leben Jesu Christi. Der südkoreanische Künstler Kim Ki-chang malte die bekannten Bibelszenen in traditioneller koreanischer Umgebung, als wäre der christliche Erlöser ein asiatischer Gelehrter. Betont wird auch der Beitrag der evangelischen Kirche am Befreiungskampf gegen die japanische Besatzung. Sie war allerdings anfangs auch Stütze des südkoreanischen Militärregimes. So wie das Land in Nord- und Südkorea geteilt ist, herrscht auch in der südkoreanischen Kirche eine Spaltung in einen konservativen und liberalen Zweig, der die „Schlüsselfrage“ nach der Wiedervereinigung sowie soziales und politisches Engagement gegen das Nationale Sicherheitsgesetz von 1991 noch nicht ganz ad Acta gelegt hat.

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Insgesamt ist die Ausstellung in den Überseebereichen sehr informativ und – was das heutige protestantische Leben betrifft – auch recht gegenwartsbezogen gestaltet, was man sich auch für den europäischen Teil und die Wirkung der Reformation im heutigen Deutschland gewünscht hätte. Aber dafür muss man dann wohl an die einstige Wirkungsstätte des deutschen Reformators nach Wittenberg fahren. Allerdings scheint, wie erste Publikumserhebungen zeigen, das Interesse an Luther und dem unter seinem Namen ausgerufenem Jubiläumsjahr wohl doch nicht so hoch zu sein, wie erwartet.

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Der Luthereffekt
500 Jahre Protestantismus in der Welt
12. April bis 5. November 2017
Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums im Martin-Gropius-Bau, Berlin, Veranstalter Stiftung Deutsches Historisches Museum

 Mehr Informationen: https://www.3xhammer.de/de/berlin/der-luthereffekt/

Öffnungszeiten:
MI bis MO 10:00–19:00
DI geschlossen
Sonderöffnungszeiten:
DI 3. und 31. Oktober 2017
von 10:00–19:00 geöffnet

Multimedia-Guide: Kostenfrei
Der Guide ist erhältlich für Kinder und Erwachsene in Deutsch und Englisch. Er enthält deutsche Audiodeskriptionen sowie Informationen in Einfacher Sprache und in Deutscher Gebärdensprache

Eintritt:
€ 12 / ermäßigt € 8
Gruppen (ab 10 Personen) p. P. € 10
Schülergruppen p. P. € 8
Eintritt frei bis 16 Jahre
Kombiticket (alle drei Nationalen Sonderausstellungen in Berlin, Wittenberg und Eisenach): € 24,
Kombiticket Gruppe: € 21 p. P.

Zuerst erschienen am 22.07.2017 auf Kultura-Extra.

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