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BERLINER LISTE und ABC in der Berlin Art Week 2016

Sonntag, September 25th, 2016

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Die 13. BERLINER LISTE im Kraftwerk Berlin-Mitte

bl-logoNoch bis diesen Sonntag findet in der großen Halle des Kraftwerks Berlin-Mitte die 13. Ausgabe der BERLINER LISTE statt. Im Dunstkreis der Berlin Art Week hat sich die Messe für zeitgenössische Kunst vor allem als Entdeckermesse und als Forum für aufstrebende, internationale Kunst zu moderaten Preisen etabliert. Neben dem von den Kuratoren Peter Funken und Stefan Maria Rother ausgewählten Angebot an Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie zeigt die BERLINER LISTE erstmals eine vom Berliner Galeristen Guillaume Trotin kuratierte Urban Art Section. Neu ist auch die im Zwischengeschoss vom japanischen Künstler Rin Terada zusammengestellte Auswahl mit 113 Positionen zeitgenössischer Kunst aus Japan.

Mit 112 Ausstellern aus 25 Ländern kann die BERLINER LISTE im Vergleich zu den Vorjahren ihren Titel als größte Berliner Kunstmesse behaupten. Obwohl man das Angebot auf nunmehr drei Ebenen des Kraftwerks Mitte präsentiert, platzt sie damit aber auch förmlich aus allen Nähten. Berlin ist als Kunststandort nach wie vor gefragt. Etwa die Hälfte der Aussteller kommt aus der Hauptstadt, aber auch aus anderen Teilen Deutschlands, aus Europa, Australien, Südafrika und Asien.

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Einen wirklich roten Faden durch das bunte Angebot in der Gallery Section im Erdgeschoss gibt es nicht. Erste internationale Eyecatcher sind sicher die überdimensionalen Skulpturen, die der taiwanesische Bildhauer Kang Mu-Xiang aus recycelten Stahlseilen geschaffen hat. Tonnenschwer zeigen sie doch meditative Leichtigkeit in Form von abstrakten Föten in Embryonalstellung. Eine Verbindung von industriellen Überresten mit den Symbolen des Lebens und der Wiedergeburt.

 

Kang Mu-Xiang - Ryi Life und Life of Universe - Foto: St. B.

Kang Mu-Xiang – Ryi Life und Life of Universe – Foto: St. B.

 

Ansonsten viel Dekoratives, künstlerisch nicht wirklich Neues. Ein Fokus liegt sicher auf der figurativen Malerei wie bei der Galerie Mario Bermel & 24 Beaubourg sowie der artfein Galerie aus Berlin mit Künstlern wie der Pariser Malerin Barbara Navi mit ihren der Leipziger Schule nahestehenden Werken oder Martin Stommel mit seinen aus griechischen Mythenstoffen entlehnten Bildthemen. Die südafrikanische Kalashnikovv Gallery präsentiert die verstörende Portraitserie Trash Capitalism mit verwischten Direktoren-Gesichtern von Jason Bronkhorst und die comicartigen Mixed-Media-Arbeiten des Multimedia-Künstlers Vusi Beauchamp. Beide reagieren mit ihren Werken auf die gesellschaftspolitischen Ereignisse in ihrem Land. Auch der Kunstverein Artinnovation aus Innsbruck zeigt eine durchaus interessante Auswahl an gegenständlicher Malerei.

Die Popart ist nicht tot zu kriegen und geistert nach wie vor durch alle Genres der bildenden Kunst. Dabei wird viel auf Alu, Dibond, oder Plexiglas gearbeitet. In der schon erwähnten Abteilung mit Urban Street Art fällt die Urban Spree Gallery mit dem Künstler Hendrik Czakainski und seinen aus Holz und Pappe gestalteten dreidimensionalen Stadtlandschaften sowie der Wandinstallation Urban Investigations auf. Die Berliner Open Walls Gallery zeigt den Künstler Alias, dessen Street-Portraits von Jugendlichen durchaus mit den Wandbildern des berühmten Briten Banksy konkurrieren können.

 

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Tobias TwillingTouch My Balls – Foto: St. B.

 

Die Foto-Section im Erdgeschoss scheint etwas zusammengeschrumpft, dafür gibt es im Zwischengeschoss eine recht interessante Auswahl von Peter Funken mit Arbeiten von vor allem jungen Fotografen wie dem Berliner Peter Kagerer mit seinen Solitude-Foto-Collagen. Ansonsten überzeugen vor allem der russische Künstler Andry Kezzyn mit seinen theatralisch arrangierten Szenen aus dem St. Petersburger Alltag oder der russischen Geschichte. Marie-Lou Desmeules aus Spanien zeigt verfremdete Portraitfotografien von übermalten Modell-Installationen berühmter Zeitgenossen wie John Waters, Karl Lagerfeld oder Kim Jong Un. Videoarbeiten sucht man leider umsonst auch Installationen oder künstlerisch ansprechende Plastiken.

Witz haben wenigstens noch die Stahl- und Draht-Skulpturen des Künstlers Tobias Twilling oder die mondänen Büsten von Margarete Adler in der weitläufigen Artist-Section im Obergeschoss. Der Rumäne Alexandru Nestor baut Familienschreine, die man auch wie einen Sekretär nutzen kann und zeigt von Richard Wagners Ring des Nibelungen inspirierte Wandtafeln. Wieder auf der BERLINER LISTE vertreten ist die Saarbrücker Malerin Kerstin Arnold mit neuen realistischen Frauenportraits. Der Greifswalder Urs Bumke zeigt Gemälde mit Titel Die gestrandete Liebe (Wal), auf denen ein Leidender von Arbeitern in roten Overalls wie ein gestrandeter Wal ausgeweidet wird.

 

Edvardas Racevicius auf der BERLINER LISTE - Foto: St. B.

Edvardas Racevicius auf der BERLINER LISTE – Foto: St. B.

 

Die Neuköllner Grafikerin Anna Käse hat ihr Repertoire um interessante Maschinengrafiken erweitert, bei denen sie zusätzlich Metallteile durch die Druckpresse zieht. Dazu gibt es kleine philosophische Denkanstöße in Form von geschriebenen Reflexionen zum Thema Mensch und Maschine. Ebenfalls eine Konstante auf der BERLINER LISTE ist der in Litauen geborenen Holzbildhauer Edvardas Racevičius aus Greifswald, der neben seinen bemalten Figuren nun auch einige Grafiken ausstellt. In Sachen Grafik wäre noch der Preisträger der Sächsischen Grafikbiennale 2016, Chris Löhmann, mit seinen kleinformatigen ikonografischen Drucken zu erwähnen.

Eine asiatische Trommel-Performance bei der Eröffnung machte auf den Schwerpunkt der 13. BERLINER LISTE aufmerksam. Leider kann das Terada-Projekt aus Japan mit seiner dichten Hängung im Zwischengeschoss nicht wirklich überzeugen. Ein Stilmix aus traditionellen Formen, wenig wirklich zeitgenössisch Modernes. Hier wäre weniger sicher mehr gewesen. In jedem Fall muss die Messe die architektonische Weite der Halle im Kraftwerk Berlin in Zukunft noch besser nutzen.

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BERLINER LISTE
Messe für zeitgenössische Kunst
14. – 18. September 2016
im Kraftwerk Berlin
Köpenicker Straße 70

Infos: http://berliner-liste.org/de/

Zuerst erschienen am 16.09.2016 auf Kultura-Extra.

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Art Berlin Contemporary – Die Hauptmesse der BERLIN ART WEEK 2016 überzeugt künstlerisch trotz reduziertem Angebot

abc_2016_logoIm Gegensatz zur BERLINER LISTE setzten die Art Berlin Contemporary, Hauptmesse der Berlin Art Week 2016, auf Klasse statt Masse. Die ABC hat die Teilnehmerzahl der ausstellenden Galerien von 105 im letzten Jahr auf 62 reduziert. In der Station-Berlin am Gleisdreieck bespielt man damit nur noch eine der bisher drei Hallen. Auch finanzielle Gründe sollen eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls sind die Preise für die sonst locker in den weiträumigen Hallen platzierten Stellwände immens gestiegen. Die Aussteller drängen sich in diesem Jahr etwas dichter in der vorderen Halle. Ticketverkauf und Merchandising sind in anderen Räume umgezogen. Den Besuchern der ABC bietet sich eine Art Kunstsalon in Kabinetten. Immer noch besser als die traditionelle Kojen-Anordnung. Man kann zwar weiterhin frei zwischen den einzelnen Ausstellern in der Halle flanieren, allerdings geht doch etwas das Gefühl der Weite verloren.

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Gleich zu Beginn stolpert man schon über die erste Installation, eine Kunstgattung, die auch sonst auf der ABC vorherrschend ist. Es ist eine Anordnung von afrikanischen Masken, Figuren, Fellen und einem in Kolonial-Uniform gekleideten Jazz-Saxophonisten, die der schottische Künstler Andrew Gilbert für die Galerie Sperling aus München wie Ausstellungsstücke in einem Völkerkundemuseum angeordnet hat. Gilbert verarbeitet hier kritisch ironisierend Motive aus der britischen Kolonialzeit. Unweit davon bei der Galerie Guido W. Baudach aus Berlin hockt eine betende Figur auf einer Decke vor einem Ölfass, aus dem über eine Videoprojektion Rauch quillt. Die Multimedia-Installation Primitive Data ist vom Berliner Künstler Markus Selg, der gerade bei der Ruhrtriennale zusammen mit der Regisseurin Susanne Kennedy die Theaterinszenierung Medea.Matrix herausgebracht hat. Qualm dringt auch aus einem Plastik-Müllcontainer in der Raucherecke neben dem Eingangsbereich der Halle. Der Künstler Simon Mullin hat ihn dort für die Galerie Dittrich & Schlechtriem hingestellt. Wann der Müll auf der ABC abgeholt wird, war nicht in Erfahrung zu bringen.

 

Erwin Wurm - Curry Bus - Foto: St. B.

Erwin Wurm – Curry Bus – Foto: St. B.

 

Witz und Ironie sind in diesem Jahr ganz groß geschrieben. Im hinteren Teil der Halle steht der orangene, aufgeblasene Curry-Bus des Österreichers Erwin Wurm, der erst unlängst in der Berlinischen Galerie ausstellte und nun für die Galerie König auch noch einige seiner abstruct sculptures aus bronzenen Würstchen und Gurken mitgebracht hat. Auch ein Toilettenhäuschen mit wild-buntem Comic-Inneren und entsprechender Musikbeschallung von Kenny Scharf für die Düsseldorfer Galerie Hans Mayer ist zu sehn. Multimedial und begehbar ist auch eine Tapisserie-Installation der französischen Turner-Preis-Trägerin von 2013, Laure Prouvost, bei der Berliner Galerie Calier/Gebauer. Für die Wiener Galerie nächst St. Stephan hat der Berliner Daniel Knorr einen begehbaren Solo-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg in die Halle gestellt, und für die Galerie Stereo aus Warschau lässt der polnische Künstler Roman Stańczak auf einem Holztisch einen Löffel um ein von einer Made zerfressenes Brot kreiseln.

Die Berliner Galerie koal zeigt die Sperrholz-Skulpturen aus der Werkgruppe Drop des in Tel Aviv lebenden Künstlers Yitzhak Golombek. Die wie Tropfen oder Tränen geformten Gehäuse spielen mit den Gegensätzen zum Dargestellten in Material, Form, Größe und Gewicht. Auf den Tropfen stehen Zeichnungen mit Köpfen, die aus Obst und Gemüse zusammengesetzt sind und an den Renaissance-Künstler Arcimboldo erinnern. Die Buchmann Galerie aus Berlin stellt eine Gruppe mit Bronzeskulpturen des Schweizer Malers, Bildhauers und Schriftstellers Martin Disler aus.

 

Yitzhak Golombek - ausder Werkgruppe Drop - Foto: St. B.

Yitzhak Golombek – ausder Werkgruppe Drop – Foto: St. B.

 

Ansonsten gibt es einiges Interessantes an Malerei, Grafik und Mixed-Media-Arbeiten zu sehen. Da sind vor allem die neuen Bilder des Kölners Andreas Schulze, die die Berliner Galerie Sprüth Magers an vier hellblaue, gegenüberliegende Stellwände gehängt hat. Die Serie Vacanze zeigt abstrahierte Rumpfformen von Urlauberfamilien in Öl und buntem Badeoutfit. Ironisch lässt Schulze aus kleinen runden Öffnungen in den Kleidern Rauch entweichen. Die Leipziger Galerie Eigen+Art zeigt die seriellen vom Vokabular der sozialen Netzwerke inspirierten Pop-Art-Bilder der griechischen Künstlerin Despina Stokou, auf denen sie viele kleine Emojicons aneinanderreiht. Verrätselt sind die großformatigen, farbigen Papierarbeiten des Dresdner Künstlers Dirk Lange mit den Titeln Staff und Grenzgebiet. Sie sind bei der Berliner Galerie Michael Haas zu sehen. Neue anspruchsvolle Öl-Bilder des Malers Eberhard Havekost hat die Dresdner Galerie Gebr. Lehmann im Angebot.

 

Andreas Schulze - aus der Serie Vacanze - Foto: St. B.

Andreas Schulze – aus der Serie Vacanze – Foto: St. B.

 

Für die Galerie Luis Campana hat der in New York lebende deutsche Künstlers Dirk Skreber große Portraits mit 3D-Effekten aus geschnittenen Schaustoffstreifen geschaffen. Hier schlug sogar die Neue Nationalgalerie Berlin / Hamburger Bahnhof zu. Bei der Düsseldorfer Galerie Sies+Höke sind große Bilder des New Yorker Zeichners Marcel Dzama zum Theater der Revolution sowie kleine Bühnenmodelle aus Holz im Stile des Bauhausmeisters Oskar Schlemmer ausgestellt. Der New Yorker Künstler Pieter Schoolwerth übersetzt mit roter Lackfarbe beschichtete Holzreliefs in dreidimensional anmutende, farbige Ölmalereien mit Stinkefinger. Seine Werke Fuck Me und Modell for „Fuck Me“ hängen bei der New Yorker Galerie Capitain Petzel.

 

Pieter Schoolwerth - Fuck Me - Foto: St. B.

Pieter Schoolwerth – Fuck Me – Foto: St. B.

 

Überstrichene, illegal geklebte Plakate hat der in Doberlug-Kirchhain geborene und in Düsseldorf arbeitende Künstler Juergen Staack in chinesischen Wohnhöfen (Hutongs genannt) fotografiert. Die Fotografien der Serie Wei (deframed), die hier direkt auf die grauen Wände des Kabinetts der Galerie Konrad Fischer geklebt wurden, sehen nun aus wie abstrakte Leerstellen ausgelöschter Kunst. Komplettiert wird das vielseitig ansprechende Angebot auf der ABC u.a. von feministischen schwarz-weißen Fotoarbeiten der dänischen Künstlerin Kirsten Justesen bei der Aviskari Galerie aus Kopenhagen sowie einer Multi-Media-Wand mit einer Auswahl von Fotos und Videos des Videofilmers und Theatermachers Christopher Roth beim Stand der Berliner Galerie Esther Shipper.

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Art Berlin Contemporary
15. – 18.09.2016
in der Station-Berlin
Luckenwalder Str. 4–6

Infos: http://www.artberlincontemporary.com/de/

Zuerst erschienen am 21.09.2016 auf Kultura-Extra.

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