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ImEx Berlin – In einer großen Vergleichsschau stellt die Alte Nationalgalerie Bilder des Impressionismus und Expressionismus gegenüber

Mittwoch, August 19th, 2015

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„Aus Im wird Ex“Herwarth Walden

William Wauer, Herwarth Walden, 1917 - Foto: St. B.

William Wauer: Herwarth Walden, 1917 – Foto: St. B.

„Sie wandern an dem Strom, der schwarz und breit / Wie ein Reptil, den Rücken gelb gefleckt / Von den Laternen, in die Dunkelheit / Sich traurig wälzt, die schwarz den Himmel deckt.“ schrieb 1911 der expressionistische Dichter Georg Heym in seinem Gedicht Die Dämonen der Stadt. Ihren bildlichen Ausdruck erhalten diese Verse u.a. in den ebenso dämonischen wie apokalyptischen Städteansichten des Expressionisten Ludwig Meidner. „Die impressionistische Verschwommenheit und Verundeutlichung nützt uns nichts. (…) Eine Straße besteht nicht aus Tonwerten, sondern ist ein Bombardement von zischenden Fensterreihen, sausenden Lichtkegeln zwischen Fuhrwerken aller Art und tausend hüpfenden Kugeln, Menschenfetzen, Reklameschildern und dröhnenden gestaltlosen Farbmassen.“ tönte dann auch der junge Maler 1914 in Abgrenzung zum feinen Stil der Impressionisten in seiner Anleitung zum Malen von Großstadtbildern. Ein Kulturkampf der Moderne war entbrannt, in dem der Kunsthändler und „Sturm“-Herausgeber Herwarth Walden Partei ergreift und den Expressionismus nicht als neue Mode, sondern als eine Weltanschauung der Sinne feierte.

Die Maler des Lichts und der feinen Schattenspiele gegen die Explosion der Farben und Formen. Oder auch das fragende Auge des Beobachters gegen den aufgerissenen Mund der Menschheit, wie es der deutsche Kunsthistoriker Hermann Bahr 1916 beschrieb. Den Schrei dazu malte der Norweger Edvard Munch und löste damit in Deutschland Begeisterungsstürme wie harsche Ablehnung aus. Verteidigte der Berliner Akademieprofessor und Secessionspräsident Max Liebermann noch Munch gegen seine Kritiker, bezeichnet er die aufstrebenden deutschen Expressionisten als „Existenzen jenseits der Zivilisation“. Der Expressionist Emil Nolde antwortete ihm mit einer Schmähschrift. Die Bilder Liebermanns seien „schwach und kitschig“. Jahre zuvor war dem jungen Impressionisten Liebermann noch eine ähnliche Ablehnung in München widerfahren. Ergebnis dieses Streits war im Jahr 1910 die Spaltung der Berliner Secession. Gerade eben erst vereinte eine kleine Ausstellung über Gartenmalerei die ehemaligen Kontrahenten in Liebermanns Villa am Wannsee.

Auguste Rodin: Das eherne Zeitalter (1875-76) - Foto: St. B.

Auguste Rodin: Das eherne Zeitalter (1875-76) – Foto: St. B.

In der gut besuchten ImEx-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel wird man die beiden so gegensätzlichen Malertypen wiedertreffen. Denn auch die große Schau zur Kunstwende Anfang des 20. Jahrhunderts hat es sich zum Ziel gesetzt, nicht das Trennende der angeblich so verschiedenen Kunstrichtungen zu zeigen, sondern nach ihren Gemeinsamkeiten zu suchen. Zu verdanken ist die Zusammenführung der hier ausgestellten Pracht in erster Linie der Sammellust und dem modernen Kunstverständnis der ehemaligen Direktoren der Berliner Nationalgalerie Hugo von Tschudi und Ludwig Justi sowie dem aktuellen Umstand, dass die Heimstadt der Expressionisten, die Neue Nationalgalerie am Kulturforum, einer Generalsanierung unterzogen wird. Das bedeutet de facto eine Entziehung der Bilder aus dem Blick des Publikums für mehrere Jahre. Noch bis zum 20. September sind die Werke der Im- und Expressionisten im 1. Stock der Alten Nationalgalerie zu sehen, angereichert mit Leihgaben u.a. aus Paris, Madrid, Wien und München.

„Es gibt zwei große Richtungen in der Kunstgeschichte, die sich durch die Jahrhunderte verfolgen lassen. Sie sind einander diametral entgegengesetzt.“ schreibt der Kunsthistoriker Alfred Werner 1917. Beide Richtungen definieren sich dabei mehr oder weniger über die Sicht der Natur und deren Wiedergabe durch das jeweilige Temperament des Malers. Die Unterschiede im Ergebnis erklärt der Kunsthistoriker Georg Marzynski mit einer „Verschiebung des Ansatzpunktes der individuellen Momente im Darstellungsprozeß“. Nachlesen lässt sich das alles im gut mit theoretischen Schriften gefüllten Schaukasten in der Mitte des sonst den Deutsch-Römern gewidmeten Eingangsraumes. Ob der Farbauftrag nun mechanisch oder individuell von Statten ging, bestens nachvollziehen lässt sich Marzynskis Aussage in der streng thematisch gereihten Ausstellung, bei der vorwiegend bedeutende Werke des deutschen und französischen Impressionismus und Expressionismus einträchtig nebeneinander gehängt unmittelbar dem prüfenden Auge des Betrachters ausgesetzt sind.

Claude Monet_Die Barke in Giverny (En norvégienne), um 1887 © RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay), Hervé Lewandowski

Claude Monet: Die Barke in Giverny (En norvégienne), um 1887
Foto © RMN-Grand Palais (Musée d’Orsay), Hervé Lewandowski

Und das Gemeinsame zeigt sich nicht nur in der Ablehnung des naturalistischen, akademischen Malstils und der Flucht aus den Ateliers ins Freie. Ob Stadtansichten, Landschaftsbilder, Darstellungen von Landhäusern, Menschen beim Baden oder anderen Vergnügungen, auch in den Sujets der Maler gleichen sich die beiden Kunstrichtungen. Die wachsenden Großstädte Berlin und Paris mit ihren Straßenszenen, Cafés und Varietees, Ausflugslokalen in den Vorstädten, Gartenhäuser auf dem Land, Flusslandschaften und Strandszenen dienen den Künstlern zur Inspiration. Und so kommt es, dass hier ein heller, freundlich wirkender Potsdamer Platz, 1894 von Hans Herrmann gemalt, einem Gemälde von Ernst Ludwig Kircher aus dem Jahr 1914 gegenüberhängt, das den gleichen Ort in gedeckten Farben und schrägen Perspektiven als Platz der Kokotten und Freier ausweist. Wogegen sich die düsteren Nachtansichten Berliner Straßen von Lesser Ury und Otto Dix oder die des Pariser Boulevard Montmartre von Camille Pissarro doch sehr ähneln.

Es bieten sich dem Betrachter unmittelbare Vergleiche in der Landschafts-, Gesellschafts- und Portraitmalerei so bekannter französischen Impressionisten wie Paul Signac, Eduard Manet, Claude Monet oder Auguste Renoir und ihren deutschen Kollegen Max Liebermann, Lovis Corinth oder Max Slevogt mit den expressionistischen Vertretern der Malervereinigungen der Brücke wie Max Pechstein, Erich Heckel oder Karl Schmidt-Rottluff und der des Blauer Reiter, die hier durch die Künstlerfreunde Franz Marc und August Macke vertreten sind. Die Ausstellung bietet weiterhin Einblicke in die Kunst des Stilllebens, der Interieur-Malerei und Tierdarstellung. In all dem spiegeln sich immer wieder der Drang zum Bruch mit den engen bürgerlichen Konventionen und eine Sehnsucht zum Ursprung der Natur zurückzukehren. Franz Marcs oder Berthe Moriots Tierbilder sind dabei nicht nur Wiedergaben flüchtiger Eindrücke und Emotionen, sondern in ihrer Symbolik auch Ausdruck einer philosophischen Auseinandersetzung mit Leben und Tod.

ranz Marc: Kühe, gelb-rot-grün, 1912 - Foto © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

Franz Marc: Kühe, gelb-rot-grün, 1912 – Foto © Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

Aber nicht nur Natur, Tier und Mensch in einer sich wandelnden Welt gehören zur Motivpallette der Im- und Expressionisten. Den Ängsten und Visionen des Krieges widmet sich die Ausstellung im letzten Raum. Ludwig Meidners Barrikadenkampf und Ferdinand Hodlers Redner stehen hier neben Schlachtfeldbildern von Emil Nolde und Otto Dix. Der Euphorie des Ersten Weltkriegs folgten schnell Leid und Ernüchterung. Dafür stehen sicher auch Lovis Corinths Geblendeter Simson und Ernst Barlachs Holzrelief Die Verlassenen. Aber ob nun Eindruck oder Ausdruck, zur glanzvollen Inszenierung dieser versöhnenden Zusammenführung von „Im“ und „Ex“ passt sicher auch der Ausspruch des großen Modernisten unter den Malern, Paul Cézanne: „Die Farbe ist der Ort, wo unser Gehirn und das Weltall sich begegnen. Darum erscheint sie den wahren Malern durchaus dramatisch.“

Fotos (c) St. Bock

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Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende
Alte Nationalgalerie Berlin
22. Mai bis 20. September 2015

Öffnungszeiten:
Di, Mi, So | 10 – 18 h
Do – Sa | 10 – 20 h
Mo | geschlossen

Alte Nationalgalerie
Museumsinsel
Bodestraße 1-3
10178 Berlin
Fon +49 (0)30 266 42 42 42
Fax +49 (0)30 266 42 2290
service@smb.museum

Mehr Informationen unter: www.imexinberlin.de

Zuerst erschienen am 16.08.2015 auf Kultura-Extra.

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