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Das war die Berlin Art Week 2013 – Ein Rückblick

Mittwoch, September 25th, 2013

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Me_außen

Der Me Collectors Room der Sammlung Olbricht in der Auguststraße.

Neben dem Gallery Weekend im Frühjahr ist die Berlin Art Week der wohl wichtigste Event im Berliner Kunstherbst. Im Messezirkus des internationalen Kunstmarkts will Berlin mit seinen zahlreichen Galerien unbedingt mithalten. Und so soll denn auch die Galerienhauptstadt Deutschlands zum größten Galeriestandort Europas entwickelt werden. Das lässt sich der Senat rund 350.000 Euro Fördergelder kosten, wie Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer auf einer Pressekonferenz Ende August betonte. Ob sich damit auch die Arbeitsbedingungen für Berlins Künstler verbessern werden, wird die um mehr Unterstützung vom Senat ringende Freie Szene weiterhin kritisch hinterfragen müssen.

Die vierteilige Ausstellung „Painting Forever!“ als Kooperationsprojekt der Berlin Art Week

Me_Band

Auguststraßenmusik

Bei einem wie gemalt blauen Himmel wurde bereits am Dienstag die Berlin Art Week gemeinsam mit dem Kooperationsprojekt „Painting Forever!“ bei einem großen Straßenfest eröffnet. Den Startschuss in der Auguststraße gab als Schirmherr gegen 19:30 Uhr der Regierende Bürger- und Partymeister Klaus Wowereit. Er ließ es sich im Anschluss nicht nehmen, bei einem kleinen Bad in der Menge, die kreative Kunstszene der Stadt mal ganz aus der Nähe zu besichtigen.

Links und rechts der Berliner Kunstmeile schlechthin hatten die Galerien geöffnet und luden zum Schauen und Fachsimpeln. Umrahmt wurde der Open-Air-Event von zahlreichen Livebands und DJs entlang der Flaniermeile. Nicht nur auf der Straße, auch vor dem Me Collectors Room der Sammlung Olbricht, oder dem Hof des benachbarten KW Institute for Contemporary Art drängen sich die Kunstinteressierten. Auf der schmalen Stiege der Kunst Werke ging stellenweise nichts mehr.

Keilrahmen in den KunstWerken

Keilrahmen in den KunstWerken

Das KW Institute zeigt in der Ausstellung „Keilrahmen“ im großen Saal des Erdgeschosses Positionen junger Berliner Maler. Dicht gehängt ist die Rückwand mit einem bunten Mix an Formen und Stilen. Und nicht wenige Bilder springen dabei förmlich aus dem Rahmen und dem Gegenüber direkt ins Auge. In zwei Geschossen ist die erste Einzelausstellung des britischen Künstlers Merlin James zu sehen. Auch er spielt mit den Wahrnehmungen des Betrachters und setzt den mittlerweile fast verpönten Rahmen wieder in den Blickpunkt.

Nebenan im Me Collectors Room ist eine Retrospektive des Düsseldorfer Bildhauers und Zeichners Thomas Schütte zu sehen. Seine voluminösen Skulpturen werden durch klein- und großformatige Arbeiten auf Papier aus der Sammlung Olbricht ergänzt. Die Ausstellung „Schöne Grüße Thomas Schütte“ ist noch bis 23. März 2014 zu sehen.

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Auf der nächtlichen Auguststraße.

Einen ergänzenden Blick auf die rege Berliner Kunstszene geben viele der Galerien in der Auguststraße. Die ehemals Neuen Wilden wie Rainer Fetting oder Salomé sind in der Galerie Deschler zu sehen. Ein richtiger Eyecatcher der Ausstellung „Painting Water“ ist aber ein Gemälde der österreichischen Künstlerin Xenia Hausner, die in Deutschland nicht allzu oft sehen ist. Nebenan bei Naimah Schütter ist der Ägypter Khaled Hafez mit sehr symbolgeladen Grafiken und großformatigen Werken in Mischtechnik zu sehen. Ostdeutsch „Aussicht“ bietet dagegen die Galerie Berlin. Hier werden Skulpturen von Beate Debus mit Gemälden von Johannes Heisig kombiniert.

Daneben kann man auch weitere Positionen der Malerei in der Neuen Nationalgalerie sehen. Dort sind so bekannte Künstler wie Martin Eder, Michael Kunze, Anselm Reyle, Thomas Scheibitz ausgestellt. In der Kunsthalle der deutschen Bank Unter den Linden flankieren junge Künstler wie Antje Majewski, Katrin Plavčak, Giovanna Sart Spätwerke der berühmten Berliner Malerin der Neuen Sachlichkeit Jeanne Mammen. Die Berlinische Galerie in Kreuzberg komplettiert mit den farbenfrohen großformatigen Wandgemälden des Berliners Franz Ackermann die vierteilige Sonderausstellung „Painting Forever!“.

Painting-Forever_Franz-Ackermann_1

Painting Forever – Franz-Ackermann in der Berlinischen Galerie.

Es ist schön, dass die Berlin Art Week mit einem separaten Schwerpunkt wieder einen Fokus auf die vielgestaltige Kunst der modernen Malerei setzt. Die Ausstellungen werden auch über die Dauer der Berlin Art Week hinaus weiterhin zu sehen sein. Die Malerei ist also nicht tot zu kriegen und ruft zu Recht: Painting Forever!

Sehen und Gesehen werden auf der abc art berlin contemporary.

Zentraler Anchorpoint der internationalen Kunstszene auf der Art Week ist mittlerweile die 2008 gegründete abc art berlin contemporary mit ihrem Standort am Gleisdreieck. Die Station Berlin in der Luckenwalder Straße ist seit 2011 fester Austragungsort der Hauptmesse der Berlin Art Week. Das Innovative der abc besteht darin, dass üblich Konzept, bei dem die Galerien in festen, abgegrenzten Kojen untergebracht sind, zu Gunsten einer offenen Struktur aufgelöst zu haben. Die Aussteller müssen sich so auf eine Position beschränken. Der einzelne Künstler steht damit im Mittelpunkt der jeweiligen Präsentation.

Motorrad-Performance auf der abc

Motorrad-Performance
auf der abc.

Dieser große Vorteil für die Künstler neben einer architektonisch ansprechenden Verbindung mit den sehr hohen, historischen Hallen der Station Berlin erweist sich aber für den ungeübten Besucher auch gleichzeitig als kleiner Nachteil. Sich hier im betriebsamen Gewusel der Messeprofis zurechtzufinden, ist eine kleine Herausforderung. Ohne den sonst üblichen Kleinstkatalog ist man lediglich mit einem kleinen Faltplan bewaffnet auf seinen eigenen guten Orientierungssinn und einen gewissen Instinkt für das Wesentliche angewiesen. Es empfiehlt sich immer, schon im Voraus im Internet die Künstlerliste nach persönlichen Vorlieben zu durchforsten. Man kann sich dann zielstrebiger im weitläufigen Ausstellungsgelände bewegen, oder, wenn man das nicht will, auch einfach nur treiben lassen.

Malerei und Grafik stehen auf der abc traditionell nicht im Vordergrund, sind aber, ob nun in abstrakter, gegenständlicher oder Mixed-Media-Form, vereinzelt immer wieder anzutreffen. Filmemacher David Lynch beweist bei der Galerie Karl Pfefferle, dass er auch als bildender Künstler mit seinen düsteren Lithografien zu verstören weiß. Lustiger geht es da beim Indonesischen Künstler Uji Handoko zu, dessen comichafte Skulpturen und Zeichnungen den Stand der Galerie ARNDT schmücken. Bei der Galerie Zink kokelt das Künstlerduo Muntean/Rosenblum etwas an den Wänden herum, an denen ihre ironischen Sprechblasenbilder hängen.

Der Schwede Jens Fänge zeigt für die Galleri Magnus Karlson eine große, über Eck zusammengesetzte, zeitgenössische Interriör-Malerei, und Pae White gestaltet für neugerriemschneider gar eine ganze Wand aus kleineren, grafischen Kunstwerken. Einen interessanten Zwitter aus Rauminstallation, Malerei und Wort hat die Berliner Multimediakünstlerin Brigitte Waldach für die Galerie Bo Bjerggaard gestaltet. Ihre aus netzartig gespannten roten Fäden, Bildern mit verloren wirkenden Figuren und Worten wie Trauma, Erfahrung, Fiktion gestaltete Brain Box Ideology lädt den Betrachter zum echten Nachdenken ein.

Skulptur für Christoph Schlingensiefs Operndorf

Skulptur für Christoph Schlingensiefs Operndorf.

Die Liebhaber von Installationen, Soundarbeiten, Performances und Videokunst kommen auf der abc dagegen voll auf ihre Kosten. Im Hof der Station wird man bereits mit einer schier ohrenbetäubenden Klanginstallation begrüßt. Das scheint der regen Unterhaltung der Besucher an den zahlreichen Bierbänken aber keinen großen Abbruch zu tun. Drinnen wird man dann von einer ebenso lauten Musikperformance mit Motorradgedröhn in den Bann gezogen. Etwas kontemplativer sind dagegen ein Paar von echten Zebrafinken gebaute Vogelnester, die der Künstler Björn Braun in einer Installation für die Galerie Meyer Riegger liebevoll auf Stangen drapiert hat. Die Natur als unerschöpflichen Lieferanten für die zeitgenössische Kunstinstallation hat auch Luca Trevisani entdeckt. Am Stand der Galerie Mehdi Chouakri zeigt der Künstler an Drähten hängende Äste und Blumen.

Olaf Metzel hat für die Galerie Wentrup eine demolierte Zuschauertribüne, ähnlich einem umkämpften Fußballstadion, in die Halle gebaut. Nina Beier von der Galerie Croy Nielsen legt überdimensionale Geldscheine in den Weg der Besucher, wie einen ironischen Hinweis, dass das große Geld hier förmlich auf der Straße liegt. Überdimensional sind auch die Steine, die William Tucker für die Galerie Buchmann in eine Betonecke gestellt hat. Sie würden gut in den Bunker von Sammler Christian Boros passen. Bei Hauser und Wirth haben die Künstler Andy Hope 1930, Anri Sala und Aino Laberenz eine turmartige Skulptur für Christoph Schlingensiefs Operndorf gestaltet und die Konzeptkünstlerin Sharon Hayes führt uns für die Tanya Leighton Gallery in einen ganzen Schilderwald aus Parolen und Verboten.

abc_William Tucker

William Tucker auf der abc.

Auf der abc ist neben dem Sehen natürlich vor allem das Gesehen werden wichtig. Und so stolpert man am Eröffnungsabend auch ständig über Promis und solche, die es gerne werden wollen. Man kann sich mit dem selbst zu Kunst gewordenen Paar EVA & ADELE ins Blitzlichtgewitter stellen, dem stets filmenden und referierenden Kunstkontakter bei der Arbeit zusehen oder den in die Jahre gekommenen Pionier der Wiener Aktionskunst Hermann Nitsch beim gemütlichen Verkosten seines eigenen Weißweins beobachten. Schon allein wegen der Weinauswahl sieht die Foto- und Video-Präsentation des Studios Morra / Alnitak Art agency in einer Ecke der Halle nicht gerade nach dem üblichen, blutigen Orgien- und Mysterientheater aus. Auch die traditionell tief roten Schüttbilder wirken hier eher etwas blass. Einige weiß eingedeckte Pritschen lassen auf eine spontane Kurzperformance des Altmeisters schließen. Die Nitsch-Fans können sich aber an den opulenten Aktionsfotos und Videos laben.

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Pauline Curnier Jardin
auf der abc.

Spontanität und ein stetiger Work in Progress sind auf der abc Programm. Danilo Dueñas von der Galerie Thomas Schulte stapelt an einem Gerüst befestigte, senkrecht stehende Türen übereinander. Davor sieht es aus, als hätten sich die Bauarbeiter vor der Fertigstellung ihrer Arbeit einfach aus dem Staub gemacht. Der Kolumbianer zeigt einen umgestürzten Schrank, der diverses Werkzeug unter sich begräbt. Aber vielleicht wird man deren Besitzer dann später lachend bei Bratwurst und Bier im Restaurantbereich wiedersehen können. Wem das alles zu turbulent erscheint, konnte auf die kleineren, familiärer wirkenden, deswegen aber nicht minder interessanten Nebenmessen wie die PREVIEW in den Opernwerkstätten in der Zinnowitzer Straße oder der BERLINER LISTE im ehemaligen Heizkraftwerk Mitte in der Köpenicker Straße ausweichen.

Viel Interessantes gibt es auch bei einem Rundgang über die PREVIEW Berlin art fair zu sehen.

Die PREVIEW Berlin art fair, die kleine Schwester der art berlin contemporary, ist für ihre 9. Ausgabe vom Flughafen Tempelhof in die Opernwerkstätten Mitte in der Zinnowitzer Straße umgezogen. In zwei der ehemaligen Malersälen präsentieren sich hier wieder zahlreiche Galerien aus Berlin, der nationalen und der internationalen Kunstszene. Man ist sich dabei des übertriebenen Hypes des Kunstmarkts sehr wohl bewusst und setzt vor allem auf kleinere Galerien und Newcomer jenseits des Marktes, wie es im Katalog zur Messe dargestellt wird.

Samuel Salcedo auf der preview.

Samuel Salcedo auf der preview.

Trotzdem bedarf es natürlich immer einiger Zugpferde und so stellt die G & G Fine Art Galerie Miamai-Berlin den Street-Art-Künstlers Banksy mit zwei Arbeiten aus. Als wirkliche Entdeckung am Stand erweist sich aber der Kolumbianer Juan Carlos Arana mit seinen Ölbildern, die ironisch Anklänge an die Stummfilmzeit nehmen. Er ist damit aber nicht der einzige Künstler auf der PREVIEW der sich Charly Chaplin als Vorlage für seine Malerei genommen hat.

Banksy auf der preview.

Banksy auf der preview.

Anklänge an die Malerei der Renaissance und des Barock nimmt der angesagte Portraitfotograf Josef Fischnaller mit seinen in üppiger Pracht schwelgenden, großformatigen Fotografien. Weitere Highlights sind die Stände der Maerzgalerie Halle mit den in düsterem Sepia gehaltenen Bildern des Malers Sebastian Schrader und die Leipziger Galerie Kleindienst mit starken Namen wie Rosa Loy und Tilo Baumgärtel. Bemerkenswert auch die verstörenden Skulpturen der spanischen Künstler Samuel Salcedo und José Cobo bei der 3 Punts Galeria Barcelona.

Von noch etwas ausgefallenerer Art sind die verzerrten, sexuell aufgeladen Grafiken des Schweden Carl Wassa Lübeck, die er auf farbiger Wand zu Klängen der Band Rammstein zeigt. Einem Albdruck entsprungen scheint auch die aus Lindenholz geschnitzte Figurengruppe von Yasam Sasmazer, die nach einem Zitat aus dem frühen Dostojewskiroman „Der Doppelgänger“ mit der Hauptfigur Goljadkin benannt ist. Etwas verspielter sind da die aus Kunstharz gestalteten Skulpturen der Liechtensteiner Galerie Art Felicia. Regelrecht witzig dagegen sind aber die Fotografien des Kunstvereins Familie Montez aus Frankfurt am Main.

Juan Carlis Arana auf der preview.

Juan Carlis Arana auf der preview.

Der viel beschworene Nachwuchs ist dann an den Ständen der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt, der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle und der Akademie für Malerei Berlin zu sehen, wo vor allem die Künstlerin Anja Sieber mit ihren Mixed-Media-Arbeiten zu Dantes Göttlicher Komödie aus Acryl, Kleber, Draht, Schellack und Tusche auf Papier auffällt. Ein weiteres, vielversprechendes Maltalent stellt die Galerie Smudajescheck mit der jungen Münchnerin Janina Roider aus. Ihre großformatigen Acrylportraits versprühen einiges an ungezügelter Wildheit und Lebenslust.

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Jule Ja Kantor bei der preview.

In einer Parallelwelt über den Wolken schweben die Bilder der Malerin Jule Ja Kantor bei privatview. Dieser nahezu göttlichen Verherrlichung von Kunst und Liebe schaut von außerhalb der große Metaphysiker der Kunst Christoph Schlingensief sichtlich belustigt zu. Und einem guten alten Bekannten der DDR-Kunst kann man fast am Ende der Messe auch noch begegnen. Die Berliner LÄKEMÄKER Galerie stellt den ostdeutschen Vertreter der Popart und begnadeten Illustrator Hans Ticha mit einigen Ölbildern aus. Man ist in gut zwei Stunden dann auch schon durch mit dieser interessanten Preview zeitgenössischer Kunst und hat dabei in jedem Fall einiges an guter und durchaus preiswerter Kunst zu sehen bekommen.

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preview_Yasam Sazmazer

Yasam Sazmazer
auf der preview.

 

alle Fotos (c) St. Bock

Die einzelnen Texte wurden
in ausführlicher Form
am 18. und 20.09.2013
auf Livekritik veröffentlicht.

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