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Wählen Sie Kunst! Am Mittwoch öffnete die 10. Ausgabe der BERLINER LISTE im MUMA ihr Pforten.

Samstag, September 21st, 2013

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Berliner-Liste-Eingang

Die ewige Wanderschaft scheint ein Ende gefunden zu haben. Seit nunmehr drei Jahren findet die BERLINER LISTE in der großen Trafo-Halle des alten Heizkraftwerkes Mitte (MUMA) in der Köpenicker Straße statt. Sie hat sich als Satellitenmesse des ehemaligen Art-Forums emanzipiert und gehört im Berliner Kunstherbst zu den drei großen ständigen Messen für zeitgenössische Kunst. In diesem Jahr stellen auf über 2.500 Quadratmetern, 131 Galerien, Projekträume und Künstler aus 30 Ländern ihr Werke aus.

Skulptur des Kunstkontakters Konstantin Schneider

Skulptur des Kunstkontakters Konstantin Schneider

Passend zur Bundestagswahl hat die LISTE „Wählen Sie Kunst!“ als Motto ausgerufen. Das hat der Berliner Kunstkontakter wörtlich genommen und die Partei, die für die Kunst Partei ergreift, gegründet. In der Ausstellungsbox des Kunstkontakters steht Konstantin Schneider, das bekannte Enfant terrible der Berliner Kunstszene, und erklärt kurzerhand als Generalsekretär die Künstlerstimme zur Kanzlerstimme. In ironischer Weise nehmen die ausgestellten Bilder den personalisierten Wahlkampf und Attitüden der Politiker auf Wahlplakaten aufs Korn.

Sven Bergholz' Kunstharz-Jesus

Sven Bergholz‘ Kunstharz-Jesus

Die BERLINER LISTE versteht sich seit jeher als Entdeckermesse, die ganz großen Namen wird man hier nicht finden. Eine Ausnahme bildet da der Filmemacher David Lynch, der in Deutschland als Bildender Künstler noch zu entdecken ist. Die Galerie Obrist aus Essen stellt eine Serie von Lithografien des Regisseurs von Filmen wie Blue Velvet und Twin Peaks aus. Thematisch kommen die Bilder der mysteriösen Düsternis dieser Filme erstaunlich nahe.

Die Messe teilt sich in diesem Jahr in drei Bereiche. Im Erdgeschoss befinden sich die Gallery Section und einige Projekt Spaces. Im Zwischengeschoss gibt es neben dem Catering-Bereich die Sonderausstellung „Gelistet“, eine speziell kuratierte Schau für Künstlerinnen und Künstler, die in Berlin leben und arbeiten. Im Obergeschoss ist die Artist Section und die extra neu gestaltete Photografy Section untergebracht.

Carsten Sanders Fotoserie "Heimat - Deutschland Deine Gesichter"

Carsten Sanders Fotoserie
„Heimat – Deutschland Deine Gesichter“

Der gestiegenen Bedeutung der Fotografie in der modernen Kunst in Zeiten der massenhaften Digital-Fotografie will man mit dieser thematisch abgegrenzten Sektion gerecht werden. Besonderes Augenmerk hat Stephan Köhler, der Projektleiter der Photografy Section, darauf gelegt, allen möglichen Facetten der Fotokunst Raum zu geben. Hierbei sticht zunächst am Beginn die Portraitserie Deutschland – Deine Gesichter des Berliners Carsten Sander ins Auge. Was zunächst wie eine Ansammlung von Promifotos aussieht, ist beim näheren Hinsehen eine Arbeit die mittlerweile 1.000 Portraits in Deutschland lebender Menschen umfasst. Sander will mit seinen sehr reduzierten Fotografien den Menschen hinter dem Vorurteil zeigen.

"Das hinausgeworfene Geld" von Wadim Rakowski

„Das hinausgeworfene Geld“ von Wadim Rakowski

Weitere interessante Arbeiten gibt es u.a. von Alexander Gehring bei der Berliner Galerie Pavlov’s Dog, Franziska Strauss mit ihren in der Natur aufgenommenen expressiven Tänzerinnenportraits bei Egbert Baque, Berlin, oder dem Litauer Algis Griškevičius mit seinen symbolistischen schwarz/weißen Fotografien bei der Greifswalder Galerie STP. Umso farbiger sind die archaisch anmutenden Strandbilder mit beflügelten Männerwesen von Arsen Savadov, die die Dymchuk Gallery aus Kiew zeigt. Die Ukrainer sind auf der LISTE zweimal vertreten. In der Gallery Section im Erdgeschoss präsentieren sie Malerei zu postkommunistischer Thematik.

Joanna Skurska und Leszek Skurski bei der Red Corridor Gallery

Joanna Skurska und Leszek Skurski
bei der Red Corridor Gallery

Insgesamt ist ein Trend Richtung Osteuropa deutlich erkennbar. Zum Beispiel mit dem Künstler- und Ehepaar Joanna Skurska & Leszek Skurski aus Gdansk. Sie zeigt am Stand der Red Corridor Gallery aus Fulda filigrane Kleiderskulpturen aus Kupferdraht, er malt auf das Wesentlichste reduzierte Figurengruppen auf meist hellem Hintergrund. Oder auch LISTE-Stammgast Malgosia Jankowska mit ihren wie verzaubert erscheinenden großformatigen Landschafts-Aquarellen. Die aus Warschau stammende Künstlerin lebt und arbeitet mittlerweile in Berlin.

Timm David Trillsams Skulptur "Das Überich"

Timm David Trillsams Skulptur „Das Überich“

Aber auch die Skulptur nimmt wieder einen breiten Raum ein. Hier sei u.a. auf Tim David Trillsam mit seinen eindrucksvollen Bronzefiguren oder Sven Bergholz‘ in weißem Epoxidharz gegossener Jesus am Kreuz hingewiesen. Den Werkstoff Holz bevorzugen Katharina Gerold mit ihren Köpfen im Profil bei Transient Berlin oder der in Greifswald lebende litauische Holzbildhauer Edvardas Racevicius, der seine kleinen Figuren direkt in einen Bezug zum lebenden Werkstoff Holz stellt.

Edvardas Raceicius, der Holzbildhauer aus Greifswald

Edvardas Raceicius, der Holzbildhauer aus Greifswald

Kaum Videos oder Installationen gibt es zu sehen. Da ist die Installation Bedrooms‘ Show des Esten Raul Rajangu besonders auffällig. In seiner Collage aus Malerei, Video und einem großen Coca-Cola Doppelbett verbindet er gleich drei Kunstformen auf eine, ironisch die Popart persiflierende Weise. Messen bieten natürlich auch immer den Raum für Selbstdarstellung und Eigenwerbung. So zeigt sich der russische Maler Wadim Rakowski in einer sarkastischen Selbstportraitserie Das hinausgeworfene Geld. Der Berliner Künstler Mané Wunderlich liebt es gleich gigantisch. Er hat die kleinformatige Skulptur seines aus weiteren Berliner Wahrzeichen stilisierten Brandenburger Tors zu einem witzigen, goldgelben monumentalWunderlich mit Phallus-artigem Turmfortsatz aufgeblasen. Nomen est omen. Insgesamt ist die BERLINER LISTE also wieder hervorragend aufgestellt.

"Bedrooms' Show" von Raul Rajangu

„Bedrooms‘ Show“ von Raul Rajangu

Mané Wunderlichs "monumentalWunderlich"

Mané Wunderlichs „monumentalWunderlich“

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(c) Text und Fotos: Stefan Bock

Der Beitrag wurde am 19.09.13 auf Kultura-Extra veröffentlicht.

Fotogalerie vom Eröffnungstag auf facebook

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