Archive for the ‘Berlinische Galerie’ Category

Raum und Bild – Ausstellungen von Monica Bonvicini und Norbert Bisky in der Berlinischen Galerie und der Galerie König

Mittwoch, September 27th, 2017

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Monica Bonvicini, Breathing, 2017 – Courtesy the artist and König Galerie, Berlin; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Galleria Raffaella Cortese, Mailand. Ausstellungsansicht, Berlinische Galerie, 2017. © Monica Bonvicini and VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Foto: Jens Ziehe

Seit dem Gewinn des Goldenen Löwen bei der Kunst-Biennale in Venedig 1999 hat sich die 1965 in der italienischen Lagunenstadt geborene Konzept-Künstlerin Monica Bonvicini zu einer wichtigen Größe in der zeitgenössischen Kunstszene entwickelt. Mittlerweile in Berlin lebend hat sie an zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen in Hamburg, München, Wien, Paris, London oder Chicago teilgenommen sowie weitere Kunst-Preise erhalten. So etwa den Preis der Berliner Nationalgalerie für junge Kunst 2005 mit einer Installation, bei der sie Utensilien der S/M-Kultur aus Latex und Ketten in den Hamburger Bahnhof hängte. Ursprünglich von der Malerei kommend hat sich Monica Bonvicini seit Mitte der 1990er Jahre auf raumgreifende, zum Teil recht monumentale Installationen spezialisiert, in denen sie sich mit den Themen Macht, Sexualität und Verführung in der uns umgebenden Architektur auseinandersetzt. Zu ihrem Oeuvre gehören Werke der Objekt- und Videokunst wie auch grafische Arbeiten, mit denen sie die Ausstellungsräume gestaltet.

So auch jetzt in der Berlinischen Galerie, in der zur diesjährigen Berlin Art Week die Ausstellung 3612,54 m³ vs 0,05 m³ eröffnet wurde. Monica Bonvicini stellt hier ihr eigenes Raumvolumen dem der hohen Eingangshalle der Berlinischen Galerie gegenüber. Mit auf Baustellen in Istanbul gefundenen Abgrenzungszäunen aus Stahlplatten hat sie die Halle nochmal begrenzt. Man kann sie durch eine Tür in der raumhohen Stahlwand (Passing) betreten. In der Halle hat die Künstlerin verschiedene Objekte zu einer Rauminstallation zusammengestellt. Auch hier ist es ein Mix aus raumgreifenden kinetischen und kleineren Objekten aus dem Alltag und der Fetischszene, die das Publikum verstören sollen.

 

Monica Bonvicini, Waiting #1, 2017 – Courtesy the artist and König Galerie, Berlin; Galerie Peter Kilchmann, Zürich; Galleria Raffaella Cortese, Mailand, Ausstellungsansicht, Berlinische Galerie, 2017. © Monica Bonvicini und VG Bild-Kunst, Bonn 2017. Foto: Jens Ziehe

 

Bonvicini will eine Art Unbehagen beim Betrachter erzeugen, ein Gefühl der Enge, wie etwa in einem Flüchtlingscontainer. Die Thematik ist wie gesagt nicht neu, schon in Venedig 1999 hängte die Künstlerin Kettensägen in Latexriemen oder Ledereier an die Wände. So auch hier mit der allerdings recht verspielt wirkenden Installation Belts Ball (double ball), bei der zwei aus Ledergürteln gefertigte Bälle in der einen Ecke der Halle hängen. In der Mitte ist die kinetische Objekt-Installation Breathing angeordnet. Eine von der Decke hängende Peitsche aus einem starken Seil, an dem wieder mehrere Ledergürtel hängen und beim Schleifen über den Boden ein metallisches Geräusch erzeugen. Über Luftdruck wird diese Installation angetrieben. Die Peitsche bewegt sich dann spontan mit einer Art Fauchen im Raum, das an ein Atmen erinnert. So kann sie dabei auf die BesucherInnen schon mal bedrohlich wirken, hängt aber meist nur schlaff von der Decke.

Der Raum wirkt eigentlich nur durch den Vergleich von Leere und Enge. So fühlt man sich allein eher verloren, mit mehreren Menschen könnte sich schon ein Gefühl der Beklemmung ergeben. Weitere Objekte zeigen das verbogene Abgrenzungsgeländer eines Wartebereichs (Waiting), an dem an einer Kette Handschellen hängen, oder zwei Stahlstützen, die schräg an der Wand verschraubt sind und Diener heißen, sowie ein Lichtschalter aus weiß gefärbter Bronze, den Bonvicini ironisch The Beauty You Offer Under the Electric Light nennt. Die Schönheit, die sich hier im gleißenden Licht der Halle präsentiert, wirkt in ihrem Fetischmaterial zwar verführerisch, ist aber anderseits auch sehr trügerisch.

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Ergänzend zur Ausstellung in der Berlinischen Galerie hat die in unmittelbarer Nähe befindliche Galerie König, die Monica Bonvicini in Berlin vertritt, ein weiteres Werk der Künstlerin ausgestellt. Parallel zur 15. Istanbul Biennale, bei der Bonvicini vertreten ist, zeigt die Galerie eine ikonische Installation der Künstlerin. Dazu muss man wissen, dass die Galerie König seit vier Jahren in der ehemaligen St. Agnes Kirche in Kreuzberg residiert. Die 1964 vom Architekten Werner Düttmann erbaute Kirche ist ein quaderförmiger Betonbau mit angrenzender Sakristei und Glockenturm, die seit 2004 nicht mehr als katholisches Gotteshaus genutzt wird. Im Turm von St. Agnes, zu dem man einige Stufen in einem Beton-Treppenhaus aufsteigen muss, ist die Installation Bonded Eternmale zu sehen. Monica Bonvicine setzt hier eine bereits 2001 begonnene Idee über stereotypische Männerwohnungen fort. Die Installation zeigt zwei klassische Willy Guhl Eternit Stühle und einen Tisch, bezogen mit S/M anmutenden Lederbezügen auf einem schwarzen Linoleum Boden mit Leder-Ästhetik sowie einen Luftbefeuchter voll mit Whiskey. Eine ironische Verbindung von fetischisierten Baumaterialen mit Geschlechterrollen und deren Lebensstil.

 

Norbert Bisky in der Galerie König – Foto: St. B.

 

Ähnlich verstörend, aber auf eine eher faszinierende Art, sind die eine Etage tiefer ausgestellten, zumeist großformatigen Gemälde des Berliner Malers Norbert Bisky, die sich durch ihre explodierenden Farben und beunruhigenden Bildszenen auszeichnen. Meist handeln sie sehr konkret von Chaos, Gewalt und Zerstörung, die der Maler auf eine sehr extreme Weise ästhetisiert. Der Titel der Ausstellung Trilemma fokussiert auf eine dreifache Ausweglosigkeit in einer aus den Fugen geraten Welt. Bisky, der sich auch oft in Tel Aviv und Rio de Janeiro aufhält, reflektiert in seinen Bildern die ihn umgebende Realität wie auch die täglich auf uns einstürmenden Medienbilder. Vor neun Jahren hat Norbert Bisky einen terroristischen Anschlag in einem Hotel in Mumbay erlebt. Seine Albträume zwischen Schönheit und Apokalypse spiegeln sich nun in diesen Gemälden, die in der Ausstellung noch durch kleinformatigere Papierarbeiten ergänzt werden.

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Monica Bonvicini
3612,54 m³ vs 0,05 m³
16.09.2017 – 26.02.2018
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts
Alte Jakobstraße 124–128
Infos: https://www.berlinischegalerie.de/home/

Monica Bonvicine – Bonded Eternmale
Nerbert Bisky – Trilemma
09.09 – 08.10.2017
König Galerie, St. Agnes
Alexandrinenstr. 118–121
10969 Berlin
Infos: http://www.koeniggalerie.com/

Weitere Infos siehe auch: http://monicabonvicini.net/

Zuerst erschienen am 25.09.2017 auf Kultura-Extra

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Im Moloch der Wesenspräsenz – In der Berlinischen Galerie zeigt der deutsche Universal-Künstler John Bock eine aus mehreren Einzelarbeiten und Filmprojektionen bestehende Groß-Installation

Donnerstag, März 9th, 2017

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John Bock in der Ausstellung „Im Moloch der Wesenspräsenz“, Berlinische Galerie 2017, © John Bock, Foto: Harry Schnitger

Bei der ersten großen Museums-Ausstellung Im Moloch der Wesenspräsenz des Bildhauers, Zeichners, Autors, Aktionskünstlers und Filmemachers John Bock in Berlin müssen die Besucher der Berlinischen Galerie in der Eingangshalle durch einen Parcours aus Objekten, Einzelinstallationen und Videoarbeiten aus den letzten zehn Schaffensjahren des 1965 geborenen und auf einem Bauernhof in Gribbohm in Schleswig-Holstein aufgewachsenen Künstlers. Die heimische Melkmaschine hat John Bock immer wieder zu seinen Werken inspiriert. FischGrätenMelkStand hieß 2010 dann auch eine Ausstellung-Installlation in der Temporären Kunsthalle Berlin. Bock hat auch im MOMA New York ausgestellt und war Gast auf der Documenta in Kassel und der Kunst-Biennale in Venedig.

Wesenspräsenz zeigen bei Bock nicht nur Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, die sogenannten „Kleinodtotsods“ wie etwa Wattestäbchen, sondern auch der Künstler als selbst, der zur Ausstellungs-Eröffnung am 23. Februar 2017 zusammen mit einer kleinen Performerschar seiner Kunst-Installation temporär Leben einhauchte. Grell geschminkte Wesen mit Barockperücken, Schwänzen aus angenähten und ausgestopften Socken, gehäkelten Wurstfingern oder mit heraushängendem Gekröse am Faden. Eine kleine Horror-Freakshow, zu der sich auch die Film- und Theaterschauspieler Bibiana Beglau und Lars Eidinger gesellten. Eidinger hat Bock an der Toastbude des Künstlers auf der ABC-Messe in Berlin kennengelernt. Zwei echte „Triebkreaturen“, die sich gesucht und gefunden haben.

 

Lars Eidinger bei der Eröffnungsperformance – Foto: St. B.

 

Auch diesmal gibt es an einem Stand Toast Hawaii und gemixte Cocktails. Dazu performt der schräg kostümierte Schaubühnenstar auf der Stein-Skulptur Pappenheimer und rezitiert dabei einen kryptischen Text, den John Bock für ihn geschrieben hat. Sprache ist für den bildenden Künstler immer auch Teil des Kunstwerks. Bock möchte ihr in der Performance Ausdruck und Form verleihen. Eidinger und Bock sind auch Wesensverwandte. Beide spielen sie gern mit dem Essen. Der Schauspieler als Molières Menschenfeind auf der Bühne, eine gedeckte Tafel samt Würstchen zerrmatschend, der Aktionskünstler in seinem 2001 gedrehtem Kurzvideo Porzellan-IsoSchizo-Küchentat. Und auch das haben die beiden gemeinsam: Sie lassen sich bei der Arbeit gern filmen. Vor Kurzem erst haben Bock und Eidinger die 3sat-Kulturzeit zum filmischen Gesamt-Kunstwerk erklärt.

 

John Bock, Da-Dings-Da ist im Groß-Da da weil der Wurm im Moby Dick wohnt, 2014, Video, 25 Min.
© John Bock, Courtesy Sprüth Magers

 

Fantasievolle, neo-dadaistische Sprachschöpfungen wie „Quasi-Me“ für „als-ob-ich“ oder Werktitel wie Da-Dings-Da ist im Groß-Da-da weil der Wurm im Moby Dick wohnt, ein Performancevideo von 2014, gehören ebenso dazu wie sein quasi-philosophisches Kreisen um den Sinn der Kunst und des Lebens. John Bocks ausgebreiteter Kunst-Moloch hat aber noch wesentlich mehr zu bieten. Der Künstler scherzt mit dem Publikum, während er selbst Hand anlegt und Knetwesen für eine Live-Performance herstellt. In einer aufgesägten Autokarosse wird die Flucht zweier Gangster nachgespielt, und um Suggestion geht es bei vier rotierenden Spiralscheiben, die um ein Schlagzeug kreisen. Psycho und Psychedelic liegen hier dicht beieinander. Le Grand Macabre und theatrales Spektakel für alle Sinne. Bock schuf 2013 in Chemnitz sogar schon mal die Kostüme für György Ligetis Oper.

 

Eröffnungsperformance Escape – Foto: St. B.

 

In der Berlinischen Galerie wird sich der kommende Besucher durch den Kunst-Parcours aus zerstreuten Performanceresten, angeordneten Objekten und Skulpturen bewegen und anhand von Videos deren Entstehung suggestiv nachvollziehen können. Aber ähnlich wie bei den Aktionisten Joseph Beuys und seinem leider ebenfalls schon verstorbenen Nachfolger Christoph Schlingensief, oder auch dem Erzkünstler Jonathan Meese, ist die unmittelbare „Wesenspräsenz“ John Bocks so nur erahnbar. Der Künstler wird daher auch an weiteren Terminen in der Galerie anwesend sein, um durch die Ausstellung zu führen oder Kurse zu geben.

Am 29.04. zum Gallery-Weekend und vom 26.07. bis 21.08.2017 kann man übrigens nochmal John Bocks neuesten Spielfilm Hell’s Bells: Ein Western mit Bibiana Beglau und Lars Eidinger als Bösewicht im Videoraum der Galerie sehen.

John Bock, Hell’s Bells, Film still, © John Bock 2017, Fotograf Martin Sommer, Courtesy Sadie Coles HQ London

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John Bock
IM MOLOCH DER WESENSPRÄSENZ
24.02.-21.08.2017

Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin

Infos: https://www.berlinischegalerie.de/

Zuerst erschienen am 04.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Cornelia Schleime. Ein Wimpernschlag – Die Retrospektive zur Verleihung des Hannah-Höch-Preises 2016 in der Berlinischen Galerie

Freitag, Dezember 9th, 2016

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Cornelia Schleime, 2008, © Markus C. Hurek, 2008

Cornelia Schleime, 2008
Foto © Markus C. Hurek, 2008

Gerade noch Teil der Ausstellung Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989 im Martin Gropius Bau, hat die Malerin Cornelia Schleime (geb. 1953 in Ost-Berlin) nun ihre erste große Retrospektive in der Berlinischen Galerie. Anlass ist die Verleihung des Hannah-Höch-Preises 2016 für das Lebenswerk der erfolgreichen Künstlerin, die 1984 aus der DDR ausreiste und in der damaligen Bundesrepublik eine bemerkenswerte Karriere begann, die mit fast 200 Einzel- und Gruppenausstellungen im In- uns Ausland bis heute anhält.

Cornelia Schleimes Oeuvre umfasst neben Gemälden, Zeichnungen und Aquarellen auch Fotos von frühen Körperaktionen und einige Super-8-Filme, die nach ihrem Kunststudium 1975-80 in Dresden und ab 1982 in Ost-Berlin entstanden sind. Dabei muss man berücksichtigen, dass sie einen Großteil ihres Früh-Werks bei der Ausreise in der DDR zurücklassen musste. Bis auf einige Fotos und besagte Filme gilt es bis heute als verschwunden. Die Berlinische Galerie hat in einem Raum der Ausstellung einige Fotos von Selbstinszenierungen, Körpermalaktionen und Fotoübermalungen gehängt.

 

Cornelia Schleime, Die Nacht hat Flügel, 1996, Berlinische Galerie, © Cornelia Schleime, Repro: Kai-Annett Becker

Cornelia Schleime, Die Nacht hat Flügel, 1996, Berlinische Galerie, © Cornelia Schleime, Repro: Kai-Annett Becker

 

Bereits 1979 gründete Cornelia Schleime mit Künstlerkollegen die Punkband Zwitschermaschine. Ab 1981 mit einem Ausstellungsverbot belegt, war dies nun eine weitere Möglichkeit für die Künstlerin sich auszudrücken. Als dann auch noch ein Auftrittsverbot hinzukam, fing Cornelia Schleime an, kurze, experimentelle Super-8-Filme zu drehen. Vier davon sind im Videoraum der Berlinischen Galerie zu sehen. Man kann hier schon sehr deutlich Motive erkennen, die sich später auch in den Gemälden und Aquarellen der Malerin wiederfinden lassen. In ihren teils feministischen Filmen drückte Cornelia Schleime mit symbolischen Mumifizierungen und Fesselungen von weiblichen Figuren an Türen und Wänden (Unter weißen Tüchern) oder dem Überschneidungen von Bildern starrer Steinskulpturen im Park Sanssouci mit Sequenzen eines an das Meer erinnernden Baggersees (Das Puttennest) ein Gefühl von Unbeweglichkeit, Gefangensein und dem Traum von Freiheit aus.

Nach der Ausreisen nach West-Berlin sollte sich diese Sehnsucht erfüllen. Cornelia Schleime unternahm viele Studien- und Arbeitsreisen u.a. nach New York, Irland, Sansibar, Mauritius und Kenia. Die dort entstandenen Reisebildtagebücher sind in einer Vitrine ausgestellt. 1993 entstand nach dem Studium ihrer Stasiakte die Fotoserie Bis auf weitere gute Zusammenarbeit, Nr. 7284/85. Hier stellt Cornelia Schleime in ironisch inszenierten Fotosettings Texte aus den Spitzelberichten in ihrer Akte nach. In einer Art kreuzförmigem Triptychon mit dem Titel Der Verräter verarbeitete sie die Bespitzelung durch den Freund und bekannten DDR-Untergrundliteraten Sascha Anderson. Das Bild im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist leider nicht in der Ausstellung zu sehen.

 

Cornelia Schleime, Eisvögelin, 2016, Privatbesitz, © Cornelia Schleime, Repro: Bernd Borchardt

Cornelia Schleime, Eisvögelin, 2016, Privatbesitz,
© Cornelia Schleime, Repro: Bernd Borchardt

 

Cornelia Schleime bezeichnet auch ihre späteren Gemälde als filmische Bilder oder eigenen Stummfilm, in dem sie Kindheitserinnerungen und Träume verarbeitet. Besonders gut zu studieren sind hier das immer wiederkehrende Motiv der langen, teils strangulierenden Zöpfe oder Bilder von Hybriden aus menschlichen Körpern mit Tierköpfen von Reh, Hase oder Frosch in den Aquarell-Serien Rituale, Zoophologie oder Camouflage, die einen eigenen Raum in der Ausstellung haben. Diese phantastische Welt einer Alice im Wunderland zieht sich auch durch Gemälde wie Blind Date, Die Nacht hat Flügel oder dem Selbstportrait mit Mangoblatt aus den 1990er Jahren. Fast mythische Symbolik besitzen die ganz neuen Gemälde Eisvögelin und Leise spricht die Zunge.

Eine weitere raumgreifende Werkgruppe sind Portraitgemälde von Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kunst und Popkultur. Ihre Vorlagen findet Cornelia Schleime u.a. in Fotos aus Hochglanzmagazinen oder Filmstills, die sie in einer Maltechnik mittels mit ätzenden Lösungsmitteln versetzter Lackfarbe auf die Leinwand aufträgt. Es entstehen dabei die für ihre Gemälde so markanten Blasen und Schrunden in den Gesichtern der Portraitierten. Beispielhaft dafür sind die hier gezeigten Portraits des Filmemachers Lars von Trier als Narr in Schädelwind oder des auf seinen Kreuzstab gestützten Papsts Johannes Paul II., dem Cornelia Schleime eine ganze Serie von Gemälden widmete.

Mit Cornelia Schleime. Ein Wimpernschlag ist der Berlinischen Galerie wieder eine recht interessante Personale einer in ihrem vielschichtigen Werk beeindruckenden Künstlerin gelungen.

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cornelia_schleime_wimpernschlagCornelia Schleime.
Ein Wimpernschlag

(Hannah-Höch-Preis 2016)
in der Berlinische Galerie
Museum für Moderne Kunst
25.11.2016 – 24.04.2017

Infos: http://www.berlinischegalerie.de/home/

Katalog zur Ausstellung im Kerber Verlag.

Zuerst erschienen am 04.12.2016 auf Kultura-Extra.

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DADA Afrika – Dialog mit dem Fremden. Zum 100. Dada-Jubiläum versucht die Berlinische Galerie einen Dialog der 1916 in Zürich gegründeten Avantgarde-Bewegung mit ihren außereuropäischen Vorbildern

Mittwoch, August 17th, 2016

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Katalog zur Ausstellung erschienen bei Scheidegger & Spiess

Katalog zur Ausstellung erschienen bei Scheidegger & Spiess – Abb.: Hanna Höch, Denkmal I, Aus einem ethnographischen Museum Nr. VIII, 1924-1928 – (c) Berlinische Galerie

DADA Universal, DADA anders und schließlich DADA Afrika – Zürich ist 2016 ganz im Dada-Fieber. Man feiert seit Anfang Februar den hundertsten Jahrestag des ersten Dada-Schreis im Cabaret Voltaire. Ein Schrei des Aufbegehrens gegen die bürgerliche Gesellschaft eines Europas, das in der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mit seinen Kriegsgräuel versank und damit die künstlerischen Wertevorstellungen des Guten und Schönen obsolet machte. 1916 gründeten Künstler, Künstlerinnen und Kriegsflüchtige aus Deutschland, Frankreich, Österreich und Rumänien eine neue Kunstrichtung, die noch radikaler als der Expressionismus mit den vorherrschenden akademischen Konventionen in der Kunst brach. „Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte.“ formulierte Mitbegründer Richard Huelsenbeck im dadaistischen Manifest.

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Die Inspiration für das Primitive und Ursprüngliche ihrer sogenannten „Anti-Kunst“ gewannen die meisten Dadaisten auch aus der Kunst nichteuropäischer Kulturen aus Asien, Afrika und Amerika. Die Ausstellung DADA Afrika – Dialog mit dem Fremden ist nun vom Museum Rietberg Zürich, Sitz der wohl bedeutendsten Sammlung von Weltkunst des Schweizers Eduard von der Heydt, in die koproduzierende Berlinische Galerie gewechselt. Die außerordentliche Sammlung dadaistischer Kunstwerke aus Berliner und Zürcher Beständen korrespondiert hier direkt mit ihren Vorbildern der „ars una“ vom Zürcher Rietberg sowie denen anderer westeuropäischer Häuser für außereuropäische Kulturen und ethnologischer Kunst wie etwa dem bekannten Musée du quai Branly in Paris.

Dada folgte in Wort, Schrift, Bild und Performance kaum noch den bekannten Regeln der Kunst. Die ProtagonistInnen verließen die eingefahrenen Wege, ließen sich von spontanen Eingebungen leiten und improvisierten meist wie Hugo Ball, der als „magischer Bischof“ mit seiner Performance von Lautgedichten zum Hohepriester der neuen Bewegung wurde. Eine Verbindung christlicher Liturgie mit schamanischen Kulten, die konsequent westeuropäische Kunstformen und deren Sinnkultur zerschmetterte. Inspirationsquellen dieser sogenannten phonetischen Poesie, wie etwa die Lautgedichte Richard Huelsenbecks, waren u.a. Gesänge australischer Ureinwohner, die der Dada-Literat Tristan Tzara zusammengetragen hatte. Man kann Beispiele davon in der Ausstellung nachhören oder versuchen, die abstrakten Gedichtplakate von Raoul Hausmann zu enträtseln.

 

Dada Afrika - Dialog mit dem Fremden, Ausstellungsansicht, Berlinische Galerie - Foto © Ralf Herzig

Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden, Ausstellungsansicht Berlinische Galerie – Foto © Ralf Herzig

 

In Musik-Performances mit Jazzeinfluss, Trommel- und Maskentänzen, den Kostümen, oder in Zeichnungen, Bildcollagen- und Assemblagen wurden Elemente und Kunstwerke außereuropäischer Kulturen aufgenommen. Begünstigt wurde das vor allem durch die gewachsene Sammelleidenschaft von in den Kolonien beschäftigten Beamten, Händlern, Missionaren oder auch Wissenschaftlern, die verstärkt begannen, ethnologische Forschung zu betreiben. Die umfangreichen Exponate, die man heute durchaus auch als Raubkunst bezeichnen kann, waren in den damaligen Völkerkundemuseen westeuropäischer Großstädte wie Berlin, Hamburg, Brüssel, Paris oder London ausgestellt. Auch in Zürich gab es einen großen Sammler außereuropäischer Kunst. Der Reformpädagoge Han Coray stellte den Dadaisten sogar seine Galerieräume für Ausstellungen und Aktionen zur Verfügung.

Die Verarbeitung von außereuropäischen Kultureinflüssen durch westeuropäische Künstler war durchaus nicht neu. So begeisterte man sich in Frankreich und Deutschland gleichermaßen schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die japanische Kunst. Zu den Vertretern des Japonismus zählten u.a. Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Emil Orlik und in ihrer Nachfolge die Künstler des Blauen Reiter. In der Berliner Ausstellung werden Picassos Werke seiner „Période nègre“ ebenso erwähnt wie die nach afrikanischen Skulpturen entstanden Maskenbilder und Frauenakte der expressionistischen Brücke-Künstler Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gezeigt. Neu an Dada war lediglich, dass die Künstler nicht nur von oben herab auf die anderen Kulturen sahen sowie die Vorbilder auch kritisch zur bewussten Provokation und Überschreitung ästhetischer Normen nutzten.

Dada Afrika - Dialog mit dem Fremden - Marcel Janco, Entwurf für Dada-Plakat zur Veranstaltung Le Chant Nègre vom 31. März 1916, Kunsthaus Zürich © VG BILD-KUNST Bonn

Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden – Marcel Janco, Entwurf für Dada-Plakat zur Veranstaltung Le Chant Nègre vom 31. März 1916, Kunsthaus Zürich
© VG BILD-KUNST Bonn

Natürlich beruht auch diese Art der künstlerischen Verarbeitung stark auf der Projektion von Sehnsucht nach Wildheit und Ursprünglichkeit auf die als ungewöhnlich und fremd empfundenen Kulturen aus Afrika, Ozeanien oder den indigenen Völkern Nordamerikas. Unkommentiert ist das aus heutiger Sicht äußerst problematisch. Vor allem betrifft das die damals noch recht unreflektiert benutzten Termini wie z.B. „Chant nègre“ im Bildtiteln eines kubistischen Plakatentwurfs von Marcel Janco, oder „Art nègre“, „Poèmes nègres“ und deren deutsche Entsprechungen mit dem N-Wort. Hier distanziert man sich seitens der Ausstellungsmacher zwar vom Gebrauch kolonialistischer und rassistischer Denkart, die kritische Rezeption und weiterführende historische Betrachtungen werden aber ganz in den umfangreichen Katalog verlegt. Da beschleicht einen doch manchmal ein durchaus mulmiges Gefühl beim Gang durch die Ausstellung.

In fünf Sektionen mit den Titeln: Dada-Galerie, Ante Dada, Dada-Performance, Dada-Magie und Dada-Revolte werden die verschiedenen Kunstwerke und Artefakte gleichberechtigt ohne eine unmittelbare Werkbetitelung oder Herkunftsbezeichnung nebeneinander gehängt. Erklärungen muss man sich in einer zugereichten Broschüre holen. Damit wird ein direkter „Dialog mit dem Fremden“ versprochen, den man so allerdings auch nur für den unmittelbaren Vergleich behaupten kann.

Orientiert hat sich das Kuratoren-Team an einer 1917 in der Zürcher Galerie von Han Coray unter dem Titel Dada. Cubistes. Art Nègre präsentierten Ausstellung. Und so stehen dann auch hier Kultgegenstände wie z.B. die mit Nägeln gespickte Kraftfigur nkisi n’kondi aus dem Kongo um 1892 neben einer Fotografie der 1919 entstandenen Holz-Assemblage Mechanischer Kopf von Raoul Hausmann. Maskenkostüme wie die hier ausgestellte mächtige Bo Nun Amuin von der Elfenbeinküste kannte man von kolonialen Postkartengrüßen und bildete sie für eigene Aktionen nach.

 

Dada Afrika - Dialog mit dem Fremden, Ausstellungsansicht Berlinische Galerie - Foto © Ralf Herzig

Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden, Künstler unbekannt, Torso der Göttin Uma – Ausstellungsansicht Berlinische Galerie Foto © Ralf Herzig

 

Eine Sonderstellung im Kanon der „Eine-Welt-Dadaisten“ nimmt mit Sicherheit Hanna Höch (eine Hausheilige der Berlinischen Galerie) mit ihrer Collagen-Reihe Aus einem ethnographischen Museum ein. Ihre eher kleinformatigen Mischwesen, die unter Verwendung von aus Illustrierten und ethnologischen Lehrbüchern ausgeschnitten Fotofragmenten zusammengefügt sind, bilden in der Tat eine neue, kritisch verfremdete und zum Teil auch feministische Sicht auf die westliche Gesellschaft. Gegenübergestellt ist den Collagen von Hanna Höch der steinerne Torso der Göttin Unna aus der berühmten kambodschanischen Tempelanlage Angkor, dessen Fotografie die Künstlerin verwendete.

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Alles in allem gibt es in der Ausstellung doch eine Menge Wissenswertes über die Wirkung außereuropäischer Kunst auf die westeuropäische Avantgarde zu entdecken, und der Bogen zur progressiven heutigen Dada-Rezeption, u.a. zum südafrikanischen Künstler William Kentridge, der mit seinem die Apartheit und eigene Whiteness kritisch betrachtenden Multimedia-Werk noch immer im Martin-Gropius-Bau zu bewundern ist, ließe sich sicher auch noch ziehen.

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DADA Afrika – Dialog mit dem Fremden
05.08. – 07.11.2016
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst,
Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin

Infos:  http://www.berlinischegalerie.de/

Zuerst erschienen am 10.08.2016 auf Kultura-Extra.

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„Erwin Wurm. Bei Mutti“ und „Visionäre der Moderne“ – Zwei bemerkenswerte Ausstellungen in der Berlinischen Galerie

Freitag, Mai 6th, 2016

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Erwin Wurm. Bei Mutti – Der vielseitige österreichische Künstler zu Gast in Berlin

Erwin Wurm_Gurke vor der BG

Foto: St. B.

Die Berlinische Galerie steht zurzeit ganz im Zeichen der Gurke. Erwin Wurm, der österreichische Künstler, der für ein Selbstporträt sein Körpergewicht schon mal in 17 Essiggurkerln aus Bronze gießt, ist nach Günter Brus im Martin Gropius Bau bereits der zweite bekannte Steirer, dem Berlin in diesem Jahr eine Einzelausstellung ausrichtet. Die Gurken sind für ihn so individuell verschieden und doch in ihrer Form erkennbar, wie der Mensch selbst. Mit seinen abstrakten Wurstskulpturen, die sich auch mal umarmen und küssen, stellt Wurm ironisch Werke von Rodin oder Giacometti nach.

Neben Essbarem hat es der 1954 geborene Spaßvogel unter den Bildhauern aber vor allem mit Alltagsdingen und Statussymbolen wie Möbeln, Autos oder Häusern, die in ihrer Ausmaßen und Formen etwas von der Norm abweichen. Es dürfte ebenso so schwierig sein, mit Wurms Fat Car zu fahren, wie in seinem sprechenden Fat House zu wohnen. Dafür steigt der Künstler den Museen wie 2006 dem Wiener MUMOK mit seinen deformierten Haus-Skulpturen auch gern mal aufs Dach.

Erwin Wurm, Narrow House, Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

Erwin Wurm, Narrow House, Berlinische Galerie 2016, © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

In der Berlinischen Galerie in Kreuzberg erfreut uns derzeit ein etwas abgespeckter Wurm. Und das zunächst einmal in Form des in der Eingangshalle stehenden Narrow House, einem auf 1,10 Meter Breite zusammengeschrumpften Nachbau des Wohnhauses seiner Eltern aus Bruck an der Mur. Natürlich in erster Linie ein Sinnbild für provinzielle Enge, aber auch ein großer Spaß für alle Besucher. Der Titel der Ausstellung Bei Mutti versteht sich nämlich durchaus als Einladung. Und so drücken sich alle, nachdem brav angestanden wurde, mit dem Rücken an der Wand durch die begehbare Installation vorbei an Zimmerchen mit gestauchten Tischchen und Schränkchen und nehmen einen Blick auf Bad und WC, so breit wie eine Fußmatte. Der Traum vom Eigenheim für den ganz schmalen Geldbeutel.

Wie der Wiener Aktionist Brus arbeitet Wurm vor allem mit dem menschlichen Körper. Dabei überschreitet der Künstler geschickt die Grenze von der bildenden Kunst zur Performance. Und auch hier sind wieder die Besucher gefragt. Großen Raum, nämlich die gesamte Mittelhalle, nehmen die seit 20 Jahren immer wieder weiterentwickelten One Minute Sculptures ein. Jeder ist hier aufgerufen, die auf kleinen Podesten stehenden Alltagsgegenstände wie Bücher oder Stühle gemäß Anleitung zu nehmen, oder seinen Kopf in ein Sofa, eine Hundehütte oder einen Kühlschrank zu stecken, für eine Minute die Luft anzuhalten und von Subjekt zum kurzzeitigen Kunstobjekt einzufrieren.

Erwin Wurm, The Idiot III (One Minute Sculpture), 2010, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016, courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

Erwin Wurm, The Idiot III (One Minute Sculpture), 2010, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016, courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

Man kann sich dabei sogar mit der Handykamera aufnehmen. Die Soziale Skulptur im Internetzeitalter. Nach den Ergebnissen, die sonst auch schon mal mit an den Museumswänden hingen, wird man wohl die sozialen Netzwerke durchforsten müssen. Dafür sind in der hinteren Halle vorbereitende Skizzen zu den One Minute Sculptures ausgestellt, die nicht nur in den kuriosen Stellungen, sondern auch in den Titeln wie Idiot, Most Loved Philosophers, Wittgensteins Alphabet, Der spekulative Realist oder Wurm-Gelee von Wurms hintersinnigem Humor zeugen.

Auf die Spitze oder besser in die Breite treibt es Wurms minutiös aufgeschriebene Anleitung Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen. Man solle viel und lange schlafen, liegend Fernsehen und lesen, am offenen Fenster oder im Freien sitzen und sich langsam und gleichmäßig bewegen. Dazu gibt es zum Frühstück, Mittag, zur Jause und zum Abendbrot detaillierte Menü-Vorschläge mir viel Rahm, Rotwein, Eis und fetten Mehlspeisen. Die genau getimte Gewichtszunahme ist hier der skulpturale Vorgang, den Wurm auch immer als eine „Poesie der Verschiebung von Wertigkeiten“ begreift. Äußere Hülle und innere Leere, Ernährungsplan oder bestimmte philosophische Haltung – der Mensch scheitert immer wieder beim Versuch, sein Leben zu meistern.

Im letzten Teil der Ausstellung mit neuen Werken Erwin Wurms sind Skulpturen aus Bronze oder Polyesterharz zu sehen, die Objekten des menschlichen Alltags zeigen, die ihre Spannung aus der scheinbar vertrauten Form und ihrer Verfremdung, der zweckentfremdeten Nutzung oder der Veränderung der Größen- und Formverhältnisse ziehen. Die Begegnung von Mensch und Objekt manifestiert sich hier in tiefen Fußabdrücken auf Möbeln, wie Sessel, Liege und Sideboard, oder einem an der Wand hängenden überdimensionalen Mobil-Telefon. Ein riesiger Seifenspender ist durch einen Einschlag aufgerissen, Lost nennt sich eine überfahrene Wanduhr und ein Kühlschrank nimmt äußerlich die zerfließende Form eines Stücks Butter aus seinem Inneren an. Einige delikate Kunstschmankerl, die einen auf den Geschmack bringen und Appetit auf mehr Wurm machen.

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Erwin Wurm. Bei Mutti
15.04.-22.08.2016
BERLINISCHE GALERIE
Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstr. 124-128, 10969 Berlin

Infos: http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/erwin-wurm

Zuerst erschienen am 27.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Visionäre der Moderne. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch werden in einer kleinen Kabinettausstellung wiederentdeckt

Mit der Kabinettausstellung Visionäre der Moderne erinnert die Berlinische Galerie derzeit an drei Künstler und Architekturvisionäre, die – außer dem relativ bekannten Architekten und Stadtplaner (z.B. Hufeisensiedlung Berlin-Britz) Bruno Taut (1880-1938) – bereits in Vergessenheit zu geraten schienen.

Paul Scheerbart, Jenseitsgalerie, 1907, Blatt 3 von 10, Berlinischen Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Paul Scheerbart –  Jenseitsgalerie, 1907, Blatt 3 von 10, Berlinischen Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Vor allem der Schriftsteller, Erfinder und eigene Illustrator seiner fantastischen Romane Paul Scheerbart (1863-1915) vermochte es um 1913 mit seinen visionären Plänen einer transparenten Glasarchitektur, den jungen Architekten Bruno Taut zu inspirieren. Der Verfasser von utopischen Werken wie Die große Revolution (1902), Lesabéndio. Ein Asteroiden-Roman (1913) oder höchst humorvollen Gedichtbänden wie Katerpoesie war nicht nur leidenschaftlicher Trinker, sondern ebenso besessener Fleißarbeiter. Einige seiner Bücher sind hier in einer Vitrine ausgestellt, und die tollen Fantasiewesen aus der um 1902 entstandenen Grafikmappe Jenseitsgalerie hängen an der Wand. Blieb Paul Scheerbart zwar zeitlebens eine größere Anerkennung verwehrt, so inspirierte er neben Taut auch den Publizisten und Berliner Flaneur Walter Benjamin sowie den Urvater des Absurden Theaters Alfred Jarry. „Immer bunter wird’s in Berlin. Bald wird man nicht mehr leben dürfen, ohne Farbe zu bekennen.“ schrieb Scheerbart schon 1892 in seiner Abhandlung über Berlins Archetektonische Plastik. In seinen Aufsätzen über die Glasarchitektur, die er Bruno Taut widmete, heißt es dann später: „Wollen wir unsre Kultur auf ein höheres Niveau bringen, so sind wir wohl oder übel gezwungen, unsre Architektur umzuwandeln.“

Das fiel bei Bruno Taut auf fruchtbaren Boden. Zur Internationalen Baufach-Ausstellung 1913 zu Fuße des Leipziger Völkerschlachtdenkmals wurden erste Pläne präsentiert. Das Monument des Eisens ist eine von Bruno Taut und Franz Hoffmann entworfene vierstufige, achteckige, 30 Meter hohe Pyramide aus Stahlprofilteilen und einer 9 Meter spannenden vergoldeten Zinkblechkuppel, deren kleines Metallmodell man hier bestaunen kann. Ein Jahr später entwarf Taut für die Kölner Werkbundausstellung den Glashaus-Pavillon der Deutschen Glasindustrie. „Das Licht will durch das ganze All / Und ist lebendig im Kristall“ dichtete ihm Paul Scheerbart dazu. Sein Schriftzug „Das bunte Glas zerstört den Hass“ ziert das Portal. Eine Utopie, die sich da noch nicht verwirklichen sollte.

 

Bruno Taut, Glashaus auf der Werkbundausstellung auf Köln 1914, Ansicht von außen, Akademie der Künste, Berlin, Bruno-Taut-Sammlung, Fotograf unbekannt

Bruno Taut – Glashaus auf der Werkbundausstellung auf Köln 1914, Ansicht von außen, Akademie der Künste, Berlin, Bruno-Taut-Sammlung, Fotograf unbekannt

 

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte Taut Pläne zur Verschmelzung von Natur und Architektur im Gebiet der Alpen vom Monte Rosa bis zur Oberitalienischen Ebene. Die Freude an der Schönheit erklärte Taut zum Mittel für die Völkerverständigung. Im Zusammenschluss mit Architekten wie Walter Gropius, Hans Scharoun und Wassili Luckardt (alles große Architekten der 1920er bis 30er Jahre und dann wieder der Nachkriegsmoderne in Berlin) sowie expressionistischen Künstlern wie Hermann Finsterlin, Wenzel Hablik und Paul Goesch entstand aus der Novembergruppe hervorgegangen ab 1919 die Gemeinschaft Die gläserne Kette. Ihr Wahlspruch war: „Nur die große Heiterkeit wird siegen.“ Bauen und Tanzen – die Musikinstrumente sind Stahl, Stahlbeton und Glas sowie eine utopisch anmutende Farbigkeit, wie sie vor allem das Werk des Architekten und Malers Paul Goesch (1885-1940) auszeichnet. Ihm und seinen Bildern wird hier ein breiter Raum gegeben.

Paul Goesch, Selbstportrait, undatiert, Berlinische Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Paul Goesch – Selbstportrait, undatiert, Berlinische Galerie, Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Kai-Annett Becker

Die Ausstellung zeigt neben den Zeichnungen und Texten Paul Scheerbarts und Bruno Tauts sowie den erwähnten Mitgliedern der Gläsernen Kette etwa achtzig überwiegend noch unbekannte expressionistische Aquarelle von Paul Goesch aus der Sammlung der Berlinischen Galerie und der Sammlung Prinzhorn. Auch Goesch träumte als junger Architekt und Anthroposoph vom Einklang des Menschen mit der Natur. Nach Behandlungen wegen eines Nervenleidens musste Goesch in den 1920er Jahren den Beruf des Architekten aufgeben und widmete sich verstärkt dem Malen und Zeichnen. In seiner Malerei beschäftigt er sich neben farbigen Architekturvisionen mit Naturgottheiten und Motiven der christlichen Ikonografie. „Die betäubende Kraft der Kirche hat mich überwältigt.“ schrieb Goesch. Einige seiner farbenfrohen Jesus- und Mariendarstellungen sind hier zu sehen.

Die Erlösung hat Paul Goesch nicht finden können. Einem finsteren Kapitel Deutschlands, den Euthanasie-Morden der Nazis, fiel der Künstler im Jahr 1940 zum Opfer. Umso wichtiger und schöner, dass die Berlinische Galerie ihn mit dieser Ausstellung wiederentdeckt und ehrt.

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Visionäre der Moderne. Paul Scheerbart, Bruno Taut, Paul Goesch
15.04.-31.10.2016
Berlinische Galerie
Museum für Moderne Kunst, Berlin
Alte Jakobstrasse 124-128, 10969 Berlin

Infos: http://www.berlinischegalerie.de

Mehr zu Paul Scheerbart gibt es hier: http://scheerbart.de/

Und zu Paul Goesch hier: http://www.freundeskreis-paul-goesch.de/_index.html

Zuerst erschienen am 28.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Max Beckmann und Berlin – Kunst Die Berlinische Galerie zeigt eine Ausstellung über die Berliner Jahre des vielseitigen Malers, Grafikers und Bildhauers

Montag, November 30th, 2015

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Max Beckmann, Selbstbildnis Florenz, 1907, Hamburger Kunsthalle, Leihgabe aus einer Privatsammlung, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Foto: Elke Walford | Bildquelle: berlinischegalerie.de

Max Beckmann, Selbstbildnis Florenz, 1907, Hamburger Kunsthalle, Leihgabe aus einer Privatsammlung, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Foto: Elke Walford | Bildquelle: berlinischegalerie.de

„Max Beckmann ist das neue Berlin.“ schrieb 1924 der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe. Bis dahin war es ein langer Weg und Max Beckmann eigentlich schon längst in Frankfurt/M. Meier-Graefe lernte den 20 Jahre jungen Maler 1906 kennen. Da betrieb Beckmann bereits zwei Jahre sein Atelier in Berlin-Schöneberg und hatte den Villa-Romana-Preis des Deutschen Künstlerbundes für sein Gemälde Junge Männer am Meer erhalten. Der aufstrebende Beckmann erhoffte sich auch weiterhin großen Erfolg. Selbstbewusst malte er sich im feinen Anzug mit Zigarre am Fenster des Künstlerhauses in Florenz, das der ebenfalls aus Leipzig stammende Max Klinger im Jahr zuvor erworben hatte. Beckmann zog nach seinen Studienaufenthalten in Paris und Florenz wieder nach Berlin, ließ sich mit seiner Frau Minna Beckmann-Tube in Hermsdorf nieder und wurde Mitglied der Berliner Secession.

Zeitlebens verband den Maler eine Faszination und Hassliebe mit der modernen Metropole an der Spree, obwohl man ihn eigentlich eher mit Städten wie Paris, Frankfurt/M, Amsterdam oder später New York in Verbindung bringt. Zu ihrem 40. Jubiläum beleuchtet nun die Berlinische Galerie erstmals die Berliner Jahre Max Beckmanns. Mit insgesamt 50 Werke aus Sammlungen in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt/M und anderen in- und ausländischen Museen umspannt die Ausstellung Max Beckmann und Berlin die beiden längeren Berlin-Aufenthalte Beckmanns von 1904 bis 1914 und 1933 bis 1937.

Der zunächst unter dem Einfluss von Cézanne und Max Liebermann noch spätimpressionistisch und neoklassizistisch malende Beckmann wurde von Harry Graf Kessler (Muchs bekanntes Gemälde aus der Nationalgalerie ist in der Ausstellung zu sehen) gefördert und von Paul Cassirer ausgestellt. Es entstanden etliche Stadtansichten und Straßenbildnisse, etwa vom Nollendorfplatz, Kaiserdamm oder dem Tauentzien. Der von Beckmann als „das große Menschenorchester“ bezeichneten Metropole Berlin widmet die Ausstellung ihre erste Abteilung. Der Maler sieht sich darin selbst als unbeteiligter Beobachter mitten im Gewimmel (Die Straße, 1914).

Es folgen Gemälde, die im Spannungsfeld des Widerstreits der Seseccionsmaler mit den Vertretern des aufkommenden Expressionismus [vgl. Ausstellung ImEx in der Alten Nationalgalerie] entstanden. Wie schon Max Liebermann mit dem Brücke-Mitglied Emil Nolde verbindet auch Max Beckmann ein künstlerischer Disput mit dem Expressionisten Franz Marc aus dem Umfeld der Münchner Gruppe „Blauer Reiter“. Neben Beckmanns monumental fleischlicher Sintflut, David und Badseba und dem bereits genannten Gemälde Junge Männer am Meer hängen Bilder von Max Liebermann, Beckmanns neuem Vorbild Edvard Munch, aber auch von den Gegenspielern Franz Marc oder Ernst Ludwig Kirchner, deren Stil Beckmann ablehnte und als „Flächenkunst“ bezeichnete.

 

Max Beckmann, Junge Männer am Meer, 1905, Klassik Stiftung Weimar, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Repro: Renno, Weimar

Max Beckmann, Junge Männer am Meer, 1905, Klassik Stiftung Weimar,
© VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Repro: Renno, Weimar

 

Der Umschwung kam mit dem Ersten Weltkrieg, in den Beckmann wie viele seiner Künstlerkollegen freiwillig zog. „Meine Kunst kriegt hier zu fressen.“ Ein Selbstbildnis zeigt ihn 1915 mit weit aufgerissenen Augen als Krankenpfleger. Der zynische Beobachter erlitt in Folge seiner Front-Erlebnisse einen Nervenzusammenbruch. Später reflektierte Beckmann das Berlin der Nachkriegszeit mit seinen Unruhen und Spannungen, dem Elend der Straße, aber auch den Nachtclubs, Kneipen und Bordellen in den hier ausgestellten Mappenwerken Die Hölle und Berliner Reise.

Zermürbt von den Kontroversen um die Secession und enttäuscht von schlechten Rezensionen der den Expressionisten zugeneigten Kunstkritik zog Max Beckmann schließlich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nach Frankfurt/M. Hier entstanden einige seiner wichtigsten Werke. Der nun auch im Ausland gefeiert Champagnerliebhaber gab sich weltmännisch und war es auch, wie in einigen der ausgestellten Selbstportraits zu sehen ist. Beckmann liebte das Kabarett, Theater und den Zirkus. Hier fand er in den Rollenspielen der Welt des schönen Scheins sein neues Sujet. Leider bekommt genau da die Ausstellung einen kleinen Knacks und zeigt Werke wie etwa Frauenbad, oder Portraits von Persönlichkeiten der Weimarer Republik, die in stilistischer Nachbarschaft zu den Malern der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix oder Rudolf Schlichter gehängt sind.

Max Beckmann, Selbstbildnis mit Sektglas, 1919, Privatsammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015

Max Beckmann, Selbstbildnis mit Sektglas, 1919, Privatsammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe,
© VG BILD-KUNST Bonn, 2015

Mit Große Gewitterlandschaft und Fastnacht Paris aus den beginnenden 1930er Jahren dokumentiert die Ausstellung die lange Zusammenarbeit Max Beckmanns mit der Berliner Nationalgalerie, die dem Maler einige Ausstellungen widmete. Mit diesen Werken hatte Beckmann bereits den später für ihn typischen, expressionistisch hart konturierten Stil gefunden. Nach der fristlosen Entlassung aus seiner Professur an der Frankfurter Städelschule durch die Nationalsozialisten 1933 kehrte Beckmann bis zu seiner endgültigen Emigration 1937 nach Amsterdam wieder nach Berlin zurück. Der von Ludwig Justi, dem Direktor der Berliner Nationalgalerie, gerade neu eingerichtete Beckmann-Saal im Kronprinzenpalais wurde allerdings von den Nazis schnell wieder geschlossen. Auch Beckmanns Werke galten nun als „entartete Kunst“. Der Maler trug sich mit dem Gedanken der Emigration.

In dieser für Beckmann schweren Zeit entstanden einige Porträts seiner zweiten Frau, wie etwa Quappi mit Papagei (1936), aber auch düster prophetische Gemälde wie Der Leiermann (1935) und erste mythologisch inspirierte Triptychen, die in Berlin leider nicht zu sehen sind. Hier leuchtet schon Beckmanns magischer Realismus („das Unsichtbare sichtbar machen durch die Realität“), mit dem er in den Werken aus der Emigration und Spätphase seines Schaffens berühmt wurde. Trotz kleiner Mankos gibt die Ausstellung einen guten Einblick in eine nicht unbedeutende Schaffensphase, die eng mit der Stadt Berlin verbunden, den Grundstein für Beckmanns Wandel und späteren Ruhm legte.

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Max Beckmann und Berlin
20.11.15 – 15.02.16
BERLINISCHE GALERIE Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstr. 124-128, 10969 Berlin

Infos: http://www.berlinischegalerie.de

Zuerst erschienen am 25.11.2015 auf Kultura-Extra.

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Dorothy Iannone – This Sweetness Outside of Time. Gemälde, Objekte, Bücher 1959 – 2014 in der Berlinischen Galerie

Mittwoch, Februar 26th, 2014

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Für fleißige Berliner GaleriegängerInnen ist die 1933 in Boston, Massachusetts geborene Malerin, Grafikerin, Objekt- und Videokünstlerin Dorothy Iannone sicher keine Unbekannte mehr. Bedenkt man aber, dass sie bereits seit 1976 in Berlin lebt, lässt die Präsenz dieser außergewöhnlichen Künstlerin bei größeren Ausstellungen in der Stadt (die letzte war die Berlin Biennale 2006) doch noch zu wünschen übrig. Mit dieser ersten großen Retrospektive in der Berlinischen Galerie – ein Jahr nach ihrem 80. Geburtstag – dürfte sich das nun sicher ändern.

Dorothy Iannone: The Next Great Moment in History is Our (1970) -

Dorothy Iannone: The Next Great Moment in History is Our, 1970 – Courtesy die Künstlerin, Air de Paris, Paris, und Peres Projects, Berlin, Foto: Joachim Littkemann

Dorothy Iannone studierte von 1953 bis 1958 amerikanische und englische Literatur in Boston und Waltham, Massachusetts. Bereits in diese Zeit fallen ihre ersten noch informell wirkenden Collagearbeiten, Zeichnungen und Gemälde, die im ersten Raum der Ausstellung zu sehen sind. In den stark farbig-ornamentalen Werken zu Anfang der 1960er Jahre tauchen dann erste Figuren auf. In ihren erotischen Bildergeschichten thematisiert Dorothy Iannone nun konkret sexuelle Beziehungen zwischen Mann und Frau. Dabei erregten vor allem die prall zur Schau gestellten weiblichen Sexualorgane großes Aufsehen. In der 1969 in Bern gezeigten Skandalausstellung „Dialogues“ wurden diese vom Kurator sogar überklebt. Dorothy Iannones, auf den ersten Blick an die weitaus bekanntere Künstlerin Niki de Saint Phalle erinnernden, farbenfrohen Figuren, entwickeln beim genaueren Hinsehen aber einen viel intensiveren Sog als die gemütlich gerundeten Nana-Figuren der französischen Bildhauerin. Sehr offen erzählen sie von alltäglichen Geschichten, die sich nicht nur über den Text vermittelt, sondern auch bildlich eindrucksvoll von Liebe, Lust und Glück oder auch Macht, Schmerz und Abhängigkeit berichten.

Eine ihrer wohl innigsten Liebesbeziehungen verband Dorothy Iannone mit dem Fluxus-Künstler Dieter Roth (seit kurzem wieder durch die Inszenierung seines aus einem Wort bestehenden Stücks Murmel Murmel von Herbert Fritsch an der Berliner Volksbühne bekannt geworden). Roth wurde für sie eine Quelle der Inspiration und männliche Muse zugleich. In der Ausstellung wird der Beginn dieser Lovestory in Form eines meterlangen, reich bebilderten und mit Texten versehenen Leporellos vor dem Betrachter ausgebreitet. Retrospektiv angelegt, reflektierte Dorothy Iannone hier wie in einem Bild-Tagebuch ihre Eindrücke und Gefühle vom schweren Ende und dem Neubeginn einer Liebe. Und so sollte sie es auch weiterhin tun. Als Iannone sich 1974 wieder von Roth trennte, verarbeitete sie auch diesen Einschnitt in ihr Leben künstlerisch. Aua, Aua heißt eine ihrer zahlreichen Installationen aus bemalten Sperrholzboxen, mit Videoscreen und Kassettenrekorder. Selbst noch im Jahr 2000 klagt Iannone in einem Bild: „Miss My Muse“.

Dorothy Iannone: Let the Light from My Lighthouse Shine on You, 1981 - Privatsammlung Schweiz, © Dorothy Iannone, Foto: Jochen Littkemann, Courtesy Air de Paris, Paris

Dorothy Iannone: Let the Light from My Lighthouse Shine on You, 1981 – Privatsammlung Schweiz, © Dorothy Iannone, Foto: Jochen Littkemann, Courtesy Air de Paris, Paris

Die reich bemalten Speaking oder Singing Boxes nehmen einen nicht unbedeutenden Raum in der Ausstellung ein und vermitteln neben den Bildern eine weitere interessante Facette in Dorothy Iannones Schaffen. Warmherzig aber mit viel Ironie ist hier auch ihre Stimme zu vernehmen, beim Singen von Brechtsongs (z.B. dem Surabaya Johnny), dem Huldigen ihrer Hassliebe Berlin („Du meine alte Liebe, Berlin bleibt doch Berlin!“) oder in der Videobox Follow Me bei einer Ansprache an die Männer. Iannone beschwört hier eine mythische, in die Zukunft weisende matriarchalische Ära. Eine Art Goldenes Zeitalter, in dem die Frauen zentrale gesellschaftliche Rollen einnehmen werden. „The Next Great Moment in History is Our.” heißt eines ihrer Bilder von 1970. Eine Ikone der „Women‘s Liberation“ ist Dorothy Iannone dennoch nicht geworden. Wenn sie mit ihrer expliziten Kunst auch immer wieder auf Ablehnung stieß, bleibt die Künstlerin doch auch weiterhin um Ausgleich bemüht. Die Zeiten von Zensur, überklebten Genitalien oder zerstörten Kunstwerken sind allerdings noch immer nicht vorbei, und die von Iannone, in ihren Bildern angestrebte Human Liberation noch bei weitem nicht überall erreicht.

Neben den vielen psychedelisch-ornamentalen Bildern, Schrift- und Klang-Objekten sind auch einige der Künstlerbücher von Dorothy Iannone zu sehen. Auffallend hier vor allem The Berlin Beautys aus den Jahren 1977/78. In einem comicartigen Langgedicht preist sie hier die Sehnsucht nach Liebe anhand des fiktiven Liebhabers Danton. Hatte sich Dorethy Iannone bereits seit den 1970er Jahren mit mythischen Motiven (Kleopatra, Venus, Penthesilea und Achilles) beschäftigt, wendet sie sich in den 1980er Jahren dem tibetischen Buddhismus zu. Ihre nun an indische Vorbilder gemahnende Malerei bekommt dabei eine stark Mantra-artige Bildsprache. Hier heißt es u.a. Om Ah Hum (Ein Mantra zur Reinigung), Let The Light From My/Your Lighthouse Shine On You/Me, Love The Stranger, oder einfach nur Yes. Eine fröhliche, lebensbejahende Kunst. Die Ausstellung schließt mit mehreren flachen, farbig bemalten Sperrholzskulpturen, die Stills aus Lieblingsfilmen der Künstlerin wie The Piano oder Brokeback Mountain darstellen. Mit den Movie-People aus den Jahren 2009/10 greift Dorothy Iannone ihre Cutout-Werkserie People aus den 1960er Jahren wieder auf, die ebenfalls in der Schau zu sehen ist. Der Katalog zur Ausstellung ist eine wunderbare Ergänzung zur Vertiefung in diese zeitlos schönen Bilderwelten.

Dorothy Iannone: Brokeback Mountain, aus der Serie Movie People, 2010 - Courtesy die Künstlerin, Air de Paris, Paris, und Peres Projects, Berlin, Foto: Hans-Georg Gaul

Dorothy Iannone: Brokeback Mountain, aus der Serie Movie People, 2010 – Courtesy die Künstlerin, Air de Paris, Paris, und Peres Projects, Berlin, Foto: Hans-Georg Gaul

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Dorothy Iannone
This Sweetness Outside of Time
Gemälde, Objekte, Bücher 1959–2014
20.02. – 02.06.2014
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin

Weitere Infos: http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/aktuell/

Zuerst erschienen am 25.02.2014 auf Kultura-Extra.

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Wien – Berlin. Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz – Die Berlinische Galerie zeigt in einer großen Schau bildende Künstler aus beiden geschwisterlich miteinander verbundenen Städten.

Montag, November 4th, 2013

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„Die Großstadt soll der Individualität eine Umgebung sein. Aber wehe, wenn sie selbst Individualität hat und eine Umgebung braucht.“ Karl Kraus, aus: Aphorismen (1912), V. Von zwei Städten

Gustav Klimt: Johanna Staude (unvollendet), 1917/18

Gustav Klimt: Johanna Staude (unvollendet), 1917/18

Was der Wiener Karl Kraus vom Moloch Berlin hielt, hat er in mehreren gallig scharfen Aphorismen verdeutlicht. Aber auch Wien kommt bei ihm bekanntlich nicht viel besser weg. „Was Berlin von Wien auf den ersten Blick unterscheidet, ist die Beobachtung, daß man dort eine täuschende Wirkung mit dem wertlosesten Material erzielt, während hier zum Kitsch nur echtes verwendet wird.“ Kraus muss es wissen, er hat in beiden Metropolen eine nicht unerhebliche Zeit zugebracht.

Und so war er auch dem heute in beiden Städten gleichermaßen als Malerfürsten anerkannten Gustav Klimt nicht sonderlich gewogen und übte scharfe Kritik an dessen überbordender Ornamentik. Um Klimts umstrittene Fakultätsbilder für die Wiener Universität entbrannte sogar ein regelrechter Kritikerkrieg. Es ging dabei um die sogenannte Nuda Veritas, wie der Titel eines Klimt-Gemäldes verrät, also nichts weniger als die nackte Wahrheit. Für Karl Kraus wie auch den Klimt-Verteidiger Hermann Bahr stand neben dem Werk von Klimt aber vor allem auch die eigene Person im Mittelpunkt. Kraus warf Bahr dessen enge Kontakte zu den Künstlern vor und blieb selbst stets der Einzelkämpfer, mit seiner Fackel nur sich und der Wahrheit verpflichtet. Umso bitterer dann für Kraus, dass es Bahr gelang als Regisseur und mit eigenen Werken bei Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin zu reüssieren, während ihm gleiches mit seinem Monumentalwerk Die letzten Tage der Menschheit nicht vergönnt war.

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Die Berlinische Galerie in der alten Jakobstraße 124 -128

Die Berlinische Galerie in der alten Jakobstraße.

Die Beziehungen Wien-Berlin sind in Sachen Theater, Literatur, Musik also bereits hinreichend geklärt. Dramatiker, Theaterregisseure, Schriftsteller und Komponisten wie Gerhart Hauptmann, Max Reinhardt, Joseph Roth und Hanns Eisler stehen dafür mit ihren Werken. Die in beiden Metropolen beginnende Durchsetzung der Psychoanalyse von Sigmund Freud tat ihr Übriges zur engeren Verbandelung von Wien und Berlin. Wie es dabei um die Beziehungen der bildenden Künstler an Donau und Spree stand, zeigt nun eine große Ausstellung, die am 23. Oktober feierlich in der Berlinischen Galerie eröffnet wurde.

Unter den Wiener Malern sind Gustav Klimt und sein legitimer Nachfolger Egon Schiele über die Grenzen beider Metropolen hinaus stadtbekannt. Ihre gezeigten Werke sind in den Museen Wiens ein steter Publikumsmagnet. Als der erst 28jährige Schiele nach dem 1. Weltkrieg und Niedergang der Donaumonarchie 1918 der grassierenden Spanischen Grippe zum Opfer fiel – knapp neun Monate zuvor war bereits Klimt verstorben – war das ein tiefer Einschnitt für die Wiener Moderne. Hier endet dann auch meist die Kennerschaft des deutschen Wienbesuchers, und gleichermaßen dürfte es wohl auch dem Wiener Gast mit den meisten Berliner Künstlern gehen. Dass nun ausgerechnet die im Schatten des die Besucherströme anziehenden Jüdischen Museum gelegene Berlinische Galerie endlich mit diesem Halbwissen aufräumen will, ist löblich und guter Grund, noch die paar Schritte weiter in die Alte Jakobstraße zu gehen.

Blick in den Ausstellungsteil Secessionen

Einen ziemlich ähnlichen Kampf gegen die vorherrschende akademische Kunstauffassung sowie antisemitische Ressentiments in Deutschland hatte bereits etliche Jahre vor Gustav Klimt der Berliner Maler Max Liebermann bezüglich seines Gemäldes Der zwölfjährige Jesus im Tempel auszufechten. Eine erste echte Gemeinsamkeit also zwischen den um die Jahrhundertwende mit ihren Werken in die Moderne aufbrechenden Künstlern aus Wien und Berlin. Die nun in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Galerie Belvedere organisierte Schau Wien Berlin. Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz beginnt dann auch mit den Malern der Wiener und Berliner Secessionen. Wie selbstverständlich hängen da ein Selbstbildnis Max Liebermanns, des führenden Malers der Berliner Secession, und ein Portrait des besagten Kunstkritikers Hermann Bahr von Emil Orlik einträchtig nebeneinander.

Aus Sicht des Kurators Dr. Ralf Burmeister sind Wien und Berlin zwei Metropolen, die sich zwar geschwisterlich ähneln, wie Geschwister aber auch ein sehr unterschiedliches Temperament haben. Wobei Berlin dabei der Part des Stürmischeren, Direkteren zukäme, Wien dagegen zurückgenommener und feiner im Stil sei. Und so lassen sich in den hier ausgestellten Werken bei ähnlicher Motivwahl doch immer auch Unterschiede in der Grundstimmung der Sujets oder Mentalität der Portraitierten feststellen.

Ernst Barlach: Bettlerin mit Schale, 1906

Ernst Barlach: Bettlerin mit Schale, 1906

Neben dem dunkel leuchtenden Waldsee-Gemälde Aus der Mark von Walter Leistikow hängt ein helles Birkenwäldchen im Abendlicht von Carl Moll. Neben der nächtlichen Berliner Straßenszene von Lesser Ury sieht man eine Donaulände im Sommer von Franz Jaschke. Einerseits harter Realismus der Wärmehalle in Berlin von Jens Birkholm, anderseits ein eher pfiffig wirkender Wiener Pülcher von Josef Engelhart. Der Berliner Hans Baluschek und der Wiener Ferdinand Andri zeigten dagegen beide die ländliche und städtische Bevölkerung in stimmungsgeladenen Alltagsszenen.

Die Unterschiede erschöpfen sich dann auch nicht allein in hell oder dunkel, gefühlvoll oder rau. Auch nicht in der Wahl zwischen Wiener Schnitzel oder Eisbein mit Sauerkraut. Wie in Strudel und Pfannkuchen mancherlei stecken kann, so ist die Beziehung beider Städte auch entsprechend vielgestaltig, beeinflussten sich die Kunst-Stile und befruchteten sich unterschiedliche Strömungen an Donau und Spree wechselseitig. Von einem ersten Austausch zeugt hier ein Plakat von Julius Klinger zur Wiener Kunstschau von 1916 in der Berliner Secession. Während die Berlinerin Käthe Kollwitz mit ihren Grafiken auch in Wien gegen den Hunger anmahnte, ging der Wiener Emil Orlik 1905 nach Berlin, wurde dort Mitglied der Secession und Professor an der Lehranstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums. Zu seinen Schülern gehörten so bekannte Künstler wie Georg Grosz und Hanna Höch. Für ein Gastspiel des Deutschen Theaters mit Hauptmanns Webern in Prag und Hamburg gestaltete Orlik das Plakat.

Der in Wien vorherrschende Jugendstil wird vom Berliner Maler Fidus aufgenommen. Architektur und Design der Wiener Werkstätten drängen nach Berlin. Mit Kolomann Moser ist ihr wohl wichtigster Vertreter mit einigen Werken zu sehen. Und eine kleine verspätete Reminiszenz zum in Berlin so gut wie unbeachteten Klimt-Jahr 2012 wird hier zum Ereignis. Die groß gemusterte Bluse der Johanna Staude ist im Original sowie im gleichnamigen Ölbild von Gustav Klimt zu bewundern. Ihr zur Seite gestellt ist die schwungvolle Tänzerin Baladine Klossowska, Schwester des in Paris und Berlin arbeitenden Malers Eugen Spiro.

William Wauer_Bildnis Herwarth Walden, 1917_BG

William Wauer: Bildnis Herwarth Walden, 1917

Der Expressionismus hält 1910 in Wien mit dem Maler Oskar Kokoschka Einzug und drängt via Herwarth Waldens Wochenschrift Der Sturm ins avantgardistische Berlin. Eine große Vitrine zeigt Ausgaben jener Jahre. Im Gegenzug veröffentlicht Else Lasker-Schüler Zeichnungen und Gedichte in Karl Kraus‘ Wiener Fackel. In der boomenden Metropole Berlin sind bereits die Maler der Künstlervereinigung Die Brücke am Werk. Ernst Ludwigs Kirchners Frauen auf der Straße hängen in der Ausstellung neben weiteren ausdrucksstarken Bildern der Brücke-Künstler Max Pechstein und Erich Heckel. Ihnen gegenübergestellt sind die nicht minder farbgewaltigen Wiener Expressionisten wie Herbert Boeckl, Anton Kolig oder Oskar Kokoschka mit seinem Bildnis der Nell Walden. Da darf natürlich auch William Wauers kubistische Bronzebüste Bildnis des Herwarth Walden aus der Berlinischen Galerie nicht fehlen.

Wie ein Solitär zwischen all dieser expressiven Farbigkeit wirkt da das sparsame und dennoch ausdrucksstarke Bildnis des Verlegers Eduard Kosmack von Egon Schiele. Daneben ein Schiele-Portrait von Max Oppenheimer. Schiele hatte seinen Wiener Malerkollegen im gleichen Jahr ebenfalls porträtiert. Eine Entdeckung auch die von 1913 bis zu ihrem Tod in Wien lebende deutsche Malerin Helene Funke mit ihrem sinnlichen an den Pariser Fauves geschultem Frauengruppenbildnis Träume.

Hanna Hoech_Dada-Puppen, 1916-17_Berlinische Galrie

Hanna Hoech: Dada-Puppen, 1916-17

1914 zog ein Großteil der Wiener und Berliner Künstler zunächst begeistert in den 1. Weltkrieg. Ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiteten sie dabei ganz unterschiedlich. Sehr direkt zeigen die grafischen Mappenwerke des Berliners Georg Grosz die Kriegsgreuel. Ludwig Meidner malte düstere Untergangsszenarien wie Apokalyptische Landschaft und jüngster Tag. Noch mehr mit Symbolik aufgeladen sind die Werke der Wiener Maler wie Ludwig Heinrich Jungnickel mit seinem Gemälde Die Sintflut und Fritz Schwartz-Waldegg als Vertreter der Verlorenen Generation der Zwischenkriegszeit mit seinem aufwühlenden Selbstbild Bekenntnis.

Gestreift wird auch die in den 1920er Jahren in Berlin entstandene Avantgardekunstbewegung des Dada. Mit ihren reichen Beständen an Grafiken, Collagen, Ölbildern und Objekten von Georg Grosz, Hanna Höch und Raoul Hausmann kann die Berlinische Galerie hier aus dem Vollen schöpfen. Dada blieb allerdings in Wien ebenso unbeachtet, wie der in Wien aufkommende futuristische Kinetismus kaum Nachahmer in Berlin fand. Die Wiener Avantgarde erreichte immerhin noch mit der Malerin und angewandten Künstlerin Friedl Dicker sowie dem Schweizer Maler und Kunsttheoretiker Johannes Itten das Weimarer Bauhaus. Bemerkenswert ist hier in der Berliner Schau aber vor allem die in Deutschland relativ unbekannte Wiener Künstlerin Erika Giovanna Klien mit ihren futuristischen Großstadtbildern von Menschen und Maschinen sowie der comicartigen Bildergeschichte Klessheimer Sendbote.

Rudolf Belling_Max Schmeling, 1929_BG_Lotte Laserstein_Tennisspielerin, 1929_Privatb.

Rudolf Belling: Max Schmeling, 1929 – Lotte Laserstein: Tennisspielerin, 1929

Einen besonders großen Raum nimmt in der Berlinischen Galerie natürlich die Zeit der Neuen Sachlichkeit ein. Eine klar vermutete Domäne der Berliner Künstler der 1920er und 30er Jahre wie Otto Dix, Rudolf Schlichter, Christian Schad und Jeanne Mammen. Ihren bekannten Portraits werden Wiener Realisten wie Herbert Ploberger, Rudolf Wacker und Albert Paris Gütersloh, Lehrer und Vater der nach dem 2. Weltkrieg aufstrebenden Wiener Phantasten um Ernst Fuchs und Wolfgang Hutter, gegenübergestellt. Franz Lerchs Schlafendes Mädchen korrespondiert hier wunderbar mit Karl Hofers Ruhendem Mädchen. Die Wiener Straßenszenen des Grafikers Wilhelm Traeger stehen Max Beckmanns Berliner Reise in nichts nach und der Pressezeichner B. F. Dolbin karikierte Wiener und Berliner Theatergrößen wie Max Reinhardt, Bertolt Brecht, Lotte Lenya, Fritz Kortner und Alfred Kerr.

Die Ausstellung schließt mit den bedrückenden Bildern der unter den Nazis im KZ ermordeten Felix Nussbaum und Friedel Dicker-Brandeis und kann dann noch einmal mit dem vor einem Jahr im Kunsthandel wieder aufgetauchten Bildnis Im Gasthaus von Lotte Laserstein punkten, das sich nun im Besitz einer Privatsammlung befindet. Laserstein konnte 1937 noch rechtzeitig nach Schweden emigrieren. Schon 1930 wehte eine Art melancholische Vorahnung durch ihre Tischgesellschaft Abend über Potsdam. Hier ist man aber noch längst nicht am Endpunkt der Wien-Berlin-Connection. Die Ausstellung verlangt förmlich nach einer Fortsetzung. Auch in der Nachkriegsmoderne ließen sich noch so manche Gemeinsamkeiten und Gegensätze finden. Die Berlinische Galerie muss sich hierfür nur nach weiteren Partnern in Wien umsehen. Ein erster Schritt ist mit dieser großartigen Schau getan.

Als hervorragende Ergänzung zur Ausstellung dient der reich bebilderte und mit etlichen lesenswerten Beiträgen zum Kunstverständnis beider Städte vervollständigte Katalog, der seine immerhin 39 Euro auch tatsächlich wert ist.

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Lotte Lasersteins Im Gasthaus

Lotte Laserstein: Im Gasthaus, 1927

Wien Berlin
Kunst zweier Metropolen
24.10.2013–27.01.2014

Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und
Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin

Weitere Informationen: http://www.berlinischegalerie.de/de/ausstellungen-berlin/aktuell/wien-berlin/

Text und Fotos: St. Bock

Der Beitrag ist in leicht gekürzter Form am 01.11.13 auch auf Kultura-Extra erschienen.

siehe auch: Freitag-Community

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