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Zwei außergewöhnliche Künstlerinnen im Vergleich – Retrospektiven von Gabriele Münter im Lenbachhaus München und Anita Rée in der Hamburger Kunsthalle

Sonntag, Januar 14th, 2018

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Gabriele-Münter, 1900 – Wikipedia

Frauen in der Kunst sind in Ausstellungen leider immer noch lange nicht so präsent wie ihre männlichen Künstlerkollegen. Das vergangene Jahr 2017 hatte diesbezüglich allerdings Einiges zu bieten. Berlin, Hamburg und München zeigten z.B. große Retrospektiven von Jeanne Mammen, Paula Modersohn-Becker, Gabriele Münter und Anita Rée. Vier Namen (wenn auch sicherlich nicht gleich jedem präsent), die in der Kunstgeschichte durchaus als durchgesetzt gelten dürften. Ist Paula Modersohn-Becker in Deutschland mittlerweile fast schon zur Ikone der weiblichen Kunst stilisiert und in diesem Jahr sogar mit einem Biopic bedacht worden, bedarf es zum Werk der Hamburger Künstlerin Anita Rée und selbst zu dem der Münchnerin Gabriele Münter – vorrangig bekannt als Mitstreiterin der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ – sicher noch ein wenig Nachhilfe.

Die 1877 in Berlin geborene Gabriele Münter wurde bisher meist im Rahmen der im Münchner Lenbachhaus beheimateten Sammlung des „Blauen Reiters“ ausgestellt, während Werke der 1885 in Hamburg geborenen Anita Rée immer mal wieder in kleinen Überblicksschauen der Hamburger Kunsthalle zur dort ansässigen Sammlung der Hamburgischen Sezession, deren Gründungsmitglied sie 1919 war, gezeigt wurden. Es fiele aber sicher schwer, die Vielfalt des Werks beider Künstlerinnen anhand dieser kleineren Auftritte umfänglich zu beschreiben. Nun sind Münter und Rée in jeweils recht umfangreichen Retrospektiven der beiden großen Ausstellungshäuser neu zu entdecken.

Gabriele Münter – Bildnis Marianne von Werefkin, 1909, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München – Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Was diese durchaus sehr verschiedenen Künstlerinnen eint, ist zunächst ihre gutbürgerliche Herkunft, die es ihnen schon früh ermöglichte, das erst ab 1919 für Frauen zugängliche Kunststudium bereits um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert bei privaten Lehrern zu absolvieren. Bei Gabriele Münter, Tochter einer aus Nordamerika zurückgekehrten deutschen Zahnarztfamilie, war das zunächst eine private Damenkunstschule in Düsseldorf, bevor die Familie 1901 nach München umzog und sie dort in der Damen-Akademie des Künstlerinnen-Vereins ihre Studien fortsetzen konnte. Anita Rée, Tochter eines wohlhabenden jüdischen Kaufmanns und seiner aus Venezuela stammenden Frau, nahm ab 1905 Malunterricht beim Hamburger Künstler Arthur Siebelist. Max Liebermann, dem sie bei einem Besuch in Berlin erste Werke zeigte, riet ihr weiterzumachen. Bei Münter dürfte es die Begegnung mit dem russischen Maler Wassily Kandinsky in dessen Münchner Malklasse gewesen sein, was sie in ihrem künstlerischen Drang bestärkte. Initialzündungen waren bei beiden angehenden Künstlerinnen aber mit Sicherheit diverse Reisen ins Ausland u.a. nach Paris und in verschiede Städte Italiens.

In beiden Ausstellungen ist in den frühen Werken der Künstlerinnen vor allem der Einfluss der französischen Impressionisten erkennbar. Sind es bei Münter die flüchtigen, mit pastösem Farbauftrag gemalten spätimpressionistischen Landschaftsbilder, so sind es bei Rée Portraits und Stillleben, die in ihrem Stil deutlich an Cézanne erinnern. Das sollte sich aber bei beiden Malerinnen recht schnell ändern. Wechselte Gabriele Münter mit der Gründung des „Blauen Reiters“ zum Expressionismus mit seinen ausdrucksstarken Farbflächen, so wendet sich Anita Rée, die Expressionismus und Abstraktion eher weniger interessierten, dem Studium der italienischen Frührenaissance zu. In ihren Bildern, die sie bei längeren Aufenthalten in Positano an der italienischen Amalfiküste malte, greift sie in vielen Portraits von Einheimischen vor allem immer wieder das Madonnenthema auf. Die Hamburger Ausstellung zeigt hier wunderbare Frauen- und Kinderportraits aus den 1920er Jahren.

 

Anita Rée – Paar (Zwei römische Köpfe), 1922–1925, Öl auf Leinwand, 51 x 45,5 cm, Privatbesitz USA – Foto: Christoph Irrgang

 

Auch die Gabriele-Münter-Schau im Münchner Kunstbau beginnt mit Portraits. Am Beginn steht das wohl zum bekanntesten Lenbachhaus-Postermotiv gewordene, farbenfrohe Bildnis der Künstlerkollegin Marianne von Werefkin. In der thematisch ausgerichteten Münchner Ausstellung kann man den künstlerischen Werdegang Münters vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit und wieder zurück zu naiveren Bildern schon anhand der Portraits gut erkennen. Einfach und „ohne Umschweife“ bezeichnet sie ihre Herangehensweise. Den kräftigen Ausdruck der Gemälde, die hier meist motivisch nach Landschaften, Bildern arbeitender Menschen, Stillleben und Interieurs angeordnet sind, erzielt die Künstlerin vor allem durch die Farbe. Das hat den Bildern mit ihren flüchtig hingemalten, zumeist bäuerlichen Sujets auch den Vorwurf naiver Kunst eingetragen.

 

Gabriele Münter – Dame im Sessel schreibend, 1929 – Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

 

Nach dem Ende der Künstlergemeinschaft „Der Blaue Reiter“ und spätestens mit dem Aufkommen der Neuen Sachlichkeit nach dem Ersten Weltkrieg bekam Münters Werk einen zweiten Aufschwung, oder, wie sie es bezeichnete, „eine neue Sichtweise“. Es entstanden wieder wunderbare Portraits wie Die Sinnende II, Dame im Sessel, schreibend oder Bildnis einer Künstlerin (Margret Cohen). Besonders hier ist eine gewisse Ähnlichkeit zum Werk Anita Rées, die zur gleichen Zeit als Porträtistin der Hamburger Gesellschaft reüssierte, zu beobachten. Die Kunsthalle zeigt Bildnisse des befreundeten Kunstkritikers Carl Einstein, von Otto und Gustav Pauli sowie mehrere großformatige Frauenportraits.

 

Gabriele Münter – Stilleben vor dem gelben Haus, 1953, Textiler Bildträger, 46,5 × 54,5, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München, Inv.-Nr. S 19 – Foto: Lenbachhaus

 

Während sich Gabriele Münter als „Plein-air-Malerin“ bezeichnete, sind die Landschaften in den Bildern von Anita Rée immer auch fremdländische Sehnsuchtsorte, die sie nach Eindrücken ihrer vielen Reisen malte. Anfang der 1930er Jahre entstanden Bilder mit Fabeltieren und ein mit Affen bemalter Bauernschrank. Auch Münter befasste sich mit Bauernkunst, Kinderbildern und dem sogenannten Primitivismus als Quelle der freien, ursprünglichen Kreativität. Motive finden die Malerinnen bei volkstümlichen Maskenfesten, den Anfang des 20. Jahrhunderts stattfindenden Völkerschauen oder in den Völkerkundemuseen Hamburgs und Berlins. Im Gemälde Blauer Dämon portraitiert Münter die Statue einer hinduistischen Gottheit, die noch heute im Ethnologischen Museum Berlin zu sehen ist. Interessant auch die Sammlung früher Fotografien einer Reise Gabriele Münters, die sie 1899-1900 mit ihrer Schwester zu Verwandten in den Süden der USA unternimmt.

Anita Rée – Selbstbildnis, 1930, Öl auf Leinwand, 66 x 60,8 cm © Hamburger Kunsthalle – bpk – Foto: Elke Walford

Selbstbildnisse gibt es von Gabriele Münter nur wenige. Eins zeigt sie 1909 in hellen Farben mit Blumen am Hut. Wesentlich nachdenklicher präsentiert sich Anita Rée in ihren zahlreichen Selbstportraits. In einem letzten 1930 malte sie sich sinnend im Halbakt, eine Hand an der Wange. Da stand die Malerin eigentlich im Zenit ihrer Karriere. Zwei öffentliche Aufträge für Wandbilder in Hamburger Schulen hatte sie erhalten. Vorarbeiten und Fotos sind in der Ausstellung zu sehen. Der Auftrag für die Gestaltung des Altars der neuen Ansgarkirche in Hamburg-Langenhorn wurde in Folge der Einflussnahme der erstarkenden Nationalsozialisten zurückgezogen. Die eigentlich bis dahin allgemein anerkannte Künstlerin geriet daraufhin in eine persönliche Krise. 1932 reiste Anita Rée zusehends deprimiert und einsam nach Sylt. Die dort entstanden, in gedeckten Farben gehaltenen Aquarelle von Dünen, Leuchttürmen und Tieren sind im letzten Raum ausgestellt. Kontakt hatte die Künstlerin nur zur Freundin Lotte Burk, die sie mehrfach malt. Am 12. Dezember 1933 nimmt sich Anita Rée auf Sylt das Leben. Die sehr gelungene Retrospektive entreißt sie nun dem Vergessen.

Die Münchner Ausstellung beschäftigt sich nicht weiter mit der Zeit des Nationalsozialismus. Recht unbekümmert erscheinen die 1935 gemalten Bilder der Baustelle der Olympiaanlagen in Garmisch. Nach einem Ausstellungsverbot zog sich Gabriele Münter ins Privatleben zurück. Nach dem Krieg malte sie bis zu ihrem Tod 1962 weiter. Münter kehrte dabei teilweise wieder zur Phase der expressionistischen Malweise zurück. Auch den Weg zur Abstraktion versuchte sie ähnlich wie Wassily Kandinsky. In der Ausstellung sind einige Studien, Interieurs und Stillleben vertreten, die aber nur in zwei Fällen den Grad abstrakter Auflösung in geometrische Formen wie bei Kandinsky erreichen. Natürlich ist Münters zeitweiliger Lebensgefährte nicht aus ihrer Kunst wegzudenken. Er taucht dann immer wieder in Bildern von Münters Haus in Murnau auf, wo die Künstlerin ihre Sammlung expressionistischer Gemälde der Künstlergruppe „Der Blauen Reiter“ vor dem Zugriff der Nationalsozialisten bewahren konnte. Nun ist sie Grundstock der Sammlung im Lenbachhaus, aber wie die Retrospektive nun zeigt, nur eine von vielen Facetten der Künstlerin.

 

Anita Rée – Stillleben mit Orangenbaum, vor 1920, Öl auf Leinwand, 61 x 65,2 cm, Privatbesitz – Foto: Christoph Irrgang

 

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Gabriele Münter. Malen ohne umschweife
31. Oktober 2017 – 8. April 2018
Kunstbau München in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus
Luisenstraße 33
80333 München
U-Bahnhof Königsplatz
Zwischengeschoss

Infos: http://www.lenbachhaus.de/

Anita Rée – Retrospektive
6. Oktober 2017 – 04. Februar 2018
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall 5
20095 Hamburg

Infos: http://www.hamburger-kunsthalle.de/

Zuerst erschienen am 09.01.2017 auf Kultura-Extra.

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Weltkriegsgedenken in Hamburg – FRONT von Luk Perceval am Thalia Theater Hamburg und DER KRIEG von Otto Dix in der Kunsthalle

Dienstag, März 25th, 2014

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In diesem Sommer jährt sich zum einhundertsten Mal der Beginn des Ersten Weltkriegs. Österreich/Ungarn und das verbündete Deutsche Kaiserreich erklärten Ende Juli/Anfang August 1914 Serbien, Russland und Frankreich den Krieg. Großbritannien stieg wenig später an der Seite der Entente in die Kämpfe gegen Deutschland ein. Von Europa ausgehend entfachte das den ersten Weltenbrand, auch bezeichnet als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, in dessen Verlauf bis 1918 rund 17 Millionen Menschen den Tod fanden. Die Theater haben bisher noch recht zurückhaltend auf dieses Ereignis reagiert. Lediglich am Staatsschauspiel Dresden kam es in der Regie von Wolfgang Engel zur Premiere des eigentlich als unspielbar geltenden Stücks Die letzten Tage der Menschheit des Österreichers Karl Kraus. Selbiges war auch am Burgtheater Wien geplant. Nach der Entlassung von Burgdirektor Matthias Hartmann könnte das aber schwierig werden. Die koproduzierenden Salzburger Festspiele suchen nun nach einem Regie-Ersatz in Sachen österreichisches Weltkriegsgedenken.

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„Wir haben den Krieg nicht gewollt, die andern behaupten dasselbe – und trotzdem ist die halbe Welt fest dabei.“ heißt es im vielleicht bekanntesten Weltkriegsroman Im Westen nichts Neues, geschrieben Ende der 1920 Jahre vom deutschen Schriftsteller Erich Maria Remarque. Als französisches Pentand zu Remarqus Kriegs-Zeugnis dürfte der bereits 1916 noch zu Kriegszeiten erschienene Roman Le Feu (dt. Das Feuer. Tagebuch einer Korporalschaft) des Schriftstellers Henri Barbusse gelten. Beides sind detailgetreue Schilderungen des nervenaufreibenden, verlustreichen Stellungskrieges an der Westfront aus Sicht der einfachen Soldaten. Beide Bücher beruhen dabei auf Tatsachenberichten. Barbusse hatte seine eigenen Kriegserlebnisse in Form eines Fronttagebuches niedergeschrieben. Remarque größtenteils Erfahrungen anderer Kriegsteilnehmer notiert. Am Thalia Theater Hamburg verschneidet Hausregisseur Luk Perceval in Koproduktion mit dem belgischen Stadttheater NTGent nun beide Romane miteinander und reichert das Ganze mit weiteren Zeitdokumenten wie Briefen und Tagebucheintragungen an.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Perceval, selbst Belgier, inszeniert in seiner Produktion FRONT auf fast leerer Bühne eine Art polyphonen Katastrophen-Sound des Krieges aus den Stimmen des in vier Sprachen sprechenden gemischten Ensembles sowie Geräuschen und musikalischen Einlagen der Schauspieler. Dieser Sound hat laute und leise Töne, wechselt von der ungewissen Warteposition der Soldaten im Graben, mit Stimmungsprotokollen und Einzelberichten, in die unkontrollierte Aktion des Sturms. Was zunächst sehr artifiziell klingt, entwickelt im Laufe des zweistündigen Abends aber tatsächlich eine Art Klangrausch, der einen bannen will und so in einen kollektiven, vielstimmigen Gedankenstrom zu ziehen versucht. Wenn man sich diesem ergibt, bekommt der zunächst wie eine szenische Lesung auf zumeist dunkler Bühne wirkende Abend doch noch einen, wenn auch minimalen Spannungsbogen. Man kann dem Erzählstrom aber auch einfach nur so folgen, die Zusammenhänge ergeben sich aus den geschickt zusammengeschnitten Roman- und Brieffetzen wie von allein.

An der Rampe aufgereiht sitzen die Darsteller vor Notenständern, Kerzen erhellen spärlich die Szenerie. „Die Front ist ein Käfig, in dem man nervös warten muss auf das, was geschehen wird. (…) Über uns schwebt der Zu­fall.“ Bernd Grawert spricht die Sätze des jungen Soldaten Paul Bäumer aus Remarques Roman. Sie werden zum roten Faden der Inszenierung. Das Ensemble wird die ganze Zeit gemeinsam auf der Bühne verbringen, eingepfercht auf engem Raum wie die Ratten im Graben aus ihren Berichten. „Eine Familie ohne Verwandtschaft“, wie es in Barbusse Le Feu heißt. Wenig Aktion, nur leiser mikrofonverstärkter Erzählton, der von erstem nationalen Hochgefühlen kündet, von der Neugier auf den Feind. Man singt Kein schöner Land, dagegen wird von den anderen ein französischen Lied angestimmt. Dann erreicht sie das reale Leben an der Front mit der Ungewissheit und Angst vor dem Tod, den Klagen über schlechte Verpflegung und fehlendes Material.

Im Hintergrund der Bühne hängt eine wandhohe Installation aus Stahlplatten von Percevals bevorzugter Bühnenbildnerin Annette Kurz, die vom Musiker Ferdinand Försch bearbeitet wird. Er streicht mit dem Bogen, schlägt die Platten und erzeugt so mal schwirrende, mal düster dreuende Töne. Wie Geschützdonner, wenn die Soldaten zum Angriff übergehen, oder kreischend, wenn ein Verwundeter schreit. Wie in Trance drehen sich die Männer beim Sturm aus dem Graben. Die Frauen, als ihre Mütter, irren verstört über die Bühne. Verzweifelt umklammern sich Bernd Grawert und Peter Seynaeve in der Szene, in der Paul Beumer im Granattrichter den belgischen Korporal Van Outryve ersticht. Für das deutsche Ohr dominieren hier sicher die bekannten Passagen aus Im Westen nichts Neues etwas zu sehr. Aber auch Berichte von schwadronierenden Vorgesetzten, Heimurlauben, Schilderungen von toten Soldaten, Krankheiten und Selbstverstümmelungsversuchen Verzweifelter ähneln sich hier wie dort.

In weiteren Erzählsplittern berichtet eine englische Krankenschwester (Oana Solomon), deren Verlobter bereits gefallen ist, von ihrer schweren Arbeit im Lazarett. „It’s impossible to be a woman here.“ Der belgische Lieutenant De Wit (Steven van Watermeulen) verflucht die vermeintliche Untreue seiner Frau und sucht Vergessen im Krieg. Immer wieder werden Briefe von Soldaten und Müttern gelesen. Was alle eint, ist die Kriegsmüdigkeit und der Fatalismus, aber auch die Gewissheit, dass das irgendwann enden muss. Es kulminiert in einem vielsprachigen Stimmengewirr, das anschwillt, wieder abebbt und wie die Kerzen am Ende verlischt. Ein Meditation über die sich schier endlos wiederholende Eintönigkeit des Lebens an der Front auf allen Seiten, mit seinen unfassbaren Schrecken und Leiden, die die einen abstumpfen lassen und andere in den Wahnsinn treiben.

Nun ist Perceval nicht etwa auf der Suche nach den Ursachen des Krieges. Der spätere Kommunist Barbusse nennt an einigen Stellen seines Romans doch etwas klarer Ross und Reiter. Diese Passagen fehlen in Percevals Zusammenschnitt. Ihn interessieren mehr das persönliche Erleben und die individuelle Wahrnehmung der schrecklichen Ereignisse. Wenn man so will, hat der Abend dabei sogar etwas Therapeutisches. Durch das Erzählen werden die Geschehnisse im Nachhinein zu einer Art kollektiven, grenzüberschreitenden Erfahrung. Ein Erkennen der Gemeinsamkeiten und Verarbeitung des auf allen Seiten erlittenen Traumas hin zu einer gemeinsamen Ächtung jeglicher militärischer Art der Auseinandersetzung. Eine rein pazifistische Sicht. Und was bereits an Remarques Roman kritisiert wurde, politisch keine konkrete Stellung zur Vermeidung von Kriegen einzunehmen, kann man natürlich auch Luc Perceval vorhalten. Es kommt letztendlich hier wieder auf den Einzelnen an, aus kollektiv erfahrener Geschichte die richtigen Schlüsse zu ziehen, um kriegerische Auseinandersetzungen in Zukunft verhindern zu können.

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Otto Dix (1891–1969), Sturmtruppe geht unter Gas vor, 1924, (aus der Folge: „Der Krieg", Radierwerk VI, Blatt 12, Mappe 2.II), Radierung, Aquatinta und Kaltnadel, Hamburger Kunsthalle / bpk, VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Photo: Christoph Irrgang

Otto Dix, Sturmtruppe geht unter Gas vor, 1924, (aus der Folge: „Der Krieg“, Radierwerk VI, Blatt 12, Mappe 2.II), Radierung, Aquatinta und Kaltnadel, Hamburger Kunsthalle / bpk, VG Bild-Kunst, Bonn 2014, Photo: Christoph Irrgang

Als gute Ergänzung zum Theaterbesuch sei hier auf eine kleine Sonderschau in der Hamburger Kunsthalle hingewiesen. Noch bis zum bis 27. April 2014 wird im Saal der Meisterzeichnung eine Auswahl aus dem 50 Blätter umfassenden Radierzyklus Der Krieg (1923/24) des Malers und Grafikers Otto Dix (1891-1969) gezeigt. Dix, selbst Teilnehmer im Ersten Weltkrieg, stellte hier aus eigener Erfahrung das Leben und Sterben an der West- und Ostfront erschütternd und kompromisslos in all seinen heute immer noch erschreckenden Facetten dar. Einer der wohl eindrücklichsten Beiträge zur Darstellung des Krieges in der Bildenden Kunst überhaupt.

Otto Dix. Der Krieg.

8. März bis 27. April 2014
Hamburger Kunsthalle
Saal der Meisterzeichnung

Weitere Infos: http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/Otto-Dix/articles/Otto-Dix.html

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FRONT
Polyphonie nach „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque, „Le Feu“ von Henri Barbusse und Zeitdokumenten
Thalia Theater Hamburg
Uraufführung am 22.03.2014

Regie: Luk Perceval
Live-Musik: Ferdinand Försch
Bühne: Annette Kurz
Kostüme: Ilse Vandenbussche
Musik: Ferdinand Försch
Video: Philip Bußmann
Licht: Mark Van Denesse
Dramaturgie: Christina Bellingen, Steven Heene

Mit:
Patrick Bartsch (Albert Kropp)
Bernd Grawert (Paul Bäumer)
Burghart Klaußner (Stanislaus Katczinsky)
Benjamin-Lew Klon (Müller)
Oscar van Rompay (Emiel Seghers)
Peter Seynaeve (Korporal Van Outryve)
Steffen Siegmund (Rekrut)
Oana Solomon (Engl. Krankenschwester, Mutter Bäumer)
Katelijne Verbeke (Mutter Seghers)
Steven van Watermeulen (Lieutenant De Wit)
Gilles Welinski (Kolonel Magots)

Eine Koproduktion mit dem NTGent

Weitere Infos: http://www.thalia-theater.de/h/repertoire_33_de.php?play=1044

Zuerst erschienen am 24.03.2014 auf Kultura-Extra.

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