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Jeanne Mammen. Die Beobachterin – Die Berlinische Galerie widmet der großen Porträtistin der neuen Frau in der Weimarer Republik eine umfassende Retrospektive

Mittwoch, Oktober 18th, 2017

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Jeanne Mammen, o. T. (Selbstbildnis), o. D. (um 1926), Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Mathias Schormann

Jeanne Mammen (1890-1976) ist vor allem als große Porträtistin der „neuen Frau“ in der Weimarer Republik bekannt. Dass ihr künstlerisches Oeuvre weit über die 1920er und 30er Jahre hinausreicht, kann man nun in einer umfassenden Retrospektive, die die Berlinische Galerie der Berliner Malerin und Grafikerin widmet, erleben. Während der Nazi-Diktatur in Deutschland ging Jeanne Mammen nicht nur den Weg in die innere Emigration, sondern widmete sich auch dem Kubismus und nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre verstärkt der Abstraktion und Collagetechnik.

1890 in Berlin geboren, wächst Jeanne Mammen in Paris auf. Als Tochter einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie kann sie gemeinsam mit ihrer Schwester Marie Louise in Paris, Brüssel und Rom Malerei und Grafik studieren. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs muss die Familie über Holland einer Internierung als „feindliche Ausländer“ entfliehen und siedelt sich wieder in Berlin an. Für die junge Frau, der das libertäre Leben in der französischen Metropole fehlt, bedeutet das zunächst eine herbe Umstellung. Sie versucht sich zunächst als Grafikerin. In ihren Märchen- und Bibelzyklen zum Heiligen Antonius ist Mammen noch ganz dem Symbolismus verpflichtet. Schon bald nach dem Krieg bekommt sie erste Aufträge als Werbegrafikerin und Illustratorin. Es entstehen erste Plakate für die boomende deutsche Filmbranche und Zeichnungen für Modemagazine wie Die schöne Frau. Zahlreiche Werke aus dieser Schaffensperiode sind im ersten Raum der Ausstellung zu sehen.

Jeanne Mammen, Die Großstadt, um 1927, Titelblattentwurf für: Die Großstadt, 1927, Jg. I, Heft 1, Berlinische Galerie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Kai-Annett Becker

Verstärkt taucht Jeanne Mammen nun wie einst Henri Toulouse Lautrec in Paris in das Berliner Nachtleben ein. Als stille Beobachterin dokumentiert sie Szenen aus Cafés und Tanzlokalen der Stadt in den „wilden 20ern“. Ebenso zeichnet sie für Satiremagazine wie den Simplicissimus, den Ulk oder die Kunst- und Literaturzeitschrift Jugend. Die Zeichnungen sind mit dem spitzen Stift gemacht, stehen Arbeiten von bekannten Künstlern wie George Grosz oder Otto Dix in nichts nach und werden u.a. von Kurt Tucholsky wegen ihres karikaturistischen Stils gelobt. Mammens Mal- und Zeichenkunst ist nun der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen. Besonders beispielhaft sind dafür die Portraits von Tänzerinnen (Zwei Frauen, tanzend), VarietékünstlerInnen wie dem Travestiestar Babette (Damenimitator Babette I) oder einer Portraitserie von Berliner Persönlichkeiten. Viele Belege dieser Zeit wie Skizzenbücher und Zeitungsexemplare sind in Vitrinen ausgestellt.

Jeanne Mammen, Die Rothaarige, um 1928, Berlinische Galerie
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Kai-Anett Becker

In den 1930 Jahren bekommt Mammen eine erste große Ausstellung in der Galerie Gurlitt. Ihr Stil ist nun deutlich veristisch und zeigt auch die Schattenseiten des Elends in der Weimarer Republik, wovon mehrere Papierarbeiten (Leihgeber ist hier vor allem die Berliner Jeanne-Mammen-Stiftung) zeugen. Prägend wird die Begegnung mit dem Bild Guernica von Pablo Picasso auf der Pariser Weltausstellung 1937. Hier beginnt Mammens Auseinandersetzung mit dem Kubismus, der sich in einer Reihe von Gemälden, die in der Haupthalle ausgestellt sind, niederschlägt. Das Vorbild Picasso ist vor allem in Bildern wie Mädchen mit Katze erkennbar. Auch Anleihen an expressionistische Künstler wie Lyonel Feininger (Segelschiff) oder Max Beckmann (Atelierbild, Jongleur) sind erkennbar. Mit dem Gemälde Der Würgeengel bezieht die Künstlerin eine klare Antikriegshaltung.

K. L. Haenchen, Jeanne Mammen in ihrem Atelier in Berlin, um 1946-1947, © Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., Berlin

In den 1940er Jahren verstärkt sich der Trend zur Abstraktion. Mammen rückt in Folge der Verfemung ihrer Kunst durch die Nazis vom Realismus ab. Aus Mangel an Malutensilien beginnt sie kuboexpressionistische Kopfplastiken aus Gips und Ton im Stil von Henry Moore zu fertigen. Diese plastische Phase überträgt sich auch auf ihre Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg. In Stürzende Fassaden zeigt Mammen das zerstörte Berlin. Die Künstlerin will nicht mehr realistisch malen, weil sie diese Kunstrichtung von den Nazis vereinnahmt sieht. Mammen nimmt die „Antibilderpille“, wie sie es später selbst scherzhaft formuliert, und versucht sich neu zu orientieren. In den 1950er Jahren entstehen informelle Fantasiebilder wie Mondsüchtiger oder Auratisches Profil. Das Gemälde Kirchenfenster erinnert sogar an der Dripping-Technik Jackson Pollocks.

Jeanne Mammen, Photogene Monarchen, um 1967, Leihgabe des Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft, Berlin-Buch, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Repro: © Förderverein der Jeanne-Mammen-Stiftung e.V., Berlin

Der letzte Raum der Ausstellung widmet sich dann ganz dem Spätwerk der Künstlerin ab den 1960er Jahren. Sie malt nun zeichenhaft abstrakt, ähnlich wie Paul Klee oder Jean Miro. Die Vergleiche drängen sich auf, Mammen fügt ihren meditativen Gemälden aber kleine Accessoires aus buntem Stanniol- und Schokoladenpapierschnipseln bei. Zudem nimmt sie religiöse Motive aus ihrem Frühwerk wie die Erscheinungen des Heiligen Antonius in der Wüste wieder auf und nennt die Gemälde Strandgut, Kontemplation (Wellen) oder Die Kreuzigung. Ihre Bilder sind durchzogen von Traumvisionen, psychologischen Symbolen (Der durchbohrte Mond, Kampfgeister) und Totemfiguren (Photogene Monarchen). Mammen ist dabei von der Poesie Rimbauds und Flauberts inspiriert, die sie beide auch ins Deutsche übersetzt hat. In der Mitte des Raumes hängen zum Vergleich ihre frühen, symbolistischen Papierarbeiten. Es entstehen aber auch wieder sehr rätselhafte Gemälde zum Thema Karneval und Varieté wie Marionetten oder Schaubude. So wenig Aufhebens Jeanne Mammens um ihre Kunst machte, so wenig ist auch aus ihrem Privatleben bekannt. Ihre Bilder sprechen für sich, und es ist ein Erlebnis, mit ihnen durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu gehen.

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Jeanne Mammen. Die Beobachterin
Retrospektive 1910 – 1975
06.10.2017 – 15.01.2018
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin

Infos: https://www.berlinischegalerie.de/

Zuerst erschienen am 17.10.2017 auf Kultura Extra.

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