Archive for the ‘Lutherjahr’ Category

Luther und die Avantgarde – Eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst zum Reformationsjubiläum im Alten Gefängnis der Lutherstadt Wittenberg

Montag, Juli 31st, 2017

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Die Stadt Wittenberg befindet sich momentan ganz im Luther-Fieber. Der Namenspatron und Kirchenreformer ist hier im sogenannten Lutherjahr überall präsent. Gleich am Bahnhof werden die Gäste von einem 27 Meter hohen, begehbaren Bibelturm begrüßt. Wer Lust hat, sich schon hier einen Ausblick auf die Stadt zu verschaffen, kann über ein verkleidetes Baugerüst auf eine Plattform steigen und die Lutherstadt mal aus einer anderen Perspektive betrachten. Der Aussichtsturm gehört zum Projekt Weltausstellung Reformation – Tore der Freiheit, das sich über die gesamte Innenstadt erstreckt. 7 Tore bilden 7 Räume, in denen sich verschiedene Hochschulen zu 7 Weltthemen wie der Kultur, Globalisierung, Spiritualität, Jugend oder dem Frieden und der Gerechtigkeit widmen. Eine schöne Idee, deren Ergebnisse auch weitestgehend im Stadtbild verbleiben werden. Wer also neben dem Besuch der zahlreichen Ausstellungen zum Reformationsjubiläum noch genügend Elan verspürt, kann diesen für einen ausgedehnten Stadtspaziergang nutzen.

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Am anderen Ende der Innenstadt gleich hinter dem Stadtschloss mit seinem weit hin sichtbaren Kirchturm befindet sich das Alte Gefängnis Wittenberg. Es war bis in die 1970er Jahre in Betrieb und bietet nun einen interessanten Rahmen für die Ausstellung Luther und die Avantgarde, einer Schau zeitgenössischer Kunst mit 66 KünstlerInnen aus mehreren Ländern. Auch diese Ausstellung ist wie die großen nationalen Schauen zum Reformationsjubiläum dreigeteilt. Neben dem zentralen Ort Wittenberg gibt es im Rahmen der Documenta in der Kassler Karlskirche Werke von Shilpa Gupta und Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo zu sehen. Das britische Künstlerduo Gilbert & George zeigt in der St. Matthäus-Kirche am Berliner Kulturforum ihre Sündenbock-Bilder zum Thema religiöse und soziale Konflikte, Fundamentalismus und Terrorgefahr.

 

Torraum 2 – Spiritualität-Steg auf dem Bunkerberg der Lutherstadt Wittenberg – Foto: St. B.

 

Schon in der großen Wittenberger Ausstellung Luther! 95 Schätze – 95 Menschen hat man versucht, das Wirken des Reformators in einen Bezug zu Ansichten und Positionen von Persönlichkeiten aus der Weltgeschichte bis ins Heute hinein zu setzen. Und auch auf dem Rasen vor dem Alten Gefängnis begegnet uns wieder Edward Snowden, der meistgesuchte Whistleblower, als auf schachbrettartigen Gehwegplatten verpixeltes, nur aus der Vogelperspektive erkennbares Portrait. Achim Mohnés am Computer entstandene Kunstwerk 0,000672 Megapixel – Citizen tob e seen from Mars setzt die über des Internet verbreiteten Enthüllungen Snowdens in einen direkten Kontext zu dem von Luther genutzten, damals wohl schnellstem medialen Verfahren, dem Buchdruck.

 

robotlab: bios [bible], 2007 –  Foto: St. B.

Dem Druck der von Luther ins Deutsche übersetzten Bibel widmet sich auch das Künstlerkollektiv robotlab in ihrer Installation bios [bible], bei der ein programmierter Industrieroboterarm mit einem Füllfederhalter tagtäglich in deutscher Gutenbergschrift die komplette Luther-Bibel abschreibt. Überhaupt ziehen sich Sprache, Schrift und Buchdruck wie ein roter Faden durch die Ausstellungsräume in den langen Zellenfluren des viergeschossigen Gefängnisbaus. Viele der ausstellenden KünstlerInnen, wie auch die Konzeptkünstler Art & Language, die Luthers Schrift für den heutigen Kunstgebrauch desakralisiert haben, verbinden heute mit dem geschriebenen Wort auch ein mediales Ereignis. Diese Sicht karikiert Olaf Metzel mit seiner im Treppenhaus hängenden Metall-Installation Luther rauf und runter aus zerknüllten Zeitungsartikeln zum Lutherjahr. Eine Hommage an die Sprache in gedruckter Form ist das Gemälde Zeitungsstapel von Cornelius Völker.

 

Olaf Metzel: Luther rauf und runter –  Foto: St. B.

 

Schrift, die man vervielfältigen kann, wird damals wie heute zur vielfach teilbaren Information. Als Metatext flimmert bei Mischa Kuball ein philosophischer Diskurs über Luther zwischen dem Psychoanalytiker Jacques Lacan und dem Kunsttheoretiker Felix Ensslin über den Bildschirm. In seiner narrativen Videoarbeit Von der Reformation zum Bombentrichter. Installation für eine Gefängniszelle verbindet der Filmemacher Alexander Kluge Schrift und Bild sowie deutsche Geschichte von Luther bis Bismarck mit der zerbombten syrischen Stadt Aleppo. Mit dem Thema Zensur beschäftigt sich die chinesische Künstlerin Jia, die die Wände der Treppenhäuser mit in der Kulturrevolution verbotenen Schriftzeichen bemalt hat. Mit arabischen Schriftzeichen in prophetischem Grün ritzte der deutsche Atheist Jörg Herold die 99 Namen und Eigenschaften Allahs aus dem Koran an die Wände seiner Zelle. Dass Sprache sehr komplex ist, verdeutlicht der Künstler Jan Svenungsson mit einem ebenfalls an die Zellenwände geschriebenen Mix aus Deutsch und Englisch, mit dem er für den Fall begrenzender Sprachbarrieren wirbt.

Die Zelle als Symbol des Eingesperrt-Seins ist Thema weiterer Arbeiten. Den äußeren Begrenzungen durch die Zellenmauern wird die innere Freiheit der Gedanken gegenübergestellt. Das Ringen, die innere und äußere Freiheit wiederzuerlangen, kann in ganz kontemplativen Werken wie etwa Die Dusche von der Künstlerin Paoloma Varga Weisz, bei der eine nackte, hölzerne Gliederpuppe wie ein betender Mönch auf dem Zellenboden liegt, zum Ausdruck kommen, oder aber ganz ostentativ mit der individuell kostümierten Schaufensterpuppen-Installation Schauspieler II, 4 von Isa Genzken. Der chinesische Künstler Ai Weiwei setzt sich als gefangener man in a cube gleich selbst in Szene. Der Künstler Andrey Kuzkin zeigt in Setzkästen, die die ganze Zelle ausfüllen, kleine betende Brotfiguren, wie sie in russischen Straflagern gefertigt wurden. In The Eminent Direction of Thoughts von Ilya und Emilia Kabakov führen die Gedanken einer unsichtbaren Figur wie Fäden an die Zellendecke. Leuchtende Spiritualität verströmt die Lichtinstallation Inner touch sphere des Künstlers Olafur Eliasson, während in Monica Bonvecinis Erhellung das Licht der Aufklärung strahlt.

 

Stephan Balkenhol: Nackter Mann, 2017 – Foto: St. B.

 

Direkt mit Lutherabbildern beschäftigen sich etwa die bunt collagierten Portraits von Adrian Ghenie oder der Entwurf von Markus Lüpertz für ein ambivalentes Lutherdenkmal, das er Eiferer nennt. Dagegen ist Stephan Balkenhols Nackter Mann eine Reflexion auf Luthers Auftritt vor dem Tribunal des Wormser Reichstags. Ulrike Kuschels Papier-Serie M.L. zeigt den Reformator als Figurengedicht aus Reden zum Thema Luther und die deutsche Geschichte von Thomas Mann über Erich Honecker bis zu Karl Carstens. Erwin Wurm stellt Luthers Wucht der Reformation als eingedellt-deformierten Boxhandschuh auf den Hof vor dem Gefängnis.

Der sonst den Hammer schwingende Nagelkünstler Günther Uecker verbindet in der Installation Tücher das persönliche Erlebnis von angespülten toten KZ-Häftlingen der untergegangen Cap Arcona mit dem Schicksal der Mittelmeerflüchtlinge. Bemerkenswert dazu auch die Videoarbeit Asylum von Julian Rosenfeldt. Der chinesische Künstler Sun Xun lässt in seinem aufregenden Animations-Film Protestant revolutionäre Protestbewegungen aus fünf Jahrhunderten revuepassieren. In Christian Jankowski Video wird ein Jesus vor einer vatikanischen Jury gecastet. Auch Jürgen Klauke beschäftigt sich in seiner Fotoserie Grüße vom Vatikan mit gesellschaftlichen Mechanismen der Deformation des Menschen im Namen von Glaube, Liebe, Hoffnung und Erlösung.

 

Jonathan Meeses Kunstzelle – Foto: St. B.

 

Luther stand der bildenden Kunst eher skeptisch gegenüber. Für den Protestanten waren Bilder nicht notwendig. Das verdeutlichen u.a. Christian Boltanski mit schwarzen Spiegeln oder der Künstler Tal R mit seinen schwarzen Jalousien. Gehörte Luther in seiner Zeit wirklich zur Avantgarde? Was machte ihn zum Vordenker einer neuen Zeit? Sehr kritisch und auf seine typisch provozierende Art setzt sich der Skandal-Künstler Jonathan Meese in seiner Kunst-Zelle mit Luther und der Reformation auseinander. Sein Fazit: „Alles für die Katz.“ Für Meese gehört die Religion abgeschafft und die Zukunft der ideologiefreien Kunst. In Miao Xiaochuns Zero Degree Doubt legt Caravaggios Ungläubiger Thomas nochmal computergeneriert den Finger in die Wunde.

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Luther und die Avantgarde
Zeitgenössische Kunst in Wittenberg, Berlin und Kassel
19. Mai bis 17. September 2017
Altes Gefängnis Wittenberg
Berliner Straße / Ecke Dessauer Str.
06886 Lutherstadt Wittenberg
Mit Werken von: Eija-Liisa Ahtila – Ai Weiwei – Art & Language – Stephan Balkenhol – Christian Boltanski – Monica Bonvicini – Maurizio Cattelan – Mat Collishaw – Olafur Eliasson – Ayse Erkmen – Elger Esser – Isa Genzken – Adrian Ghenie – Gilbert & George – Dorothee Golz – Manuel Graf – Assaf Gruber – Shilpa Gupta – Axel Heil + Roberto Ohrt – Diango Hérnandez – Jörg Herold – Thomas Huber – Richard Jackson – Christian Jankowski – Jia – Ilya und Emilia Kabakov – Yury Kharchenko – Thomas Kilpper & Massimo Ricciardo – Jürgen Klauke – Alexander Kluge – Korpys/Löffler – Eva Kot’átková – Olya Kroytor – Mischa Kuball – Csilla Kudor – Ulrike Kuschel – Andrey Kuzkin – Thomas Locher – Markus Lüpertz – Antje Majewski – Jonathan Meese – Olaf Metzel – Miao Xiaochun – Marzia Migliora – Achim Mohné – Christian Philipp Müller – Eko Nugroho – Pjotr Pawlenski – Ivan Plusch – Johanna Reich – Sebastian Riemer – Robotlab – Julian Rosefeldt – Luise Schröder – Andreas Slominski – Song Dong – Juergen Staack – Sun Xun – Jan Svenungsson – Tal R – Pascale Tayou – Günther Uecker – Paloma Varga Weisz – Cornelius Völker – Erwin Wurm – Xu Bing – Zhang Huan – Zhang Peili
Eine Kooperation der Stiftung für Kunst und Kultur e.V. Bonn mit dem Reformationsjubiläum 2017 e.V. und Teil der Weltausstellung Reformation

Weitere Infos siehe auch: http://luther-avantgarde.de/r2017/

Zuerst erschienen am 29.07.2017 auf Kultura-Extra.

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Luther! 95 Schätze – 95 Menschen – Eine zweiteilige Ausstellung im Lutherhaus Wittenberg zeigt wie der junge Mönch zum großen Reformator wurde

Freitag, Juli 28th, 2017

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„Die volle Wucht der Reformation“ sollen in diesem Luther-Jubiläumsjahr drei Nationale Sonderausstellungen in Berlin, Eisenach und Lutherstadt Wittenberg verbreiten. Die Ausstellungsverantwortlichen haben sich deshalb wohl auch das Symbol des Thesen-Hammers als Marketinglogo auserkoren. Das sieht dann leider etwas nach Holzhammermethodik aus, preist man diese drei Jubiläumsschauen doch sogar als „Großereignis, das durch Umfang und Vielfalt das globale Wirkungsmaß der Reformation widerspiegelt“. Zumindest mit der Ausstellung Der Luthereffekt im Martin-Gropius-Bau Berlin hat das KuratorInnenteam diesbezüglich nicht ganz danebengehauen.

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An der ehemaligen Wirkungsstätte des Reformators im Augusteum Wittenberg beschäftigt sich die Ausstellung Luther! 95 Schätze – 95 Menschen nun eher mit dem Menschen Martin Luther. Und das mit Ausrufezeichen. Den BesucherInnen soll im ersten Teil zunächst anhand von 95 ausgewählten Kunstschätzen aus der Zeit der Reformation nahe gebracht werden, wie Luther zum Reformator wurde, was er sich erhoffte, was ihn prägte und antrieb seine Ziele umzusetzen. Im Grunde folgt man hier Luthers Lebensweg vom jungen Augustinermönch über die Stationen Kloster, Theologiestudium, Romreise, Professur in Wittenberg, Thesenanschlag, Auftritt beim Reichstag zu Worms bis zum Bibelübersetzer und Verfasser zahlreicher Schriften.

Am Beginn steht natürlich das Erweckungserlebnis des jungen Jurastudenten Luther, der 1505 bei einem Gewitter in Lebensgefahr geraten, zur heiligen Anna betete und verspracht ins Kloster einzutreten. „Vom Himmel durch Schrecken gerufen, bin ich Mönch geworden.“ Damit widersetzt er sich auch seinem autoritären Vater, einem Bergbauunternehmer, den Luther dennoch sehr verehrte und dem er später in einem Brief seine Beweggründe als notwendigen Schritt zum wahren, dem Evangelium des Glaubens erklärte. Bis dahin durchschritt Luther aber eine lange Phase der Ängste und Zweifel, Gott nicht zu genügen. Das sind durchaus typische Auffassungen für das ausgehende Mittelalter mit seiner Jenseitsangst und Darstellungen von Tod und Teufel. Beispielhaft dafür stehen hier ein in Lindenholz geschnitzter Tod in Mönchskutte, oder ein Weltgerichtsaltar, Rosenkranztafeln, zahlreiche Christkindfiguren und Reliquiengefäße.

 

Lucas Cranach d.Ä., Das goldene Zeitalter – Foto (c) Anne Hansteen Jarre, Nasjonalmuseet for Kunst, Arkitektur og Design Oslo

 

Durch die exzessive Beschäftigung mit der Bibel, der Auseinandersetzung mit den Zehn Geboten und dem Studium bei seinem Lehrer Johann von Staupitz, dessen Schrift Von der Liebe Gottes hier ausgestellt ist, vollzieht sich „Luthers innere Wandlung“ hin zu einem Glauben an die Gnade Gottes, die Liebe und die Freiheit des Christenmenschen. Er bezieht sich dabei unmittelbar auf das Hohelied der Liebe aus den Korintherbriefen des Paulus im Neuen Testament. Luthers Weg geht nun unbeirrt über die 95 Thesen wider den Ablass bis zur Weigerung des Widerrufs vor dem Wormser Reichstag. Die Ausstellung feiert das als Gewissenstat. „Mein Gewissen ist frei geworden, das heißt gründlich frei.“ Während man den Worten Luthers lauscht, sieht man seine Kutte in einer Vitrine.

In Schiften, Bildern und Alltagsgegenständen wird Luther als energischer Verfechter seiner Ansichten dargestellt. Man liest über seine Auffassungen zur Jungfrau Maria, zur Ehe und erotischen Liebe anhand von Beispielen seiner Lektüre wie etwa Ovids Remedia amoris, einer Anleitung beim Ende von Liebesbeziehungen über die Schmerzen hinwegzukommen, was Luther für ungeeignet zum Schutz vor der sexuellen Versuchung hielt. Ansonsten war Luther nicht faul seine Gegner wie etwa Papst Leo X. entsprechend scharf anzugehen. Er nutzte dazu Polemik und Satire, wie etwa Hermann Botes Till Eulenspiegel. Davon zeugen auch zeitgenössische Darstellungen seiner Gegner mit Tierköpfen oder ein Holzschnitt, der Luther als Hercules Germanicus zeigt, der mit der Keule gegen die Autoritäten der römischen Kirche vorgeht. „Je mehr jene wüten, desto weiter gehe ich vor.“ Für Luther waren der Heilige Georg und Johannes der Täufer zeitlebens wichtige Figuren. Der Reformator besaß ein unnachgiebiges Sendungsbewusstsein.

 

sogenannter Schreibkasten Luthers, 1. Hälfte 16. Jh.
Angermuseum Erfurt, Foto (c) Dirk-Urban

 

Luther geißelte nicht nur den Katholizismus. Seine Schriften zu den Juden und Türken sind bekannt, auch wenn sie in dieser Jubelschau mal wieder zu kurz kommen. Dafür gibt es einige Portraits von Luthers Wittenberger Leibmaler Lucas Cranach d. Ä. zu sehen. Sie zeigen Freunde und Förderer wie die Wettiner Herrscherbrüder Friedrich der Weise und Johann der Beständige, ein Portrait Luthers im Kreise der Wittenberger Reformatoren von Lucas Cranach d. J., oder das berühmte Gemälde Das goldene Zeitalter von Cranach d. Ä., eine Leihgabe aus der Nationalgalerie Oslo. Dieses Sinnbild des humanistischen Ideals sah Luther eher als Zeichen der Endzeit, einer Wiederkehr Christi und einer neuen Schöpfung. Das Zeitalter der Renaissance brachte auch neue wissenschaftliche Theorien hervor. Nur hielt Luther angeblich nicht viel von Kopernikus‘ Weltbild und in Kolumbus‘ Entdeckung Amerikas sieht er nur eine weitere Möglichkeit die frohe Botschaft des Evangeliums auch in der neuen Welt zu predigen. Hier zeigt sich sicher nicht ganz unbewusst die Parallele zur Berliner Ausstellung Der Luthereffekt mit dem Blick auf die territoriale und missionarische Eroberung der Welt.

Am Ende des ersten Teils zeigt die Ausstellung dann noch Luther als Erfolgsautoren, der die Möglichkeiten des Buchdrucks zu nutzen verstand. Man sieht sein hölzernes Schreibkästchen und andere Utensilien sowie Auszüge aus Schriften und Briefen, wie etwa seinem Testament, in dem er als Zeuge des Evangeliums in Erinnerung bleiben möchte, und die weltliche Obrigkeit bat, den Prozess der Reformation fortzusetzen. So sehr Luther auch an die Befreiung des Menschen vor Gott glaubte, so verfangen war er in seinem Obrigkeitsdenken. Seine Ablehnung von weiterführenden gesellschaftlichen Veränderungen haben u.a. die Bauern und die Täufer schmerzlich erfahren müssen.

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Thesennägel mit Köpfen macht die Ausstellung dann im Zweiten Teil. Das Ausstellungsteam hat lange recherchiert und 95 mehr oder weniger bekannte Köpfe aus 5 Jahrhunderten versammelt. Es sind Persönlichkeiten aus Kunst, Politik, Religion, Wissenschaft und Wirtschaft, die sich unabhängig von Glauben oder Weltanschauung in ihren Worten und Werken auf Martin Luther berufen, oder sich von seinem Wirken positiv wie negativ inspirieren ließen. Passend zur Charakterisierung des Reformators im ersten Teil lassen sie sich gut in Gewissens-, Geistes-, Tat- oder Machtmenschen einteilen.

 

Thesenanschlag Martin Luther Kings 1966 in Chicago – Foto (c) John Tweedle; John Tweedle Foundation, All Rights Reserved

 

Da wäre natürlich zu allererst der schwarze US-amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King, der seinem Wittenberger Namensvetter folgend 1966 zumindest 48 Thesen zu den unmenschlichen Wohnbedingungen in den Chicagoer Schwarzengettos an die Tür des dortigen Rathaus heftete. Wie schon in Berlin ist der schwedische Regisseur Ingmar Bergman Zeuge eines kritischen Umgangs mit der lutherischen Religion. Für ihn zählt allein die irdische Heiligkeit des Menschen. Der Maler Max Beckmann bekennt: „Meine Religion ist Trotz gegen Gott, dass er uns so geschaffen hat, das wir uns nicht lieben können.“ Und der Dadaist Hugo Ball ruft: „Erlösen wir uns von den Erlösern.“

Als „Staatsbürger mit Gewissen“ zeigt die Ausstellung den Whistleblower Edward Snowden. Und auch Friedrich Bonhoeffer und Sophie Scholl leisten Widerstand gegen den Faschismus aus einer inneren Überzeugung der Freiheit und Nächstenliebe. Als nationalistisch befeuerter Idealist steht der Dichter Ernst Moritz Arndt. Wogegen Apple-Gründer Steve Jobs wohl die Religion des modernen Arbeitsmenschen symbolisiert. Sein Gegenpart dürfte Künstler Bruce Naumann sein, der das lutherische Arbeitsethos mit seinem Video Bouncing in the Corner ad absurdum führt.

 

Lutherdarstellungen von Karl Bauer – Foto (c) Thomas Bruns

 

Die US-amerikanische Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton kritisiert Luthers Bibelübersetzungen als frauenfeindlich und legt 1895 ihre Woman’s Bible vor. „Zuerst Mensch und dann Christ.“ ist die Maxime des dänischen Schriftstellers, Philosophen und Pfarrers N. F. S. Grundtvig, der sich im 19. Jahrhundert um eine Reform der evangelischen Kirche bemüht. Seine völkisch-mythischen Ideen sind heute allerdings auch Anknüpfungspunkte für rechtsnationale Bewegungen.

Ob Wissenschaftlerin Lise Meitner, Filmemacher Michael Haneke, KünstlerInnen und SchriftstellerInnen wie Käthe Kollwitz, Edward Munch, Ricarda Huch und Astrid Lindgren, oder Philosophen wie Nitzsche und Kierkegaard, es ist müßig alle Personen im Einzelnen aufzuzählen. Man kann hier ganz für sich auf die Suche gehen, von dem einen oder anderen Gedanken inspirieren lassen, oder auch nur erstaunt mit dem Kopf schütteln. Das Karl May seinen Winnetou für eine Christen hielt, ist eine lässliche Binse, ebenso darf man das christlich motivierte Sendungsbewusstsein von Zeitungsmogul Axel Springer bezweifeln. Aber auch an einen modernen Märtyrer erinnert die Ausstellung mit dem evangelischen Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich aus Protest gegen die Unterdrückung der Kirche in der DDR 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz selbst verbrannte.

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Wem das noch immer nicht genug ist, der kann allein, oder mit der ganzen Familie im Obergeschoss in der Mitmachausstellung „Der Mönch war’s!“ auf eine spannende Zeitreise ins spätmittelalterliche Wittenberg gehen. Luthers Hund Tölpel lädt ein, in über acht Stationen mittels Klang, Geruch, Bild, Sprache, Musik und Erzählung ein sehr persönliches Bild vom Leben des Mönches Martin Luther zu gewinnen. Dort kann man dann auch seine ganz persönlichen Thesen auf Papier stempeln.

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Luther! 95 Schätze – 95 Menschen
13.05.2017 – 05.11.2017
Eine Ausstellung der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
im Augusteum am Lutherhaus
Collegienstraße 54
06886 Lutherstadt Wittenberg

Öffnungszeiten: täglich 9 – 18 Uhr

Tickets sind an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gültig, auch für die Mitmachausstellung Der Mönch war’s! und das Lutherhaus. Einzelticket 12 Euro, ermäßigt 8 Euro, Schüler 5 Euro, Kinder bis 6 Jahre frei. Bei Gruppen ab 10 Personen zahlt jeder 10 Euro, Gruppenführung 75 Euro plus Eintritt, Dauerkarte 80 Euro, Kombiticket für alle drei Nationalen Sonderausstellungen 24 Euro, Kombiticket Gruppen 21 Euro pro Person, Audio-Guide 3 Euro, öffentliche Führungen 4 Euro plus Eintritt.

Weitere Informationen: https://www.3xhammer.de/wittenberg/luther-95-schaetze-95-menschen/

Zuerst erschienen am 26.07.2017 auf Kultura-Extra.

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Der Luthereffekt – Eine Ausstellung zum Reformationsjubiläum im Martin-Gropius-Bau zeigt am Beispiel von Schweden, den USA, Korea und Tansania den Einfluss von 500 Jahren Protestantismus in der Welt

Mittwoch, Juli 26th, 2017

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Deutschland befindet sich im Lutherjahr. 1517 nagelte der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen gegen das Ablasswesen an die Wittenberger Kirchentür, was nun 500 Jahre später mit einigen Jubiläumsausstellungen quer durch die reformierten Lande begangen wird. Das Deutsche Historische Museum Berlin gedenkt im Martin-Gropius-Bau dem Beginn der Reformation mit der breit angelegten Schau Der Luthereffekt. Es ist eine von drei nationalen Sonderausstellungen, die in diesem Jahr einen umfassenden Überblick über die Reformation und ihre Folgen bieten. In der Lutherstadt Wittenberg zeigt die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt Luther! 95 Schätze – 95 Menschen. Die Wartburg-Stiftung in Eisenach widmet sich dem Thema Luther und die Deutschen.

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Im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus wird auf rund 3.000 Quadratmetern das Wirken der sich von deutschen und anderen europäischen Nachbarlanden über vier Kontinente ausbreitenden Reformation am Beispiel von Schweden, den USA, Korea und Tansania präsentiert. Im Wandelgang um den Lichthof bekommen die BesucherInnen einen Überblick über die Ursprünge der europäischen Reformationsgeschichte beginnend bei den Kirchenkritikern John Wycliff und Johannes Hus, die bereits vor Luther die Mitgestaltung des kirchlichen und religiösen Lebens durch Laien forderten. Die Schau verschweigt auch nicht, dass es verschiedene europäische Reformwege, etwa die der anglikanischen Kirche in England oder die eidgenössische Reformation unter Zwingli und Calvin, gab.

Anhand von in Schaukästen ausgestellten Texten, Gegenständen der Religionsausübung und Kunstwerken aus der Zeit der Reformation in Europa werden die Veränderungen im Alltag der Menschen des 16. Jahrhunderts erklärt. Die neuen Glaubensvorstellungen wie etwa der Wegfall des Zölibats und die von Luther propagierte Aufwertung der Ehe, beeinflussten Kultur und Gesellschaft. Es kam nicht nur zur Umgestaltung der Kirchenräume und Gottesdienste, sondern auch zu offenen Konflikten mit der katholischen Kirche, was schließlich zum Dreißigjährigen Krieg zwischen der kaiserlichen Katholischen Liga und der Protestantischen Union von Kurfürsten lutherischer Konfession führte. Aber auch die verschiedenen Reformrichtungen machten sich untereinander Konkurrenz. Es kommt zur Herausbildung mehrerer protestantischer Glaubensrichtungen.

 

Martin Luther im Kreise von Reformatoren, 1625-1650
(c) Deutsches Historisches Museum

 

Hier fehlt dem interessierten Laien dann doch etwas die Orientierung, auch wenn der kostenfrei gereichte Multimedia-Guide in Form eines kleinen Tablets mit angeschlossenen Kopfhörern einiges an Wissenswertem über Luther und den Weg der Reformation in Europa vermittelt. Eine darüber hinausgehende kritische Betrachtung des Reformators und seiner Texte zum Beispiel über die Juden erfolgt allerdings nur am Rande. Das Bild der Frau und ihr Wirken in der Reformation werden ebenfalls nur kurz gestreift. Hier ist es nicht etwa die ehemalige Nonne Katharina von Bora (Cranachs Doppelgemälde Luthers und seiner Frau hängt in der Ausstellung), sondern die Altenburger Reformatorin Ursula Weyda, die mit ihren prolutherischen Flugschriften für das Einmischen von Frauen in die Reformation sorgte. Ansonsten hatten auch evangelische Frauen den Platz an der Seite ihres Mannes einzunehmen und sich seiner Führung unterzuordnen.

Zu erwähnen wäre noch die Licht-Klang-Installation ÜBERGANG des Berliner Künstlers Hans Peter Kuhn. Eine den Lichthof durchschneidende, sich spiralförmig windendende Doppelhelix-Skulptur aus Aluminiumrohren, die mit einer 16-kanaligen Klangkomposition die Spaltung der Kirchenlehren audiovisuell erfahrbar machen soll. Der Wechsel vom katholischen ins protestantische Weltbild wird im Genesismodel der Chromosomen als Bausteine des Lebens sichtbar. Irdische Horizontale und göttliche Vertikale verändern sich im Protestantismus, der den direkten Zugang der Gläubigen zu Gott erleichterte, dafür aber strengere irdische Regeln aufstellte, denen man sich nicht wie im Katholizismus durch Beichte und Sündenerlass entziehen konnte. Was aber auch andeuten soll, dass beide Konfessionen auch weiterhin untrennbar miteinander verbunden sind.

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Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt aber klar in der Verbreitung der neuen reformierten Glaubenslehren in Europa und über den Kontinent hinaus. Durch den ab 1539 in Wittenberg studierenden und späteren Reichsrat Carl Holgerson Gera verbreiteten sich Luthers Schriften sehr rasch im Königreich Schweden. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts bildete sich dort die erste lutherische Staatskirche heraus. Militärische Erfolge in den europäischen Feldzügen feierte der schwedische König Gustav II. Adolf als nationale Triumphe des Glaubens. Entsprechende Reliquien und Devotionalien sind in der Abteilung ausgestellt. Schweden wird zur lutherischen Großmacht in Europa. Die schwedische Zentralkirche drängt freie pietistische Glaubensvereinigungen zurück und zwangsmissioniert die im Norden lebende Urbevölkerung der Sámi. Als Zeuge des zunehmend in Schweden herrschenden Katechismus aus Sünde, Bekenntnis, Strafe, Vergeltung und Gnade führt die Ausstellung den schwedischen Regisseur Ingmar Bergmann, bekannt durch seine zahlreichen Filme zum Thema, wie etwa Fanny und Alexander.

 

Apothese Koenig Gustavs II. Adolf, um 1650
(c) Nationalmuseum Stockholm, Schweden

 

Die Utopie eines sich tolerant gebenden Gottesstaats versuchen im 17. Jahrhundert europäische Auswanderer in Amerika zu leben. Neben den in den englischen Kolonien vorherrschenden Puritanern, Anglikanern und Presbyterianern gründen wegen ihres Glaubens in Europa verfolgte reformierte Glaubensgemeinschaften wie die Quäker, Herrnhuter, Amische oder Mennoniten unter dem Quäker William Penn in Pennsylvania eine neue Kolonie als „Holy Experiment“. Die dort gelebte Glaubensfreiheit und Toleranz fand in der Einstellung zu Sklaverei und Rassismus allerdings auch ihre Grenzen. Die zunehmende christliche Missionierung ging vor allem mit einer territorialen Expansion in den Westen, ins sogenannte „gelobte Land“ der amerikanischen Ureinwohner einher. Indigene Konvertiten sind die „First Fruits“ der sich als erwähltes Volk sehenden Neuamerikaner. Weiterhin beschäftigt sich dieser Ausstellungsteil noch mit den in Folge der durch die Verfassung der USA garantierten Glaubensfreiheit wie Pilze aus dem Boden schießenden Frei- und Erweckungskirchen sowie ihren übers Land ziehenden Wanderpredigern. Zusammenfassend lässt sich die Wirkung des Protestantismus bei der Herausbildung der amerikanischen Nation ganz gut mit den Worten Abraham Lincolns zusammenfassen: „Intelligenz, Patriotismus, Christentum und ein starkes Vertrauen in ihn, der dieses bevorzugte Land noch nie verlassen hat, befähigen uns immer noch, uns an gegenwärtige Schwierigkeiten anzupassen.“ Kurz gesagt: „In God we trust.“

Europäische und amerikanische Missionare sind es auch, die den protestantischen Glauben nach Afrika und Asien bringen. Besonders in Tansania zu deutschen Kolonialzeiten und im Korea des ausgehenden 19. Jahrhundert fällt dies auf fruchtbaren Boden. In Tansania leben heute neben 40 Prozent Muslimen ebenso viele Protestanten. Die dortige evangelisch-lutherische Kirche ist nach der schwedischen die zweitgrößte lutherische Kirche der Welt und im Gegensatz zu Deutschland weiter im Wachsen begriffen. Die Ausstellung dokumentiert in Exponaten und Fotografien die Geschichte wie auch das heutige Gemeindeleben als ein sehr reges an eigenen religiösen Riten wie dem „Faith Healing“ reiches Gemeinwesen, das auch Ausdruck eines wachsenden Selbstbewusstseins ist.

 

Erzengel Gabriel kündigt der Jungfrau Maria die Geburt Christi an – Kim Ki-chang, um 1950.  (c) Seoul Museum

 

Korea wird dann noch geradezu als „Boomland des Protestantismus“ gefeiert. Die christlichen Werte des Westens lassen sich besonders gut in leistungsorientierte Gesellschaften integrieren. Der Anteil der evangelischen Christen beträgt heute etwa 20 Prozent. Besonders presbyterianische Missionare mit ihrer Glaubenslehre „Du bist ein Sünder“ bekehrten die nach einer Erneuerung der konfuzianischen Lehre suchenden Koreaner zum Christentum. Interessant ist vor allem der in diesem Teil gezeigte Bilderzyklus Das Leben Jesu Christi. Der südkoreanische Künstler Kim Ki-chang malte die bekannten Bibelszenen in traditioneller koreanischer Umgebung, als wäre der christliche Erlöser ein asiatischer Gelehrter. Betont wird auch der Beitrag der evangelischen Kirche am Befreiungskampf gegen die japanische Besatzung. Sie war allerdings anfangs auch Stütze des südkoreanischen Militärregimes. So wie das Land in Nord- und Südkorea geteilt ist, herrscht auch in der südkoreanischen Kirche eine Spaltung in einen konservativen und liberalen Zweig, der die „Schlüsselfrage“ nach der Wiedervereinigung sowie soziales und politisches Engagement gegen das Nationale Sicherheitsgesetz von 1991 noch nicht ganz ad Acta gelegt hat.

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Insgesamt ist die Ausstellung in den Überseebereichen sehr informativ und – was das heutige protestantische Leben betrifft – auch recht gegenwartsbezogen gestaltet, was man sich auch für den europäischen Teil und die Wirkung der Reformation im heutigen Deutschland gewünscht hätte. Aber dafür muss man dann wohl an die einstige Wirkungsstätte des deutschen Reformators nach Wittenberg fahren. Allerdings scheint, wie erste Publikumserhebungen zeigen, das Interesse an Luther und dem unter seinem Namen ausgerufenem Jubiläumsjahr wohl doch nicht so hoch zu sein, wie erwartet.

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Der Luthereffekt
500 Jahre Protestantismus in der Welt
12. April bis 5. November 2017
Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums im Martin-Gropius-Bau, Berlin, Veranstalter Stiftung Deutsches Historisches Museum

 Mehr Informationen: https://www.3xhammer.de/de/berlin/der-luthereffekt/

Öffnungszeiten:
MI bis MO 10:00–19:00
DI geschlossen
Sonderöffnungszeiten:
DI 3. und 31. Oktober 2017
von 10:00–19:00 geöffnet

Multimedia-Guide: Kostenfrei
Der Guide ist erhältlich für Kinder und Erwachsene in Deutsch und Englisch. Er enthält deutsche Audiodeskriptionen sowie Informationen in Einfacher Sprache und in Deutscher Gebärdensprache

Eintritt:
€ 12 / ermäßigt € 8
Gruppen (ab 10 Personen) p. P. € 10
Schülergruppen p. P. € 8
Eintritt frei bis 16 Jahre
Kombiticket (alle drei Nationalen Sonderausstellungen in Berlin, Wittenberg und Eisenach): € 24,
Kombiticket Gruppe: € 21 p. P.

Zuerst erschienen am 22.07.2017 auf Kultura-Extra.

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