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Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989 – Der Martin-Gropius-Bau Berlin präsentiert eine Auswahl „dissidentischer Kultur“ und „ästhetischer DDR-Gegenöffentlichkeit“

Montag, August 1st, 2016

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Cornelia Schleime, Aus einem Soll-und-Haben-Bildtagebuch, 1982; Collage unter Verwendung eines S/W-Fotos von Gabriele Stötzer (Foto Selbstinszenierung Cornelia Schleime mit Geschenkband), 42 x 30 cm | Courtesy the artist © Bernd Borchert, Berlin

Cornelia Schleime, Aus einem Soll-und-Haben-Bildtagebuch, 1982; Collage unter Verwendung eines S/W-Fotos von Gabriele Stötzer (Foto Selbstinszenierung Cornelia Schleime mit Geschenkband), 42 x 30 cm – Courtesy the artist © Bernd Borchert, Berlin

Es scheint wohl immer noch einfacher, 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland in 60 Werken abzubilden als widerständige DDR-Kunst in 80 Einzelpositionen zu erklären. Ein neuer Versuch im Martin-Gropius-Bau Berlin titelt gerade Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989. Wobei auf den ersten Blick nicht wirklich klar wird, was das eigentlich meint. Subkultur, Bohème, unangepasstes Anderssein, Dissidententum, Subversion, Samisdat? Die Kuratoren Eugen Blume und Christoph Tannert versammeln hier (wie sie es nennen) Werke der „dissidentischen Kultur“ und „ästhetischen DDR-Gegenöffentlichkeit“. Es ist ein Sammelsurium verschiedenster Kunstgattungen wie Malerei, Skulptur, Fotografie, Installation oder Aktion, die ohne erkennbaren Kontext aneinander gereiht sind.

Schlendert man achtlos in den ersten Raum, ist man fast schon am eigentlichen Ausgangspunkt der Ausstellung vorbeigegangen. 1976 war nämlich auch das Jahr der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Die Unterstützerwelle aus den Reihen der Kunst- und Kulturschaffenden für den unbequem gewordenen Liedermacher stellt nach Auffassung der Kuratoren eine Zäsur in der DDR-Kunst dar. Das politische Klima verschlechterte sich, die Zeit des Experimentierens mit dem Staat, das „Prinzip der Dialektik“ war vorbei. So sieht es zumindest der Maler A.R. Penck (Ralf Winkler), der wohl bekannteste unter den ausgestellten ehemaligen DDR-Künstlern und neben Strawalde (Jürgen Böttcher) wohl der Nestor der dissidentischen DDR-Gegenkultur. Obwohl – und daraus machen die Kuratoren auch ganz bewusst keinen Hehl – mit Carlfriedrich Claus und Gerhard Altenbourg zwei noch viel eigenwilligere Gegenstimmen im DDR-Betriebseinerlei des sozialistischen Realismus fehlen. Zwei die den Repressionen der staatlichen Gewalt mühsam über die Jahre widerstanden und nicht wie viele andere die DDR verließen, oder wie Biermann und Penck einfach ausgebürgert wurden.

Man wird auch so manch anderen bekannten Namen vermissen. Blume und Tannert ging es auch nicht um eine „kulturhistorische Sammlung von Asservaten“, sondern um das Zeigen von Kunstwerken, die „in der kollektiven Rezeption verblasst, oder ganz unbekannt“ sind. Erstes Highlight, ebenfalls noch vor der ersten Tür, sind die Autoperforationsartisten (auch Selbstlöcherer) um Micha Brendel, Else Gabriel, Rainer Görß und Volker (Via) Lewandowsky, einen, den man heute im wiedervereinigten Deutschland zu den erfolgreichen zeitgenössischen Künstler zählen kann. Von 1987 bis 1989 sorgte diese Gruppe aus Dresdner Kunststudenten mit ihren stark an Wiener Aktionskunst erinnernden Ekel-Happenings für etwas Irritation im „Tal der Ahnungslosen“.

 

Performance Via Lewandowsky, Berlin, 1989 - Foto © Jochen Wermann

Performance Via Lewandowsky, Berlin, 1989
Foto © Jochen Wermann

 

Hier stand aber vor allem ein anderer Kunst-Papst Pate: der Düsseldorfer Fluxus-Gott Joseph Beuys. Ein Aufbegehren mit Fett, Farbe, Wort und Aktion gegen die Vorherrschaft der konventionellen Pinselfraktion. Fotos von Aktionen und Zeichnungen von Via Lewandowsky hängen neben Else Gabriels künstlerischer Aufbereitung der Antwort auf ihren Antrag auf Ausreise wegen Eheschließung. Die Gruppe zerfiel kurz vor der Wende 1989 nach der Ausreise ihrer Mitglieder.

Eine weitere Künstlergemeinschaft gruppierte sich im Dunstkreis der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, heute vor allem als Quell der alten und neuen „Leipziger Schule“ bekannt. Im Zuge der von DDR-Altstar Bernhard Heisig initiierten Berufung von Hartwig Ebersbach bildete sich 1982 die Gruppe 37,2. Neben Ebersbach (bekannt durch seine freche Kaspar-Serie) stand vor allem der charismatische Kunststudent Hans-Joachim Schulze im Mittelpunkt. Ähnlich wie später die Dresdner Autoperforationsartisten versuchten die Leipziger durch interdisziplinäres Arbeiten den Normbegriff von Kunst aufzusprengen. Eine assoziative Kunstproduktion durch Kommunikation, Interaktion und Improvisation. Ausgestellt sind Schulzes Konzeptskizzen und das an den wilden pastösen Farbstil der westlichen CoBrA-Gruppe erinnernde Gemälde Gruppe 37,2 von Hartwig Ebersbach.

Damit ist das wichtige Thema Künstlergruppen in der DDR aber schon abgehandelt. Wer mehr in diese Richtung wissen will, muss z.B. auf die Fleißarbeit der Macher der großen Schau Bohème und Diktatur in der DDR – Gruppen, Konflikte, Quartiere. 1970 bis 1989, die 1997 im Deutschen Historischen Museum stattfand, zurückgreifen. Speziell die Berliner Künstlerszene wurde 2009-10 in der recht umfangreichen Ausstellung Poesie des Untergrunds im Prenzlauer Berg Museum vorgestellt. In Dresden gab es zur gleichen Zeit eine große Rückschau mit dem Titel Ohne uns! – Zur Kunst und alternativen Kultur in Dresden vor und nach ‘89. Umfangreiches Informationsmaterial zu den Ausstellungen sind online abrufbar.

 

Gegenstimmen_mgb_Hans-Hendrik Grimmling, Die Umerziehung der Vögel, 1977 - Foto (c) Kunstsammlung Heinrich

Hans-Hendrik Grimmling, Die Umerziehung der Vögel, 1977 
Foto (c) Kunstsammlung Heinrich

 

Dass der Leipziger Maler Hans-Hendrik Grimmling 1984 mit dem Künstlerkreis Tangente den legendären, halblegalen „1. Leipziger Herbstsalon“ organisierte, erfährt man in der Berliner Ausstellung leider nicht. Zentrales Werk ist hier sein 1977 gemaltes Triptychon Die Umerziehung der Vögel. Das Ringen um freie Kunstentfaltung endet im Absturz mit gebrochenen Flügeln. Das war nach Meinung der Stasi offen konterrevolutionär. Grimmling sieht sich bereits 1978 in seinem Selbstbildnis Ich in Leipzig in einschnürenden Zwängen gefangen. Die Konsequenz ist auch hier die Ausreise.

Ein regelrechtes Enfant terrible der oppositionellen DDR-Kunst in den späten 1970er und frühen 80er Jahren war aber die heute auch international sehr beachtete Malerin Cornelia Schleime. Sie schaffte es sogar, als einzige für unangepasst geltende Künstlerin in die 2003 in der Neuen Nationalgalerie Berlin gezeigte umstrittene Retrospektive Kunst in der DDR. Viele Werke aus der Zeit vor ihrer Ausreise 1984 in die BRD existieren nicht mehr. Gezeigt wird u.a. die 1982 entstandene Foto-Collage Aus einem Soll-und-Haben-Bildtagebuch. Schleime veranstaltete ab 1979 Körperaktionen, drehte feministische Schmalfilme und schlug sich nach Ausstellungsverboten gemeinsam mit Malerkollegen wie Ralf Kerbach als Sängerin der Punkband Zwitschermaschine durch. Man sollte nicht achtlos an der kleinen Hörstation im letzten Raum der Ausstellung vorbeigehen. Hier gibt es eine Kompilation aus 27 Songs des East German Underground mit Bands wie AG Geige, Ornament & Verbrechen, Rosa Extra, Herbst in Peking, oder BAADER mit dem Schriftsteller Matthias BAADER Holst aus Halle.

Bert Papenfuß Gorek 2007 bei einer Lesung im Kaffee Burger - Foto (c) Ordu Oğuz

Bert Papenfuß Gorek 2007 bei einer Lesung im Kaffee Burger 
Foto (c) Ordu Oğuz, Wikipedia

Ebenfalls eine Bohème-Legende und regelrechte Prenzlauer-Berg-Institution ist der Lyriker Bert Papenfuß, der hier in Form von Zitaten wie „Die Freiheit wird nicht kommen, die Freiheit wird sich rausgenommen.“ stichwortgebend durch die Ausstellung geistert. Gemeinsam mit dem Maler Ronald Lippok veröffentlichte Papenfuß Künstlerbücher im Eigenverlag, oder wie das hier ausgestellte der blutspur im Selbsthilfeverlag Ursus Press. Diese Art der Verbreitung war abseits des staatlich gelenkten Kunsthandels oft die einzige Möglichkeit. Vertrieben wurden die meist kleinen Auflagen in Kneipen und selbstgeründeten Galerien. Noch heute veranstaltet Bert Papenfuß Lesungen und ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Abwärts.

Weitere Schutzräume neben den Künstlerkneipen und selbstverwalteten Galerien boten Kirchen (z.B. für Bluesmessen und Punkkonzerte) oder Theater, in denen viele Untergrund-Künstler auch Jobs fanden. Subkulturszenen bildeten sich vor allem in Städten mit Kunsthochschulen wie Leipzig, Halle, Dresden, Berlin und auch in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Viele der hier ausgestellten Künstler sind, trotz fehlender näherer biografischer Daten, den einzelnen Szenen zuordenbar. Was die Kuratoren liefern, sind recht interessante Kommentare und Statements der Künstler zu den Werken oder ihrer damaligen Arbeitssituation, die oft nicht ohne Stasi-Repressionen abging. Verena Kyselka stellt nach der Wende in der Collage Pigs like Pigments 1-4 Berichten aus ihrer Stasiakte Fotos aus ihrem wirklichen Leben gegenüber.

Die Fotografin Gabriele Stötzer saß vor ihrer Ausreise 1977 im bekannten DDR-Frauengefängnis Hoheneck. Ihre Fotoserie Carmen & Mirco – Lippen (1983) zeigt sie mit verzerrtem Mund oder zugeschnürten Lippen. Die Fotografien Christinane Eisler geht für eine Portraitserie von Mädchen in den Jugendwerkhof Crimmitschau. Neben Auftragswerken für die Modezeitschrift Sibylle suchen die Fotografinnen Ute Mahler und Sibylle Bergemann fern ab des vorherrschenden, gewünschten DDR-Bilds ihre Motive im privaten Heim, in Kneipen, auf Straßen und Dorffeiern. Schwarz-weiß-Serien wie Zusammenleben entstehen. Werner Mahler fotografiert über die Jahre eine Klasse Abiturienten.

Den fragmentierten und neu zusammengesetzten Selbstportraits des Fotografen Thomas Florschuetz sieht man schon die Klasse an, die ihn nach der Wende auch eine verdiente Karriere am West-Markt bescheren. Ein früher Abgang in den Westen hat dem Künstler in der freien Entwicklung sicher gut getan, was man von Malern wie Volker Henze nicht unbedingt behaupten konnte. Ihr Dilemma (was Henze hier auch selbst einräumt): Abstraktion und Informel gehören in den 1980er Jahren schon zur Kunstgeschichte und der Markt im Westen war damit übersättigt. Was in der Malerei ging, war der abstrakte Neo-Expressionismus der Neuen Wilden, der auch in der DDR viele Anhänger fand.

„Ich bin ein Bildhauer in Deutschland.“ So versuchte sich damals der Potsdamer Hans Scheib der Kategorisierung als Ostkünstlers zu entziehen. Eine seiner farbig bemalten Holzskulpturen mit dem Titel Animateur – Auch ein Künstlerleben – Arschloch zeigt ihn als von Pinseln durchbohrten heiligen Sebastian. Scheib hat sich als Künstler nach der Wende behaupten können, wie auch die Dresdner Malerin Angela Hampel mit ihren Plakatmotiven und Bildern nach antiken Tragödinnen wie Medea, Pentesilea oder Salome. Eine Skulptur des Cottbuser Künstler Hans Scheuerecker, der auch mit zwei abstrakten Portraits vertreten ist, ziert sogar den dortigen Einkaufsboulevard Spremberger Straße.

Manfred Butzmann während einer Ausstellungseröffnung im August 2009 - Foto (c) Spree Tom, Wikipedia

Manfred Butzmann 2009 während einer Ausstellungseröffnung  –
Foto (c) Spree Tom, Wikipedia

Auch die sperrigen Werke des Malers und Objektkünstlers Walter Libuda oder des Malers und Grafikers Mark Lammert sind mittlerweile in deutschen Museen vertreten. Während Libuda in der DDR fast schon als etabliert galt und staatliche Aufträge (Gewandhaus Leipzig) erhielt, konnte Lammert sich erst nach der Wende als Bühnenbildner im Berliner Ensemble einen Namen machen. Der Grafiker und Plakatkünstler Manfred Butzmann überzeugt mit seinen pazifistischen und ökologischen Plakatmotiven, die den Vergleich mit Klaus Staeck nicht zu scheuen brauchen.

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Warum aber verweigert man den hier ausgestellten Werken die Einordnung in die allgemeine Kunstgeschichte? Fürchtet man um deren Eigenständigkeit oder die Stigmatisierung als Kunst, die durch eine Diktatur geprägt ist – überhaupt nur in der Diktatur entstehen konnte, wie immer behauptet wird? Gerade die nonkonforme Kunst in DDR hat das im Rückblick nicht verdient. Man kann sehen, dass sie (wie jede Kunst) mit internationalen Vorbildern rang, mit den Gegebenheiten der sie umgebenden Gesellschaft kritisch kommunizierte oder, diese negierend, andere kreative Wege ging. Gerade im Kontext bundesrepublikanischer Kunst dieser Zeit muss sie sich nicht verstecken.

Warum aber verweigert man den hier ausgestellten Werken die Einordnung in die allgemeine Kunstgeschichte? Fürchtet man um deren Eigenständigkeit, oder die Stigmatisierung als Kunst, die durch eine Diktatur geprägt ist, überhaupt nur in der Diktatur entstehen konnte, wie immer behauptet wird? Gerade die nonkonforme Kunst in DDR hat das im Rückblick nicht verdient. Man kann sehen, dass sie wie jede Kunst mit internationalen Vorbildern rang, mit ihnen kommunizierte, die sie umgebenden Gesellschaft kritisch betrachtete, oder diese negierend andere kreative Wege einschlug. Gerade im Kontext bundesrepublikanischer Kunst dieser Zeit, muss sie sich nicht verstecken.

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Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989
16.07.-26.09.2016
Martin-Gropius-Bau Berlin Niederkirchnerstraße 7 10963 Berlin
Öffnungszeiten: Mi – Mo | 10 – 19 h Di geschlossen

Kuratoren: Eugen Blume und Christoph Tannert

Weitere Infos siehe auch: http://www.gropiusbau.de/

Zuerst erschienen am 28.07.2016 auf Kultura-Extra.

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Interdisziplinäres von William Kentridge und Alain Platel zum Auftakt der FOREIGN AFFAIRS 2016 im Martin-Gropius-Bau und dem Haus der Berliner Festspiele

Samstag, Juli 9th, 2016

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En avant, marche! – Frank Van Laecke, Alain Platel und Steven Prengels schicken eine Blaskapelle zum Start der FOREIGN AFFAIRS auf die Bühne im Haus der Berliner Festspiele

fa16_promo_motivMittenhinein in den Volksbühnenstreit zeigen uns die Berliner Festspiele zum Auftakt des internationalen Performing-Arts-Festival FOREIGN AFFAIRS, wie es zukünftig im Theater am Rosa-Luxemburg-Platz aussehen könnte. Hoffentlich etwas frischer als die spartenübergreifende, durch Europa tourende, belgische Produktion En avant, marche! von Regisseur Frank Van Laecke, Spitzenchoreograf Alain Platel und Komponist Steven Prengels. Warum muss eigentlich momentan gefühlt jeder zweite Musiktheaterabend aussehen wie ein relativ uninspirierter Marthaler? Und das gerade dann, wenn der Schweizer Meister der ironisch-melancholischen Langsamkeit selbst im Begriff ist, sich immer mehr zu kopieren.

Aber wie das Licht der alten Volksbühne, das für eine Supernova noch einmal aufscheint, um dann für immer zu verlöschen, so zeigen sich die FOREIGN AFFAIRS in ihrer fünften und letzten Ausgabe noch einmal strahlend bunt und vielfältig. Und das mit Uraufführungen von Forced Entertainment und dem Nature Theater of Oklahoma, die Freiwillige aus dem Publikum zu einem Sience-Fiction-Dreh geladen haben. Es wird Gastspiele u.a. von Jan Lauwers & Needcompany, einige Pop-Konzerte sowie einen Fokus mit Arbeiten des südafrikanischen Multimedia-Künstlers William Kentridge geben. Das bisherige Format des Festivaldirektors Matthias von Hartz weicht im nächsten Jahr den immersiven Kunstträumen des Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender. Man könnte das auch die weise Voraussicht einer Konkurrenzvermeidung zu Chris Dercons Plänen an der Volksbühne nennen. Aber auch da soll das Theater ja in virtuelle Welten eintauchen.

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In En avant, marche! (zu deutsch: Vorwärts, marsch!) kämpft ein an Kehlkopfkrebs erkrankter und darum an die Becken verbannter Posaunist (Wim Opbrouck) gegen das Sterben und Verstummen. „Der Tod ist vorbeigekommen und hat eine Blume in meinen Mund gesteckt.“ Soweit eine Adaption des Einakters Der Mann mit der Blume im Mund von Luigi Pirandello aus dem Jahr 1923. Etwas uninspiriert übt sich zu Beginn der verhinderte Blasmusiker an dem vom Band eingespeisten Vorspiel zu Wagners Lohengrin in der Benutzung der Becken. Ein nicht besonders lohnendes Unterfangen. Erst der Aufmarsch einer ganzen Blaskapelle löst den Mann aus seiner Lethargie und verleiht ihm neuen Mut, über den Sinn des Lebens zu sinnieren, was er auch in mehrsprachigen Bröckchen unablässig tut. Was tragikomisch und skurril wirken soll, erschöpft sich aber zunächst in flauen, musikalischen Unterleibswitzchen und der beständigen Forderung immer weiter zu spielen.

 

En avant, marché! bei den FOREIGN AFFAIRS 2016 - (c) Phile Deprez

En avant, marché! – Foto (c) Phile Deprez

 

Die Zentralkapelle Berlin bläst ein paar feierliche Sterbemärsche dazu – Gustav Mahlers Urlicht aus der 2. Sinfonie eignet sich besonders schön dafür – und goldene Funkenmariechen (Griet Debacker und Chris Thys) schwingen den Tambourstab. Getanzt wird allerdings eher sparsam. Körperliche Wucht, wie noch in Platels zum Theatertreffen 2014 eingeladener Produktion tauberbach, zeigt nur der relativ präsente Schauspieler Openbrouck mit klarer Tendenz zur Rampensau. Ansonsten zieht sich der erste Teil der Veranstaltung zäh wie der sprichwörtliche Kaugummi, bis die Berliner Bläser einen flotten Balkan Brass spielen und sich auch choreografisch einiges zu bewegen beginnt.

Das Team um Platel zelebriert die künstlerische Gemeinschaft in Form einer traditionellen Blaskapelle in Uniform, nicht ohne die Klischees musikalisch ordentlich gegen den Strich zu bürsten und ironisch zu verfremden. Es gibt u.a. ein schräges Troubadour-Duett von Verdi und ein stark rhythmisches Schlagzeugstock-Ballett. Dem dahinscheidenden Künstler-Individuum wird mit dem auf einem Hornmundstück geblasenen Lied Der Leiermann aus Franz Schuberts Winterreise gehuldigt. Dazu tanzt das Schwergewicht Openbrouck einen Pas de deux als sterbender Schwan und wird sogar in die Luft gehoben. Geradezu filmreif ist die Jupiter-Schlussmelodie aus Gustav Holsts Planetensuite, die nochmal einiges an Emotionen beim Publikum wecken kann, bevor sie plötzlich erstirbt.

Zu hoffen bleibt, dass sich das bunte Programm der FOREIGN AFFAIRS in den nächsten zwei Wochen noch als steigerungsfähig erweist.

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En avant, marche! (Vorwärts, marsch!) – (05.05.2016, Haus der Berliner Festspiele)
NTGent & les ballets C de la B
Konzeption und Inszenierung: Frank Van Laecke, Alain Platel
Musikauswahl und Bearbeitung: Steven Prengels, Dirigent: Steven Prengels
Mit: Griet Debacker, Chris Thys, Hendrik Lebon, Wim Opbrouck
Musiker:
Trompete: Jan D’Haene, Jonas Van Hoeydonck
Waldhorn: Lies Vandeburie
Euphonium: Niels Van Heertum
Horn: Simon Hueting
Schlagzeug: Witse Lemmens, Gregory Van Seghbroeck
Zentralkapelle Berlin
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de/

Zuerst erschienen am 07.07.2014 auf Kultura-Extra.

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William Kentridge lässt im Lichthof des Martin Gropius Bau seine animierten Kohlezeichnungen zu Philip Millers Paper Music tanzen

mgb16_plakat_kentridge_liteboxDass es bei den FOREIGN AFFAIRS auch wesentlich innovativer zugehen kann als beim Blasmusikabend En avant, marche! beweist Fokusgast William Kentridge, der schon seit Jahrzehnten über alle Genregrenzen hinweg seine Kunst betreibt. Die Berliner Festspiele widmen ihm gerade im Martin-Gropius-Bau die retrospektive Ausstellung No it is! – ebenfalls mit Ausrufezeichen. Zu Beginn des Kentridge-Fokus der FOREIGN AFFAIRS fand im Lichthof des Museumsgebäudes die deutsche Erstaufführung des Ciné-Concerts Paper Music mit Kompositionen von Philip Miller zu filmisch animierten Kohlezeichnungen William Kentridges statt. Ein guter Querschnitt durch das Schaffen des 1955 in Johannesburg geborenen und in der Anti-Apartheidsbewegung engagierten Zeichners, Bühnenbildners, Theaterregisseurs und Animationsfilmers aus Südafrika.

Vincenzo Pasquariello am Piano untermalt – begleitet von der schwarzen Sängerin Ann Masina, die mit großartiger Sopranstimme Texte in Xhosa und Englisch vorträgt, sowie der australischen Performerin und Sängerin Joanna Dudley – eine Reihe von kurzen Animationsfilmen Kentridges mit einer teils melodiösen bis minimalistisch anmutenden Liedfolge. Wir sehen u.a. Journey to the Moon mit Kentridges Lieblingsutensil, einer Espressokanne, sowie Ameisen als flirrende Sterne, den südafrikanischen Geschichtsabriss Tide Table, Ausschnitte aus Refusal of Time und Rilkes Panther, der hinter den von Kentridge gezeichneten Gittern auf und abläuft. Es sind abfotografierte Kohle- und Tuschezeichnungen, die Kentridge immer wieder verändert, auswischt und überlagert.

 

Paper Music - Foto © Chris Hewitt - v.l.n.r.: Ann Masina, Joanna Dudley und William Kentridge Philip Miller & William Kentridge „Paper Music“ Ein Ciné-Concert von William Kentridge und Philip Miller Deutsche Erstaufführung ANN MASINA Gesang JOANNA DUDLEY Gesang VINCENZO PASQUARIELLO Klavier PHILIP MILLER Schallplattenspieler Video WILLIAM KENTRIDGE Musik PHILIP MILLER Kostümbild GRETA GOIRIS Kostümassistenz EUGÉNIE POSTE Technische Leitung MICHELE GRECO Mit freundlicher Unterstützung von Firenze Suona Contemporanea und Lia Rumma Gallery (Neapel und Mailand). „Paper Music“ wird vertreten von Quaternaire (www.quaternaire.org). In englischer Sprache Dauer 1h

Paper Music – v.l.n.r.: Ann Masina, Joanna Dudley und William Kentridge – Foto © Chris Hewitt

Die schwarz-weißen Animationen zeigen den typischen Zeichenkanon aus Kentridges Bilderkosmos wie apokalyptische Landschaften aus der durch den Bergbau gezeichneten Umgebung seiner Heimatstadt Johannesburg, immer wieder den Künstler selbst, sein Alter-Ego Felix, die nackte Muse, Trichter-Megafone, Globen, übermalte Nachschlagewerke, Coffee-Cups and Pots sowie tickende Metronome als Symbole der verstreichenden Zeit. Kentridge komponiert symbolische Bilderrätsel, „Composite Rebus“ genannt, die Philip Müller spannungsgeladen vertont hat.

Die beiden Sängerinnen machen dazu Livegeräusche mit Papier, einem alten Plattenspieler, Schlagwerken oder gar stakkatohaften Lautmalereien, die in einem schrillen Lullaby for Housalarm kulminieren. Auch der Meister selbst gibt sich die Ehre und trägt ein kurzes philosophisches Poem zum Thema How did we know, that we are in time vor.

Mit der Performerin Joanna Dudley kann man noch bis zum 15. Juli an Nachtführungen durch die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau teilnehmen und bei den FOREIGN AFFAIRS weitere Music-Performances und Drawing Lessons von und mit William Kentridge besuchen.

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William Kentridge - Journey to the Moon 2003 - Foto © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

William Kentridge – Journey to the Moon, 2003
Foto © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

 

„Uncertainty“ (Unsicherheit) ist auch das Prinzip von Kentridges Kunst, in der alles im Fluss und ständiger Metamorphose ist. Im 1.OG des Martin-Gropius-Baus kann man in das in sechs Räumen aufgefächerte, interdisziplinäre Gesamtwerk des Künstlers wie in eine Wunderkammer eintauchen. Auch hier sind der Ausgangspunkt wieder die zahlreichen Animationsfilme Kentridges, die beginnend mit den Seven Fragments for Georges Méliès und Drawings for Projection (1989-2011) über das monumentale filmische Fries More Sweetly Play the Dance (2015) im Mittelteil bis zu der die Vergänglichkeit und Zeit reflektierenden Rauminstallation The Refusal of Time, die 2012 erstmals auf der documenta zu sehen war, am Ende der Ausstellung reicht.

Dazwischen können die Besucher in gestalteten Atelierräumen über Schaukästen, Ready-mades, Skulpturen, Zeichnungen zu Bühnenbildern und Making-of-Videofilmen tief in den Schaffensprozess des Künstlers Einblick nehmen. Zu sehen sind auch Inspirationsquellen wie Radierungen von Goya, Piranesi, Hopper und Dürers Rhinozeros, dem das Kupferstichkabinett am Berliner Kulturforum bereits eine Ausstellung widmete. Kentridges gezeichnete Rubics sind politische Comics und Schlagwortkataloge des Vertical Thinking und enthalten auch so wunderbare deutsche Begriffe wie „Torschlusspanik“.

Eines der Höhepunkte ist aber sicher der ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Philip Miller entstandene über sieben Leinwände laufende Videofries More Sweetly Play the Dance, in dem Kentridge mehrere Gruppen von Protagonisten beginnend mit einer Marching-Brass-Band durch eine schwarz-weiß gezeichnete Traumlandschaft laufen lässt. Die 45 Meter lange filmische Projektion ist Parade, politische Demonstration und Flüchtlingsstrom gleichermaßen. Ein prozessionsartiger Totentanz schattenartiger Figuren mit dem William Kentridge sein Heimatland Südafrika als Gesellschaft in Transformation reflektiert. Am späten Abend wird das Video dann auch an die Fassade des Hauses der Berliner Festspiele projiziert.

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Paper Music
Ein Ciné-Concert von William Kentridge und Philip Miller
Deutsche Erstaufführung am 05.07.2016 im Lichthof des Martin Gropius Baus
Video: William Kentridge
Musik: Philip Miller
Kostümbild: Greta Goiris
Technische Leitung: Michele Greco
Mit: Ann Masina, Joanna Dudley (Gesang) und Vincenzo Pasquariello (Klavier)
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/fa16_programm/fa16_programm_gesamt/fa16_veranstaltungsdetail_168213.php

No it is! – William Kentridge
12.05. – 21.08.2016
Martin-Gropius-Bau

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/berlinerfestspiele/ueber_uns_bfs/aktuell_bfs/start.php

Zuerst erschienen am 08.07.2014 auf Kultura-Extra.

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Günter Brus. Störungszonen – Eine Retrospektive des österreichischen Aktionskünstlers im Berliner Martin Gropius Bau

Mittwoch, März 30th, 2016

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Günter Brus: Ich treibe nur in Störungszonen, 1985 © Sammlung Helmut Zambo Badenweiler/Wien; Fotograf: Samir Novotny

Günter Brus: Ich treibe nur in Störungszonen, 1985 © Sammlung Helmut Zambo Badenweiler/Wien; Fotograf: Samir Novotny

Er ist mit Sicherheit der bekannteste unter den Wiener Aktionisten, aber auch mit Berlin verbindet den österreichischen Künstler Günter Brus Einiges. Der als „Uni-Ferkel“ von Wien Verschriene flüchtete 1969 in den Westteil der Stadt und rührte nun nicht mehr nur in den eigenen Exkrementen, sondern die Schastrommel, das künstlerische Zentralorgan der „Österreichischen Exilregierung“, die bei Oswald Wiener (dem Vater der wohl bekanntesten Wiener Köchin in Berlin) in ihrem Leib- und Magen-Lokal Exil nicht nur Wiener Schnitzel servierten. Nun haben die Berliner Festspiele Günter Brus im Martin Gropius Bau die erste große Einzelausstellung in Deutschland ausgerichtet.

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Auf dem Höhepunkte der österreichischen Studentenbewegung 1968 hatte eine Gruppe von Künstlern um Gunter Brus, Otto Mühl und Oswald Wiener bei der Aktion „Kunst und Revolution“, während sie die Bundeshymne absangen, auf eine ausgebreitete österreichische Nationalflagge uriniert und masturbiert. Das hatte für Brus wegen „Herabwürdigung der österreichischen Staatsymbole“und „Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit“sechs Monate verschärften Arrest zur Folge, von denen er zwei absitzen musste, bevor ihm die Flucht mit Frau und Kind nach Deutschland gelang.

Heute ist der in der Steiermark geborene Brus mehr oder weniger mit seinem Land ausgesöhnt und hat es über die Jahre von der „Uni-Ferkelei“ bis zum Großen Österreichischen Staatspreis für sein Gesamtwerk geschafft. Dieses vielseitige Gesamtwerk steht nun mit zahlreichen Leihgaben aus Berlin, Wien, Klosterneuburg, Salzburg und Graz, wo dem Künstler ein ganzes Bruseum gewidmet ist, im Mittelpunkt der in einzelne Werkphasen unterteilten Ausstellung Günter Brus. Störungszonen.

 

Günter Brus: Wiener Spaziergang, 5. Juli 1965 Innenstadt, 1010 Wien © BRUSEUM / Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum; Foto: Ludwig Hoffenreich

Günter Brus: Wiener Spaziergang, 5. Juli 1965 Innenstadt, 1010 Wien
© BRUSEUM / Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum;
Foto: Ludwig Hoffenreich

 

Ich treibe nur in Störungszonen nannte Brus 1985 eines seiner für ihn typischen mit Farbkreide auf Papier gezeichneten Kopfwesen mit langem, wirbelsäulenartigen Knochengerüst. Hier ist er in der Pose der Körper ganz nah an den dünnen Leibern Egon Schieles, aber auch an den symbolistischen Albtraumwesen des von ihm verehrten Alfred Kubin. Fühlen und Denken, Körper und Geist bilden in Brus‘ Kunst seit jeher eine Einheit. Als „Informel der letzten Stunde“stieg er schließlich aus der Fläche aus und in das Kunstwerk ein. Sein neues Credo heißt: „Mein Körper ist das Ereignis.“Brus erweiterte die klassische Leinwand ins Dreidimensionale und malte sich als Künstler mit seinem Körper als „leibhaftiges Bildnis im Rahmen“mit hinein. „Man muss leben in der Malerei.“So entstanden 1964 die ersten Selbstbemalungen und Aktionen wie Selbstverstrickung in einer aufgeschlitzten Leinwand – oder Ana gemeinsam mit seiner Frau Anna, die in Skizzen und Fotografien zu sehen sind.

Brus lernte über Otto Mühl den Experimentalfilmer Kurt Kren kennen und ließ sich nun bei seinen Aktionen, die immer extremer wurden und auch vor Selbstverletzungen nicht zurückschreckten, filmen. Kopfüber hängte sich Brus an seine Wohnungstür oder schnitt sich mit Rasierklingen in die Oberschenkel. Die Malutensilien kommen dabei meist direkt aus dem Körper. Man kann diese teilweise tranceartigen Körpererfahrungen in einigen Videofilmen wie Strangulation oder Zerreißprobe gut verfolgen. Aufsehen erregte Brus allerdings dann wieder mit einer eher recht harmlosen Aktion als wandelndes, weiß getünchtes Kunstwerk in der Wiener Innenstadt. Der sogenannte Wiener Spaziergang im Jahr 1965 endet erwartungsgemäß auf dem Polizeirevier.

Die Werkphase der Aktionen mit ihren radikalen Auseinandersetzungen mit der physischen Existenz und Selbstanalyse beschloss Günter Brus 1970 und widmete sich dann neben der Malerei auch der literarischen Tätigkeit. Nach einem kurzen, interessanten Rückblick auf die Berliner Exil-Zeit und auf Freundschaftsbilder mit ironischen Hommagen an Künstlerkollegen wie Oswald Wiener, Otto Mühl, Rudolf Schwarzkogler, Dieter Roth und Hermann Nitsch beschäftigt sich die Ausstellung im zweiten Teil ziemlich ausführlich mit den sogenannten Bilddichtungen, in denen sich Brus nach eigener Aussage die Sprache vom Leib wegschreiben wollte. Von seinen rund 900 Bild-Text-Zyklen sind in der Berliner Ausstellung zumindest die wichtigsten zu sehen.

 

Günter Brus: Neuer Schilfgesang, 1983 Kohle, Wachs- u. Ölkreide auf Papier und Leinwand, 158 x 249 cm © Sammlung Essl; Foto: Archiv des Künstlers

Günter Brus: Neuer Schilfgesang, 1983
Kohle, Wachs- u. Ölkreide auf Papier und Leinwand, 158 x 249 cm
© Sammlung Essl; Foto: Archiv des Künstlers

 

Ein besonderes Schmankerl ist da vor allem der 1970 begonnene Text-Bildband Irrwisch. Die 136 Seiten sind auf einer ganzen Wand Blatt für Blatt zu besichtigen. Die Plastizität der körperlichen Zer- und Verstörungsorgien der 1960er Jahre zieht sich wieder in die zweidimensionale Bildebene zurück. Brus reflektierte mit viel Witz und Selbstironie seine aktionistische Phase, indem er Literatur und bildende Kunst miteinander verbindet. Die Mappe wurde zum Kult in der Berliner Kunstszene und auf der Documenta 5 in Kassel ausgestellt. Der freie Umgang mit Sexualität, sadomasochistische Folterphantasien und Religionskritik zeugen hier immer wieder vom konsequenten Überschreiten gesellschaftlicher Grenzen. In seinen Entwürfen für eine Reihe von Wandbildern für die Villa des Kunstsammlers und Verlegers Francesco Conz im italienischen Asolo malte Brus neun Kardinäle der Unzucht und geißelte so die verlogene Sexualmoral der Katholischen Kirche.

Aber Günter Brus besitzt auch eine ganz romantische Ader. In die Bild-Texten zu Des Knaben Wunderhorn und Friedrich Hölderlin – Der tragische Prozess in Geschichte und Deutung lässt er seine poetisch-träumerischen Anteile fließen. Zu Franz Schrekers Oper Die Gezeichneten entsteht eine 64seitige Bild-Dichtung, die das Libretto in eine symbolische, farbintensive Bildsprache übersetzt. Vorbilder sind hier die romantischen Maler Johann Heinrich Füssli, Carl Frederik Hill und immer wieder der Symbolist Alfred Kubin. Später kommen noch Franzisco de Goya und William Blake hinzu. In der 11teiligen großformatigen Serie Das Inquisit von 1997 rückt sich Brus selbst in die Nähe Goyas. Seine Hommage an den großen, düsteren Zeichner von Himmel und Hölle William Blake, die 162seitige Bild-Dichtung Brus’s and Blake’s Job von 2007/08 beschließt die Schau im letzten Raum.

Eine gelungene Retrospektive des Gattungs- und Disziplingrenzen sprengenden Aktionisten, Zeichners, Malers, Bilddichters und selbsternannten Titelfetischisten, dessen Einfallsreichtum allein schon in den selbstgestalteten Plakaten zu seinen zahllosen Ausstellungen zum Ausdruck kommt. Die Berliner Ausstellung umfasst bei weitem nicht alle Facetten des Multitalents Günter Brus, im Martin Gropius Bau ist aber zumindest ein sehr interessanter Bruchteil davon spannungsreich aufgefächert.

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Günter Brus. Störungszonen
12. März bis 6. Juni 2016
im Martin-Gropius-Bau Berlin

Weitere Infos siehe auch: http://www.gropiusbau.de

Zuerst erschienen am 24.03.2016 auf Kultura-Extra.

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Die Ausstellung „Fassbinder – JETZT“ im FASSBINDER-FOCUS der Berliner Festspiele 2015 (Teil1)

Montag, Mai 18th, 2015

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Der Berliner Martin Gropius Bau widmet dem deutschen Regie-Entfant-terrible eine kleine Werkschau zum 70. Geburtstag

© Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main - Foto: Peter Gauhe

© Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main – Foto: Peter Gauhe

Fassbinder – JETZT – wie ist das zu verstehen? Dem Titel der Ausstellung scheint da nach dem in Versalien gesetzten Wörtchen „jetzt“ irgendwie ein Ausrufezeichen zu fehlen. Die unbedingte Forderung nach einem Fassbinder – JETZT! Denn es besteht gerade heute wieder eine große Dringlichkeit, deutsche Geschichte zu betrachten und das nicht nur retrospektiv. Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) hat sie mit dem Blick des hier und jetzt auf Celluloid gebannt. Seine Filme beschreiben die Geschichte Deutschlands nach dem großen Zusammenbruch und dem Neustart ins Wirtschaftswunder. Vom Weltenbrand zum Fußballweltmeister, vom Trümmermeer zum Mehr-ist-mehr einer aufstrebenden Weltwirtschaftsmacht.

Und Fassbinder zeigte dabei auch immer das, was dabei auf der Strecke blieb. Er hatte den Finger am Puls der Bundesrepublik und mit ihr eine kleine Welt am Draht. Und natürlich hatte ihn auch Berlin, das Fenster zur großen Welt, das in den 70er Jahren Fassbinders Filme regelmäßig im Wettbewerb der Berlinale zeigte. Am Draht der Welt und Zeit zu bleiben, gerade darin besteht die Aktualität von Fassbinders Werk. Und was uns und den Künstlern unserer Zeit dieser Fassbinder heute noch zu sagen hat, versucht zumindest in Teilen die aktuelle Ausstellung zum 70. Geburtstag des 1982 früh verstorbenen Film- und Antiteater-Künstlers im 2. Stock des Berliner Martin Gropius Bau zu erklären.

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"Warnung vor einer heiligen Nutte" DE 1970/1971 Michael Ballhaus, Rainer Werner Fassbinder (v.l.n.r.) (Dreharbeiten)

Rainer Werner Fassbinder und Michael Ballhaus am Set von WARNUNG VOR EINER HEILIGEN NUTTE, 1970/71
© Deutsches Filminstitut, Frankfurt am Main, Foto: Peter Gauhe

Hierbei gehen die Macher keineswegs rein retrospektiv vor, sondern teilen die Ausstellung in drei Bereiche auf. Zuvor begegnet einem aber am Eingang Rainer Werner Fassbinder selbst in einer Art Videoinstallation auf mehreren Bildschirmen, die nacheinander verschiedene Ausschnitte aus Fernsehinterviews mit dem Regisseur zeigen. Für Fassbinder-Liebhaber ebenfalls sehr interessant dürften die beiden linken Räume der Ausstellung sein. Im ersten, einem sogenannten Werkraum, werden neben Fotos von Dreharbeiten auch zahlreiche Originaldokumente aus dem Archiv der Fassbinder Foundation Berlin in einem langen Schaukasten aufgereiht. Dabei auch die abgelehnte Bewerbung bei der FFFB-Berlin, der Fassbinder eine Kritik von Jean-Luc Godards Vivre sa vie (Die Geschichte der Nana S.) beilegte. Wir sehen Briefe, Verträge, Besetzungslisten, Drehbücher und Storyboards. Der Regisseur führte akribisch Buch und war meist schon im Gedanken bei neuen Filmprojekten, bevor die aktuellen überhaupt abgedreht waren. Es gab schon mehrere Pläne bis weit in die 1980er Jahre hinein, so eben auch für einen Rosa-Luxemburg-Film.

Entwurf von Barbara Baum für Hanna Schygulla - © Barbara Baum

Entwurf von Barbara Baum für Hanna Schygulla
© Barbara Baum

Aber auch für Freunde von Reliquien und Devotionalien ist gesorgt. So steht da z.B. Fassbinders Flipperautomat und hängt natürlich seine berühmte Lederjacke. Bewundernswert auch ein Regal mit Videokassetten (handbeschriftet) von Filmklassikern wie Alfred Hitchcock, Jean-Luc Godard, John Huston oder Douglas Sirk, die den Regisseur nachhaltig inspirierten, und das für heutige Verhältnisse monströs wirkende Abspielgerät. Nebenan dann ein ganzer Raum für Fassbinders Kostümbildnerin Barbara Braun. Neben Vorzeichnungen und Skizzen sind hier auch die mondänen Roben aus Fassbinders großen Frauenfilmen wie Effi Briest, Die Ehe der Maria Braun, Die Sehnsucht der Veronika Voss, Lola und natürlich Lili Marleen aufgereiht. In Filmausschnitten kann man die Kleider dann an den großen Darstellerinnen Hanna Schygulla, Barbara Sukowa und Rosel Zech bewundern.

Wendet man sich am Eingang nach rechts, wird in den darauffolgenden Räumen das Filmwerk Fassbinders auf seine ästhetischen Stilmittel wie Kameraeinstellungen, Bild-Arrangements und Sprache hin beleuchtet. Besonders die legendäreren immer wiederkehrenden Rundfahrten von Fassbinders Kameramann Michael Ballhaus sind in vielen Filmszenen zu sehen. Die wohl bekannteste aus dem Film Martha hat die Künstlerin Runa Islam zu einem Reenactment in einer Schwarz-Weiß-Videoinstallation inspiriert. Auf wie ein Triptychon angeordneten Videoscreens kann man Liebesszenen, Räume und Tafelbilder aus mehreren Filmen Fassbinders wunderbar miteinander vergleichen. Enge und Weite, Kargheit oder Opulenz, verspiegelte Räume und die artifizielle Sprache sind die bestimmenden Stilmittel in Fassbinders Werk, mit denen er die Gesellschaft vom Faschismus über die miefig spießige Bundesrepublik der Nachkriegszeit bis in die der 1970er Jahre portraitierte.

Ming Wong: Lerne Deutsch mit Petra von Kant, 2007 - © Courtesy Ming Wong and carlier|gebauer

Ming Wong: Lerne Deutsch mit Petra von Kant, 2007
© Courtesy Ming Wong and carlier|gebauer

Beeinflusst hat der Regisseur damit bis heute vor allem Foto- und Videokünstler, deren Werken mit angedeutetem Fassbinderbezug die weiteren Räume der Ausstellung gewidmet sind. So sind neben der schon erwähnten Kamerakreisfahrt von Runa Islam, klaustrophobisch beunruhigende Videoarbeiten von Jeroen de Rijke / Willem de Rooij, Maryam Jafri und Tom Geens zu sehen. In seiner Video-Installation Lerne Deutsch mit Petra von Kant spricht der chinesische Videokünstlers Ming Wong im Kostüm auf dem Flokati-Teppich eine Szene aus dem Film Die bitteren Tränen der Petra von Kant. Genauso stilsicher karg wie Fassbinder arrangiert Jeff Wall seine Fotografien. Als Ergänzung zur Arbeitsweise Fassbinders sind diese Reflexionen seines Werks in der modernen Kunst sicher recht interessant, aber man hätte natürlich gern noch mehr aus dem schier unerschöpflichen Kosmos Fassbinders erfahren. So bleibt die Ausstellung mehr ein ästhetisches Appetithäppchen für Gourmets, das nicht wirklich satt macht und den politischen Menschen Fassbinder fast völlig ausspart.

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Fassbinder – JETZT
Martin Gropius Bau Berlin
6. Mai bis 23. August 2015
Veranstalter: Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main
In Kooperation mit der Rainer Werner Fassbinder Foundation, Berlin
Öffnungszeiten:
Mi bis Mo 10:00-19:00 Uhr
Di geschlossen

Weitere Infos siehe auch: http://www.martin-gropius-bau.de

Zuerst erschienen am 16.05.2015 auf Kultura-Extra.

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