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Max Beckmann. Welttheater – Das Museum Barberini Potsdam zeigt Werke des Künstlers zur Welt des Theaters, Zirkus und Varietés

Mittwoch, April 25th, 2018

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Nach großen Themen-Ausstellungen zum Exil in Amsterdam und Amerika in München und Frankfurt am Main, zu den Portraits in Leipzig, den Stillleben in Hamburg und vor drei Jahren in der Berlinischen Galerie zur Präsenz des Malers in der damaligen Hauptstadtmoderne legt nun auch das Potsdamer Museum Barberini mit einer weiteren Max-Beckmann-Schau nach. Max Beckmann. Welttheater beschäftigt sich mit der Leidenschaft des 1884 in Leipzig geborenen Künstlers für die Welt des Theaters, Zirkus und Varietés. Max Beckmann malte sich sehr gern in Gesellschaft aber oft auch allein in Maske und Verkleidungen posierend. Er portraitierte die bekannten Künstler seiner Zeit und bannte das große Welttheater als grelle Show, Katastrophenszenario oder Metapher für das gegenwärtige Weltgeschehen auf die Leinwand.

Die in Kooperation mit der Kunsthalle Bremen von Ortrud Westheider und Eva Fischer-Hausdorf kuratierte Ausstellung zeigt mehr als 100 Gemälde, Skulpturen, Grafiken und Skizzenbücher aus selten gezeigten Privatsammlungen und Beständen so berühmter Häuser wie dem MoMA in New York, der Tate Gallery London, dem Harvard Art Museums/Fogg Museum in Cambridge (MA) oder der National Gallery of Art in Washington D. C. Aber auch viele deutsche Museen mit großen Beckmann-Sammlungen wie die Kunsthalle Bremen, das Frankfurter Städel, der Kunstpalast Düsseldorf, die Münchner Pinakothek der Moderne, das Museum Ludwig in Köln, die Staatsgalerie Stuttgart, das Von der Heydt-Museum Wuppertal, das Museum der Bildenden Künste Leipzig, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Nationalgalerie Berlin haben Werke beigesteuert.

Max Beckmann: Doppelbildnis Karneval, Max Beckmann und Quappie, 1925, Stiftung Museum Kunstpalast, Düsseldorf – © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Photo ARTOTHEK, Weilheim, Stiftung Museum Kunstpalast

Ausgangspunkt der Ausstellung im Barberini ist allerdings der Erste Weltkrieg, in den Beckmann mit großer Neugier und Begeisterung als freiwilliger Sanitätshelfer zog. Er erhoffte sich wie viele Künstler seiner Zeit Inspiration für seine Arbeit, wurde aber nach einem Nervenzusammenbruch stark traumatisiert wieder entlassen. In dieser Zeit entstanden düstere, theatral komponierte Radierungen wie Traum I (Totenklage) oder Das Leichenhaus, die sich im Stil des Expressionismus mit dem Tod befassen. Kurz nach dem Krieg entstanden Graphik-Mappen wie Gesichter mit Caféhausimpressionen und ersten Karnevalsbildern. Maskierte Menschen sind sein bevorzugtes Sujet. Oft malte Beckmann sich selbst als Clown. Im Selbstportrait als Clown (1921) schaut er eher traurig mit abgenommener Maske und Klatsche den Betrachter an. Aber auch als Musiker posierte der Maler gern wie in dem 1930 entstanden Selbstbildnis mit Saxophon.

Schon früh verbannt Max Beckmann viel mit dem Theater. Seine erste Frau Minna Tube, die er 1903 auf der Kunsthochschule in Weimar kennenlernte, trat neben ihrer Malerei auch als Opernsängerin auf. Eine Reminiszenz an diese Zeit ist das Gemälde Walküre von 1948. Und auch „Quappi“, seine zweite Frau Mathilde von Kaulbach, war vor der Ehe Sängerin und wurde vielfach von Beckmann portraitiert. Etwa das Doppelbildnis Karneval von 1925 zeigt Max Beckmann und Quappie in karnevalesker Verkleidung. „Maskerade. Rollenspiele im Raum“ nennt die Ausstellung dieses Werkkapitel. „Beckmann als Beobachter“ führt in Nachtlokale und Cafés, „Zirkus. Das Leben als Hochseilakt“ in die bunte Welt des Jahrmarkts und Zirkus und „Varieté. Szenen im Theater der Unendlichkeit“ in die berühmten großstädtischen Varietés der 1920er und 30er Jahre wie dem Tauentzienpalast (1924). Hier schüttelte Beckmann die schrecklichen Erinnerungen des Krieges ab. „Wenn man dies alles (…) nur als eine Szene im Theater der Unendlichkeit auffaßt, ist vieles leichter zu ertragen.“ schrieb er 1940 in sein Tagebuch. Der Hochseilakt in der Grafik Varieté von 1927 oder das Gemälde Artistin. Am Trapez von 1936 stehen hier gleichbedeutend symbolisch für einen Tanz am Abgrund der eigenen Existenz als Künstler. Waghalsig auch die Artistennummer zweier Ballonfahrer im 1928 entstandenen Gemälde Luftakrobaten. Die Welt steht Kopf in Beckmanns Bildern.

 

Max Beckmann, Schauspieler. Triptychon 1941,42; Harvard Art Museums, Fogg Museum, Cambridge, MA, Schenkung Lois Orswell
© VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Photo Imaging Department, © President and Fellows of Harvard

 

In den 1920er Jahren entstehen Graphikmappen wie Berliner Reise mit den Lithografien Die Enttäuschten I und II. Oft arrangiert Beckmann seine Figuren wie auf einer Guckkastenbühne, zeigt Theaterfoyers, Bühnenbilder und Menschengruppen in Logen. Was weniger bekannt ist: Beckmann steuerte nicht nur Illustrationen zu Romanen und Erzählungen bei, er schrieb auch selbst satirische Theaterstücke wie Ebbi und Das Hotel. Beide Dramen sind in illustrierten Buchausgaben ausgestellt.

Der Werkteil „Theater. Die komplexe Welt auf der Bühne“ widmet sich den Portraits von berühmten Schauspielern wie dem befreundeten Heinrich George (Familienbild George, 1935) oder dem französischen Mimen N.M. Zeretelli, den er in Öl (1927) und auf Papier (1924) verewigte. Das große Triptychon Die Schauspieler von 1941/42 aus dem Havard/Fogg Museum, Cambridge (MA) ist sicher ein Höhepunkt der Ausstellung und Beispiel für sein zum Teil surreal verrätseltes Spätwerk im Exil.

 

Max Beckmann: Apachentanz, 1938, Kunsthalle Bremen
Der Kunstverein in Bremen, Photo Lars Lohrisch, © VG BILD-KUNST, Bonn 2018

 

Was in den 1930er Jahren in Pariser Vaudevilles und Varietétheatern entstand, zeigt die Abteilung „Varieté. Szenen im Theater der Unendlichkeit“. Viele von Beckmanns Bildern tragen das Varietéthema schon im Namen wie etwa Varieté mit Tänzerin und Zauberer von 1942. Der Künstler, der in Deutschland mittlerweile als entartet gilt, malte wieder Tänzerinnen in allen möglichen Posen (Tänzerin mit Pelzmütze, 1937 oder Tänzerin in schwarz mit Laute, 1943), maskierte Schöne mit Instrumenten (Mädchen mit Banjo und Maske, 1938) und expressiv gewalttätige Bordellszenen wie das Gemälde Apachentanz aus dem Jahr 1938, in dem ein Zuhälter (sogenannter „Apache“) eine Prostituierte über dem Kopf wirbelt. Flankiert werden diese Bilder von Beckmanns biegsamen aber auch wuchtigen Bronzen von Akrobaten, Tänzerinnen und Schlangenbeschwörerinnen.

Der letzte Teil der Ausstellung „Argonauten. Das Selbstverständnis als Künstler“ ist Beckmanns Vorliebe für Mythen und Symbolik gewidmet. Schon 1923 beschäftigte er sich mit Tamerlan, einem grausamen mongolischen Tyrannen, bekannt aber auch für seinen Sinn für Kunst und Literatur. Tucholsky dichtete 1922 „Mir ist heut so nach Tamerlan zu Mut / ein kleines bißchen Tamerlan wär gut.“ Beckmann fertigte dazu ein Wimmelbild aus dem wilden Großstadtvarieté. Sicher ganz ähnlich funktioniert die Übertragung alter Mythen in die Welt der Gegenwart im Triptychon Die Argonauten von 1949/50 (Eine Leihgabe aus der National Gallery Washington). Fast eine Art künstlerisches Vermächtnis des Malers, der auf den drei Bildtafeln noch einmal mit den für ihn typischen Symbolen und Figurengruppen das ganze Spektrum des Beckmann‘schen Welttheaters zusammenfasst.

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Max Beckmann. Welttheater
24. Februar bis 10. Juni 2018
Museum Barberini
Alter Markt
Humboldtstr. 5-6
14467 Potsdam

Infos: https://www.museum-barberini.com/ausstellung-max-beckmann.welttheater/

Zuerst erschienen am 23.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Max Beckmann und Berlin – Kunst Die Berlinische Galerie zeigt eine Ausstellung über die Berliner Jahre des vielseitigen Malers, Grafikers und Bildhauers

Montag, November 30th, 2015

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Max Beckmann, Selbstbildnis Florenz, 1907, Hamburger Kunsthalle, Leihgabe aus einer Privatsammlung, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Foto: Elke Walford | Bildquelle: berlinischegalerie.de

Max Beckmann, Selbstbildnis Florenz, 1907, Hamburger Kunsthalle, Leihgabe aus einer Privatsammlung, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Foto: Elke Walford | Bildquelle: berlinischegalerie.de

„Max Beckmann ist das neue Berlin.“ schrieb 1924 der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe. Bis dahin war es ein langer Weg und Max Beckmann eigentlich schon längst in Frankfurt/M. Meier-Graefe lernte den 20 Jahre jungen Maler 1906 kennen. Da betrieb Beckmann bereits zwei Jahre sein Atelier in Berlin-Schöneberg und hatte den Villa-Romana-Preis des Deutschen Künstlerbundes für sein Gemälde Junge Männer am Meer erhalten. Der aufstrebende Beckmann erhoffte sich auch weiterhin großen Erfolg. Selbstbewusst malte er sich im feinen Anzug mit Zigarre am Fenster des Künstlerhauses in Florenz, das der ebenfalls aus Leipzig stammende Max Klinger im Jahr zuvor erworben hatte. Beckmann zog nach seinen Studienaufenthalten in Paris und Florenz wieder nach Berlin, ließ sich mit seiner Frau Minna Beckmann-Tube in Hermsdorf nieder und wurde Mitglied der Berliner Secession.

Zeitlebens verband den Maler eine Faszination und Hassliebe mit der modernen Metropole an der Spree, obwohl man ihn eigentlich eher mit Städten wie Paris, Frankfurt/M, Amsterdam oder später New York in Verbindung bringt. Zu ihrem 40. Jubiläum beleuchtet nun die Berlinische Galerie erstmals die Berliner Jahre Max Beckmanns. Mit insgesamt 50 Werke aus Sammlungen in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt/M und anderen in- und ausländischen Museen umspannt die Ausstellung Max Beckmann und Berlin die beiden längeren Berlin-Aufenthalte Beckmanns von 1904 bis 1914 und 1933 bis 1937.

Der zunächst unter dem Einfluss von Cézanne und Max Liebermann noch spätimpressionistisch und neoklassizistisch malende Beckmann wurde von Harry Graf Kessler (Muchs bekanntes Gemälde aus der Nationalgalerie ist in der Ausstellung zu sehen) gefördert und von Paul Cassirer ausgestellt. Es entstanden etliche Stadtansichten und Straßenbildnisse, etwa vom Nollendorfplatz, Kaiserdamm oder dem Tauentzien. Der von Beckmann als „das große Menschenorchester“ bezeichneten Metropole Berlin widmet die Ausstellung ihre erste Abteilung. Der Maler sieht sich darin selbst als unbeteiligter Beobachter mitten im Gewimmel (Die Straße, 1914).

Es folgen Gemälde, die im Spannungsfeld des Widerstreits der Seseccionsmaler mit den Vertretern des aufkommenden Expressionismus [vgl. Ausstellung ImEx in der Alten Nationalgalerie] entstanden. Wie schon Max Liebermann mit dem Brücke-Mitglied Emil Nolde verbindet auch Max Beckmann ein künstlerischer Disput mit dem Expressionisten Franz Marc aus dem Umfeld der Münchner Gruppe „Blauer Reiter“. Neben Beckmanns monumental fleischlicher Sintflut, David und Badseba und dem bereits genannten Gemälde Junge Männer am Meer hängen Bilder von Max Liebermann, Beckmanns neuem Vorbild Edvard Munch, aber auch von den Gegenspielern Franz Marc oder Ernst Ludwig Kirchner, deren Stil Beckmann ablehnte und als „Flächenkunst“ bezeichnete.

 

Max Beckmann, Junge Männer am Meer, 1905, Klassik Stiftung Weimar, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Repro: Renno, Weimar

Max Beckmann, Junge Männer am Meer, 1905, Klassik Stiftung Weimar,
© VG BILD-KUNST Bonn, 2015, Repro: Renno, Weimar

 

Der Umschwung kam mit dem Ersten Weltkrieg, in den Beckmann wie viele seiner Künstlerkollegen freiwillig zog. „Meine Kunst kriegt hier zu fressen.“ Ein Selbstbildnis zeigt ihn 1915 mit weit aufgerissenen Augen als Krankenpfleger. Der zynische Beobachter erlitt in Folge seiner Front-Erlebnisse einen Nervenzusammenbruch. Später reflektierte Beckmann das Berlin der Nachkriegszeit mit seinen Unruhen und Spannungen, dem Elend der Straße, aber auch den Nachtclubs, Kneipen und Bordellen in den hier ausgestellten Mappenwerken Die Hölle und Berliner Reise.

Zermürbt von den Kontroversen um die Secession und enttäuscht von schlechten Rezensionen der den Expressionisten zugeneigten Kunstkritik zog Max Beckmann schließlich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nach Frankfurt/M. Hier entstanden einige seiner wichtigsten Werke. Der nun auch im Ausland gefeiert Champagnerliebhaber gab sich weltmännisch und war es auch, wie in einigen der ausgestellten Selbstportraits zu sehen ist. Beckmann liebte das Kabarett, Theater und den Zirkus. Hier fand er in den Rollenspielen der Welt des schönen Scheins sein neues Sujet. Leider bekommt genau da die Ausstellung einen kleinen Knacks und zeigt Werke wie etwa Frauenbad, oder Portraits von Persönlichkeiten der Weimarer Republik, die in stilistischer Nachbarschaft zu den Malern der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix oder Rudolf Schlichter gehängt sind.

Max Beckmann, Selbstbildnis mit Sektglas, 1919, Privatsammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe, © VG BILD-KUNST Bonn, 2015

Max Beckmann, Selbstbildnis mit Sektglas, 1919, Privatsammlung, Städel Museum, Frankfurt am Main, Dauerleihgabe,
© VG BILD-KUNST Bonn, 2015

Mit Große Gewitterlandschaft und Fastnacht Paris aus den beginnenden 1930er Jahren dokumentiert die Ausstellung die lange Zusammenarbeit Max Beckmanns mit der Berliner Nationalgalerie, die dem Maler einige Ausstellungen widmete. Mit diesen Werken hatte Beckmann bereits den später für ihn typischen, expressionistisch hart konturierten Stil gefunden. Nach der fristlosen Entlassung aus seiner Professur an der Frankfurter Städelschule durch die Nationalsozialisten 1933 kehrte Beckmann bis zu seiner endgültigen Emigration 1937 nach Amsterdam wieder nach Berlin zurück. Der von Ludwig Justi, dem Direktor der Berliner Nationalgalerie, gerade neu eingerichtete Beckmann-Saal im Kronprinzenpalais wurde allerdings von den Nazis schnell wieder geschlossen. Auch Beckmanns Werke galten nun als „entartete Kunst“. Der Maler trug sich mit dem Gedanken der Emigration.

In dieser für Beckmann schweren Zeit entstanden einige Porträts seiner zweiten Frau, wie etwa Quappi mit Papagei (1936), aber auch düster prophetische Gemälde wie Der Leiermann (1935) und erste mythologisch inspirierte Triptychen, die in Berlin leider nicht zu sehen sind. Hier leuchtet schon Beckmanns magischer Realismus („das Unsichtbare sichtbar machen durch die Realität“), mit dem er in den Werken aus der Emigration und Spätphase seines Schaffens berühmt wurde. Trotz kleiner Mankos gibt die Ausstellung einen guten Einblick in eine nicht unbedeutende Schaffensphase, die eng mit der Stadt Berlin verbunden, den Grundstein für Beckmanns Wandel und späteren Ruhm legte.

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Max Beckmann und Berlin
20.11.15 – 15.02.16
BERLINISCHE GALERIE Landesmuseum für moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstr. 124-128, 10969 Berlin

Infos: http://www.berlinischegalerie.de

Zuerst erschienen am 25.11.2015 auf Kultura-Extra.

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