Archive for the ‘Kunst’ Category

Cornelia Schleime. Ein Wimpernschlag – Die Retrospektive zur Verleihung des Hannah-Höch-Preises 2016 in der Berlinischen Galerie

Freitag, Dezember 9th, 2016

___

Cornelia Schleime, 2008, © Markus C. Hurek, 2008

Cornelia Schleime, 2008
Foto © Markus C. Hurek, 2008

Gerade noch Teil der Ausstellung Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989 im Martin Gropius Bau, hat die Malerin Cornelia Schleime (geb. 1953 in Ost-Berlin) nun ihre erste große Retrospektive in der Berlinischen Galerie. Anlass ist die Verleihung des Hannah-Höch-Preises 2016 für das Lebenswerk der erfolgreichen Künstlerin, die 1984 aus der DDR ausreiste und in der damaligen Bundesrepublik eine bemerkenswerte Karriere begann, die mit fast 200 Einzel- und Gruppenausstellungen im In- uns Ausland bis heute anhält.

Cornelia Schleimes Oeuvre umfasst neben Gemälden, Zeichnungen und Aquarellen auch Fotos von frühen Körperaktionen und einige Super-8-Filme, die nach ihrem Kunststudium 1975-80 in Dresden und ab 1982 in Ost-Berlin entstanden sind. Dabei muss man berücksichtigen, dass sie einen Großteil ihres Früh-Werks bei der Ausreise in der DDR zurücklassen musste. Bis auf einige Fotos und besagte Filme gilt es bis heute als verschwunden. Die Berlinische Galerie hat in einem Raum der Ausstellung einige Fotos von Selbstinszenierungen, Körpermalaktionen und Fotoübermalungen gehängt.

 

Cornelia Schleime, Die Nacht hat Flügel, 1996, Berlinische Galerie, © Cornelia Schleime, Repro: Kai-Annett Becker

Cornelia Schleime, Die Nacht hat Flügel, 1996, Berlinische Galerie, © Cornelia Schleime, Repro: Kai-Annett Becker

 

Bereits 1979 gründete Cornelia Schleime mit Künstlerkollegen die Punkband Zwitschermaschine. Ab 1981 mit einem Ausstellungsverbot belegt, war dies nun eine weitere Möglichkeit für die Künstlerin sich auszudrücken. Als dann auch noch ein Auftrittsverbot hinzukam, fing Cornelia Schleime an, kurze, experimentelle Super-8-Filme zu drehen. Vier davon sind im Videoraum der Berlinischen Galerie zu sehen. Man kann hier schon sehr deutlich Motive erkennen, die sich später auch in den Gemälden und Aquarellen der Malerin wiederfinden lassen. In ihren teils feministischen Filmen drückte Cornelia Schleime mit symbolischen Mumifizierungen und Fesselungen von weiblichen Figuren an Türen und Wänden (Unter weißen Tüchern) oder dem Überschneidungen von Bildern starrer Steinskulpturen im Park Sanssouci mit Sequenzen eines an das Meer erinnernden Baggersees (Das Puttennest) ein Gefühl von Unbeweglichkeit, Gefangensein und dem Traum von Freiheit aus.

Nach der Ausreisen nach West-Berlin sollte sich diese Sehnsucht erfüllen. Cornelia Schleime unternahm viele Studien- und Arbeitsreisen u.a. nach New York, Irland, Sansibar, Mauritius und Kenia. Die dort entstandenen Reisebildtagebücher sind in einer Vitrine ausgestellt. 1993 entstand nach dem Studium ihrer Stasiakte die Fotoserie Bis auf weitere gute Zusammenarbeit, Nr. 7284/85. Hier stellt Cornelia Schleime in ironisch inszenierten Fotosettings Texte aus den Spitzelberichten in ihrer Akte nach. In einer Art kreuzförmigem Triptychon mit dem Titel Der Verräter verarbeitete sie die Bespitzelung durch den Freund und bekannten DDR-Untergrundliteraten Sascha Anderson. Das Bild im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist leider nicht in der Ausstellung zu sehen.

 

Cornelia Schleime, Eisvögelin, 2016, Privatbesitz, © Cornelia Schleime, Repro: Bernd Borchardt

Cornelia Schleime, Eisvögelin, 2016, Privatbesitz,
© Cornelia Schleime, Repro: Bernd Borchardt

 

Cornelia Schleime bezeichnet auch ihre späteren Gemälde als filmische Bilder oder eigenen Stummfilm, in dem sie Kindheitserinnerungen und Träume verarbeitet. Besonders gut zu studieren sind hier das immer wiederkehrende Motiv der langen, teils strangulierenden Zöpfe oder Bilder von Hybriden aus menschlichen Körpern mit Tierköpfen von Reh, Hase oder Frosch in den Aquarell-Serien Rituale, Zoophologie oder Camouflage, die einen eigenen Raum in der Ausstellung haben. Diese phantastische Welt einer Alice im Wunderland zieht sich auch durch Gemälde wie Blind Date, Die Nacht hat Flügel oder dem Selbstportrait mit Mangoblatt aus den 1990er Jahren. Fast mythische Symbolik besitzen die ganz neuen Gemälde Eisvögelin und Leise spricht die Zunge.

Eine weitere raumgreifende Werkgruppe sind Portraitgemälde von Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kunst und Popkultur. Ihre Vorlagen findet Cornelia Schleime u.a. in Fotos aus Hochglanzmagazinen oder Filmstills, die sie in einer Maltechnik mittels mit ätzenden Lösungsmitteln versetzter Lackfarbe auf die Leinwand aufträgt. Es entstehen dabei die für ihre Gemälde so markanten Blasen und Schrunden in den Gesichtern der Portraitierten. Beispielhaft dafür sind die hier gezeigten Portraits des Filmemachers Lars von Trier als Narr in Schädelwind oder des auf seinen Kreuzstab gestützten Papsts Johannes Paul II., dem Cornelia Schleime eine ganze Serie von Gemälden widmete.

Mit Cornelia Schleime. Ein Wimpernschlag ist der Berlinischen Galerie wieder eine recht interessante Personale einer in ihrem vielschichtigen Werk beeindruckenden Künstlerin gelungen.

***

cornelia_schleime_wimpernschlagCornelia Schleime.
Ein Wimpernschlag

(Hannah-Höch-Preis 2016)
in der Berlinische Galerie
Museum für Moderne Kunst
25.11.2016 – 24.04.2017

Infos: http://www.berlinischegalerie.de/home/

Katalog zur Ausstellung im Kerber Verlag.

Zuerst erschienen am 04.12.2016 auf Kultura-Extra.

__________

BERLINER LISTE und ABC in der Berlin Art Week 2016

Sonntag, September 25th, 2016

___

Die 13. BERLINER LISTE im Kraftwerk Berlin-Mitte

bl-logoNoch bis diesen Sonntag findet in der großen Halle des Kraftwerks Berlin-Mitte die 13. Ausgabe der BERLINER LISTE statt. Im Dunstkreis der Berlin Art Week hat sich die Messe für zeitgenössische Kunst vor allem als Entdeckermesse und als Forum für aufstrebende, internationale Kunst zu moderaten Preisen etabliert. Neben dem von den Kuratoren Peter Funken und Stefan Maria Rother ausgewählten Angebot an Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie zeigt die BERLINER LISTE erstmals eine vom Berliner Galeristen Guillaume Trotin kuratierte Urban Art Section. Neu ist auch die im Zwischengeschoss vom japanischen Künstler Rin Terada zusammengestellte Auswahl mit 113 Positionen zeitgenössischer Kunst aus Japan.

Mit 112 Ausstellern aus 25 Ländern kann die BERLINER LISTE im Vergleich zu den Vorjahren ihren Titel als größte Berliner Kunstmesse behaupten. Obwohl man das Angebot auf nunmehr drei Ebenen des Kraftwerks Mitte präsentiert, platzt sie damit aber auch förmlich aus allen Nähten. Berlin ist als Kunststandort nach wie vor gefragt. Etwa die Hälfte der Aussteller kommt aus der Hauptstadt, aber auch aus anderen Teilen Deutschlands, aus Europa, Australien, Südafrika und Asien.

*

Einen wirklich roten Faden durch das bunte Angebot in der Gallery Section im Erdgeschoss gibt es nicht. Erste internationale Eyecatcher sind sicher die überdimensionalen Skulpturen, die der taiwanesische Bildhauer Kang Mu-Xiang aus recycelten Stahlseilen geschaffen hat. Tonnenschwer zeigen sie doch meditative Leichtigkeit in Form von abstrakten Föten in Embryonalstellung. Eine Verbindung von industriellen Überresten mit den Symbolen des Lebens und der Wiedergeburt.

 

Kang Mu-Xiang - Ryi Life und Life of Universe - Foto: St. B.

Kang Mu-Xiang – Ryi Life und Life of Universe – Foto: St. B.

 

Ansonsten viel Dekoratives, künstlerisch nicht wirklich Neues. Ein Fokus liegt sicher auf der figurativen Malerei wie bei der Galerie Mario Bermel & 24 Beaubourg sowie der artfein Galerie aus Berlin mit Künstlern wie der Pariser Malerin Barbara Navi mit ihren der Leipziger Schule nahestehenden Werken oder Martin Stommel mit seinen aus griechischen Mythenstoffen entlehnten Bildthemen. Die südafrikanische Kalashnikovv Gallery präsentiert die verstörende Portraitserie Trash Capitalism mit verwischten Direktoren-Gesichtern von Jason Bronkhorst und die comicartigen Mixed-Media-Arbeiten des Multimedia-Künstlers Vusi Beauchamp. Beide reagieren mit ihren Werken auf die gesellschaftspolitischen Ereignisse in ihrem Land. Auch der Kunstverein Artinnovation aus Innsbruck zeigt eine durchaus interessante Auswahl an gegenständlicher Malerei.

Die Popart ist nicht tot zu kriegen und geistert nach wie vor durch alle Genres der bildenden Kunst. Dabei wird viel auf Alu, Dibond, oder Plexiglas gearbeitet. In der schon erwähnten Abteilung mit Urban Street Art fällt die Urban Spree Gallery mit dem Künstler Hendrik Czakainski und seinen aus Holz und Pappe gestalteten dreidimensionalen Stadtlandschaften sowie der Wandinstallation Urban Investigations auf. Die Berliner Open Walls Gallery zeigt den Künstler Alias, dessen Street-Portraits von Jugendlichen durchaus mit den Wandbildern des berühmten Briten Banksy konkurrieren können.

 

tobias-twilling_touch-my-balls

Tobias TwillingTouch My Balls – Foto: St. B.

 

Die Foto-Section im Erdgeschoss scheint etwas zusammengeschrumpft, dafür gibt es im Zwischengeschoss eine recht interessante Auswahl von Peter Funken mit Arbeiten von vor allem jungen Fotografen wie dem Berliner Peter Kagerer mit seinen Solitude-Foto-Collagen. Ansonsten überzeugen vor allem der russische Künstler Andry Kezzyn mit seinen theatralisch arrangierten Szenen aus dem St. Petersburger Alltag oder der russischen Geschichte. Marie-Lou Desmeules aus Spanien zeigt verfremdete Portraitfotografien von übermalten Modell-Installationen berühmter Zeitgenossen wie John Waters, Karl Lagerfeld oder Kim Jong Un. Videoarbeiten sucht man leider umsonst auch Installationen oder künstlerisch ansprechende Plastiken.

Witz haben wenigstens noch die Stahl- und Draht-Skulpturen des Künstlers Tobias Twilling oder die mondänen Büsten von Margarete Adler in der weitläufigen Artist-Section im Obergeschoss. Der Rumäne Alexandru Nestor baut Familienschreine, die man auch wie einen Sekretär nutzen kann und zeigt von Richard Wagners Ring des Nibelungen inspirierte Wandtafeln. Wieder auf der BERLINER LISTE vertreten ist die Saarbrücker Malerin Kerstin Arnold mit neuen realistischen Frauenportraits. Der Greifswalder Urs Bumke zeigt Gemälde mit Titel Die gestrandete Liebe (Wal), auf denen ein Leidender von Arbeitern in roten Overalls wie ein gestrandeter Wal ausgeweidet wird.

 

Edvardas Racevicius auf der BERLINER LISTE - Foto: St. B.

Edvardas Racevicius auf der BERLINER LISTE – Foto: St. B.

 

Die Neuköllner Grafikerin Anna Käse hat ihr Repertoire um interessante Maschinengrafiken erweitert, bei denen sie zusätzlich Metallteile durch die Druckpresse zieht. Dazu gibt es kleine philosophische Denkanstöße in Form von geschriebenen Reflexionen zum Thema Mensch und Maschine. Ebenfalls eine Konstante auf der BERLINER LISTE ist der in Litauen geborenen Holzbildhauer Edvardas Racevičius aus Greifswald, der neben seinen bemalten Figuren nun auch einige Grafiken ausstellt. In Sachen Grafik wäre noch der Preisträger der Sächsischen Grafikbiennale 2016, Chris Löhmann, mit seinen kleinformatigen ikonografischen Drucken zu erwähnen.

Eine asiatische Trommel-Performance bei der Eröffnung machte auf den Schwerpunkt der 13. BERLINER LISTE aufmerksam. Leider kann das Terada-Projekt aus Japan mit seiner dichten Hängung im Zwischengeschoss nicht wirklich überzeugen. Ein Stilmix aus traditionellen Formen, wenig wirklich zeitgenössisch Modernes. Hier wäre weniger sicher mehr gewesen. In jedem Fall muss die Messe die architektonische Weite der Halle im Kraftwerk Berlin in Zukunft noch besser nutzen.

***

BERLINER LISTE
Messe für zeitgenössische Kunst
14. – 18. September 2016
im Kraftwerk Berlin
Köpenicker Straße 70

Infos: http://berliner-liste.org/de/

Zuerst erschienen am 16.09.2016 auf Kultura-Extra.

**

*

Art Berlin Contemporary – Die Hauptmesse der BERLIN ART WEEK 2016 überzeugt künstlerisch trotz reduziertem Angebot

abc_2016_logoIm Gegensatz zur BERLINER LISTE setzten die Art Berlin Contemporary, Hauptmesse der Berlin Art Week 2016, auf Klasse statt Masse. Die ABC hat die Teilnehmerzahl der ausstellenden Galerien von 105 im letzten Jahr auf 62 reduziert. In der Station-Berlin am Gleisdreieck bespielt man damit nur noch eine der bisher drei Hallen. Auch finanzielle Gründe sollen eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls sind die Preise für die sonst locker in den weiträumigen Hallen platzierten Stellwände immens gestiegen. Die Aussteller drängen sich in diesem Jahr etwas dichter in der vorderen Halle. Ticketverkauf und Merchandising sind in anderen Räume umgezogen. Den Besuchern der ABC bietet sich eine Art Kunstsalon in Kabinetten. Immer noch besser als die traditionelle Kojen-Anordnung. Man kann zwar weiterhin frei zwischen den einzelnen Ausstellern in der Halle flanieren, allerdings geht doch etwas das Gefühl der Weite verloren.

*

Gleich zu Beginn stolpert man schon über die erste Installation, eine Kunstgattung, die auch sonst auf der ABC vorherrschend ist. Es ist eine Anordnung von afrikanischen Masken, Figuren, Fellen und einem in Kolonial-Uniform gekleideten Jazz-Saxophonisten, die der schottische Künstler Andrew Gilbert für die Galerie Sperling aus München wie Ausstellungsstücke in einem Völkerkundemuseum angeordnet hat. Gilbert verarbeitet hier kritisch ironisierend Motive aus der britischen Kolonialzeit. Unweit davon bei der Galerie Guido W. Baudach aus Berlin hockt eine betende Figur auf einer Decke vor einem Ölfass, aus dem über eine Videoprojektion Rauch quillt. Die Multimedia-Installation Primitive Data ist vom Berliner Künstler Markus Selg, der gerade bei der Ruhrtriennale zusammen mit der Regisseurin Susanne Kennedy die Theaterinszenierung Medea.Matrix herausgebracht hat. Qualm dringt auch aus einem Plastik-Müllcontainer in der Raucherecke neben dem Eingangsbereich der Halle. Der Künstler Simon Mullin hat ihn dort für die Galerie Dittrich & Schlechtriem hingestellt. Wann der Müll auf der ABC abgeholt wird, war nicht in Erfahrung zu bringen.

 

Erwin Wurm - Curry Bus - Foto: St. B.

Erwin Wurm – Curry Bus – Foto: St. B.

 

Witz und Ironie sind in diesem Jahr ganz groß geschrieben. Im hinteren Teil der Halle steht der orangene, aufgeblasene Curry-Bus des Österreichers Erwin Wurm, der erst unlängst in der Berlinischen Galerie ausstellte und nun für die Galerie König auch noch einige seiner abstruct sculptures aus bronzenen Würstchen und Gurken mitgebracht hat. Auch ein Toilettenhäuschen mit wild-buntem Comic-Inneren und entsprechender Musikbeschallung von Kenny Scharf für die Düsseldorfer Galerie Hans Mayer ist zu sehn. Multimedial und begehbar ist auch eine Tapisserie-Installation der französischen Turner-Preis-Trägerin von 2013, Laure Prouvost, bei der Berliner Galerie Calier/Gebauer. Für die Wiener Galerie nächst St. Stephan hat der Berliner Daniel Knorr einen begehbaren Solo-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg in die Halle gestellt, und für die Galerie Stereo aus Warschau lässt der polnische Künstler Roman Stańczak auf einem Holztisch einen Löffel um ein von einer Made zerfressenes Brot kreiseln.

Die Berliner Galerie koal zeigt die Sperrholz-Skulpturen aus der Werkgruppe Drop des in Tel Aviv lebenden Künstlers Yitzhak Golombek. Die wie Tropfen oder Tränen geformten Gehäuse spielen mit den Gegensätzen zum Dargestellten in Material, Form, Größe und Gewicht. Auf den Tropfen stehen Zeichnungen mit Köpfen, die aus Obst und Gemüse zusammengesetzt sind und an den Renaissance-Künstler Arcimboldo erinnern. Die Buchmann Galerie aus Berlin stellt eine Gruppe mit Bronzeskulpturen des Schweizer Malers, Bildhauers und Schriftstellers Martin Disler aus.

 

Yitzhak Golombek - ausder Werkgruppe Drop - Foto: St. B.

Yitzhak Golombek – ausder Werkgruppe Drop – Foto: St. B.

 

Ansonsten gibt es einiges Interessantes an Malerei, Grafik und Mixed-Media-Arbeiten zu sehen. Da sind vor allem die neuen Bilder des Kölners Andreas Schulze, die die Berliner Galerie Sprüth Magers an vier hellblaue, gegenüberliegende Stellwände gehängt hat. Die Serie Vacanze zeigt abstrahierte Rumpfformen von Urlauberfamilien in Öl und buntem Badeoutfit. Ironisch lässt Schulze aus kleinen runden Öffnungen in den Kleidern Rauch entweichen. Die Leipziger Galerie Eigen+Art zeigt die seriellen vom Vokabular der sozialen Netzwerke inspirierten Pop-Art-Bilder der griechischen Künstlerin Despina Stokou, auf denen sie viele kleine Emojicons aneinanderreiht. Verrätselt sind die großformatigen, farbigen Papierarbeiten des Dresdner Künstlers Dirk Lange mit den Titeln Staff und Grenzgebiet. Sie sind bei der Berliner Galerie Michael Haas zu sehen. Neue anspruchsvolle Öl-Bilder des Malers Eberhard Havekost hat die Dresdner Galerie Gebr. Lehmann im Angebot.

 

Andreas Schulze - aus der Serie Vacanze - Foto: St. B.

Andreas Schulze – aus der Serie Vacanze – Foto: St. B.

 

Für die Galerie Luis Campana hat der in New York lebende deutsche Künstlers Dirk Skreber große Portraits mit 3D-Effekten aus geschnittenen Schaustoffstreifen geschaffen. Hier schlug sogar die Neue Nationalgalerie Berlin / Hamburger Bahnhof zu. Bei der Düsseldorfer Galerie Sies+Höke sind große Bilder des New Yorker Zeichners Marcel Dzama zum Theater der Revolution sowie kleine Bühnenmodelle aus Holz im Stile des Bauhausmeisters Oskar Schlemmer ausgestellt. Der New Yorker Künstler Pieter Schoolwerth übersetzt mit roter Lackfarbe beschichtete Holzreliefs in dreidimensional anmutende, farbige Ölmalereien mit Stinkefinger. Seine Werke Fuck Me und Modell for „Fuck Me“ hängen bei der New Yorker Galerie Capitain Petzel.

 

Pieter Schoolwerth - Fuck Me - Foto: St. B.

Pieter Schoolwerth – Fuck Me – Foto: St. B.

 

Überstrichene, illegal geklebte Plakate hat der in Doberlug-Kirchhain geborene und in Düsseldorf arbeitende Künstler Juergen Staack in chinesischen Wohnhöfen (Hutongs genannt) fotografiert. Die Fotografien der Serie Wei (deframed), die hier direkt auf die grauen Wände des Kabinetts der Galerie Konrad Fischer geklebt wurden, sehen nun aus wie abstrakte Leerstellen ausgelöschter Kunst. Komplettiert wird das vielseitig ansprechende Angebot auf der ABC u.a. von feministischen schwarz-weißen Fotoarbeiten der dänischen Künstlerin Kirsten Justesen bei der Aviskari Galerie aus Kopenhagen sowie einer Multi-Media-Wand mit einer Auswahl von Fotos und Videos des Videofilmers und Theatermachers Christopher Roth beim Stand der Berliner Galerie Esther Shipper.

***

Art Berlin Contemporary
15. – 18.09.2016
in der Station-Berlin
Luckenwalder Str. 4–6

Infos: http://www.artberlincontemporary.com/de/

Zuerst erschienen am 21.09.2016 auf Kultura-Extra.

__________

The Present In Drag – Bei der 9. Berlin Biennale zeigt sich die Kunst der Gegenwart netzaffin und ganz in die Ästhetik der alltäglichen Werbewelt gewandet

Dienstag, August 23rd, 2016

___

bb_LogoIm World Wide Web wird viel über sogenannte Digital Natives gesprochen. Man versteht darunter Personen, die im Internetzeitalter groß geworden, das rein analoge Dasein nur noch aus Berichten von früher kennen. Dass das digitale Zeitalter auch längst für die bildende Kunst angebrochen ist, zeigt uns in diesem Sommer nun das Kuratorenteam der 9. Ausgabe der BERLIN BIENNALE für zeitgenössische Kunst. Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco Roso und David Toro, Betreiber der experimentellen Onlineplattform DIS Magazine aus New York, nennen ihre Schau The Present In Drag und laden an vier Orten in Berlin und einem Spreedampfer zur Betrachtung der digitalen Gegenwart ein.

Als Besucher sollte man also netz- oder zumindest video-affin sein. Denn dank digitaler Video-Technik wird hier auch schon mal das sonst eher stille Örtchen einer Toilette zum Hottest place on earth. Anstehen muss man aber immer noch, nicht etwa um seine Notdurft verrichten zu können, sondern um sich ein paar vom amerikanischen Künstler Shawn Maximo produzierte Biennale-Commercials im hipp und ungewöhnlich clean mit Sitzkissen ausgestatteten Ambiente des Zwischenetagenklos in den KunstWerken in der Auguststraße anzusehen. Comfort zone heißt das Ganze dann auch noch. Natürlich unisex – versteht sich.

Die schöne bunte Werbewelt. Sind Kunst und Kommerz heute überhaupt noch zu trennen? Um das ästhetisch zu erkennen und halbwegs zu durchschauen, sollte es allerdings kaum postmoderner Kunststrategien bedürfen. Oder etwa doch? „Willkommen in der Post-Gegenwart.“ heißt es bei den New Yorker Biennalemachern. Nach ihrer Ansicht ist die Gegenwart weder zu verstehen, noch greifen die konventionellen Formen der künstlerischen Gesellschaftskritik. Die ausgestellten Werke sollen lediglich auf Widersprüche verweisen, die unseren Alltag beherrschen. Die virtuelle Welt wird zunehmend als Realität wahrgenommen, Nationen als Marken, Menschen als Daten und Kultur ist Kapital. Ähnliches haben wir schon vom designierten Volksbühnenintendanten Chris Dercon gehört.

 

Cécile B. Evans, What the Heart Wants, 2016, Installationsansicht - Foto (c) Timo Ohler

Cécile B. Evans, What the Heart Wants, 2016, Installationsansicht – Foto (c) Timo Ohler

 

„Tomorrow is obvious. Today is unfathomable.“ (Morgen ist offensichtlich. Heute ist unergründlich.) steht auf einem, der wie Firmenwerbung aussehenden Ausstellungsflyer. Die Gegenwart hat sich also verkleidet – The Present In Drag. Also warum sie nicht im künstlerischen Sinne genauso darstellen als eine Realität der vielen Möglichkeiten. Das Schlagwort Neoliberalismus fällt in diesem Zusammenhang natürlich auch. Über die Zukunft muss man sich da kaum noch Gedanken machen, sie findet ja bereits statt. Wie in der raumgreifenden Videoinstallation What the Heart Wants von der US-amerikanischen Künstlerin Cécile B. Evans. In der gefluteten Halle in den KunstWerken sitzt man auf einem breiten Steg und sieht sich eine Art Futurama-Video im Stil virtueller Computer-Welten an, das von ironischen Werbeclips unterbrochen wird. „Ist’s not possible, ist’s real.“ heißt die Botschaft.

In einem Nebengelass überschneidet Josh Kline in seinem Video Mission Accomplished mit Hilfe einer speziellen Computersoftware die Körper von Schauspielern mit den Gesichtern von Tony Blair, Condoleezza Rice, Donald Rumsfeld, George W. Bush und Dick Cheney, die sich reumütig für den Irakkrieg entschuldigen. Der Künstler will so den in den USA vorherrschenden politischen Geschichtsrevisionismus kritisieren. Viel politscher wird’s in den Etagen leider nicht mehr. Camille Henrot hat hier ihr E-Mail-Postfach geleert und unbeantwortete Nachrichten von Aktivistengruppen, deren Anliegen die französische Künstlerin früher einmal unterstützt hat, ausgedruckt.

 

Åyr, Installationsansicht ARCHITECTURE, 2016 Verschiedene Materialien, Courtesy åyr; Project Native Informant, London - Foto (c) Timo Ohler

Åyr, Installationsansicht ARCHITECTURE, 2016 Verschiedene Materialien, Courtesy åyr; Project Native Informant, London
Foto (c) Timo Ohler

 

Die Installation Oblivion der Holländerin Anne de Vries befasst sich mit dem Phänomen von Massenveranstaltungen wie Technoevents, und das Londoner Künstlerkollektiv åyr kreiert eine Mitwohnwelt, inspiriert von Airbnb-Werbeprospekten. Vor lauter affirmierter Netz- und Werbeästhetik ist man ganz überrascht, neben ein paar Fotografien und Collagen zerstörter Umwelt von Lucia Stahl auch noch ein echtes Ölgemälde zu entdecken. Auf Everything needs it’s own absence von Nicolás Fernández ist eine nackte Frau im Kopfstand dargestellt, an deren Brust ein davorsitzender Säugling trinkt. Die Vorlage dafür ist ein viral verbreitetes Foto einer Yogalehrerin, womit wir wieder bei den Werbestrategien sozialer Online-Netzwerke angekommen wären.

**

Die Akademie der Künste am Pariser Platz, dem Anlaufpunkt für Touristen im Herzen von Berlin und gleichermaßen Standort von Banken und Botschaften, ist die passend gewählte Hauptspielstätte der 9. BERLIN BIENNALE. Ein Gesamtkunstwerk aus Rauminstallationen, Videoarbeiten und Investorenarchitektur. Von einem begehbaren Catwalk für alternatives Modedesign, der vom australischen Kollektiv Centre for Style in Kollaboration mit anderen Künstlern und Designern auf dem Steg im 1. Obergeschoss gestaltet wurde, blickt man auf eine stylische Saftbar mit Palettenmöbeln und die in wilden Verrenkungen mit Rollkoffern verschmolzenen Schaufensterpuppen von Anna Uddenberg. Die hybride Skulpturenlandschaft Transit Mode – Abenteuer, die die schwedische Künstlerin im Foyer geschaffen hat, reflektiert eine Gesellschaft in ständiger Bewegung sowie Körperkult und Sexualisierung gleichermaßen.

 

Anna Uddenberg, Transit Mode-Abenteuer, 2014–16 - Foto © Timo Ohler

Anna Uddenberg, Transit Mode-Abenteuer, 2014–16
Foto (c)Timo Ohler

 

Im Ausstellungsraum hat der in London geborene Künstler Simon Fujiwara sein Happy Museum aufgebaut. Objekte des Konsums wie ein Auto-Kindersitz, aufgereihter Spargel, Tafeln mit Kinderschokolade, zermahlenes Make up oder die Tür einer Glücksagentur sollen anhand fiktiv gesammelter Daten das Wohlbefinden der Berliner Bevölkerung symbolisieren. Syrischer Bürgerkrieg, Flucht und Ankunft in Berlin thematisiert mit einer Mischung aus Realismus und Fiktion das Video Homeland des syrischen Künstlers Halil Altindere, während Christopher Kulendran Thomas aus London noch einen Schritt weiter geht und in einem Firmen-Werbefilm im Lounge-Ambiente den Staat New Eelam (das tamilische Wort für die im Bürgerkrieg unterworfenen tamilischen Gebiete Sri Lankas) kreiert. Die grenzenlose Utopie eines Staats als Marke.

Wer nicht schon an der ironischen Botschaft der Konzeptkünstlerin Adrian Piper, die den Neugierigen an einer verschlossen Tür mit der Aufschrift HOWDY empfängt, gescheitert ist oder sich auf der Terrasse an den überdimensionierten Fitnessgeräten von Nik Kosmas optimiert hat, findet vielleicht noch den Weg ins Untergeschoss des Hauses. Hier präsentiert Hito Steyerl, die bereits den Deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig bespielte, zwei ihrer Videoinstallationen. In fiktiven, dokumentarisch aufbereiteten Geschichten zeigen The Tower und ExtraSpaceCraft wie 3D-Computerdesign für militärische Simulationen und den Drohnenkrieg genutzt wird. Das ist dann bei all der oberflächlichen Medienkunst doch mal eine durchaus interessante Arbeit, die mit Mitteln der Werbeästhetik die Verknüpfung von Hightech-Kreativwirtschaft und Militärischem Komplex aufzeigt.

 

Hito Steyerl, Installationsansicht ExtraSpaceCraft - Foto © Timo Ohler

Hito Steyerl, Installationsansicht ExtraSpaceCraft
Foto © Timo Ohler

 

*

Gänzlich mit dem Quell ökonomischen Denkens verschmilzt die Biennale-Kunst in der ESMT European School of Management and Technology, die im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR mit seiner den vergangenen Sozialismus feiernden Glasmalerei ihr trautes Heim gefunden hat. Die private Wirtschaftsschule für die Manager-Eliten der Zukunft bildet das ideale Setting für die gegenwärtige Auseinandersetzung von digitaler Kunst mit dem Kapitalmarkt. Während im Erdgeschossfoyer der Deutsche Aktienindex über einen Bildschirm flimmert, wirkt die Installation Blockchain Visionaries, die von den Künstlern Simon Denny und Linda Kantchev in Kojen-Stellagen im 1.OG präsentiert wird, wie die Parodie einer Wirtschaftsmesse. Wer noch nichts von Blockchain-Firmen oder der digitalen Kryptowährung Bitcoin gehört hat, wird wohl kaum den tieferen Sinn dieser Darstellung von Kunst und Kapital erfassen können.

Das in Dubai gegründete Künstler-Kollektiv GCC beschäftigt sich in seiner raumgreifenden Installation Positive Pathways (+) mit den neoliberalen Heilsformeln materiell ausgerichteter Kulturen, ihren Ideologien und Konditionierungen durch New-Age-Praktiken, wie sie sicher nicht nur in den wirtschaftlich prosperierenden Golfstaaten praktiziert werden. Die sogenannten „Positiven Energien“ wirken hier auf einer spiralförmig wie ein Taiji angelegten Tartan-Laufbahn, in deren Mitte eine Skulpturengruppe steht, mit einer Mutter, die ihrem Kind die Hand auflegt. Der Quantum Touch als Geste der spirituellen Selbstoptimierung.

 

GCC, Installationsansicht Positive Pathways (+), 2016 - Foto © Timo Ohler

GCC, Installationsansicht Positive Pathways (+), 2016
Foto © Timo Ohler

 

Diese Art der Kunstpräsentation ist für den traditionellen Konsumenten auf den ersten Blick sicher neu und etwas ungewohnt. Irgendwie beruhigend ist dann aber doch, dass sich in der zeitgenössischen Kunst seit der Pop-Art in Bezug auf die Rezeption von Werbe-Ästhetiken selbst durch die Erfindung des Internets nicht allzu viel geändert hat. Außer, dass sich die neue Gegenwartskunst auf der diesjährigen BERLIN BIENNALE nicht nur verkleidet hat, sondern vermutlich auch gar keine Kunst mehr sein will.

***

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst
The Present in Drag
Vom 04.06. bis 18.09.2016
an verschiedenen Orten in Berlin wie:
KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69
Akademie der Künste, Pariser Platz 4
ESMT European School of Management and Technology, Schlossplatz 1

Weitere Infos: http://bb9.berlinbiennale.de

Zuerst erschienen am 17.08. und 18.08. 2016 auf Kultura-Extra.

__________

DADA Afrika – Dialog mit dem Fremden. Zum 100. Dada-Jubiläum versucht die Berlinische Galerie einen Dialog der 1916 in Zürich gegründeten Avantgarde-Bewegung mit ihren außereuropäischen Vorbildern

Mittwoch, August 17th, 2016

___

Katalog zur Ausstellung erschienen bei Scheidegger & Spiess

Katalog zur Ausstellung erschienen bei Scheidegger & Spiess – Abb.: Hanna Höch, Denkmal I, Aus einem ethnographischen Museum Nr. VIII, 1924-1928 – (c) Berlinische Galerie

DADA Universal, DADA anders und schließlich DADA Afrika – Zürich ist 2016 ganz im Dada-Fieber. Man feiert seit Anfang Februar den hundertsten Jahrestag des ersten Dada-Schreis im Cabaret Voltaire. Ein Schrei des Aufbegehrens gegen die bürgerliche Gesellschaft eines Europas, das in der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts mit seinen Kriegsgräuel versank und damit die künstlerischen Wertevorstellungen des Guten und Schönen obsolet machte. 1916 gründeten Künstler, Künstlerinnen und Kriegsflüchtige aus Deutschland, Frankreich, Österreich und Rumänien eine neue Kunstrichtung, die noch radikaler als der Expressionismus mit den vorherrschenden akademischen Konventionen in der Kunst brach. „Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte.“ formulierte Mitbegründer Richard Huelsenbeck im dadaistischen Manifest.

*

Die Inspiration für das Primitive und Ursprüngliche ihrer sogenannten „Anti-Kunst“ gewannen die meisten Dadaisten auch aus der Kunst nichteuropäischer Kulturen aus Asien, Afrika und Amerika. Die Ausstellung DADA Afrika – Dialog mit dem Fremden ist nun vom Museum Rietberg Zürich, Sitz der wohl bedeutendsten Sammlung von Weltkunst des Schweizers Eduard von der Heydt, in die koproduzierende Berlinische Galerie gewechselt. Die außerordentliche Sammlung dadaistischer Kunstwerke aus Berliner und Zürcher Beständen korrespondiert hier direkt mit ihren Vorbildern der „ars una“ vom Zürcher Rietberg sowie denen anderer westeuropäischer Häuser für außereuropäische Kulturen und ethnologischer Kunst wie etwa dem bekannten Musée du quai Branly in Paris.

Dada folgte in Wort, Schrift, Bild und Performance kaum noch den bekannten Regeln der Kunst. Die ProtagonistInnen verließen die eingefahrenen Wege, ließen sich von spontanen Eingebungen leiten und improvisierten meist wie Hugo Ball, der als „magischer Bischof“ mit seiner Performance von Lautgedichten zum Hohepriester der neuen Bewegung wurde. Eine Verbindung christlicher Liturgie mit schamanischen Kulten, die konsequent westeuropäische Kunstformen und deren Sinnkultur zerschmetterte. Inspirationsquellen dieser sogenannten phonetischen Poesie, wie etwa die Lautgedichte Richard Huelsenbecks, waren u.a. Gesänge australischer Ureinwohner, die der Dada-Literat Tristan Tzara zusammengetragen hatte. Man kann Beispiele davon in der Ausstellung nachhören oder versuchen, die abstrakten Gedichtplakate von Raoul Hausmann zu enträtseln.

 

Dada Afrika - Dialog mit dem Fremden, Ausstellungsansicht, Berlinische Galerie - Foto © Ralf Herzig

Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden, Ausstellungsansicht Berlinische Galerie – Foto © Ralf Herzig

 

In Musik-Performances mit Jazzeinfluss, Trommel- und Maskentänzen, den Kostümen, oder in Zeichnungen, Bildcollagen- und Assemblagen wurden Elemente und Kunstwerke außereuropäischer Kulturen aufgenommen. Begünstigt wurde das vor allem durch die gewachsene Sammelleidenschaft von in den Kolonien beschäftigten Beamten, Händlern, Missionaren oder auch Wissenschaftlern, die verstärkt begannen, ethnologische Forschung zu betreiben. Die umfangreichen Exponate, die man heute durchaus auch als Raubkunst bezeichnen kann, waren in den damaligen Völkerkundemuseen westeuropäischer Großstädte wie Berlin, Hamburg, Brüssel, Paris oder London ausgestellt. Auch in Zürich gab es einen großen Sammler außereuropäischer Kunst. Der Reformpädagoge Han Coray stellte den Dadaisten sogar seine Galerieräume für Ausstellungen und Aktionen zur Verfügung.

Die Verarbeitung von außereuropäischen Kultureinflüssen durch westeuropäische Künstler war durchaus nicht neu. So begeisterte man sich in Frankreich und Deutschland gleichermaßen schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die japanische Kunst. Zu den Vertretern des Japonismus zählten u.a. Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Emil Orlik und in ihrer Nachfolge die Künstler des Blauen Reiter. In der Berliner Ausstellung werden Picassos Werke seiner „Période nègre“ ebenso erwähnt wie die nach afrikanischen Skulpturen entstanden Maskenbilder und Frauenakte der expressionistischen Brücke-Künstler Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gezeigt. Neu an Dada war lediglich, dass die Künstler nicht nur von oben herab auf die anderen Kulturen sahen sowie die Vorbilder auch kritisch zur bewussten Provokation und Überschreitung ästhetischer Normen nutzten.

Dada Afrika - Dialog mit dem Fremden - Marcel Janco, Entwurf für Dada-Plakat zur Veranstaltung Le Chant Nègre vom 31. März 1916, Kunsthaus Zürich © VG BILD-KUNST Bonn

Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden – Marcel Janco, Entwurf für Dada-Plakat zur Veranstaltung Le Chant Nègre vom 31. März 1916, Kunsthaus Zürich
© VG BILD-KUNST Bonn

Natürlich beruht auch diese Art der künstlerischen Verarbeitung stark auf der Projektion von Sehnsucht nach Wildheit und Ursprünglichkeit auf die als ungewöhnlich und fremd empfundenen Kulturen aus Afrika, Ozeanien oder den indigenen Völkern Nordamerikas. Unkommentiert ist das aus heutiger Sicht äußerst problematisch. Vor allem betrifft das die damals noch recht unreflektiert benutzten Termini wie z.B. „Chant nègre“ im Bildtiteln eines kubistischen Plakatentwurfs von Marcel Janco, oder „Art nègre“, „Poèmes nègres“ und deren deutsche Entsprechungen mit dem N-Wort. Hier distanziert man sich seitens der Ausstellungsmacher zwar vom Gebrauch kolonialistischer und rassistischer Denkart, die kritische Rezeption und weiterführende historische Betrachtungen werden aber ganz in den umfangreichen Katalog verlegt. Da beschleicht einen doch manchmal ein durchaus mulmiges Gefühl beim Gang durch die Ausstellung.

In fünf Sektionen mit den Titeln: Dada-Galerie, Ante Dada, Dada-Performance, Dada-Magie und Dada-Revolte werden die verschiedenen Kunstwerke und Artefakte gleichberechtigt ohne eine unmittelbare Werkbetitelung oder Herkunftsbezeichnung nebeneinander gehängt. Erklärungen muss man sich in einer zugereichten Broschüre holen. Damit wird ein direkter „Dialog mit dem Fremden“ versprochen, den man so allerdings auch nur für den unmittelbaren Vergleich behaupten kann.

Orientiert hat sich das Kuratoren-Team an einer 1917 in der Zürcher Galerie von Han Coray unter dem Titel Dada. Cubistes. Art Nègre präsentierten Ausstellung. Und so stehen dann auch hier Kultgegenstände wie z.B. die mit Nägeln gespickte Kraftfigur nkisi n’kondi aus dem Kongo um 1892 neben einer Fotografie der 1919 entstandenen Holz-Assemblage Mechanischer Kopf von Raoul Hausmann. Maskenkostüme wie die hier ausgestellte mächtige Bo Nun Amuin von der Elfenbeinküste kannte man von kolonialen Postkartengrüßen und bildete sie für eigene Aktionen nach.

 

Dada Afrika - Dialog mit dem Fremden, Ausstellungsansicht Berlinische Galerie - Foto © Ralf Herzig

Dada Afrika – Dialog mit dem Fremden, Künstler unbekannt, Torso der Göttin Uma – Ausstellungsansicht Berlinische Galerie Foto © Ralf Herzig

 

Eine Sonderstellung im Kanon der „Eine-Welt-Dadaisten“ nimmt mit Sicherheit Hanna Höch (eine Hausheilige der Berlinischen Galerie) mit ihrer Collagen-Reihe Aus einem ethnographischen Museum ein. Ihre eher kleinformatigen Mischwesen, die unter Verwendung von aus Illustrierten und ethnologischen Lehrbüchern ausgeschnitten Fotofragmenten zusammengefügt sind, bilden in der Tat eine neue, kritisch verfremdete und zum Teil auch feministische Sicht auf die westliche Gesellschaft. Gegenübergestellt ist den Collagen von Hanna Höch der steinerne Torso der Göttin Unna aus der berühmten kambodschanischen Tempelanlage Angkor, dessen Fotografie die Künstlerin verwendete.

* *

Alles in allem gibt es in der Ausstellung doch eine Menge Wissenswertes über die Wirkung außereuropäischer Kunst auf die westeuropäische Avantgarde zu entdecken, und der Bogen zur progressiven heutigen Dada-Rezeption, u.a. zum südafrikanischen Künstler William Kentridge, der mit seinem die Apartheit und eigene Whiteness kritisch betrachtenden Multimedia-Werk noch immer im Martin-Gropius-Bau zu bewundern ist, ließe sich sicher auch noch ziehen.

***

DADA Afrika – Dialog mit dem Fremden
05.08. – 07.11.2016
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst,
Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin

Infos:  http://www.berlinischegalerie.de/

Zuerst erschienen am 10.08.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Zwischen den Welten – Der XXII. ROHKUNSTBAU im Schloss Roskow beschäftigt sich mit Kindheitserinnerungen sowie Traumata infolge von Krieg und Flucht

Donnerstag, August 11th, 2016

___

Der XXII. ROHKUNSTBAU 2016 bezieht sich auf ein Statement des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan, der sagte: „Nichts ist heiliger als der Schatz, den die Welt mit Kindern besitzt. Nichts ist wichtiger als sicherzustellen, dass die Rechte von Kindern respektiert werden, dass ihr Wohlergehen garantiert ist, dass sie frei von Angst und Entbehrung leben und in Frieden aufwachsen können.“ Die Themenausstellung mit dem Titel Zwischen den Welten – Between the Worlds, die wie in den letzten beiden Jahren im Kulturschloss Roskow stattfindet, betrachtet die Kindheit als einen besonderen Bewusstseinszustand, eine metaphorische Zwischenwelt im Übergang zum Erwachsenenalter, aber auch als fragile und gefährdete Daseinsform und zugleich als individuelles politisches Recht, wie es die UN-Kinderechtskonvention seit 1989 festschreibt.

 

(c) Ulf Meyer zu Kueingdorf

(c) Ulf Meyer zu Kueingdorf

 

Kurator Mark Gisbourne hat elf internationale Künstler und Künstlerinnen eingeladen, sich in ihren Arbeiten mit der Thematik Kindheit und Jugend auseinanderzusetzen. Normale, verschwommene oder gar verklärende Kindheitserinnerungen stehen hier neben der Darstellung verschiedenster Traumata infolge von Krieg und Vertreibung. Viele Kinder und Jugendliche irren aktuell in Flüchtlingstrecks zwischen den Welten. Da ein trotziges Nicht-erwachsen-werden-Wollen, dort ein jähes Ende der Kindheit. So entstehen durchaus gewünschte Kontraste zwischen den Kunstwerken, die ihrerseits wiederum mit der Architektur des Hauses, einer früheren Schule, in Korrespondenz treten.

Sehr gut gelingt das dem Potsdamer Künstler Arne Schreiber mit seiner Installation aus zwei mit Ölfarbe übermalten Siebdrucken von Stills eines mit Super-8-Kamera aufgenommen Urlaubsfilms seiner Eltern und einem gespaltenen Buchenstamm. Die mit schwarzen Öl-Linien überzogenen Bilder von ihm und seinem Bruder beim Baden an der Ostsee korrespondieren mit den Jahresringen und den scharfen Linien der Maserung des Holzes. Sie verdeutlichen die vergangene Zeit, undeutliche Erinnerungen, diffuse Überblendungen und Lücken.

 

Arne Schreiber - #641, 2016, Öl, Siebdruck auf Leinwand, 259 × 190cm, Buche, ca. 600 × 40 cm - Courtesy Galerie koal, Berlin, Ausstellungsansicht XXII. Rohkunstbau - Foto © Jan Brockhaus

Arne Schreiber – #641, 2016, Öl, Siebdruck auf Leinwand, 259 × 190cm, Buche, ca. 600 × 40 cm – Courtesy Galerie koal, Berlin, Ausstellungsansicht XXII. Rohkunstbau – Foto © Jan Brockhaus

 

Geheimnisvoll und ambivalent ist auch die Installation des kubanisch-amerikanischen Künstlers Anthony Goicolea im großen Saal des Erdgeschosses [s. Foto unten]. Dort liegen nebeneinander sieben lebensgroße, mit dicken Plexiglasscheiben abgedeckte Grafit-Zeichnungen schlafender Jugendlicher. Auf Gipskissen gelagert wirken sie wie gläserne Särge, in denen sich die Fenster des Saales spiegeln. Goicolea spielt mit dieser Serie von verschiedenen Schläfern auf Sommercamps, Internate wie auch auf Flüchtlingslagern an.

In einem Video auf dem Treppenabsatz zum Obergeschoss zeigt der österreichische Maler, Video- und Performancekünstler Clemens Krauss einen Zusammenschnitt alten Filmmaterials, das er als Teenager in Graz gedreht hat. Eine kindliche, von einem Computer generierte Erzählerstimme kontrastiert die Bilder mit einer skurrilen, an Tabus rührenden Adoleszenz-Geschichte, die in Zusammenarbeit mit dem Schriftstellers Khesrau Behorz entstanden ist. Für sein Video Berliner Runde hat Clemens Krauss fünf jüdische Damen in einem Altersheim in Tel Aviv besucht. Sie erzählen sich in lockerer Runde ihre Erinnerungen an die Kindheit in Berlin und die Flucht nach Israel.

 

Ammar al-Beik, La Dolce Siria, 2014, Video, 27 Min - Filmstill © Ammar al-Beik

Ammar al-Beik – La Dolce Siria, 2014, Video, 27 Min – Filmstill © Ammar al-Beik

 

Sehr eindrucksvoll ist auch der 2015 auf der Berlinale gezeigten Experimentalfilm La Dolce Siria des syrischen Filmemachers Ammar al-Beik. Er verschneidet geschickt Fellinis Klassiker La Dolce Vita mit Bildern des syrischen Bürgerkriegs, spielenden Kindern während eines Angriffs der syrischen Regierungstruppen mit Skud-Raketen und Erinnerungen an das Gastspiel eines italienischen Zirkus in Aleppo. Fellinis Zirkuslöwen stehen hier auch für den Diktator Assad, das syrische Wort für Löwe. Ebenfalls aus Syrien stammt der heute in Paris lebende Grafiker Hamid Sulaiman. In seinen Zeichnungen und Grafic Novels dokumentiert er schön länger den Arabischen Frühling. Für ROKUNSTBAU zeigt er in seinen Tuschezeichnungen des Brainwash Projekts den Einfluss der Medien und TV-Sendungen auf die Radikalisierung der arabischen Jugend.

Die Konzeptkünstlerin JIA aus China porträtiert in ihrer Videoinstallation Mini Shop Kinder der ethnischen Minderheit der Yi, die getrennt von ihren als Wanderarbeiter beschäftigten Eltern leben müssen. Die sogenannten „zurückgelassenen Kinder“ berichten im Video über selbstgemachte kleine Figuren, die in den Regalen des Shops neben Süßigkeiten und Comicheften stehen und gegen mitgebrachte Geschenke eingetauscht werden können. Eine liebevolle interaktive Geste über Grenzen. Neugier und kindliche Fantasie anregen sollen die auch wie überdimensionierte Reisekoffer wirkenden vielfarbigen Blechboxen der spanischen Bildhauerin und Objektkünstlerin Angela de la Cruz.

 

Sokari Douglas Camp, Gods’s children. God’s gift, 2016, Stahl, Ölfässer und Olivenölkanister - Installationsansicht XXII. Rohkunstbau - Foto © Jan Brockhaus

Sokari Douglas Camp – Gods’s children. God’s gift, 2016, Stahl, Ölfässer und Olivenölkanister – Installationsansicht XXII. Rohkunstbau – Foto © Jan Brockhaus

 

Komplettiert werden die Videos und Installationen mit Gemälden des Franzosen Edouard Baribeaud, der eine Galerie mit kindlichen Heldenfiguren aus Märchen und Comics in den Flur gehängt hat, sowie des Briten Ryan Mosley, dessen Bilder in die Zauberwelt des Zirkus entführen. In seinen Gemälden und der Skulpturenserie Dutch Master ironisiert der Berliner Peter Stauss die Kunst-Idole der Vergangenheit. Und einen Fingerzeig Gottes hat die in Nigeria geborene britische Bildhauerin Sokari Douglas Camp aus Ölfässern und Olivenölkanistern zusammengeschweißt. God‘s children. God’s gift heißt ihre metallene Figurenkombination aus Michelangelos Erschaffung Adams und Motiven der Schutzmantelmadonna. Öl als Gottesgeschenk wie auch als Symbol für den ökonomischen Reichtum von Konzernen. Da bleibt nur noch zu sagen: Kinder an die Macht.

***

XXII. ROHKUNSTBAU
Zwischen den Welten – Between the Worlds
Schloss Roskow, 10.07.-18.09.2016

Beteiligte KünstlerInnen:
Angela de la Cruz (Spanien), Ryan Mosley (Großbritannien), Arne Schreiber (Deutschland), Peter Stauss (Deutschland), JIA (China), Sokari Douglas Camp (Nigeria/Großbritannien), Edouard Baribeaud (Frankreich), Ammar al-Beik (Syrien), Hamid Sulaiman (Syrien), Anthony Goicolea (Kuba/USA) und Clemens Krauss (Österreich/Deutschland)

Öffnungszeiten:
Sa, So | 12 – 18 h

Schloss Roskow
Dorfstr. 30
14778 Roskow

Weitere Informationen: http://www.boell-brandenburg.de/de/rohkunstbau

Zuerst erschienen am 05.08.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989 – Der Martin-Gropius-Bau Berlin präsentiert eine Auswahl „dissidentischer Kultur“ und „ästhetischer DDR-Gegenöffentlichkeit“

Montag, August 1st, 2016

___

Cornelia Schleime, Aus einem Soll-und-Haben-Bildtagebuch, 1982; Collage unter Verwendung eines S/W-Fotos von Gabriele Stötzer (Foto Selbstinszenierung Cornelia Schleime mit Geschenkband), 42 x 30 cm | Courtesy the artist © Bernd Borchert, Berlin

Cornelia Schleime, Aus einem Soll-und-Haben-Bildtagebuch, 1982; Collage unter Verwendung eines S/W-Fotos von Gabriele Stötzer (Foto Selbstinszenierung Cornelia Schleime mit Geschenkband), 42 x 30 cm – Courtesy the artist © Bernd Borchert, Berlin

Es scheint wohl immer noch einfacher, 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland in 60 Werken abzubilden als widerständige DDR-Kunst in 80 Einzelpositionen zu erklären. Ein neuer Versuch im Martin-Gropius-Bau Berlin titelt gerade Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989. Wobei auf den ersten Blick nicht wirklich klar wird, was das eigentlich meint. Subkultur, Bohème, unangepasstes Anderssein, Dissidententum, Subversion, Samisdat? Die Kuratoren Eugen Blume und Christoph Tannert versammeln hier (wie sie es nennen) Werke der „dissidentischen Kultur“ und „ästhetischen DDR-Gegenöffentlichkeit“. Es ist ein Sammelsurium verschiedenster Kunstgattungen wie Malerei, Skulptur, Fotografie, Installation oder Aktion, die ohne erkennbaren Kontext aneinander gereiht sind.

Schlendert man achtlos in den ersten Raum, ist man fast schon am eigentlichen Ausgangspunkt der Ausstellung vorbeigegangen. 1976 war nämlich auch das Jahr der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Die Unterstützerwelle aus den Reihen der Kunst- und Kulturschaffenden für den unbequem gewordenen Liedermacher stellt nach Auffassung der Kuratoren eine Zäsur in der DDR-Kunst dar. Das politische Klima verschlechterte sich, die Zeit des Experimentierens mit dem Staat, das „Prinzip der Dialektik“ war vorbei. So sieht es zumindest der Maler A.R. Penck (Ralf Winkler), der wohl bekannteste unter den ausgestellten ehemaligen DDR-Künstlern und neben Strawalde (Jürgen Böttcher) wohl der Nestor der dissidentischen DDR-Gegenkultur. Obwohl – und daraus machen die Kuratoren auch ganz bewusst keinen Hehl – mit Carlfriedrich Claus und Gerhard Altenbourg zwei noch viel eigenwilligere Gegenstimmen im DDR-Betriebseinerlei des sozialistischen Realismus fehlen. Zwei die den Repressionen der staatlichen Gewalt mühsam über die Jahre widerstanden und nicht wie viele andere die DDR verließen, oder wie Biermann und Penck einfach ausgebürgert wurden.

Man wird auch so manch anderen bekannten Namen vermissen. Blume und Tannert ging es auch nicht um eine „kulturhistorische Sammlung von Asservaten“, sondern um das Zeigen von Kunstwerken, die „in der kollektiven Rezeption verblasst, oder ganz unbekannt“ sind. Erstes Highlight, ebenfalls noch vor der ersten Tür, sind die Autoperforationsartisten (auch Selbstlöcherer) um Micha Brendel, Else Gabriel, Rainer Görß und Volker (Via) Lewandowsky, einen, den man heute im wiedervereinigten Deutschland zu den erfolgreichen zeitgenössischen Künstler zählen kann. Von 1987 bis 1989 sorgte diese Gruppe aus Dresdner Kunststudenten mit ihren stark an Wiener Aktionskunst erinnernden Ekel-Happenings für etwas Irritation im „Tal der Ahnungslosen“.

 

Performance Via Lewandowsky, Berlin, 1989 - Foto © Jochen Wermann

Performance Via Lewandowsky, Berlin, 1989
Foto © Jochen Wermann

 

Hier stand aber vor allem ein anderer Kunst-Papst Pate: der Düsseldorfer Fluxus-Gott Joseph Beuys. Ein Aufbegehren mit Fett, Farbe, Wort und Aktion gegen die Vorherrschaft der konventionellen Pinselfraktion. Fotos von Aktionen und Zeichnungen von Via Lewandowsky hängen neben Else Gabriels künstlerischer Aufbereitung der Antwort auf ihren Antrag auf Ausreise wegen Eheschließung. Die Gruppe zerfiel kurz vor der Wende 1989 nach der Ausreise ihrer Mitglieder.

Eine weitere Künstlergemeinschaft gruppierte sich im Dunstkreis der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, heute vor allem als Quell der alten und neuen „Leipziger Schule“ bekannt. Im Zuge der von DDR-Altstar Bernhard Heisig initiierten Berufung von Hartwig Ebersbach bildete sich 1982 die Gruppe 37,2. Neben Ebersbach (bekannt durch seine freche Kaspar-Serie) stand vor allem der charismatische Kunststudent Hans-Joachim Schulze im Mittelpunkt. Ähnlich wie später die Dresdner Autoperforationsartisten versuchten die Leipziger durch interdisziplinäres Arbeiten den Normbegriff von Kunst aufzusprengen. Eine assoziative Kunstproduktion durch Kommunikation, Interaktion und Improvisation. Ausgestellt sind Schulzes Konzeptskizzen und das an den wilden pastösen Farbstil der westlichen CoBrA-Gruppe erinnernde Gemälde Gruppe 37,2 von Hartwig Ebersbach.

Damit ist das wichtige Thema Künstlergruppen in der DDR aber schon abgehandelt. Wer mehr in diese Richtung wissen will, muss z.B. auf die Fleißarbeit der Macher der großen Schau Bohème und Diktatur in der DDR – Gruppen, Konflikte, Quartiere. 1970 bis 1989, die 1997 im Deutschen Historischen Museum stattfand, zurückgreifen. Speziell die Berliner Künstlerszene wurde 2009-10 in der recht umfangreichen Ausstellung Poesie des Untergrunds im Prenzlauer Berg Museum vorgestellt. In Dresden gab es zur gleichen Zeit eine große Rückschau mit dem Titel Ohne uns! – Zur Kunst und alternativen Kultur in Dresden vor und nach ‘89. Umfangreiches Informationsmaterial zu den Ausstellungen sind online abrufbar.

 

Gegenstimmen_mgb_Hans-Hendrik Grimmling, Die Umerziehung der Vögel, 1977 - Foto (c) Kunstsammlung Heinrich

Hans-Hendrik Grimmling, Die Umerziehung der Vögel, 1977 
Foto (c) Kunstsammlung Heinrich

 

Dass der Leipziger Maler Hans-Hendrik Grimmling 1984 mit dem Künstlerkreis Tangente den legendären, halblegalen „1. Leipziger Herbstsalon“ organisierte, erfährt man in der Berliner Ausstellung leider nicht. Zentrales Werk ist hier sein 1977 gemaltes Triptychon Die Umerziehung der Vögel. Das Ringen um freie Kunstentfaltung endet im Absturz mit gebrochenen Flügeln. Das war nach Meinung der Stasi offen konterrevolutionär. Grimmling sieht sich bereits 1978 in seinem Selbstbildnis Ich in Leipzig in einschnürenden Zwängen gefangen. Die Konsequenz ist auch hier die Ausreise.

Ein regelrechtes Enfant terrible der oppositionellen DDR-Kunst in den späten 1970er und frühen 80er Jahren war aber die heute auch international sehr beachtete Malerin Cornelia Schleime. Sie schaffte es sogar, als einzige für unangepasst geltende Künstlerin in die 2003 in der Neuen Nationalgalerie Berlin gezeigte umstrittene Retrospektive Kunst in der DDR. Viele Werke aus der Zeit vor ihrer Ausreise 1984 in die BRD existieren nicht mehr. Gezeigt wird u.a. die 1982 entstandene Foto-Collage Aus einem Soll-und-Haben-Bildtagebuch. Schleime veranstaltete ab 1979 Körperaktionen, drehte feministische Schmalfilme und schlug sich nach Ausstellungsverboten gemeinsam mit Malerkollegen wie Ralf Kerbach als Sängerin der Punkband Zwitschermaschine durch. Man sollte nicht achtlos an der kleinen Hörstation im letzten Raum der Ausstellung vorbeigehen. Hier gibt es eine Kompilation aus 27 Songs des East German Underground mit Bands wie AG Geige, Ornament & Verbrechen, Rosa Extra, Herbst in Peking, oder BAADER mit dem Schriftsteller Matthias BAADER Holst aus Halle.

Bert Papenfuß Gorek 2007 bei einer Lesung im Kaffee Burger - Foto (c) Ordu Oğuz

Bert Papenfuß Gorek 2007 bei einer Lesung im Kaffee Burger 
Foto (c) Ordu Oğuz, Wikipedia

Ebenfalls eine Bohème-Legende und regelrechte Prenzlauer-Berg-Institution ist der Lyriker Bert Papenfuß, der hier in Form von Zitaten wie „Die Freiheit wird nicht kommen, die Freiheit wird sich rausgenommen.“ stichwortgebend durch die Ausstellung geistert. Gemeinsam mit dem Maler Ronald Lippok veröffentlichte Papenfuß Künstlerbücher im Eigenverlag, oder wie das hier ausgestellte der blutspur im Selbsthilfeverlag Ursus Press. Diese Art der Verbreitung war abseits des staatlich gelenkten Kunsthandels oft die einzige Möglichkeit. Vertrieben wurden die meist kleinen Auflagen in Kneipen und selbstgeründeten Galerien. Noch heute veranstaltet Bert Papenfuß Lesungen und ist Mitherausgeber der Literaturzeitschrift Abwärts.

Weitere Schutzräume neben den Künstlerkneipen und selbstverwalteten Galerien boten Kirchen (z.B. für Bluesmessen und Punkkonzerte) oder Theater, in denen viele Untergrund-Künstler auch Jobs fanden. Subkulturszenen bildeten sich vor allem in Städten mit Kunsthochschulen wie Leipzig, Halle, Dresden, Berlin und auch in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Viele der hier ausgestellten Künstler sind, trotz fehlender näherer biografischer Daten, den einzelnen Szenen zuordenbar. Was die Kuratoren liefern, sind recht interessante Kommentare und Statements der Künstler zu den Werken oder ihrer damaligen Arbeitssituation, die oft nicht ohne Stasi-Repressionen abging. Verena Kyselka stellt nach der Wende in der Collage Pigs like Pigments 1-4 Berichten aus ihrer Stasiakte Fotos aus ihrem wirklichen Leben gegenüber.

Die Fotografin Gabriele Stötzer saß vor ihrer Ausreise 1977 im bekannten DDR-Frauengefängnis Hoheneck. Ihre Fotoserie Carmen & Mirco – Lippen (1983) zeigt sie mit verzerrtem Mund oder zugeschnürten Lippen. Die Fotografien Christinane Eisler geht für eine Portraitserie von Mädchen in den Jugendwerkhof Crimmitschau. Neben Auftragswerken für die Modezeitschrift Sibylle suchen die Fotografinnen Ute Mahler und Sibylle Bergemann fern ab des vorherrschenden, gewünschten DDR-Bilds ihre Motive im privaten Heim, in Kneipen, auf Straßen und Dorffeiern. Schwarz-weiß-Serien wie Zusammenleben entstehen. Werner Mahler fotografiert über die Jahre eine Klasse Abiturienten.

Den fragmentierten und neu zusammengesetzten Selbstportraits des Fotografen Thomas Florschuetz sieht man schon die Klasse an, die ihn nach der Wende auch eine verdiente Karriere am West-Markt bescheren. Ein früher Abgang in den Westen hat dem Künstler in der freien Entwicklung sicher gut getan, was man von Malern wie Volker Henze nicht unbedingt behaupten konnte. Ihr Dilemma (was Henze hier auch selbst einräumt): Abstraktion und Informel gehören in den 1980er Jahren schon zur Kunstgeschichte und der Markt im Westen war damit übersättigt. Was in der Malerei ging, war der abstrakte Neo-Expressionismus der Neuen Wilden, der auch in der DDR viele Anhänger fand.

„Ich bin ein Bildhauer in Deutschland.“ So versuchte sich damals der Potsdamer Hans Scheib der Kategorisierung als Ostkünstlers zu entziehen. Eine seiner farbig bemalten Holzskulpturen mit dem Titel Animateur – Auch ein Künstlerleben – Arschloch zeigt ihn als von Pinseln durchbohrten heiligen Sebastian. Scheib hat sich als Künstler nach der Wende behaupten können, wie auch die Dresdner Malerin Angela Hampel mit ihren Plakatmotiven und Bildern nach antiken Tragödinnen wie Medea, Pentesilea oder Salome. Eine Skulptur des Cottbuser Künstler Hans Scheuerecker, der auch mit zwei abstrakten Portraits vertreten ist, ziert sogar den dortigen Einkaufsboulevard Spremberger Straße.

Manfred Butzmann während einer Ausstellungseröffnung im August 2009 - Foto (c) Spree Tom, Wikipedia

Manfred Butzmann 2009 während einer Ausstellungseröffnung  –
Foto (c) Spree Tom, Wikipedia

Auch die sperrigen Werke des Malers und Objektkünstlers Walter Libuda oder des Malers und Grafikers Mark Lammert sind mittlerweile in deutschen Museen vertreten. Während Libuda in der DDR fast schon als etabliert galt und staatliche Aufträge (Gewandhaus Leipzig) erhielt, konnte Lammert sich erst nach der Wende als Bühnenbildner im Berliner Ensemble einen Namen machen. Der Grafiker und Plakatkünstler Manfred Butzmann überzeugt mit seinen pazifistischen und ökologischen Plakatmotiven, die den Vergleich mit Klaus Staeck nicht zu scheuen brauchen.

*

Warum aber verweigert man den hier ausgestellten Werken die Einordnung in die allgemeine Kunstgeschichte? Fürchtet man um deren Eigenständigkeit oder die Stigmatisierung als Kunst, die durch eine Diktatur geprägt ist – überhaupt nur in der Diktatur entstehen konnte, wie immer behauptet wird? Gerade die nonkonforme Kunst in DDR hat das im Rückblick nicht verdient. Man kann sehen, dass sie (wie jede Kunst) mit internationalen Vorbildern rang, mit den Gegebenheiten der sie umgebenden Gesellschaft kritisch kommunizierte oder, diese negierend, andere kreative Wege ging. Gerade im Kontext bundesrepublikanischer Kunst dieser Zeit muss sie sich nicht verstecken.

Warum aber verweigert man den hier ausgestellten Werken die Einordnung in die allgemeine Kunstgeschichte? Fürchtet man um deren Eigenständigkeit, oder die Stigmatisierung als Kunst, die durch eine Diktatur geprägt ist, überhaupt nur in der Diktatur entstehen konnte, wie immer behauptet wird? Gerade die nonkonforme Kunst in DDR hat das im Rückblick nicht verdient. Man kann sehen, dass sie wie jede Kunst mit internationalen Vorbildern rang, mit ihnen kommunizierte, die sie umgebenden Gesellschaft kritisch betrachtete, oder diese negierend andere kreative Wege einschlug. Gerade im Kontext bundesrepublikanischer Kunst dieser Zeit, muss sie sich nicht verstecken.

***

Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989
16.07.-26.09.2016
Martin-Gropius-Bau Berlin Niederkirchnerstraße 7 10963 Berlin
Öffnungszeiten: Mi – Mo | 10 – 19 h Di geschlossen

Kuratoren: Eugen Blume und Christoph Tannert

Weitere Infos siehe auch: http://www.gropiusbau.de/

Zuerst erschienen am 28.07.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Schuberts Winterreise, Ubu und die Wahrheitskommission – William Kentridge verknüpfte bei den FOREIGN AFFAIRS Europa mit Südafrika

Donnerstag, Juli 21st, 2016

___

Ubu and the Truth Commission (Ubu und die Wahrheitskommission) – Eine Gemeinschaftsarbeit von William Kentridge und der Handspring Puppet Company

Schon seit 1975 beschäftigt sich der südafrikanische Multimedia-Künstler William Kentridge mit dem absurden Theaterstück König Ubu von Alfred Jarry. Zuerst als Schauspieler und ab Mitte der 1990er Jahre mit Radierungen und der Animationsfilm-Serie Ubu and the Procession. „Aus südafrikanischer Sicht ist Ubu eine besonders starke Metapher für den Irrsinn der Apartheidpolitik, die vom Staat als vernünftiges System hingestellt wird.“ schreibt Carolyn Christov-Bakargie, Verfasserin von Künstlermonografien über Kentridge und Kuratorin der dOCUMENTA 13.

 

Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Haus der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

 

Im Zuge der 1996 vom ANC und Präsident Nelson Mandela eingerichteten Wahrheits- und Versöhnungskommission (engl. Truth and Reconciliation Commission), einer südafrikanischen Einrichtung zur Untersuchung von politisch motivierten Verbrechen während der Zeit der Apartheid, entstand der Animationsfilm Ubu Tells the Truth. Gemeinsam mit der südafrikanischen Handspring Puppet Company inszenierte Kentridge 1997 das mittlerweile vielgereiste Theaterstück Ubu und the Truth Commission, das nun im Rahmen des Kentridige-Fokus der FOREIGN AFFAIRS auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele in Originalbesetzung gezeigt wurde.

Kentridge inszeniert eine Mischung aus Elementen von Graphic Novel, Dokumentar-, Puppen- und satirischem Volkstheater mit Gesang. Während im Hintergrund seine Kohle-Bilder rassistischer Gewalt mit Folter und Mord laufen, in die der Künstler immer wieder die von Jarry selbst geschaffene Zeichnung der monströsen Figur Père Ubu einfügt, spielen vor der Leinwand Dawid Minnaar und Busi Zokufa die südafrikanische Variante des Paars Papa und Mama Ubu. Der korrupte und sadistische General aus Jarrys Stück ist hier ein feige berechnender Täter, der sich mit einer Horde von Bluthunden umgibt. Die Beweise seiner nächtlichen Mordausflüge gibt er einem Krokodil mit Taschenmagen zu fressen, in dem auch jede Menge Knochen verschwinden. Die Spieler der Handspring Puppet Company führen diese Tiergestalten und leihen ihnen Stimme und Bewegung.

 

Ubu and the Truth Comission - Foto (c) Luke Younge

Ubu and the Truth ComissionFoto (c) Luke Younge

 

Ziel der südafrikanischen Wahrheitskommission war es, Opfer und Täter politisch motivierter, rassistischer Gewalt zu versöhnen, indem es den Opfern eine Stimme gab und den reuigen Tätern als Belohnung Straffreiheit zusagte, was auch oft als Vereitelung von Gerechtigkeit kritisiert wurde. Vor allem im Fall des besonders brutalen Polizeioberst Eugene Alexander de Kock, der durchaus Pate für die Ubu-Figur des Stücks gestanden haben könnte. Der Stück-Ubu windet sich schließlich mit geheuchelter Reue heraus und schiebt alle Schuld auf seine Hundemeute. Wie de Kock werden die willigen Helfer zu lebenslänglich plus 212 Jahre verurteilt werden, während der scheinbar geläuterte Captain Ubu die Segel setzt und zu neuen Ufern in die Saragossasee aufbricht.

Kentridges Film wie das Theaterstück sind vor allem eine in zwei Ebenen angelegte Erinnerungsarbeit über Gewalt, Verrat, Heuchelei und Vertuschung der Verbrechen des früheren Apartheitstaats. Mit Puppen gespielte und in Xhosa gesprochene Berichte von schwarzen Südafrikanern über ihr Martyrium werden simultan von Schauspielern in einem Glaskasten, in dem sich zuvor Captain Ubu das Blut der Nacht abgeduscht hat, ins Englische übersetzt. Die nüchtern dokumentarisch wirkenden Aussagen der Opfer setzen die satirisch überhöhten Spielszenen mit dem windigen Heuchlers Ubu ins rechte Licht und reflektieren die Absurdität eines gescheiterten Versöhnungsmythos.

**

Winterreise – William Kentridges bebildert eindrucksvoll Schuberts romantisch-melancholischen Liederzyklus

Sicherlich einen der Höhepunkte nicht nur des Kentridge-Fokus erlebten die FOREIGN AFFAIRS mit der Interpretation der Winterreise von Franz Schubert zu den Gedichten von Wilhelm Müller durch den Bariton Matthias Goerne, der vom Intendanten der Wiener Festwochen Markus Hinterhäuser am Klavier begleitet wurde. Mit fast schon philosophischem Ernst nähert sich William Kentridge dem romantisch-melancholischen Liederzyklus. Er hat zu einer Reihe seiner bereits existierenden Animationsfilme einige neue zur Bebilderung von Schuberts Musikwerk passend hinzugefügt.

 

Die Winterreise - Foto (c) Patrick Berger / Artcomart

Die WinterreiseFoto (c) Patrick Berger / Artcomart

 

Diese in üblicher Weise animierten Kohlezeichnungen Kentridges laufen auf zwei großen und versetzt stehenden Atelierwänden, die mit Zetteln und Zeichnungen dicht behängt sind und den visuellen Hintergrund für den musikalischen Vortrag von Goerne und Hinterhäuser bilden. Die schwarz-weißen Videobilder greifen Kentridges typische Themen wie Entstehen und Verwischen, Erinnern und Vergessens auf, aber auch die Naturmetaphorik der Verse von Wilhelm Müller, dessen unbehaustes, lyrisches Ich suchend durch die kargen Landschaften Kentridges streift, als animiertes Alter-Ego des Künstlers über die Seiten von Enzyklopädien wandelt und sich ein wirbelndes Tänzchen mit der südafrikanischen Choreografin Dada Masilo aus der Performance Refuse the Hour gönnt.

William Kentridge spannt geschickt einen Bogen von Schuberts Lebenswelt in Wien, wo die Konzert-Performance auch bei den Festwochen 2014 zu sehen war, zur Umgebung des südafrikanischen Johannesburg, der Heimat Kentridges mit ihrer kargen Grubenarchitektur. Bäume entstehen wie aus dem Nichts und verdorren wieder, animierte Streifen laufen über die Videowände, wie Gefrorne Tränen, von denen Goerne singt, und Kentridges Kaffeekannen, Megafontrichter, Kameras und liegende, nackte Frauenleiber verwirbeln als Kohlepapierfetzen zu Schuberts Winterstürmen.

 

Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Haus der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

 

Im Lied Das Wirtshaus durchziehen Striche wie imaginäre Parabeln die Koordinaten einer alten Totenliste. Und plötzlich hängen da auch Leiber im Lindenbaum. Zu den Nebensonnen zeigt Kentridge Negativbilder und zum Leiermann zieht eine Schattenprozession gebückter Leiber wie ein endloser Flüchtlingstross über die Leinwand. Zu dokumentarischen Archivbildern von Schlachten und Bombenexplosionen fügt Kentridge am Ende seine gezeichneten Bilder der Leichen des Sharpeville-Massakers. Schuberts düstere Winterreise als Kunstallegorie auf politische Restauration und Hoffnungslosigkeit wird somit auch zu einem ganz gegenwärtigen Requiem für die Opfer von Apartheid, Krieg und Vertreibung.

***

UBU AND THE TRUTH COMISSION (Seitenbühne vom Haus der Berliner Festspiele, 14.07.2016)

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Regie: William Kentridge
Co-Regie: Janni Younge
Text: Jane Taylor
Puppendesign: Adrian Kohler
Animation: William Kentridge
Bühnenbild: Adrian Kohler und William Kentridge
Kostümbild: Adrian Kohler
Kostümmacher: Phyllis Midlane, Sue Steele
Lichtdesign: Wesley France
Sounddesign: Wilbert Schubel
Musik: Warrick Sony und Brendan Jury
Choreografie: Robyn Orlinä
Animationsschnitt: Catherine Meyburgh
TRC-Recherche: Antjie Krog
Film- und Videorecherche: Gail Berhmann
Technische Leitung: Wesley France
Inspizienz: Bruce Koch
Sound: Simon Mahoney
Mit: Dawid Minnaar und Busi Zokufa (Schauspiel) sowie Gabriel Marchand, Mandiseli Maseti und Mongi Mthombeni (Puppenspiel)

WINTERREISE (Haus der Berliner Festspiele, 12.07.2016)
Regie und visuelle Kreation: William Kentridge
Bühnenbild: Sabine Theunissen
Kostümbild: Greta Goiris
Lichtdesign: Herman Sorgeloos
Videoschnitt: Snezana Marovic
Video: Kim Gunning
Mit: Matthias Goerne (Bariton) und Markus Hinterhäuser (Klavier)
Produktion: Festival d’Aix-en-Provence
Uraufführung 2014 beim Festival d’Aix-en-Provence
Koproduktion: Wiener Festwochen, Holland Festival, Kunstfestspiele Herrenhausen (Hannover) / Niedersächsische Musiktage (Göttingen), Lincoln Center, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Opéra de Lille

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-festspiele.de/

Zuerst erschienen am 16.06.2016 auf Kultura-Extra.

———-

Only another Coffee Pot – „Six Drawing Lessons“ von William Kentridge bei den FOREIGN AFFAIRS – Eine multimediale Lecture-Performance über den Zusammenhang von Zeichenkunst, Kunstgeschichte und Weltpolitik

Freitag, Juli 15th, 2016

___

fa16_promo_motivIn seinen Six Drawing Lessons genannten, erstmals 2012 für die Charles Eliot Norton Lectures an der Harvard Universität gehalten Vorlesungen über die Kunst des Zeichnens, beschäftigt sich der südafrikanische Multimedia-Künstler William Kentridge mit Gedanken zur Kunst selbst, der Kunstherstellung und dem Atelier als Mittelpunkt seiner Arbeit. Im diesjährigen Fokus der FOREIGN AFFAIRS hielt er nun an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im Haus der Berliner Festspiele seine sechsteilige Lecture-Performance, die in dem multimedialen Bühnenstück Refuse the Hour mündet.

Ausgehend von Platons Höhlengleichnis entwickelt Kentridge philosophische und künstlerische Denkmodelle über Mechanismen und Täuschungen, durch die wir in der Welt Sinn konstruieren. Er erläutert das immer wieder sehr anschaulich anhand seiner Arbeiten. So ist der Prozessionszug von schattenartigen Menschen, die Dinge und Symbole mit sich tragen, schon zu seinem Markenzeichen geworden. Das Licht der Aufklärung, der Drang Menschen auch gegen ihren Willen zu befreien, ist für Kentridge durch die blutigen Auswüchse der Französischen Revolution und die europäische Kolonisation Afrikas diskreditiert. Als Beispiel bringt er die Niederschlagung eines Aufstandes in der britischen Kolonie Nyassaland (dem heutigen Malawi) und den deutschen Genozid an den Hereo.

Kentridge vergleicht Robespierre mit dem Sarastro aus Mozarts Zauberflöte, die er 2005 in Brüssel inszeniert hat, und hat noch so manch anderen Querverweis aus der Kunstgeschichte von Dürers Rhinozeros bis zu Picassos Faible für afrikanische Masken auf Lager. All das findet sich in Kentridges Kunst wieder. Der Künstler nennt das selbst „Lob des Synkretismus“. Auch eine Synthese von Zeichnung und verschiedenen Methoden, bewegte Bilder zu erzeugen (wie etwa mit dem Zoetrop oder der Filmkamera). Kentridge erklärt den Ablauf von Bewegung, Projektion und Illusion. Wir schauen ihm im Video bei der Arbeit zu, wie er sich selbst als Double Hinweise gibt. Das Prinzip des schauenden und handelnden Künstlers im Atelier, dem Raum für die „notwendige Dummheit“, die wiederum Raum für unvoreingenommene Ideen und Gedanken schafft.

 

Drawing Lessons I–V - Foto (c) William Kentridge

Drawing Lessons – Foto (c) William Kentridge

 

Die Bemühung, die Unordnung der Welt neu zu ordnen, stürzt uns immer wieder in neue Unordnung. Kentridge erklärt daher das Unfertige und die Unsicherheit zum Prinzip seiner Arbeit. Irgendwo gibt es immer eine Lücke in der Lösung von Rätseln, die wieder ein neues unlösbar scheinendes Rätsel offenbart. Diese Lücke nutzt Kentridge als Impuls für sein künstlerisches Schaffen. Als politisch denkender Künstler zeichnet Kentridge auch gegen den nationalen Gedächtnisverlust. Bilder aus seiner Kindheit (wie die Fotos von den Toten des Massakers an 69 schwarzen Demonstranten im Township Sharpeville) haben sich in sein Gedächtnis eingefressen.

Zeichnen bedeutet für Kentridge auch Erinnern. Eines seiner in Versalien auf Buchseiten geschrieben Mantra lautet daher auch: Undo, unsay, unsave, unremember, unhappen. Für das Erinnern versucht er wie jeder Mensch auch die Zeit anzuhalten oder rückwärts laufen zu lassen. Das schafft Kentridge mit Hilfe des vor- und rückwärts laufenden Films. Zeit ist Entfernung und Geografie. Können wir dem entfliehen, was wir sind, ist dann auch die Frage Kentridges, die er wiederum mit dem Schaffensprozess des Künstlers im Atelier in Zusammenhang bringt, der wie Rilkes Panther im Käfig auf- und abläuft. Ein Prozess, den Kentridge „Denken mit den Füßen“ nennt. *In der Lektion Vertikales Denken befasst sich Kentridge mit der Landschaft um Johannesburg, die sich durch den Bergbau stark verändert hat. Eine Stadt, die auf dem Reißbrett entstanden ist, einzig aus geologischen Gründen, weil es dort Gold gibt. Hier hat sich Geschichte vertikal in eine Landschaft eingeschrieben. Eine illusionslose Nichtlandschaft, die immer wieder in Kentridges Bildern und Animationsfilmen über die Unterdrückung und Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung auftaucht.

Die selbstironische Distanz, das kluge Aufgreifen und Nutzen von Widersprüche sowie der humorvolle und unterhaltsame Vortrag Kentridges machen diese Lektionen zu einer echten Anregung zum Weiterdenken, auch wenn es in Lesson 4 und Lesson 5 manchmal etwas zu didaktisch wird.

 

Refuse the Hour von William Kentridge und Philip Miller - Foto (c) Jac de Villiers

Refuse the Hour von William Kentridge und Philip Miller – Foto (c) Jac de Villiers

 

In Teil 6, der Kammeroper Refuse the Hour, die eine Weiterführung der multimedialen Installation The Refusal of Time ist, wird jedoch alles Wissenschaftliche zur reinen Poesie aus Wort, Bild, Bewegung und Musik. Es geht um Zeit, Raum und Schicksal. Und wieder verbindet William Kentridge eine antike Sage mit der Gegenwart. Die Geschichte von Perseus und dessen Großvater Akrisios, die ihm als Achtjährigem von seinem Vater vorgelesen wurde. König Akrisios flieht vor dem Orakelspruch, der ihm prophezeit, von seinem Enkel Perseus getötet zu werden. Dennoch kann er seinem Schicksal nicht entgehen und ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Theorien über europäische Zeitmessung, die Kolonialgeschichte Afrikas, schwarze Löcher, Ordnung, Unordnung, Begrifflichkeiten und deren Fehlinterpretationen verbinden sich auf wundersame Weise mit Soundinstallationen, Bühnen- und Kostümgestaltung, Videokunst, Musik und Performance.

Kentridge ist hier eine kongeniale Übertragung der zuvor behandelten Themen mit den Mitteln des Schauspiels, Tanzes und Animationsfilms sowie seinem eigenen Vortrag in ein multimediales Bühnenspektakel gelungen, zu dem Philip Miller eine recht moderne Musik mit europäischen und afrikanischen Referenzen komponierten hat, wie wir sie schon in Paper Music erleben konnten. Hier glänzen aber nicht nur die Sängerin Ann Masina und Performerin Joana Dudley, die sogar rückwärts singen kann, sondern vor allem auch die südafrikanische Choreografin und Tänzerin Dada Masilo, der Schauspieler Thato Motlhaolwa sowie die Orchestermusiker unter Leitung von Adam Howard. Ein ganz großes Bühnenerlebnis mit anschließenden Standing Ovations des begeisterten Publikums.

***

DRAWING LESSONS I-V (Haus der Berliner Festspiele, 08./09.07.2016)
Konzept: William Kentridge
Musik und musikalische Einrichtung: Philip Miller
Video, Schnitt: Catherine Meyburgh
Performer: William Kentridge
Videomanipulation: Janus Fouché
Licht: Marine Deballon

REFUSE THE HOUR (Haus der Berliner Festspiele, 09.07.2016)
Kammeroper von William Ketridge
Konzept und Libretto: William Kentridge
Musik: Philip Miller
Choreografie: Dada Masilo
Videokonzept: William Kentridge und Catherine Meyburgh
Bühnenkonzept: Sabine Theunissen
Kostüme: Greta Goiris
Mit: William Kentridge, Dada Masilo (Tanz), Ann Masina und Joanna Dudley (Gesang), Thato Motlhaolwa (Schauspiel) sowie den Musikern Adam Howard (Dirigent, Ko-Einrichtung, Trompete und Flügelhorn), Tlale Makhene (Perkussion), Waldo Alexander (Violine), Dan Selsick (Posaune), Vincenzo Pasquariello (Klavier) als auch Edward Rudolf Neuhauser (Tuba)

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de

Zuerst erschienen am 11.07.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Interdisziplinäres von William Kentridge und Alain Platel zum Auftakt der FOREIGN AFFAIRS 2016 im Martin-Gropius-Bau und dem Haus der Berliner Festspiele

Samstag, Juli 9th, 2016

___

En avant, marche! – Frank Van Laecke, Alain Platel und Steven Prengels schicken eine Blaskapelle zum Start der FOREIGN AFFAIRS auf die Bühne im Haus der Berliner Festspiele

fa16_promo_motivMittenhinein in den Volksbühnenstreit zeigen uns die Berliner Festspiele zum Auftakt des internationalen Performing-Arts-Festival FOREIGN AFFAIRS, wie es zukünftig im Theater am Rosa-Luxemburg-Platz aussehen könnte. Hoffentlich etwas frischer als die spartenübergreifende, durch Europa tourende, belgische Produktion En avant, marche! von Regisseur Frank Van Laecke, Spitzenchoreograf Alain Platel und Komponist Steven Prengels. Warum muss eigentlich momentan gefühlt jeder zweite Musiktheaterabend aussehen wie ein relativ uninspirierter Marthaler? Und das gerade dann, wenn der Schweizer Meister der ironisch-melancholischen Langsamkeit selbst im Begriff ist, sich immer mehr zu kopieren.

Aber wie das Licht der alten Volksbühne, das für eine Supernova noch einmal aufscheint, um dann für immer zu verlöschen, so zeigen sich die FOREIGN AFFAIRS in ihrer fünften und letzten Ausgabe noch einmal strahlend bunt und vielfältig. Und das mit Uraufführungen von Forced Entertainment und dem Nature Theater of Oklahoma, die Freiwillige aus dem Publikum zu einem Sience-Fiction-Dreh geladen haben. Es wird Gastspiele u.a. von Jan Lauwers & Needcompany, einige Pop-Konzerte sowie einen Fokus mit Arbeiten des südafrikanischen Multimedia-Künstlers William Kentridge geben. Das bisherige Format des Festivaldirektors Matthias von Hartz weicht im nächsten Jahr den immersiven Kunstträumen des Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender. Man könnte das auch die weise Voraussicht einer Konkurrenzvermeidung zu Chris Dercons Plänen an der Volksbühne nennen. Aber auch da soll das Theater ja in virtuelle Welten eintauchen.

*

In En avant, marche! (zu deutsch: Vorwärts, marsch!) kämpft ein an Kehlkopfkrebs erkrankter und darum an die Becken verbannter Posaunist (Wim Opbrouck) gegen das Sterben und Verstummen. „Der Tod ist vorbeigekommen und hat eine Blume in meinen Mund gesteckt.“ Soweit eine Adaption des Einakters Der Mann mit der Blume im Mund von Luigi Pirandello aus dem Jahr 1923. Etwas uninspiriert übt sich zu Beginn der verhinderte Blasmusiker an dem vom Band eingespeisten Vorspiel zu Wagners Lohengrin in der Benutzung der Becken. Ein nicht besonders lohnendes Unterfangen. Erst der Aufmarsch einer ganzen Blaskapelle löst den Mann aus seiner Lethargie und verleiht ihm neuen Mut, über den Sinn des Lebens zu sinnieren, was er auch in mehrsprachigen Bröckchen unablässig tut. Was tragikomisch und skurril wirken soll, erschöpft sich aber zunächst in flauen, musikalischen Unterleibswitzchen und der beständigen Forderung immer weiter zu spielen.

 

En avant, marché! bei den FOREIGN AFFAIRS 2016 - (c) Phile Deprez

En avant, marché! – Foto (c) Phile Deprez

 

Die Zentralkapelle Berlin bläst ein paar feierliche Sterbemärsche dazu – Gustav Mahlers Urlicht aus der 2. Sinfonie eignet sich besonders schön dafür – und goldene Funkenmariechen (Griet Debacker und Chris Thys) schwingen den Tambourstab. Getanzt wird allerdings eher sparsam. Körperliche Wucht, wie noch in Platels zum Theatertreffen 2014 eingeladener Produktion tauberbach, zeigt nur der relativ präsente Schauspieler Openbrouck mit klarer Tendenz zur Rampensau. Ansonsten zieht sich der erste Teil der Veranstaltung zäh wie der sprichwörtliche Kaugummi, bis die Berliner Bläser einen flotten Balkan Brass spielen und sich auch choreografisch einiges zu bewegen beginnt.

Das Team um Platel zelebriert die künstlerische Gemeinschaft in Form einer traditionellen Blaskapelle in Uniform, nicht ohne die Klischees musikalisch ordentlich gegen den Strich zu bürsten und ironisch zu verfremden. Es gibt u.a. ein schräges Troubadour-Duett von Verdi und ein stark rhythmisches Schlagzeugstock-Ballett. Dem dahinscheidenden Künstler-Individuum wird mit dem auf einem Hornmundstück geblasenen Lied Der Leiermann aus Franz Schuberts Winterreise gehuldigt. Dazu tanzt das Schwergewicht Openbrouck einen Pas de deux als sterbender Schwan und wird sogar in die Luft gehoben. Geradezu filmreif ist die Jupiter-Schlussmelodie aus Gustav Holsts Planetensuite, die nochmal einiges an Emotionen beim Publikum wecken kann, bevor sie plötzlich erstirbt.

Zu hoffen bleibt, dass sich das bunte Programm der FOREIGN AFFAIRS in den nächsten zwei Wochen noch als steigerungsfähig erweist.

***

En avant, marche! (Vorwärts, marsch!) – (05.05.2016, Haus der Berliner Festspiele)
NTGent & les ballets C de la B
Konzeption und Inszenierung: Frank Van Laecke, Alain Platel
Musikauswahl und Bearbeitung: Steven Prengels, Dirigent: Steven Prengels
Mit: Griet Debacker, Chris Thys, Hendrik Lebon, Wim Opbrouck
Musiker:
Trompete: Jan D’Haene, Jonas Van Hoeydonck
Waldhorn: Lies Vandeburie
Euphonium: Niels Van Heertum
Horn: Simon Hueting
Schlagzeug: Witse Lemmens, Gregory Van Seghbroeck
Zentralkapelle Berlin
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de/

Zuerst erschienen am 07.07.2014 auf Kultura-Extra.

**

*

William Kentridge lässt im Lichthof des Martin Gropius Bau seine animierten Kohlezeichnungen zu Philip Millers Paper Music tanzen

mgb16_plakat_kentridge_liteboxDass es bei den FOREIGN AFFAIRS auch wesentlich innovativer zugehen kann als beim Blasmusikabend En avant, marche! beweist Fokusgast William Kentridge, der schon seit Jahrzehnten über alle Genregrenzen hinweg seine Kunst betreibt. Die Berliner Festspiele widmen ihm gerade im Martin-Gropius-Bau die retrospektive Ausstellung No it is! – ebenfalls mit Ausrufezeichen. Zu Beginn des Kentridge-Fokus der FOREIGN AFFAIRS fand im Lichthof des Museumsgebäudes die deutsche Erstaufführung des Ciné-Concerts Paper Music mit Kompositionen von Philip Miller zu filmisch animierten Kohlezeichnungen William Kentridges statt. Ein guter Querschnitt durch das Schaffen des 1955 in Johannesburg geborenen und in der Anti-Apartheidsbewegung engagierten Zeichners, Bühnenbildners, Theaterregisseurs und Animationsfilmers aus Südafrika.

Vincenzo Pasquariello am Piano untermalt – begleitet von der schwarzen Sängerin Ann Masina, die mit großartiger Sopranstimme Texte in Xhosa und Englisch vorträgt, sowie der australischen Performerin und Sängerin Joanna Dudley – eine Reihe von kurzen Animationsfilmen Kentridges mit einer teils melodiösen bis minimalistisch anmutenden Liedfolge. Wir sehen u.a. Journey to the Moon mit Kentridges Lieblingsutensil, einer Espressokanne, sowie Ameisen als flirrende Sterne, den südafrikanischen Geschichtsabriss Tide Table, Ausschnitte aus Refusal of Time und Rilkes Panther, der hinter den von Kentridge gezeichneten Gittern auf und abläuft. Es sind abfotografierte Kohle- und Tuschezeichnungen, die Kentridge immer wieder verändert, auswischt und überlagert.

 

Paper Music - Foto © Chris Hewitt - v.l.n.r.: Ann Masina, Joanna Dudley und William Kentridge Philip Miller & William Kentridge „Paper Music“ Ein Ciné-Concert von William Kentridge und Philip Miller Deutsche Erstaufführung ANN MASINA Gesang JOANNA DUDLEY Gesang VINCENZO PASQUARIELLO Klavier PHILIP MILLER Schallplattenspieler Video WILLIAM KENTRIDGE Musik PHILIP MILLER Kostümbild GRETA GOIRIS Kostümassistenz EUGÉNIE POSTE Technische Leitung MICHELE GRECO Mit freundlicher Unterstützung von Firenze Suona Contemporanea und Lia Rumma Gallery (Neapel und Mailand). „Paper Music“ wird vertreten von Quaternaire (www.quaternaire.org). In englischer Sprache Dauer 1h

Paper Music – v.l.n.r.: Ann Masina, Joanna Dudley und William Kentridge – Foto © Chris Hewitt

Die schwarz-weißen Animationen zeigen den typischen Zeichenkanon aus Kentridges Bilderkosmos wie apokalyptische Landschaften aus der durch den Bergbau gezeichneten Umgebung seiner Heimatstadt Johannesburg, immer wieder den Künstler selbst, sein Alter-Ego Felix, die nackte Muse, Trichter-Megafone, Globen, übermalte Nachschlagewerke, Coffee-Cups and Pots sowie tickende Metronome als Symbole der verstreichenden Zeit. Kentridge komponiert symbolische Bilderrätsel, „Composite Rebus“ genannt, die Philip Müller spannungsgeladen vertont hat.

Die beiden Sängerinnen machen dazu Livegeräusche mit Papier, einem alten Plattenspieler, Schlagwerken oder gar stakkatohaften Lautmalereien, die in einem schrillen Lullaby for Housalarm kulminieren. Auch der Meister selbst gibt sich die Ehre und trägt ein kurzes philosophisches Poem zum Thema How did we know, that we are in time vor.

Mit der Performerin Joanna Dudley kann man noch bis zum 15. Juli an Nachtführungen durch die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau teilnehmen und bei den FOREIGN AFFAIRS weitere Music-Performances und Drawing Lessons von und mit William Kentridge besuchen.

*

William Kentridge - Journey to the Moon 2003 - Foto © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

William Kentridge – Journey to the Moon, 2003
Foto © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

 

„Uncertainty“ (Unsicherheit) ist auch das Prinzip von Kentridges Kunst, in der alles im Fluss und ständiger Metamorphose ist. Im 1.OG des Martin-Gropius-Baus kann man in das in sechs Räumen aufgefächerte, interdisziplinäre Gesamtwerk des Künstlers wie in eine Wunderkammer eintauchen. Auch hier sind der Ausgangspunkt wieder die zahlreichen Animationsfilme Kentridges, die beginnend mit den Seven Fragments for Georges Méliès und Drawings for Projection (1989-2011) über das monumentale filmische Fries More Sweetly Play the Dance (2015) im Mittelteil bis zu der die Vergänglichkeit und Zeit reflektierenden Rauminstallation The Refusal of Time, die 2012 erstmals auf der documenta zu sehen war, am Ende der Ausstellung reicht.

Dazwischen können die Besucher in gestalteten Atelierräumen über Schaukästen, Ready-mades, Skulpturen, Zeichnungen zu Bühnenbildern und Making-of-Videofilmen tief in den Schaffensprozess des Künstlers Einblick nehmen. Zu sehen sind auch Inspirationsquellen wie Radierungen von Goya, Piranesi, Hopper und Dürers Rhinozeros, dem das Kupferstichkabinett am Berliner Kulturforum bereits eine Ausstellung widmete. Kentridges gezeichnete Rubics sind politische Comics und Schlagwortkataloge des Vertical Thinking und enthalten auch so wunderbare deutsche Begriffe wie „Torschlusspanik“.

Eines der Höhepunkte ist aber sicher der ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Philip Miller entstandene über sieben Leinwände laufende Videofries More Sweetly Play the Dance, in dem Kentridge mehrere Gruppen von Protagonisten beginnend mit einer Marching-Brass-Band durch eine schwarz-weiß gezeichnete Traumlandschaft laufen lässt. Die 45 Meter lange filmische Projektion ist Parade, politische Demonstration und Flüchtlingsstrom gleichermaßen. Ein prozessionsartiger Totentanz schattenartiger Figuren mit dem William Kentridge sein Heimatland Südafrika als Gesellschaft in Transformation reflektiert. Am späten Abend wird das Video dann auch an die Fassade des Hauses der Berliner Festspiele projiziert.

***

Paper Music
Ein Ciné-Concert von William Kentridge und Philip Miller
Deutsche Erstaufführung am 05.07.2016 im Lichthof des Martin Gropius Baus
Video: William Kentridge
Musik: Philip Miller
Kostümbild: Greta Goiris
Technische Leitung: Michele Greco
Mit: Ann Masina, Joanna Dudley (Gesang) und Vincenzo Pasquariello (Klavier)
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/fa16_programm/fa16_programm_gesamt/fa16_veranstaltungsdetail_168213.php

No it is! – William Kentridge
12.05. – 21.08.2016
Martin-Gropius-Bau

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/berlinerfestspiele/ueber_uns_bfs/aktuell_bfs/start.php

Zuerst erschienen am 08.07.2014 auf Kultura-Extra.

__________

Das Wiener Leopold Museum vergleicht Plastiken von Wilhelm Lehmbruck und Berlinde De Bruyckere mit Papierarbeiten von Egon Schiele und Joseph Beuys

Dienstag, Mai 31st, 2016

___

Lehbrucl-De Bruyckere_LEODas LEOPOLD MUSEUM in Wien steht derzeit ganz im Zeichen der Skulptur. Während im Untergeschoss des Hauses im Museumsquartier dem deutschen Bildhauer und Begründer der plastischen Moderne Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) eine Retrospektive gewidmet wird, hat man im Erdgeschoss die Hausheiligen des Wiener Jugendstils Gustav Klimt und Koloman Moser ausgeräumt und Platz für die Personale Suture (Naht) der belgischen Bildhauerin Berlinde De Bruyckere (geb. 1964) geschaffen. Einen weiteren Magneten der Sammlung Leopold wird man aber in den letzten beiden Räumen der Lehmbruck-Retrospektive wiederfinden. Der neue Direktor des Leopoldmuseum und Kurator der Ausstellung Hans-Peter Wipplinger stellt dort den gezeigten 50 Skulpturen sowie 100 Zeichnungen und Radierungen des Duisburger Bildhauers den Wiener Expressionisten Egon Schiele (1890-1918) gegenüber, und auch zum Werk der Belgierin De Bruyckere sieht Wipplinger erstaunliche Parallelen. Wie gut die Bronzeplastiken Lehmbrucks mit den Wachsskulpturen von De Bruyckere und den Zeichnungen Schieles korrespondieren, eine künstlerische Gemeinschaft bilden, die physischer Materialität auch eine seelische entgegensetzt, wird man sich hier überzeugen können.

*

Und noch ein vierter Künstler ist mit in Bunde: Der deutsche Aktionskünstler, Bildhauer und Zeichner Joseph Beuys (1921-1986), der im letzten Teil der Ausstellung in einem Video seiner Dankesrede für den Wilhelm-Lehmbruck-Preis kurz vor seinem Tod 1986 eine Lanze für die Plastik bricht, indem er Lehmbrucks den Satz, „dass Plastik alles ist,(…) schlechthin das Gesetz der Welt“nahelegt und in Bezug zu Lehmbrucks Werk weiter ausführt: „Man kann sie nur erfassen mit einer Intuition, wobei einem ganz andere Sinnesorgane ihr intuitives Tor offen machen, und das ist vor allen Dingen das Hörende – das Hörende, das Sinnende, das Wollende, das heißt, es sind Kategorien in seiner Skulptur vorhanden, die niemals vorher vorhanden waren.“ Lehmbruck – und das stellt diese Retrospektive Raum für Raum klar – überwand bei seinem Ringen um die neue Form nicht nur den wilhelminischen Naturalismus seiner Lehrjahre an der Düsseldorfer Kunstakademie, er versuchte auch, gegen den Dualismus von Körper und Geist im Sinne einer Vergeistigung der menschlichen Figur, eine neue Spiritualität in der Plastik zu schaffen. Flankierend sind an den Wänden des Raums Beuys‘ Zeichnungen aus der Kölner Mappe von 1957 und andere fragmentarische Aktdarstellungen gehängt.

 

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien - Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien – Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

 

Lehmbruck als Sohn einer einfachen Bergarbeiterfamilie hatte früh ein Auge für Leid und Elend, was ihn auch in die Nähe von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach rückt, die ihm hier im ersten Teil der Ausstellung über die frühen Jahre Lehmbrucks mit bildhauerischen Werken gegenübergestellt sind. Er orientierte sich aber vor allem am idealistischen Maler Hans von Marées, den Bildhauern August Rodin und Aristide Maillol sowie an den Künstlern, die er in seiner Pariser Zeit bis zum Ersten Weltkrieg kennenlernte. Ein weiteres Vorbild war der Bildhauer und Maler Georg Minne, dessen Kniender Knabe (1897) hier neben Lehmbrucks Bronzeskulptur Kniende (1911) steht. „Das Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“, wie es der Schriftsteller Theodor Däubler formulierte. Hier sind schon alle Merkmale des späteren Werks vereint: geometrische Figur, schlanke Gliedmaßen, geneigter und überdimensionierter Kopf. Die maßvolle, asketische Form eines reflektierten Geistes.

Der Impuls des Aufbruchs, das Streben nach Höherem und die Hoffnung eines neuen Menschenbildes, die hier in den beiden Skulpturen der Großen Sinnenden (1913) und des Emporsteigenden Jünglings (1913/14) vereint sind, finden mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein jähes Ende. Der allgemeinen nationalen Euphorie kann sich der zum Sanitätsdienst und als Kriegsmaler eingezogene Lehmbruck nicht anschließen und nimmt mit seiner Figur Der Gestürzte (1915) an einem Wettbewerb für ein Kriegerdenkmal in Duisburg teil. Die Folge sind Unverständnis und harsche Ablehnung, während Lehmbruck weiter Grafiken und Öl-Tempera-Bilder von Verzweiflung, Vernichtung, Leid und Untergang schafft. In einem Gedicht äußert der Künstler erste Selbstmordgedanken: „Habt ihr, die so viel Tod verbreitet, / Habt ihr nicht auch den Tod / Für mich?“

 

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien - Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien – Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

 

Lehmbruck floh 1915 ins Exil nach Zürich. Es folgten Freundschaften und ein reger Austausch mit Schriftstellern und Künstlern wie Elsa Lasker Schüler, René Schickele, Iwan Goll und Hugo Ball sowie eine unglückliche Liebe zur österreichischen Schauspielerin Elisabeth Bergner, die Lehmbruck mehrfach portraitierte. Hier ist u.a. die Büste der 19-jährigen als erratisch entrückte Betende (1918) und ein Zyklus von düsteren Illustrationen zu Shakespeares Königsdrama Macbeth (1918) zu sehen.

„Körper als Fragment“ ist die Zürcher Zeit vor dem frühen Freitod Lehmbrucks im Jahre 1919 überschrieben. Sein plastisches Werk reduzierte sich nun mehr und mehr in Richtung Torso. Und hier kommen dann auch verstärkt die Vergleiche zur Bildhauerin Berlinde de Bruyckere mit ihren an die christliche Ikonografie angelegten Torsi aus Wachs, Kunstharz und Haar sowie Schieles fragmentarischen Selbstbildnissen mit ausgemergeltem Körper. Lehmbrucks Radierung Der verwundete Genius (1919) in Gestalt eines gestürzten Engels hängt hier neben der Skulptur Gefesselter Prometheus des Bildhauers Gerhard Macks, die dieser 1948 nach dem Ende der totalitären Herrschaft des Nationalsozialismus schuf. Lehmbruck porträtiert sich 1918 nochmal wie in einem „metaphorischen Selbstbildnis“ als Kopf eines Denkers. Eine Büste, die die Dominanz des Geistigen gegenüber dem Leib als Hort des Triebes veranschaulichen soll.

*

BERLINDE DE BRUYCKERE, Aanéén-genaaid - 2002 © Privatsammlung, Belgien, Foto Mirjam Devriendt

Berlinde De Bruyckere, Aanéén-genaaid – 2002 © Privatsammlung, Belgien, Foto Mirjam Devriendt

Existentielle Probleme des Menschseins bewegen auch Berlinde De Bruyckere. In der Ausstellung im Erdgeschoss kann man sich vertiefend ihren Werkgruppen widmen, in denen die Bildhauerin motivisch die „christliche Schmerzenskultur“ reflektiert. So wie in Lehmbrucks Werk, steht auch bei De Bruyckere der Wunsch körperliches Leid, Schmerz und menschliche Verletzlichkeit erfahrbar zu machen, im Zentrum des plastischen Schaffens. Beispielhaft dafür ist die lediglich auf Kissen gebettete Skulptur Piëta von 2007-2008. Wie in der Ausstellung betont, sind De Bruyckeres Wachs-Skulpturen in ihrer Form deshalb so stark abstrahiert, um die Zeitlosigkeit menschlicher Befindlichkeiten weg von der christlichen Tradition zu verdeutlichen. Besonders anschaulich wird das in der Skulptur San S. von 2003-2004, die nur auf die gekreuzten Beine des Heiligen reduziert ist.

Ein weiteres zentrales Motiv in den Plastiken De Bruyckeres ist die Naht. Nackte, schutzsuchende Figurentorsi wie Aanéén-genaaid (2002) scheinen dabei wie mit Decken vernäht. Die Polarität von Leben und Tod, Liebe und Einsamkeit zeigt sich vor allem in den Werken Into One-Another V To P.P.P. von 2011 oder Eén von 2003-2004, bei dem sich in voneinander separierten Glasvitrinen Körpertorsi förmlich zu durchdringen scheinen. Symbolisch das menschliche Innere nach außen stülpt De Bruyckere in ihrer plastischen Installation Inside Me II von 2010-2011. Teilweise inspiriert von Fotos aus dem Ersten Weltkrieg sind ihre Zeichnungen und Skulpturen eine durchaus anschauliche Ergänzung zum humanistisch geprägten Lebenswerk von Wilhelm Lehmbruck.

***

WILHELM LEHMBRUCK
Retrospektive
08.04. – 04.07.2016
Leopold Museum im Museumsquartier Wien
Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Lehmbruck Museum Duisburg

BERLINDE DE BRUYCKERE
SUTURE
08.04. – 05.09.2016
Leopold Museum im Museumsquartier Wien

Infos: www.leopoldmuseum.org/de

Zuerst erschienen am 27.505.2016 auf Kultura-Extra.

__________