Archive for the ‘Kunst’ Category

Luther! 95 Schätze – 95 Menschen – Eine zweiteilige Ausstellung im Lutherhaus Wittenberg zeigt wie der junge Mönch zum großen Reformator wurde

Freitag, Juli 28th, 2017

___

„Die volle Wucht der Reformation“ sollen in diesem Luther-Jubiläumsjahr drei Nationale Sonderausstellungen in Berlin, Eisenach und Lutherstadt Wittenberg verbreiten. Die Ausstellungsverantwortlichen haben sich deshalb wohl auch das Symbol des Thesen-Hammers als Marketinglogo auserkoren. Das sieht dann leider etwas nach Holzhammermethodik aus, preist man diese drei Jubiläumsschauen doch sogar als „Großereignis, das durch Umfang und Vielfalt das globale Wirkungsmaß der Reformation widerspiegelt“. Zumindest mit der Ausstellung Der Luthereffekt im Martin-Gropius-Bau Berlin hat das KuratorInnenteam diesbezüglich nicht ganz danebengehauen.

* *

An der ehemaligen Wirkungsstätte des Reformators im Augusteum Wittenberg beschäftigt sich die Ausstellung Luther! 95 Schätze – 95 Menschen nun eher mit dem Menschen Martin Luther. Und das mit Ausrufezeichen. Den BesucherInnen soll im ersten Teil zunächst anhand von 95 ausgewählten Kunstschätzen aus der Zeit der Reformation nahe gebracht werden, wie Luther zum Reformator wurde, was er sich erhoffte, was ihn prägte und antrieb seine Ziele umzusetzen. Im Grunde folgt man hier Luthers Lebensweg vom jungen Augustinermönch über die Stationen Kloster, Theologiestudium, Romreise, Professur in Wittenberg, Thesenanschlag, Auftritt beim Reichstag zu Worms bis zum Bibelübersetzer und Verfasser zahlreicher Schriften.

Am Beginn steht natürlich das Erweckungserlebnis des jungen Jurastudenten Luther, der 1505 bei einem Gewitter in Lebensgefahr geraten, zur heiligen Anna betete und verspracht ins Kloster einzutreten. „Vom Himmel durch Schrecken gerufen, bin ich Mönch geworden.“ Damit widersetzt er sich auch seinem autoritären Vater, einem Bergbauunternehmer, den Luther dennoch sehr verehrte und dem er später in einem Brief seine Beweggründe als notwendigen Schritt zum wahren, dem Evangelium des Glaubens erklärte. Bis dahin durchschritt Luther aber eine lange Phase der Ängste und Zweifel, Gott nicht zu genügen. Das sind durchaus typische Auffassungen für das ausgehende Mittelalter mit seiner Jenseitsangst und Darstellungen von Tod und Teufel. Beispielhaft dafür stehen hier ein in Lindenholz geschnitzter Tod in Mönchskutte, oder ein Weltgerichtsaltar, Rosenkranztafeln, zahlreiche Christkindfiguren und Reliquiengefäße.

 

Lucas Cranach d.Ä., Das goldene Zeitalter – Foto (c) Anne Hansteen Jarre, Nasjonalmuseet for Kunst, Arkitektur og Design Oslo

 

Durch die exzessive Beschäftigung mit der Bibel, der Auseinandersetzung mit den Zehn Geboten und dem Studium bei seinem Lehrer Johann von Staupitz, dessen Schrift Von der Liebe Gottes hier ausgestellt ist, vollzieht sich „Luthers innere Wandlung“ hin zu einem Glauben an die Gnade Gottes, die Liebe und die Freiheit des Christenmenschen. Er bezieht sich dabei unmittelbar auf das Hohelied der Liebe aus den Korintherbriefen des Paulus im Neuen Testament. Luthers Weg geht nun unbeirrt über die 95 Thesen wider den Ablass bis zur Weigerung des Widerrufs vor dem Wormser Reichstag. Die Ausstellung feiert das als Gewissenstat. „Mein Gewissen ist frei geworden, das heißt gründlich frei.“ Während man den Worten Luthers lauscht, sieht man seine Kutte in einer Vitrine.

In Schiften, Bildern und Alltagsgegenständen wird Luther als energischer Verfechter seiner Ansichten dargestellt. Man liest über seine Auffassungen zur Jungfrau Maria, zur Ehe und erotischen Liebe anhand von Beispielen seiner Lektüre wie etwa Ovids Remedia amoris, einer Anleitung beim Ende von Liebesbeziehungen über die Schmerzen hinwegzukommen, was Luther für ungeeignet zum Schutz vor der sexuellen Versuchung hielt. Ansonsten war Luther nicht faul seine Gegner wie etwa Papst Leo X. entsprechend scharf anzugehen. Er nutzte dazu Polemik und Satire, wie etwa Hermann Botes Till Eulenspiegel. Davon zeugen auch zeitgenössische Darstellungen seiner Gegner mit Tierköpfen oder ein Holzschnitt, der Luther als Hercules Germanicus zeigt, der mit der Keule gegen die Autoritäten der römischen Kirche vorgeht. „Je mehr jene wüten, desto weiter gehe ich vor.“ Für Luther waren der Heilige Georg und Johannes der Täufer zeitlebens wichtige Figuren. Der Reformator besaß ein unnachgiebiges Sendungsbewusstsein.

 

sogenannter Schreibkasten Luthers, 1. Hälfte 16. Jh.
Angermuseum Erfurt, Foto (c) Dirk-Urban

 

Luther geißelte nicht nur den Katholizismus. Seine Schriften zu den Juden und Türken sind bekannt, auch wenn sie in dieser Jubelschau mal wieder zu kurz kommen. Dafür gibt es einige Portraits von Luthers Wittenberger Leibmaler Lucas Cranach d. Ä. zu sehen. Sie zeigen Freunde und Förderer wie die Wettiner Herrscherbrüder Friedrich der Weise und Johann der Beständige, ein Portrait Luthers im Kreise der Wittenberger Reformatoren von Lucas Cranach d. J., oder das berühmte Gemälde Das goldene Zeitalter von Cranach d. Ä., eine Leihgabe aus der Nationalgalerie Oslo. Dieses Sinnbild des humanistischen Ideals sah Luther eher als Zeichen der Endzeit, einer Wiederkehr Christi und einer neuen Schöpfung. Das Zeitalter der Renaissance brachte auch neue wissenschaftliche Theorien hervor. Nur hielt Luther angeblich nicht viel von Kopernikus‘ Weltbild und in Kolumbus‘ Entdeckung Amerikas sieht er nur eine weitere Möglichkeit die frohe Botschaft des Evangeliums auch in der neuen Welt zu predigen. Hier zeigt sich sicher nicht ganz unbewusst die Parallele zur Berliner Ausstellung Der Luthereffekt mit dem Blick auf die territoriale und missionarische Eroberung der Welt.

Am Ende des ersten Teils zeigt die Ausstellung dann noch Luther als Erfolgsautoren, der die Möglichkeiten des Buchdrucks zu nutzen verstand. Man sieht sein hölzernes Schreibkästchen und andere Utensilien sowie Auszüge aus Schriften und Briefen, wie etwa seinem Testament, in dem er als Zeuge des Evangeliums in Erinnerung bleiben möchte, und die weltliche Obrigkeit bat, den Prozess der Reformation fortzusetzen. So sehr Luther auch an die Befreiung des Menschen vor Gott glaubte, so verfangen war er in seinem Obrigkeitsdenken. Seine Ablehnung von weiterführenden gesellschaftlichen Veränderungen haben u.a. die Bauern und die Täufer schmerzlich erfahren müssen.

*

Thesennägel mit Köpfen macht die Ausstellung dann im Zweiten Teil. Das Ausstellungsteam hat lange recherchiert und 95 mehr oder weniger bekannte Köpfe aus 5 Jahrhunderten versammelt. Es sind Persönlichkeiten aus Kunst, Politik, Religion, Wissenschaft und Wirtschaft, die sich unabhängig von Glauben oder Weltanschauung in ihren Worten und Werken auf Martin Luther berufen, oder sich von seinem Wirken positiv wie negativ inspirieren ließen. Passend zur Charakterisierung des Reformators im ersten Teil lassen sie sich gut in Gewissens-, Geistes-, Tat- oder Machtmenschen einteilen.

 

Thesenanschlag Martin Luther Kings 1966 in Chicago – Foto (c) John Tweedle; John Tweedle Foundation, All Rights Reserved

 

Da wäre natürlich zu allererst der schwarze US-amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King, der seinem Wittenberger Namensvetter folgend 1966 zumindest 48 Thesen zu den unmenschlichen Wohnbedingungen in den Chicagoer Schwarzengettos an die Tür des dortigen Rathaus heftete. Wie schon in Berlin ist der schwedische Regisseur Ingmar Bergman Zeuge eines kritischen Umgangs mit der lutherischen Religion. Für ihn zählt allein die irdische Heiligkeit des Menschen. Der Maler Max Beckmann bekennt: „Meine Religion ist Trotz gegen Gott, dass er uns so geschaffen hat, das wir uns nicht lieben können.“ Und der Dadaist Hugo Ball ruft: „Erlösen wir uns von den Erlösern.“

Als „Staatsbürger mit Gewissen“ zeigt die Ausstellung den Whistleblower Edward Snowden. Und auch Friedrich Bonhoeffer und Sophie Scholl leisten Widerstand gegen den Faschismus aus einer inneren Überzeugung der Freiheit und Nächstenliebe. Als nationalistisch befeuerter Idealist steht der Dichter Ernst Moritz Arndt. Wogegen Apple-Gründer Steve Jobs wohl die Religion des modernen Arbeitsmenschen symbolisiert. Sein Gegenpart dürfte Künstler Bruce Naumann sein, der das lutherische Arbeitsethos mit seinem Video Bouncing in the Corner ad absurdum führt.

 

Lutherdarstellungen von Karl Bauer – Foto (c) Thomas Bruns

 

Die US-amerikanische Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton kritisiert Luthers Bibelübersetzungen als frauenfeindlich und legt 1895 ihre Woman’s Bible vor. „Zuerst Mensch und dann Christ.“ ist die Maxime des dänischen Schriftstellers, Philosophen und Pfarrers N. F. S. Grundtvig, der sich im 19. Jahrhundert um eine Reform der evangelischen Kirche bemüht. Seine völkisch-mythischen Ideen sind heute allerdings auch Anknüpfungspunkte für rechtsnationale Bewegungen.

Ob Wissenschaftlerin Lise Meitner, Filmemacher Michael Haneke, KünstlerInnen und SchriftstellerInnen wie Käthe Kollwitz, Edward Munch, Ricarda Huch und Astrid Lindgren, oder Philosophen wie Nitzsche und Kierkegaard, es ist müßig alle Personen im Einzelnen aufzuzählen. Man kann hier ganz für sich auf die Suche gehen, von dem einen oder anderen Gedanken inspirieren lassen, oder auch nur erstaunt mit dem Kopf schütteln. Das Karl May seinen Winnetou für eine Christen hielt, ist eine lässliche Binse, ebenso darf man das christlich motivierte Sendungsbewusstsein von Zeitungsmogul Axel Springer bezweifeln. Aber auch an einen modernen Märtyrer erinnert die Ausstellung mit dem evangelischen Pfarrer Oskar Brüsewitz, der sich aus Protest gegen die Unterdrückung der Kirche in der DDR 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz selbst verbrannte.

* *

Wem das noch immer nicht genug ist, der kann allein, oder mit der ganzen Familie im Obergeschoss in der Mitmachausstellung „Der Mönch war’s!“ auf eine spannende Zeitreise ins spätmittelalterliche Wittenberg gehen. Luthers Hund Tölpel lädt ein, in über acht Stationen mittels Klang, Geruch, Bild, Sprache, Musik und Erzählung ein sehr persönliches Bild vom Leben des Mönches Martin Luther zu gewinnen. Dort kann man dann auch seine ganz persönlichen Thesen auf Papier stempeln.

***

Luther! 95 Schätze – 95 Menschen
13.05.2017 – 05.11.2017
Eine Ausstellung der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt
im Augusteum am Lutherhaus
Collegienstraße 54
06886 Lutherstadt Wittenberg

Öffnungszeiten: täglich 9 – 18 Uhr

Tickets sind an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gültig, auch für die Mitmachausstellung Der Mönch war’s! und das Lutherhaus. Einzelticket 12 Euro, ermäßigt 8 Euro, Schüler 5 Euro, Kinder bis 6 Jahre frei. Bei Gruppen ab 10 Personen zahlt jeder 10 Euro, Gruppenführung 75 Euro plus Eintritt, Dauerkarte 80 Euro, Kombiticket für alle drei Nationalen Sonderausstellungen 24 Euro, Kombiticket Gruppen 21 Euro pro Person, Audio-Guide 3 Euro, öffentliche Führungen 4 Euro plus Eintritt.

Weitere Informationen: https://www.3xhammer.de/wittenberg/luther-95-schaetze-95-menschen/

Zuerst erschienen am 26.07.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Der Luthereffekt – Eine Ausstellung zum Reformationsjubiläum im Martin-Gropius-Bau zeigt am Beispiel von Schweden, den USA, Korea und Tansania den Einfluss von 500 Jahren Protestantismus in der Welt

Mittwoch, Juli 26th, 2017

___

Deutschland befindet sich im Lutherjahr. 1517 nagelte der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen gegen das Ablasswesen an die Wittenberger Kirchentür, was nun 500 Jahre später mit einigen Jubiläumsausstellungen quer durch die reformierten Lande begangen wird. Das Deutsche Historische Museum Berlin gedenkt im Martin-Gropius-Bau dem Beginn der Reformation mit der breit angelegten Schau Der Luthereffekt. Es ist eine von drei nationalen Sonderausstellungen, die in diesem Jahr einen umfassenden Überblick über die Reformation und ihre Folgen bieten. In der Lutherstadt Wittenberg zeigt die Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt Luther! 95 Schätze – 95 Menschen. Die Wartburg-Stiftung in Eisenach widmet sich dem Thema Luther und die Deutschen.

* *

Im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus wird auf rund 3.000 Quadratmetern das Wirken der sich von deutschen und anderen europäischen Nachbarlanden über vier Kontinente ausbreitenden Reformation am Beispiel von Schweden, den USA, Korea und Tansania präsentiert. Im Wandelgang um den Lichthof bekommen die BesucherInnen einen Überblick über die Ursprünge der europäischen Reformationsgeschichte beginnend bei den Kirchenkritikern John Wycliff und Johannes Hus, die bereits vor Luther die Mitgestaltung des kirchlichen und religiösen Lebens durch Laien forderten. Die Schau verschweigt auch nicht, dass es verschiedene europäische Reformwege, etwa die der anglikanischen Kirche in England oder die eidgenössische Reformation unter Zwingli und Calvin, gab.

Anhand von in Schaukästen ausgestellten Texten, Gegenständen der Religionsausübung und Kunstwerken aus der Zeit der Reformation in Europa werden die Veränderungen im Alltag der Menschen des 16. Jahrhunderts erklärt. Die neuen Glaubensvorstellungen wie etwa der Wegfall des Zölibats und die von Luther propagierte Aufwertung der Ehe, beeinflussten Kultur und Gesellschaft. Es kam nicht nur zur Umgestaltung der Kirchenräume und Gottesdienste, sondern auch zu offenen Konflikten mit der katholischen Kirche, was schließlich zum Dreißigjährigen Krieg zwischen der kaiserlichen Katholischen Liga und der Protestantischen Union von Kurfürsten lutherischer Konfession führte. Aber auch die verschiedenen Reformrichtungen machten sich untereinander Konkurrenz. Es kommt zur Herausbildung mehrerer protestantischer Glaubensrichtungen.

 

Martin Luther im Kreise von Reformatoren, 1625-1650
(c) Deutsches Historisches Museum

 

Hier fehlt dem interessierten Laien dann doch etwas die Orientierung, auch wenn der kostenfrei gereichte Multimedia-Guide in Form eines kleinen Tablets mit angeschlossenen Kopfhörern einiges an Wissenswertem über Luther und den Weg der Reformation in Europa vermittelt. Eine darüber hinausgehende kritische Betrachtung des Reformators und seiner Texte zum Beispiel über die Juden erfolgt allerdings nur am Rande. Das Bild der Frau und ihr Wirken in der Reformation werden ebenfalls nur kurz gestreift. Hier ist es nicht etwa die ehemalige Nonne Katharina von Bora (Cranachs Doppelgemälde Luthers und seiner Frau hängt in der Ausstellung), sondern die Altenburger Reformatorin Ursula Weyda, die mit ihren prolutherischen Flugschriften für das Einmischen von Frauen in die Reformation sorgte. Ansonsten hatten auch evangelische Frauen den Platz an der Seite ihres Mannes einzunehmen und sich seiner Führung unterzuordnen.

Zu erwähnen wäre noch die Licht-Klang-Installation ÜBERGANG des Berliner Künstlers Hans Peter Kuhn. Eine den Lichthof durchschneidende, sich spiralförmig windendende Doppelhelix-Skulptur aus Aluminiumrohren, die mit einer 16-kanaligen Klangkomposition die Spaltung der Kirchenlehren audiovisuell erfahrbar machen soll. Der Wechsel vom katholischen ins protestantische Weltbild wird im Genesismodel der Chromosomen als Bausteine des Lebens sichtbar. Irdische Horizontale und göttliche Vertikale verändern sich im Protestantismus, der den direkten Zugang der Gläubigen zu Gott erleichterte, dafür aber strengere irdische Regeln aufstellte, denen man sich nicht wie im Katholizismus durch Beichte und Sündenerlass entziehen konnte. Was aber auch andeuten soll, dass beide Konfessionen auch weiterhin untrennbar miteinander verbunden sind.

*

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt aber klar in der Verbreitung der neuen reformierten Glaubenslehren in Europa und über den Kontinent hinaus. Durch den ab 1539 in Wittenberg studierenden und späteren Reichsrat Carl Holgerson Gera verbreiteten sich Luthers Schriften sehr rasch im Königreich Schweden. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts bildete sich dort die erste lutherische Staatskirche heraus. Militärische Erfolge in den europäischen Feldzügen feierte der schwedische König Gustav II. Adolf als nationale Triumphe des Glaubens. Entsprechende Reliquien und Devotionalien sind in der Abteilung ausgestellt. Schweden wird zur lutherischen Großmacht in Europa. Die schwedische Zentralkirche drängt freie pietistische Glaubensvereinigungen zurück und zwangsmissioniert die im Norden lebende Urbevölkerung der Sámi. Als Zeuge des zunehmend in Schweden herrschenden Katechismus aus Sünde, Bekenntnis, Strafe, Vergeltung und Gnade führt die Ausstellung den schwedischen Regisseur Ingmar Bergmann, bekannt durch seine zahlreichen Filme zum Thema, wie etwa Fanny und Alexander.

 

Apothese Koenig Gustavs II. Adolf, um 1650
(c) Nationalmuseum Stockholm, Schweden

 

Die Utopie eines sich tolerant gebenden Gottesstaats versuchen im 17. Jahrhundert europäische Auswanderer in Amerika zu leben. Neben den in den englischen Kolonien vorherrschenden Puritanern, Anglikanern und Presbyterianern gründen wegen ihres Glaubens in Europa verfolgte reformierte Glaubensgemeinschaften wie die Quäker, Herrnhuter, Amische oder Mennoniten unter dem Quäker William Penn in Pennsylvania eine neue Kolonie als „Holy Experiment“. Die dort gelebte Glaubensfreiheit und Toleranz fand in der Einstellung zu Sklaverei und Rassismus allerdings auch ihre Grenzen. Die zunehmende christliche Missionierung ging vor allem mit einer territorialen Expansion in den Westen, ins sogenannte „gelobte Land“ der amerikanischen Ureinwohner einher. Indigene Konvertiten sind die „First Fruits“ der sich als erwähltes Volk sehenden Neuamerikaner. Weiterhin beschäftigt sich dieser Ausstellungsteil noch mit den in Folge der durch die Verfassung der USA garantierten Glaubensfreiheit wie Pilze aus dem Boden schießenden Frei- und Erweckungskirchen sowie ihren übers Land ziehenden Wanderpredigern. Zusammenfassend lässt sich die Wirkung des Protestantismus bei der Herausbildung der amerikanischen Nation ganz gut mit den Worten Abraham Lincolns zusammenfassen: „Intelligenz, Patriotismus, Christentum und ein starkes Vertrauen in ihn, der dieses bevorzugte Land noch nie verlassen hat, befähigen uns immer noch, uns an gegenwärtige Schwierigkeiten anzupassen.“ Kurz gesagt: „In God we trust.“

Europäische und amerikanische Missionare sind es auch, die den protestantischen Glauben nach Afrika und Asien bringen. Besonders in Tansania zu deutschen Kolonialzeiten und im Korea des ausgehenden 19. Jahrhundert fällt dies auf fruchtbaren Boden. In Tansania leben heute neben 40 Prozent Muslimen ebenso viele Protestanten. Die dortige evangelisch-lutherische Kirche ist nach der schwedischen die zweitgrößte lutherische Kirche der Welt und im Gegensatz zu Deutschland weiter im Wachsen begriffen. Die Ausstellung dokumentiert in Exponaten und Fotografien die Geschichte wie auch das heutige Gemeindeleben als ein sehr reges an eigenen religiösen Riten wie dem „Faith Healing“ reiches Gemeinwesen, das auch Ausdruck eines wachsenden Selbstbewusstseins ist.

 

Erzengel Gabriel kündigt der Jungfrau Maria die Geburt Christi an – Kim Ki-chang, um 1950.  (c) Seoul Museum

 

Korea wird dann noch geradezu als „Boomland des Protestantismus“ gefeiert. Die christlichen Werte des Westens lassen sich besonders gut in leistungsorientierte Gesellschaften integrieren. Der Anteil der evangelischen Christen beträgt heute etwa 20 Prozent. Besonders presbyterianische Missionare mit ihrer Glaubenslehre „Du bist ein Sünder“ bekehrten die nach einer Erneuerung der konfuzianischen Lehre suchenden Koreaner zum Christentum. Interessant ist vor allem der in diesem Teil gezeigte Bilderzyklus Das Leben Jesu Christi. Der südkoreanische Künstler Kim Ki-chang malte die bekannten Bibelszenen in traditioneller koreanischer Umgebung, als wäre der christliche Erlöser ein asiatischer Gelehrter. Betont wird auch der Beitrag der evangelischen Kirche am Befreiungskampf gegen die japanische Besatzung. Sie war allerdings anfangs auch Stütze des südkoreanischen Militärregimes. So wie das Land in Nord- und Südkorea geteilt ist, herrscht auch in der südkoreanischen Kirche eine Spaltung in einen konservativen und liberalen Zweig, der die „Schlüsselfrage“ nach der Wiedervereinigung sowie soziales und politisches Engagement gegen das Nationale Sicherheitsgesetz von 1991 noch nicht ganz ad Acta gelegt hat.

*

Insgesamt ist die Ausstellung in den Überseebereichen sehr informativ und – was das heutige protestantische Leben betrifft – auch recht gegenwartsbezogen gestaltet, was man sich auch für den europäischen Teil und die Wirkung der Reformation im heutigen Deutschland gewünscht hätte. Aber dafür muss man dann wohl an die einstige Wirkungsstätte des deutschen Reformators nach Wittenberg fahren. Allerdings scheint, wie erste Publikumserhebungen zeigen, das Interesse an Luther und dem unter seinem Namen ausgerufenem Jubiläumsjahr wohl doch nicht so hoch zu sein, wie erwartet.

***

Der Luthereffekt
500 Jahre Protestantismus in der Welt
12. April bis 5. November 2017
Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums im Martin-Gropius-Bau, Berlin, Veranstalter Stiftung Deutsches Historisches Museum

 Mehr Informationen: https://www.3xhammer.de/de/berlin/der-luthereffekt/

Öffnungszeiten:
MI bis MO 10:00–19:00
DI geschlossen
Sonderöffnungszeiten:
DI 3. und 31. Oktober 2017
von 10:00–19:00 geöffnet

Multimedia-Guide: Kostenfrei
Der Guide ist erhältlich für Kinder und Erwachsene in Deutsch und Englisch. Er enthält deutsche Audiodeskriptionen sowie Informationen in Einfacher Sprache und in Deutscher Gebärdensprache

Eintritt:
€ 12 / ermäßigt € 8
Gruppen (ab 10 Personen) p. P. € 10
Schülergruppen p. P. € 8
Eintritt frei bis 16 Jahre
Kombiticket (alle drei Nationalen Sonderausstellungen in Berlin, Wittenberg und Eisenach): € 24,
Kombiticket Gruppe: € 21 p. P.

Zuerst erschienen am 22.07.2017 auf Kultura-Extra.

__________

IMMERSION – Die neue Programmreihe der Berliner Festpiele zeigt interdisziplinäre Ausstellungen und Performances (Teil1)

Dienstag, Juli 11th, 2017

___

Die Ausstellung Limits of Knowing kämpft im Martin-Gropius-Bau mit der Nichterkennbarkeit der Welt

(c) Berliner Festspiele

Vergangenen Sonntag haben die Berliner Festspiele ihr neues interdisziplinäres Kunst- und Theaterformat IMMERSION gestartet. Mit der Ausstellung Limits of Knowing im Martin-Gropius-Bau wollen die Veranstalter sogenannte sensorische Ansätze in Kunst und Wissenschaft untersuchen und diese beiden Felder miteinander verbinden, wie es heißt. Weiter steht dazu im Begleitkatalog: „Immersive Kunstwerke – ob sie nun mit technischen Apparaturen Sensoren (VR-Brillen, Overalls mit Sensoren, Smartphones, Stroboskopen) oder mit analogen Mitteln arbeiten – können wissenschaftliche Erkenntnisse und Problemstellungen in Erfahrungen übersetzen, die einer ungewöhnlichen Logik folgen. Sie locken uns Zuschauer*innen aus der Rolle der Betrachter*innen und laden uns in eine sensorische Erfahrungswelt ein, in der sie das Außen kurzzeitig vergessen.“ Vorausgesetzt natürlich, man ließe sich auch von diesen etwas kryptischen Beschreibungsversuchen locken.

Die „Immersion“, also das buchstäbliche Eintauchen in ein auf beschriebene Weise erzeugtes Kunstwerk, erfordert ein stückweit die Bereitschaft der potentiellen KonsumentInnen, sich jenseits der „klassischen Erkenntnistheorie“ auch direkten physischen Erfahrung auszusetzten und dabei durch rein sinnliche Empfindungen leiten zu lassen. Es spielt dabei zunächst auch keine Rolle, ob man direkt interagiert oder sich nur passiv treiben lässt. Wichtig scheint den KünstlerInnen lediglich die „Theorie der Unerkennbarkeit“, was bedeutet, dass sich diese neuen Phänomene nicht mit alten, verbrauchten Begriffen erfassen und beschreiben lassen. Dabei soll es vor allem auch um das Befremden, Verblüffen und die Hinterfragung unserer Wahrnehmung von Wirklichkeit gehen.

 

RHIZOMAT VR(c) Mona el Gammal

 

Das sieht dann in den Ausstellungsräumen im 1.Stock des Martin-Gropius-Bau zunächst mal wie eine ganz normal kuratierte Schau zeitgenössischer bildender Kunst mit interdisziplinärer Ausrichtung aus. Der erste Raum befasst sich mit dem sogenannten „Narrative Space“ RHIZOMAT der deutschen Künstlerin Mona el Gammal, den sie bereits 2016 im Rahmen der Vorbereitungen auf das neue Format IMMERSION in Berlin vorstellte. Dabei konnte das Publikum einzeln in den von der studierten Szenografin gestalteten Räumen eines alten Gebäudes, dessen Lage nur Eingeweihten bekannt war, wandeln und einer dystopischen Geschichte um Gedankenkontrolle und eine Untergrundgruppe, die gegen ein monopolisierendes, unterdrückendes und überwachendes global ausgerichtetes Unternehmen kämpft, folgen. Dieses begehbare Szenario wurde nun für die Ausstellung in den 360°-Film RHIZOMAT VR verlängert. In einem kleinen abgeplanten Pavillion kann man auf einem Drehstuhl sitzend diesen 12minütigen Film durch eine Virtual-Reality-Brille ansehen. Die Story klingt ein wenig wie Matrix, ist in diesem inhaltlich recht begrenzten Schnuppervideo aber lediglich ein technisch durchaus perfektes Schmankerl, wenn nicht die Handys in den VR-Brillen heiß laufen.

 

Chris Salte: Haptic Field – Shanghai, Chronos Art Centre (CAC) – Foto (c) Aina Wang / CAC

 

Wirklich selbst in Räume eintauchen kann man mit den Overalls der chinesischen Kostümdesigner JNBY, die mit Sensoren ausgestattet sind. Durch semitransparente Brillen sieht man die Umgebung der Haptic Field (v2.0) genannten multisensorischen Rauminstallation von Chris Salter + TeZ nur sehr verschwommen und kann anderen TeilnehmerInnen nur durch die am Körper leuchtenden Sensoren, die zudem hin und wieder auch brummen und vibrieren, wahrnehmen und ihnen somit ausweichen. In den Räumen gibt es verschiedene, wechselnde elektronische Licht- und Soundquellen, die diesen Parcours zu einem durchaus interessanten Sinn-Erlebnis aus Tasten, Sehen und Hören machen. Ein heißer Tipp für jeden Technotempel.

„Arrival of Time“ nennt sich ein Ausstellungsteil, der sich künstlerisch mit der Messbarkeit von Zeitfluktuation auseinandersetzt. Es geht hierbei um Einsteins Theorie der Änderung der Raumzeit in Gravitationswellen. Das klingt zunächst recht wissenschaftlich. Das Künstlerduo Evelina Domnitch & Dimitry Gelfand nutzt zur Veranschaulichung in ihrer Lichtinstallation ER=EPR zwei gegeneinander rotierende Wasserwirbel, die zwei miteinander verbundene schwarze Löcher simulieren. Ebenfalls in einem Wasserbecken stellt die prismatische Lichtwellen produzierende Installation Orbihedron die quantentheoretische Interpretation von Schwerkraft dar.

 

Arrival of Time – Computersimulation von Gravitationswellen, die bei der Verschmelzung zweier schwarzer Löcher entstehen.  – Foto (c) Henze / NASA

 

Das ist sicher sehr schön anzusehen, das Prinzip der Immersion erschließt sich dem Betrachter allerdings nur durch zusätzliche Erklärungen und wirkt auch bei den von Professor Rana X. Adhikari durch programmierte Algorithmen computeranimierten Videobilder von Gravitationswellen oder der flackerndes Stroboskoplicht und hochfrequente Klänge ausendenden Videoscreen-Installation not even nothing can be free of ghosts von Rainer Kohlberger nicht viel anders als eine Ausstellung multimedialer bildender Kunst in anderen Zusammenhängen.

***

Limits of Knowing
Ausstellung, Performance, Diskurs
01. bis 31. Juli 2017
Martin-Gropius-Bau

Infos: https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/immersion/start.php

Zuerst erschienen am 04.07.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Nachlass – Rimini-Protokoll versuchen in einer videoakustischen Rauminstallation dem persönlichen Vermächtnis verschiedener Menschen nach ihrem Tode näher zu kommen

Das Schweizer Theaterkollektiv Rimini Protokoll kann man durchaus zu den Vorläufern der immersiven Theaterkunst zählen. Neben ihren Themenabenden mit den sogenannten Experten des Alltags gab es immer auch Produktionen, in die das Publikum interaktiv oder medial gesteuert eintauchen konnte. So zum Beispiel auch in dem 2014 zum Berliner Theatertreffen eingeladenen Video-Parcours Situation Rooms. Mit Tablets und Kopfhörern bewaffnet bewegte man sich in der im HAU 2 aufgebauten Rauminstallation zum Thema internationaler Waffenhandel. Die Richtung und das Aufeinandertreffen mit den anderen MitspielerInnen wurden allerdings von außen gesteuert.

Relativ frei bewegen kann man sich in der neuen Rauminstallation Nachlass, die nach dem Schweizer Entstehungsort im Théâtre de Vidy in Lausanne über das Staatsschauspiel Dresden nun zur IMMERSION in den Berliner Martin-Gropius-Bau umgezogen ist. Wie der Titel der Produktion bereits erahnen lässt, geht es um die letzten Dinge, das, was von einem nach dem Tod als sogenannter Nachlass bleibt und Zeugnis über das vergangene Leben gibt. In einem Nebenraum im 1. Stock des großen Ausstellungshauses der Berliner Festspiele betritt man diesmal ganz ohne technische Hilfsmittel einen ovalen Flur, dessen Decke eine Weltkarte ziert, auf der kleine, aufleuchtende Lämpchen im Sekundentakt eine Art globalen Bodycount andeuten.

Wenn man schon eher ungern an den eigenen Tod denken mag, hilft es vielleicht, sich mit dem anderer Menschen auseinanderzusetzen oder zumindest mit deren Gedanken zu einem Thema, dem über kurz oder lang niemand entrinnen kann. Wir tauchen also für jeweils fünf bis acht Minuten in die Privatsphäre völlig fremder Menschen ein, denn nichts ist privater als der eigene Tod. Acht Türen führen vom Flur in kleine Räume, die der Szenograf Dominic Hube nach den Vorstellungen von acht Menschen gestaltet hat, die den Machern von Rimini Protokoll ihre Gedanken zu ihrem bereits relativ nahen oder noch unbestimmtem Ende mitgeteilt haben. Entstanden sind Audio- und Videoaufnahmen, denen man beim Blättern in Fotoalben, Kramen in Umzugskisten oder einfach nur so folgen kann.

 

Nachlass von Rimini Protokoll – Foto (c) Samuel Rubio

 

Digitalanzeigen über den Türen zählen die zur Verfügung stehende Zeit, dann öffnen und schließen sich die Türen wieder. Man wählt dabei selbst die Reihenfolge der neben den Türen namentlich erwähnten Personen. Ich lande zunächst im Keller eines Base-Springers. Das sind Extremsportler, die sich mit Fallschirmen von hohen festen Objekten stürzen. Das kann bei Unachtsamkeit und Fehlern bei der Ausrüstung schnell mal schief gehen, wie der 44jährige weiß. Er war schon auf einigen Beerdigungen. Entsprechend hat er mit einer Risiko-Lebensversicherung für seine Familie Vorsorge getroffen. Ansonsten hilft ihm ein Faible für schwarzen Humor (der Absprung heißt in diesem Sport Exit) und Westcoast-Punk, ums sich von den Gedanken an den Tod abzulenken.

Dagegen haben andere schon die Gewissheit des nahen Todes, meist bedingt durch Krankheit. Wir sind in der Schweiz, entsprechend geht es in drei der Fälle auch um Sterbehilfe – und dabei ganz konkret um ein selbstbestimmtes Ende. Die Inszenierung des eigenen Todes spielt dabei weniger eine Rolle als der Gedanke an die Hinterbliebenen, denen man entweder Briefe oder kleine Videobotschaften hinterlassen möchte. Einen besonders geordneten gemeinsamen Abgang wünscht sich ein altes Ehepaar aus Stuttgart. Er Bankangestellter, sie seine Sekretärin. Wir sitzen vor einem großen Eichenholzschreibtisch und lauschen ihren Lebensweisheiten von der Nazizeit über den Aufbau nach dem Krieg bis ins Heute. Für die Enkel der mittlerweile nach Brasilien ausgewanderten Kinder hat man einen Ausbildungsfond angelegt, allerdings steht dieser nur bei einem Studium in Deutschland zur Verfügung. Da schwingt schon einiges an Loriot-Humor mit.

 

Nachlass von Rimini Protokoll – Foto (c) Samuel Rubio

 

Gut geordnet in großen Umzugskisten befindet sich der Nachlass einer ehemaligen Mitarbeiterin einer EU-Kommission für Afrika. Wir werden aufgefordert darin zu stöbern, während sie mit Anrufen bei Beteiligten ihre Stiftung für junge afrikanische Künstler erklärt. Rührend sind die Erzählungen einer ehemaligen Arbeiterin einer Uhrenfabrik, auf deren Küchentisch ein ganzes Leben in Fotos liegt, und einer Büroangestellten, die in ihrer Kindheit gern Sängerin geworden wäre. Wir sitzen dabei wie in einem kleinen Theater vor einem geschlossenen Vorhang. Beider Leben verlief anders als geplant. Aber man ist mit sich und der Vergangenheit weitestgehend versöhnt. Hier hilft wohl auch eine gewisse Religiosität über die Angst vor dem Tod. Diese ist auch in kaum einem der Fälle wirklich spürbar. Weder bei einem 44jährigen Mann mit Hippel-Lindau-Syndrom, der die Ruhe in der Natur beim Fliegenfischens sucht und so seiner Tochter in Erinnerung bleiben möchte, noch bei einem 77jährigen gläubigen Muslim, der uns in einem als Gebetsraum ausgestalteten Raum per Video die Reise seines Sarges von Zürich bis nach Istanbul beschreibt.

Ganz anders ein Professor im Ruhestand, der sein ganzes Leben der Demenzforschung gewidmet hat. Fast schon philosophisch beschreibt uns der Wissenschaftler das im Alter zunehmende Schrumpfen des menschlichen Gehirns als Vorstufe des Todes. Sechs Personen sitzen dabei um einen zylindrischen Guckkasten und schauen in das Gesicht des jeweiligen Gegenübers. Im Dunklen werden die Gesichter dabei immer wieder überblendet. Der Forscher altert in Sekunden mittels seiner Fotos. Der Prozess des Sterbens als Videosimulation. Sind die anderen Zimmer teils nur recht eindimensionale, visuelle Nachlassverwaltung oder vermitteln lediglich akustische Lebensbeichten von Menschen, die wir nicht kennen, wird hier der eigene Verfall tatsächlich für Minuten fast greifbar. Aber ob wir nun eher spirituelle oder kognitive Wesen sind, das, was nach dem Tod kommt, wissen wir nicht. Um den eigen „Nachlass“ aber muss sich irgendwann jeder seine Gedanken machen.

***

Nachlass – Pièces sans personnes (Martin-Gropius-Bau, 01.07.2017)
von Rimini Protokoll (Stefan Kaegi, Dominic Huber)
Konzept: Stefan Kaegi und Dominic Huber
Text: Stefan Kaegi
Szenografie: Dominic Hube
Video: Bruno Deville
Dramaturgie: Katja Hagedorn
Premiere war am 14.09.2016 im Théâtre de Vidy, Lausanne
Die Deutsche Erstaufführung war am 16.06.2017 am Staatsschauspiel Dresden
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Eine Koproduktion von Théâtre de Vidy, Lausanne mit dem Staatsschauspiel Dresden

Termine in Berlin: 01.-31.07. im Martin-Gropius-Bau

Infos: http://www.vidy.ch

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/immersion/

Zuerst erschienen am 05.07.2017 auf Kultura-Extra.

_________

Das neue Museum Barberini in Potsdam wartet zur Eröffnung mit Landschaftsmalerei des Impressionismus, Klassikern der Moderne und Künstlern in der DDR auf

Donnerstag, April 13th, 2017

___

Wolfgang Mattheuers „Jahrhundertschritt“ im Hof des Museum Barberini – Foto: St. B.

Das am 23. Januar 2017 neu eröffnete Museum Barberini am Alten Markt in Potsdam wartet gleich zum Start mit drei Ausstellungen auf. Der milliardenschwere Kunst-Sammler und große Potsdam-Mäzen Hasso Plattner hat das Haus mit einer Ausstellungsfläche von 2.200 Quadratmetern hinter der historisch getreu errichteten Fassade des 1945 zerstörten Palais Barberini in drei Jahren Bauzeit erbauen lassen. Plattners Stiftung finanziert auch den laufenden Betrieb des Museums. In den 17 Ausstellungssälen der zwei Gebäudeflügel können die Besucher auf drei Etagen nun Werke der Kunst der Moderne vom Impressionismus über Fauvismus und Expressionismus bis zur Abstraktion und gegenständlichen zeitgenössischen Kunst aus der Sammlung des SAP-Gründers Plattner bewundern.

 

Recht großzügig gestaltet sich das Eingangsfoyer mit Kassenbereich und Café. Im durch die beiden Gebäudeflügel begrenzten Hof, der sich zur Havel hin öffnet, steht die Großskulptur Der Jahrhundertschritt des Leipziger Malers und Bildhauers Wolfgang Mattheuer. Das Sammeln von Werken ehemaliger DDR-Künstler ist einer der Schwerpunkte Plattners. Eine Auswahl von Gemälden ist in den Räumen des rechten Erdgeschossflügels untergebracht. Hier ist den Werken Mattheuers aus den 1960er bis 1990er Jahren ein ganzer Saal gewidmet. Aber auch die fleischigen Körperportraits von Staatskünstler Willi Sitte, große Geschichtsbilderbögen des Malers Bernhard Heisig, frühe Werke von Arno Rink, oder die der italienischen Renaissance verhafteten Gemälde von Werner Tübke hängen hier dicht nebeneinander. Die Alte Leipziger Schule nimmt einen breiten Raum in Plattners Sammlung ein. Daneben haben es der Hallenser Maler Rolf Händler oder der aus Bautzen stammende Harald Metzkes eher schwer. Ganz im Gegensatz zur überwiegend figurativen Malerei der Vorgenannten steht die zeichenhafte Abstraktion des aus Görlitz stammenden Stefan Plenkers. Ab Ende Oktober sollen in der Ausstellung Hinter der Maske. Künstler in der DDR die verschiedenen Spielarten künstlerischer Selbstinszenierung in der DDR zwischen Rollenbild und Rückzug, verordnetem Kollektivismus und schöpferischer Individualität nebeneinandergestellt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt der Sammlung Plattner ist die Malerei und Plastik der Klassischen Moderne. Im Ausstellungsteil „Klassiker der Moderne“ stehen Max Liebermann, Edvard Munch, Emil Nolde und Wassily Kandinsky im Mittelpunkt. Im ersten Saal des linken Flügels im Erdgeschoss sind die beiden großen Antipoden der Berliner Secession mit ihren prächtigen Gartenbildern zu sehen. Was dem Expressionisten Nolde sein Domizil im nordfriesischen Seebüll war, war dem Spätimpressionisten Liebermann der Garten seiner Villa am Berliner Wannsee. So traut nebeneinander hat man die farbenfrohe Blütenpracht der Streiter um die Moderne selten gesehen.

 

Edvard Munch: „Mädchen auf der Brücke“, 1902, Privatsammlung – Foto (c) Museum Barberini

 

Dem Düsteren unter den Modernen, Edvard Munch, ist der hintere Saal gewidmet. Eines der Highlights der Ausstellung ist sein 1902 entstandenes Gemälde Mädchen auf der Brücke. Das Bild aus einer ganzen Serie, die Munch von 1899 bis in die 1920er Jahre im norwegischen Badeort Åsgårdstrand malte, wurde erst im November 2016 für umgerechnet 50,7 Millionen Euro von einem US-amerikanischen Privatsammler beim New Yorker Aktionshaus Sotheby’s ersteigert. Nur Munchs berühmter Schrei war teurer. Aber sicher ebenso eindrucksvoll ist die sich im dunkelblauen Wasser spiegelnde gelbe Mondsäule auf dem Gemälde Sommernacht am Strand (1902/03).

Der Mitbegründer der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ Wassily Kandinsky bildet im 1. OG den Übergang vom Impressionismus über den Jugendstil und die Fauves zur Abstraktion. Neben seinem von Hinterglasmalerei inspiriertem Gemälde Weißer Klang (1908) hängen der Wiener Jugendstilmaler Gustav Klimt und der französische Maler und Grafiker Maurice de Vlaminck. Über eine Galerie mit Skulpturen des französischen Bildhauers August Rodin gelangt man schließlich zur zeitgenössischen Moderne mir abstrakten Werken von Gerhard Richter, der gerade seinen 85. Geburtstag feiert, dem Mexikanischen Maler Rufino Tamayo oder dem abstrakten Expressionisten Sam Francis aus Kalifornien. Platterns transatlantische Sammlerleidenschaft schließt auch den Pop-Art-Künstler Andy Warhol mit dessen Gemälde Viermal Mona Lisa ein.

 

Claude Monet: Seerosen, 1914–1917
Privatsammlung, Scan RECOM ART

 

Die größte der drei Eröffnungsausstellungen ist aber die Schau Impressionismus. Die Kunst der Landschaft. Hier vereint Museumschefin Ortrud Westheider auf beiden Flügeln im 1. und 2. Obergeschoss des Hauses 93 Werke bekannter französischer Impressionisten. Mit allein 41 Gemälden gibt es sogar eine kleine Retrospektive der Naturmalerei von Claude Monet. Wald und Lichtung, Weite des Meeres, Winterlandschaften, Himmel und Felder, sowie Gartenbilder und die berühmten Seerosen, die Monet auf seinem Landsitz in Giverny von 1904 bis 1918 in Serie malte, sind der Themenkreis dieser umfangreichen Ausstellung, in der Monet auch mit seinen ebenfalls in Serie entstandenen Bildern von Heuschobern vertreten ist. Weitere wichtige Werke sind von Gustave Caillebotte, Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir, Paul Signac und Alfred Sisley. Die französischen Maler des Lichts glänzen hier mit faszinierenden Wasserspiegelungen, Lichtreflexen und scheinbar flüchtigen Farbtupfern, die sich erst im Auge des Betrachters mischen.

 

Gustave Caillebotte: „Die Brücke von Argenteuil und die Seine“, um 1883, Privatsammlung – Foto (c) Museum Barberini

 

Einziges Manko dieses neuen Tempels der Moderne ist doch die recht verwinkelte Architektur des im Stil des Klassizismus wiedererbauten Barock-Palazzos, das einem die Orientierung doch etwas erschwert und die bei aller mondänen Pracht die Diskussion über den verhinderten Neubau an der Stelle des alten Mercure Hotels wohl so schnell nicht verstummen lassen wird. Vor- und Nachteile einer modernen Ausstellungsarchitektur mit großzügigen, weiten Räumen gegenüber den Liebhabern eines gediegenen Historizismus werden sich sicher demnächst am geplanten Neubau der Kunsthalle am Berliner Kulturforum ausmachen lassen. Ansonsten lockt das Museum Barberini bereits mit einer Vorschau auf Kommendes. Neben der im Oktober beginnenden Schau Hinter der Maske. Künstler in der DDR setzt das Haus, das jährlich drei Ausstellungen organisieren will, ab Juni mit Von Hopper bis Rothko. Amerikas Weg in die Moderne den Fokus auf die Klassiker der Moderne fort und gibt einen Ausblick auf das Jahr 2018, das im Februar mit Max Beckmann. Welt-Theater starten wird.

***

Klassiker der Moderne. Liebermann, Munch, Nolde, Kandinsky
23. Januar bis 28. Mai 2017

Impressionismus. Die Kunst der Landschaft
23. Januar 2017 bis 28. Mai 2017

Künstler in der DDR. Aus der Sammlung des Museums Barberini
23. Januar bis 3. Oktober 2017

Museum Barberini
Alter Markt
Humboldtstr. 5–6
14467 Potsdam

Infos: http://museum-barberini.com/

Zuerst erschienen am 12.02.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Im Moloch der Wesenspräsenz – In der Berlinischen Galerie zeigt der deutsche Universal-Künstler John Bock eine aus mehreren Einzelarbeiten und Filmprojektionen bestehende Groß-Installation

Donnerstag, März 9th, 2017

___

John Bock in der Ausstellung „Im Moloch der Wesenspräsenz“, Berlinische Galerie 2017, © John Bock, Foto: Harry Schnitger

Bei der ersten großen Museums-Ausstellung Im Moloch der Wesenspräsenz des Bildhauers, Zeichners, Autors, Aktionskünstlers und Filmemachers John Bock in Berlin müssen die Besucher der Berlinischen Galerie in der Eingangshalle durch einen Parcours aus Objekten, Einzelinstallationen und Videoarbeiten aus den letzten zehn Schaffensjahren des 1965 geborenen und auf einem Bauernhof in Gribbohm in Schleswig-Holstein aufgewachsenen Künstlers. Die heimische Melkmaschine hat John Bock immer wieder zu seinen Werken inspiriert. FischGrätenMelkStand hieß 2010 dann auch eine Ausstellung-Installlation in der Temporären Kunsthalle Berlin. Bock hat auch im MOMA New York ausgestellt und war Gast auf der Documenta in Kassel und der Kunst-Biennale in Venedig.

Wesenspräsenz zeigen bei Bock nicht nur Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs, die sogenannten „Kleinodtotsods“ wie etwa Wattestäbchen, sondern auch der Künstler als selbst, der zur Ausstellungs-Eröffnung am 23. Februar 2017 zusammen mit einer kleinen Performerschar seiner Kunst-Installation temporär Leben einhauchte. Grell geschminkte Wesen mit Barockperücken, Schwänzen aus angenähten und ausgestopften Socken, gehäkelten Wurstfingern oder mit heraushängendem Gekröse am Faden. Eine kleine Horror-Freakshow, zu der sich auch die Film- und Theaterschauspieler Bibiana Beglau und Lars Eidinger gesellten. Eidinger hat Bock an der Toastbude des Künstlers auf der ABC-Messe in Berlin kennengelernt. Zwei echte „Triebkreaturen“, die sich gesucht und gefunden haben.

 

Lars Eidinger bei der Eröffnungsperformance – Foto: St. B.

 

Auch diesmal gibt es an einem Stand Toast Hawaii und gemixte Cocktails. Dazu performt der schräg kostümierte Schaubühnenstar auf der Stein-Skulptur Pappenheimer und rezitiert dabei einen kryptischen Text, den John Bock für ihn geschrieben hat. Sprache ist für den bildenden Künstler immer auch Teil des Kunstwerks. Bock möchte ihr in der Performance Ausdruck und Form verleihen. Eidinger und Bock sind auch Wesensverwandte. Beide spielen sie gern mit dem Essen. Der Schauspieler als Molières Menschenfeind auf der Bühne, eine gedeckte Tafel samt Würstchen zerrmatschend, der Aktionskünstler in seinem 2001 gedrehtem Kurzvideo Porzellan-IsoSchizo-Küchentat. Und auch das haben die beiden gemeinsam: Sie lassen sich bei der Arbeit gern filmen. Vor Kurzem erst haben Bock und Eidinger die 3sat-Kulturzeit zum filmischen Gesamt-Kunstwerk erklärt.

 

John Bock, Da-Dings-Da ist im Groß-Da da weil der Wurm im Moby Dick wohnt, 2014, Video, 25 Min.
© John Bock, Courtesy Sprüth Magers

 

Fantasievolle, neo-dadaistische Sprachschöpfungen wie „Quasi-Me“ für „als-ob-ich“ oder Werktitel wie Da-Dings-Da ist im Groß-Da-da weil der Wurm im Moby Dick wohnt, ein Performancevideo von 2014, gehören ebenso dazu wie sein quasi-philosophisches Kreisen um den Sinn der Kunst und des Lebens. John Bocks ausgebreiteter Kunst-Moloch hat aber noch wesentlich mehr zu bieten. Der Künstler scherzt mit dem Publikum, während er selbst Hand anlegt und Knetwesen für eine Live-Performance herstellt. In einer aufgesägten Autokarosse wird die Flucht zweier Gangster nachgespielt, und um Suggestion geht es bei vier rotierenden Spiralscheiben, die um ein Schlagzeug kreisen. Psycho und Psychedelic liegen hier dicht beieinander. Le Grand Macabre und theatrales Spektakel für alle Sinne. Bock schuf 2013 in Chemnitz sogar schon mal die Kostüme für György Ligetis Oper.

 

Eröffnungsperformance Escape – Foto: St. B.

 

In der Berlinischen Galerie wird sich der kommende Besucher durch den Kunst-Parcours aus zerstreuten Performanceresten, angeordneten Objekten und Skulpturen bewegen und anhand von Videos deren Entstehung suggestiv nachvollziehen können. Aber ähnlich wie bei den Aktionisten Joseph Beuys und seinem leider ebenfalls schon verstorbenen Nachfolger Christoph Schlingensief, oder auch dem Erzkünstler Jonathan Meese, ist die unmittelbare „Wesenspräsenz“ John Bocks so nur erahnbar. Der Künstler wird daher auch an weiteren Terminen in der Galerie anwesend sein, um durch die Ausstellung zu führen oder Kurse zu geben.

Am 29.04. zum Gallery-Weekend und vom 26.07. bis 21.08.2017 kann man übrigens nochmal John Bocks neuesten Spielfilm Hell’s Bells: Ein Western mit Bibiana Beglau und Lars Eidinger als Bösewicht im Videoraum der Galerie sehen.

John Bock, Hell’s Bells, Film still, © John Bock 2017, Fotograf Martin Sommer, Courtesy Sadie Coles HQ London

***

John Bock
IM MOLOCH DER WESENSPRÄSENZ
24.02.-21.08.2017

Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur
Alte Jakobstraße 124–128
10969 Berlin

Infos: https://www.berlinischegalerie.de/

Zuerst erschienen am 04.03.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Zwischen Magie und Wirklichkeit – Die Sammlung Scharf-Gerstenberg zeigt in der Ausstellung Surreale Sachlichkeit Werke der 1920er- und 1930er-Jahre aus dem Bestand der Neuen Nationalgalerie Berlin

Mittwoch, Februar 8th, 2017

___

Noch bis 2020 wird die Neue Nationalgalerie am Berliner Kulturforum saniert. Bis dahin müsste die umfangreiche Sammlung der Staatlichen Museen zu Berlin an Werken der Klassischen Moderne im Depot lagern. Ein unschätzbarer Verlust nicht nur für die vielen Berlin-Touristen und deutschen Kunstliebhaber. Abhilfe sollen einige kleine Sonderausstellungen in den anderen Häusern des Preußischen Kulturbesitzes schaffen. Etwa die Ausstellung Ernst Ludwig Kirchner: Hieroglyphen in der „Neuen Galerie“ im Hamburger Bahnhof (noch bis zum 26. Februar), die der Zeichenhaftigkeit in den Bildern des deutschen Expressionisten und Brücke-Mitstreiters Kirchner, zeitgenössische Arbeiten von Rosa Barba und Rudolf Stingel gegenüberstellt. So eröffnen sich im Vergleich mit Werken anderer Kunstepochen neue Blickwinkel auf die Kunst der Klassischen Moderne.

(c) Museum Berggruen

Auch in den benachbarten Charlottenburger Häusern Museum Berggruen und Sammlung Scharf-Gerstenberg gibt es seit Ende des letzten Jahres solche interessanten Vergleichsschauen. So hat das Museum Berggruen Werke des zeitgenössischen US-amerikanischen Multi-Künstlers George Condo zwischen ihre weltberühmte Sammlungspräsentation mit Meisterwerken von Cézanne, Picasso, Matisse, Klee und Giacometti gehängt. In einer Art Vexierspiel kann der Besucher auf die Suche gehen und die als Confrontation (noch bis zum 12. März) gedachten Gemälde, Zeichnungen, Collagaen und Skulpturen Condos, die auf die verschiedensten Inspirationsquellen verweisen, mit den großen Meistern der Klassischen Moderne vergleichen. George Condo benutzt in seiner Kunst geschickt Motive quer durch die Kunstgeschichte vom Barock, über den Expressionismus und Kubismus bis zur amerikanischen Popart und Punkmusik. So kommt es, dass einem zwischen den bekannten Werken aus der Sammlung Berggruen plötzlich auch Clowns, Tänzer, Zwerge und Comicfiguren wie Batman, Bugs Bunny oder Micky Maus begegnen.

Katalog zur Ausstellung – Titel: Heinrich Harry Deierling, Selbstporträt im Spiegel, 1929
(c) Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Wer davon noch nicht genug hat, kann mit der Eintrittskarte zu George Condo. Confrontation (14 Euro, ermäßigt 7 Euro) auch die Dauerausstellung der Sammlung Scharf-Gerstenberg mit der momentanen Sonderausstellung Surreale Sachlichkeit auf der anderen Seite der Schlossstraße besuchen. Die Sammlung Scharf-Gerstenberg zeichnet sich durch einen sehr guten Querschnitt durch die in den 1920er Jahren entstandene Kunstrichtung des Surrealismus aus. Das Haus beheimatet Werke von berühmten internationalen Künstlern wie Salvador Dalí, Max Ernst, Hans Bellmer oder René Magritte. Sie mit den Künstlern der zeitgleich in Deutschland entstanden Neuen Sachlichkeit wie etwa Otto Dix, Georg Grosz oder Christian Schad zu vergleichen, scheint auf den ersten Blick etwas absurd. Die einen deuteten zeichenhaft das Unbewusste in der Wirklichkeit. Es entstanden dabei zumeist Traumbilder der Realität. Während die anderen mit einem möglichst kühlen und sachlichen Abbild der Realität, Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen übten.

Nun besitzt die Neue Nationalgalerie jede Menge Werke der Neuen Sachlichkeit und des Surrealismus, die, in einen Zusammenhang gestellt, nicht nur die Gemeinsamkeit eint von den Nationalsozialisten verfemt zu werden. Als bindendes Glied stellt die Kuratorin Kyllikki Zacharias das Gemälde Der Große Metaphysiker (1917) des italienischen Malers Giorgio de Chirico an den Anfang der 80 Werke von 63 Künstlern aus der Zeit von 1920-1930 umfassenden Schau. De Chirico gilt als bedeutender Vorläufer des Surrealismus wie auch als Inspirator der Maler der Neuen Sachlichkeit. Die Staatsgalerie Stuttgart widmete dem Gründer der „scuola metafisica“ 2016 unter diesem Vorzeichen eine große Retrospektive. Seine Werke wirken gleichsam sachlich aufgeräumt wie traumhaft surreal. De Chirico nannte das die „unbeseelte und ruhige Schönheit der Materie“.

Ernest Neuschul (1895 – 1968)
Die Plätterin, vor 1930 – © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie /J örg P. Anders | © Khalil und Misha Norland (Söhne in England)

Nun ja, das scheint sehr naheliegend und gilt in der Kunstgeschichte auch als relativ unbestritten. Ansonsten kann man natürlich auch gemäß dem Ausspruch De Chiricos: „Alles Bekannte ist auszuscheiden.“ die Auswahl der Werke auf sich wirken lassen. Es geht thematisch um Räume, Dinge und Menschen, was wiederum in einzelne Unterabteilungen mit Landschaften, Stillleben, Zierpflanzen, Accessoires, Köpfen oder Familienbildern und Bildern der Lust und des Fleisches aufgeteilt ist. In der Ausstellung sind dazu die üblichen Vertreter der Neuen Sachlichkeit wie Otto Dix, Georg Grosz, Karl Hofer, Christian Schad oder Rudolf Schlichter zu sehen. Aber auch weniger bekannte Maler wie Heinrich Harry Dreierling [s. Covermotiv des Ausstellungskataloges], Paula Lauenstein, Ernest Neuschul oder Curt Querner, deren Talent vor allem in der Portraitmalerei, einer Domäne der Neuen Sachlichkeit, liegt. Die Sammlung der Neuen Nationalgalerie kann hier, wie man sieht, aus dem Vollen schöpfen.

Den Veristen stehen leider nur wenige Vertreter aus der Surrealisten-Zunft gegenüber. Besonders zu erwähnen wären hier ein Selbstbildnis von Hans Bellmer, Salvador Dalis Bildnis Frau Isabel Styler-Tas (Melancholia), Richard Oelzes düster magische Kassandra oder die seltsame Muschellandschaft von Max Ernst. Der deutsche Surrealist, der seit 1922 mit Unterbrechungen in Paris lebte, kann ebenfalls als Bindeglied der beiden Kunstrichtungen gelten. Seine archaische Gipsskulptur Capricorn (eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden) beschließt die Ausstellung.

 

Surreale Sachlichkeit: Ausstellungsansicht, Sammlung Scharf-Gerstenberg, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin
Foto: Thomas Bruns

 

Dazwischen tummeln sich viele Werke der Zwischenkriegszeit mit den ewigen Mahnern Karl Hofer (Die Wächter) und Hans Grundig (Die Schlafkammer), den genauen Beobachtern des Volkes und seiner Peiniger wie George Grosz (Grauer Tag), Curt Querner (Bäuerin in Märzlandschaft), Ernest Neuschul (Die Plätterin) oder Otto Nagel (Weddinger Jungen). Aber auch einiges Rätselhaftes wie René Magrittes L’idée fixe oder anzügliche Bilder der vergänglichen Fleischeslust wie Otto Dix‘ Altes Liebspaar oder Henri Rousseaus märchenhaftes Gemälde Die Schöne und das Biest gibt es zu sehen. Wem das immer noch zu viel Sachlichkeit sein sollte, der kann sich danach auch weiter von der Sammlungs-Präsentation der Surrealisten im Haus Scharf-Gerstenberg verzaubern lassen.

***

Surreale Sachlichkeit
Werke der 1920er- und 1930er-Jahre aus der Nationalgalerie
13.10.2016 bis 23.04.2017
Sammlung Scharf-Gerstenberg
Schloßstr. 70
14059 Berlin
Öffnungszeiten: Di-Fr: 10-18 Uhr, Sa+So 11-18 Uhr

Infos: http://www.smb.museum/museums-institutions/sammlung-scharf-gerstenberg/home.html

Zuerst erschienen am 28.01.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Figurativ und ekstatisch – Das Potsdam Museum zeigt Die wilden 80er Jahre in der deutsch-deutschen Malerei

Dienstag, Januar 31st, 2017

___

Seit Anfang Dezember letzten Jahres, nur wenige Wochen vor der in der lokalen und bundesweiten Presse viel beachteten Eröffnung des Museums Barberini, beeindruckt auch das Potsdam Museum im Alten Rathaus mit einer nicht minder bemerkenswerten Schau bildender Kunst. Die beiden Ausstellungshäuser sind unmittelbare Nachbarn Am Alten Markt in Potsdam und Bestandteile des historisch wieder erbauten Ensembles mit der St. Nikolaikirche und dem Stadtschloss, das seit zwei Jahren den Brandenburger Landtag beherbergt. Auch ein Akt deutscher Vergangenheitsbewältigung, der Geschichteaufarbeitung vorrangig als Kosmetik und baulichen Historismus begreift. Will heißen, die Sache bleibt umstritten, ähnlich wie der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses in seiner historischen Hülle. Es kommt immer auch darauf an, das Innere sinnvoll zu füllen.

*

Klaus Killisch, Tango bis es weh tut, 1988, Privatbesitz, Berlin
© VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Foto: Michael Lüder

Die Sonderausstellung Die wilden 80er Jahre in der deutsch-deutschen Malerei im Potsdam Museum zeigt nun in wunderbarer Weise, wie das u.a. aussehen könnte. Ein Stück deutsch-deutsche Kultur- und Kunstgeschichte, die auch über eine nicht unerhebliche politische Dimension verfügt. Gezeigt werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten figurativer Malerei, wie sie in den 1980er Jahren in beiden deutschen Staaten praktiziert wurde. Der Titel verweist dabei vor allem auf die vorrangig in West-Berlin arbeitende Künstlergruppe der „Neuen Wilden“ um Maler wie Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé, Bernd Zimmer und Elvira Bach. Aber auch in anderen Teilen der alten Bunderepublik gründeten sich Kunstbewegungen, die entgegen der abstrakten Malerei des „Informel“ den menschlichen Körper wieder in den Mittelpunkt der Malerei rückten…

Der Maler Helmut Middendorf beschreibt es in einem der Künstler-Statements, die die Ausstellung in einem Begleitfilm gesammelt hat, so: „Mich haben die damalige Musikszene in Berlin und New York, das Nachtleben und seine Rituale, der Exzess, die Architektur in Berlin, der Zoo und Erlebnisse politischer Bedrohung zu Bildern inspiriert. In den 80ern war die Figur als Transportmittel für Erlebtes und Gesehenes unabdingbar.“ Ähnlich sieht es die in Lichtenstein/Sa. geborene Künstlerin E.R.N.A.: „Mich beschäftigte der Mensch, zwischenmenschliche Beziehungen, die politische Situation in der DDR, verpackt in Literatur, Mythologie, aber vor allem in der menschlichen Figur. Das Abbild des Menschen ist für mich bis heute das wichtigste Transportmittel meiner bildnerischen Ideen.“

In diesen Aussagen erkennt man neben der gemeinsamen Vorliebe für das Figurative auch den wohl gravierendsten Unterschied. Das Politische, das sich im Westen im direkten Abbild des Alltäglichen spiegelte, wurde im Osten zumeist in bildlichen Metaphern verklausuliert. Wollte man unbehelligt von staatlicher Bevormundung arbeiten, blieb oft nur diese Möglichkeit des künstlerischen Ausdrucks. Wer sich allerdings in der DDR von Anfang an außerhalb der staatlichen Kontrolle des Kunstmarktes stellte, musste auch weiterhin mit Repression rechnen. Was für viele Künstler wie auch den bereits in der Ausstellung Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989 im Martin-Gropius-Bau Berlin vertretenen Maler Hans-Hendrik Grimmling in der Ausreise aus der DDR gipfelte.

 

Bernd Zimmer, Aus dem Nebelmeer, 1982, Privatbesitz © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Archiv Bernd Zimmer

 

Die Schau im Potsdam Museum kann man daher durchaus als eine interessante Ergänzung mit dem Fokus auf die Malerei der 1980er Jahre in der DDR und der BRD sehen. Sie funktioniert aber auch ohne diesen Bezug als reine Vergleichsschau, in der sich keines der 88 Werke von insgesamt 49 Künstlerinnen und Künstlern verstecken muss. Gehängt wurden die Bilder ohne direkt ersichtliche Zuordnung der Herkunft. Man muss dazu die ausliegenden Künstlerbiografien zur Hand nehmen. Es erfolgte lediglich ein thematische Hängung, unter den Kapiteln: Figurativ & Ekstatisch, Figurativ & Beobachtend, Figurativ & Losgelöst, oder Figurativ & Kämpferisch.

Und gleich im ersten Raum muss sich der Dresdner Volker Stelzmann mit seinem sehr realistischen Gemälde Die Band gleich gegen mehrere farbig ekstatische Darstellungen westlichen Nachtlebens wie Barbara Quants My Sister in New York, Helmut Middendorfs The stage oder Bernd Zimmers Aus dem Nebelmeer behaupten. Der im Westen praktizierte farbige Neoexpressionismus zeigt sich vor allem auch in den Bildern von Rainer Fetting (Selbst), Salomé (Seerosenteich) und Elvira Bach (Die Nachteule), während des Leipziger Malers Arno Rink (Am Swimmingpool) eher surreale Figurenkonstellationen bevorzugt. Kämpferisch geben sich vor allem auch bekannte Meister aus dem Westen wie Markus Lüpertz mit Zwei Krieger oder aus dem Osten wie Wolfgang Mattheuer mit seinem Gemälde Albtraum, das später auch als Plastik Der Jahrhundertschritt bekannt wurde. Abgüsse stehen neben Leipzig und Berlin nun auch im Museum Barberini. Mit Rink, Mattheuer, Bernhard & (Sohn) Johannes Heisig sowie dem jungen Neo Rauch sind hier einige Maler der Leipziger Schule vertreten, die in ihrer Meisterschaft figurativer Darstellung weltweit anerkannt sind.

 

Wolfgang Mattheuer, Albtraum, 1982, Kunstsammlung der Berliner Volksbank © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto: Peter Adamik

 

Neben einer kleinen Abteilung für Arbeiten auf Papier mit Werken des Cottbusers Hans Scheuerecker, der für seine avantgardistischen LP-Cover für die Band Sandow bekannt ist, der aus Meißen stammenden Grafikerin Heidrun Hegewald, oder Salomés expressionistischen Graphikserie Götterdämmerung ist vor allem die im Erdgeschoss befindliche Themengruppe „Figurativ & Erzählerisch“ besonders sehenswert. Hier prallen noch einmal die ungezügelte Farbpracht und Vielfalt der figurativer Malerei Ost und West unmittelbar aufeinander. Ob nun Bernhard Heisig mit seinen Geschichtsbildern, die Dresdnerin Angela Hampel mit ihren Gemälden nach Figuren der griechischen Mythologie oder der an Otte Dix gemahnende Verismus in den Gemälden des Berliners Clemens Grözser, die Narrative der DDR-Maler unterscheiden sich nur unwesentlich von denen der westdeutschen Kollegen wie Georg Baselitz, Johannes Grützke, Volker Bartsch oder Elvira Bach.

Losgelöst und fast schon wieder abstrakt zeigen sich dagegen Gemälde des Berliners Martin Assig (Kopf über), des Leipzigers Hartwig Ebersbach (Kaspers Peinigung) und frühe Werke von Neo Rauch (Keimlinge), der hier wohl an der Schwelle des Übergangs zur wieder vereinigten deutschen Malerei stehen dürfte, die in ihren historischen Wurzeln doch einiges an Gemeinsamkeiten aufweist.

***

Die wilden 80er Jahre in der deutsch-deutschen Malerei
03.12.2016 – 12.03.2017
Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte
Am Alten Markt 9
14467 Potsdam
Öffnungszeiten: Di–Fr 10–17, Do bis 19, Sa, So 10–18

Infos: http://www.potsdam-museum.de/

Zuerst erschienen am 26.01.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Cornelia Schleime. Ein Wimpernschlag – Die Retrospektive zur Verleihung des Hannah-Höch-Preises 2016 in der Berlinischen Galerie

Freitag, Dezember 9th, 2016

___

Cornelia Schleime, 2008, © Markus C. Hurek, 2008

Cornelia Schleime, 2008
Foto © Markus C. Hurek, 2008

Gerade noch Teil der Ausstellung Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989 im Martin Gropius Bau, hat die Malerin Cornelia Schleime (geb. 1953 in Ost-Berlin) nun ihre erste große Retrospektive in der Berlinischen Galerie. Anlass ist die Verleihung des Hannah-Höch-Preises 2016 für das Lebenswerk der erfolgreichen Künstlerin, die 1984 aus der DDR ausreiste und in der damaligen Bundesrepublik eine bemerkenswerte Karriere begann, die mit fast 200 Einzel- und Gruppenausstellungen im In- uns Ausland bis heute anhält.

Cornelia Schleimes Oeuvre umfasst neben Gemälden, Zeichnungen und Aquarellen auch Fotos von frühen Körperaktionen und einige Super-8-Filme, die nach ihrem Kunststudium 1975-80 in Dresden und ab 1982 in Ost-Berlin entstanden sind. Dabei muss man berücksichtigen, dass sie einen Großteil ihres Früh-Werks bei der Ausreise in der DDR zurücklassen musste. Bis auf einige Fotos und besagte Filme gilt es bis heute als verschwunden. Die Berlinische Galerie hat in einem Raum der Ausstellung einige Fotos von Selbstinszenierungen, Körpermalaktionen und Fotoübermalungen gehängt.

 

Cornelia Schleime, Die Nacht hat Flügel, 1996, Berlinische Galerie, © Cornelia Schleime, Repro: Kai-Annett Becker

Cornelia Schleime, Die Nacht hat Flügel, 1996, Berlinische Galerie, © Cornelia Schleime, Repro: Kai-Annett Becker

 

Bereits 1979 gründete Cornelia Schleime mit Künstlerkollegen die Punkband Zwitschermaschine. Ab 1981 mit einem Ausstellungsverbot belegt, war dies nun eine weitere Möglichkeit für die Künstlerin sich auszudrücken. Als dann auch noch ein Auftrittsverbot hinzukam, fing Cornelia Schleime an, kurze, experimentelle Super-8-Filme zu drehen. Vier davon sind im Videoraum der Berlinischen Galerie zu sehen. Man kann hier schon sehr deutlich Motive erkennen, die sich später auch in den Gemälden und Aquarellen der Malerin wiederfinden lassen. In ihren teils feministischen Filmen drückte Cornelia Schleime mit symbolischen Mumifizierungen und Fesselungen von weiblichen Figuren an Türen und Wänden (Unter weißen Tüchern) oder dem Überschneidungen von Bildern starrer Steinskulpturen im Park Sanssouci mit Sequenzen eines an das Meer erinnernden Baggersees (Das Puttennest) ein Gefühl von Unbeweglichkeit, Gefangensein und dem Traum von Freiheit aus.

Nach der Ausreisen nach West-Berlin sollte sich diese Sehnsucht erfüllen. Cornelia Schleime unternahm viele Studien- und Arbeitsreisen u.a. nach New York, Irland, Sansibar, Mauritius und Kenia. Die dort entstandenen Reisebildtagebücher sind in einer Vitrine ausgestellt. 1993 entstand nach dem Studium ihrer Stasiakte die Fotoserie Bis auf weitere gute Zusammenarbeit, Nr. 7284/85. Hier stellt Cornelia Schleime in ironisch inszenierten Fotosettings Texte aus den Spitzelberichten in ihrer Akte nach. In einer Art kreuzförmigem Triptychon mit dem Titel Der Verräter verarbeitete sie die Bespitzelung durch den Freund und bekannten DDR-Untergrundliteraten Sascha Anderson. Das Bild im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist leider nicht in der Ausstellung zu sehen.

 

Cornelia Schleime, Eisvögelin, 2016, Privatbesitz, © Cornelia Schleime, Repro: Bernd Borchardt

Cornelia Schleime, Eisvögelin, 2016, Privatbesitz,
© Cornelia Schleime, Repro: Bernd Borchardt

 

Cornelia Schleime bezeichnet auch ihre späteren Gemälde als filmische Bilder oder eigenen Stummfilm, in dem sie Kindheitserinnerungen und Träume verarbeitet. Besonders gut zu studieren sind hier das immer wiederkehrende Motiv der langen, teils strangulierenden Zöpfe oder Bilder von Hybriden aus menschlichen Körpern mit Tierköpfen von Reh, Hase oder Frosch in den Aquarell-Serien Rituale, Zoophologie oder Camouflage, die einen eigenen Raum in der Ausstellung haben. Diese phantastische Welt einer Alice im Wunderland zieht sich auch durch Gemälde wie Blind Date, Die Nacht hat Flügel oder dem Selbstportrait mit Mangoblatt aus den 1990er Jahren. Fast mythische Symbolik besitzen die ganz neuen Gemälde Eisvögelin und Leise spricht die Zunge.

Eine weitere raumgreifende Werkgruppe sind Portraitgemälde von Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Kunst und Popkultur. Ihre Vorlagen findet Cornelia Schleime u.a. in Fotos aus Hochglanzmagazinen oder Filmstills, die sie in einer Maltechnik mittels mit ätzenden Lösungsmitteln versetzter Lackfarbe auf die Leinwand aufträgt. Es entstehen dabei die für ihre Gemälde so markanten Blasen und Schrunden in den Gesichtern der Portraitierten. Beispielhaft dafür sind die hier gezeigten Portraits des Filmemachers Lars von Trier als Narr in Schädelwind oder des auf seinen Kreuzstab gestützten Papsts Johannes Paul II., dem Cornelia Schleime eine ganze Serie von Gemälden widmete.

Mit Cornelia Schleime. Ein Wimpernschlag ist der Berlinischen Galerie wieder eine recht interessante Personale einer in ihrem vielschichtigen Werk beeindruckenden Künstlerin gelungen.

***

cornelia_schleime_wimpernschlagCornelia Schleime.
Ein Wimpernschlag

(Hannah-Höch-Preis 2016)
in der Berlinische Galerie
Museum für Moderne Kunst
25.11.2016 – 24.04.2017

Infos: http://www.berlinischegalerie.de/home/

Katalog zur Ausstellung im Kerber Verlag.

Zuerst erschienen am 04.12.2016 auf Kultura-Extra.

__________

BERLINER LISTE und ABC in der Berlin Art Week 2016

Sonntag, September 25th, 2016

___

Die 13. BERLINER LISTE im Kraftwerk Berlin-Mitte

bl-logoNoch bis diesen Sonntag findet in der großen Halle des Kraftwerks Berlin-Mitte die 13. Ausgabe der BERLINER LISTE statt. Im Dunstkreis der Berlin Art Week hat sich die Messe für zeitgenössische Kunst vor allem als Entdeckermesse und als Forum für aufstrebende, internationale Kunst zu moderaten Preisen etabliert. Neben dem von den Kuratoren Peter Funken und Stefan Maria Rother ausgewählten Angebot an Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie zeigt die BERLINER LISTE erstmals eine vom Berliner Galeristen Guillaume Trotin kuratierte Urban Art Section. Neu ist auch die im Zwischengeschoss vom japanischen Künstler Rin Terada zusammengestellte Auswahl mit 113 Positionen zeitgenössischer Kunst aus Japan.

Mit 112 Ausstellern aus 25 Ländern kann die BERLINER LISTE im Vergleich zu den Vorjahren ihren Titel als größte Berliner Kunstmesse behaupten. Obwohl man das Angebot auf nunmehr drei Ebenen des Kraftwerks Mitte präsentiert, platzt sie damit aber auch förmlich aus allen Nähten. Berlin ist als Kunststandort nach wie vor gefragt. Etwa die Hälfte der Aussteller kommt aus der Hauptstadt, aber auch aus anderen Teilen Deutschlands, aus Europa, Australien, Südafrika und Asien.

*

Einen wirklich roten Faden durch das bunte Angebot in der Gallery Section im Erdgeschoss gibt es nicht. Erste internationale Eyecatcher sind sicher die überdimensionalen Skulpturen, die der taiwanesische Bildhauer Kang Mu-Xiang aus recycelten Stahlseilen geschaffen hat. Tonnenschwer zeigen sie doch meditative Leichtigkeit in Form von abstrakten Föten in Embryonalstellung. Eine Verbindung von industriellen Überresten mit den Symbolen des Lebens und der Wiedergeburt.

 

Kang Mu-Xiang - Ryi Life und Life of Universe - Foto: St. B.

Kang Mu-Xiang – Ryi Life und Life of Universe – Foto: St. B.

 

Ansonsten viel Dekoratives, künstlerisch nicht wirklich Neues. Ein Fokus liegt sicher auf der figurativen Malerei wie bei der Galerie Mario Bermel & 24 Beaubourg sowie der artfein Galerie aus Berlin mit Künstlern wie der Pariser Malerin Barbara Navi mit ihren der Leipziger Schule nahestehenden Werken oder Martin Stommel mit seinen aus griechischen Mythenstoffen entlehnten Bildthemen. Die südafrikanische Kalashnikovv Gallery präsentiert die verstörende Portraitserie Trash Capitalism mit verwischten Direktoren-Gesichtern von Jason Bronkhorst und die comicartigen Mixed-Media-Arbeiten des Multimedia-Künstlers Vusi Beauchamp. Beide reagieren mit ihren Werken auf die gesellschaftspolitischen Ereignisse in ihrem Land. Auch der Kunstverein Artinnovation aus Innsbruck zeigt eine durchaus interessante Auswahl an gegenständlicher Malerei.

Die Popart ist nicht tot zu kriegen und geistert nach wie vor durch alle Genres der bildenden Kunst. Dabei wird viel auf Alu, Dibond, oder Plexiglas gearbeitet. In der schon erwähnten Abteilung mit Urban Street Art fällt die Urban Spree Gallery mit dem Künstler Hendrik Czakainski und seinen aus Holz und Pappe gestalteten dreidimensionalen Stadtlandschaften sowie der Wandinstallation Urban Investigations auf. Die Berliner Open Walls Gallery zeigt den Künstler Alias, dessen Street-Portraits von Jugendlichen durchaus mit den Wandbildern des berühmten Briten Banksy konkurrieren können.

 

tobias-twilling_touch-my-balls

Tobias TwillingTouch My Balls – Foto: St. B.

 

Die Foto-Section im Erdgeschoss scheint etwas zusammengeschrumpft, dafür gibt es im Zwischengeschoss eine recht interessante Auswahl von Peter Funken mit Arbeiten von vor allem jungen Fotografen wie dem Berliner Peter Kagerer mit seinen Solitude-Foto-Collagen. Ansonsten überzeugen vor allem der russische Künstler Andry Kezzyn mit seinen theatralisch arrangierten Szenen aus dem St. Petersburger Alltag oder der russischen Geschichte. Marie-Lou Desmeules aus Spanien zeigt verfremdete Portraitfotografien von übermalten Modell-Installationen berühmter Zeitgenossen wie John Waters, Karl Lagerfeld oder Kim Jong Un. Videoarbeiten sucht man leider umsonst auch Installationen oder künstlerisch ansprechende Plastiken.

Witz haben wenigstens noch die Stahl- und Draht-Skulpturen des Künstlers Tobias Twilling oder die mondänen Büsten von Margarete Adler in der weitläufigen Artist-Section im Obergeschoss. Der Rumäne Alexandru Nestor baut Familienschreine, die man auch wie einen Sekretär nutzen kann und zeigt von Richard Wagners Ring des Nibelungen inspirierte Wandtafeln. Wieder auf der BERLINER LISTE vertreten ist die Saarbrücker Malerin Kerstin Arnold mit neuen realistischen Frauenportraits. Der Greifswalder Urs Bumke zeigt Gemälde mit Titel Die gestrandete Liebe (Wal), auf denen ein Leidender von Arbeitern in roten Overalls wie ein gestrandeter Wal ausgeweidet wird.

 

Edvardas Racevicius auf der BERLINER LISTE - Foto: St. B.

Edvardas Racevicius auf der BERLINER LISTE – Foto: St. B.

 

Die Neuköllner Grafikerin Anna Käse hat ihr Repertoire um interessante Maschinengrafiken erweitert, bei denen sie zusätzlich Metallteile durch die Druckpresse zieht. Dazu gibt es kleine philosophische Denkanstöße in Form von geschriebenen Reflexionen zum Thema Mensch und Maschine. Ebenfalls eine Konstante auf der BERLINER LISTE ist der in Litauen geborenen Holzbildhauer Edvardas Racevičius aus Greifswald, der neben seinen bemalten Figuren nun auch einige Grafiken ausstellt. In Sachen Grafik wäre noch der Preisträger der Sächsischen Grafikbiennale 2016, Chris Löhmann, mit seinen kleinformatigen ikonografischen Drucken zu erwähnen.

Eine asiatische Trommel-Performance bei der Eröffnung machte auf den Schwerpunkt der 13. BERLINER LISTE aufmerksam. Leider kann das Terada-Projekt aus Japan mit seiner dichten Hängung im Zwischengeschoss nicht wirklich überzeugen. Ein Stilmix aus traditionellen Formen, wenig wirklich zeitgenössisch Modernes. Hier wäre weniger sicher mehr gewesen. In jedem Fall muss die Messe die architektonische Weite der Halle im Kraftwerk Berlin in Zukunft noch besser nutzen.

***

BERLINER LISTE
Messe für zeitgenössische Kunst
14. – 18. September 2016
im Kraftwerk Berlin
Köpenicker Straße 70

Infos: http://berliner-liste.org/de/

Zuerst erschienen am 16.09.2016 auf Kultura-Extra.

**

*

Art Berlin Contemporary – Die Hauptmesse der BERLIN ART WEEK 2016 überzeugt künstlerisch trotz reduziertem Angebot

abc_2016_logoIm Gegensatz zur BERLINER LISTE setzten die Art Berlin Contemporary, Hauptmesse der Berlin Art Week 2016, auf Klasse statt Masse. Die ABC hat die Teilnehmerzahl der ausstellenden Galerien von 105 im letzten Jahr auf 62 reduziert. In der Station-Berlin am Gleisdreieck bespielt man damit nur noch eine der bisher drei Hallen. Auch finanzielle Gründe sollen eine Rolle gespielt haben. Jedenfalls sind die Preise für die sonst locker in den weiträumigen Hallen platzierten Stellwände immens gestiegen. Die Aussteller drängen sich in diesem Jahr etwas dichter in der vorderen Halle. Ticketverkauf und Merchandising sind in anderen Räume umgezogen. Den Besuchern der ABC bietet sich eine Art Kunstsalon in Kabinetten. Immer noch besser als die traditionelle Kojen-Anordnung. Man kann zwar weiterhin frei zwischen den einzelnen Ausstellern in der Halle flanieren, allerdings geht doch etwas das Gefühl der Weite verloren.

*

Gleich zu Beginn stolpert man schon über die erste Installation, eine Kunstgattung, die auch sonst auf der ABC vorherrschend ist. Es ist eine Anordnung von afrikanischen Masken, Figuren, Fellen und einem in Kolonial-Uniform gekleideten Jazz-Saxophonisten, die der schottische Künstler Andrew Gilbert für die Galerie Sperling aus München wie Ausstellungsstücke in einem Völkerkundemuseum angeordnet hat. Gilbert verarbeitet hier kritisch ironisierend Motive aus der britischen Kolonialzeit. Unweit davon bei der Galerie Guido W. Baudach aus Berlin hockt eine betende Figur auf einer Decke vor einem Ölfass, aus dem über eine Videoprojektion Rauch quillt. Die Multimedia-Installation Primitive Data ist vom Berliner Künstler Markus Selg, der gerade bei der Ruhrtriennale zusammen mit der Regisseurin Susanne Kennedy die Theaterinszenierung Medea.Matrix herausgebracht hat. Qualm dringt auch aus einem Plastik-Müllcontainer in der Raucherecke neben dem Eingangsbereich der Halle. Der Künstler Simon Mullin hat ihn dort für die Galerie Dittrich & Schlechtriem hingestellt. Wann der Müll auf der ABC abgeholt wird, war nicht in Erfahrung zu bringen.

 

Erwin Wurm - Curry Bus - Foto: St. B.

Erwin Wurm – Curry Bus – Foto: St. B.

 

Witz und Ironie sind in diesem Jahr ganz groß geschrieben. Im hinteren Teil der Halle steht der orangene, aufgeblasene Curry-Bus des Österreichers Erwin Wurm, der erst unlängst in der Berlinischen Galerie ausstellte und nun für die Galerie König auch noch einige seiner abstruct sculptures aus bronzenen Würstchen und Gurken mitgebracht hat. Auch ein Toilettenhäuschen mit wild-buntem Comic-Inneren und entsprechender Musikbeschallung von Kenny Scharf für die Düsseldorfer Galerie Hans Mayer ist zu sehn. Multimedial und begehbar ist auch eine Tapisserie-Installation der französischen Turner-Preis-Trägerin von 2013, Laure Prouvost, bei der Berliner Galerie Calier/Gebauer. Für die Wiener Galerie nächst St. Stephan hat der Berliner Daniel Knorr einen begehbaren Solo-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg in die Halle gestellt, und für die Galerie Stereo aus Warschau lässt der polnische Künstler Roman Stańczak auf einem Holztisch einen Löffel um ein von einer Made zerfressenes Brot kreiseln.

Die Berliner Galerie koal zeigt die Sperrholz-Skulpturen aus der Werkgruppe Drop des in Tel Aviv lebenden Künstlers Yitzhak Golombek. Die wie Tropfen oder Tränen geformten Gehäuse spielen mit den Gegensätzen zum Dargestellten in Material, Form, Größe und Gewicht. Auf den Tropfen stehen Zeichnungen mit Köpfen, die aus Obst und Gemüse zusammengesetzt sind und an den Renaissance-Künstler Arcimboldo erinnern. Die Buchmann Galerie aus Berlin stellt eine Gruppe mit Bronzeskulpturen des Schweizer Malers, Bildhauers und Schriftstellers Martin Disler aus.

 

Yitzhak Golombek - ausder Werkgruppe Drop - Foto: St. B.

Yitzhak Golombek – ausder Werkgruppe Drop – Foto: St. B.

 

Ansonsten gibt es einiges Interessantes an Malerei, Grafik und Mixed-Media-Arbeiten zu sehen. Da sind vor allem die neuen Bilder des Kölners Andreas Schulze, die die Berliner Galerie Sprüth Magers an vier hellblaue, gegenüberliegende Stellwände gehängt hat. Die Serie Vacanze zeigt abstrahierte Rumpfformen von Urlauberfamilien in Öl und buntem Badeoutfit. Ironisch lässt Schulze aus kleinen runden Öffnungen in den Kleidern Rauch entweichen. Die Leipziger Galerie Eigen+Art zeigt die seriellen vom Vokabular der sozialen Netzwerke inspirierten Pop-Art-Bilder der griechischen Künstlerin Despina Stokou, auf denen sie viele kleine Emojicons aneinanderreiht. Verrätselt sind die großformatigen, farbigen Papierarbeiten des Dresdner Künstlers Dirk Lange mit den Titeln Staff und Grenzgebiet. Sie sind bei der Berliner Galerie Michael Haas zu sehen. Neue anspruchsvolle Öl-Bilder des Malers Eberhard Havekost hat die Dresdner Galerie Gebr. Lehmann im Angebot.

 

Andreas Schulze - aus der Serie Vacanze - Foto: St. B.

Andreas Schulze – aus der Serie Vacanze – Foto: St. B.

 

Für die Galerie Luis Campana hat der in New York lebende deutsche Künstlers Dirk Skreber große Portraits mit 3D-Effekten aus geschnittenen Schaustoffstreifen geschaffen. Hier schlug sogar die Neue Nationalgalerie Berlin / Hamburger Bahnhof zu. Bei der Düsseldorfer Galerie Sies+Höke sind große Bilder des New Yorker Zeichners Marcel Dzama zum Theater der Revolution sowie kleine Bühnenmodelle aus Holz im Stile des Bauhausmeisters Oskar Schlemmer ausgestellt. Der New Yorker Künstler Pieter Schoolwerth übersetzt mit roter Lackfarbe beschichtete Holzreliefs in dreidimensional anmutende, farbige Ölmalereien mit Stinkefinger. Seine Werke Fuck Me und Modell for „Fuck Me“ hängen bei der New Yorker Galerie Capitain Petzel.

 

Pieter Schoolwerth - Fuck Me - Foto: St. B.

Pieter Schoolwerth – Fuck Me – Foto: St. B.

 

Überstrichene, illegal geklebte Plakate hat der in Doberlug-Kirchhain geborene und in Düsseldorf arbeitende Künstler Juergen Staack in chinesischen Wohnhöfen (Hutongs genannt) fotografiert. Die Fotografien der Serie Wei (deframed), die hier direkt auf die grauen Wände des Kabinetts der Galerie Konrad Fischer geklebt wurden, sehen nun aus wie abstrakte Leerstellen ausgelöschter Kunst. Komplettiert wird das vielseitig ansprechende Angebot auf der ABC u.a. von feministischen schwarz-weißen Fotoarbeiten der dänischen Künstlerin Kirsten Justesen bei der Aviskari Galerie aus Kopenhagen sowie einer Multi-Media-Wand mit einer Auswahl von Fotos und Videos des Videofilmers und Theatermachers Christopher Roth beim Stand der Berliner Galerie Esther Shipper.

***

Art Berlin Contemporary
15. – 18.09.2016
in der Station-Berlin
Luckenwalder Str. 4–6

Infos: http://www.artberlincontemporary.com/de/

Zuerst erschienen am 21.09.2016 auf Kultura-Extra.

__________

The Present In Drag – Bei der 9. Berlin Biennale zeigt sich die Kunst der Gegenwart netzaffin und ganz in die Ästhetik der alltäglichen Werbewelt gewandet

Dienstag, August 23rd, 2016

___

bb_LogoIm World Wide Web wird viel über sogenannte Digital Natives gesprochen. Man versteht darunter Personen, die im Internetzeitalter groß geworden, das rein analoge Dasein nur noch aus Berichten von früher kennen. Dass das digitale Zeitalter auch längst für die bildende Kunst angebrochen ist, zeigt uns in diesem Sommer nun das Kuratorenteam der 9. Ausgabe der BERLIN BIENNALE für zeitgenössische Kunst. Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco Roso und David Toro, Betreiber der experimentellen Onlineplattform DIS Magazine aus New York, nennen ihre Schau The Present In Drag und laden an vier Orten in Berlin und einem Spreedampfer zur Betrachtung der digitalen Gegenwart ein.

Als Besucher sollte man also netz- oder zumindest video-affin sein. Denn dank digitaler Video-Technik wird hier auch schon mal das sonst eher stille Örtchen einer Toilette zum Hottest place on earth. Anstehen muss man aber immer noch, nicht etwa um seine Notdurft verrichten zu können, sondern um sich ein paar vom amerikanischen Künstler Shawn Maximo produzierte Biennale-Commercials im hipp und ungewöhnlich clean mit Sitzkissen ausgestatteten Ambiente des Zwischenetagenklos in den KunstWerken in der Auguststraße anzusehen. Comfort zone heißt das Ganze dann auch noch. Natürlich unisex – versteht sich.

Die schöne bunte Werbewelt. Sind Kunst und Kommerz heute überhaupt noch zu trennen? Um das ästhetisch zu erkennen und halbwegs zu durchschauen, sollte es allerdings kaum postmoderner Kunststrategien bedürfen. Oder etwa doch? „Willkommen in der Post-Gegenwart.“ heißt es bei den New Yorker Biennalemachern. Nach ihrer Ansicht ist die Gegenwart weder zu verstehen, noch greifen die konventionellen Formen der künstlerischen Gesellschaftskritik. Die ausgestellten Werke sollen lediglich auf Widersprüche verweisen, die unseren Alltag beherrschen. Die virtuelle Welt wird zunehmend als Realität wahrgenommen, Nationen als Marken, Menschen als Daten und Kultur ist Kapital. Ähnliches haben wir schon vom designierten Volksbühnenintendanten Chris Dercon gehört.

 

Cécile B. Evans, What the Heart Wants, 2016, Installationsansicht - Foto (c) Timo Ohler

Cécile B. Evans, What the Heart Wants, 2016, Installationsansicht – Foto (c) Timo Ohler

 

„Tomorrow is obvious. Today is unfathomable.“ (Morgen ist offensichtlich. Heute ist unergründlich.) steht auf einem, der wie Firmenwerbung aussehenden Ausstellungsflyer. Die Gegenwart hat sich also verkleidet – The Present In Drag. Also warum sie nicht im künstlerischen Sinne genauso darstellen als eine Realität der vielen Möglichkeiten. Das Schlagwort Neoliberalismus fällt in diesem Zusammenhang natürlich auch. Über die Zukunft muss man sich da kaum noch Gedanken machen, sie findet ja bereits statt. Wie in der raumgreifenden Videoinstallation What the Heart Wants von der US-amerikanischen Künstlerin Cécile B. Evans. In der gefluteten Halle in den KunstWerken sitzt man auf einem breiten Steg und sieht sich eine Art Futurama-Video im Stil virtueller Computer-Welten an, das von ironischen Werbeclips unterbrochen wird. „Ist’s not possible, ist’s real.“ heißt die Botschaft.

In einem Nebengelass überschneidet Josh Kline in seinem Video Mission Accomplished mit Hilfe einer speziellen Computersoftware die Körper von Schauspielern mit den Gesichtern von Tony Blair, Condoleezza Rice, Donald Rumsfeld, George W. Bush und Dick Cheney, die sich reumütig für den Irakkrieg entschuldigen. Der Künstler will so den in den USA vorherrschenden politischen Geschichtsrevisionismus kritisieren. Viel politscher wird’s in den Etagen leider nicht mehr. Camille Henrot hat hier ihr E-Mail-Postfach geleert und unbeantwortete Nachrichten von Aktivistengruppen, deren Anliegen die französische Künstlerin früher einmal unterstützt hat, ausgedruckt.

 

Åyr, Installationsansicht ARCHITECTURE, 2016 Verschiedene Materialien, Courtesy åyr; Project Native Informant, London - Foto (c) Timo Ohler

Åyr, Installationsansicht ARCHITECTURE, 2016 Verschiedene Materialien, Courtesy åyr; Project Native Informant, London
Foto (c) Timo Ohler

 

Die Installation Oblivion der Holländerin Anne de Vries befasst sich mit dem Phänomen von Massenveranstaltungen wie Technoevents, und das Londoner Künstlerkollektiv åyr kreiert eine Mitwohnwelt, inspiriert von Airbnb-Werbeprospekten. Vor lauter affirmierter Netz- und Werbeästhetik ist man ganz überrascht, neben ein paar Fotografien und Collagen zerstörter Umwelt von Lucia Stahl auch noch ein echtes Ölgemälde zu entdecken. Auf Everything needs it’s own absence von Nicolás Fernández ist eine nackte Frau im Kopfstand dargestellt, an deren Brust ein davorsitzender Säugling trinkt. Die Vorlage dafür ist ein viral verbreitetes Foto einer Yogalehrerin, womit wir wieder bei den Werbestrategien sozialer Online-Netzwerke angekommen wären.

**

Die Akademie der Künste am Pariser Platz, dem Anlaufpunkt für Touristen im Herzen von Berlin und gleichermaßen Standort von Banken und Botschaften, ist die passend gewählte Hauptspielstätte der 9. BERLIN BIENNALE. Ein Gesamtkunstwerk aus Rauminstallationen, Videoarbeiten und Investorenarchitektur. Von einem begehbaren Catwalk für alternatives Modedesign, der vom australischen Kollektiv Centre for Style in Kollaboration mit anderen Künstlern und Designern auf dem Steg im 1. Obergeschoss gestaltet wurde, blickt man auf eine stylische Saftbar mit Palettenmöbeln und die in wilden Verrenkungen mit Rollkoffern verschmolzenen Schaufensterpuppen von Anna Uddenberg. Die hybride Skulpturenlandschaft Transit Mode – Abenteuer, die die schwedische Künstlerin im Foyer geschaffen hat, reflektiert eine Gesellschaft in ständiger Bewegung sowie Körperkult und Sexualisierung gleichermaßen.

 

Anna Uddenberg, Transit Mode-Abenteuer, 2014–16 - Foto © Timo Ohler

Anna Uddenberg, Transit Mode-Abenteuer, 2014–16
Foto (c)Timo Ohler

 

Im Ausstellungsraum hat der in London geborene Künstler Simon Fujiwara sein Happy Museum aufgebaut. Objekte des Konsums wie ein Auto-Kindersitz, aufgereihter Spargel, Tafeln mit Kinderschokolade, zermahlenes Make up oder die Tür einer Glücksagentur sollen anhand fiktiv gesammelter Daten das Wohlbefinden der Berliner Bevölkerung symbolisieren. Syrischer Bürgerkrieg, Flucht und Ankunft in Berlin thematisiert mit einer Mischung aus Realismus und Fiktion das Video Homeland des syrischen Künstlers Halil Altindere, während Christopher Kulendran Thomas aus London noch einen Schritt weiter geht und in einem Firmen-Werbefilm im Lounge-Ambiente den Staat New Eelam (das tamilische Wort für die im Bürgerkrieg unterworfenen tamilischen Gebiete Sri Lankas) kreiert. Die grenzenlose Utopie eines Staats als Marke.

Wer nicht schon an der ironischen Botschaft der Konzeptkünstlerin Adrian Piper, die den Neugierigen an einer verschlossen Tür mit der Aufschrift HOWDY empfängt, gescheitert ist oder sich auf der Terrasse an den überdimensionierten Fitnessgeräten von Nik Kosmas optimiert hat, findet vielleicht noch den Weg ins Untergeschoss des Hauses. Hier präsentiert Hito Steyerl, die bereits den Deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig bespielte, zwei ihrer Videoinstallationen. In fiktiven, dokumentarisch aufbereiteten Geschichten zeigen The Tower und ExtraSpaceCraft wie 3D-Computerdesign für militärische Simulationen und den Drohnenkrieg genutzt wird. Das ist dann bei all der oberflächlichen Medienkunst doch mal eine durchaus interessante Arbeit, die mit Mitteln der Werbeästhetik die Verknüpfung von Hightech-Kreativwirtschaft und Militärischem Komplex aufzeigt.

 

Hito Steyerl, Installationsansicht ExtraSpaceCraft - Foto © Timo Ohler

Hito Steyerl, Installationsansicht ExtraSpaceCraft
Foto © Timo Ohler

 

*

Gänzlich mit dem Quell ökonomischen Denkens verschmilzt die Biennale-Kunst in der ESMT European School of Management and Technology, die im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR mit seiner den vergangenen Sozialismus feiernden Glasmalerei ihr trautes Heim gefunden hat. Die private Wirtschaftsschule für die Manager-Eliten der Zukunft bildet das ideale Setting für die gegenwärtige Auseinandersetzung von digitaler Kunst mit dem Kapitalmarkt. Während im Erdgeschossfoyer der Deutsche Aktienindex über einen Bildschirm flimmert, wirkt die Installation Blockchain Visionaries, die von den Künstlern Simon Denny und Linda Kantchev in Kojen-Stellagen im 1.OG präsentiert wird, wie die Parodie einer Wirtschaftsmesse. Wer noch nichts von Blockchain-Firmen oder der digitalen Kryptowährung Bitcoin gehört hat, wird wohl kaum den tieferen Sinn dieser Darstellung von Kunst und Kapital erfassen können.

Das in Dubai gegründete Künstler-Kollektiv GCC beschäftigt sich in seiner raumgreifenden Installation Positive Pathways (+) mit den neoliberalen Heilsformeln materiell ausgerichteter Kulturen, ihren Ideologien und Konditionierungen durch New-Age-Praktiken, wie sie sicher nicht nur in den wirtschaftlich prosperierenden Golfstaaten praktiziert werden. Die sogenannten „Positiven Energien“ wirken hier auf einer spiralförmig wie ein Taiji angelegten Tartan-Laufbahn, in deren Mitte eine Skulpturengruppe steht, mit einer Mutter, die ihrem Kind die Hand auflegt. Der Quantum Touch als Geste der spirituellen Selbstoptimierung.

 

GCC, Installationsansicht Positive Pathways (+), 2016 - Foto © Timo Ohler

GCC, Installationsansicht Positive Pathways (+), 2016
Foto © Timo Ohler

 

Diese Art der Kunstpräsentation ist für den traditionellen Konsumenten auf den ersten Blick sicher neu und etwas ungewohnt. Irgendwie beruhigend ist dann aber doch, dass sich in der zeitgenössischen Kunst seit der Pop-Art in Bezug auf die Rezeption von Werbe-Ästhetiken selbst durch die Erfindung des Internets nicht allzu viel geändert hat. Außer, dass sich die neue Gegenwartskunst auf der diesjährigen BERLIN BIENNALE nicht nur verkleidet hat, sondern vermutlich auch gar keine Kunst mehr sein will.

***

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst
The Present in Drag
Vom 04.06. bis 18.09.2016
an verschiedenen Orten in Berlin wie:
KW Institute for Contemporary Art, Auguststraße 69
Akademie der Künste, Pariser Platz 4
ESMT European School of Management and Technology, Schlossplatz 1

Weitere Infos: http://bb9.berlinbiennale.de

Zuerst erschienen am 17.08. und 18.08. 2016 auf Kultura-Extra.

__________