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Zwischen den Welten – Der XXII. ROHKUNSTBAU im Schloss Roskow beschäftigt sich mit Kindheitserinnerungen sowie Traumata infolge von Krieg und Flucht

Donnerstag, August 11th, 2016

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Der XXII. ROHKUNSTBAU 2016 bezieht sich auf ein Statement des früheren UN-Generalsekretärs Kofi Annan, der sagte: „Nichts ist heiliger als der Schatz, den die Welt mit Kindern besitzt. Nichts ist wichtiger als sicherzustellen, dass die Rechte von Kindern respektiert werden, dass ihr Wohlergehen garantiert ist, dass sie frei von Angst und Entbehrung leben und in Frieden aufwachsen können.“ Die Themenausstellung mit dem Titel Zwischen den Welten – Between the Worlds, die wie in den letzten beiden Jahren im Kulturschloss Roskow stattfindet, betrachtet die Kindheit als einen besonderen Bewusstseinszustand, eine metaphorische Zwischenwelt im Übergang zum Erwachsenenalter, aber auch als fragile und gefährdete Daseinsform und zugleich als individuelles politisches Recht, wie es die UN-Kinderechtskonvention seit 1989 festschreibt.

 

(c) Ulf Meyer zu Kueingdorf

(c) Ulf Meyer zu Kueingdorf

 

Kurator Mark Gisbourne hat elf internationale Künstler und Künstlerinnen eingeladen, sich in ihren Arbeiten mit der Thematik Kindheit und Jugend auseinanderzusetzen. Normale, verschwommene oder gar verklärende Kindheitserinnerungen stehen hier neben der Darstellung verschiedenster Traumata infolge von Krieg und Vertreibung. Viele Kinder und Jugendliche irren aktuell in Flüchtlingstrecks zwischen den Welten. Da ein trotziges Nicht-erwachsen-werden-Wollen, dort ein jähes Ende der Kindheit. So entstehen durchaus gewünschte Kontraste zwischen den Kunstwerken, die ihrerseits wiederum mit der Architektur des Hauses, einer früheren Schule, in Korrespondenz treten.

Sehr gut gelingt das dem Potsdamer Künstler Arne Schreiber mit seiner Installation aus zwei mit Ölfarbe übermalten Siebdrucken von Stills eines mit Super-8-Kamera aufgenommen Urlaubsfilms seiner Eltern und einem gespaltenen Buchenstamm. Die mit schwarzen Öl-Linien überzogenen Bilder von ihm und seinem Bruder beim Baden an der Ostsee korrespondieren mit den Jahresringen und den scharfen Linien der Maserung des Holzes. Sie verdeutlichen die vergangene Zeit, undeutliche Erinnerungen, diffuse Überblendungen und Lücken.

 

Arne Schreiber - #641, 2016, Öl, Siebdruck auf Leinwand, 259 × 190cm, Buche, ca. 600 × 40 cm - Courtesy Galerie koal, Berlin, Ausstellungsansicht XXII. Rohkunstbau - Foto © Jan Brockhaus

Arne Schreiber – #641, 2016, Öl, Siebdruck auf Leinwand, 259 × 190cm, Buche, ca. 600 × 40 cm – Courtesy Galerie koal, Berlin, Ausstellungsansicht XXII. Rohkunstbau – Foto © Jan Brockhaus

 

Geheimnisvoll und ambivalent ist auch die Installation des kubanisch-amerikanischen Künstlers Anthony Goicolea im großen Saal des Erdgeschosses [s. Foto unten]. Dort liegen nebeneinander sieben lebensgroße, mit dicken Plexiglasscheiben abgedeckte Grafit-Zeichnungen schlafender Jugendlicher. Auf Gipskissen gelagert wirken sie wie gläserne Särge, in denen sich die Fenster des Saales spiegeln. Goicolea spielt mit dieser Serie von verschiedenen Schläfern auf Sommercamps, Internate wie auch auf Flüchtlingslagern an.

In einem Video auf dem Treppenabsatz zum Obergeschoss zeigt der österreichische Maler, Video- und Performancekünstler Clemens Krauss einen Zusammenschnitt alten Filmmaterials, das er als Teenager in Graz gedreht hat. Eine kindliche, von einem Computer generierte Erzählerstimme kontrastiert die Bilder mit einer skurrilen, an Tabus rührenden Adoleszenz-Geschichte, die in Zusammenarbeit mit dem Schriftstellers Khesrau Behorz entstanden ist. Für sein Video Berliner Runde hat Clemens Krauss fünf jüdische Damen in einem Altersheim in Tel Aviv besucht. Sie erzählen sich in lockerer Runde ihre Erinnerungen an die Kindheit in Berlin und die Flucht nach Israel.

 

Ammar al-Beik, La Dolce Siria, 2014, Video, 27 Min - Filmstill © Ammar al-Beik

Ammar al-Beik – La Dolce Siria, 2014, Video, 27 Min – Filmstill © Ammar al-Beik

 

Sehr eindrucksvoll ist auch der 2015 auf der Berlinale gezeigten Experimentalfilm La Dolce Siria des syrischen Filmemachers Ammar al-Beik. Er verschneidet geschickt Fellinis Klassiker La Dolce Vita mit Bildern des syrischen Bürgerkriegs, spielenden Kindern während eines Angriffs der syrischen Regierungstruppen mit Skud-Raketen und Erinnerungen an das Gastspiel eines italienischen Zirkus in Aleppo. Fellinis Zirkuslöwen stehen hier auch für den Diktator Assad, das syrische Wort für Löwe. Ebenfalls aus Syrien stammt der heute in Paris lebende Grafiker Hamid Sulaiman. In seinen Zeichnungen und Grafic Novels dokumentiert er schön länger den Arabischen Frühling. Für ROKUNSTBAU zeigt er in seinen Tuschezeichnungen des Brainwash Projekts den Einfluss der Medien und TV-Sendungen auf die Radikalisierung der arabischen Jugend.

Die Konzeptkünstlerin JIA aus China porträtiert in ihrer Videoinstallation Mini Shop Kinder der ethnischen Minderheit der Yi, die getrennt von ihren als Wanderarbeiter beschäftigten Eltern leben müssen. Die sogenannten „zurückgelassenen Kinder“ berichten im Video über selbstgemachte kleine Figuren, die in den Regalen des Shops neben Süßigkeiten und Comicheften stehen und gegen mitgebrachte Geschenke eingetauscht werden können. Eine liebevolle interaktive Geste über Grenzen. Neugier und kindliche Fantasie anregen sollen die auch wie überdimensionierte Reisekoffer wirkenden vielfarbigen Blechboxen der spanischen Bildhauerin und Objektkünstlerin Angela de la Cruz.

 

Sokari Douglas Camp, Gods’s children. God’s gift, 2016, Stahl, Ölfässer und Olivenölkanister - Installationsansicht XXII. Rohkunstbau - Foto © Jan Brockhaus

Sokari Douglas Camp – Gods’s children. God’s gift, 2016, Stahl, Ölfässer und Olivenölkanister – Installationsansicht XXII. Rohkunstbau – Foto © Jan Brockhaus

 

Komplettiert werden die Videos und Installationen mit Gemälden des Franzosen Edouard Baribeaud, der eine Galerie mit kindlichen Heldenfiguren aus Märchen und Comics in den Flur gehängt hat, sowie des Briten Ryan Mosley, dessen Bilder in die Zauberwelt des Zirkus entführen. In seinen Gemälden und der Skulpturenserie Dutch Master ironisiert der Berliner Peter Stauss die Kunst-Idole der Vergangenheit. Und einen Fingerzeig Gottes hat die in Nigeria geborene britische Bildhauerin Sokari Douglas Camp aus Ölfässern und Olivenölkanistern zusammengeschweißt. God‘s children. God’s gift heißt ihre metallene Figurenkombination aus Michelangelos Erschaffung Adams und Motiven der Schutzmantelmadonna. Öl als Gottesgeschenk wie auch als Symbol für den ökonomischen Reichtum von Konzernen. Da bleibt nur noch zu sagen: Kinder an die Macht.

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XXII. ROHKUNSTBAU
Zwischen den Welten – Between the Worlds
Schloss Roskow, 10.07.-18.09.2016

Beteiligte KünstlerInnen:
Angela de la Cruz (Spanien), Ryan Mosley (Großbritannien), Arne Schreiber (Deutschland), Peter Stauss (Deutschland), JIA (China), Sokari Douglas Camp (Nigeria/Großbritannien), Edouard Baribeaud (Frankreich), Ammar al-Beik (Syrien), Hamid Sulaiman (Syrien), Anthony Goicolea (Kuba/USA) und Clemens Krauss (Österreich/Deutschland)

Öffnungszeiten:
Sa, So | 12 – 18 h

Schloss Roskow
Dorfstr. 30
14778 Roskow

Weitere Informationen: http://www.boell-brandenburg.de/de/rohkunstbau

Zuerst erschienen am 05.08.2016 auf Kultura-Extra.

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