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Das Wiener Leopold Museum vergleicht Plastiken von Wilhelm Lehmbruck und Berlinde De Bruyckere mit Papierarbeiten von Egon Schiele und Joseph Beuys

Dienstag, Mai 31st, 2016

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Lehbrucl-De Bruyckere_LEODas LEOPOLD MUSEUM in Wien steht derzeit ganz im Zeichen der Skulptur. Während im Untergeschoss des Hauses im Museumsquartier dem deutschen Bildhauer und Begründer der plastischen Moderne Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) eine Retrospektive gewidmet wird, hat man im Erdgeschoss die Hausheiligen des Wiener Jugendstils Gustav Klimt und Koloman Moser ausgeräumt und Platz für die Personale Suture (Naht) der belgischen Bildhauerin Berlinde De Bruyckere (geb. 1964) geschaffen. Einen weiteren Magneten der Sammlung Leopold wird man aber in den letzten beiden Räumen der Lehmbruck-Retrospektive wiederfinden. Der neue Direktor des Leopoldmuseum und Kurator der Ausstellung Hans-Peter Wipplinger stellt dort den gezeigten 50 Skulpturen sowie 100 Zeichnungen und Radierungen des Duisburger Bildhauers den Wiener Expressionisten Egon Schiele (1890-1918) gegenüber, und auch zum Werk der Belgierin De Bruyckere sieht Wipplinger erstaunliche Parallelen. Wie gut die Bronzeplastiken Lehmbrucks mit den Wachsskulpturen von De Bruyckere und den Zeichnungen Schieles korrespondieren, eine künstlerische Gemeinschaft bilden, die physischer Materialität auch eine seelische entgegensetzt, wird man sich hier überzeugen können.

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Und noch ein vierter Künstler ist mit in Bunde: Der deutsche Aktionskünstler, Bildhauer und Zeichner Joseph Beuys (1921-1986), der im letzten Teil der Ausstellung in einem Video seiner Dankesrede für den Wilhelm-Lehmbruck-Preis kurz vor seinem Tod 1986 eine Lanze für die Plastik bricht, indem er Lehmbrucks den Satz, „dass Plastik alles ist,(…) schlechthin das Gesetz der Welt“nahelegt und in Bezug zu Lehmbrucks Werk weiter ausführt: „Man kann sie nur erfassen mit einer Intuition, wobei einem ganz andere Sinnesorgane ihr intuitives Tor offen machen, und das ist vor allen Dingen das Hörende – das Hörende, das Sinnende, das Wollende, das heißt, es sind Kategorien in seiner Skulptur vorhanden, die niemals vorher vorhanden waren.“ Lehmbruck – und das stellt diese Retrospektive Raum für Raum klar – überwand bei seinem Ringen um die neue Form nicht nur den wilhelminischen Naturalismus seiner Lehrjahre an der Düsseldorfer Kunstakademie, er versuchte auch, gegen den Dualismus von Körper und Geist im Sinne einer Vergeistigung der menschlichen Figur, eine neue Spiritualität in der Plastik zu schaffen. Flankierend sind an den Wänden des Raums Beuys‘ Zeichnungen aus der Kölner Mappe von 1957 und andere fragmentarische Aktdarstellungen gehängt.

 

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien - Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien – Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

 

Lehmbruck als Sohn einer einfachen Bergarbeiterfamilie hatte früh ein Auge für Leid und Elend, was ihn auch in die Nähe von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach rückt, die ihm hier im ersten Teil der Ausstellung über die frühen Jahre Lehmbrucks mit bildhauerischen Werken gegenübergestellt sind. Er orientierte sich aber vor allem am idealistischen Maler Hans von Marées, den Bildhauern August Rodin und Aristide Maillol sowie an den Künstlern, die er in seiner Pariser Zeit bis zum Ersten Weltkrieg kennenlernte. Ein weiteres Vorbild war der Bildhauer und Maler Georg Minne, dessen Kniender Knabe (1897) hier neben Lehmbrucks Bronzeskulptur Kniende (1911) steht. „Das Vorwort zum Expressionismus in der Skulptur“, wie es der Schriftsteller Theodor Däubler formulierte. Hier sind schon alle Merkmale des späteren Werks vereint: geometrische Figur, schlanke Gliedmaßen, geneigter und überdimensionierter Kopf. Die maßvolle, asketische Form eines reflektierten Geistes.

Der Impuls des Aufbruchs, das Streben nach Höherem und die Hoffnung eines neuen Menschenbildes, die hier in den beiden Skulpturen der Großen Sinnenden (1913) und des Emporsteigenden Jünglings (1913/14) vereint sind, finden mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein jähes Ende. Der allgemeinen nationalen Euphorie kann sich der zum Sanitätsdienst und als Kriegsmaler eingezogene Lehmbruck nicht anschließen und nimmt mit seiner Figur Der Gestürzte (1915) an einem Wettbewerb für ein Kriegerdenkmal in Duisburg teil. Die Folge sind Unverständnis und harsche Ablehnung, während Lehmbruck weiter Grafiken und Öl-Tempera-Bilder von Verzweiflung, Vernichtung, Leid und Untergang schafft. In einem Gedicht äußert der Künstler erste Selbstmordgedanken: „Habt ihr, die so viel Tod verbreitet, / Habt ihr nicht auch den Tod / Für mich?“

 

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien - Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

Ausstellungsansicht Leopold Museum Wien – Wilhelm Lehmbruck. Retrospektive © Foto Lisa Rastl, 2016

 

Lehmbruck floh 1915 ins Exil nach Zürich. Es folgten Freundschaften und ein reger Austausch mit Schriftstellern und Künstlern wie Elsa Lasker Schüler, René Schickele, Iwan Goll und Hugo Ball sowie eine unglückliche Liebe zur österreichischen Schauspielerin Elisabeth Bergner, die Lehmbruck mehrfach portraitierte. Hier ist u.a. die Büste der 19-jährigen als erratisch entrückte Betende (1918) und ein Zyklus von düsteren Illustrationen zu Shakespeares Königsdrama Macbeth (1918) zu sehen.

„Körper als Fragment“ ist die Zürcher Zeit vor dem frühen Freitod Lehmbrucks im Jahre 1919 überschrieben. Sein plastisches Werk reduzierte sich nun mehr und mehr in Richtung Torso. Und hier kommen dann auch verstärkt die Vergleiche zur Bildhauerin Berlinde de Bruyckere mit ihren an die christliche Ikonografie angelegten Torsi aus Wachs, Kunstharz und Haar sowie Schieles fragmentarischen Selbstbildnissen mit ausgemergeltem Körper. Lehmbrucks Radierung Der verwundete Genius (1919) in Gestalt eines gestürzten Engels hängt hier neben der Skulptur Gefesselter Prometheus des Bildhauers Gerhard Macks, die dieser 1948 nach dem Ende der totalitären Herrschaft des Nationalsozialismus schuf. Lehmbruck porträtiert sich 1918 nochmal wie in einem „metaphorischen Selbstbildnis“ als Kopf eines Denkers. Eine Büste, die die Dominanz des Geistigen gegenüber dem Leib als Hort des Triebes veranschaulichen soll.

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BERLINDE DE BRUYCKERE, Aanéén-genaaid - 2002 © Privatsammlung, Belgien, Foto Mirjam Devriendt

Berlinde De Bruyckere, Aanéén-genaaid – 2002 © Privatsammlung, Belgien, Foto Mirjam Devriendt

Existentielle Probleme des Menschseins bewegen auch Berlinde De Bruyckere. In der Ausstellung im Erdgeschoss kann man sich vertiefend ihren Werkgruppen widmen, in denen die Bildhauerin motivisch die „christliche Schmerzenskultur“ reflektiert. So wie in Lehmbrucks Werk, steht auch bei De Bruyckere der Wunsch körperliches Leid, Schmerz und menschliche Verletzlichkeit erfahrbar zu machen, im Zentrum des plastischen Schaffens. Beispielhaft dafür ist die lediglich auf Kissen gebettete Skulptur Piëta von 2007-2008. Wie in der Ausstellung betont, sind De Bruyckeres Wachs-Skulpturen in ihrer Form deshalb so stark abstrahiert, um die Zeitlosigkeit menschlicher Befindlichkeiten weg von der christlichen Tradition zu verdeutlichen. Besonders anschaulich wird das in der Skulptur San S. von 2003-2004, die nur auf die gekreuzten Beine des Heiligen reduziert ist.

Ein weiteres zentrales Motiv in den Plastiken De Bruyckeres ist die Naht. Nackte, schutzsuchende Figurentorsi wie Aanéén-genaaid (2002) scheinen dabei wie mit Decken vernäht. Die Polarität von Leben und Tod, Liebe und Einsamkeit zeigt sich vor allem in den Werken Into One-Another V To P.P.P. von 2011 oder Eén von 2003-2004, bei dem sich in voneinander separierten Glasvitrinen Körpertorsi förmlich zu durchdringen scheinen. Symbolisch das menschliche Innere nach außen stülpt De Bruyckere in ihrer plastischen Installation Inside Me II von 2010-2011. Teilweise inspiriert von Fotos aus dem Ersten Weltkrieg sind ihre Zeichnungen und Skulpturen eine durchaus anschauliche Ergänzung zum humanistisch geprägten Lebenswerk von Wilhelm Lehmbruck.

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WILHELM LEHMBRUCK
Retrospektive
08.04. – 04.07.2016
Leopold Museum im Museumsquartier Wien
Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Lehmbruck Museum Duisburg

BERLINDE DE BRUYCKERE
SUTURE
08.04. – 05.09.2016
Leopold Museum im Museumsquartier Wien

Infos: www.leopoldmuseum.org/de

Zuerst erschienen am 27.505.2016 auf Kultura-Extra.

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