Archive for the ‘Literatur’ Category

„Sterne über Senftenberg“ und „Wir kommen“ – Theaterstücke über die Nachwende-Generation in Senftenberg und die Generation der Millennials in Dresden

Mittwoch, Mai 3rd, 2017

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Sterne über Senftenberg – Dominic Friedel inszeniert die Neuauflage eines alten Fritz-Kater-Stücks über ostspezifische Wendeprobleme an der Neuen Bühne Senftenberg

Sterne über Senftenberg von Fritz Kater – Foto (c) Neue Bühne Senftenberg

Bereits im September 2016 hat sich die Neue Bühne Senftenberg mit „Wir sind 70!“ ein Theaterfest zum Jubiläum ausgerichtet. Etwas verspätet kommt dazu nun auch noch ein separates Stück, das man beim Autor Fritz Kater [im sonstigen Leben Theaterregisseur und Intendant des Schauspiels Stuttgart mit Namen Armin Petras] bestellt hatte. Sterne über Senftenberg ist eine Art Fortschreibung des 2003 in Leipzig von Petras selbst uraufgeführten Stücks Sterne über Mansfeld. Darin sind diverse Wendeschicksale verschiedener, in der Region des ehemaligen Kupferbergbaus lebender Personen miteinander verwoben. Kater erzählte von Wünschen, neuen Zielen und Perspektiven im Umbruch sowie dem tragischen Scheitern von Träumen und Beziehungen.

Im neuen Stück, das der Ex-Regieassistent von Armin Petras am Berliner Gorki Theater und heute selbst vielbeschäftigte Regisseur Dominic Friedel in der Studiobühne des Senftenberger Theaters zur Uraufführung brachte, sind dieselben ProtagonistInnen eher lockerer ost-verortet in einer Region, die mit dem Wandel zur gestalteten Kulturlandschaft aber deutlich an die ehemaligen Gebiete des Braunkohletagebaus rund um Senftenberg und Cottbus erinnert. Und auch sonst kann man die Handlung ganz gut mit dem zum Theaterfest uraufgeführten Stück Birkenbiegen des in Cottbus geborenen Autors Oliver Bukowski vergleichen. Hiergebliebene treffen auf Rückkehrer und Zugezogene, die sich mit alten Wunden und neuen Problemen auseinandersetzen müssen.

Wie im Mansfeld ist Polizist Christian (Roland Kurzweg) auch in der Lausitz mit dem Fernrohr immer auf der Suche nach den Sternen, die er seiner Nichte Janica (Marianne Helene Jordan) auf dem Dach eines Bühnenkubus, der am Beginn noch mit Papier eingeschlagen ist, zeigen will. In jenem Kubus steht nach dem Abreißen der Papierbahnen Janicas Vater, der Ex-Rockmusiker Thomas (Robert Eder), der seine E-Gitarre immer wieder einstöpselt und den rauen Sound des Abends gibt. Thomas war vor dem Ende der DDR mal kurz ganz nah dran an einem Plattenvertrag, wie der Schlagzeuger von Rockhaus, einer bekannten Ostband, der nun in einer Stones-Revival-Band spielt. Früher hat Thomas etwas gewagt, wie seine Frau Betty (Eva Geiler) am Küchentisch erzählt – heute verkauft er Versicherungen, um die Schulden für das Haus abzubezahlen. Die Idee einer Go-Kart-Bahn scheitert nicht nur an den Banken, sondern auch an über 600 fehlenden alten Autoreifen.

 

Sterne über Senftenberg – Foto (c) Neue Bühne Senftenberg

 

Ein weiterer Wendeverlierer liegt schon zu Anfang im Straßengraben. Benjamin, ein Parteiarbeiter im Ruhestand (Sybille Böversen), hat versucht sich das Leben zu nehmen und wird vom zugereisten Pastor (Sebastian Volk) gefunden, der im Osten auf Missionarstour ist. Das rund um den drehbaren Kubus sitzende Publikum zieht der junge idealistische Pastor immer wieder mit ein. So fragt er z.B. nach einem Handy, dem fehlenden Glauben oder der Wahrheit. Finden wird er nur Isabell, eine junge Frau auf der Suche nach Liebe (Katrin Flüs), die von einem Jesus an der Fleischtheke im Supermarkt phantasiert, der mit christlichen Litaneien aber in diesem Leben nicht zu helfen ist.

So hat hier jeder sein Päckchen zu schultern, nur der junge Pastor versucht noch die Last des alten Parteigenossen, dessen Gott eine versteckte Stalinbüste ist, mit zu tragen. Unermüdlich fordert er den am Bein Versehrten zum Weiterlaufen auf, aber Benjamin sackt immer wieder in sich zusammen. Er hat den einzigen Schuss der Wendeunruhen abbekommen. Ein Betriebsunfall der Geschichte. Den Pastor bezeichnet Benjamin als Reaktionär, einen der das Rad der Geschichte zurück drehen will. Einziger Hoffnungsschimmer bleibt die junge Janica, die den Absprung vom Graffiti-Sprayen an die Londoner Kunsthochschule schafft, trotz eines fast tödlich ausgehenden Zugunglücks.

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Soweit ist die Senftenberger Story fast identisch mit der aus dem Mansfeld, und man fragt sich schon, ob dieser als Uraufführung angesetzte Abend nicht nur eine örtlich umgesetzte Mogelpackung ist. Auch die recht sprunghafte Inszenierung von Dominic Friedel sorgt da nicht wirklich für Klärung. Das Neue ist dann aber nicht etwa das Weglassen des Chors der älteren Damen, sondern die Einführung der neuen zukunftsweisenden Figur, des Jungen Jeremias, den die aus London zurückgekehrte Janica mit in die alte Heimat bringt. Ihren Sohn, den sie mit einem Jamaikaner zeugte, spielt der 13jährigen Dae Eun Choi, Kind einer Koreanischen Musikerin und eines Senftenberger Schauspielers.

Der knapp 100minütige Inszenierung wird nicht nur von vereinzelten Versen des DDR-Literaten Wolfgang Hilbig und der an Metaphern reichen Sprache Fritz Katers aufgewertet. Am Ende gibt es, nachdem der Bühnenkubus wieder mit Spanplatten verkleidet ist, auch noch einen Blick in die Zukunft des freiwilligen Nierenspenders Christian, der Altenpflegerin Betty sowie von Mutter Janica und Sohn Jeremias. Regisseur Friedel lässt sie um den Kubus rotieren und immer wieder gemeinsam ihre Texte ins Publikum sprechen. „Es gibt keine Wahrheit. Keine Lüge. Nur Aktion. Aber die muss man schon selber machen.“ sagt Jeremias. Oder etwa: „Wir müssen wieder magische Orte schaffen.“ Zumindest dieses vage Versprechen des Theaters kann hier in Teilen erfüllt werden.

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STERNE ÜBER SENFTENBERG (Studiobühne Senftenberg, 08.04.2017)
Von Fritz Kater
Regie: Dominic Friedel
Bühne und Kostüm: Peter Schickart
Dramaturgie: Maren Simoneit
Besetzung:
Thomas, früher mal Rockmusiker … Robert Eder
Christian, sein Bruder, Ex-Polizist, Frührentner, Tauchlehrer … Roland Kurzweg
Pastor, nicht von hier … Sebastian Volk
Benjamin, Parteiarbeiter i. R. … Sybille Böversen
Isabell, auf der Suche nach Liebe … Katrin Flüs
Betty, Frau von Thomas … Eva Geiler
Janica, ihre Tochter … Marianne Helene Jordan
Jeremias, Janicas Sohn … Dae Eun Choi
Uraufführung an der Neuen Bühne Senftenberg: 8. April 2017
Weitere Termine: 22., 23.05.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-senftenberg.de/

Zuerst erschienen am 10.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Bleierne Traurigkeit – Im Kleinen Haus 3 am Staatsschauspiel Dresden bringt Tea Kolbe Ronja von Rönnes Debut-Roman Wir kommen auf die Bühne

Wir kommen (nach dem gleichnamigen Roman von Ronja von Rönne) am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) Matthias Horn

Wir kommen heißt der erste Roman der 1992 in Berlin geborenen und im oberbayerischen Markt Grassau aufgewachsenen Bloggerin und Journalistin Ronja von Rönne. Woher, wohin, ob zu früh oder zu spät, spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Der Roman beschreibt nur das vage Gefühl es womöglich nicht zu wissen, sich das Recht zum Ausprobieren aber nicht nehmen lassen zu wollen. Beim Bloggen wie beim Schreiben für die Tageszeitung Die Welt (das Springerblatt für Intellektuelle) vertritt Ronja von Rönne aber auch gern mal „Radikalpositionen“. Eine solche zum Thema Warum mich der Feminismus anekelt brachte ihr 2015 nicht nur von Seiten radikaler Feministinnen einigen Ärger ein. Viel Lob gab es dann allerdings auch aus der eher konservativen Ecke.

Infolge dieses medialen Hypes und ihrer Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Peis-Lesen in Klagenfurt ging es bald nicht mehr nur um Inhalte und literarisches Können. Eine gewisse Frechheit kann man dem sogenannten „Rönne-Sound“ ihres Blogs Sudelheft allerdings nicht absprechen. Ronja von Rönne polarisiert und scheint selbst davon überrascht zu sein. Wie man lesen kann, bedauert sie heute ihre damals spontan dahingeworfene Wutrede. Einen Axel-Springer-Preis für ihren kontrovers aufgenommenen Text lehnte sie ab. Durchaus gespalten fiel auch die bundesdeutsche Literaturkritik zu von Rönnes Debutroman aus. Die Einschätzungen gehen von exzellent, raffiniert und witzig bis zu lustlos, wurstig oder gar verzichtbar.

Am 9. April hatte nun die erste Bühnenadaption von Wir kommen am Staatsschauspiel Dresden Premiere. In der Welt lieferte danach die anwesende Autorin unter dem Titel: So gruselig ist es, das eigene Theaterstück zu sehen höchst selbst einen Bericht davon ab. Nebenbei ein recht guter Beitrag zum Verständnis der Figuren, die, wie von Rönne meint, „viel jammern, in einem Beziehungsgeflecht miteinander feststecken und ansonsten wenig tun“. Das klingt nicht gerade nach großer dramatischer Spannung, und wie bei jeder Romanadaption für die Schauspielbühne braucht es dazu nicht nur einen triftigen Grund, sondern auch ein paar gute Ideen, um dem Ganzen eine Wirkung im Theater zu verleihen. Aber wie exzellent oder verzichtbar stellt sich die Geschichte auf der Bühne wirklich dar?

Nora, die junge Protagonistin des Romans, leidet seit einiger Zeit an allmorgentlichen Panikattacken, die ihr die Luft zum Atmen nehmen. Nicht erst seit Thomas Melles Die Welt im Rücken sind Beschreibungen von Depressionen oder bipolaren Störungen ein Thema in der deutschsprachigen Literatur. Auch Ronja von Rönne weiß, wovon sie da schreibt. Allerdings ist das Ergebnis weit davon entfernt, die psychopathologische Analyse einer Krankheit zu sein. Die Autorin liefert eher ein düsteres Stimmungsbild einer Generation, die Meister der Aufarbeitung ist und darüber die Orientierung verloren hat, worum es im Leben überhaupt geht. Diffuse Vorstellungen von Glück, Liebe und beruflicher Karriere gehen mit einer ebenso undefinierbaren lähmenden Angst davor einher.

 

Wir kommen (nach dem gleichnamigen Roman von Ronja von Rönne) am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) Matthias Horn

 

Der besondere Clou der Inszenierung von Regisseurin Tea Kolbe im Kleinen Haus 3 ist es, die Schauspielerin Hannelore Koch als personifizierte Panik auftreten zu lassen. Wirklich angsteinflößend ist diese Figur jedoch nicht. Sie ist wie im Roman eher ein zur Gewohnheit gewordener Partner, der in Stunden der Einsamkeit behutsam mit Sätzen wie „Du verpasst nicht viel.“ das schlechte Gewissen, sich gehen zu lassen, wegreden will, aber auch beharrlich am Selbstbewusstsein nagt. Abhilfe soll der Besuch bei einem Psychotherapeuten schaffen. Als der mit seinem „perfekten Leben“ in den Urlaub fährt, empfiehlt er Nora in seiner Abwesenheit Tagebuch zu führen. Auch ein bewährtes Mittel zur Selbstreflexion. Und so bekritzelt Antje Trautmann als Nora schon zu Beginn mit Kreide den Boden eines runden, drehbaren Spiegelkabinetts.

Die Geschichte entspinnt sich nun zwischen ironischen Gegenwartsspiegelungen Noras und ihrer polyamourösen Beziehung zu Jonas, Karl und Leonie, Mutter der stummen fünfjährigen Tochter Emma-Lou, sowie Rückblenden in Noras Kindheit auf dem Land mit ihrer besten Freundin Maja, die sich gerade das Leben genommen hat. Auf der Rückseite der Spiegelpaneele lassen sich Namen, Alter und Strichsilhouetten zeichnen. Lucie Emons verkörpert dabei immer wieder Maja und zusammen mit Hannelore Koch die anderen Figuren des Romans. Auch Maja, ein früher recht lebensfrohes Mädchen mit ziemlich radikalen Zielen, scheint an einem unverarbeiteten Trauma gelitten zu haben. Der Wunsch, der Enge des Dorflebens zu entfliehen, wird beschrieben. Eine Mutprobe mit tödlichem Ausgang und der Weggang Noras haben die einstigen Freundinnen einander entfremdet.

Nora hadert mit dem Tod Majas, was jedoch nicht der einzige Grund für ihre Angststörungen ist. Auch damals gab es schon eine Vierergruppe, die allerdings nicht unbedingt auf Freiwilligkeit basierte. Nun versucht es Nora besser zu machen. Doch im komplizierten Beziehungsgeflecht der neuen Gruppe kriselt es ebenfalls mächtig. Verschiedene Auffassungen von Liebe und Lebensglück sowie Egotrips und Eifersüchteleien führen trotz einem gemeinsamen dreiwöchigen Urlaub am Meer schließlich zum Bruch. Die gleichen Codes oder eine finale Party liefern nicht den „sozialen Klebstoff“, an dem man schnüffelt, „um wieder abhängig voneinander zu sein“.

Die Dresdner Bühnenfassung versucht von Rönnes zuweilen etwas weitschweifigen Text aufs Wesentliche zu verdichten und die drei Schauspielerinnen schaffen es, die entsprechende Atmosphäre zwischen Hoffnung und bleierner Traurigkeit, von der immer wieder die Rede ist, ganz gut zu transportieren. Trotz einer gewissen, auch treffenden Kritik an typischen Mode-Macken und der im Selbstverwirklichungsstress hyperventilierenden Gesellschaft, die sich erst nach und nach ihrer Müdigkeit bewusst wird (im Programmheft wird mal wieder der Müdigkeits-Philosoph Byung-Chul Han zitiert), meiden Autorin wie Regisseurin die ganz großen Themen. Da ist „ein Tattoo der Bundesrepublik auf dem Rücken“ schon das Schlimmste. Aber eine gewisse Abneigung zur radikalen Gesellschaftskritik scheint der Social-Media-Generation der Millennials, zu der auch Ronja von Rönne gehört, eigen zu sein. Nicht nur, was die Einstellung zum Feminismus betrifft.

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Wir kommen (Kleines Haus 3, 15.04.2017)
Nach dem Roman von Ronja von Rönne
In einer Bearbeitung von Tea Kolbe und Julia Fahle
Regie: Tea Kolbe
Bühne: Anne-Alma Quastenberg
Kostüm: Steffi Rehberg
Licht: Andreas Rösler
Dramaturgie: Julia Fahle
Besetzung:
Nora: Antje Trautmann
Maja: Lucie Emons
Panik: Hannelore Koch
Uraufführung war am 09.04.2017 im Kleinen Haus 3 am Staatsschauspiel Dresden
Dauer der Aufführung: 1 Stunde, 20 Minuten, keine Pause

Termine: 07., 24.05.2017

Info: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 19.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten – Stephan Beer und Georg Burger adaptieren am Schauspiel Leipzig den DDR-Kinderbuchklassiker von Alexander Wolkow

Montag, Dezember 12th, 2016

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Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rollf Arnold

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rollf Arnold

Nicht nur die Mosaik-Comics von Hannes Hegen, auch eine Kinderbuchreihe des russischen Schriftstellers Alexander Wolkow hatte es in der DDR zu Kultstatus geschafft. Und wie die Abrafaxe, die Knollennasennachfolger der Digedags, 2001 von den vereinten deutschen Kinoleinwänden flimmerten, so erobern nun auch die Helden der Smaragdenstadt (Elli, Scheuch, Eiserner Holzfäller und tapferer Löwe) die Bühne des Schauspiels Leipzig. Wolkow hatte erstmals 1939 eine Nachdichtung des amerikanischen Kinderbuchklassikers The Wonderful Wizard of Oz von Lyman Frank Baum unter dem Titel Der Zauberer der Smaragdenstadt publiziert. Regisseur Stephan Beer und Bühnenbildner Georg Burger brachten bereits in der Vorweihnachtszeit des letzten Jahres ihre Bühnenversion dieses DDR-Kultbuchs erfolgreich am Schauspiel Leipzig heraus. Die Sache schrie förmlich nach einer Fortsetzung. Und so startete dann auch Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten nach dem 1963 erschienenen zweiten Band der Smaragdenstadt-Reihe.

Wolkows Geschichte führt uns wieder ins Zauberland, in dem nun der vom Zauberer Goodwin mit dem gewünschten Verstand ausgestattete Scheuch die Smaragdenstadt regiert. Doch im Blauen Land der Käuer, das die kleine Elli im ersten Teil von der Herrschaft der bösen Hexe Gingema befreite, lebt der menschenscheue Tischler Urfin Juice, der nach der Entdeckung eines Zauberpulvers, das er aus einem in seinem Garten wuchernden Kraut gewinnt, eine Holzsoldatenarmee aufstellt, mit deren Hilfe er die Smaragdenstadt erobert und die Macht im Zauberland an sich reißt.

 

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rollf Arnold

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rollf Arnold

 

In Leipzig haben Stephan Beer und Georg Burger die Story verständlicher Weise etwas gerafft. Nach einem am Bühnenvorhang visualisierten Albtraum Ellis, in dem sie die Machtergreifung Urfins voraussieht, beginnt es gleich mit dem griesgrämigen Kerl, der, seit die Käuer ihn meiden, in seinem mit psychedelischen Rorschachmustern behängten Garten mit langen grünen Lianen kämpft, bis ihm die Eule Guamokolatokint zeigt, wie er daraus das Zauberpulver zur Erweckung seiner getischlerten Holzsoldaten herstellen kann. Für die Rolle des Urfin hat der Regisseur den Schauspieler Tilo Krügel gewinnen können, der bereits im ersten Teil als Scheuch mit von der Partie war. Ihm zur Seite steht Sophie Hottinger als schwarze Eule, die auf einem Self-Balance-E-Board über die Bühne schwebt.

Und gleich geht es auch richtig zur Sache, wenn Urfin seinen Holzköpfen das Marschieren und Kämpfen beibringen will. Das ist zunächst recht witzig und gut choreografiert, wenn die Holzarmee dann aber mit Trommeln und Stöcken aufmarschiert, bekommt das ganze schon einen beängstigenden Drive. Die tolle Livemusik dazu kommt von den direkt auf der Bühne agierenden Jan S. Beyer & Jörg Wockenfuß. So geht es dann auch sofort gegen die Smaragdenstadt, in der die Zwei-Mann-Armee des weisen Scheuchs (Thomas Braungardt) – bestehend aus Din Gior (Roman Kanonik) und dem herbeigeeilten Eisernen Holzfäller (Andreas Dyszewski) – auf einem Hubsteiger bald vom listigen Verräter Ruf Bilan (Hartmut Neuber) überwältigt ist.

 

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig - Foto (c) Rollf Arnold

Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rollf Arnold

 

Denkwürdig auch die vor dem riesigen Banner mit seinem Konterfei gehaltene Antrittsrede des Usurpators Urfin, bei der er von der einstigen Größe des Zauberlands, dem Verfall der Gemeinschaft, Moral und Kultur spricht. Er will das Reich wieder vereinen und zu alter Größe zurückführen. Legida, AfD und Trump lassen hier grüßen. König Urfin gibt sich ganz als medienwirksamer Herrscher. Wer sich nicht an die neuen Regeln hält, wird vom Minister für Sicherheitsfragen Ruf Bilan denunziert und kommt ins Arbeitslager oder in den Kerker, wo schon Holzfäller und Strohscheuch vor sich hin rotten.

Das ruft natürlich nach Widerstand und das Mädchen Elli (Alina-Katharin Heipe) auf den Plan. Die durchweg spannend erzählte Story verfolgt parallel den Weg Ellis ins Zauberland, begleitet von der flatterhaften Krähe Kaggi-Karr (Anna Keil) durch das unterirdische Reich vorbei an riesigen Sechsfüßern, die aussehen wie wurmartige Nacktmulle, der auf einer Schaukel vorbeischwebenden rosa Fee (Nina Siewert) mit ihrem wandelnden Zauberbuch (David Hörning) bis hinein in den Kerker der Smaragdenstadt. Dass es zum Schluss natürlich einen an Showeffekten nicht gerade armen Showdown inklusive Happy End mit einem Loblied auf die wahre Freundschafft gibt, versteht sich fast von selbst. Eine an Einfällen, tollen Gesangsnummern, fantastischen Kulissen und bunten Kostümen nicht geizende Inszenierung, die für Groß und Klein gleichermaßen vergnüglich ist.

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Der schlaue Urfin und seine Holzsoldaten (UA) – (Schauspiel Leipzig, 04.12.2016)
Von Alexander Wolkow
Für die Bühne bearbeitet von Stephan Beer und Georg Burger
Regie: Stephan Beer
Bühnenbild: Georg Burger
Kostüme: Kristina Böcher
Choreographie: Sibylle Uttikal
Musik: Jan S. Beyer & Jörg Wockenfuß
Dramaturgie: Matthias Huber
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit:
Thomas Braungardt, als Der Scheuch
Andreas Dyszewski, als Holzfäller
Max Fischer, als Holzoldat / Sechsfüßer
Alina-Katharin Heipe, als Elli
Sophie Hottinger, als Guamokolatokint, Eule
David Hörning, als Bofalo, Bewohner des Unterirdischen Reiches / Willinas Zauberbuch / Holzsoldat
Roman Kanonik, als Din Gior, Soldat
Anna Keil, als Kaggi-Karr, Krähe / Anna, Ellis Mutter
Jonas Koch, als Holzsoldat / Der Tapfere Löwe
Tilo Krügel, als Urfin Juice
Ferdinand Lehmann, als Käuerin / Smaragdenstädterin / Holzsoldat / Sechsfüßer
Hartmut Neuber, als Ruf Bilan / John, Ellis Vater
Elias Popp, als Käuer / Smaragdenstädter / Holzsoldat / Sechsfüßer
Nina Siewert, als Willina, Fee des Gelben Reiches / Stella, Fee des Rosa Reiches / Holzsoldat
Premiere war am 26. November 2016 im Schauspiel Leipzig
Spieldauer ca. 1:45, eine Pause
Termine: 11.-21., 25.12.2016 // 05., 06.02. / 17.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 06. 12.2016 auf Kultura-Extra.

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KRUSO und 89/90 – Das Schauspiel Leipzig startet mit zwei Romanadaptionen über die Wende in die neue Spielzeit

Samstag, Oktober 8th, 2016

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Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Eine Auseinandersetzung mit dem „Schlüsselmoment der deutschen Geschichte“ nennt das Schauspiel Leipzig sein Unterfangen, mit gleich zwei Romanadaptionen zum Thema Wende und deutsche Wiedervereinigung in die neue Spielzeit zu starten. Pünktlich zum langen Einheitswochenende bringt man hier mit der Adaption von Lutz Seilers Hiddensee-Roman Kruso die zweite Wende-Inszenierung auf die Bühne. Bereits am 16. September hatte die Leipziger Bühnenfassung des Dresdner Wende-Romans 89/90 von Peter Richter Premiere.

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Kruso – Armin Petras adaptiert den Hiddensee-Roman von Lutz Seiler am Schauspiel Leipzig als magisches Bildertheater mit Anja Schneider in der Hauptrolle

Für die Adaption von Kruso konnte man einen alten Bekannten des Schauspiels, der schon unter Wolfgang Engel und Sebastian Hartmann in Leipzig inszenierte, wiedergewinnen. Armin Petras, zurzeit Intendant am Schauspiel Stuttgart, hat hier u.a. 2008 in Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin den im letzten Jahr verfilmten Roman Als wir träumten von Clemens Meyer erfolgreich auf die Bühne gebracht. Nun also ein weiteres Mal Lutz Seilers Buchpreisgewinner von 2014, der auch schon auf den Spielplänen in Magdeburg, Gera und dem Hans-Otto-Theater in Potsdam steht.

Auffallend ist zunächst die Bühne von Olaf Altmann, die nicht (wie bei ihm gewöhnlich) einen Sperrholzkasten zeigt, sondern einen dichten Wald aus vom Schnürboden gespannten Perlonfäden. Eine Bild-Metapher für Einengung und Verlorenheit wie auch für das unüberwindbare Meer zwischen Hiddensee und der dänischen Insel Møn, auf die es die sogenannten „Schiffbrüchigen“ zieht, die vor der Flucht eine kurze Bleibe auf Hiddensee suchen. Der Chor dieser Schiffbrüchigen wird hier von 6 Schauspielstudierenden dargestellt, die mal in den Fäden hängen oder zwischen ihnen in einer Art choreografierten Bewegung agieren. Einmal stellen sie sich sogar an der Rampe mit kleinen Modellen ihrer „Notunterkünfte“ auf der Insel vor.

 

Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Es beginnt aber zunächst vor dem Eisernen Vorhang mit der Vorgeschichte des Literaturstudent Ed (Florian Steffens), der hier aus seinen Erinnerungen an die verunglückte Freundin G. erzählt und den es dann später nach Hiddensee verschlägt, wo er eine Unterkunft in der Gemeinschaft des Urlauberrestaurants „Zum Klausner“ findet. Hier führt der Abwäscher Kruso sein Regime aus Ritualen und der Verheißung von Freiheit, die die vom Festland angespülten Schiffbrüchigen an der Flucht und vor dem sicheren Tod in der Ostsee retten sollen. Armin Petras besetzt diese Rolle mit der Schauspielerin Anja Schneider, was zunächst verwundert, aber letztendlich wunderbar aufgeht.

Man muss dem aber weiter keine große Bedeutung beimessen. Sehr subtil gehen nach und nach die Handlungsfäden von Eds poetischen Naturschilderungen und Begegnungen mit einem Fuchs (Markus Lerch im grünen Pelz und Dreispitz) zu Kruso über, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Petras spult die Geschehnisse auf Hiddensee überschaubar ab, ohne stur nacherzählend zu bebildern. Er greift den mal epischen, mal lyrischen Sound der Textvorlage auf und gibt ihn mittels szenischen Dialogen, Einzelvorträgen oder bewegten Gruppenchoreografien wieder. Als Requisiten dienen lediglich Handtücher und ein paar Töpfe für die Speisung mit der „ewigen Suppe“, deren Zutaten in einem traumwandlerischen Defilee über die Bühne getragen werden. Der „Lurch“ aus dem Abfluss der Geschirrspültische hängt an im Bühnenboden eingelassenen Gitterrosten, mit denen Ed kämpft.

 

Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Als tragischer Alter und Bewahrer der schützenden Arche tritt der Klausner-Chef Krombach (Berndt Stübner) auf, der mit seinem Schlips Seemannsknoten bindet, was aber wie eine Schlinge aussieht. Er erklärt die Philosophie des Klausners als Poesie und Gastronomie, spricht von Abrechen und Abdriften der Küste, einem Landverlust im doppelten Sinne und rezitiert auch mal Brechts Lob des Kommunismus. Die anderen Figuren der Belegschaft bleiben hier eher im Hintergrund. Zwei Grenzsoldaten mit DDR-Stahlhelmen haben ihren komischen Kurzauftritt mit Pistole.

Viel Raum nehmen dafür Krusos Rituale mit den Schiffbrüchigen und ein wildes aus den Fugen geratenes Sommerfest mit Live-Schlagzeug-Begleitung und archaischen, magischen Tänzen ein. Die immer wiederkehrenden Bemühungen Krusos, Ed von seinen Visionen zu überzeugen, gestaltet Anja Schneider oft anrührend komisch bis improvisiert und slapstickhaft. Die „Karte der Wahrheit“ steckt sie mit Wimpeln ab und erklärt die Phasen des Ertrinkens, wobei der Chor der Schiffbrüchigen magisch in den Schnüren hängt. Kruso führt Ed seine erste Vergabe, die Schiffbrüchige C., zu, schließt Blutsbrüderschaft und predigt vom Kochtopf herunter von den „Wurzeln der Freiheit”.

Nach der Pause beerdigt Armin Petras dann die DDR. Es wird viel gewinkt, ein Grab für den toten Fuchs ausgehoben, und die Stimme von Angelika Unterlauf darf noch mal zum 40. Jahrestag gratulieren. Der verletzte Ed erfährt noch von Rommstedt (Dirk Lange) die Geschichte des Generalssohn Kruso, was im Hintergrund mit einem akrobatischen Soldatendenkmal illustriert wird. Die neue Zeit hält mit Haribo und Flitter Einzug. Ed und Kruso schmeißen ihren „McKlausner“ jetzt allein im Ketchup- und Senftubenkostüm. Bis auch Kruso langsam verstummt und verschwindet, nicht ohne vorher Eds Verrat und die neue Spezies des Einbauküchenmenschen zu beklagen. Das Ende markiert die in der Drehung mit den Perlonfäden verhakte Bühne. Es geht nicht vor und nicht zurück. Ein durchaus eindrucksvolles Bild für das Ende einer Utopie.

Eingeladen zu den Autorentheatertagen 2017 im Deutschen Theater Berlin.

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KRUSO (02.10.2016, Schauspiel Leipzig)
Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Für die Bühne bearbeitet von Armin Petras und Ludwig Haugk
Regie: Armin Petras
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Patricia Talacko
Live-Musik: Johannes Cotta
Choreographie: Denis Kuhnert
Dramaturgie: Christin Ihle, Clara Probst
Licht: Jörn Langkabel
Besetzung:
Alina-Katharin Heipe (Chor der Schiffbrüchigen), Ellen Hellwig (Monika / Inselärztin), David Hörning (Chor der Schiffbrüchigen), Andreas Keller (Koch-Mike / Rebhuhn), Jonas Koch (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Dirk Lange (Rimbaud / Rommstedt), Ferdinand Lehmann (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Markus Lerch (René / Fuchs), Elias Popp (Chor der Schiffbrüchigen), Anja Schneider (Kruso), Nina Siewert (Chor der Schiffbrüchigen), Florian Steffens (Ed) und Berndt Stübner (Krombach)
Premiere war am 01.10.2016 im Schauspiel Leipzig
Termine: 29., 30.10. / 19., 20.11. / 01., 02.12.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 04.10.2016 auf Kultura-Extra.

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89/90 – Regisseurin Claudia Bauer und Komponist Peer Baierlein sampeln am Schauspiel Leipzig eine Text- und Soundcollage aus dem Dresdner Wende-Roman von Peter Richter

Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Das Land verlassen ohne eine Grenze zu übertreten. Was sich in Lutz Seilers Kruso eher beiläufig und abseits der großen Politik auf einer kleinen Insel vollzieht, erlebt der 16jährige Ich-Erzähler aus dem Roman 89/90 von Peter Richter live und leibhaftig in Dresden, auch wenn es da am Ende über den 3. Oktober 1990 ganz ähnlich heißt: „…und wir waren, ohne uns vom Fleck bewegt zu haben, in einem anderen Land.“ Was im letzten Sommer des Sozialismus geschah, beschreibt Richter in vielen kleinen Momentaufnahmen, Anekdoten und Geschichten als vielstimmigen Soundtrack eines kleinen untergehenden Lands. Ende August am kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden in nacherzählenden Spielszenen mit Live-Band-Begleitung uraufgeführt, versucht man nun am Schauspiel Leipzig sich auf eine ganz andere Art dem Buch von Peter Richter zu nähern.

Doch auch Regisseurin Claudia Bauer und ihr Dramaturg Matthias Huber gehen den Stoff sehr musikalisch an. Aber zunächst sieht man auf einer Videoleinwand über der Bühne, die wie ein altes DDR-Kultur- oder Funkhaus mit braunem Holz vertäfelt ist, Wenzel Banneyer, der Text des Ich-Erzählers aus dem Buch spricht und dabei in alten Fotos wühlt. Zu ihm gesellt sich der Berliner Neuzugang Roman Kanonik, der die Rolle des Freundes S. übernimmt. Wie Peter Richter in seinem Buch blicken die beiden auf damals zurück, als sich die ganze Clique noch gemeinsam im nächtlichen Schwimmbad traf. Dazu tritt das restliche Ensemble in Ganzkörperschaumstoffanzügen mit riesigen Kahlköpfen im Trockeneisnebel auf. Ein traumwandlerischer Erinnerungsreigen.

Und wie sich die beiden oben erinnern, entsteht unten in kleinen, anekdotisch gefärbten Szenen ein Bild von damals, dass zuweilen an einen alten Hollywoodfilm erinnert, etwas kitschig und mit angedeuteten Liebesszenen des Erzählers und seiner linientreuen Freundin L. (Bettina Schmidt) mit Blondhaarperücke und im langen Kleid aus einer DDR-Fahne. Immer wieder tritt nun ein 24-köpfiger Chor in Alltagskleidung auf. Sie singen auf Stühlen sitzend den DDR-Punk-Klassiker von Feeling B „Wir wollen immer artig sein“ als vielstimmigen Kanon, „Kinder der Maschinenrepublik“ von der Band Die Firma oder Textsplitter aus dem Buch zu minimalistischen Arrangements von Peer Baierlein.

 

89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Das Chorische vermischt sich unter dem körperbetonten Dirigat von Chorleiter Daniel Barke wunderbar mit kurzen Szenen aus der Schule, Geplapper in der Raucherecke, allerlei Zwischenrufen oder auch Episoden aus dem Wehrlager. Denis Petković brüllt im Stakkato-Ton die Befehle des Wehrlagerleiters, oder das „Zuführen!“ der Polizei bei den Demos vor dem Dresdner Hauptbahnhof.  Gemeinsam tanzt das Ensemble die rhythmischen Statements der Staatsbürgerkundelehrerin (Anna Keil) über den Unterschied von Arbeitnehmer und Arbeitgeber oder zu Reisen nach Prag oder Paris. Das ist einerseits ein herrlicher musikalischer Verfremdungseffekt, anderseits wirken diese minutiös einstudierten Chorpassagen wie kleine vertonte Absurditäten aus der späten DaDaR.

Bis zur Pause bekommt die Inszenierung dadurch einen wunderbaren Drive. Dann dreht sich das Bühnenbild nach hinten weg, und auf der Rückseite laufen nun bunte Werbefilmpersiflagen, die signalisieren sollen, was nach der Wende viel und heftigst auf die DDR-Bürger zukommen wird. Der Ton bleibt weitestgehend ironisch, auch wenn bei der L. die große Wende-Depression losgeht. Wenzel Banneyer und Bettina Schmidt wirken auf der ersten Fahrt des Erzählers mit seiner Freundin nach West-Berlin wie ein Hollywoodfilmpaar kurz vor der schmerzhaften Trennung.

 

89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Ein aufgeblasener Helmut Kohl mit Birnenkopf (Andreas Dyszewski) tänzelt vorbei und empfängt den von den Massen vor der Frauenkirche verströmten Willen zur deutschen Einheit. Leider wird es für die Nichtkenner des Romantextes nun auch etwas unübersichtlich. Auf den Erzähler und das Publikum prasseln dichte Textsamplings aus scheinbar wahllos aus dem Roman entnommenen Sätzen. Das mag gut zur chorischen Man-müsste-dies-und-jenes-könnte-aber-auch-Choreografie passen, die die allgemeine Konfusion nach der Wende zeigen soll, könnte aber auch leicht übersättigend wirken.

Dazu wird weiter munteres Typenkabarett gespielt: Bettina Schmidt gibt einen Zuhälter mit riesiger aufblasbarer Sexpuppe. Tilo Krügel spielt den Transvestiten T. als dauer-hibbeligen Fanatiker, der die Stasizentrale stürmt und später in den Untergrund abtaucht. Anna Keil schlägt im Glitzerkleid und Springerstiefeln den Takt der Schlägereien zwischen Punks und Skinheads mit dem Baseballschläger, und Roman Kanonik singt „Nazi Punks Fuck off“ von den Dead Kennedys oder Kim Wildes „Kids in America“ als Punk-Version. Ein großer Spaß. Auch wenn dabei die in Richters Textvorlage leicht mitschwingende politische Botschaft etwas unterzugehen droht. Die unglaublich künstlerische Raffinesse der kolossalen Chorarbeit rettet aber die Inszenierung von Claudia Bauer ins Ziel.

Wie in Dresden kulminiert der Abend auch hier in den 90ern mit dem alles gleichmachenden Technosound. Das Ensemble verschwindet wieder unter den großen Pappköpfen. Politik ist out. Dass das Versäumte und Vergessene heute als Pegida wieder hochkocht, konnte man gerade an diesem aktuellen Tag der Einheit vor allem wieder in Dresden erleben. Peter Richter sprach davon im Februar in seiner Dresdner Rede, die nun zum Essay Dresden revisited erweitert in Buchform erschienen ist. In diesem Sinne braucht es vor allem auch solch ein Theater gegen das Vergessen.

 

Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Die Inszenierung ist zum 54. Theatertreffen in Berlin eingeladen.

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89/90 (03.10.2016, Schauspiel Leipzig)
Nach dem Roman von Peter Richter
Für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Huber
Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Andreas Auerbach, Doreen Winkler
Komposition und musikalische Leitung: Peer Baierlein
Chorleitung: Daniel Barke
Dramaturgie: Matthias Huber
Mit: Anna Keil, Annett Sawallisch, Bettina Schmidt, Wenzel Banneyer, Andreas Dyszewski, Roman Kanonik, Tilo Krügel, Denis Petkovic und Chor
Premiere am Schauspiel Leipzig war am 16.09.2016
Spieldauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
Termine: 23.10. / 03., 17.11. / 16.12.2016  / 14.01. / 17.02. / 19.03. / 27.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 06.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Tschick – Fatih Akin hat den Jugendbuch-Bestseller von Wolfgang Herrndorf verfilmt

Mittwoch, September 28th, 2016

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tschick_filmposterDer 2010 erschienene und mittlerweile in 24 Sprachen übersetzte Jugendroman Tschick von Wolfgang Herrndorf hat lange auf eine Verfilmung warten müssen, obwohl der 2013 verstorbene Autor die Filmrechte bereits 2011 verkauft hatte. Zur gleichen Zeit kam die erste Bühnenadaption des Dramaturgen Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden heraus. Es sollten viele weitere folgen. Mittlerweile ist Tschick das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Der posthum veröffentlichte Roman Bilder deiner großen Liebe (Dresden, Potsdam, Zürich) tut es dem Vorgänger nach. Das Theater, das sich gern in der Literatur und beim Film bedient, hat hier klar die Nase vorn. Auch weil Filmfinanzierungen immer etwas länger dauern oder andere Probleme ein Projekt in die Länge ziehen können.

So auch hier. David Wnendt (Kriegerin, Feuchtgebiete, Er ist wieder da), der zuerst als Regisseur vorgesehen war, sprang ab (aus Termingründen, wie es heißt) und Fatih Akin ebenfalls schon länger am Buch interessiert, kam doch noch zum Zug. Es folgten eine Drehbuchüberarbeitung zusammen mit Hark Bohm und die Umbesetzungen der Hauptrollen. Man geriet in Zeitdruck. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für den Erfolg eines so ambitionierten Projekts. Trotz allen Widrigkeiten lässt sich das Ergebnis (seit letzter Woche in den deutschen Kinos) durchaus sehen.

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Fatih Akin hat die Geschichte der beiden 14jährigen Jungen Maik und Tschick, die in einem geklauten Lada quer durch den Süden Brandenburgs unterwegs sind, recht behutsam adaptiert. Es ist kein krachiges Road-Movie geworden, obwohl es schon mit einem großen Knall beginnt und sich dann von Station zu Station wieder zum finalen Anfang hinbewegt. Auch wird neben der leiernden Richard-Clayderman-Kassette im Auto mit dem Gefühlsreißer „Pour Adeline“ noch so manch anderer zeitgemäßer Sound von K.I.Z., den Beginners, Betasteaks oder SEEED eingespielt. Und zu „Willkommen im Dschungel“ von Bilderbuch heizt man mit Begeisterung in Schleifen durchs Maisfeld.

Ein paar Nebenstränge sind gekappt, die Vorgeschichte ist sinnvoll gestrafft, und im letzten Teil der Reise hat Fatih Akin die Story etwas umgeschrieben. Ansonsten streift der Film alle wichtigen Orte. Etwa Maiks Heim mit der dauerbetrunkenen, Tennis spielenden Mutter, die zur Entziehung auf die „Beautyfarm“ fährt und dem Immobilien-Vater, der, bevor er mit seiner jungen Assistentin auf Geschäftsreise geht, dem Sohn noch zweihundert Euro rüberschiebt, nicht ohne den Hinweis, keinen Scheiß zu bauen. Oder die Schule, in der Maik nur der „Psycho“ ist und von der schönen Tatjana nicht bemerkt wird, bis er mit Tschick, dem „Asi“ und Spätaussiedler aus Russland, und einer Beyoncé-Zeichnung mit dem Lada-Niva auf der Geburtstagsparty der Angebeteten auftaucht, nur um diese mit quietschenden Reifen wieder zu verlassen.

 

Tschick - Foto (c) Studiocanal GmbH

TschickFoto (c) Studiocanal GmbH

 

Die beiden Außenseiter werfen Smartphone und Schnapspulle über Bord und machen sich ohne Landkarte auf die Suche nach Tschicks Großvater in der Walachei. Herrndorfs Buch beschreibt hier das unbekümmerte Lebensgefühl, jung zu sein. Eine Bandbreite der Gefühle von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Der Trick Herrndorfs ist, dass Maik und Tschick zwar die Welt der Erwachsenen fliehen, diese aber klug beobachtend immer wieder reflektieren, was Maik als Erzähler auch im Film manchmal tut. Akin hat einiger dieser Passagen fast im Wortlaut übernommen, auch viele tolle Dialoge der Jungen, in denen ein Stichwort das nächste gibt und ganze Reflexionsketten entstehen. So wird ein Blick in den Nachthimmel unter Windrädern und ein Gespräch über den Science-Fiction-Film Starship Troopers zur kleinen Philosophiestunde über die Unendlichkeit.

Herrndorfs Roman ist eine Hommage ans Kino wie den Lesestoff ganzer Jugendgenerationen von Huckleberry Finn über den Steppenwolf bis zum Fänger im Roggen. Mit Goethe und Eichendorfs Entwicklungsromanen ist Herrndorfs Stoff verglichen worden. Superlative, die im Buch nie abheben und immer wieder schön lakonisch geerdet werden. Diesem Sprachstil müssen Fatih Akins Bilder einfach hinterherhinken. Der Film macht das mit zwei außergewöhnlichen Hauptdarstellern wett. Tristan Göbel als Maik und Anand Batbileg als Tschick, die nicht nur vom Äußeren her ihre Rollen bestens ausfüllen. Natürlich kommt auch der schräge Humor Herrndorfs nicht zur kurz. Er spiegelt sich in den zahlreichen skurrilen Nebenfiguren vom „Adel auf dem Radel“ über die Nachtisch-Quiz-Familie auf dem Land bis zu Eltern, Lehrern und Dorfpolizisten, alle hochkarätig besetzt.

Bleibt noch die wichtigste Nebenfigur. Isa von der Müllkippe (Mercedes Müller), der Herrndorf bekanntlich seinen letzten, unvollendeten Roman gewidmet hat. Sie ist das weibliche Pendant der beiden träumenden Jungs. Im Film leider etwas zu strength im Ton. Dass sie auch leisere, verletzliche Seiten hat, klingt in der kurzen Flirtszene mit dem unsicheren Maik an. Ein Charakter, der mehr Raum verdient hätte. Auch das Nilpferd mit dem Feuerlöscher oder der Rentner Horst Fricke, der vom Krieg und der Liebe erzählt, sind gestrichen. Den Fuß verletzt sich Tschick durch einen Splitter des schmalen Holzstegs, über den Maik dann erstmals selbst fahren muss. Dass Herrndorf hier immer wieder das Große im Kleinen spiegelt, schien Fatih Akin wohl etwas zu redundant. Das zieht dem guten Sound trotz geiler Mugge etwas den Stecker. Bleibt ein unterhaltsamer Road-Trip, an dessen Ende Maik gemeinsam mit seiner Mutter den Ballast der Vergangenheit in den Pool werfen kann.

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Tschick
Deutschland, 2016, 93 Minuten
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
Kamera: Rainer Klausmann
Produktion: Marco Mehlitz
Musik: Vince Pope
Schnitt: Andrew Bird
Szenenbild: Jenny Roesler
Kostüme: Anna Wübber
Maske: Kitty Kratschke
Besetzung:
Tristan Göbel: Maik Klingenberg
Anand Batbileg: Andrej „Tschick“ Tschichatschow
Mercedes Müller: Isa Schmidt
Aniya Wendel: Tatjana Cosic
Anja Schneider: Maiks Mutter
Uwe Bohm: Maiks Vater
Udo Samel: Herr Wagenbach
Claudia Geisler: Mutter Risi-Pisi-Familie
Marc Hosemann: Dorfpolizist
Alexander Scheer: Jugendrichter
Friederike Kempter: Anwältin

Infos: http://tschick-film.de/

Zuerst erschienen am 23.09.2016 auf Kultura-Extra.

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89/90 – Christina Rast und Anna Rietschel adaptieren den Dresdner Wende-Roman von Peter Richter für das Kleine Haus des Staatsschauspiels

Dienstag, September 20th, 2016

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89/90 von Peter Richter war 2015 für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagen. Der Roman behandelt die letzten Monate vor der Wende 1989 und das letzte Jahr der DDR bis zur Deutschen Wiedervereinigung 1990 aus Sicht eines 16jjährigen Schülers, der wiederum rückblickend diese Zeit des Übergangs und Erwachsenwerdens am Ende der sozialistischen Ära in der Stadt Dresden in kurzen Berichten und Anekdoten reflektiert. Dass dieser Roman ein Jahr später an gleich zwei ostdeutschen Stadttheatern in verschiedenen Bühnenfassungen fast gleichzeitig aufgeführt wird, überrascht nicht. Die Aufarbeitung dieser deutschen Geschichtsstunde ist sicher noch nicht erschöpfend erfolgt. Man könnte aber auch sagen: Schon wieder ein Buch aus den Vorwendetagen in Dresden auf der Bühne? Hatten wir hier nicht mit dem Turm von Uwe Tellkamp erst den ultimativen Wende-Roman, der sogar noch zu Fernsehehren gekommen ist? Man würde damit aber Peter Richter sicher unrecht tun. Die Gefahr der ostalgischen Verklärung ist bei solchen Unternehmungen am Ort der Handlung zwar nie ganz auszuschließen. Der Drang vieler sich zu erinnern (in welcher Form auch immer) dürfte aber weiterhin ungebrochen sein.

89/90 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) David Baltzer

89/90 am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) David Baltzer

Bevor das Schauspiel Leipzig in der nächsten Woche seine Version an den Start bringt, hatte bereits am 27. August die Bühnenfassung von der Schweizer Regisseurin Christina Rast und ihrer in Elsterwerda geborenen Dramaturgin Anna Rietschel am Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels Premiere. Dass dies nicht auf der großen Bühne geschah, liegt sicher daran, dass das Große Haus am Postplatz gerade saniert wird. Projekt „Spielplansicherung“ nennt das die Stadt Dresden. Ein löbliches Ziel – sieht man, wie der Ex-Intendant Wilfried Schulz gerade mit den Umbauwidrigkeiten an seiner neuen Wirkungsstätte in Düsseldorf zu kämpfen hat. In einer Interimsspielzeit können die Dresdner nun aber mal ganz neue Spielstätten wie das Schlosstheater in der Dresdner Residenz oder das Palais im Großen Garten kennenlernen. Und Saal 1 im Kleinen Haus ist dann eigentlich auch nicht wirklich zu klein für diesen Versuch, Peter Richters Dresdner Wende-Erinnerungsreigen wirkungsvoll auf die Bühne zu bringen.

Unterstützt werden die beiden Theatermacherinnen von der Dresdner Band DŸSE, was schon mal die halbe Miete für den gut 160minütigen Abend ist. Richters Roman ist nämlich neben dem eigentlichen Erzählstrang auch so etwas wie ein Soundtrack zur Wende. Sein Hauptprotagonist und dessen Freund S. – Namen sind hier Schall und Rauch und eigentlich auch nicht wirklich wichtig – wollen nämlich (wovon Teenager wohl überall träumen) eine eigene Band gründen. An Namensvorschlägen mangelt es jedenfalls nicht. Vorbilder sind Ost-Punkbands wie Kaltfront oder Feeling B sowie englische Wave-Heroen wie New Order oder The Cure. Hauptsache, es klingt düster und kalt und nicht so beige wie die amerikanische Rockmusik jener Jahre. Das notwendige Equipment wird man sich schon irgendwie zusammensparen.

Dieses Punk-Feeling kommt durch den harten Live-Sound von DŸSE auch bestens rüber. Ansonsten ist – wie bei einem richtigen Jungsbuch (und das ist 89/90 zu mindestens 99,9 Prozent; ein gutes DDR-Wahlergebnis!) – ein ausschließlich männliches Schauspielensemble auf der Bühne, das die verschiedenen Charaktere der Geschichte wechselnd verkörpert. Mädchen, mit denen man im Buch geht und die dann irgendwann plötzlich in den Westen abhauen, werden einfach in Mimik und Gestik entsprechend adaptiert. Auch die schillernde Figur des Transvestiten T wird so kurz hin karikiert.

Aber es ist nun mal vor allem ein Stimmungsbericht eines männlichen Teenagers in der End-DDR mit allem, was an Jugendkultur in dieser Zeit so abging oder was systembedingt noch oder plötzlich möglich war. Dass DDR-Musiker wie Gerhard Gundermann, der singende Baggerfahrer, oder Art-Rocker wie die Stern-Combo-Meißen bei den Jungs verpönt waren, braucht man kaum zu erwähnen. Die Mix-Tape-Hitparade der 1980er war, ganz nach Geschmack, auch in der DDR vor allem geprägt vom Chart-Pop oder Underground des Westens, und als einzige Bekleidung aus volkseigener Produktion ging gerade noch die Unterwäsche.

Auch ideologisch hatte die DDR (das kennt man schon aus dem Turm) bei einem Großteil, nicht nur der Dresdner Bevölkerung, bereits abgewirtschaftet. Das will uns zumindest Peter Richter mit seinem Buch vermitteln. Und auch wenn das sein ganz persönliches Erleben ist, hatten sogenannte Hundertprozentige, die das auch noch offen zeigten, wie etwa die Freundin des Erzählers, L., einen gewissen Exotenstatus. Diese widersprüchliche Beziehung, die der Roman in einigen Kapiteln beleuchtet, wird hier auf nur wenige Szenen reduziert, wie etwa Diskussionen über Musik und Literatur oder den ersten West-Berlinbesuch der beiden nach dem überraschenden Mauerfall Anfang November 89.

 

89/90 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) David Baltzer

89/90 am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) David Baltzer

 

Der letzte Sommer des Sozialismus beginnt aber zunächst ganz normal mit einem nächtlichen Schwimmbadbesuch, der die Jugendlichen bei ihren Cliquenspielen zeigt. Dass sich einige von ihnen wenig später mal die Köpfe rasieren und auf anderer Köpfe einschlagen werden, ahnt da noch keiner. Richter lässt das aber in seinen rückblickenden Reflexionen schon mit anklingen. Der Autor, der jetzt als New-York-Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung schreibt, hat seine Kindheit und Jugend in Dresden verbracht. Man könnte ihm sicher vorwerfen, dass sein Buch auch nur mittlerweile gut bekannte DDR-Klischees auswalzt. Allerdings mit welchem ironischen Charme das hier erfolgt, ist dann doch durchaus lesenswert.

Auf der Bühne in Dresden, an deren Rückwand Franziska Rast eine Pseudolandkarte mit den politischen Koordinaten dieser Zeit Washington, Bonn, Berlin, Moskau und natürlich Dresden angebracht hat, sieht das dann auch eher wie eine lustige Party oder Fete aus, wie man früher zu sagen pflegte. Richter hat ja seinen Romanseiten zur näheren Erklärung sage und schreibe 134 Fußnoten angefügt, die an sich schon eine ganze DDR-Novelle hergeben. Hier werden sie ab und zu mit eingestreut, damit auch der aus dem Westen zugereiste Zuschauer weiß, wie man in der DDR Konsum aussprach oder was HO und EVP bedeutete usw.

Aus seitlich stehenden Spinden werden Blauhemden, Fahnen, GST-Klamotten oder Arbeiter-Blaumänner geholt und wieder versenkt. So entstehen die passenden Bilder zu Staatsbürgerkundeunterricht, 1.Mai-Demo, Wehrlager, PA- und ESP-Unterrichtung (Fußnote: PA für „Produktive Arbeit“ und EVP für „Einführung in die Sozialistische Produktion“). Wir erfahren, was die radikalen Pazifisten des Friedenskreises Wolfspelz waren, sind bei der Kirche von unten und recht plastisch bei den Wendedemos vor dem Dresdner Hauptbahnhof mit dabei.

Es werden mächtige Politikerpappköpfe und natürlich auch wieder die üblichen, kollektiven Erinnerungshighlights bemüht, etwa die berühmten Genscher-Worte im Garten der Deutschen Botschaft in Prag oder die denkwürdige Rede von Helmut Kohl vor der Ruine der Frauenkirche, die wie im Roman auch in der Inszenierung ausführlich wiedergegeben und mit den Kommentaren der jugendlichen Punker unterlegt wird, bevor diese schließlich vor der geballt anwesenden Skinheadmacht türmen müssen.

 

89/90 am Staatsschauspiel Dresden - Foto (c) David Baltzer

89/90 am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) David Baltzer

 

Nach der Pause folgt dann die geballte Jugendrevolte oder wie Richter es passend ausdrückt: „… da kommt was, Kinder, das wird heftig.“ Und damit sind sicher nicht nur die endlos beschriebenen Rechts-Links-Schlägereinen zwischen Skins und Zecken der sich plötzlich entsprechend ihrer Cliquenzugehörigkeit gegenüberstehenden Jugendlichen gemeint. Am Bühnenrand liegen passend dazu die neuen Baseballschläger. Auch die Deutschland- und D-Mark-Rufe werden lauter, denn nicht nur Dresden veränderte sich damals schlagartig in eine Containerfiliale der Allianz oder Commerzbank. Leider lässt dann auch die Intensität des Spiels etwas nach. Der recht interessante Teil zur neuen Jugendfreiheit mit Häuserbesetzung und Gründung der Bunten Republik Neustadt, der man im benachbarten, mittlerweile zum Touristen-Kiez verkommenen Kneipen-Areals noch immer jährlich gedenkt, wird recht kurz abgehandelt.

Auch der Sturm auf die Dresdner Stasizentrale, die Volkskammerwahl mit der plötzlich bunten Parteienlandschaft, Währungsunion und beginnende Prostitution werden gestreift. Dass man dafür merkwürdigerweise die Figur des ambivalenten Mentors der beiden Freunde, M., einen doch recht typischen Dresdner Allgemein-Bildungsbürger (zu allem auskunftsfähig und-willig) weggelassen hat, ist schade. Richters zukunftsweisender Ausblick in die beginnende Techno-Ära, einem neuen und eher unpolitischen Lebensgefühl der Spaßgesellschaft, wird aber geschickt ans Ende der Inszenierung gesetzt. Der bleiernen Kohl-Zeit folgten Schröder und Merkel, und dass sich da im Bühnenhintergrund die ganze Zeit ein alter Mann langsam wieder einmauert, ist sicher nicht ganz zufällig ein Verweis auf Pegida und die erstarkende AfD. Der Grundstock für deren jetzigen Erfolg wurde mit Sicherheit schon während der Wendezeit gelegt.

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89/90 (10.09.2016, Kleines Haus 1)
nach dem Roman von Peter Richter
Bühnenfassung von Christina Rast und Anne Rietschel
Regie: Christina Rast
Bühne: Franziska Rast
Kostüm: Gunna Meyer
Musik: Jarii van Gohl
Video: Julia Laggner
Dramaturgie: Anne Rietschel
Licht: Peter Lorenz
Besetzung:
Marius Ahrendt, Ben Daniel Jöhnk, Simon Käser, Loris Kubeng, Matthias Luckey, B. Pino Räder, Nicolas Streit und die Dresdner Band DŸSE mit Andrej Dietrich, Jarii van Gohl
Uraufführung war am 27. August 2016, Staatsschauspiel Dresden, Kleines Haus 1
Dauer: ca. 2 Stunden, 40 Minuten, eine Pause
Termine: 24.09. / 19.10., 26.10. / 05.11., 06.11. / 25.12.2016

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Weitere Empfehlungen zum Thema:

Peter Richter: 89/90. Roman.
Luchterhand Literaturverlag, München 2015.
413 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783630874623

Ende vom Lied: East German Underground Sound 1979 – 1990
Bands: Ornament & Verbrechen, Planlos, Zwitschermaschine, Rosa Extra, AG Geige, Herbst in Peking, Baader, Der Expander des Fortschritts u.a.
Genre: Punk, Underground, Post Punk, Avantgarde, Art Rock
Erschienen am 15. Juli 2016 zur gleichnamigen Ausstellung im Künstlerhaus Bethanien
CD Digipack mit 24seitigem Booklet in English und Deutsch
ENDE VOM LIED ist ein Projekt der Künstlerhaus Bethanien GmbH
Infos: http://www.bethanien.de
Kurator: Christoph Tannert
Texte & Compilation: Henryk Gericke
Übersetzung: Rick Minnich
Soundmastering: Norbert Grandl (Tonlabor Danziger 50)
Layout: Tobias Frindt

Zuerst erschienen am 12.09.2016 auf Kultura-Extra.

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Vor der Morgenröte – Ein eindrucksvoller Film von Maria Schrader über den Schriftsteller Stefan Zweig und seine Jahre im amerikanischen Exil

Freitag, Juni 10th, 2016

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Vor der Morgenröte_FilmplakatÜber sechs Jahre hat Maria Schrader an ihrem zweiten Kinofilm Vor der Morgenröte gearbeitet. Damals gab es noch nicht einmal den syrischen Bürgerkrieg – geschweige denn dass man in Europa eine Ahnung davon gehabt hätte, was der IS ist. Und dennoch schlägt dieser Film über den österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig als Flüchtling vor der Nazidiktatur aktuell ein wie eine Bombe.

Der Film betrachtet in lose aneinandergereihten Episoden Zweigs Jahre im Exil auf dem amerikanischen Kontinent von 1936 bis zu seinem Freitod 1942 in Brasilien. „Ein halber Kontinent möchte auf einen anderen flüchten, wenn er könnte.“ sagt der Schriftsteller (Josef Hader) in einer Szene mit seiner ersten Frau Friderike (Barbara Sukowa), die ihn mit zahlreichen Bittgesuchen von Bekannten aus der ehemaligen Heimat für amerikanische Visa konfrontiert. Das ist ein Zwischenspiel in New York. Zweig trifft nach Jahren seine Exfrau und deren Töchter wieder und ist sichtlich erschüttert von deren Schilderungen über die beschwerliche Flucht über die Pyrenäen und die Szenen vor der Abfahrt des Schiffes mit Flüchtlingen, die Visa über ein Liste von Eleanor Roosevelt erhalten hatten, in die USA. Nun zählt man auf ihn. Seine Stimme hat Gewicht.

Einige Jahre zuvor, 1936 – Zweig weilt zum P.E.N.-Kongress in Buenos Aires – , gedenkt der deutsche Schriftsteller und Publizist Emil Ludwig (Charly Hübner) – wie Zweig ein literarischer Biograf von Persönlichkeiten seiner Zeit sowie der Welt- und Kunstgeschichte – in seiner Rede den deutschsprachigen Mitgliedern, die noch auf der Flucht sind und von denen man noch nicht genau wusste, ob sie es geschafft haben. Darunter bekannte Namen wie Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Anna Seghers und Walter Benjamin, dessen Schicksal beispielhaft für jene steht, denen die Flucht aus Europa nicht geglückt ist.

 

Vor der Morgenröte_ © X Verleih 1

Vor der MorgenröteFoto © X Verleih

 

Zweig zeigt sich hier beschämt ob dieser klaren Stellungnahme zu den politischen Vorgängen in Deutschland, zu denen er sich als Pazifist und Künstler nicht berufen fühlt und die er sich zuvor bei einer Pressekonferenz auch nicht entlocken lässt. „Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungssüchtig.“ ist seine Antwort auf das Drängen eines jungen jüdischen Journalisten (André Szymanski). Zweigs Waffe ist sein Werk, wie er betont. Seinen Einfluss, den er als weltweit verlegter Schriftsteller genießt – der Film macht das mit der Anfangsszene eines großen Banketts zu Ehren des Autors in Brasilien klar – will er nicht politisch ausschlachten.

Zweig ist ein Mensch des Ausgleichs. Auch wenn er die Meinungsfreiheit als hohes Gut schätzt und verteidigt, wird er nicht das Wort gegen Deutschland erheben. Und sein Buch über die neue Exil-Heimat Brasilien ist eine Liebeserklärung, die ihm vor allem von linken Kritikern übel genommen wird. Im südamerikanischen Staat sieht Zweig die Utopie eines geeinten Europas verwirklicht, ohne Unterschied von Hautfarbe, Rasse und Religion. Das ist dann angesichts einer Reise in die Region des Zuckerrohranbaus mit seiner zweiten Frau Charlotte (Aenne Schwarz) schon recht fragwürdig. Zumindest deutet der Film die Gegensätze des Bildungsbürgers und der ländlichen, schwarzen Landarbeiterbevölkerung an. Vom heimischen weißen Bürgermeister wird er dann wieder als internationale Persönlichkeit mit schwarzer Blaskapelle und einem schrägen Donauwalzer geehrt.

 

Vor der Morgenröte - Foto © X Verleih

Vor der MorgenröteFoto © X Verleih

 

Zweig bleibt auch im südamerikanischen Exil ein europäischer Intellektueller, liberal eingestellt, aber wenig reflektiert gegenüber den tatsächlichen Verhältnissen. Und das verbindet ihn unter den europäischen Flüchtlingen wohl noch eher mit Thomas Mann als mit Ernst Bloch oder Bertolt Brecht. Natürlich verfolgt Zweig das Geschehen in Deutschland in der im brasilianischen Exil erhältlichen internationalen Presse. Das und die Berichte der deutschen Flüchtlinge deprimieren ihn allerdings zunehmend. „Es gibt keine Opposition gegen den Krieg als solchen, in keinem Land“, ist das tief enttäuschte und melancholisch gefärbte Credo des Humanisten Zweig. Selbst der Blick in die paradiesischen Pflanzenwelt seiner Zuflucht in Petrópolis lässt ihn verzweifeln vor dem Unglück der Anderen. Trotz allem spricht er dem mit seinem Emigrantenschicksal hadernden Berliner Journalisten Ernst Feder (Matthias Brandt) ironisch Mut zu. Man könnte es schlimmer treffen.

„Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht!“ steht in Zweigs Abschiedsbrief, den Ernst Feder am Ende des Films verliest. Der Glaube an ein freies Europa ohne Grenze und Pässe ist Stefan Zweig abhandengekommen. Er hat ihn in eine ferne Zukunft, ein anderes Leben verschoben, dass es auch heute noch gelebt werden will. Die zweigeteilte Kameraeinstellung, der indirekte Spiegelblick auf das Paar auf der einen und die trauernden Freunde im Nebenraum auf der anderen Seite, scheidet klar die Lebenden von den Toten.

Schraders Film ist kein Biopic im üblichen Sinne. In langen, fast meditativen Einstellungen fängt er mehr Stimmungen ein, als dass er über historische Fakten informiert. Es ist der Zwiespalt des Künstlers zwischen politischem Engagement und Dienst am künstlerischen Werk, zwischen Empathie und Hilflosigkeit. Zweig kann zwar in der Fremde weiter publizieren, glaubt aber nicht mehr an die Kraft seiner Worte. Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader verkörpert die innere Zerrissenheit und Depression des Intellektuellen kongenial. Er ist ein Glück für diesen Film. „Hader ist Zweig“, titelte ganz Wien. Josef Hader ist Stefan Zweig und ist es auch wieder nicht, genauso wenig wie Armin Mueller-Stahl je Thomas Mann oder Bruno Ganz Adolf Hitler waren. Und doch wird man beim Namen Stefan Zweig in Zukunft Josef Hader vor Augen haben.

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VOR DER MORGENRÖTE
Stefan Zweig in Amerika (D/F/A, 2016)
Film-Länge: 107 Min.
Regie: Maria Schrader
Buch: Maria Schrader und Jan Schomburg
Kamera: Wolfgang Thaler
Szenenbild: Silke Fischer
Kostümbild: Jürgen Döring
Maskenbild: Monika Fischer-Vorauer, Andreas Meixner
Originalton: Philippe Garnier
Tongestaltung: Kai Tebbel
Mischung: Bruno Tarrière
Musik: Tobias Wagner
Schnitt: Hansjörg Weissbrich, BFS
DIE BESETZUNG:
Stefan Zweig: JOSEF HADER
Friderike Zweig: BARBARA SUKOWA
Lotte Zweig: AENNE SCHWARZ
Ernst Feder: MATTHIAS BRANDT
Emil Ludwig: CHARLY HÜBNER
Joseph Brainin: ANDRÉ SZYMANSKI
In weiteren Rollen: HARVEY FRIEDMAN, OSCAR ORTEGA SÁNCHEZ, IVAN SHVEDOFF,  VINCENT NEMETH, TÓMAS LEMARQUIS, ARTHUR IGUAL, JOÃO CABRAL, JACQUES BONNAFFÉ, BENEDIKT ERLINGSSON, JOÃO DIDELET, NAHUEL PÉREZ BISCAYART, VALERIE PACHNER, SARAH VIKTORIA FRICK, ROBERT FINSTER, STEPHEN SINGER, ABRAHAM BELAGA, IRINA POTAPENKO, MARIA VIEIRA, FRANZISKA TRAUB, RALF HARSTER, ANA PINHEIRO u.a.

Infos: http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/de/

Zuerst erschienen am 09.06.2016 auf Kultura-Extra.

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„Wer hat Angst vor Hugo Wolf?“ und „Bilder deiner großen Liebe“ – Zwei bemerkenswerte Musiktheaterabende in Zürich

Dienstag, Mai 24th, 2016

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? Herbert Fritsch macht sich am Schauspielhaus Zürich virtuos komisch über die romantische Liedkunst her

Wer hat Angst vor Hugo Wolf_Schauspielhaus Zürich_Schaukasten

Schaukasten Schauspielhaus Zürich
Foto: St. B.

Hugo Wolf (1860-1903) ist ein Bruder in Körper und im Geiste eines Franz Schubert, was von der Syphilis bis zum düster melancholischen Wesensart der Liedkomposition reicht. Ein wenig Wahn war bei Wolf auch mit im Spiel. Das ist zunächst kein Grund sich über den Spätromantiker und Wagnerianer Wolf zu erheben, der zu Lebzeiten ähnlich wie Schubert nicht viel galt, aber die gesamte Sehnsuchts- und Schmachtpallette der Dichtkunst deutscher Romantik von Goethe über Mörike, Eichendorff, Fallersleben und Heine bis zu Keller vertont hat. Das romantische Kunstlied ist nun im Kunstschredder von Dada-Wicht Herbert Fritsch, der sich am Geburtsort der sinnverneinenden Kunstvernichtung Zürich allen Ernstes fragt:  Wer hat Angst vor Hugo Wolf?

Als Referenzen stecken da sowohl das bekannte Albee-Drama Wer hat Angst vor Virginia Woolf als auch das Skandal-Gemälde von Barnett Newman Who’s afraid of red, yellow and blue, ein Hauptwerk des Abstrakten Expressionismus, auf dem die Primärfarben Rot, Gelb und Blau als monochrome Farbflächenvariation streifenartig nebeneinander angeordnet sind. Ähnliches hat man Wolfs Kompositionen vorgeworfen, die angeblich leitmotivisch aus der Variation einer einzigen musikalischen Phrase bestünden. Diese These greifen auch Herbert Fritsch und sein Musiker Carsten Meyer unterstützt von der Berliner Sängerin Ruth Rosenfeld für die Arrangements des Zürcher Liederabends auf.

Herbert Fritsch, Regisseur - Foto (c) Thomas Aurin

Herbert Fritsch, Regisseur
Foto (c) Thomas Aurin

Auf Fritschs Bühne kreiseln drei spiegelnde Farbwände in besagtem Rot, Gelb und Blau, die auch gegeneinander um die eigene Achse gedreht werden können. Eine gut illuminierte Showbühne, auf der noch ein schwarzer Flügel steht, den Pianist Carsten Meyer in Las-Vegas-Kostüm virtuos bedient. Das erinnert in den Farben auch ein wenig an Fritschs Dieter-Roth-Abend Murmel, Murmel an der Berliner Volksbühne und in der schrägen Textzusammenstellung an den Konrad Bayer-Abend der die mann, für den der Regisseur gerade erst beim Berliner Theatertreffen mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde.

Fluxus und Dada halten sich in Zürich aber in Grenzen zu Gunsten von sieben Damen mit wunderbaren Gesangsstimmen, die die Bühne zunächst in schwarzen Anzügen mit angeklebten Bärtchen ganz wie die Comedian Harmonists erobern und zu einer Ouvertüre mit Mörikes Du bist Orplid, mein Land! / Das ferne leuchtet ansetzen. Damit legen Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld und Carol Schuler gleich zu Beginn das schöne, große Pathos frisch ironisierend frei.

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie - Foto: Wikipedia

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie
Foto: Wikipedia

Sieben singende Frauen und ein böser Wolf, eine ebenso romantische Märchen-Assoziation wie Steilvorlage für Fritschs witzige  Blödeleien. Und gemäß Goethes Diktum des ewig Weiblichen übernehmen sie die Regie und geben sie bis auf kurze Momente in denen Carsten Meyer seinen Flügel mit Jazzbesen bearbeitet, nicht wieder aus der Hand. Neben der modern arrangierten Musik des Komponisten Wolf. Weiteres bestimmendes Element sind die wie immer absurden, slapstickartigen Choreografien, die sich im Wechsel der Kostüme, Lichter und Schatten um die drei Wände drehen.

Fritsch dekonstruiert wahnwitzig Text und Musik indem er Mörikes Selbstgeständnis Ich bin meiner Mutter einzig Kind im sich überschlagenden Schnellsprech aufsagen lässt, eine Gruppe Geishas in Phantasiekimonos zu Ich esse nun mein Brot nicht trocken mehr aus dem Italienischen Liederbuch performen, oder Mörikes Frühling lässt sein blaues Band mit Marschmusik unterlegt wird.

Wandern lieb ich für mein Leben von Eichendorff ergeht es nicht viel anders als Ein Stündlein wohl vor Tag von Mörike oder gar Goethes Prinz Pipi. Sie werden durch den Fritsch’schen Lieder-Wolf gedreht. „So la la! Le ralla!“ Und auch der potentielle Rezensent bekommt sein Fett ab, wenn er von Anne Ratte-Polle mit Mörikes Abschied verbal rasch die Treppe hinab gegangen wird.

Die sieben Damen in abgestuften Komplementärfarb-Kostümen lassen nichts aus, um die Hör- und Sehgewohnheit des Bildungsbürgers zu verunsichern. Dass das nur bedingt gelingt, liegt sicher an der grandios perfekten Darbietung, die 90 Minuten bestens unterhält, aber auch etwas zu sehr nur schöne Oberfläche bleibt. Wenn die Sieben immer wieder unermüdlich das Erschrecken voreinander variierenden um die sich drehenden Wände hasten und am Ende wie Minz und Maunz warnend die Hände erheben, so lässt sich das Publikum nicht von einem Laß, o Welt, o laß mich sein! beirren,  und will unbedingt mehr davon. Zugabe gab‘s sofort bei der typischen Applausordnung.

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? (06.05.2016)
von Herbert Fritsch
Uraufführung am 23.04.2016 im Schauspielhaus Zürich
Regie: Herbert Fritsch, Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Helmi, Musikalische Leitung: Carsten Meyer und Ruth Rosenfeld, Dramaturgie: Amely Joana Hag
Mit: Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Carsten Meyer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause.

Termine: 25. und 31.05. / 07., 23., 24. und 30.06.2016

Infos: http://www.schauspielhaus.ch

Zuerst erschienen am 08.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Bilder deiner großen Liebe – Sandra Hüller rockt am Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus Wolfgang Herrndorfs unvollendetem Roman

Bilder Deiner Grossen Liebe_Theater Neumarkt_Montage

(c) Theater Neumarkt

Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Dr. Martins – die Schauspielerin Sandra Hüller performt am kleinen Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus dem nachgelassenen und unvollendet gebliebenen Roman Bilder deiner großen Liebe des 2013 verstorbenen Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. In einem krachigen Intro, an Gitarre und Schlagzeug von den Musikern Moritz Bossman und Sandro Tajouri begleitet, hält Hüller mit dem Finger eine imaginäre Sonne an. Isa, Herrndorfs Hauptfigur und Herrscherin in ihrem Universum, macht sich eines Tages aus der Psychiatrie mit zwei Tabletten und ihrem Tagebuch im Gepäck durchs Fenster aus dem Staub. „Steigt man aus dem Fenster, gelangt man in einen Raum wie in seinem eigenen Inneren.“ sagt Isa im Roman, und aus diesem Inneren holt die 14jährige den phantasievollen, poetischen Soundtrack ihres ganzen kurzen Lebens.

2015 hatte die Uraufführung der Bühnenfassung von Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Auch der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer nahm im Januar dieses Jahres Koalls Adaption als Vorlage für seine Inszenierung am Hans Otto Theater. Tom Schneider überführt nun die Text-Vorlage für die Schweizer Erstaufführung in eine Art Spoken-Words-Performance mit Live-Musik. Bühnenbildner Michael Graessner hat ihm dazu eine Studio-Installation mit wirr verlegtem Kabelsalat, abgehängten Skulpturen und Zimmerpflanze für Isas Wald geschaffen.

Innen und außen sind hier nicht klar definiert. Erinnertes aus dem Leben der Protagonistin, wie die widersprüchlichen Geschichten über den Vater, oder ein filmreifer Serienplot über eine auf die Rückkehr eines Soldaten aus Afghanistan Wartenden stehen neben unglaublichen Begegnungen mit geilen Fernfahrern, einem älteren Schriftsteller oder der Fahrt mit einem Flussschiffer. Finden dies Gespräche mit so fantastischen Figuren wie dem taubstummen Jungen nur im Kopf Isas statt, oder ist es tatsächlich Erlebtes? Realität verschwimmt hier mit Fiktion wie Gesprochenes mit dem Gesang.

 

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt - Foto (c) Niklaus Strauss

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt – Foto (c) Niklaus Strauss

 

Sandra Hüller agiert mit Mikro, selbstgesteuerten Lichteffekten, Verzerrer und Hall. Sie demonstriert ziemlich anschaulich diese zwei Welten Isas – die dunkle und die andere – schont sich nicht dabei und lotet in ihrer Performance immer wieder die Grenzen der Repräsentation und Interaktion mit dem Publikum aus. Es ist letztendlich wie in einem echten Konzert, bei dem die Sängerin ihr Innerstes sehr emotional nach außen stülpt. „My Heart is a Graveyard“ singt Sandra Hüller zur Szene, in der Isa auf dem Friedhof vor dem Grab eines jung Gestorbenen steht. In der Szene, in der sie einen toten Jäger im Wald findet, kriecht sie in einen am Boden liegenden Pelzmantel.

Der Wegfall von so zentralen Episoden wie die im Haus des Schriftstellers, der seine Tochter verloren hat, oder die sehr lange epische Passage mit dem Flussschiffer werden vielleicht einige verwundern, die den Roman zuvor bereits gelesen haben. Regisseur Schneider scheint es aber vor allem um die Gedanken und Reflexionen Isas zu gehen, die sich viel um Einsamkeit und den Wunsch nach Geborgenheit drehen. Mit taffer Souveränität überspielt sie diese Unischerheit immer wieder mit ihrer selbstgewählten Außenseiterrolle. Hüller nutzt das ein ums andere Mal zur ausgestellten Pose, die die eigentlich zarte und barfüßige Isa ins imaginäre, schützende Leder einer Rockdiva kleiden.

Gegen das Schreien und die volle Verausgabung stehen sehr persönliche, entblößende Momente, in denen Sandra Hüller auf einem Tennishochsitz über das Alter, das Erinnern und die Liebe spricht. Sehr offen performativ auch die Schilderung der Begegnung mit den aus Herrndorfs Tschick bekannten Jungen, die hier von den beiden Musikern wie bei einem improvisierten Interview gespielt werden. Der Russe und der schüchterne Blonde, in den sie sich verliebt und er auch in sie. Nur weiß er das eben noch nicht, wie Isa erzählt. Hier ist sie ganz weich und legt die schützende Haut ab, auch wenn das nur für Minuten ist, bevor sie wieder an der Abrisskante steht und in den Abgrund blickt.

Die großartige Sandra Hüller bietet eine überzeugende Soloperformance, die auch ein großer Abend für das kleine, im 50. Jahr seines Bestehens von Finanzierungsunbill bedrohte Theater Neumarkt ist.

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Bilder deiner großen Liebe
von Wolfgang Herrndorf, Bühnenfassung von Robert Koall
Regie: Tom Schneider
Bühne und Kostüme: Michael Graessner
Dramaturgie: Inga Schonlau
Musik: Moritz Bossmann, Sandro Tajouri, Sandra Hüller
Mit: Sandra Hüller, Moritz Bossmann, Sandro Tajouri
Premiere der Schweizer Erstaufführung war am 28.04.2016 im Theater Neumarkt
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Termine: wieder in der nächsten Spielzeit

Infos: www.theaterneumarkt.ch/home.html

Zuerst erschienen am 10.05.2016 auf Kultura-Extra.

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„Bilder deiner Großen Liebe“ und „Kruso“ – Zwei interessante Romanadaptionen im Hans Otto Theater Potsdam

Samstag, Januar 30th, 2016

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Das Hans Otto Theater Potsdam hat mit der Dramatisierung von Uwe Tellkamps Dresden-Roman Der Turm bereits eine Buchpreis-gekrönte DDR-Geschichte im Spielplan. Nun kommt nach Magdeburg und Gera mit der Bühnenbearbeitung von Lutz Seilers Insel-Roman Kruso eine weitere hinzu. Der aus Gera stammende Autor hat dafür 2014 den Deutschen Buchpreis erhalten. In seinem Romanfragment Bilder deiner großen Liebe beschreibt der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf den Ausbruch des lebenshungrigen Mädchens Isa aus der Psychiatrie. Er knüpft hier lose an seinen Erfolgsroman Tschick an, der ebenfalls in Potsdam als Bühnenfassung zu sehen ist. Damit…

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Intendant Tobias Wellemeyer belässt in seiner Inszenierung einer Bühnenadaption von Wolfgang Herrndorfs Romanfragment Bilder deiner großen Liebe alles im sterilen Drinnen.

Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

Wolfgang Herrndorf hat sich 2013, nachdem es keine Hoffnung mehr auf Heilung seines Hirntumors gab, das Leben genommen. Er wollte das Ende selbst in der Hand haben. Nicht mehr in der Hand hatte Herrndorf die Vollendung seines letzten Romans Bilder deiner großen Liebe. Der posthumen Veröffentlichung des Fragments liegen ein Manuskript von 95 Seiten und ein Textkonvolut Verstreutes zugrunde, das die befreundete Autorin Kathrin Passig und der Rowohlt-Lektor Marcus Gärtner geordnet und zu einer halbwegs linearen Erzählung gebündelt haben. Es geht darin um den Ausbruch der 14jährigen Isa aus einer geschlossenen Psychiatrie. Auf ihrem Weg über Felder, durch Wälder und auf Berge begegnet dieses Mädchen mit wilder Fantasie den unterschiedlichsten Menschen, wie etwa einem philosophierenden Kanalschiffer, einem väterlichen Schriftsteller und auf einer Müllhalde auch zwei gleichaltrigen Jungs in einem alten Lada, die die Herrndorf-Leser schon aus dem Buch Tschick kennen.

Der Roman ist in der Bühnenfassung des Dresdner Chef-Dramaturgen Robert Koall zu einem regelrechten Theater-Renner geworden. Tschick ist neben Dresden und Berlin auch am Hans Otto Theater Potsdam zu sehen. Nachdem Robert Koall im letzten Jahr auch das Romanfragment Bilder deiner großen Liebe für die Dresdner Bühne adaptierte, hat es nun der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer in der Reithalle neu inszeniert.

„Eine weniger verlässliche Erzählerin als Isa, die mit einem taubstummen Jungen plaudert und sich an Dinge erinnert, die nicht stattgefunden haben können, ist kaum vorstellbar.“ heißt es im Nachwort zum Buch von Kathrin Passig und Marcus Gärtner. Tobias Wellemeyer hat das anscheinend etwas zu wörtlich genommen. Seine Inszenierung spielt in einem Bühnenbild (von Matthias Müller), das etwas von der Sterilität eines Krankenhausflurs mit Medikamentenschrank rechts und gefliester Waschnische links hat. Eine große Glaswand mit Doppeltür bildet die Grenze zwischen Drinnen und Draußen. Das lässt fast unweigerlich nur die eine Assoziation zu: Alle Berichte über ihre Erlebnisse können nur Isas Kopf entsprungen sein. Dagegen spräche eigentlich der konsequent im Präsens gehaltene Erzählstil des Romans. Man kann das natürlich auch anders deuten.

So wäscht sich die fabelhaft wild fabulierende Nina Gummich als Isa nicht mit Fanta die durch einen Einbruch in ein Lebensmittelgeschäft blutig geschnittenen Füße, sondern im Waschbecken und steigt nicht etwa auf den „goldenen Berg“, sondern nur auf den Medikamentenschrank. Dafür schmatzt sie umso genüsslicher echten Lachgummi, dass man ihn bis in die vorderen Sitzreihen riechen kann. Ansonsten hat Nina Gummich wie in der Bühnenfassung vorgesehen einen nur Mann genannten Partner für die Begegnungen auf Isas Weg, dessen Ziel lediglich vage angedeutet ist. Diesen Mann spielt René Schwittay, erkennbar als Mitpatient im Bademantel. Und nicht nur die merkwürdige Klammer an seinem kahlen Kopf lässt erahnen, dass Wellemeyer hier den an Krebs erkrankten Autor persönlich meint, der sich im Mann auf dem Friedhof auch selbst in die Geschichte geschrieben hatte. Am Ende wird sich die Setzung des Regisseurs dann umso deutlicher offenbaren.

 

Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

 

Bis auf zwei, drei Szenen durchläuft die Inszenierung die einzelnen Etappen des Romans, mal nur von Nina Gummich erzählt, mal im Dialog mit René Schwittay, der auch kleine Passagen aus dem von Isa mitgeführten Tagebuch vorliest, das hier fast als einziges Requisit ständig präsent ist und auch immer wieder wie zur Bestätigung von der jungen Ausreißerin vorgezeigt wird. Hier hat sie die Erinnerungen an ihre Kindheit oder das, was sie dafür hält, aufgeschrieben. Die enge Vater-Tochter-Beziehung etwa oder einen Traum über ein normales Familienleben wie in einem Heimkehrer-Film aus dem Krieg ins ländliche Idyll. Wirklich ausgespielt wird nur die auch im Roman recht lang beschriebene Kanalfahrt mit einem weisen Schiffer, der dem hibbeligen Mädchen eine merkwürdige Geschichte über einen Bankraub und das Wartenkönnen im Leben erzählt.

Sehr witzig auch die Szenen, in der Isa mit dem taubstummen Jungen Olaf spricht und dazu die Klappe eines Mülleimers bewegt, oder beim Schriftsteller mit einem imaginierten Rasenmäher zwischen den Baumstämmen draußen vor der Glaswand kurvt. Hier verlässt das Mädchen auch erstmals das hermetische Drinnen. Hall, Videoeinsatz und unbändiges Tanzen im Stroboskoplicht unterstreichen die Vitalität Isas gegenüber einem sonoren elektronischen Pling-Pling in den nachdenklich stimmenden Momenten, in denen das Mädchen auch mal vor ihrem Video-Spiegelbild erschrickt.

In ihren Selbstreflexionen sagt Isa einmal, dass sie lieber ein Junge wäre, da man als Mädchen plötzlich einen Körper hat, auf den man ständig reduziert wird. Das ist im Buch an einigen Stellen noch deutlicher ausformuliert, etwa wenn Isa sich unter einem Rasensprenger auf einem abendlichen Fußballplatz wäscht und dabei von einer Gruppe trainierender Jungen beobachtet wird, oder in der Beschreibung des wegen ihr onanierenden Fahrers eines Schweinetransporters. Diese Szenen sind wohl der eher kammerspielartigen Bühnenbearbeitung zum Opfer gefallen.

Das Mädchen Isa ist mitnichten bescheuert oder gar geisteskrank. Sie ist, wie sie selbst betont, nur etwas ver-rückt – neben der ärztlichen Norm. Eine Herrscherin über das Universum, die mit den Fingern die Sonne aufhalten und sich selbst vor dem drohenden Sturz in den Abgrund retten kann. Ganz abzuheben vermag sie in Tobias Wellemeyers Inszenierung, in der der Regisseur viel auf die Vorstellungskraft des Publikums setzt und auf eine großartige Schauspielerin, die in ihrer Darstellung ungezügelter Wildheit und Lebenssucht fast schon etwas zu expressiv agiert. Trotzdem, oder gerade wegen Nina Gummich, ist dieser durchaus bewegende Abend dennoch sehenswert.

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Bilder deiner großen Liebe
Nach dem gleichnamigen Romanfragment von Wolfgang Herrndorf
Für die Bühne bearbeitet von Robert Koall
Regie: Tobias Wellemeyer
Bühne / Kostüme: Matthias Müller
Musik / Video: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Helge Hübner
Besetzung:
Isa: Nina Gummich
Ein Mann: René Schwittay
Premiere in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters Potsdam war am 22.01.2016
Dauer: ca. 90 Minuten

Termine. 30.01. / 20. und 21.02. / 13. und 28.03.2016

Infos: http://www.hansottotheater.de

Zuerst erschienen am 24.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Verlorene Insel-Utopie – Der mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnete Hiddensee-Roman Kruso von Lutz Seiler in einer körperbetonten Inszenierung von Elias Perrig

Wie sein Romanheld Edgar hat Lutz Seiler in Halle studiert und war Saisonkraft auf Hiddensee. Die von ihm in Kruso beschriebene Gemeinschaft der „Esskaas“ in der Ausflugsgaststätte Zum Klausner hat daher durchaus reale Vorbilder. Und ähnlich dem Turm handelt es sich hier ebenfalls um eine von der DDR-Realität weitestgehend abgeschottete Nische.

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Auf die Insel Hiddensee, diesen „Sehnsuchtsort der Freiheit“, treibt es den Germanistikstudenten Edgar im Sommer 1989 kurz vor der Wende. Er will den Tod seiner verunglückten Freundin G. vergessen und nimmt eine Arbeit als Tellerwäscher an. Die „Besatzung“ unter dem Gaststättenleiter Krombach besteht aus den verschiedensten Typen, Verlorenen und Lebensphilosophen. Deren heimlicher Kopf ist der Tellerwäscher Alexander Krusowitsch, genannt Kruso. Der Sohn eines russischen Generals und einer Hochseilartistin ist durch das ungeklärte Verschwinden seiner Schwester Sonja ähnlich traumatisiert wie Edgar. Der Trakl-Liebhaber und Spezialist für Barocke Lyrik findet in Kruso so etwas wie einen Bruder im Geiste, der selbst Gedichte schreibt und ihn unter seine Fittiche nimmt.

Kruso hat auf der Insel ein ausgeklügeltes Beherbergungssystem für DDR-Fluchtwillige geschaffen, die es von Hiddensee aus über den Bodden in Richtung der dänischen Insel Møn zieht. Allerdings will Kruso diese sogenannten Schiffbrüchigen innerhalb von drei Tagen mittels gemeinschaftsbildenden Initiationsriten zu ihren inneren „Wurzeln der Freiheit“ führen, so dass sie in der Lage sind, die Insel wieder in Richtung DDR-Festland zu verlassen und somit die Unfreiheit der Verhältnisse über die Zeit durch die Freiheit der Herzen und Menge der Bekehrten ändern. Diese Utopie einer solidarischen Gemeinschaft beschreibt Lutz Seiler in einer sehr poetischen Prosa. Liebe und Poesie als Widerstand.

Diese Poesie der Worte kommt in der Inszenierung von Elias Perrig nur hin und wieder zum Vorschein. Zu Beginn schwebt Ed (Holger Byhlow), seine Vorgeschichte erzählend, wie ein „Pilot in seiner Kapsel“ vom Schnürboden aus in die mit Sperrholzwänden umfasste Bühne, die das Innere der schützenden Arche des Klausners mit Tischen, Stühlen und Abwaschbecken darstellt. Die Besatzungsmitglieder funktionieren wie ein eingespieltes Team, was hier mit einem rhythmischen Teller-Frisbee dargestellt wird, in das sich Ed nach und nach einfügen muss. Nach der immer gleichen, monotonen Alltagsarbeit setzt man sich am linken Bühnenrand zu Lesungen von Gedichten.

Als einzige Stimme der Außenwelt dringt die Sprecherin des Radiosenders Viola in die abgeschottete Welt des Klausners, die ansonsten alle Gerüchte von außen als „Festlandgeplapper“ abtut. Andrea Thelemann spricht Viola an einem alten Rundfunkmikrofon und gibt daneben noch die Kellnerin Karola im Leoparden-Overall. Die Kostüme verströmen etwas Zeitkolorit wie etwa der braune Doppelreiher von Krombach (Christoph Hohmann), der Karo-Pullunder von Tresenmann Rick (Philipp Mauritz), die super-kurze Jeanshose von Eisverkäufer René (Axel Sichrovsky) oder die schwarze Lederkluft des Kellners Rimbaud (Eddi Irle). Dagegen kommt wohltuend wenig Ostalgie auf, auch wenn einmal ein Tablett mit blauem Würger, grüner Wiese und anderen farblich gut aufeinander abgestimmten DDR-typischen Trostspendern die Runde macht. Man stellt sich auf zum Gruppenfoto, erzählt anschaulich vom Insel-Fußballturnier, bläst um Mitternacht das Deutschlandlied auf Flaschen und singt immer wieder stolz den Song vom Mond, Mann und Meer.

 

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (c) HL Böhme

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

 

Die „Freie Republik Hiddensee“ weiß sich zu feiern, und der wie ein stämmiger Seebär in blauer Latzhose auftretende Raphael Rubino als Kruso schwingt seinen massigen Körper mit dem aus dem Abfluss gejäteten „Unkraut“ wie bei einem Schlangentanz. Das sind fraglos die lustigen Szenen der Inszenierung, in die sich auch immer wieder Nachdenkliches mischt, wenn Kruso zu seinen Inselrundgängen verschwindet und Ed auf der Suche bei Rommstedt (Christoph Hohmann) in der alten Strahlenschutzstation, die hier durch Videos mit Elektrowellen an den Wänden angedeutet wird, einiges aus Krusos Vergangenheit erfährt.

Wie eine magische Fee taucht immer wieder Larissa Aimée Breidbach als Erinnerung Eds an G., als Mädchen Cleo, die ihm durch Krusos „Beglückungsprogramm“ zugelost wird, und als Verrückter Junge mit Schappka, der Lotsensignale per Flaggenalphabet gibt. Als gegenseitige Lotsen empfinden sich auch Ed und Kruso, fast so wie eine körperliche Symbiose von Robinson Crusoe und Freitag. Verbale und körperliche Reibereien zwischen Ed und René lassen dennoch erste Zweifel an Krusos Kulthandlungen aufkommen. Die sonnenbebrillte Staatsmacht interessiert sich für die beiden und eine angeschwemmte Wasserleiche. Immer wieder donnert lautstark eine MiG über die Szene. Dazwischen flötet die Radiostimme erste Meldungen von Flüchtlingen in Ungarn und der Prager Botschaft. Im Herbst beginnt dann die eingeschworene Inselgemeinschaft zu zerfallen. Erst Koch-Mike (Michael Schrodt), dann das Tresen-Ehepaar und schließlich auch Rimbaud verlassen die Insel.

Nun verliert leider auch die Inszenierung etwas an Fahrt. Ed und Kruso müssen das Schiff allein auf Kurs halten. Das Ausbleiben der Schiffbrüchigen und Eds Zweifel empfindet Kruso allerdings als Verrat an seiner Utopie und hält noch einen wutentbrannten Vortrag über das Wesen und den Preis der Freiheit. Er beschreibt das neue System von Markt und Verbraucher zynisch als Fressen und Scheißen und wirft sich wie ein Sumo-Ringer auf Ed. Das Ende von Kruso bleibt hier etwas im Dunkeln, dafür rezitieren alle aus Eds Epilog, in dem er von seinen Nachforschungen nach dem Verbleib der vielen unbekannten, in Dänemark angespülten Flüchtlingsleichen berichtet. Das etwas beklemmende Ende einer weitestgehend annehmbaren Inszenierung, die allerdings nicht ganz an die Vorlage heranreicht.

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Kruso (Hans Otto Theater, 24.01.2016)
Stück von Dagmar Borrmann nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Regie: Elias Perrig
Bühne / Kostüme: Marsha Ginsberg
Musik: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Ute Scharfenberg
Mit: Holger Bülow, Raphael Rubino, Christoph Hohmann, Eddie Irle, Michael Schrodt, Axel Sichrovsky, Philipp Mauritz, Larissa Aimée Breidbach, Andrea Thelemann
Premiere war am 15.01.2016 Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 20. und 21.02. / 10., 18. und 25.03.2016

Info: http://www.hansottotheater.de

Zuerst erschienen am 26.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Blechtrommel weichgespült – Am Thalia Theater Hamburg hängt Luk Perceval Günter Grass‘ zeitgeschichtlichen Gesellschaftsroman kunstvoll über die Wäscheleine.

Donnerstag, April 2nd, 2015

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Keine wallenden Röcke der kaschubischen Großmutter Anna Bronski – nein – flatternde Bettlaken hat die Bühnenbildnerin Annette Kurz für die neue Roman-Adaption von Luk Perceval an langen Wäscheleinen auf die Bühne gehängt. Sie hat dem Hausregisseur des Thalia Theaters Hamburg bereits einige dieser genialen raumgreifenden Bühnenbilder für seine Inszenierungen von Shakespeares Hamlet und Macbeth oder die Theaterfassung des Dostojewskij-Romans Die Brüder Karamasow geschaffen. Auch für Percevals Fallada-Adaptionen Kleiner Mann was nun (Münchner Kammerspiele, 2009) und Jeder stirbt für sich allein (Thalia Theater Hamburg, 2012) entwarf Annette Kurz große Bühneninstallationen. Diesmal sind es also weiße Laken, die man mittels Seilzügen heben und senken kann. In der Tiefe wirken sie wie ein mehrmastiges Schiff, dessen Segel sich auch hin und wieder, von Windmaschinen angetrieben, bedrohlich blähen.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Einfach nur heiße Luft ist es dann aber nicht, was Regisseur Perceval bei seiner zweiten Beschäftigung mit einem Roman über die Zeit des Dritten Reichs in den Zuschauerraum blasen lässt. Nimmt man allerdings Percevals Inszenierung von Falladas Jeder stirbt für sich allein zum Vergleich, fällt die Inszenierung der Blechtrommel von Günter Grass doch inhaltlich etwas ab. Es handelt sich hier im besten Falle um eine szenisch ausgebaute Lesung in einer Videoinstallation mit musikalischer Begleitung. Zweimal hat es Grass‘ Roman einer deutsch-polnischen Familiengeschichte schon auf die Bühne geschafft. 2011 am Berliner Maxim Gorki Theater, von Jan Bosse als 3½-stündiges Typenkabarett inszeniert, und gerade im Januar als gut 2stündige Ein-Mann-Show in der Regie von Oliver Reese am Schauspiel Frankfurt. Nun hat ihn Luk Perceval gemeinsam mit seiner Dramaturgin Christina Bellingen in einer 100-Minuten-Fassung auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters gebracht. Wie man hört, war der in Danzig geborene Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass bei der Premiere am Samstag anwesend und auch recht angetan vom Ergebnis. Nicht ganz so der Rezensent.

Ähnlich wie in der Romanverfilmung von Volker Schlöndorff lässt Perceval einen Jungen (David Hofner) immer wieder ganze Passagen des Romans aus dem Off erzählen. Zu Beginn werden so die Figuren vorgestellt, wie sie der nach dem Krieg in einer Nervenheilanstalt lebende 1,21 m große Protagonist Oskar Matzerath, der als Dreijähriger im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte beschloss nicht mehr zu wachsen, anhand der Fotos aus dem Familienalbum und dem Gedächtnis erinnert. Sie treten aus dem Schauspielensemble zur Rampe hervor und verschwinden danach wieder zwischen den Wäschestücken. Dazu läuft Grass‘ Text als Videoprojektion über die weißen Laken des Bühnenbilds. Es sind zunächst einzelne Buchstaben, die Oskar als sein großes und kleines Alphabet bezeichnet, und später ganze Sätze, die mal auf dem Kopf und mal richtig herum das Geschehen auf der Bühne visuell begleiten.

Die Besetzung des berühmten Blechtrommlers am Thalia Theater ist aber die eigentliche Überraschung der Inszenierung. Perceval lässt die schmale Schauspielerin Barbara Nüsse mit verbeulter Blechtrommel wie ein traurig melancholischer Alter seinen Erinnerungen nachhängen. Nicht die erste Hosenrolle für die 72jährige am Thalia Theater. Sie brillierte bereits als Obergruppenführer Prall und Kammergerichtsrat Fromm in Jeder stirbt für sich allein und erst letztens als Hagen von Tronje in Antú Romero Nunes‘ großer Ring-Fassung nach Wagner und Hebbel. War es bei Jan Bosse noch ein kollektives Erinnern eines siebenköpfigen Schauspielensembles, ist Nüsses Oskar die einzige Figur der Inszenierung, die wie ein ständiger Chronist und Kommentator seinen Platz an der Rampe kaum verlassen wird. Die anderen sechs Hamburger DarstellerInnen rekonstruieren in kurzen, aufeinanderfolgenden Spielszenen und wechselnden Rollen rückwirkend Oskars Leben, das durch mehrere geschichtliche Ereignisse geprägt ist.

Die Blechtrommel am Thalia Theater Hamburg <br/>Foto (C) Armin Smailovic

Die Blechtrommel am Thalia Theater Hamburg
Foto (C) Armin Smailovic

Dass es da eine Auswahl geben muss, versteht sich. Es ist aber nicht ein Best of Blechtrommel geworden. Regisseur Perceval orientiert sich hier an besonders emotional einschneidenden Erlebnissen der Hauptfigur. Und natürlich ist es für Oskar zunächst die Beziehung zur unglücklich verliebten Mutter und seinem mutmaßlichen Vater Jan Bronski (André Szymanski). Cathérine Seifert gelingt die Darstellung der Agnes Matzerath in einigen Szenen sehr gut. Ihre Verkörperung der Maria, die in Oskar die ersten sexuellen Regungen auslöst, gerät dagegen in betont falschem Dialekt fast zur Karikatur. So sind auch andere Auftritte, wie etwa von Gabriela Maria Schmeide als Lehrerin Fräulein Spollenhauer, die Oskar vergeblich versucht die Trommel zu entreißen, oder von Tilo Werner als Liliputaner und Zirkuskünstler Bebra nahe am Kabarett. Wieder Gabriela Maria Schmeide trägt als italienische Zirkuskünstlerin Roswitha ein Hitlerbärtchen. Andere Figuren wirken aber auch sehr einfühlsam, wie etwa der jüdische Spielwarenverkäufer Sigismund Markus (Tilo Werner) oder die Oskar vergötternde Gretchen Greff (Gabriela Maria Schmeide), deren Mann sich wegen der Anzeige bei der Sittenpolizei erhängt. Tilo Werner steht dabei mit hängendem Kopf auf einem Medizinball und wird im nächsten Moment zur Jesusfigur in der Kirche, der Oskar gleichen will.

Eher blass dagegen Alexander Simon als Vater und Reichsdeutscher Alfred Matzerath, der seine Gefühle zu Suppen macht, und hin und wieder etwas ungelenk poltert. Thomas Niehaus geistert als versoffener Melancholiker und verhinderter SA-Trompeter Meyn durch die Laken, so wie alle irgendwann im Trauermodus festzustecken scheinen. Das „Es war einmal“ klingt hier wie ein vielstimmiges Märchen aus finsteren Zeiten. Vieles, wie etwa die berühmte Aal-Szene, die Ereignisse der Reichskristallnacht oder der Kampf um die Polnische Post, wird nur erzählt, von der Off-Stimme oder von Nüsses Oskar selbst. Sie schlägt dabei oft auf den verbeulten Rand der Blechtrommel und setzt zum berühmten Glas-zersingenden Schrei an, der ihr aber immer wieder im Halse gefriert. Oskars eigene Verstrickungen in die Vergangenheit sind hier nur zu erahnen. Er hat sich der Welt der Erwachsenen entzogen, um doch immer wieder schicksalhaft in sie einzuwirken. Ihre und auch seine Schuld scheint schwer auf ihm zu Lasten.

Das eh schon sehr minimalistische Spiel auf der Bühne wird immer wieder durch Musik und gemeinsamen Gesang unterbrochen. Es erklingt deutsches Liedgut wie „An der Saale hellem Strande“ und „Ist die schwarze Köchin da?“, oder man singt mehrstimmig traurige Choräle. Alles in allem ist der Abend ein eher undramatisches Oratorium deutscher Vergangenheitsbewältigung. Den großen Geschichtsabriss, den Günter Grass von Danzig bis in die Nachkriegszeit der Bundesrepublik vor uns aufblätterte, verdichtet Luk Perceval zu einer rein emotionalen Frage nach dem Warum. Das erinnert stark an sein Projekt Front, einer Polyphonie über die Grauen des Ersten Weltkriegs. Die Geschichte ist aber nun mal kein Abzählreim für Kinder, die nicht erwachsen werden wollen. „Ene, mene, muh und Schuld bist du.“ Oskar Matzrath bleibt eine Kunstfigur im Spiegel der Zeit, die Luk Perceval und selbst seine herausragende Interpretin Barbara Nüsse nicht zu echtem Leben erwecken können.

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Die Blechtrommel (29.03.15)
Von Günter Grass
Premiere war am 28.03.2015 im Thalia Theater Hamburg
Regie: Luk Perceval
Bühne: Annette Kurz
Kostüme: Ilse Vandenbussche
Musik: Lothar Müller, Martin von Allmen
Video: Philip Bußmann
Licht: Mark Van Denesse
Dramaturgie: Christina Bellingen
Darsteller:
Thomas Niehaus (Trompeter Meyn)
Barbara Nüsse (Oskar Matzerath)
Gabriela Maria Schmeide (Gretchen/Roswitha Raguna/Fräulein Spollenhauer u.a.)
Cathérine Seifert (Agnes Matzerath/Maria Truczinski)
Alexander Simon (Alfred Matzerath)
André Szymanski (Jan Bronski)
Tilo Werner (Greff/Sigismund Markus/Bebra u.a.)

Weitere Termine: 2., 7., 14., 22., 29. 4. / 16., 17. 5. 2015

Info: http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/die-blechtrommel/

Zuerst erschienen am 31.03.2015 auf Kultura-Extra.

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Auf Leipzigs Straßen – Andreas Dresen verfilmt den Wende-Roman von Clemens Meyer „Als wir träumten“ zwischen Partykeller, Großraumdisko, Gehsteig und Gosse.

Freitag, März 6th, 2015

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© Rommel Film / Pandora Film

„Woraus sind wir auferstanden? Aus Ruinen!“ Dieser Ausruf einer fünfköpfigen Jugendgang Anfang der 1990er Jahre beim Fahren mit einem geklauten Auto durch die Straßen von Leipzig-Reudnitz ist nicht etwa nur blanker Zynismus angesichts der sie umgebenden in ein fahles Laternenlicht getauchten traurig-räudigen Altbausubstanz, die selbst Berlin Prenzlauer Berg nach der Wende klar in den Schatten stellte – es ist tatsächlich ein starkes Lebensgefühl, das die nun 16- bis 17jährigen Jungen in ihrem ganz eigenen Wendetaumel, der nichts von Wir-sind-ein-Volk-Stimmungen weiß, ergriffen hat. Der Schriftsteller Clemens Meyer, selbst in dieser Zeit in Leipzig aufgewachsen, hat die Träume, Taten, verpassten Chancen und das Scheitern dieser Jugend in ebenso starken Worten 500 Seiten lang zum Ausdruck gebracht, nicht ohne Großmannssucht und rückschauende Sentimentalität aber auch gnadenlos desillusionierend.

Als wir träumten heißt nun auch die Verfilmung des 2006 erschienen Romans durch Ost-Spezialist Andreas Dresen der im Wettbewerb der 65. Berlinale 2015 lief. „Es war unsre schönste Zeit.“ hören wir Dani (Merlin Rose), den Hauptprotagonisten und Erzähler in dieser euphorischen, alkoholschwangeren Autonacht aus dem Off sagen. „Es gibt keine Nacht, in der ich nicht von alldem träume, und ständig tanzen die Erinnerungen in meinem Kopf.“ Und das erinnert nicht von ungefähr an den Schlusssatz „Es war die beste Zeit. Das Chaos ist aufgebraucht.“ aus Bertolt Brechts frühem Stück Im Dickicht der Städte. Und so beinhaltet Andreas Dresens Film auch im Beginn schon das kommende Ende. Dani sucht den drogenabhängigen Freund Mark (Joel Basman) in einer dunklen Kino-Ruine und will ihn mit alten Geschichten zu neuem Leben animieren. Aber der Furor ist vergangen, wird sich nur noch einmal wie retrospektiv von einer alten Filmrolle vor unseren Augen abspulen.

Die Clique besteht seit Schultagen aus den fünf Jungen Dani, Mark, Rico (Julius Nitschkoff), Paul (Frederic Haselon) und Pitbull (Marcel Heuperman). Walter fehlt im Film, seinen Autoknackerpart aus dem Roman übernimmt Paul, ein schüchterner Junge mit Brille und einer führsorglichen Mutter, was ihm das Überleben sichert, und eine unglückliche Liebe zu einer „West-Fitschi“ später als Porno-Paul reüssieren lässt. „Immer aktiv sein. Immer mit dem Kollektiv vorneweg. So wird man ein guter Soldat.“ Als gelernter Jungpionier ist man auch nach der ideologischen Wende zu allem bereit. Das Kollektiv trinkt nun das Bier der Sieger und Whiskey statt Apfelkorn. Das Schneller, Höher, Weiter der einstigen Lehrer gerät zu einer neuen Art von sportlichem Klassenkampf auf Leipziger Straßen. Erst jagt man den Glatzen eine gewinnträchtige Kohlenoma ab, später ist man selbst der Gejagte.

Foto: Peter Hartwig © Rommel Film / Pandora Film

Als wir träumtenFoto: Peter Hartwig
© Rommel Film / Pandora Film

Statt Aussichten auf blühende Landschaften öffnen sich nun für die angehenden Techno-Jünger die geschleiften Hallen des ehemals werktätigen Volkes. Aus Kleinganoven werden Geschäftsleute. „Wir werden die Größten sein. Dann kommen auch die Mädchen.“ Aber Kasse machen andere. Kehlmann (Gerdy Zint), der Chef der Reudnitzer Rechten lässt ihren Eastside-Club, ein Pendant zum Berliner Ostgut (heute Berghain), von seinen Glatzen aufräumen. Der Anfang vom Ende der ganzen Scheiße, von der Dani nicht mehr weiß, wie sie angefangen hat. Die Auflösung beginnt schleichend. Eine Schrifteinblendung in Dresens Film verheißt in großen Lettern die Zeit großer Kämpfe. Rico, der Boxer, der schon damals enttäuscht von seinem Offiziersvater kämpferisch das rote Halstuch verbrannt hatte, wird alle seine zukünftigen Kämpfe verlieren. Der pragmatische Pitbull wird Drogendealer, Mark sein bester Kunde. Und Dani, der klügste unter ihnen, verrät als erster die verschworene Bruderschaft.

Andreas Dresen jagt das alles in schnellen, dreckigen Bildern über die Leinwand. Ein ewig lauter Party- Keller-Traum, aus dem niemand erwachen will. Zeitlupenartige Stroboskoplichtszenen in der Großraumdisco bilden kurze Inseln der Ruhe, in denen Dani mit seiner großen Liebe Sternchen aus der Zeit zu kippen scheint. Ruby O. Fee spielt die traurige Romantikerin, die nicht warten kann auf Danis Versprechen in die Zukunft. Sternchen treibt von Kehlmann zu anderen Männern, wird vom Kiezliebchen zur Stangenware. „Ich wollte schon immer was mit eigenem Ausdruck machen.“ sagt sie etwas später zu Dani und Rico.

Foto: Peter Hartwig © Rommel Film / Pandora Film

Als wir träumtenFoto: Peter Hartwig
© Rommel Film / Pandora Film

Die Frauen im Film wirken verhärmt. Ihre Männer sind schlagende Alkoholiker, nicht anwesend, oder beides. Die Jungs bewegen sich wie eine Lost Generation aus mehr oder weniger Vaterlosen im Auf- und Abbruch der Wendejahre. Ihre leerlaufende Rebellion überträgt sich auf Fensterscheiben, Lagerhallen und endet im Tagesarrest oder nach einem verpatzten Sparkassenbruch im Jugendknast. Armin Petras hat in seiner 2007 entstandenen Theateradaption das Pathos der unbändigen Rowdy-Attitüde durch die Besetzung mit fünf Schauspielerinnen brechen wollen. Anja Schneider, damals in der Rolle des Dani, steht diesem nun selbst als einsam Gebrochene gegenüber.

Viel tiefer steigt Dresen nicht ein in Meyers Leipziger No-Futur-Soziotop aus Suff, traditionellen Fußballritualen und Kneipenschlägereien. Anekdotische, wie nachkoloriert wirkende Rückblenden beschränken sich auf die Schulzeit der Freunde mit Wehrunterricht, Fahnenapell und Übungen in Selbstkritik. Erster Liebe folgt erste Enttäuschung. Als die ersten Leipziger demonstrieren, steht der Lehrkörper noch wortreich im Abwehrgefecht, gerät darüber aber auch in Erklärungsnot. Ihren Direktor (Ronald Kukulies) werden die Kleinkriminellen beim Ableisten von Arbeitsstunden wiedertreffen. Der einstige Welterklärer weiß sogar beim Wändeweißen immer noch alles besser.

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„Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.” heißt es bei Christa Wolf. Regisseur Andreas Dresen und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase, der schon 50 Jahre vor Clemens Meyer den Nachkriegs-Halbstarken Ost für den Film Berlin – Ecke Schönhauser die passenden Dialoge schrieb, verheddern sich bei dem Versuch, aus den ausufernden, semiautobiografischen Aufzeichnungen Meyers über die chaotischen Leipziger Wendejahre eine Essens zu filtern. Jede Kritik birgt da auch den Wunsch, über einen Film zu schreiben, den man gerne gesehen hätte. „Wo soll’s denn hingehen?“ ist am Ende des Films die fast beiläufige Frage eines Taxifahrers an Dani. Dresens Verfilmung wirkt da mit all dem schönen anarchischen Untergangs-Pathos wie ein uneingelöstes Versprechen, dass es irgendwann wieder so werden könne, wie es nie war. Und nicht nur das hinterlässt auch einen etwas unbefriedigenden, schalen Nachgeschmack.

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„ALS WIR TRÄUMTEN“
Regie ANDREAS DRESEN
Drehbuch WOLFGANG KOHLHAASE
nach dem Roman von CLEMENS MEYER
Kamera MICHAEL HAMMON bvk
Schnitt JÖRG HAUSCHILD
Szenenbild SUSANNE HOPF
Kostüm SABINE GREUNIG
Maske GRIT KOSSE · UTA SPIKERMANN
Ton PETER SCHMIDT
Mischung RALF KRAUSE
Musikberatung JENS QUANDT
Redaktion COOKY ZIESCHE · CORNELIA ACKERS · WOLFGANG VOIGT · DAGMAR MIELKE · ANDREAS SCHREITMÜLLER · OLIVIER PÈRE · RÉMI BURAH
Produktionsleitung PETER HARTWIG
Koproduzenten ANDREAS DRESEN · ANDREAS LEUSINK · TOM DERCOURT
Produzent PETER ROMMEL
mit MERLIN ROSE · JULIUS NITSCHKOFF · JOEL BASMAN · MARCEL HEUPERMAN · FREDERIC HASELON und RUBY O. FEE

seit 26.02.2015 im Kino

Infos: http://www.pandorafilm.de/filme/als-wir-traeumten.html
http://www.alswirtraeumten.de/

Zuerst erschienen am 05.03.2015 auf Kultura-Extra.

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