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Stürmischer Tanz der Egozentriker – Kapitalismuskritik mit Ayn Rand, William Shakespeare und Kate Tempest am Thalia Theater Hamburg

Samstag, Mai 5th, 2018

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Tanz der Egozentriker – Johan Simons adaptiert den von Ayn Rand, einer Ikone der US-amerikanischen Wirtschaftsliberalen geschriebenen Roman Fountainhead

Ayn Rand (1905-1982), 1926 aus Russland in die USA emigrierte Bestseller-Autorin jüdischer Herkunft, ist eine Ikone der US-amerikanischen Vertreter eines unregulierten Laissez-faire-Kapitalismus ohne jegliche staatliche Einmischung. Ihre Philosophie des sogenannten Objektivismus hat sie in mehreren ihrer Werke dargelegt, u.a. in dem 1946 erschienen Roman The Fountainhead, der eine literarische Hymne auf das unabhängige Schöpfertums darstellt. Ein Plädoyer für den unangepassten Individualisten anhand der Geschichte des zu keinerlei Kompromissen bereiten Architekten Howard Roak, der lieber sein Werk zerstört als es durch Anpassungen an den Geschmack der mediokren Masse kompromittiert zu sehen.

 

Foto: St. B.

 

Für das Thalia Theater Hamburg hat nun Johan Simons die Bühnenfassung des belgischen Autors Koen Tachelet zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht. Berliner Theatergängern wird sicher noch die von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel 2011 am Deutschen Theater unter dem Titel Capitalista, Baby! herausgebrachte Romanadaption in Erinnerung sein. Auch sieben Jahre später dürfte das Thema nicht nur angesichts der US-Präsidentschaft Donald Trumps weiterhin top-aktuell sein. In Hamburg hält man sich entgegen der Berliner Version allerdings etwas ausführlicher am Originalplot des Romans. Was den fast 4stündigen Abend wie auch die Intension der Autorin aber nicht unbedingt verständlicher macht. Den deutschen Bildungsbürgern dürften dabei sicher nicht nur der unbedingte Wille zur Einzigartigkeit und die strikte Ablehnung altruistischer Werte abgehen.

Ayn Rands Weltbild fußt auf der Annahme eines rational begründeten Egoismus, der sich vor allem gegen die sozialen Regulierungsversuche des Staates richtet, der die Menschen in eine dauernde Abhängigkeit bringt, indem er ihnen Angst und Schuldgefühle einredet. Staatlich verordneter Altruismus als Haupthindernis schöpferischen Denkens und Handels. Das will selbst im kapitalistisch ausgerichteten Sozialstaat kaum jemandem einleuchten, außer vielleicht – und das ist besonders auch für Theaterschaffende und andere Künstler wichtig – , wenn es um die Verwertung geistigen Eigentums geht.

Die Autorin hat für ihre Thesen eine Versuchsanordnung in literarischer Form angelegt, die sich im Architektenmilieu abspielt. Wir haben es hier mehr oder weniger mit Klischeetypen zu tun, aus denen der junge kompromisslose Architekt Howard Roak als egozentrischer Künstlertyp herausragt. Jens Harzer zeigt ihn schon zu Beginn als geistig abgehobenen, ganz in zünftiges Architektenschwarz gekleideten Menschen, der gedanklich am Rand eines Abgrunds stehend von seiner Bestimmung, dem Formen von verschiedenen Baumaterialien zu einzigartigen Gebäuden, philosophiert. Schon hier gerät er dabei gegenüber seinem Studienfreund, dem Karrieristen Peter Keating (Jörg Pohl), ins Dozieren über die Baugeschichte als bloßen Historismus, der aus dem einstigen Original nur eine neue Kopie nach der anderen schafft. Während seine Kompromisslosigkeit Roak immer weiter isoliert und er schließlich in einem Steinbruch sein Geld verdienen muss, steigt Keating, auch indem er Roak immer wieder um Hilfe bittet, an der Seite des Stararchitekten Guy Francon (Christoph Bantzer) auf.

 

Marina Galic in Fountainhead am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Krafft Angerer

 

Zwischen beiden steht die Journalistin und Tochter Francons, Dominique (Marina Galic), die im Grunde ein weibliches Pendant des Egozentrikers Roak darstellt, sich aber nicht auf seine Seite schlagen kann, und, wie um sich dafür zu bestrafen, in einer fast schon sadomasochistischen Weise ihren Geist und Körper einsetzt, um ihm zu schaden und den mittelmäßigen Architekten Keating zu fördern, obwohl sie ihn verabscheut. Letztendlich heiratet sie Keating sogar, der, vom plötzlichen Sinneswandel Dominiques begeistert, seine Langzeitverlobte Catherine (Alicia Aumiller) verlässt. Zur Freude seine Mutter (Marina Wandruszka), die alles daran setzt ihren Sohn ganz oben zu sehen.

Das allein wäre aus heutiger Sicht schon unerträglich, hier spiegelt sich Rands Auffassung, dass der schöpferische Mensch Glück und Liebe nur in der Schaffung seiner Werke finden könne, und ihm Gefühle für andere dabei nur im Wege stehen würden. Von ihren Gefühlen und Wünschen geplagt, wirken dann Peter, der allen gefallen will, und Catherine, die Glück und Dankbarkeit in sozialem Engagement sucht, auch wie reine Karikaturen. Als böser Ideologe im weißen Anzug mimt Tilo Werner den einflussreichen Architekturkritiker Ellsworth Toohey, der Menschen wie Howard Roak vernichten will und eine Weltherrschaft der Gleichheit und Mittelmäßigkeit der Masse anstrebt. Rand spielt hier auf den zu jener Zeit aufstrebenden Sozialismus und die Sowjet-Diktatur Stalins an.

In der Figur des zynischen Medientycoons Gail Wynand (Sebastian Rudolph), der sein Imperium mit dem Verkauf des Massenblatts New York Banner (der BILD-Zeitung nicht unähnlich) geschaffen hat, zeigt Rand einen kapitalistischen Selfmademan mit Machtvisionen, der den korrupten Menschen um sich ihre vermeintliche Integrität einfach abkauft und sich am Sieg des Mediokren ergötzt. Im Tausch gegen Dominique verschafft Wynand Keaton den Auftrag für einen Sozialwohnbau, den dann allerdings Roak für ihn entwirft und nach geforderten Änderungen an seinen Plänen zum Extremisten in eigener Sache wird. Im folgenden Prozess gegen Roak steht Wynand zunächst auf der Seite Roaks, nach Absatzverlusten der Zeitung kippt er aber letztlich doch um und bedient im Bund mit Ellworth Toohey wieder die öffentliche Meinung.

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Gespielt wird am Thalia Theater auf einer fast leeren Bühne, auf der passend zum Thema nur ein aus mehreren Teilen zusammengesetzter Plexiglastisch auf einem Betonsockel steht. Über der Szene hängt ein als Kunstwerk und Projektionsfläche dienender Metallrahmen, in dessen Feldern Eisplatten schmelzen und nach und nach herausfallen, was zumindest eine schöne Bildmetapher ist. Ansonsten wirken die DarstellerInnen sehr stark gekünstelt und überironisieren ihr Spiel oft ins Karikative. Der Regie ist schon anzumerken, dass sie von Rands Thesen nicht viel hält und sie auch entsprechend als Phrasen bloßgestellt sehen möchte. Der durchaus bestehenden Ambivalenz der Vorlage kann das nicht gerecht werden. Besonders Harzer tänzelt das vergeistigte Genie Roak oft wie autistisch abwesend über die Bühne. Seine schier unendliche Hymne des schöpferischen Menschen, bei dem ihm Galic eine Schallplatte als Heiligenschein über den Kopf hält, gerät zur Witznummer. Wie schon Kuttner und Kühnel in Berlin scheitert Simons trotz eines hervorragenden Schauspielensembles an dem Versuch etwas wirklich Brauchbares aus dem Kampf von Ego- gegen Altruismus zu gewinnen.

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Fountainhead (Thalia Theater, 29.04.2018)
von Ayn Rand in einer Bearbeitung von Koen Tachelet
Regie: Johan Simons
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Maria Roers
Video: Simon Janssen
Dramaturgie: Susanne Meister
Darsteller:
Alicia Aumüller (Catherine Halsey)
Christoph Bantzer (Henry Cameron)
Marina Galic (Dominique Francon)
Jens Harzer (Howard Roark)
Matthias Leja (Guy Francon)
Jörg Pohl (Peter Keating)
Sebastian Rudolph (Gail Wynand)
Steffen Siegmund (Steven Mallory / Alvah Scarret)
Marina Wandruszka (Mrs. Keating)
Tilo Werner (Ellsworth Toohey)
Die Premiere war am 28.04.2018 im Thalia Theater Hamburg
Termine: 17., 22., 23.05. / 22.06. / 02., 04.07.2018

Infos: https://www.thalia-theater.de/

Zuerst erscheinen am 01.05.2018 auf Kultura-Extra.

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Der Sturm – A Lullaby for Suffering – Am Thalia Theater Hamburg verbindet Jette Steckel Shakespeares letztes Stück mit den wütenden Raptexten von Kate Tempest und den düster-melancholischen Songs von Leonard Cohen zu einem multimedialen Weltensturm

Gerade eben haben in der Berliner Schaubühne die irischen Dead Centre Shakespeare’s Last Play einem Gegenwartsdiskurs unterzogen. Aber darauf muss man erst mal kommen: Schon im Februar verknüpfte die Hamburger Regisseurin Jette Steckel schon im Februar William Shakespeares dramatisches Vermächtnis Der Sturm mit der Musik und den zeitkritischen Texten der britischen Rapperin Kate Tempest – damit erntete sie allerdings bei den Premierenkritikern nicht sehr viel Beifall. A lullaby of suffering nannte sie ihre Inszenierung am Thalia Theater im Untertitel. Was nicht gerade sehr positiv klingt und mit „You want it darker“, einem der ersten gesungenen Sätze des Abends (und ebenfalls aus einem Song des 2016 verstorbenen Singer-Songwriters Leonard Cohen) auch die Richtung vorgibt. Als Dirigent dieser Albtraumsinfonie fungierte Barbara Nüsse. Die 75jährige Schauspielerin steht als alter Inselzauberer Prospero im knittrigen Frack verloren auf der großen leeren Bühne und befielt „ihrem“ Luftgeist Ariel (Mirco Kreibich) und Diener Caliban (André Szymanski) ein letztes Mal etwas für „sie“, also ihn, zu tun. Denn „es ist Zeit, dass es Zeit ist“. Der große Zauberer will abtreten, aber der Sturm ist schon in der Welt.

 

Foto: St. B.

 

Die Welt hat sich verloren, jedenfalls in der Songlyrik von Kate Tempest. So heißt es da zum Beispiel „Europe is Lost“. Und das wird hier ein ums andere Mal wütend gerappt. Dazu wuseln ein paar TänzerInnen und das, was von den Schiffbrüchigen aus Shakespeare´s Stück noch übriggeblieben ist, durch ein großes Setzkastenlabyrinth, das Florian Lösche auf die Bühne gestellt hat. Da ist zunächst Antonio, der seinen Bruder Prospero vor 12 Jahren auf einem Schiffswrack dem Meer überlassen hatte und nun von Ariel durch die Zimmer des Bühnengebäudes gejagt wird. Matthias Leja gibt ihn als koksenden Business-Clown mit Aktenkoffer, der seinem Untergebenen Sebastian (Tilo Werner) zur täglichen Handentspannung rät. In Caliban finden sie da einen willigen Nachahmer. Den einstigen Prospero-Getreuen Gonzalo (Sebastian Rudolph) hat es noch viel schlimmer erwischt. Er fristet als bärtiger Penner sein Dasein im Erdgeschoss. Prosperos Tochter Miranda (Maja Schöne) gerät in diese Gesellschaft wie in einen schrägen Albtraum. Ihre Begegnung mit Traumprinz Ferdinand (Jan Plewka) wird hier zur lustigen Doppelstockbett-Akrobatik.

Sehr viel mehr hat sich aus Shakespeare´s Stück nicht in Jette Steckels Inszenierung hinüberretten können. Dafür spielt „Propero’s Band of Spirits“ live ein melancholisches „Dance me to the End of Love“ von Leonard Cohen und Rappsongs aus dem Album Let them eat Chaos von Kate Tempest, die von Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebe und dem Leid an der Welt erzählen. Eine seltsame Schlaflosigkeit hat dort die Bewohner eines Hauses befallen. Großstadtgestrandete in ihren winzigen Wohnkästen, die immer wieder gegen 4:48 Uhr aufwachen. Ein Verweis auf das Stück 4.48 Psychose der britischen Dramatikerin Sarah Kane. Stellvertretend fügt Jette Steckel zwei dieser Kane-Tempest-Figuren in die Inszenierung ein. Alicia Aumüller und Marie Löcker singen und boxen sich als Alicia und Esther durch den Abend und mit ihnen „sieben gebrochene Herzen, sieben leere Gesichter“.

 

Der Sturm. A Lullaby for Suffering am Thalia Theater Hamburg – Foto (c) Armin Smailovic

 

„There’s a big storm rolling in”, heißt es im Song Brews. Da braut sich also was zusammen. Und während Leonard Cohen noch „Waiting for a Mirical to come“ singt, schimpft Kate Tempest in ihren Songs über die Gleichgültigkeit der Menschen: „Here in the land where nobody gives a fuck.” Dieser Sturm der Entrüstung, den Jette Steckel mit Tempests Lyrik anfachen will, mag sicher bei den meisten und mit stetigen Breaking News überladenen Menschen ins Leere laufen, zumal auch hier auf der Bühne zum Katastrophenbeat die altbekannten TV-Bilder als Videoclips auf die Hausfassade projiziert werden. Ganz kalt lässt einen der Abend dann aber doch nicht, auch wenn irgendwann am Ende eine Windmaschine angeworfen wird. Im Auge dieses Multimedia-Sturms steht tapfer Barbara Nüsses Prospero, der zumindest mit einigen von Shakespeare´s Worten immer noch eine ganze Welt erschaffen kann. „Wir sind aus einem Zeug, wie unsere Träume“, übersetzt Jette-Vater Frank-Patrick Steckel jene Shakespeare-Verse. Dass es Albträume bleiben müssen, ist damit aber noch nicht gesagt.

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Der SturmA Lullaby for Suffering (Thalia Theater, 30.04.2018)
nach William Shakespeare
Deutsch von Frank-Patrick Steckel
Regie: Jette Steckel
Musikalische Leitung: Laurenz Wannenmacher
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Sophie Klenk-Wulff
Video: Zaza Rusadze
Dramaturgie: Julia Lochte, Emilia Linda Heinrich
Choreografie: Yohan Stegli
Darsteller:
Alicia Aumüller (Alicia)
Mirco Kreibich (Ariel)
Matthias Leja (Antonio)
Marie Löcker (Esther)
Karin Neuhäuser (Gonzalo)
Barbara Nüsse (Prospero)
Jan Plewka (Ferdinand)
Sebastian Rudolph (Gonzalo)
Maja Schöne (Miranda)
André Szymanski (Caliban)
Tilo Werner (Sebastian)
Live-Musik: Gabriel Coburger, Johannes Huth, Sven Kerschek, Stephan Krause, Laurenz Wannenmacher (Leitung)
Die Premiere war am 24.02.2018 im Thalia Theater Hamburg
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause
Termine: 03., 09., 27.06.2018

Infos: https://www.thalia-theater.de/

Zuerst erscheinen am 01.05.2018 auf Kultura-Extra.

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Ratio vs. Emotio – ¡Vamos! „Capitalista, Baby!“ Tom Kühnel und Jürgen Kuttner inszenieren Ayn Rands „The Fountainhead“ am Deutschen Theater Berlin

Dienstag, Oktober 25th, 2011

„Die Wahrheit aber wissen wir nicht, wo wir nicht den Grund der Sache wissen.“ Aristoteles aus „Metaphysik“

aristotle_1.jpg    immanuel_kant.jpgImmanuel Kant (1724 – 1804)

Aristoteles
(384 v. Chr. – 322 v. Chr.)

Aristoteles gut, Kant böse! Ganz so einfach ist das Weltbild der 1905 in Russland geborenen und 1926 nach Amerika emigrierten Schriftstellerin Ayn Rand dann doch nicht, aber es lässt sich im Großen und Ganzen schon auf diese klare Aussage herunterbrechen. Sie lobt an der Philosophie des Aristoteles vor allem das wissenschaftlich empirische Herangehen als Grundlage seiner Epistemologie und nicht das Diskutieren von Ideen, wie bei Platon. Während sich die mittelalterliche Kirche an Platon orientierte, habe man es der Renaissance der rationalen Vernunft des Aristoteles zu verdanken, dass die Enzyklopädisten schließlich den Weg aus dem Mittelalter gefunden haben.

Immanuel Kant dagegen brachte mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ wieder den Zweifel des Platon und die menschliche Reflexion durch kritische Wissensprüfung, ins Spiel. Außerdem griff er die Schwächen im Weltbild des Aristoteles auf, der von einem „unbewegten Beweger“ sprach, was die Kirchenphilosophen, vor allem Thomas von Aquin, als Gottesbeweis interpretierten, während Aristoteles eigentlich nur von einer unbewegten Quelle als Ausgangspunkt aller Bewegung ausging. Kant spricht von einer moralischen Notwendigkeit, das Dasein Gottes anzunehmen, als göttliches Gebot für den Endzweck des praktischen Gebrauchs der Vernunft. Außerdem stellt er mit seiner Transzendentalphilosophie der Unerkennbarkeit der Dinge die Grundfesten der Philosophie von Ayn Rand in Frage, nämlich die vom unerschütterlichen Zusammenhang von Existenz und Bewusstsein. Für sie spielt da selbst Karl Marx mit seiner konsequenten Kritik an der Religion, wegen seiner Leugnung des Bewusstseins nur noch eine marginale Rolle als „Fußnote Hegels“.

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