Archive for the ‘Christa Wolf’ Category

„Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams „What if Women Ruled the World?“ von Yael Bartana und Christa Wolfs „Medea. Stimmen“ – Macht- und Geschlechterfragen am Berliner Ensemble, der Volksbühne und dem Deutschen Theater

Donnerstag, April 26th, 2018

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Endstation Sehnsucht – Am Berliner Ensemble inszeniert Michael Thalheimer Tennessee Williams Klassiker als Evolutionskampf des Stärkeren gegen den Schwachen

 

Endstation Sehnsucht am BE
Foto (c) Matthias Horn

Michael Thalheimer ist v.a. für seine Inszenierungen von antiken Tragödienstoffen bekannt, aber auch an Klassikern wie Schiller, am deutschen Naturalismus eines Gerhart Hauptmann, an Bertolt Brechts epischem Theater, Molières bösen Komödien oder kürzlich erst wieder an Heinrich von Kleist hat er sich schon abgearbeitet. Herausgekommen sind dabei meist auf ihren Kern reduzierte Stückfassungen, deren Handlungen auf das knappste verdichtet sind. Über seine Abneigung zum Naturalismus auf der Bühne hat der Regisseur kürzlich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur gesprochen. Die Bühne, meist von Olaf Altmann gestaltet, ist dann auch entsprechend von überladenden Interieurs und Requisiten entleert und zusätzlich streng räumlich verengt.

Oliver Reese ist am Berliner Ensemble angetreten, um mit Stücken moderner Autoren eine neue Zeitgenossenschaft herzustellen. Für Reese zählen darunter auch Theatertexte aus dem angloamerikanischen Sprachraum, die er mit Stücken von Tracy Letts selbst schon auf die Bühne gebracht hat. Dass hier trotz der vielen tragenden Frauenrollen fast nur von Männern geschriebene und inszenierte Stücke auf die Bühne kommen, ist allerdings auffällig. Nun hat man sich nach Brechts Der Kaukasische Kreidekreis für die zweite Thalheimer-Inszenierung am BE auf Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams verständigt. Aber auch dieser moderne Klassiker aus dem Jahr 1947 ist ja eher am amerikanischen Realismus und einer veralteten Freud‘schen Typenpsychologie orientiert.

Über die berühmte Aufführungsgeschichte inklusive der Verfilmung mit Marlon Brando und Vivien Leigh in den Hauptrollen als Stanley Kowalski und Blanche DuBois muss man nicht mehr reden. Allerdings hängt dem Stück seine Geschichte auch deutlich an. Wohl nicht nur deshalb wird es eigentlich fast ausschließlich von Regisseuren inszeniert. In Berlin etwa von Theatergrößen wie Frank Castorf oder dem bereits verstorbenen Thomas Langhoff, dessen Inszenierung aus dem Jahr 2012 noch unter der alten Intendanz von Claus Peymann am Berliner Ensemble zu sehen war. Tennessee Williams liefert mit seinem Stück eine genaue Zustandsbeschreibung der USA im Übergang von der alten aristokratischen Klassengesellschaft zum Raubtierkapitalismus jeder gegen jeden.

 

Endstation Sehnsucht am BE – Foto (c) Matthias Horn

 

Dies alles spielt in New Orleans, einem Schmelztiegel der Kulturen und Nationalitäten. Stan Kowalski stammt aus einer polnischen Einwandererfamilie und ist ein Vertreter des Subproletariats. Zwischen ihm und Blanche DuBois, der älteren Schwester seiner Frau Stella und Vertreterin der alten, gebildeten, sich aber in Auflösung befindlichen Südstaatenaristokratie, liegen Welten. Ihre unmittelbare Annäherung wird nicht nur zum gnadenlosen Kampf der Geschlechter sondern auch der verschiedenen Kulturen. Das ließe sich ja trotz des Staubs der Jahrzehnte auch heute wieder nachvollziehbar darstellen. Nur setzt Michael Thalheimer mit seiner Inszenierung erneut fast einzig auf die Wucht seiner erprobten Theatermittel wie den wummernden Beats von Bert Wrede und einer Bühne mit einem sich nach hinten zur Höhle ausweitenden schrägen Gang, den Olaf Altmann in eine ansonsten mit rostigen Metallplatten geschlossenen Wand gesetzt hat.

Den Figuren ist hier – wie immer bei Thalheimer – jeglicher Naturalismus ausgetrieben. Sie turnen wie die besagten Raubtiere im Gang, mal gebückt, mal sich mit den Händen an der niedrigen Decke abstützend, rutschen auf der Schräge ab und versuchen sie immer wieder neu zu erklimmen. Andreas Döhler scheint für die Rolle des hemdsärmeligen Machos Stan Kowalski wie geschaffen. Er hat bereits einige Erfahrung mit Thalheimer-Arbeiten am Thalia Theater Hamburg und am benachbarten Deutschen Theater gesammelt. Sina Martens als seine Frau Stella ist eine hoffnungslos verliebte Abhängige, die hin und wieder maulend aufbegehrt, dafür aber handfest in die Schranken gewiesen wird. Auch Peter Moltzen als Stans in Frauendingen ungeübter Kollege Mitch, von dem die sich im Absturz befindliche Blanche erhofft wieder aufgefangen zu werden, kann eine ganz überzeugende Typenstudie abliefern. Komplettiert wird das Männertrio vom Säufer Steve (Henning Vogt), der seine Frau Eunice (Kathrin Wehlisch) schlägt. Vom machohaften Choleriker, charmant unbeholfenen Looser, reumütigem Sünder bis zum durchgeknalltem Psychopaten ist hier alles vertreten.

Eine Entdeckung ist allerdings die bereits in Inszenierungen von Sebastian Hartmann wieder am DT aufgetretene ehemalige Volksbühnendarstellerin Cordelia Wege. Von oben herab tritt sie in die Szenerie, ihr großer Schatten wirft sich auf die untere Begrenzungswand des Gangs, später wird sie unten angekommen von Stanleys Schatten überragt. Cordelia Wege spielt die kultivierte einstige Südstaatenschönheit ganz in Weiß mal zerbrechlich mal gegen ihr Schicksal aufbegehrend. Blanche verteidigt ihr Recht auf Zauber und Poesie gegen Stans brutalen Realismus, der gnadenlos auch die letzte Wahrheit erst über den Verlust am einstigen Familienbesitz Belle Rêve und schließlich auch an ihrer menschlichen Würde aufdeckt, was letztendlich im Wahnsinn enden muss.

Michael Thalheimer schert sich da recht wenig um ein aktuelles Bild weiblicher Emanzipation, geht es hier doch eher um die Emanzipation einer sich unterdrückt fühlenden Klasse, die sich mit der ihr eigenen Brutalität das nimmt, was ihr rechtens scheint. „Jeder Mensch ist ein Kannibale“, schreibt Tennessee Williams. Auf der Strecke bleibt da die Menschlichkeit, was Michael Thalheimer wuchtig in Szene setzt. Ein brutaler Anschauungsunterricht in Sachen Stärke und Verletzlichkeit. Am Ende hat der Stärkere die Rangordnung geklärt und bestimmt, dass doch nun alles gut sei. Eine pessimistische Setzung des Abends, die trotz eindringlicher Wiederholung Stanleys durchaus fragwürdig bleibt.

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Endstation Sehnsucht (Berliner Ensemble, 21.04.2018)
von Tennessee Williams
aus dem Englischen von Helmar Harald Fischer
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Besetzung:
Cordelia Wege als Blanche
Sina Martens als Stella
Andreas Döhler als Stanley
Peter Moltzen als Mitch
Kathrin Wehlisch als Eunice
Henning Vogt als Steve
Sven Fleischmann als Pablo
Max Schimmelpfennig als Ein junger Kassierer
Reyk Hampel als Ein Arzt
Marie Benthin als Eine Krankenschwester
Die Premiere war am 21.04.2018 im Berliner Ensemble
Termine: 30.04. / 01., 11., 12., 26., 27.05.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/endstation-sehnsucht

Zuerst erschienen am 23.04.2018 auf Kultura-Extra.

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What if Women Ruled the World? – Während sich in Yael Bartanas Dokufiction an der Volksbühne 10 Frauen um den Weltfrieden bemühen, vollzieht sich im Hintergrund der Rücktritt des Intendanten Chris Dercon

Katerstimmung an der Volksbühne Berlin – Foto: St. B.

Seit dem 25. Januar 2018 steht die Doomsday Clock (Atomkriegsuhr) auf 2 Minuten vor zwölf. Der Tag des Jüngsten Gerichts ist nah, nicht erst seit Donald Trump Syrien und Russland mit „schönen, neuen, smarten“ Raketen gedroht hat. Zu Beginn des dokufiktionalen Stücks What if Women Ruled the World? (Was wäre, wenn Frauen die Welt regieren würden?) von Yael Bartana, das gestern in der Volksbühne seine Berlin-Premiere feierte, werden die Worte einer Atomwissenschaftlerin mit einem Rückblick auf des atomare Wettrüsten und Bildern aus dem Kalten Krieg untermalt. Mindestens ebenso kritisch steht es aber auch um die Volksbühne selbst und ihren Intendanten Chris Dercon, der just einen Tag nach der Premiere nun doch noch vor Ende der ersten Spielzeit das Handtuch geworfen hat. Bartanas zwischen Rauminstallation, Videokunst und Dokutheater angelegtes Stück ist leider auch wieder ein gutes Beispiel dafür, warum Dercons Konzept, theaterfernen Kunstgattungen zu Lasten des Schauspiel- und herkömmlichen Repertoiretheaters eine Bühne zu bieten, nicht aufgegangen ist.

Bereits in der letzten Volksbühnenproduktion des spanischen Filmregisseurs Albert Serra, Liberté, war das Problem überdeutlich spürbar. Eine installativ überladen wirkende Bilderbühne mit viel zu statisch und kammerspielartig agierenden DarstellerInnen ließ das eigentliche Schauspiel inhaltlich nicht richtig zur Wirkung kommen. Wie die letzten Auslastungszahlen von unter 50 Prozent zeigen, scheint zudem das Interesse an solchen Produktionen auch nicht besonders stark zu sein.

Das Stück der aus Israel stammenden Medien-Künstlerin Yael Bartana, die sich mit Foto- und Videoarbeiten auf der Documenta Kassel und der Kunstbiennale in Venedig einen Namen gemacht hat, setzt wieder auf ein starkes Bühnenbild, das dem War-Room aus Stanley Kubricks Filmklassiker Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb (Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben) von 1964 nachempfunden ist. Ähnlich wie im Film, in dem ein geistesgestörter US-Militär die damalige Sowjetunion angreifen will, wird die Welt hier von einem chauvinistischen Macho-Präsidenten mit Atomwaffen bedroht. Am Runden Tisch in der Schaltzentrale (die hier Peace-Room heißt) einer feministischen Regierung eines fiktiven Landes diskutieren ausschließlich Frauen, wie man diesem Bedrohungsszenario begegnen soll.

Yael Bartana nutzt für ihre Kunstproduktion u.a. auch gezielt Propagandaformen und politische Symbolik. Ihr Video-Beitrag And Europe Will Be Stunned für den polnischen Biennale-Pavillon 2011 in Venedig war 2012 auch auf der Berlin-Biennale in den KunstWerken und als Bühnenversion im HAU zu sehen. Im Video fordert im Warschauer Olympiastadion unter wehenden Fahnen ein Jewish Renaissance Movement in Poland (JRMiP) die Rückkehr von 3.300.000 Juden nach Polen. Vermutlich heute in der aktuellen politischen Situation Polens undenkbar. Auch What if Women Ruled the World? setzt auf Provokation, wenn auch etwas subtiler. Im größenwahnsinnigen Präsident Twittler ist aber nicht nur in der auf Video gezeigten Silhouette der US-amerikanische Präsident Trump zu erkennen.

 

What if Women Ruled the World? in der Volksbühne Berlin – Foto (c) Birgit Kaulfuss

 

Kostproben des deutlich frauenfeindlichen Twittergebarens dieses fiktiven Präsidenten und Warheads Twittler werden von der Präsidentin der Frauenregierung zum Besten gegeben. Olwen Fouéré ist als Präsidentin eine von fünf festen Darstellerinnen, die wechselnd von fünf weiteren Expertinnen aus Politik und Wissenschaft unterstützt werden. Für die Berliner Premiere sind das die deutsche Botschafterin und Außenamtsmitarbeiterin Patricia Flor, die Assistenzprofessorin am Royal Danish Defense College in Kopenhagen Dr. Carina Van Meyn, die Vizepräsidentin der Petitionsplattform change.org Paula Peters, die Sozialwissenschaftlerin und feministische Aktivistin May Zeidani und Heather Linebaugh, die als Soldatin am Antiterror-Drohnenprogramm der USA beteiligt war und nun Literatur und Linguistik studiert. Geballte weibliche Kompetenz in Sachen Abrüstung also.

Nach Kritik am Stückkonzept seitens der britischen Presse nach den Vorstellungen beim mitproduzierenden Theaterfestival in Manchester (die Produktion lief 2017 auch noch im dänischen Aarhus) hat Yael Bartana die dort monierten Eingriffe durch die Darstellerinnenriege wohl deutlich verringert, was den theatralen Wert dieser Veranstaltung aber auch nicht wirklich zu heben vermag. Zu erleben ist eine recht statische Gesprächsrunde, bei der Fragen der atomaren Abrüstung und Mittel zur allgemeinen Bekämpfung männlich chauvinistischer Machtpolitik diskutiert werden. Unterbrochen wird das immer mal wieder durch Einwürfe der als Außenministerin fungierenden Schauspielerin Anne Tismer, die mit kurzen Vorträgen zur matriarchalen Gemeinschaftsstruktur der Bonobos im Gegensatz zur patriarchalen der Schimpansen referiert. Auch empfiehlt Tismer den Einsatz von gezielter Hormonbehandlung gegen zu viel männliches Testosteron. Eine Anspielung auf Kubricks Film, in der die angenommene Fluoridierung des amerikanischen Trinkwassers zur Zersetzung der Körpersäfte der US-Bürger durch die Sowjetunion karikiert wird. Spaßig torpediert wird die Verhandlung auch durch einen Anruf von daheim, bei dem die von Noa Bodner dargestellte Generalstabschefin ihrem Kind ein Einschlafliedlichen singen muss. Als dann auch noch ein Teaboy mit nacktem Oberkörper auftaucht und Früchte verteilt, wirft ihm schließlich Vizepräsidentin Antje Stahl ihr Jackett über. Genderklischees karikiert auch Olwen Fouérés Zigarre qualmende Präsidentin.

Wer der englischen Sprache nicht wirklich mächtig ist, wird an der Diskursrunde um feministische Defense-Strategien, multilaterale Verhandlungen, die Abwehr von Maskulinums und das Fördern bürgerinitierter „Graswurzelbwegungen“ eher wenig partizipieren und dem so schon nur mäßig interessanten Abend kaum folgen können. Wer momentan noch den größeren roten Knopf hat, zeigt sich erst am Ende, wenn Präsident Twittler beim Anruf der Damen am roten Telefon einfach auflegt und das Atomszenario dröhnend und Trockeneis nebelnd seinen Lauf nimmt. Aber bei aller durchaus gegebener Diskurstiefe, was passieren könnte, wenn Frauen tatsächlich mal die Welt regieren würden, davon scheint dieser Abend kaum eine Idee zu haben.

 

Video: Julius Betschka (c) Berliner Morgenpost

 

Echte Vorstellungen zum nach dem Abgang von Chris Dercon nun von Kultursenator Klaus Lederer angestrebten „Neustart“ der Volksbühne scheint es allerdings auch noch nicht wirklich zu geben. Er hat Klaus Dörr zum Nachlassverwalter und Übergangsintendanten ernannt, der Lücken im Spielplan füllen sollen. Ob der auch Statthalter für seinen langjährigen Chef am Maxim Gorki Theater und Stuttgarter Schauspiel, Armin Petras, sein wird, ist möglich, aber nicht sicher. Auch Namen wie Matthias Lilienthal, der seinen Vertrag als Intendant der Kammerspiele nach Querelen mit der Münchner CSU nicht verlängern will, der von Gorki-Intendantin Shermin Langhoff oder des Dortmunder Intendanten Kay Voges sind im Gespräch. Die Verträge für die Produktionen der nächsten Spielzeit dürften aber schon geschlossen sein. Lederer wird diese auch nicht antasten, hat er verkündet. Man will sich bei der Suche nach einer Neubesetzung der Volksbühnenintendanz Zeit lassen. Das klingt angesichts des damaligen Schnellschusses von Tim Renner nur vernünftig. Bis dahin wird die Volksbühne weiter Ort für Spekulationen und Gerüchte sein. Der einzige Raum, den Chris Dercon in Berlin besetzen konnte.

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WHAT IF WOMEN RULED THE WORLD? (Volksbühne Berlin, 12.04.2018)
Konzept, Text, Regie: Yael Bartana
Bühne: Saygel & Schreiber
Kuratorin: Elodie Evers
Dramaturgische Mitarbeit: Alan Twitchell
Expertinnen Auswahl: Phoebe Greenwood
Künstlerische Produktionsleitung: Chris Barrett
Licht: Jackie Shemesh
Ton: Daniel Meir
Besetzung:
Präsidentin … Olwen Fouéré
Vize-Präsidentin … Antje Stahl
Friedensministerin … Jo Martin
Generalstabschefin … Noa Bodner
Außenministerin … Anne Tismer
Expertinnen … Patricia Flor, Dr. Carina Van Meyn, Paula Peters, May Zeidani und Heather Linebaugh
Uraufführung beim Manchester International Festival war am 6. Juli 2017.
Berliner Premiere: 12. April 2018
Weiterer Termine siehe:

Zuerst erschienen am 14. April 2018 auf Kultura-Extra.

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Medea. Stimmen oder Wasserspiele in Korinth – Tilmann Köhler bringt Christa Wolfs feministische Bearbeitung des antiken Mythos auf die Bühne der DT-Kammerspiele

Foto (c) Arno Declair

Man kann von Christa Wolf halten, was man will. Aus dem gesamtdeutschen Literatur-Kanon ist die 2011 verstorbene DDR-Schriftstellerin nicht mehr wegzudenken. Sie hat ihre Stimme im staatlich männerdominierten Mainstream als eigener künstlerischer Kopf immer wieder vor allem für die Rolle der Frau im Sozialismus hörbar gemacht und da wohl auch weiterhin ihre treuesten Anhängerinnen. Ihre Antikenadaptionen der Kassandra und Medea stehen da beispielhaft, mittlerweile sogar als Schulstoff im Deutsch-Leistungskurs. Das ist angesichts von Forderungen nach mehr Frauen in Führungspositionen oder in der aktuellen Me-Too-Debatte um männliche Gewalt und Sexismus auch sehr löblich. Man kann Christa Wolfs sozialistisch-humanistisch geprägten Feminismus aber nicht ohne den meist ebenfalls intendierten DDR-BRD-Diskurs haben. Das dürfte gerade auch in Hinblick auf ihren 1996 erschienenen Roman Medea. Stimmen schwer fallen.

Der Dichter Euripides hatte den vielerzählten Mythos der Medea aufgegriffenen und mit seiner Tragödie die Königstochter aus Kolchis für immer zur wilden, aus Rache an ihrem untreuen Mann Jason handelnden Kindsmörderin gestempelt. Die Tragödie wird auch heute noch oft vor allem im Zusammenhang mit der Argonautensage gespielt. Hier verhalf Medea dem Griechen Jason zum Goldenen Vlies, wofür sie auch ihren Bruder Absyrtos töten musste. Christa Wolf mochte diese einseitig von Männern geschaffene Sichtweise nicht mehr gelten lassen und änderte den Stoff an mehreren Stellen vor allem was die von Medea begangenen Verbrechen betrifft. Die Morde werden der unbequemen Heilerin von den Korinther Oberen fälschlich angelastet, um sie beim Volk verhasst zu machen. Auch das Kleid für die Hochzeit mit Jason, das sie Glauke, der Tochter des Königs Kreon schenkt, ist nicht von ihr vergiftet. Glauke begeht Selbstmord. Medeas Kinder werden vom Korinther Mob gesteinigt. Medea ist eine selbstbewusste Frau, die aus Angst vor Verfolgung aus Kolchis fliehen muss. Sie hatte die Macht ihres Vaters angezweifelt, der ihren Bruder umbrachte, um die Macht nicht teilen zu müssen. Eine Anspielung auf den alten, reformunwilligen DDR-Staatsapparat, aber auch der Staat in Korinth, mit dem Wolf die BRD verbindet, ist auf einem Verbrechen aufgebaut. Medea entdeckt den Mord an der Königstochter Iphinoe, die Kreon bei seinen Machtplänen im Wege steht. Christa Wolf idealisiert in ihrem Roman das Matriarchat vergangener Zeiten als Utopie gegen die bestehenden patriarchalen Gesellschaftsstrukturen.

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An den Kammerspielen des Deutschen Theaters hat nun der 1979 in Weimar geborene Regisseur Tilmann Köhler diesen auf elf Kapiteln mit sechs unterschiedlichen Stimmen aufgeteilten Roman für die Bühne adaptiert. Ein nicht gerade einfaches Unterfangen, elf aneinandergereihte Monologe zu einem Theaterstück zu verbinden. Bereits 2011 hatte Köhler Wolfs Roman Der geteilte Himmel mit gleich drei Hauptdarstellerinnen recht erfolgreich auf die Bühne des Staatsschauspiels Dresden gebracht. In Berlin spielt der Abend in einem die Bühne ausfüllenden Becken, das etwa fingerhoch mit Wasser gefüllt ist. Maren Eggerts Medea blickt zu Beginn wie in einen Spiegel hinein. Die Wasseroberfläche kräuselt sich bei ihren Schritten und wirft wellenartige Schatten an die beleuchtete Rückwand. Ansonsten ist es zumeist recht dunkel. Die sprechenden Figuren treten aus dem Hintergrund ins Licht nach vorn, um ihren Text zu deklamieren. Viel Interaktion findet zunächst nicht statt. Die beiden ersten Monologe der Medea, in dem es um sie und ihre Entdeckung des Mordes an Iphinoe bei einem Fest geht, und der des Jason (Edgar Eckert), der die Vorgeschichte erzählt, werden nur punktuell ineinander verschränkt. Medea weiß um ihr Unglück, den Mann schwach zu sehen, und dass Jason sich dafür rächen wird. Er legt wie ein Kind seinen Kopf in ihren Schoß, später, wenn Medea in Ungnade gefallen ist, wird er sie bedrängen und auch vergewaltigen.

Foto (c) Arno Declair

Die Stimmen der sechs im Buch sprechenden Figuren stehen bei Christa Wolf nicht umsonst separat nebeneinander. Sie sind so etwas wie Thesenträger, man könnte auch sagen Charakter-Typen oder sogar Geschlechter- und Machtmenschen-Klischees. Da stehen unerwiderte Liebe, die bei der Schülerin Agameda (Lisa Hrdina) in Hass umschlägt, neben dem Verständnis heischenden Opportunismus des zweiten korinthischen Astronomen Leukon (Thorsten Hirse), dem Machtkalkül Jasons und dem Frauen- und Fremdenhass des ersten Astronomen und Kreon-Beraters Akamas (Helmut Mooshammer) nebeneinander. Alle verhalten sich zur bestehenden Macht. Im Grunde sind es Intellektuelle, die aus bestimmten Interessen handeln wie Jason, Agameda, Akamas, oder eben nicht handeln wie Leukon und so zur Staatsraison beitragen.

Sonderpositionen nehmen Glauke (Kathleen Morgeneyer) und Medea ein. Die eine ist angepasstes, durch Nichtbeachtung und den Mord an ihrer Schwester traumatisiertes Opfer, das benutzt wird. Die andere wiedersetzt sich dieser Rolle und wird deshalb verleumdet und vertrieben. Beiden gesteht Regisseur Köhler die meisten Aktionen zu. Beide Schauspielerinnen gestalten das auch sehr eindrucksvoll. Zum Beispiel wenn Glauke, von Medea zum Ausbruch aus ihrer Fremdbestimmung angespornt, an einem von Schnürboden hängenden Seile hinauf klettert. Ansonsten muss sie viele epileptische Anfälle im Wasserbecken markieren. Der Rest spielt meist nur gut bezahlte Staffage und bildet mal hektisch umherrennend, mal im Pulk das gegen Medea aufgebrachte korinthische Volk. Schönes Bild ist auch ein intellektueller Stuhlturm des nur beobachtenden Leukon. Auch Medea wird sich später darauf setzen. Ihre Schlussworte beschreiben Christa Wolfs Pessimismus ganz ohne ein Fragezeichen. „Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.“

 

Foto (c) Arno Declair

 

Wird Tilmann Köhlers Inszenierung den Intensionen von Christa Wolf gerecht, oder was verfolgt er überhaupt mit dieser Stoffwahl? Das ist das große Problem der Inszenierung, die sich da nicht wirklich positioniert. Nicht die Stoffwahl ist das Problem, sondern die Umsetzung. Köhler hat durch die Bearbeitung des Medea-Stoffes durch Christa Wolf ja schon die halbe Miete. Er muss sich nicht mehr selbst um eine bestimmte Aktualisierung des Mythenstoffs und eine neue Lesart der Medea bemühen. Was Köhler dann allerdings macht, ist die Reduzierung auf die reine Textwiedergabe, bei der die Inszenierung versucht, aus den verschiedenen Stimmen des Romans eine sparsame Spielhandlung zu formen. Im Programmheft wird in einem Text von Christa Wolf auf das klassische Altertum als unerschöpflicher Brunnen für das Abendland in Bezug auf Ideen, Kunstmaximen, Staatstheorien, Philosophien und der großen Utopie von Demokratie hingewiesen. Sie kritisiert aber auch die Verbindung dieser über die Jahrhunderte entstandenen abendländischen Werte mit dem „rasenden technischen Fortschritt der Neuzeit“ als „Wahndenken“.

Klassischer Humanismus und Kapitalismuskritik sowie Kritik an patriarchalen, hierarchischen Gesellschaftsstrukturen und verfestigten Eigentumsverhältnissen in Hinblick auf Verteilungskriege und Ausbeutung der dritten Welt. Das ist ein Problem nicht nur der Zeit des Zweiten Golfkriegs. Sündenbock-Problematik und Populismus sind wieder in aller Munde, auch wenn im Buch kein wirklicher Populist in Aktion tritt. Akamas hört man nicht zum Volk reden. Die Stimmen reflektieren nur das Geschehen, versuchen sich davon zu entschulden oder es als unabwendbar (man könnte auch alternativlos sagen) darzustellen. Eigentlich schreit der Roman geradezu nach einer multimedialen Umsetzung, die diesem Kammerspiel mehr Wirkung geben würde. Die elektro-minimalistische Live-Musik von Michael Metzler und das Puppenspiel von Johanna Kolberg als Medeas Vertraute Lyssa sind ja ein Weg dahin. In dieser Hinsicht bleibt Köhlers Inszenierung aber viel zu blass für heutiges Regietheater. Manche mögen das sicher auch als wohltuend empfinden. Allerdings geht die politische Dimension des Buchs dabei baden.

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Medea. Stimmen (Kammerspiele, 05.04.2018)
von Christa Wolf
Fassung von Tilmann Köhler und Juliane Koepp
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Karoly Risz
Kostüme: Susanne Uhl, Henrike Huppertsberg
Musik: Jörg-Martin Wagner
Puppenbau: Franziska Stiller; Karen Schulze, Andreas Müller
Licht: Thomas Langguth
Dramaturgie: Juliane Koepp
Besetzung:
Maren Eggert: Medea
Edgar Eckert: Jason
Lisa Hrdina: Agameda
Helmut Mooshammer: Akamas
Thorsten Hierse: Leukon
Kathleen Morgeneyer: Glauke
Johanna Kolberg: Lyssa; Puppenspielerin
Michael Metzler: Live-Musik
Die Premiere war am 5. April 2018 an den Kammerspielen des Deutschen Theaters
Termine: 20., 27.04. / 04., 11., 26.05.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 07.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Der Geteilte Himmel von Christa Wolff in einer Bühnenadaption von Armin Petras an der Schaubühne Berlin.

Freitag, Januar 16th, 2015

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Draußen: Grauer Himmel über Berlin; Regen. Drinnen: Der geteilte Himmel; Christa Wolf in der Schaubühne am Lehniner Platz.

„Es gibt verschiedene Ideen, wie man leben sollte.“ Diese Aussage steht am Anfang der Bühnenadaption von Wolfs Erzählung, dieser großen, unmöglichen Liebesgeschichte aus dem Jahr des Mauerbaus, die der Ex-Berliner Gorki– und nun neuer Intendant des Stuttgarter Schauspielhauses Armin Petras als kurzzeitiger Rückkehrer ausgerechnet an den West-Berliner Ku’damm mitgebracht hat. „Die freie Welt liegt dir zu Füßen.“ ruft Manfred (Tilman Strauß) seiner Geliebten Rita (Jule Böwe) über die Demarkationslinie zwischen Ost und West zu, die Annette Riedel als langen Laufsteg quer in den kleinen Saal der Schaubühne gebaut hat. Am Ende werden sich beide wieder treffen. Dann ist die Mauer weg (der Regisseur spinnt ihre Geschichte weiter in die Wendezeit von 1989), und sie reflektieren ihre Träume von einst. „Es gab sie ja wirklich, diese Welt“, behauptet Rita. Sie wollten sich unantastbar machen, auch im Inneren, für diese neue Welt. Aber wo ist sie hin, diese „Idee der Vollkommenheit, das Vorgefühl vom Paradies“? Es scheint nichts mehr davon übrig. Die Jungen sollen nun an der Zukunft arbeiten, sich nicht rar machen. Paradies? Hallo? Ein Aufruf ans Publikum.

Christa Wolfs Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto (C) Dorothea Tuch

Der Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin
Foto (C) Dorothea Tuch

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Auf dem schmalen Grat zwischen Aufbruch und Bequemlichkeit

Zuvor aber demontiert Armin Petras über 90 Minuten lang Stück für Stück dieses Paradies, das die DDR sein sollte, legt ein altes Experiment endgültig ad acta. Und damit man sich dabei nicht allzu wohlig zurücklehnen kann, wird das Publikum gleich zu Beginn in zwei Blöcke um den Laufsteg separiert. Die jeweiligen Gegenüber fest im Auge, ist man selbst den Blicken „von drüben“ ununterbrochen ausgesetzt. Und die schweifen schon aus blanker Neugier hin und her. Erwartungsvolle, schmunzelnde Gesichter neben versunkenden Blicken oder gelangweilten auf die Uhr. Erster Höhepunkt ist dann Kay Bartholomäus Schulze, der in Kriegsrückkehrer-Montur Eimer für Eimer kleine, runde, eisähnliche Glasstückchen auf den Laufsteg schüttet. Unterstützt von den beiden anderen Schauspielern beginnt ein unermüdliches Aufbauwerk, das eine gefühlte Ewigkeit dauert. Die Eimer tragen lauter Städtenamen. Es spritzt nach allen Seiten, die Mühen des Aufbaus hinterlassen ihre Spuren. Es knirscht unter den Schuhen und bereitet Schmerzen, wenn man ohne sie darüber läuft.

Soviel zur Symbolik des Abends. Die Fehler beim Aufbau des Sozialismus analysieren – das war auch eine der Intentionen im Werk von Christa Wolf. Unermüdliches Schreiben gegen Zweifel und Schlendrian. Dabei selbst immer am Arbeiten an und auf der Suche nach sich selbst. Die 19jährige Rita aus dem Geteilten Himmel ist nur eine dieser literarischen Figuren mit durchaus auch autobiografischen Zügen. Im geblümten Kleid (ganz die Unschuld vom Lande) steht Jule Böwes Rita freudig vor ihrer Liebe auf den ersten Blick: dem 10 Jahre älteren Chemiker Manfred, den Tilman Strauß als rationalen, fortschrittsgläubigen Wissenschaftler spielt, der noch im Bett sein dampfendes Süppchen im Glaskolben köchelt. Sie muss ihn immer wieder zum Träumen aufs Dach ziehen, Sterne gucken.

Diese intimen, zärtlichen Momente in der engen gemeinsamen Wohnung bei den ungeliebten Eltern von Manfred verbannt Petras komplett hinter den mit Plastikplanen abgehängten Bühnenraum. Zusammen mit Videobildern von schwarz-weißen Landschaften, Aufnahmen von Massenveranstaltungen, DDR-typischen Autos und Regalen mit ATA-Packungen sieht man die beiden immer wieder zusammen im Bett, beim Zähneputzen und Frühstück. Hier planen sie an ihrer gemeinsamen Zukunft oder lesen auch mal in Christa Wolfs Buch. Rita sucht eine Aufgabe, will Lehrerin werden. Er traut ihr das nicht zu und hält ihr ihre Naivität vor. Das gesellschaftliche Umfeld ist dabei weitestgehend ausgeklammert. Manfred flucht nur einmal über seine gewendeten Eltern. „Dieselben Darsteller in denselben Rollen, nur dass die Kostüme umgenäht wurden. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“

Der Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto (C) Dorothea Tuch

Der Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin
Foto (C) Dorothea Tuch

Die Arbeit im Waggonwerk, wo Rita die Produktion verstehen lernen will, wird auf einen kurzen Presslufthammereinsatz reduziert, bei dem alle drei Schauspieler im Blaumann den Boden des Laufstegs traktieren, wobei die beiden Männer ordentlich Sprüche klopfen. Eine kleine Reminiszenz an Petras‘ Inszenierung von Werner Bräunigs Rummelplatz. Damit hatte er ja bereits die sozialistische Produktion ausreichend abgearbeitet. Kunst ist Waffe, Plaste und Elaste, Heraus zum 1. Mai, Leiste was, Leiste Dir was – ertönen die Schlachtrufe der Working-Class-Heros. Aber es gibt auch Bilanzfälschung, das Füllen des eigenen Geldbeutels, Mangel und Weggang in den Westen. Sie hämmern an ihrem eigenen Untergang. Die wahren Worte sind plötzlich nicht mehr die wahren. „Glaubst du nicht mehr an unsere Sache?“ fragt Rita ihren Manfred. Der geht schließlich desillusioniert und der besseren Karrierechancen wegen nach West-Berlin. Rita bricht im Werk zusammen.

Die eigentliche Rahmenhandlung im Krankenhaus und Sanatorium findet mit KB Schulze als Arzt auf dem Laufsteg statt. Der will Rita wieder aufrichten, ihr Ich stärken. Wieder ist von Selbstfindung die Rede, Trennung von Liebe und Sache, aber auch vom Funktionieren und Anpassung. Rita soll zur Liebe bereit sein, aber nicht immer mit sich selbst bezahlen. Schulze schleppt ein Tonband an, das immer wieder an der gleichen Stelle hakt. Alles nur Lüge. Aber das bleibt ebenso Stückwerk wie die restliche Inszenierung. Traumversunken steht Rita am Rand. Die Männer helfen ihr aus dem alten Bademantel ins Kleid und machen sie bereit für das letzte Treffen mit Manfred in West-Berlin. „Revolution ist das Morgen schon im Heute, ist kein Bett und kein Thron für den Arsch zufried’ner Leute“, sang in den 1970er Jahren der DDR die mit Auftrittsverbot belegte Klaus Renft Combo in Zwischen Liebe und Zorn. Rita balanciert auf dem Rand des Laufstegs, ein schmaler Grat zwischen Aufbruch und Bequemlichkeit, und spricht dabei von verglasten Läden und schönen Markenwaren.

„Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.“ heißt es kritisch in Nachdenken über Christa T. Der Satz kommt auch in der Inszenierung vor, nur dass Petras glaubt, eine Meinung zum Scheitern des Traums, dem Paradies, das wir nun suchen sollen, zu haben und die auch demonstriert. Vielleicht hat Petras ja Recht mit seinem DDR-Vergleich mit der Truman Show [in einem Tagesspiegel-Interview]. Und am Theater lässt sich das natürlich sehr gut zeigen. Jule Böwe rennt um das ganze Setting rum, rüttelt an den Türen und schlägt mit den Händen gegen die umgrenzenden Planen. Alles eben nur Kulisse, nichts echt da in diesem Traum. Da muss nicht mal ein Scheinwerfer runterfallen. Die sieht man ja auch so alle. Die Ursachen für das Scheitern eines Gesellschaftsexperiments sind aber nicht beim staunenden Rühren im Erlmeier-Kolben zu finden, und das wahre Blau nicht einfach nur das korrekte Verhältnis einer chemischen Reaktionsgleichung. Die Suche geht weiter. Derweil bleibt der Himmel wohl noch grau und die Teilung in den Köpfen.

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Der geteilte Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto: St. B.

Der geteilte Himmel an der Schaubühne Berlin
Foto: St. B.

Der geteilte Himmel
von Christa Wolf
Bühnenfassung von Armin Petras nach Motiven der gleichnamigen Erzählung
Premiere vom 13.01.2015 an der Berliner Schaubühne
Regie: Armin Petras
Bühne und Kostüme: Annette Riedel
Video: Rebecca Riedel, Mieke Ulfig
Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Norman Plathe
Mit: Jule Böwe, Kay Bartholomäus Schulze, Tilman Strauß

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Weitere Termine: 11., 12. und 13.02.2015

Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/der-geteilte-himmel.html/ID_Vorstellung=1010

Zuerst erschienen am 15.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Die Schriftstellerin Christa Wolf ist gestorben.

Freitag, Dezember 2nd, 2011

„Je näher uns jemand steht, umso schwieriger scheint es zu sein, Abschließendes über ihn zu sagen…“ Christa Wolf (aus Kindheitsmuster, Suhrkamp Verlag, 1976)

christa-wolf.jpg
Christa Wolf (* 18. März 1929 in Landsberg; † 1. Dezember 2011 in Berlin) Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-0313-302 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC-BY-SA

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Mein siebenundzwanzigster September

Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt. Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit? Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitig entsteht – und vergeht – ein winziges Stück meines Lebens.

Christa Wolf, „Ein Tag im Jahr – 1960-2000“, Luchterhand Literaturverlag, 2003

Der schönste 27. September

Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen
und mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

Thomas Brasch „Der schönste 27. September“, Suhrkamp Verlag, 1983

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Wenn die Menschen gewisse Exemplare ihrer eignen Gattung aus Bosheit oder aus Unverstand, aus Gleichgültigkeit oder aus Angst vernichten müssen, dann fällt uns, bestimmt, vernichtetet zu werden, eine unglaubliche Freiheit zu. Die Freiheit, die Menschen zu lieben und uns selbst zu hassen.
Begreifen, daß wir ein Entwurf sind – vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden. Das zu belachen ist menschenwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde.
(…)
Fern hören sie Stimmen. Sie rufen nach Kleist. Die Kutsche nach Mainz soll abfahren. Die Günderode bedeutet ihm, sich zu entfernen. Sie verabschieden sich durch eine Handbewegung.
Jetzt wird es dunkel. Auf dem Fluß der letzte Schein.
Einfach weitergehn, denken sie.
Wir wissen, was kommt.

aus „Kein Ort. Nirgends“, Aufbau-Verlag, 1979

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

Karoline von Günderrode (178o-1806)

„Einstens lebt ich süßes Leben“ – Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen. Herausgegeben von Christa Wolf, Insel Verlag, 2006

Foto: St. B. dsc04009.JPG

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Es war ja klar: Allen, die überlebten, würden die neuen Herren ihr Gesetz diktieren. Die Erde war nicht groß genug, ihnen zu entgehn. Du, Aineias, hattest keine Wahl: Ein paar hundert Leute musstest du dem Tod entreißen. Du warst ihr Anführer. Bald, sehr bald, wirst du ein Held sein müssen.
Ja! hast du gerufen. Und? An deinen Augen sah ich, du hattest mich begriffen. Einen Helden kann ich nicht lieben. Deine Verwandlung in ein Standbild will ich nicht erleben.

aus „Kassandra“, Luchterhand Literaturverlag, 1983

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Eines Tages, dachte ich, werde ich sprechen können, ganz leicht und frei. Es ist noch zu früh. Sollte ich mich nicht einfach hinsetzen an diesen Tisch, unter diese Lampe, das Papier zurechtrücken, den Stift nehmen und anfangen. Was bleibt. Was meiner Stadt zugrund liegt und woran sie zugrunde geht. Daß es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der, nicht gelebt zu haben.

Juni-Juli 1979/November 1989

aus „Was bleibt“ Luchterhand Literarturverlag, 1990

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Antwortversuche
Ich habe sie noch nicht als DIE ANDEREN gesehen
Ich traute meinen eigenen Gefühlen nicht
Ich glaubte ihnen Auskunft schuldig zu sein
Beklommen glaubte ich DER SACHE so zu nützen
Ich wusste mir nicht zu helfen
Ich hatte Angst

*

Drei Tage sind vorbei im Traum heut nacht
Rasender Fall durch Schichten
Von immer dichterer Konsistenz
Luft Wasser Morast Schutt Geröll
Steckenzubleiben droht ich zu ersticken
Dann plötzlich unter mir Gestein
Und diese Stimme
Du stehst auf festem Grund
Weinen im Traum ist erlaubt

Santa Monica 26.3.1993

aus „Auf dem Weg nach Tabou – Texte 1990-1994“, Kiepenheuer & Witsch, 1994

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Wir sprechen einen Namen aus und treten, da die Wände durchlässig sind, in ihre Zeit ein, erwünschte Bewegung, ohne zu zögern erwidert sie aus der Zeittiefe heraus unseren Blick. Kindsmörderin? Zum ersten mal dieser Zweifel. Ein spöttisches Achselzucken, ein Wegwenden, sie braucht unsere Zweifel nicht mehr…
…Ich, Medea, verfluche euch.
Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.

aus „Medea Stimmen“, Luchterhand Literaturverlag, 1996

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dsc04003.JPG Foto: St. B.

„Das Bild, das ich in dieser Minute aus meinem Dachfenster sehe, möchte ich in der Minute meines Todes sehn: Der Himmel, der die Landschaft beherrscht, blau grundiert. Kumuluswolken. Wolkenstreifen darüber, in einer anderen Höhenschicht. Der tiefe Horizont, unterbrochen von Baumwipfeln … Die unendlich vielen Nuancen von Grün … Beherrschend ist aber der Kirschbaum mitten auf der Wiese, ich kenne keinen wie ihn. Er blüht über und über trotz der bitteren Kälte der letzten Wochen. … Unbeschreiblich das sanfte, heitere Licht. – “

aus „Nuancen von Grün“ – Ausgewählte Texte zu Landschaft und Natur, Aufbau Verlag 2002 (ursprünglich in „Voraussetzungen einer Erzählung“ – Arbeitstagebuch zum Kassandra-Projekt (1981), Werke 7, München, 2000

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Und die Farben. Ach, Angelina, die Farben! Und dieser Himmel.
Sie schien zufrieden, flog schweigend, hielt mich an ihrer Seite.
Wohin sind wir unterwegs?
Das weiß ich nicht.

Aus „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Suhrkamp Verlag, 2010

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„Das Paradies kann sich rar machen, das ist so seine Art.“ aus „Nachdenken über Christa T.“, Luchterhand Literaturverlag, 1978

Wir werden weiter darüber nachdenken. Danke, Christa W.

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