Archive for the ‘Christa Wolf’ Category

Der Geteilte Himmel von Christa Wolff in einer Bühnenadaption von Armin Petras an der Schaubühne Berlin.

Freitag, Januar 16th, 2015

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Draußen: Grauer Himmel über Berlin; Regen. Drinnen: Der geteilte Himmel; Christa Wolf in der Schaubühne am Lehniner Platz.

„Es gibt verschiedene Ideen, wie man leben sollte.“ Diese Aussage steht am Anfang der Bühnenadaption von Wolfs Erzählung, dieser großen, unmöglichen Liebesgeschichte aus dem Jahr des Mauerbaus, die der Ex-Berliner Gorki– und nun neuer Intendant des Stuttgarter Schauspielhauses Armin Petras als kurzzeitiger Rückkehrer ausgerechnet an den West-Berliner Ku’damm mitgebracht hat. „Die freie Welt liegt dir zu Füßen.“ ruft Manfred (Tilman Strauß) seiner Geliebten Rita (Jule Böwe) über die Demarkationslinie zwischen Ost und West zu, die Annette Riedel als langen Laufsteg quer in den kleinen Saal der Schaubühne gebaut hat. Am Ende werden sich beide wieder treffen. Dann ist die Mauer weg (der Regisseur spinnt ihre Geschichte weiter in die Wendezeit von 1989), und sie reflektieren ihre Träume von einst. „Es gab sie ja wirklich, diese Welt“, behauptet Rita. Sie wollten sich unantastbar machen, auch im Inneren, für diese neue Welt. Aber wo ist sie hin, diese „Idee der Vollkommenheit, das Vorgefühl vom Paradies“? Es scheint nichts mehr davon übrig. Die Jungen sollen nun an der Zukunft arbeiten, sich nicht rar machen. Paradies? Hallo? Ein Aufruf ans Publikum.

Christa Wolfs Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto (C) Dorothea Tuch

Der Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin
Foto (C) Dorothea Tuch

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Auf dem schmalen Grat zwischen Aufbruch und Bequemlichkeit

Zuvor aber demontiert Armin Petras über 90 Minuten lang Stück für Stück dieses Paradies, das die DDR sein sollte, legt ein altes Experiment endgültig ad acta. Und damit man sich dabei nicht allzu wohlig zurücklehnen kann, wird das Publikum gleich zu Beginn in zwei Blöcke um den Laufsteg separiert. Die jeweiligen Gegenüber fest im Auge, ist man selbst den Blicken „von drüben“ ununterbrochen ausgesetzt. Und die schweifen schon aus blanker Neugier hin und her. Erwartungsvolle, schmunzelnde Gesichter neben versunkenden Blicken oder gelangweilten auf die Uhr. Erster Höhepunkt ist dann Kay Bartholomäus Schulze, der in Kriegsrückkehrer-Montur Eimer für Eimer kleine, runde, eisähnliche Glasstückchen auf den Laufsteg schüttet. Unterstützt von den beiden anderen Schauspielern beginnt ein unermüdliches Aufbauwerk, das eine gefühlte Ewigkeit dauert. Die Eimer tragen lauter Städtenamen. Es spritzt nach allen Seiten, die Mühen des Aufbaus hinterlassen ihre Spuren. Es knirscht unter den Schuhen und bereitet Schmerzen, wenn man ohne sie darüber läuft.

Soviel zur Symbolik des Abends. Die Fehler beim Aufbau des Sozialismus analysieren – das war auch eine der Intentionen im Werk von Christa Wolf. Unermüdliches Schreiben gegen Zweifel und Schlendrian. Dabei selbst immer am Arbeiten an und auf der Suche nach sich selbst. Die 19jährige Rita aus dem Geteilten Himmel ist nur eine dieser literarischen Figuren mit durchaus auch autobiografischen Zügen. Im geblümten Kleid (ganz die Unschuld vom Lande) steht Jule Böwes Rita freudig vor ihrer Liebe auf den ersten Blick: dem 10 Jahre älteren Chemiker Manfred, den Tilman Strauß als rationalen, fortschrittsgläubigen Wissenschaftler spielt, der noch im Bett sein dampfendes Süppchen im Glaskolben köchelt. Sie muss ihn immer wieder zum Träumen aufs Dach ziehen, Sterne gucken.

Diese intimen, zärtlichen Momente in der engen gemeinsamen Wohnung bei den ungeliebten Eltern von Manfred verbannt Petras komplett hinter den mit Plastikplanen abgehängten Bühnenraum. Zusammen mit Videobildern von schwarz-weißen Landschaften, Aufnahmen von Massenveranstaltungen, DDR-typischen Autos und Regalen mit ATA-Packungen sieht man die beiden immer wieder zusammen im Bett, beim Zähneputzen und Frühstück. Hier planen sie an ihrer gemeinsamen Zukunft oder lesen auch mal in Christa Wolfs Buch. Rita sucht eine Aufgabe, will Lehrerin werden. Er traut ihr das nicht zu und hält ihr ihre Naivität vor. Das gesellschaftliche Umfeld ist dabei weitestgehend ausgeklammert. Manfred flucht nur einmal über seine gewendeten Eltern. „Dieselben Darsteller in denselben Rollen, nur dass die Kostüme umgenäht wurden. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.“

Der Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto (C) Dorothea Tuch

Der Geteilter Himmel an der Schaubühne Berlin
Foto (C) Dorothea Tuch

Die Arbeit im Waggonwerk, wo Rita die Produktion verstehen lernen will, wird auf einen kurzen Presslufthammereinsatz reduziert, bei dem alle drei Schauspieler im Blaumann den Boden des Laufstegs traktieren, wobei die beiden Männer ordentlich Sprüche klopfen. Eine kleine Reminiszenz an Petras‘ Inszenierung von Werner Bräunigs Rummelplatz. Damit hatte er ja bereits die sozialistische Produktion ausreichend abgearbeitet. Kunst ist Waffe, Plaste und Elaste, Heraus zum 1. Mai, Leiste was, Leiste Dir was – ertönen die Schlachtrufe der Working-Class-Heros. Aber es gibt auch Bilanzfälschung, das Füllen des eigenen Geldbeutels, Mangel und Weggang in den Westen. Sie hämmern an ihrem eigenen Untergang. Die wahren Worte sind plötzlich nicht mehr die wahren. „Glaubst du nicht mehr an unsere Sache?“ fragt Rita ihren Manfred. Der geht schließlich desillusioniert und der besseren Karrierechancen wegen nach West-Berlin. Rita bricht im Werk zusammen.

Die eigentliche Rahmenhandlung im Krankenhaus und Sanatorium findet mit KB Schulze als Arzt auf dem Laufsteg statt. Der will Rita wieder aufrichten, ihr Ich stärken. Wieder ist von Selbstfindung die Rede, Trennung von Liebe und Sache, aber auch vom Funktionieren und Anpassung. Rita soll zur Liebe bereit sein, aber nicht immer mit sich selbst bezahlen. Schulze schleppt ein Tonband an, das immer wieder an der gleichen Stelle hakt. Alles nur Lüge. Aber das bleibt ebenso Stückwerk wie die restliche Inszenierung. Traumversunken steht Rita am Rand. Die Männer helfen ihr aus dem alten Bademantel ins Kleid und machen sie bereit für das letzte Treffen mit Manfred in West-Berlin. „Revolution ist das Morgen schon im Heute, ist kein Bett und kein Thron für den Arsch zufried’ner Leute“, sang in den 1970er Jahren der DDR die mit Auftrittsverbot belegte Klaus Renft Combo in Zwischen Liebe und Zorn. Rita balanciert auf dem Rand des Laufstegs, ein schmaler Grat zwischen Aufbruch und Bequemlichkeit, und spricht dabei von verglasten Läden und schönen Markenwaren.

„Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen.“ heißt es kritisch in Nachdenken über Christa T. Der Satz kommt auch in der Inszenierung vor, nur dass Petras glaubt, eine Meinung zum Scheitern des Traums, dem Paradies, das wir nun suchen sollen, zu haben und die auch demonstriert. Vielleicht hat Petras ja Recht mit seinem DDR-Vergleich mit der Truman Show [in einem Tagesspiegel-Interview]. Und am Theater lässt sich das natürlich sehr gut zeigen. Jule Böwe rennt um das ganze Setting rum, rüttelt an den Türen und schlägt mit den Händen gegen die umgrenzenden Planen. Alles eben nur Kulisse, nichts echt da in diesem Traum. Da muss nicht mal ein Scheinwerfer runterfallen. Die sieht man ja auch so alle. Die Ursachen für das Scheitern eines Gesellschaftsexperiments sind aber nicht beim staunenden Rühren im Erlmeier-Kolben zu finden, und das wahre Blau nicht einfach nur das korrekte Verhältnis einer chemischen Reaktionsgleichung. Die Suche geht weiter. Derweil bleibt der Himmel wohl noch grau und die Teilung in den Köpfen.

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Der geteilte Himmel an der Schaubühne Berlin - Foto: St. B.

Der geteilte Himmel an der Schaubühne Berlin
Foto: St. B.

Der geteilte Himmel
von Christa Wolf
Bühnenfassung von Armin Petras nach Motiven der gleichnamigen Erzählung
Premiere vom 13.01.2015 an der Berliner Schaubühne
Regie: Armin Petras
Bühne und Kostüme: Annette Riedel
Video: Rebecca Riedel, Mieke Ulfig
Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Norman Plathe
Mit: Jule Böwe, Kay Bartholomäus Schulze, Tilman Strauß

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Weitere Termine: 11., 12. und 13.02.2015

Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/der-geteilte-himmel.html/ID_Vorstellung=1010

Zuerst erschienen am 15.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Die Schriftstellerin Christa Wolf ist gestorben.

Freitag, Dezember 2nd, 2011

„Je näher uns jemand steht, umso schwieriger scheint es zu sein, Abschließendes über ihn zu sagen…“ Christa Wolf (aus Kindheitsmuster, Suhrkamp Verlag, 1976)

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Christa Wolf (* 18. März 1929 in Landsberg; † 1. Dezember 2011 in Berlin) Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1989-0313-302 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC-BY-SA

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Mein siebenundzwanzigster September

Wie kommt Leben zustande? Die Frage hat mich früh beschäftigt. Ist Leben identisch mit der unvermeidlich, doch rätselhaft vergehenden Zeit? Während ich diesen Satz schreibe, vergeht Zeit; gleichzeitig entsteht – und vergeht – ein winziges Stück meines Lebens.

Christa Wolf, „Ein Tag im Jahr – 1960-2000“, Luchterhand Literaturverlag, 2003

Der schönste 27. September

Ich habe keine Zeitung gelesen.
Ich habe keiner Frau nachgesehn.
Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet.
Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht.
Ich habe nicht in den Spiegel gesehn.
Ich habe mit keinem über alte Zeiten gesprochen
und mit keinem über neue Zeiten.
Ich habe nicht über mich nachgedacht.
Ich habe keine Zeile geschrieben.
Ich habe keinen Stein ins Rollen gebracht.

Thomas Brasch „Der schönste 27. September“, Suhrkamp Verlag, 1983

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Wenn die Menschen gewisse Exemplare ihrer eignen Gattung aus Bosheit oder aus Unverstand, aus Gleichgültigkeit oder aus Angst vernichten müssen, dann fällt uns, bestimmt, vernichtetet zu werden, eine unglaubliche Freiheit zu. Die Freiheit, die Menschen zu lieben und uns selbst zu hassen.
Begreifen, daß wir ein Entwurf sind – vielleicht, um verworfen, vielleicht, um wieder aufgegriffen zu werden. Das zu belachen ist menschenwürdig. Gezeichnet zeichnend. Auf ein Werk verwiesen, das offen bleibt, offen wie eine Wunde.
(…)
Fern hören sie Stimmen. Sie rufen nach Kleist. Die Kutsche nach Mainz soll abfahren. Die Günderode bedeutet ihm, sich zu entfernen. Sie verabschieden sich durch eine Handbewegung.
Jetzt wird es dunkel. Auf dem Fluß der letzte Schein.
Einfach weitergehn, denken sie.
Wir wissen, was kommt.

aus „Kein Ort. Nirgends“, Aufbau-Verlag, 1979

Liebe

O reiche Armuth! Gebend, seliges Empfangen!
In Zagheit Muth! in Freiheit doch gefangen.
In Stummheit Sprache,
Schüchtern bei Tage,
Siegend mit zaghaftem Bangen.

Lebendiger Tod, im Einen sel’ges Leben
Schwelgend in Noth, im Widerstand ergeben,
Genießend schmachten,
Nie satt betrachten
Leben im Traum und doppelt Leben.

Karoline von Günderrode (178o-1806)

„Einstens lebt ich süßes Leben“ – Gedichte, Prosa, Briefe, Zeugnisse von Zeitgenossen. Herausgegeben von Christa Wolf, Insel Verlag, 2006

Foto: St. B. dsc04009.JPG

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Es war ja klar: Allen, die überlebten, würden die neuen Herren ihr Gesetz diktieren. Die Erde war nicht groß genug, ihnen zu entgehn. Du, Aineias, hattest keine Wahl: Ein paar hundert Leute musstest du dem Tod entreißen. Du warst ihr Anführer. Bald, sehr bald, wirst du ein Held sein müssen.
Ja! hast du gerufen. Und? An deinen Augen sah ich, du hattest mich begriffen. Einen Helden kann ich nicht lieben. Deine Verwandlung in ein Standbild will ich nicht erleben.

aus „Kassandra“, Luchterhand Literaturverlag, 1983

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Eines Tages, dachte ich, werde ich sprechen können, ganz leicht und frei. Es ist noch zu früh. Sollte ich mich nicht einfach hinsetzen an diesen Tisch, unter diese Lampe, das Papier zurechtrücken, den Stift nehmen und anfangen. Was bleibt. Was meiner Stadt zugrund liegt und woran sie zugrunde geht. Daß es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der, nicht gelebt zu haben.

Juni-Juli 1979/November 1989

aus „Was bleibt“ Luchterhand Literarturverlag, 1990

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Antwortversuche
Ich habe sie noch nicht als DIE ANDEREN gesehen
Ich traute meinen eigenen Gefühlen nicht
Ich glaubte ihnen Auskunft schuldig zu sein
Beklommen glaubte ich DER SACHE so zu nützen
Ich wusste mir nicht zu helfen
Ich hatte Angst

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Drei Tage sind vorbei im Traum heut nacht
Rasender Fall durch Schichten
Von immer dichterer Konsistenz
Luft Wasser Morast Schutt Geröll
Steckenzubleiben droht ich zu ersticken
Dann plötzlich unter mir Gestein
Und diese Stimme
Du stehst auf festem Grund
Weinen im Traum ist erlaubt

Santa Monica 26.3.1993

aus „Auf dem Weg nach Tabou – Texte 1990-1994“, Kiepenheuer & Witsch, 1994

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Wir sprechen einen Namen aus und treten, da die Wände durchlässig sind, in ihre Zeit ein, erwünschte Bewegung, ohne zu zögern erwidert sie aus der Zeittiefe heraus unseren Blick. Kindsmörderin? Zum ersten mal dieser Zweifel. Ein spöttisches Achselzucken, ein Wegwenden, sie braucht unsere Zweifel nicht mehr…
…Ich, Medea, verfluche euch.
Wohin mit mir. Ist eine Welt zu denken, eine Zeit, in die ich passen würde. Niemand da, den ich fragen könnte. Das ist die Antwort.

aus „Medea Stimmen“, Luchterhand Literaturverlag, 1996

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dsc04003.JPG Foto: St. B.

„Das Bild, das ich in dieser Minute aus meinem Dachfenster sehe, möchte ich in der Minute meines Todes sehn: Der Himmel, der die Landschaft beherrscht, blau grundiert. Kumuluswolken. Wolkenstreifen darüber, in einer anderen Höhenschicht. Der tiefe Horizont, unterbrochen von Baumwipfeln … Die unendlich vielen Nuancen von Grün … Beherrschend ist aber der Kirschbaum mitten auf der Wiese, ich kenne keinen wie ihn. Er blüht über und über trotz der bitteren Kälte der letzten Wochen. … Unbeschreiblich das sanfte, heitere Licht. – “

aus „Nuancen von Grün“ – Ausgewählte Texte zu Landschaft und Natur, Aufbau Verlag 2002 (ursprünglich in „Voraussetzungen einer Erzählung“ – Arbeitstagebuch zum Kassandra-Projekt (1981), Werke 7, München, 2000

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Und die Farben. Ach, Angelina, die Farben! Und dieser Himmel.
Sie schien zufrieden, flog schweigend, hielt mich an ihrer Seite.
Wohin sind wir unterwegs?
Das weiß ich nicht.

Aus „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud, Suhrkamp Verlag, 2010

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„Das Paradies kann sich rar machen, das ist so seine Art.“ aus „Nachdenken über Christa T.“, Luchterhand Literaturverlag, 1978

Wir werden weiter darüber nachdenken. Danke, Christa W.

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