Archive for the ‘Dylan Thomas’ Category

Zwei Versuche zu Dylan Thomas (1914 – 1953)

Donnerstag, Oktober 30th, 2014

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Dylan Thomas by Alfred Janes - Foto: Nat. Museum Wales (c) Hilly Janes

Portrait by Alfred Janes – Foto: Nat. Museum Wales (c) Hilly Janes

„Das Ziel des Gedichts ist das Zeichen, welches das Gedicht selbst setzt: Es ist das Geschoß und das Zentrum der Zielscheibe; das Messer, das Gewächs und der Patient. Ein Gedicht bewegt sich nur auf sein eigenes Ende hin, und das ist der letzte Vers.“

Dylan Thomas (27.10.1914 – 09.11.1953) in einem Brief an den Kritiker, Lyriker und Romancier Henry Treece (16.5.1938.)

Und dem Tod soll kein Reich mehr sein

Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.
Nackt erst werden die Toten eins
mit dem Mann im Wind und im Westmond;
Gehn die bloßen Knochen den Weg allen blanken Gebeins,
Kehren ihre Glieder mit dem Sternenlicht heim.
Wenn sie irre werden, sollen sie klarer sehn
Wenn sie versinken im Meer, wieder auferstehn;
Wenn auch Liebende fallen, die Liebe fällt nicht;
Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.

Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.
Lang schon tief unterm wirbelnden Meer
Solln nicht sterben sie windig und leer;
Die gestreckt auf die Bank, wo die Sehnen gezerrt,
Die geflochten aufs Rad, nicht zu brechen bereit;
Wenn der Glaube auch birst in der Hand
Und des Einhorns Übel sie verbannt;
Getrennt aller Enden, werden sie nicht reißen;
Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.

Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.
Nie mehr ein Möwenschrei dringt an ihr Ohr
Noch branden laut Wellen die Küste empor;
Wo einst Blumen geblüht, kann keine Blume mehr
Heben den Kopf in den Schlag des Regens.
Auch im Wahn und so tot wie Stein,
Die Besten der Köpfe prägen sich ein;
Steigen zur Sonne, bis die Sonne vergeht.
Und dem Tod soll kein Reich mehr sein.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

And death shall have no dominion

And death shall have no dominion.
Dead men naked they shall be one
With the man in the wind and the west moon;
When their bones are picked clean and the clean bones gone,
They shall have stars at elbow and foot;
Though they go mad they shall be sane,
Though they sink through the sea they shall rise again;
Though lovers be lost love shall not;
And death shall have no dominion.

And death shall have no dominion.
Under the windings of the sea
They lying long shall not die windily;
Twisting on racks when sinews give way,
Strapped to a wheel, yet they shall not break;
Faith in their hands shall snap in two,
And the unicorn evils run them through;
Split all ends up they shan’t crack;
And death shall have no dominion.

And death shall have no dominion.
No more may gulls cry at their ears
Or waves break loud on the seashores;
Where blew a flower may a flower no more
Lift its head to the blows of the rain;
Though they be mad and dead as nails,
Heads of the characters hammer through daisies;
Break in the sun till the sun breaks down
And death shall have no dominion.

Dylan Thomas

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Dylan Thomas. Statue im Maritime Quarter Swansea - Foto: Wikipedia

Statue im Maritime Quarter Swansea – Foto: Wikipedia

„Komm nur her. Nur du kannst die Häuser schlafen hören. Nur du kannst in den vorhangblinden Schlafzimmern die Kämme sehen, die Unterröcke über den Stuhllehnen, die Krüge und Becken, die Gläser mit falschen Gebissen, an der Wand das ‚du sollst nicht‘ und die vergilbenden Bitte-recht-freundlich-Bilder der Toten.“

Dylan Thomas, aus: Unter dem Milchwald

Geh nicht gelassen in die gute Nacht (1)

Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
Das Alter sollte brennend toben, geht der Tag;
Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

Auch wenn am Schluss nicht die Erleuchtung lacht,
Kaum dass ein Blitz je diese Worte spalten mag;
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

Der Tränen guter Männer letzte Welle bracht
Ihr brüchig Werk, das einst in grünen Buchten lag;
Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

Wild singend noch erjagten sie der Sonne Macht,
Zu spät gewiss, was dauernd sie vermag;
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.

Mit fahlem Blick, dem Tode nah, ganz sacht
Des Menschen brechend Auge leuchtet vag;
Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

Und du, mein Vater, dort auf traurig hoher Wacht,
Mit heißen Tränen fluch und segne mich, ich sag:
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.
Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

Ruine des Zisterzienserklosters Himmelfort - Foto: St. B.

Ruine des Zisterzienserklosters Himmelfort – Foto: St. B.

Geh nicht gelassen in die gute Nacht (2)

Geh nicht gelassen in die gute Nacht,
Das Alter sollte tobend brennen, geht der Tag;
Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

Die Männer, deren Worte niemals Licht entfacht,
Da aller Weisheit dunkler Schluss ist vag,
Gehn nicht gelassen in die gute Nacht.

Die Guten schreien, bis die letzte Welle kracht
Entzwei ihr Werk, das einst in grünen Buchten lag,
Zornwütig gegen das, was dunkel macht.

Die Wilden, die lang jagten nach der Sonne Pracht,
und spät erst lernten, dass nichts ewig dauern mag,
Gehn nicht gelassen in die gute Nacht.

Im greisen Blick, dem Tode nah, erwacht
fast blind ein letzter heller Augenschlag,
Zornwütig gegen das, was dunkel macht.

Und du, mein Vater, traurig hoch gib Acht,
Um deiner Tränen Fluch und Segen bitt ich, sag:
Geh nicht gelassen in die gute Nacht.
Zorn, wüte gegen das, was dunkel macht.

Do not go gentle into that good night

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

And you, my father, there on the sad height,
Curse, bless, me now with your fierce tears, I pray.
Do not go gentle into that good night.
Rage, rage against the dying of the light.

Dylan Thomas

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Foto (c) New Directions Publishing Corp.

(c) New Directions Publishing Corp.

„Mir gefiel der Geschmack von Bier, sein lebendiger, weißer Schaum, seine kupferhellen Tiefen, die plötzlichen Welten, die sich durch die nassen braunen Glaswände hindurch auftaten, das schräge Anfluten an die Lippen und das langsame Schlucken hinunter zum verlangenden Bauch, das Salz auf der Zunge, den Schaum im Mundwinkel.“  – Dylan Thomas

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