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Jorge Semprún und Bernhard Heisig – Zwei große Geschichtenerzähler, die nicht unterschiedlicher sein könnten, sind in dieser Woche gestorben

Montag, Juni 13th, 2011

Der eine hat das Ende des Zweiten Weltkriegs im KZ Buchenwald überlebt, der andere ist mit 17 noch in die Waffen-SS eingetreten. Beide aus bildungsbürgerlichem Elternhaus fanden dennoch aus unterschiedlichen Gründen zum Kommunismus, von dem sie sich später auch wieder distanzieren sollten. Der spanische Schriftsteller Jorge Semprún (87) und der deutsche Maler Bernhard Heisig (86) sind in dieser Woche gestorben.

Jorge Semprún, dessen Familie 1937 während des Bürgerkriegs Spanien verließ, wurde 1941 mit 18 Jahren Mitglied der französischen Résistance, während Bernhard Heisig 1942 der Waffen-SS beitrat und 1945 um die von den Nazis ausgerufene Festung Breslau, seine Heimatstadt, kämpfte. Diese Erlebnisse haben beide Zeit ihres Lebens nicht mehr los gelassen. In ihren Werken haben die Künstler ihre Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges verarbeitet. Semprun beschrieb seine Inhaftierung im KZ Buchenwald in dem Roman „Die große Reise“ (1961), Heisig hat den wahnsinnigen Kampf um die Stadt Breslau immer wieder in seinen Bildern festgehalten.

Für Semprun, Sohn eines liberalen Diplomaten, war Politik stets ein Mittel zur Veränderung, er war seit 1942 Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens. Er kämpfte verdeckt auch nach dem Krieg gegen die Franco-Diktatur. Wegen Kritik an der stalinistischen Ausrichtung der Partei wurde er 1964 ausgeschlossen. Erst 1988 bis 1991 übernahm er wieder direkte politische Verantwortung als Kulturminister unter dem Sozialisten Felipe González. 1994 in seinem Roman „Schreiben oder Leben“ hatte er dann mit der Politik entgültig abgerechnet, zugunsten des kritischen Kommentators der Geschichte.

Auch Heisig hat sich nach seinen Kriegserlebnissen im gutem Glauben von der Politik in der DDR vereinnahmen lassen, er war zeitweise Rektor der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und Mitglied der SED. In seinen Bildern hat sich das trotz einiger Staatsaufträge zum Glück nicht all zu stark niedergeschlagen. Die Kritik an den herrschenden Verhältnissen war bei ihm stets immanent vorhanden. Als Darsteller und Mahner preußischer Geschichte und ihrer verheerenden Verfehlungen kann man ihn nach wie vor bewundern. 2005 hat ihm das Museum der Bildenden Künste in Leipzig die große Retrospektive „Die Wut der Bilder zum 85. Geburtstag gewidmet.
Vielleicht hatten beide Verstorbene zu Lebzeiten nicht viel gemeinsam, aber die jeweils erlebte Geschichte hat sie in ihrem Schaffen untrennbar miteinander verwoben.

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Bernhard Heisig: „Die erste Bürgerspflicht”, 1977

„Ich entrüste mich jeden Tag.“ Jorge Semprún in einem taz-Interwiev 2008