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KRUSO und 89/90 – Das Schauspiel Leipzig startet mit zwei Romanadaptionen über die Wende in die neue Spielzeit

Samstag, Oktober 8th, 2016

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Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Eine Auseinandersetzung mit dem „Schlüsselmoment der deutschen Geschichte“ nennt das Schauspiel Leipzig sein Unterfangen, mit gleich zwei Romanadaptionen zum Thema Wende und deutsche Wiedervereinigung in die neue Spielzeit zu starten. Pünktlich zum langen Einheitswochenende bringt man hier mit der Adaption von Lutz Seilers Hiddensee-Roman Kruso die zweite Wende-Inszenierung auf die Bühne. Bereits am 16. September hatte die Leipziger Bühnenfassung des Dresdner Wende-Romans 89/90 von Peter Richter Premiere.

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Kruso – Armin Petras adaptiert den Hiddensee-Roman von Lutz Seiler am Schauspiel Leipzig als magisches Bildertheater mit Anja Schneider in der Hauptrolle

Für die Adaption von Kruso konnte man einen alten Bekannten des Schauspiels, der schon unter Wolfgang Engel und Sebastian Hartmann in Leipzig inszenierte, wiedergewinnen. Armin Petras, zurzeit Intendant am Schauspiel Stuttgart, hat hier u.a. 2008 in Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin den im letzten Jahr verfilmten Roman Als wir träumten von Clemens Meyer erfolgreich auf die Bühne gebracht. Nun also ein weiteres Mal Lutz Seilers Buchpreisgewinner von 2014, der auch schon auf den Spielplänen in Magdeburg, Gera und dem Hans-Otto-Theater in Potsdam steht.

Auffallend ist zunächst die Bühne von Olaf Altmann, die nicht (wie bei ihm gewöhnlich) einen Sperrholzkasten zeigt, sondern einen dichten Wald aus vom Schnürboden gespannten Perlonfäden. Eine Bild-Metapher für Einengung und Verlorenheit wie auch für das unüberwindbare Meer zwischen Hiddensee und der dänischen Insel Møn, auf die es die sogenannten „Schiffbrüchigen“ zieht, die vor der Flucht eine kurze Bleibe auf Hiddensee suchen. Der Chor dieser Schiffbrüchigen wird hier von 6 Schauspielstudierenden dargestellt, die mal in den Fäden hängen oder zwischen ihnen in einer Art choreografierten Bewegung agieren. Einmal stellen sie sich sogar an der Rampe mit kleinen Modellen ihrer „Notunterkünfte“ auf der Insel vor.

 

Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Es beginnt aber zunächst vor dem Eisernen Vorhang mit der Vorgeschichte des Literaturstudent Ed (Florian Steffens), der hier aus seinen Erinnerungen an die verunglückte Freundin G. erzählt und den es dann später nach Hiddensee verschlägt, wo er eine Unterkunft in der Gemeinschaft des Urlauberrestaurants „Zum Klausner“ findet. Hier führt der Abwäscher Kruso sein Regime aus Ritualen und der Verheißung von Freiheit, die die vom Festland angespülten Schiffbrüchigen an der Flucht und vor dem sicheren Tod in der Ostsee retten sollen. Armin Petras besetzt diese Rolle mit der Schauspielerin Anja Schneider, was zunächst verwundert, aber letztendlich wunderbar aufgeht.

Man muss dem aber weiter keine große Bedeutung beimessen. Sehr subtil gehen nach und nach die Handlungsfäden von Eds poetischen Naturschilderungen und Begegnungen mit einem Fuchs (Markus Lerch im grünen Pelz und Dreispitz) zu Kruso über, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Petras spult die Geschehnisse auf Hiddensee überschaubar ab, ohne stur nacherzählend zu bebildern. Er greift den mal epischen, mal lyrischen Sound der Textvorlage auf und gibt ihn mittels szenischen Dialogen, Einzelvorträgen oder bewegten Gruppenchoreografien wieder. Als Requisiten dienen lediglich Handtücher und ein paar Töpfe für die Speisung mit der „ewigen Suppe“, deren Zutaten in einem traumwandlerischen Defilee über die Bühne getragen werden. Der „Lurch“ aus dem Abfluss der Geschirrspültische hängt an im Bühnenboden eingelassenen Gitterrosten, mit denen Ed kämpft.

 

Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Als tragischer Alter und Bewahrer der schützenden Arche tritt der Klausner-Chef Krombach (Berndt Stübner) auf, der mit seinem Schlips Seemannsknoten bindet, was aber wie eine Schlinge aussieht. Er erklärt die Philosophie des Klausners als Poesie und Gastronomie, spricht von Abrechen und Abdriften der Küste, einem Landverlust im doppelten Sinne und rezitiert auch mal Brechts Lob des Kommunismus. Die anderen Figuren der Belegschaft bleiben hier eher im Hintergrund. Zwei Grenzsoldaten mit DDR-Stahlhelmen haben ihren komischen Kurzauftritt mit Pistole.

Viel Raum nehmen dafür Krusos Rituale mit den Schiffbrüchigen und ein wildes aus den Fugen geratenes Sommerfest mit Live-Schlagzeug-Begleitung und archaischen, magischen Tänzen ein. Die immer wiederkehrenden Bemühungen Krusos, Ed von seinen Visionen zu überzeugen, gestaltet Anja Schneider oft anrührend komisch bis improvisiert und slapstickhaft. Die „Karte der Wahrheit“ steckt sie mit Wimpeln ab und erklärt die Phasen des Ertrinkens, wobei der Chor der Schiffbrüchigen magisch in den Schnüren hängt. Kruso führt Ed seine erste Vergabe, die Schiffbrüchige C., zu, schließt Blutsbrüderschaft und predigt vom Kochtopf herunter von den „Wurzeln der Freiheit”.

Nach der Pause beerdigt Armin Petras dann die DDR. Es wird viel gewinkt, ein Grab für den toten Fuchs ausgehoben, und die Stimme von Angelika Unterlauf darf noch mal zum 40. Jahrestag gratulieren. Der verletzte Ed erfährt noch von Rommstedt (Dirk Lange) die Geschichte des Generalssohn Kruso, was im Hintergrund mit einem akrobatischen Soldatendenkmal illustriert wird. Die neue Zeit hält mit Haribo und Flitter Einzug. Ed und Kruso schmeißen ihren „McKlausner“ jetzt allein im Ketchup- und Senftubenkostüm. Bis auch Kruso langsam verstummt und verschwindet, nicht ohne vorher Eds Verrat und die neue Spezies des Einbauküchenmenschen zu beklagen. Das Ende markiert die in der Drehung mit den Perlonfäden verhakte Bühne. Es geht nicht vor und nicht zurück. Ein durchaus eindrucksvolles Bild für das Ende einer Utopie.

Eingeladen zu den Autorentheatertagen 2017 im Deutschen Theater Berlin.

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KRUSO (02.10.2016, Schauspiel Leipzig)
Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Für die Bühne bearbeitet von Armin Petras und Ludwig Haugk
Regie: Armin Petras
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Patricia Talacko
Live-Musik: Johannes Cotta
Choreographie: Denis Kuhnert
Dramaturgie: Christin Ihle, Clara Probst
Licht: Jörn Langkabel
Besetzung:
Alina-Katharin Heipe (Chor der Schiffbrüchigen), Ellen Hellwig (Monika / Inselärztin), David Hörning (Chor der Schiffbrüchigen), Andreas Keller (Koch-Mike / Rebhuhn), Jonas Koch (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Dirk Lange (Rimbaud / Rommstedt), Ferdinand Lehmann (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Markus Lerch (René / Fuchs), Elias Popp (Chor der Schiffbrüchigen), Anja Schneider (Kruso), Nina Siewert (Chor der Schiffbrüchigen), Florian Steffens (Ed) und Berndt Stübner (Krombach)
Premiere war am 01.10.2016 im Schauspiel Leipzig
Termine: 29., 30.10. / 19., 20.11. / 01., 02.12.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 04.10.2016 auf Kultura-Extra.

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89/90 – Regisseurin Claudia Bauer und Komponist Peer Baierlein sampeln am Schauspiel Leipzig eine Text- und Soundcollage aus dem Dresdner Wende-Roman von Peter Richter

Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Das Land verlassen ohne eine Grenze zu übertreten. Was sich in Lutz Seilers Kruso eher beiläufig und abseits der großen Politik auf einer kleinen Insel vollzieht, erlebt der 16jährige Ich-Erzähler aus dem Roman 89/90 von Peter Richter live und leibhaftig in Dresden, auch wenn es da am Ende über den 3. Oktober 1990 ganz ähnlich heißt: „…und wir waren, ohne uns vom Fleck bewegt zu haben, in einem anderen Land.“ Was im letzten Sommer des Sozialismus geschah, beschreibt Richter in vielen kleinen Momentaufnahmen, Anekdoten und Geschichten als vielstimmigen Soundtrack eines kleinen untergehenden Lands. Ende August am kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden in nacherzählenden Spielszenen mit Live-Band-Begleitung uraufgeführt, versucht man nun am Schauspiel Leipzig sich auf eine ganz andere Art dem Buch von Peter Richter zu nähern.

Doch auch Regisseurin Claudia Bauer und ihr Dramaturg Matthias Huber gehen den Stoff sehr musikalisch an. Aber zunächst sieht man auf einer Videoleinwand über der Bühne, die wie ein altes DDR-Kultur- oder Funkhaus mit braunem Holz vertäfelt ist, Wenzel Banneyer, der Text des Ich-Erzählers aus dem Buch spricht und dabei in alten Fotos wühlt. Zu ihm gesellt sich der Berliner Neuzugang Roman Kanonik, der die Rolle des Freundes S. übernimmt. Wie Peter Richter in seinem Buch blicken die beiden auf damals zurück, als sich die ganze Clique noch gemeinsam im nächtlichen Schwimmbad traf. Dazu tritt das restliche Ensemble in Ganzkörperschaumstoffanzügen mit riesigen Kahlköpfen im Trockeneisnebel auf. Ein traumwandlerischer Erinnerungsreigen.

Und wie sich die beiden oben erinnern, entsteht unten in kleinen, anekdotisch gefärbten Szenen ein Bild von damals, dass zuweilen an einen alten Hollywoodfilm erinnert, etwas kitschig und mit angedeuteten Liebesszenen des Erzählers und seiner linientreuen Freundin L. (Bettina Schmidt) mit Blondhaarperücke und im langen Kleid aus einer DDR-Fahne. Immer wieder tritt nun ein 24-köpfiger Chor in Alltagskleidung auf. Sie singen auf Stühlen sitzend den DDR-Punk-Klassiker von Feeling B „Wir wollen immer artig sein“ als vielstimmigen Kanon, „Kinder der Maschinenrepublik“ von der Band Die Firma oder Textsplitter aus dem Buch zu minimalistischen Arrangements von Peer Baierlein.

 

89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Das Chorische vermischt sich unter dem körperbetonten Dirigat von Chorleiter Daniel Barke wunderbar mit kurzen Szenen aus der Schule, Geplapper in der Raucherecke, allerlei Zwischenrufen oder auch Episoden aus dem Wehrlager. Denis Petković brüllt im Stakkato-Ton die Befehle des Wehrlagerleiters, oder das „Zuführen!“ der Polizei bei den Demos vor dem Dresdner Hauptbahnhof.  Gemeinsam tanzt das Ensemble die rhythmischen Statements der Staatsbürgerkundelehrerin (Anna Keil) über den Unterschied von Arbeitnehmer und Arbeitgeber oder zu Reisen nach Prag oder Paris. Das ist einerseits ein herrlicher musikalischer Verfremdungseffekt, anderseits wirken diese minutiös einstudierten Chorpassagen wie kleine vertonte Absurditäten aus der späten DaDaR.

Bis zur Pause bekommt die Inszenierung dadurch einen wunderbaren Drive. Dann dreht sich das Bühnenbild nach hinten weg, und auf der Rückseite laufen nun bunte Werbefilmpersiflagen, die signalisieren sollen, was nach der Wende viel und heftigst auf die DDR-Bürger zukommen wird. Der Ton bleibt weitestgehend ironisch, auch wenn bei der L. die große Wende-Depression losgeht. Wenzel Banneyer und Bettina Schmidt wirken auf der ersten Fahrt des Erzählers mit seiner Freundin nach West-Berlin wie ein Hollywoodfilmpaar kurz vor der schmerzhaften Trennung.

 

89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Ein aufgeblasener Helmut Kohl mit Birnenkopf (Andreas Dyszewski) tänzelt vorbei und empfängt den von den Massen vor der Frauenkirche verströmten Willen zur deutschen Einheit. Leider wird es für die Nichtkenner des Romantextes nun auch etwas unübersichtlich. Auf den Erzähler und das Publikum prasseln dichte Textsamplings aus scheinbar wahllos aus dem Roman entnommenen Sätzen. Das mag gut zur chorischen Man-müsste-dies-und-jenes-könnte-aber-auch-Choreografie passen, die die allgemeine Konfusion nach der Wende zeigen soll, könnte aber auch leicht übersättigend wirken.

Dazu wird weiter munteres Typenkabarett gespielt: Bettina Schmidt gibt einen Zuhälter mit riesiger aufblasbarer Sexpuppe. Tilo Krügel spielt den Transvestiten T. als dauer-hibbeligen Fanatiker, der die Stasizentrale stürmt und später in den Untergrund abtaucht. Anna Keil schlägt im Glitzerkleid und Springerstiefeln den Takt der Schlägereien zwischen Punks und Skinheads mit dem Baseballschläger, und Roman Kanonik singt „Nazi Punks Fuck off“ von den Dead Kennedys oder Kim Wildes „Kids in America“ als Punk-Version. Ein großer Spaß. Auch wenn dabei die in Richters Textvorlage leicht mitschwingende politische Botschaft etwas unterzugehen droht. Die unglaublich künstlerische Raffinesse der kolossalen Chorarbeit rettet aber die Inszenierung von Claudia Bauer ins Ziel.

Wie in Dresden kulminiert der Abend auch hier in den 90ern mit dem alles gleichmachenden Technosound. Das Ensemble verschwindet wieder unter den großen Pappköpfen. Politik ist out. Dass das Versäumte und Vergessene heute als Pegida wieder hochkocht, konnte man gerade an diesem aktuellen Tag der Einheit vor allem wieder in Dresden erleben. Peter Richter sprach davon im Februar in seiner Dresdner Rede, die nun zum Essay Dresden revisited erweitert in Buchform erschienen ist. In diesem Sinne braucht es vor allem auch solch ein Theater gegen das Vergessen.

 

Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Die Inszenierung ist zum 54. Theatertreffen in Berlin eingeladen.

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89/90 (03.10.2016, Schauspiel Leipzig)
Nach dem Roman von Peter Richter
Für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Huber
Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Andreas Auerbach, Doreen Winkler
Komposition und musikalische Leitung: Peer Baierlein
Chorleitung: Daniel Barke
Dramaturgie: Matthias Huber
Mit: Anna Keil, Annett Sawallisch, Bettina Schmidt, Wenzel Banneyer, Andreas Dyszewski, Roman Kanonik, Tilo Krügel, Denis Petkovic und Chor
Premiere am Schauspiel Leipzig war am 16.09.2016
Spieldauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
Termine: 23.10. / 03., 17.11. / 16.12.2016  / 14.01. / 17.02. / 19.03. / 27.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 06.10.2016 auf Kultura-Extra.

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„Bilder deiner Großen Liebe“ und „Kruso“ – Zwei interessante Romanadaptionen im Hans Otto Theater Potsdam

Samstag, Januar 30th, 2016

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Das Hans Otto Theater Potsdam hat mit der Dramatisierung von Uwe Tellkamps Dresden-Roman Der Turm bereits eine Buchpreis-gekrönte DDR-Geschichte im Spielplan. Nun kommt nach Magdeburg und Gera mit der Bühnenbearbeitung von Lutz Seilers Insel-Roman Kruso eine weitere hinzu. Der aus Gera stammende Autor hat dafür 2014 den Deutschen Buchpreis erhalten. In seinem Romanfragment Bilder deiner großen Liebe beschreibt der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf den Ausbruch des lebenshungrigen Mädchens Isa aus der Psychiatrie. Er knüpft hier lose an seinen Erfolgsroman Tschick an, der ebenfalls in Potsdam als Bühnenfassung zu sehen ist. Damit…

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Intendant Tobias Wellemeyer belässt in seiner Inszenierung einer Bühnenadaption von Wolfgang Herrndorfs Romanfragment Bilder deiner großen Liebe alles im sterilen Drinnen.

Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

Wolfgang Herrndorf hat sich 2013, nachdem es keine Hoffnung mehr auf Heilung seines Hirntumors gab, das Leben genommen. Er wollte das Ende selbst in der Hand haben. Nicht mehr in der Hand hatte Herrndorf die Vollendung seines letzten Romans Bilder deiner großen Liebe. Der posthumen Veröffentlichung des Fragments liegen ein Manuskript von 95 Seiten und ein Textkonvolut Verstreutes zugrunde, das die befreundete Autorin Kathrin Passig und der Rowohlt-Lektor Marcus Gärtner geordnet und zu einer halbwegs linearen Erzählung gebündelt haben. Es geht darin um den Ausbruch der 14jährigen Isa aus einer geschlossenen Psychiatrie. Auf ihrem Weg über Felder, durch Wälder und auf Berge begegnet dieses Mädchen mit wilder Fantasie den unterschiedlichsten Menschen, wie etwa einem philosophierenden Kanalschiffer, einem väterlichen Schriftsteller und auf einer Müllhalde auch zwei gleichaltrigen Jungs in einem alten Lada, die die Herrndorf-Leser schon aus dem Buch Tschick kennen.

Der Roman ist in der Bühnenfassung des Dresdner Chef-Dramaturgen Robert Koall zu einem regelrechten Theater-Renner geworden. Tschick ist neben Dresden und Berlin auch am Hans Otto Theater Potsdam zu sehen. Nachdem Robert Koall im letzten Jahr auch das Romanfragment Bilder deiner großen Liebe für die Dresdner Bühne adaptierte, hat es nun der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer in der Reithalle neu inszeniert.

„Eine weniger verlässliche Erzählerin als Isa, die mit einem taubstummen Jungen plaudert und sich an Dinge erinnert, die nicht stattgefunden haben können, ist kaum vorstellbar.“ heißt es im Nachwort zum Buch von Kathrin Passig und Marcus Gärtner. Tobias Wellemeyer hat das anscheinend etwas zu wörtlich genommen. Seine Inszenierung spielt in einem Bühnenbild (von Matthias Müller), das etwas von der Sterilität eines Krankenhausflurs mit Medikamentenschrank rechts und gefliester Waschnische links hat. Eine große Glaswand mit Doppeltür bildet die Grenze zwischen Drinnen und Draußen. Das lässt fast unweigerlich nur die eine Assoziation zu: Alle Berichte über ihre Erlebnisse können nur Isas Kopf entsprungen sein. Dagegen spräche eigentlich der konsequent im Präsens gehaltene Erzählstil des Romans. Man kann das natürlich auch anders deuten.

So wäscht sich die fabelhaft wild fabulierende Nina Gummich als Isa nicht mit Fanta die durch einen Einbruch in ein Lebensmittelgeschäft blutig geschnittenen Füße, sondern im Waschbecken und steigt nicht etwa auf den „goldenen Berg“, sondern nur auf den Medikamentenschrank. Dafür schmatzt sie umso genüsslicher echten Lachgummi, dass man ihn bis in die vorderen Sitzreihen riechen kann. Ansonsten hat Nina Gummich wie in der Bühnenfassung vorgesehen einen nur Mann genannten Partner für die Begegnungen auf Isas Weg, dessen Ziel lediglich vage angedeutet ist. Diesen Mann spielt René Schwittay, erkennbar als Mitpatient im Bademantel. Und nicht nur die merkwürdige Klammer an seinem kahlen Kopf lässt erahnen, dass Wellemeyer hier den an Krebs erkrankten Autor persönlich meint, der sich im Mann auf dem Friedhof auch selbst in die Geschichte geschrieben hatte. Am Ende wird sich die Setzung des Regisseurs dann umso deutlicher offenbaren.

 

Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

 

Bis auf zwei, drei Szenen durchläuft die Inszenierung die einzelnen Etappen des Romans, mal nur von Nina Gummich erzählt, mal im Dialog mit René Schwittay, der auch kleine Passagen aus dem von Isa mitgeführten Tagebuch vorliest, das hier fast als einziges Requisit ständig präsent ist und auch immer wieder wie zur Bestätigung von der jungen Ausreißerin vorgezeigt wird. Hier hat sie die Erinnerungen an ihre Kindheit oder das, was sie dafür hält, aufgeschrieben. Die enge Vater-Tochter-Beziehung etwa oder einen Traum über ein normales Familienleben wie in einem Heimkehrer-Film aus dem Krieg ins ländliche Idyll. Wirklich ausgespielt wird nur die auch im Roman recht lang beschriebene Kanalfahrt mit einem weisen Schiffer, der dem hibbeligen Mädchen eine merkwürdige Geschichte über einen Bankraub und das Wartenkönnen im Leben erzählt.

Sehr witzig auch die Szenen, in der Isa mit dem taubstummen Jungen Olaf spricht und dazu die Klappe eines Mülleimers bewegt, oder beim Schriftsteller mit einem imaginierten Rasenmäher zwischen den Baumstämmen draußen vor der Glaswand kurvt. Hier verlässt das Mädchen auch erstmals das hermetische Drinnen. Hall, Videoeinsatz und unbändiges Tanzen im Stroboskoplicht unterstreichen die Vitalität Isas gegenüber einem sonoren elektronischen Pling-Pling in den nachdenklich stimmenden Momenten, in denen das Mädchen auch mal vor ihrem Video-Spiegelbild erschrickt.

In ihren Selbstreflexionen sagt Isa einmal, dass sie lieber ein Junge wäre, da man als Mädchen plötzlich einen Körper hat, auf den man ständig reduziert wird. Das ist im Buch an einigen Stellen noch deutlicher ausformuliert, etwa wenn Isa sich unter einem Rasensprenger auf einem abendlichen Fußballplatz wäscht und dabei von einer Gruppe trainierender Jungen beobachtet wird, oder in der Beschreibung des wegen ihr onanierenden Fahrers eines Schweinetransporters. Diese Szenen sind wohl der eher kammerspielartigen Bühnenbearbeitung zum Opfer gefallen.

Das Mädchen Isa ist mitnichten bescheuert oder gar geisteskrank. Sie ist, wie sie selbst betont, nur etwas ver-rückt – neben der ärztlichen Norm. Eine Herrscherin über das Universum, die mit den Fingern die Sonne aufhalten und sich selbst vor dem drohenden Sturz in den Abgrund retten kann. Ganz abzuheben vermag sie in Tobias Wellemeyers Inszenierung, in der der Regisseur viel auf die Vorstellungskraft des Publikums setzt und auf eine großartige Schauspielerin, die in ihrer Darstellung ungezügelter Wildheit und Lebenssucht fast schon etwas zu expressiv agiert. Trotzdem, oder gerade wegen Nina Gummich, ist dieser durchaus bewegende Abend dennoch sehenswert.

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Bilder deiner großen Liebe
Nach dem gleichnamigen Romanfragment von Wolfgang Herrndorf
Für die Bühne bearbeitet von Robert Koall
Regie: Tobias Wellemeyer
Bühne / Kostüme: Matthias Müller
Musik / Video: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Helge Hübner
Besetzung:
Isa: Nina Gummich
Ein Mann: René Schwittay
Premiere in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters Potsdam war am 22.01.2016
Dauer: ca. 90 Minuten

Termine. 30.01. / 20. und 21.02. / 13. und 28.03.2016

Infos: http://www.hansottotheater.de

Zuerst erschienen am 24.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Verlorene Insel-Utopie – Der mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnete Hiddensee-Roman Kruso von Lutz Seiler in einer körperbetonten Inszenierung von Elias Perrig

Wie sein Romanheld Edgar hat Lutz Seiler in Halle studiert und war Saisonkraft auf Hiddensee. Die von ihm in Kruso beschriebene Gemeinschaft der „Esskaas“ in der Ausflugsgaststätte Zum Klausner hat daher durchaus reale Vorbilder. Und ähnlich dem Turm handelt es sich hier ebenfalls um eine von der DDR-Realität weitestgehend abgeschottete Nische.

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Auf die Insel Hiddensee, diesen „Sehnsuchtsort der Freiheit“, treibt es den Germanistikstudenten Edgar im Sommer 1989 kurz vor der Wende. Er will den Tod seiner verunglückten Freundin G. vergessen und nimmt eine Arbeit als Tellerwäscher an. Die „Besatzung“ unter dem Gaststättenleiter Krombach besteht aus den verschiedensten Typen, Verlorenen und Lebensphilosophen. Deren heimlicher Kopf ist der Tellerwäscher Alexander Krusowitsch, genannt Kruso. Der Sohn eines russischen Generals und einer Hochseilartistin ist durch das ungeklärte Verschwinden seiner Schwester Sonja ähnlich traumatisiert wie Edgar. Der Trakl-Liebhaber und Spezialist für Barocke Lyrik findet in Kruso so etwas wie einen Bruder im Geiste, der selbst Gedichte schreibt und ihn unter seine Fittiche nimmt.

Kruso hat auf der Insel ein ausgeklügeltes Beherbergungssystem für DDR-Fluchtwillige geschaffen, die es von Hiddensee aus über den Bodden in Richtung der dänischen Insel Møn zieht. Allerdings will Kruso diese sogenannten Schiffbrüchigen innerhalb von drei Tagen mittels gemeinschaftsbildenden Initiationsriten zu ihren inneren „Wurzeln der Freiheit“ führen, so dass sie in der Lage sind, die Insel wieder in Richtung DDR-Festland zu verlassen und somit die Unfreiheit der Verhältnisse über die Zeit durch die Freiheit der Herzen und Menge der Bekehrten ändern. Diese Utopie einer solidarischen Gemeinschaft beschreibt Lutz Seiler in einer sehr poetischen Prosa. Liebe und Poesie als Widerstand.

Diese Poesie der Worte kommt in der Inszenierung von Elias Perrig nur hin und wieder zum Vorschein. Zu Beginn schwebt Ed (Holger Byhlow), seine Vorgeschichte erzählend, wie ein „Pilot in seiner Kapsel“ vom Schnürboden aus in die mit Sperrholzwänden umfasste Bühne, die das Innere der schützenden Arche des Klausners mit Tischen, Stühlen und Abwaschbecken darstellt. Die Besatzungsmitglieder funktionieren wie ein eingespieltes Team, was hier mit einem rhythmischen Teller-Frisbee dargestellt wird, in das sich Ed nach und nach einfügen muss. Nach der immer gleichen, monotonen Alltagsarbeit setzt man sich am linken Bühnenrand zu Lesungen von Gedichten.

Als einzige Stimme der Außenwelt dringt die Sprecherin des Radiosenders Viola in die abgeschottete Welt des Klausners, die ansonsten alle Gerüchte von außen als „Festlandgeplapper“ abtut. Andrea Thelemann spricht Viola an einem alten Rundfunkmikrofon und gibt daneben noch die Kellnerin Karola im Leoparden-Overall. Die Kostüme verströmen etwas Zeitkolorit wie etwa der braune Doppelreiher von Krombach (Christoph Hohmann), der Karo-Pullunder von Tresenmann Rick (Philipp Mauritz), die super-kurze Jeanshose von Eisverkäufer René (Axel Sichrovsky) oder die schwarze Lederkluft des Kellners Rimbaud (Eddi Irle). Dagegen kommt wohltuend wenig Ostalgie auf, auch wenn einmal ein Tablett mit blauem Würger, grüner Wiese und anderen farblich gut aufeinander abgestimmten DDR-typischen Trostspendern die Runde macht. Man stellt sich auf zum Gruppenfoto, erzählt anschaulich vom Insel-Fußballturnier, bläst um Mitternacht das Deutschlandlied auf Flaschen und singt immer wieder stolz den Song vom Mond, Mann und Meer.

 

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (c) HL Böhme

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

 

Die „Freie Republik Hiddensee“ weiß sich zu feiern, und der wie ein stämmiger Seebär in blauer Latzhose auftretende Raphael Rubino als Kruso schwingt seinen massigen Körper mit dem aus dem Abfluss gejäteten „Unkraut“ wie bei einem Schlangentanz. Das sind fraglos die lustigen Szenen der Inszenierung, in die sich auch immer wieder Nachdenkliches mischt, wenn Kruso zu seinen Inselrundgängen verschwindet und Ed auf der Suche bei Rommstedt (Christoph Hohmann) in der alten Strahlenschutzstation, die hier durch Videos mit Elektrowellen an den Wänden angedeutet wird, einiges aus Krusos Vergangenheit erfährt.

Wie eine magische Fee taucht immer wieder Larissa Aimée Breidbach als Erinnerung Eds an G., als Mädchen Cleo, die ihm durch Krusos „Beglückungsprogramm“ zugelost wird, und als Verrückter Junge mit Schappka, der Lotsensignale per Flaggenalphabet gibt. Als gegenseitige Lotsen empfinden sich auch Ed und Kruso, fast so wie eine körperliche Symbiose von Robinson Crusoe und Freitag. Verbale und körperliche Reibereien zwischen Ed und René lassen dennoch erste Zweifel an Krusos Kulthandlungen aufkommen. Die sonnenbebrillte Staatsmacht interessiert sich für die beiden und eine angeschwemmte Wasserleiche. Immer wieder donnert lautstark eine MiG über die Szene. Dazwischen flötet die Radiostimme erste Meldungen von Flüchtlingen in Ungarn und der Prager Botschaft. Im Herbst beginnt dann die eingeschworene Inselgemeinschaft zu zerfallen. Erst Koch-Mike (Michael Schrodt), dann das Tresen-Ehepaar und schließlich auch Rimbaud verlassen die Insel.

Nun verliert leider auch die Inszenierung etwas an Fahrt. Ed und Kruso müssen das Schiff allein auf Kurs halten. Das Ausbleiben der Schiffbrüchigen und Eds Zweifel empfindet Kruso allerdings als Verrat an seiner Utopie und hält noch einen wutentbrannten Vortrag über das Wesen und den Preis der Freiheit. Er beschreibt das neue System von Markt und Verbraucher zynisch als Fressen und Scheißen und wirft sich wie ein Sumo-Ringer auf Ed. Das Ende von Kruso bleibt hier etwas im Dunkeln, dafür rezitieren alle aus Eds Epilog, in dem er von seinen Nachforschungen nach dem Verbleib der vielen unbekannten, in Dänemark angespülten Flüchtlingsleichen berichtet. Das etwas beklemmende Ende einer weitestgehend annehmbaren Inszenierung, die allerdings nicht ganz an die Vorlage heranreicht.

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Kruso (Hans Otto Theater, 24.01.2016)
Stück von Dagmar Borrmann nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Regie: Elias Perrig
Bühne / Kostüme: Marsha Ginsberg
Musik: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Ute Scharfenberg
Mit: Holger Bülow, Raphael Rubino, Christoph Hohmann, Eddie Irle, Michael Schrodt, Axel Sichrovsky, Philipp Mauritz, Larissa Aimée Breidbach, Andrea Thelemann
Premiere war am 15.01.2016 Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 20. und 21.02. / 10., 18. und 25.03.2016

Info: http://www.hansottotheater.de

Zuerst erschienen am 26.01.2016 auf Kultura-Extra.

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