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Nun sag, wie hast du´s mit der Blasphemie? Vom Wert des Verbietens, vom Verbieten der Kunst und von der Kunst Martin Mosebachs

Mittwoch, Juni 27th, 2012

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Vor gut einer Woche dachte man beim Aufschlagen des Feuilletons der Berliner Zeitung (19.06.12), das Sommerloch habe sich urplötzlich vorzeitig aufgetan und es gäbe außer Fußball nichts mehr, worüber es sich zu berichten lohne. Vermutlich aus diesem Grunde haben die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung beschlossen, einen Vortrag des Schriftstellers, Büchner-Preisträgers und bekennenden orthodoxen Katholiken Martin Mosebach, den dieser anlässlich eines internationalen Workshops zur „“Redefreiheit in einer multikulturellen Welt. Recht, Internet und das zivile Aushandeln von Meinungsdifferenzen“ im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen gehalten hat, auf der ersten Seite des Feuilletons abzudrucken. Es kann natürlich auch der Beweis des Vorhandenseins einer Resttoleranz gegenüber dem sich kurz vor dem Verschwinden befindlichen Christentums in Deutschland gewesen sein, das die Redaktionen der beiden Zeitungen erfasst hat. Mosebach referierte bei einer Veranstaltung mit dem Islamwissenschaftler Navid Kermani und dem Dramaturgen des Thalia Theaters Hamburg Carl Hegemann unter dem Motto: „Darf man das? Die Kunst und ihre Grenzen“ darüber, warum es der Kunst und dem sozialen Klima dient, wenn Blasphemie strafbar ist. Titel des Vortrags: „Vom Wert des Verbietens“. Von den anderen beiden Teilnehmern ist leider kein Redebeitrag übermittelt.

martin-mosebach.jpg Martin Mosebach
Original-Zeichnung von Bill Rogers, Foto: giveawayboy auf flickr.com

Also Blasphemieverbot! Eigentlich gehört eine passende Reaktion auf so etwas es in die Rubrik „“Neues aus Kalau“. Mit entsprechender Ironie reagierte auch am Montag der Schriftsteller Ingo Schulze in seiner Entgegnung „Her mit dem Blasphemiegesetz!“ ebenfalls in der Berliner Zeitung (25.06.12). Er versetzte sich stellvertretend für eine noch zu gründende Behörde in den Stand eines Literaturzensors und vermaß akribisch den „Bogen von der Religion über die politische Verfasstheit unseres Staates bis hin zur Ästhetik“ den Mosebach hier so offen und kühn vor uns ausbreitete. Verständlich wird Schulzes Freude an dieser Polemik natürlich dadurch, dass er die Auswirkungen der Zensur aus DDR-Zeiten noch gut in Erinnerung haben dürfte. Erheblich kräftigere Animositäten hegen dagegen vor allem Mosebachs weibliche Kritiker aus dem Westen, wie die Autorin und Spiegel-Kolumnistin Sybille Berg, die Mosebach einen „„Gotteskrieger im Tweedjacket“ nennt, der am liebsten an der Seite Papst Benedikts XVI. über die Qualität von Kunst und Literatur befinden würde. Nun ist die Art wie sich jemand kleidet zwar durchaus ein Indiz für den Modegeschmack des Trägers, aber noch nicht dringend dafür, welcher Art von Gedanken er nachhängt und ob er einer erzkonservativen Weltanschauung angehört. Nein, Moos in den Jackentaschen bedingt noch lange kein Moos im Hirn. Hier beginnt man dann aber doch schon etwas daran zu zweifeln. Es ist ja schon allerliebst, wie Mosebach sich für die lateinische Messe ins Zeug legt und ihre Renaissance als avantgardistische Bewegung in Europa feiert.

Die Zensur verfeinert den Stil – Kraus, Hacks, Voltaire und Rousseau

Nun hält er gar die Strafbarkeit von Gotteslästerung dienlich für das soziale Klima, höchst förderlich für die Kunst und überaus anregend für die Phantasie des Künstlers selbst. Er führt dazu den österreichischen Publizisten jüdischer Abstammung, den zum Katholizismus konvertierten und wieder ausgetretenen (Erfüllt das eigentlich schon den Tatbestand der Blasphemie?) Streithahn und zensurerfahrenen Karl Kraus ins Feld. Die zynische Weisheit „Die Zensur verfeinert den Stil“, die Mosebach immer mal wieder parat hält, ist ihm dafür Bestätigung. In seiner „“Rede über den deutschen Roman“ (FAZ vom 21.09.11), in der es z.B. auch um die deutsche Nachkriegsliteratur in DDR geht, bescheinigt Mosebach, ähnlich wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, u.a. dem bekennenden Atheisten Peter Hacks, der nicht nur nebenbei auch noch Kommunist war, eine größere stilistische Geschliffenheit, eine Ausbildung an den großen Vorbildern der Weimarer Klassik und Romantik. Hacks kann sich leider gegen diese Art der Umarmung nicht mehr verwehren. Was Goethe und die christliche Religion betrifft, kann man dazu einiges im „West-östlichen Diwan“ nachlesen. Oder Mosebach beklagt ganz nebenbei die Erfolge der Gruppe 47, die sein Idol den Schriftsteller Heimito Ritter von Doderer (1896-1966), wie Kraus ebenfalls Österreicher, zu Unrecht völlig überlagert haben. Dabei muss ich immer an die herrlich verstiegenen Schachtelsätze aus der „Strudelhofstiege“ denken und Doderers Ode an selbige.

Wenn die Blätter auf den Stufen liegen
herbstlich atmet aus den alten Stiegen
was vor Zeiten über sie gegangen.
Mond darin sich zweie dicht umfangen
hielten, leichte Schuh und schwere Tritte,
die bemooste Vase in der Mitte
überdauert Jahre zwischen Kriegen.

Viel ist hingesunken uns zur Trauer
und das Schöne zeigt die kleinste Dauer.

Da ist es wieder, das schöne Moosige, das Martin Mosebach in seinem, mit einer ästhetisierenden Patina überzogenen Werk, zu bewahren sucht, um es gegen den Zeitgeist und „jene geistigen Milieus der Bundesrepublik“ zu verteidigen, „in denen der Name Voltaires nie vernommen wurde“ und es an Männern wie Rousseau fehlt, dessen 300. Geburtstag wir gerade gedenken, der noch höchst selbst blasphemisch über Gott, „der doch anwesend ist“, spottendende Libertins mit starken Worten zum Schweigen bringen konnte. Nun war Voltaire sicher kein Verfechter der Religion und Rousseau bestimmt auch keiner eines Staates, der Blasphemie unter Strafe stellen würde. Er verwendete eher die Begriffe der Zivilreligion und des aktiv und eigenverantwortlich gestaltenden Citoyens. Gemeinsam mit Voltaire gilt er als Wegbereiter der Französischen Revolution von 1789 und als Vorbild nicht nur von Maximilien de Robespierre und Antoine de Saint-Just, den Martin Mosebach in seiner umstrittenen Rede zur Verleihung des Büchner-Preises 2007 mit Heinrich Himmel gleich setzte. Mit schrägen Vergleichen kokettiert Mosebach immer wieder gerne und gefällt sich dabei sogar in der Rolle des reaktionären Konservativen. Der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani zog in seiner Laudatio aus Anlass der Verleihung des Büchner-Preises an Martin Mosebach Parallelen zu Don Quijote, dem tragisch unmodernen Helden Cervantes, der vergeblich gegen die Windmühlenflügel anrennt. „“Modern am Don Quijote ist nicht sein Weltentwurf, sondern sein Scheitern“, was auch für Mosebachs bürgerliche Romanfiguren zuträfe.

Beispiele für Blasphemie bleibt Mosebach schuldig

Einen gewissen Ausgleich sucht Martin Mosebach nun in politischen Fragen und als studierter Jurist im Staats- und Strafrecht. Was hat es aber nun mit der Gefahr der staatlichen Ordnung auf sich, die Mosebach wie an einem kranken Körper zu diagnostizieren glaubt, wenn Künstler sich zur Blasphemie berufen fühlen und das als ihre künstlerische Freiheit ansehen? Laut Präambel formuliert sich das Grundgesetz der Bundesrepublik „im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott und den Menschen“, dem Gott des Christentums natürlich mit seinen Geboten. Doch was ist mit den Menschen? „Allein schon Artikel 1, die Menschenwürde betreffend, ist ohne christliche Inspiration nicht vorstellbar.“ Lediglich als hypothetisch erscheint Mosebach die Frage nach der Änderung des Grundgesetztes im gesellschaftlichen Wandel der Zeit. Bliebe Blasphemie weiterhin straffrei, sieht Mosebach, durch das Wachsen der muslimischen Bevölkerungsgruppe, die ihren Glauben noch ernst nimmt, die Relation von Gehorsam dieser Bevölkerung gegenüber dem Gewaltverzicht zum Gewaltmonopol des Staates in Gefahr. Die Gotteslästerung als feige und billige Attitüde macht Schrifsteller Mosebach ausgerechnet bei den Künstlern aus. Beispiele für Blasphemie bleibt er dabei aber schuldig. Wo sie seiner Meinung nach beginnt oder an was man ihre Strafbarkeit ausmachen will, mit diesen Fragen will sich der Jurist Mosebach anscheinend auch nicht befassen.

blasphemy.jpg Kunst oder Blasphemie?
Félicien Rops: Die Versuchung des heiligen Antonius (1878)

Nun ist Blasphemie ja durchaus nicht ganz ungefährlich, wenn man in Richtung der islamischen Gottesstaaten Iran, des Afghanistans der Taliban oder nach Malaysia sieht. Was eine Fatwa ist, und was sie bewirkt, weiß man seit Salman Rushdie und neuestens auch von dem in Deutschland lebenden iranischen Rapper Shahin Najafi. Diesen Furor, oder die Musik, wie es Mosebach nennt, die durch die Muslime wieder in den Glauben an einen Gott gekommen ist, wünscht sich Mosebach natürlich auch für die Christen, die bisher fast verpflichtet waren, „die Schmähungen ihres Glaubens klaglos hinzunehmen“. Unfähig zu einer Erregung ist er aber gegenüber beleidigten Muslimen, die gotteslästernden Künstlern einen gewaltigen Schrecken (lat. Terror – Anm. d. Red.) einjagen. Vielleicht hilft es ja, wenn Martin Mosebach als passionierter Reisender mal nach Polen fährt, wo man für blasphemische Behauptungen in Popsongs bereits mit einer Geldstrafe belegt werden kann, oder in die Ukraine, wo junge feministische Aktivistinnen (Femen) nach einer Protestaktion in einer Kiewer Kirche verhaftet wurden und wie eine Punkband in Russland nach einem Auftritt in einer Kirche, mit Gefängnisstrafen bedroht werden. Zu empfehlen ist natürlich auch ein Trip nach Kuwait, wo das Parlament gerade über die Todesstrafe für Gotteslästerung berät.

Stramme atheistische Erziehung in der DDR

Mosebachs Realitätsverlust, angesichts seines kleinen Unbehagens bezüglich einer gewissen Benachteiligung gegenüber muslimischen Gläubigen, was die Strafbarkeit der Herabwürdigung des Islam betrifft, ist nicht nur im höchsten Maße gefährlich, sondern geradezu unsozial gegenüber dem Teil der Bevölkerung, der es vorzieht ohne den Glauben an einen Gott auszukommen. Das ignoriert Mosebach aber geflissentlich, da es für ihn keinerlei Alternative zur Kirche gibt. Zu einer Atheismus-Studie der Universität von Chicago in der „Welt“ befragt, äußerte sich Mosebach im April zur wachsenden Zahl der nichtreligiösen Menschen wie folgt: „Ein Leben in völliger Abkehr von Gott ist eine reduzierte Existenz.“ Schuld daran sind im Osten Deutschlands zuerst Luther, dann der preußische Staat unter Religionsverächter Friedrich II. und natürlich die stramme atheistische Erziehung in der DDR. Mosebachs Credo dagegen bedeutet: „Ich glaube, damit ich verstehe.“ Was man dabei aber partout nicht begreifen will, ist die Selbstsicherheit mit der Mosebach glaubt, nichtreligiöse Menschen seien „in ihrer Vollausbildung als Menschen beeinträchtigt“. Unter diesem Gesichtspunkt braucht man sich über seinen Wunsch nach einer Blasphemieverfolgung nicht mehr zu wundern.

Der Fall Kermani

Nun muss man natürlich auch erwähnen, dass Mosebach selbst ins Kreuzfeuer christlicher Eiferer geraten ist, als er im Fall Kermani, in dem es 2009 um die Ab- und Wiederanerkennung des Hessischen Kulturpreises ging, Kardinal Lehmann einen 12-Thesenbrief (Wer möchte da nicht an den protestantischen Ketzer Martin Luther denken.) geschrieben hatte, in dem er mittels peiniglichen Fragen dem christlichen Würdenträger Nachhilfe in Katholizismus erteilten wollte. Lehmann passte es nicht, zusammen mit dem Nichtchristen und Orientalisten Navid Kermani ausgezeichnet zu werden, der sichtlich persönlich beindruckt in einer sehr sprachgewaltigen Bildbeschreibung der Kreuzigung Christi des italienischen Barockmalers Reni (NZZ vom 14.03.09 ) die Kreuzestheologie als Gotteslästerung und Idolatrie bezeichnete und nur über die Kunst des Gemäldes in Verzückung geraten wollte, nicht aber über die christliche Symbolik.

Mosebach stellte Lehmann u.a. die Frage: „Teilen Sie die Überzeugung des Apostels Paulus, die Botschaft vom Kreuz sei „den Heiden eine Torheit und den Juden ein Ärgernis“? Die Frage, welchen der beiden Gruppen vom Christentum aus gesehen der Islam zuzuordnen ist, sei hier bewusst ausgespart.“ Letztendlich gipfelt es in der indirekten Annahme, ganz so direkt traut sich das der Katholik Mosebach dann doch nicht, Lehmann wäre ja wohl keine allzu große Leuchte im Interpretieren von theologischen Texten, besonders wenn sie vom Papst verfasst wurden und wolle diese Affäre nur dazu benutzen, sich auch einmal als Wahrer des orthodoxen katholischen Glaubens darzustellen. Das ginge dann auch etwas zu weit, denn den Platz hat ja Mosebach bereits inne. Das er hier Kermani zur Seite springt ist einerseits löblich, dass er die Gelegenheit auch dazu nutzt, im Endeffekt noch päpstlicher als der Papst zu sein, spricht anderseits wieder für seine unerbittliche Haltung gegenüber jeglichen Reformversuchen in der Katholischen Kirche, bei der heiligen Messe angefangen über die Priesterweihe bis hin zu weltlichen Dingen, wie der Schwangerschaftsberatung.

Dantons Tod und „“Das letze Mittel des Königs“

Hier kommt sein besonderer Hang zum Absolutistischen zur Geltung, den Mosebach auch in seiner Dankesrede zur Büchner-Preisverleihung 2007 nicht verhehlen konnte, als er seitenlang über „Ultima ratio regis“ (Das letzte Mittel des Königs) und den Ausruf von Lucile „Es lebe der König“ am Ende von Büchners „Dantons Tod“ referierte. Mosebach schießt hier zwar nicht mit Kanonen aber schon mit den Worten Friedrichs II., einem „aufgeklärten Absolutisten“, der sich erst mit Voltaire schmückte, ihn dann aber mit Schimpf und Schande vom Hofe jagte. Letztendlich ist es aber eher die kriegerische Floskel des französischen Absolutismus, der bereits im Dreißigjährigen Krieg auf den Kanonen der Gegenreformation stand. Wobei nun der wahre Konflikt Mosebachs deutlich wird, der für ihn nur so zu lösen ist, indem der in der Französischen Revolution wurzelnde demokratische Staat, der dazu noch auf dem Terror Robespierres und Saint-Just aufgebaut ist (siehe hier auch den Vergleich zu Himmler vom Anfang), eines, wenn auch irgendwo im Absurden liegenden Rollbacks zu den christlichen Werten der Monarchie zu unterziehen ist. Mosebach sieht hier Parallelen zwischen Schillers Jeanne d´Arc und Büchners Robespierres. Die eine hat das „sakrale Königtum“ geschaffen, der andere hat es beendet.

georg-buchner.jpg Georg Büchner (1813-1837)
Krieg den Palästen oder doch verkappter Royalist?

Die Flucht in den reinen Glauben als letztes Mittel vor der Übermacht der herrschenden Gesellschaft. Wie revolutionär und in der Tat absurd, da irgendwo noch einen Bogen zu Büchner spannen zu wollen. Aber auch das bekommt Mosebach mühelos hin. Es sind die Zweifel am Sinn der Revolution, Büchners Nihilismus, der ihn dazu veranlasst hat, nach dem Scheitern des souverän handelnden Menschen, zum „Souverän“, dem König als Sinnbild der Souveränität, zurückzukehren. Dazu gibt es Anekdoten vom bayrischen König Ludwig III. bis zum König Peter von Popo aus „Leonce und Lena“, als einen mit Absurditäten a la Mosbach gepflasterten Weg vom „Nichts“ zum „Ich“ im Ausruf der Geliebten Dantons nach dem König. Oder doch nicht eher umgekehrt? Damit stehen nicht nur Danton und Robespierre in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, sondern die gesamte Französische Revolution gleich mit. Manch Regisseur führt heute dann auch Büchners Revolutionsdrama so auf, als wär´s ein Stück aus Wachs und Puder.

Reinhard Jirgl und der „“Totenschein der Literatur“

Da empfindet man es fast als wohltuend, dass drei Jahre später der Schriftsteller Reinhard Jirgl, Mosebach durchaus nicht unbekannt, an gleicher Stelle in seiner Dankesrede zur Verleihung des Büchner-Preises das Leid der da unten, in den Figuren aus Büchners Drama „Woyzeck“ wieder entdeckt und über die Theodizee-Diskussion der zum Tode Verurteilten Revolutionäre (die im Theater heute fast immer gestrichen wird) in „Dantons Tod“ hinaus geht und konstatiert: „Wo der Schmerz des Menschen Zentrum besetzt, wird einem Gott, dem erklärten Schöpfer dieses Menschen und dieses Schmerzes, das Wort entzogen; Gott ist für tot zu erklären, sein Totenschein die Literatur.“ Der 1953 in Ost-Berlin geborenen Jirgl hatte übrigens genau wie Büchner, wie nun auch von Mosebach empfohlen, gute Bekanntschaft mit der Zensur gemacht, und für seine Blasphemie in der „Stickluft“ der DDR-Staatsideologie mit Nichtveröffentlichung bezahlt. Ob gerne kann getrost bezweifelt werden. Er arbeitete nach einem Ingenieurstudium lieber als Beleuchter in der Berliner Volksbühne und schrieb nachts „am mitternächtigen Ort“ für die Schublade. Sein Erstling „Mutter Vater Roman“ (1985) erschien erst 1990, ein Jahr nach der Wende.

Das ist nun alles schon wieder Jahre her und wirkt dennoch immer noch nach. Das linke Feuilleton hat Mosebach mittlerweile zum reaktionären Spinner abgestempelt. Was aber veranlasst Martin Mosebach eigentlich dazu, sich dennoch immer wieder die Rokokoperücke überzustülpen? Was die Aufklärung betrifft, ist bei ihm eh Hopfen und Malz verloren. Da staubt es mittlerweile schon mächtig aus dem gepuderten königlichen Kopfputz. Dabei ist Mosebach doch noch gar nicht in dem Alter, in dem man mit letzter Tinte schreiben muss und aus lauter Aufmerksamkeitsdefizit das Tuten nicht mehr lassen kann, um dann doch nur leere Blasen zu erzeugen. Er startet einen Versuchsballon nach dem anderen, um zu sehen, ob und wie das Feuilleton darauf einsteigt. In diesem Falle sind die Reaktionen gottlob noch recht kärglich, da man anscheinend nichts mehr anderes von Martin Mosebach zu erwarten glaubt.

Die Phanatsie des Einstecktüchleinkatholizismus´

Zu guter Letzt hat sich nun doch noch der große Hacks-Verehrer und Verfechter einer formvollendeten Ästhetik nicht nur in der Sprache, der Autor und Musiker Wiglaf Droste, in einer seiner unnachahmlichen satirischen Kurzkolumnen in der „jungen Welt“ zu Wort gemeldet. Er hatte bereits das Israel-Gedicht von Günter Grass als einen „Erstschlag gegen Leser“ betitelt und dem „vollverstrahlten Dichter“ die Weitergabe seines Nobelpreises samt Preisgeld an einen reimenden Kreuzberger Fischverkäufer empfohlen. Kennwort: „Butt, nu is gutt!“ Droste kommt angesichts der „Phantasie“ des Schriftstellers Mosebach zu dem Schluss: „Ich glaube nicht, daß Gott, so es ihn gäbe, sich für den Vertreter des Einstecktüchleinkatholizismus´ Martin Mosebach interessierte, der aus Langeweile an sich selbst anderer Leute Blut fließen sehen möchte.“ Langeweile also, dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Man kann nun Martin Mosebachs Artikel vom „“Wert des Verbietens“ getrost wieder in die Rubrik Absurdes und Realsatire zurückverweisen, oder still und leise im vorgezogenen Sommerloch verschwinden lassen. Er bietet, außer einem fragwürdigen ästhetischen Versuch, keinen brauchbaren Diskurswert. Wiglaf Droste, bitte übernehmen Sie.

 Am 30. Sept. ist Blasphemie-Tag. blasphemie-poster17o.jpg

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