Archive for the ‘Wolfgang Herrndorf’ Category

Tschick – Fatih Akin hat den Jugendbuch-Bestseller von Wolfgang Herrndorf verfilmt

Mittwoch, September 28th, 2016

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tschick_filmposterDer 2010 erschienene und mittlerweile in 24 Sprachen übersetzte Jugendroman Tschick von Wolfgang Herrndorf hat lange auf eine Verfilmung warten müssen, obwohl der 2013 verstorbene Autor die Filmrechte bereits 2011 verkauft hatte. Zur gleichen Zeit kam die erste Bühnenadaption des Dramaturgen Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden heraus. Es sollten viele weitere folgen. Mittlerweile ist Tschick das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Der posthum veröffentlichte Roman Bilder deiner großen Liebe (Dresden, Potsdam, Zürich) tut es dem Vorgänger nach. Das Theater, das sich gern in der Literatur und beim Film bedient, hat hier klar die Nase vorn. Auch weil Filmfinanzierungen immer etwas länger dauern oder andere Probleme ein Projekt in die Länge ziehen können.

So auch hier. David Wnendt (Kriegerin, Feuchtgebiete, Er ist wieder da), der zuerst als Regisseur vorgesehen war, sprang ab (aus Termingründen, wie es heißt) und Fatih Akin ebenfalls schon länger am Buch interessiert, kam doch noch zum Zug. Es folgten eine Drehbuchüberarbeitung zusammen mit Hark Bohm und die Umbesetzungen der Hauptrollen. Man geriet in Zeitdruck. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für den Erfolg eines so ambitionierten Projekts. Trotz allen Widrigkeiten lässt sich das Ergebnis (seit letzter Woche in den deutschen Kinos) durchaus sehen.

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Fatih Akin hat die Geschichte der beiden 14jährigen Jungen Maik und Tschick, die in einem geklauten Lada quer durch den Süden Brandenburgs unterwegs sind, recht behutsam adaptiert. Es ist kein krachiges Road-Movie geworden, obwohl es schon mit einem großen Knall beginnt und sich dann von Station zu Station wieder zum finalen Anfang hinbewegt. Auch wird neben der leiernden Richard-Clayderman-Kassette im Auto mit dem Gefühlsreißer „Pour Adeline“ noch so manch anderer zeitgemäßer Sound von K.I.Z., den Beginners, Betasteaks oder SEEED eingespielt. Und zu „Willkommen im Dschungel“ von Bilderbuch heizt man mit Begeisterung in Schleifen durchs Maisfeld.

Ein paar Nebenstränge sind gekappt, die Vorgeschichte ist sinnvoll gestrafft, und im letzten Teil der Reise hat Fatih Akin die Story etwas umgeschrieben. Ansonsten streift der Film alle wichtigen Orte. Etwa Maiks Heim mit der dauerbetrunkenen, Tennis spielenden Mutter, die zur Entziehung auf die „Beautyfarm“ fährt und dem Immobilien-Vater, der, bevor er mit seiner jungen Assistentin auf Geschäftsreise geht, dem Sohn noch zweihundert Euro rüberschiebt, nicht ohne den Hinweis, keinen Scheiß zu bauen. Oder die Schule, in der Maik nur der „Psycho“ ist und von der schönen Tatjana nicht bemerkt wird, bis er mit Tschick, dem „Asi“ und Spätaussiedler aus Russland, und einer Beyoncé-Zeichnung mit dem Lada-Niva auf der Geburtstagsparty der Angebeteten auftaucht, nur um diese mit quietschenden Reifen wieder zu verlassen.

 

Tschick - Foto (c) Studiocanal GmbH

TschickFoto (c) Studiocanal GmbH

 

Die beiden Außenseiter werfen Smartphone und Schnapspulle über Bord und machen sich ohne Landkarte auf die Suche nach Tschicks Großvater in der Walachei. Herrndorfs Buch beschreibt hier das unbekümmerte Lebensgefühl, jung zu sein. Eine Bandbreite der Gefühle von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Der Trick Herrndorfs ist, dass Maik und Tschick zwar die Welt der Erwachsenen fliehen, diese aber klug beobachtend immer wieder reflektieren, was Maik als Erzähler auch im Film manchmal tut. Akin hat einiger dieser Passagen fast im Wortlaut übernommen, auch viele tolle Dialoge der Jungen, in denen ein Stichwort das nächste gibt und ganze Reflexionsketten entstehen. So wird ein Blick in den Nachthimmel unter Windrädern und ein Gespräch über den Science-Fiction-Film Starship Troopers zur kleinen Philosophiestunde über die Unendlichkeit.

Herrndorfs Roman ist eine Hommage ans Kino wie den Lesestoff ganzer Jugendgenerationen von Huckleberry Finn über den Steppenwolf bis zum Fänger im Roggen. Mit Goethe und Eichendorfs Entwicklungsromanen ist Herrndorfs Stoff verglichen worden. Superlative, die im Buch nie abheben und immer wieder schön lakonisch geerdet werden. Diesem Sprachstil müssen Fatih Akins Bilder einfach hinterherhinken. Der Film macht das mit zwei außergewöhnlichen Hauptdarstellern wett. Tristan Göbel als Maik und Anand Batbileg als Tschick, die nicht nur vom Äußeren her ihre Rollen bestens ausfüllen. Natürlich kommt auch der schräge Humor Herrndorfs nicht zur kurz. Er spiegelt sich in den zahlreichen skurrilen Nebenfiguren vom „Adel auf dem Radel“ über die Nachtisch-Quiz-Familie auf dem Land bis zu Eltern, Lehrern und Dorfpolizisten, alle hochkarätig besetzt.

Bleibt noch die wichtigste Nebenfigur. Isa von der Müllkippe (Mercedes Müller), der Herrndorf bekanntlich seinen letzten, unvollendeten Roman gewidmet hat. Sie ist das weibliche Pendant der beiden träumenden Jungs. Im Film leider etwas zu strength im Ton. Dass sie auch leisere, verletzliche Seiten hat, klingt in der kurzen Flirtszene mit dem unsicheren Maik an. Ein Charakter, der mehr Raum verdient hätte. Auch das Nilpferd mit dem Feuerlöscher oder der Rentner Horst Fricke, der vom Krieg und der Liebe erzählt, sind gestrichen. Den Fuß verletzt sich Tschick durch einen Splitter des schmalen Holzstegs, über den Maik dann erstmals selbst fahren muss. Dass Herrndorf hier immer wieder das Große im Kleinen spiegelt, schien Fatih Akin wohl etwas zu redundant. Das zieht dem guten Sound trotz geiler Mugge etwas den Stecker. Bleibt ein unterhaltsamer Road-Trip, an dessen Ende Maik gemeinsam mit seiner Mutter den Ballast der Vergangenheit in den Pool werfen kann.

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Tschick
Deutschland, 2016, 93 Minuten
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
Kamera: Rainer Klausmann
Produktion: Marco Mehlitz
Musik: Vince Pope
Schnitt: Andrew Bird
Szenenbild: Jenny Roesler
Kostüme: Anna Wübber
Maske: Kitty Kratschke
Besetzung:
Tristan Göbel: Maik Klingenberg
Anand Batbileg: Andrej „Tschick“ Tschichatschow
Mercedes Müller: Isa Schmidt
Aniya Wendel: Tatjana Cosic
Anja Schneider: Maiks Mutter
Uwe Bohm: Maiks Vater
Udo Samel: Herr Wagenbach
Claudia Geisler: Mutter Risi-Pisi-Familie
Marc Hosemann: Dorfpolizist
Alexander Scheer: Jugendrichter
Friederike Kempter: Anwältin

Infos: http://tschick-film.de/

Zuerst erschienen am 23.09.2016 auf Kultura-Extra.

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„Wer hat Angst vor Hugo Wolf?“ und „Bilder deiner großen Liebe“ – Zwei bemerkenswerte Musiktheaterabende in Zürich

Dienstag, Mai 24th, 2016

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? Herbert Fritsch macht sich am Schauspielhaus Zürich virtuos komisch über die romantische Liedkunst her

Wer hat Angst vor Hugo Wolf_Schauspielhaus Zürich_Schaukasten

Schaukasten Schauspielhaus Zürich
Foto: St. B.

Hugo Wolf (1860-1903) ist ein Bruder in Körper und im Geiste eines Franz Schubert, was von der Syphilis bis zum düster melancholischen Wesensart der Liedkomposition reicht. Ein wenig Wahn war bei Wolf auch mit im Spiel. Das ist zunächst kein Grund sich über den Spätromantiker und Wagnerianer Wolf zu erheben, der zu Lebzeiten ähnlich wie Schubert nicht viel galt, aber die gesamte Sehnsuchts- und Schmachtpallette der Dichtkunst deutscher Romantik von Goethe über Mörike, Eichendorff, Fallersleben und Heine bis zu Keller vertont hat. Das romantische Kunstlied ist nun im Kunstschredder von Dada-Wicht Herbert Fritsch, der sich am Geburtsort der sinnverneinenden Kunstvernichtung Zürich allen Ernstes fragt:  Wer hat Angst vor Hugo Wolf?

Als Referenzen stecken da sowohl das bekannte Albee-Drama Wer hat Angst vor Virginia Woolf als auch das Skandal-Gemälde von Barnett Newman Who’s afraid of red, yellow and blue, ein Hauptwerk des Abstrakten Expressionismus, auf dem die Primärfarben Rot, Gelb und Blau als monochrome Farbflächenvariation streifenartig nebeneinander angeordnet sind. Ähnliches hat man Wolfs Kompositionen vorgeworfen, die angeblich leitmotivisch aus der Variation einer einzigen musikalischen Phrase bestünden. Diese These greifen auch Herbert Fritsch und sein Musiker Carsten Meyer unterstützt von der Berliner Sängerin Ruth Rosenfeld für die Arrangements des Zürcher Liederabends auf.

Herbert Fritsch, Regisseur - Foto (c) Thomas Aurin

Herbert Fritsch, Regisseur
Foto (c) Thomas Aurin

Auf Fritschs Bühne kreiseln drei spiegelnde Farbwände in besagtem Rot, Gelb und Blau, die auch gegeneinander um die eigene Achse gedreht werden können. Eine gut illuminierte Showbühne, auf der noch ein schwarzer Flügel steht, den Pianist Carsten Meyer in Las-Vegas-Kostüm virtuos bedient. Das erinnert in den Farben auch ein wenig an Fritschs Dieter-Roth-Abend Murmel, Murmel an der Berliner Volksbühne und in der schrägen Textzusammenstellung an den Konrad Bayer-Abend der die mann, für den der Regisseur gerade erst beim Berliner Theatertreffen mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde.

Fluxus und Dada halten sich in Zürich aber in Grenzen zu Gunsten von sieben Damen mit wunderbaren Gesangsstimmen, die die Bühne zunächst in schwarzen Anzügen mit angeklebten Bärtchen ganz wie die Comedian Harmonists erobern und zu einer Ouvertüre mit Mörikes Du bist Orplid, mein Land! / Das ferne leuchtet ansetzen. Damit legen Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld und Carol Schuler gleich zu Beginn das schöne, große Pathos frisch ironisierend frei.

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie - Foto: Wikipedia

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie
Foto: Wikipedia

Sieben singende Frauen und ein böser Wolf, eine ebenso romantische Märchen-Assoziation wie Steilvorlage für Fritschs witzige  Blödeleien. Und gemäß Goethes Diktum des ewig Weiblichen übernehmen sie die Regie und geben sie bis auf kurze Momente in denen Carsten Meyer seinen Flügel mit Jazzbesen bearbeitet, nicht wieder aus der Hand. Neben der modern arrangierten Musik des Komponisten Wolf. Weiteres bestimmendes Element sind die wie immer absurden, slapstickartigen Choreografien, die sich im Wechsel der Kostüme, Lichter und Schatten um die drei Wände drehen.

Fritsch dekonstruiert wahnwitzig Text und Musik indem er Mörikes Selbstgeständnis Ich bin meiner Mutter einzig Kind im sich überschlagenden Schnellsprech aufsagen lässt, eine Gruppe Geishas in Phantasiekimonos zu Ich esse nun mein Brot nicht trocken mehr aus dem Italienischen Liederbuch performen, oder Mörikes Frühling lässt sein blaues Band mit Marschmusik unterlegt wird.

Wandern lieb ich für mein Leben von Eichendorff ergeht es nicht viel anders als Ein Stündlein wohl vor Tag von Mörike oder gar Goethes Prinz Pipi. Sie werden durch den Fritsch’schen Lieder-Wolf gedreht. „So la la! Le ralla!“ Und auch der potentielle Rezensent bekommt sein Fett ab, wenn er von Anne Ratte-Polle mit Mörikes Abschied verbal rasch die Treppe hinab gegangen wird.

Die sieben Damen in abgestuften Komplementärfarb-Kostümen lassen nichts aus, um die Hör- und Sehgewohnheit des Bildungsbürgers zu verunsichern. Dass das nur bedingt gelingt, liegt sicher an der grandios perfekten Darbietung, die 90 Minuten bestens unterhält, aber auch etwas zu sehr nur schöne Oberfläche bleibt. Wenn die Sieben immer wieder unermüdlich das Erschrecken voreinander variierenden um die sich drehenden Wände hasten und am Ende wie Minz und Maunz warnend die Hände erheben, so lässt sich das Publikum nicht von einem Laß, o Welt, o laß mich sein! beirren,  und will unbedingt mehr davon. Zugabe gab‘s sofort bei der typischen Applausordnung.

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? (06.05.2016)
von Herbert Fritsch
Uraufführung am 23.04.2016 im Schauspielhaus Zürich
Regie: Herbert Fritsch, Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Helmi, Musikalische Leitung: Carsten Meyer und Ruth Rosenfeld, Dramaturgie: Amely Joana Hag
Mit: Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Carsten Meyer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause.

Termine: 25. und 31.05. / 07., 23., 24. und 30.06.2016

Infos: http://www.schauspielhaus.ch

Zuerst erschienen am 08.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Bilder deiner großen Liebe – Sandra Hüller rockt am Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus Wolfgang Herrndorfs unvollendetem Roman

Bilder Deiner Grossen Liebe_Theater Neumarkt_Montage

(c) Theater Neumarkt

Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Dr. Martins – die Schauspielerin Sandra Hüller performt am kleinen Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus dem nachgelassenen und unvollendet gebliebenen Roman Bilder deiner großen Liebe des 2013 verstorbenen Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. In einem krachigen Intro, an Gitarre und Schlagzeug von den Musikern Moritz Bossman und Sandro Tajouri begleitet, hält Hüller mit dem Finger eine imaginäre Sonne an. Isa, Herrndorfs Hauptfigur und Herrscherin in ihrem Universum, macht sich eines Tages aus der Psychiatrie mit zwei Tabletten und ihrem Tagebuch im Gepäck durchs Fenster aus dem Staub. „Steigt man aus dem Fenster, gelangt man in einen Raum wie in seinem eigenen Inneren.“ sagt Isa im Roman, und aus diesem Inneren holt die 14jährige den phantasievollen, poetischen Soundtrack ihres ganzen kurzen Lebens.

2015 hatte die Uraufführung der Bühnenfassung von Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Auch der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer nahm im Januar dieses Jahres Koalls Adaption als Vorlage für seine Inszenierung am Hans Otto Theater. Tom Schneider überführt nun die Text-Vorlage für die Schweizer Erstaufführung in eine Art Spoken-Words-Performance mit Live-Musik. Bühnenbildner Michael Graessner hat ihm dazu eine Studio-Installation mit wirr verlegtem Kabelsalat, abgehängten Skulpturen und Zimmerpflanze für Isas Wald geschaffen.

Innen und außen sind hier nicht klar definiert. Erinnertes aus dem Leben der Protagonistin, wie die widersprüchlichen Geschichten über den Vater, oder ein filmreifer Serienplot über eine auf die Rückkehr eines Soldaten aus Afghanistan Wartenden stehen neben unglaublichen Begegnungen mit geilen Fernfahrern, einem älteren Schriftsteller oder der Fahrt mit einem Flussschiffer. Finden dies Gespräche mit so fantastischen Figuren wie dem taubstummen Jungen nur im Kopf Isas statt, oder ist es tatsächlich Erlebtes? Realität verschwimmt hier mit Fiktion wie Gesprochenes mit dem Gesang.

 

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt - Foto (c) Niklaus Strauss

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt – Foto (c) Niklaus Strauss

 

Sandra Hüller agiert mit Mikro, selbstgesteuerten Lichteffekten, Verzerrer und Hall. Sie demonstriert ziemlich anschaulich diese zwei Welten Isas – die dunkle und die andere – schont sich nicht dabei und lotet in ihrer Performance immer wieder die Grenzen der Repräsentation und Interaktion mit dem Publikum aus. Es ist letztendlich wie in einem echten Konzert, bei dem die Sängerin ihr Innerstes sehr emotional nach außen stülpt. „My Heart is a Graveyard“ singt Sandra Hüller zur Szene, in der Isa auf dem Friedhof vor dem Grab eines jung Gestorbenen steht. In der Szene, in der sie einen toten Jäger im Wald findet, kriecht sie in einen am Boden liegenden Pelzmantel.

Der Wegfall von so zentralen Episoden wie die im Haus des Schriftstellers, der seine Tochter verloren hat, oder die sehr lange epische Passage mit dem Flussschiffer werden vielleicht einige verwundern, die den Roman zuvor bereits gelesen haben. Regisseur Schneider scheint es aber vor allem um die Gedanken und Reflexionen Isas zu gehen, die sich viel um Einsamkeit und den Wunsch nach Geborgenheit drehen. Mit taffer Souveränität überspielt sie diese Unischerheit immer wieder mit ihrer selbstgewählten Außenseiterrolle. Hüller nutzt das ein ums andere Mal zur ausgestellten Pose, die die eigentlich zarte und barfüßige Isa ins imaginäre, schützende Leder einer Rockdiva kleiden.

Gegen das Schreien und die volle Verausgabung stehen sehr persönliche, entblößende Momente, in denen Sandra Hüller auf einem Tennishochsitz über das Alter, das Erinnern und die Liebe spricht. Sehr offen performativ auch die Schilderung der Begegnung mit den aus Herrndorfs Tschick bekannten Jungen, die hier von den beiden Musikern wie bei einem improvisierten Interview gespielt werden. Der Russe und der schüchterne Blonde, in den sie sich verliebt und er auch in sie. Nur weiß er das eben noch nicht, wie Isa erzählt. Hier ist sie ganz weich und legt die schützende Haut ab, auch wenn das nur für Minuten ist, bevor sie wieder an der Abrisskante steht und in den Abgrund blickt.

Die großartige Sandra Hüller bietet eine überzeugende Soloperformance, die auch ein großer Abend für das kleine, im 50. Jahr seines Bestehens von Finanzierungsunbill bedrohte Theater Neumarkt ist.

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Bilder deiner großen Liebe
von Wolfgang Herrndorf, Bühnenfassung von Robert Koall
Regie: Tom Schneider
Bühne und Kostüme: Michael Graessner
Dramaturgie: Inga Schonlau
Musik: Moritz Bossmann, Sandro Tajouri, Sandra Hüller
Mit: Sandra Hüller, Moritz Bossmann, Sandro Tajouri
Premiere der Schweizer Erstaufführung war am 28.04.2016 im Theater Neumarkt
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Termine: wieder in der nächsten Spielzeit

Infos: www.theaterneumarkt.ch/home.html

Zuerst erschienen am 10.05.2016 auf Kultura-Extra.

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„Bilder deiner Großen Liebe“ und „Kruso“ – Zwei interessante Romanadaptionen im Hans Otto Theater Potsdam

Samstag, Januar 30th, 2016

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Das Hans Otto Theater Potsdam hat mit der Dramatisierung von Uwe Tellkamps Dresden-Roman Der Turm bereits eine Buchpreis-gekrönte DDR-Geschichte im Spielplan. Nun kommt nach Magdeburg und Gera mit der Bühnenbearbeitung von Lutz Seilers Insel-Roman Kruso eine weitere hinzu. Der aus Gera stammende Autor hat dafür 2014 den Deutschen Buchpreis erhalten. In seinem Romanfragment Bilder deiner großen Liebe beschreibt der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf den Ausbruch des lebenshungrigen Mädchens Isa aus der Psychiatrie. Er knüpft hier lose an seinen Erfolgsroman Tschick an, der ebenfalls in Potsdam als Bühnenfassung zu sehen ist. Damit…

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Intendant Tobias Wellemeyer belässt in seiner Inszenierung einer Bühnenadaption von Wolfgang Herrndorfs Romanfragment Bilder deiner großen Liebe alles im sterilen Drinnen.

Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Nina Gummich als Isa in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

Wolfgang Herrndorf hat sich 2013, nachdem es keine Hoffnung mehr auf Heilung seines Hirntumors gab, das Leben genommen. Er wollte das Ende selbst in der Hand haben. Nicht mehr in der Hand hatte Herrndorf die Vollendung seines letzten Romans Bilder deiner großen Liebe. Der posthumen Veröffentlichung des Fragments liegen ein Manuskript von 95 Seiten und ein Textkonvolut Verstreutes zugrunde, das die befreundete Autorin Kathrin Passig und der Rowohlt-Lektor Marcus Gärtner geordnet und zu einer halbwegs linearen Erzählung gebündelt haben. Es geht darin um den Ausbruch der 14jährigen Isa aus einer geschlossenen Psychiatrie. Auf ihrem Weg über Felder, durch Wälder und auf Berge begegnet dieses Mädchen mit wilder Fantasie den unterschiedlichsten Menschen, wie etwa einem philosophierenden Kanalschiffer, einem väterlichen Schriftsteller und auf einer Müllhalde auch zwei gleichaltrigen Jungs in einem alten Lada, die die Herrndorf-Leser schon aus dem Buch Tschick kennen.

Der Roman ist in der Bühnenfassung des Dresdner Chef-Dramaturgen Robert Koall zu einem regelrechten Theater-Renner geworden. Tschick ist neben Dresden und Berlin auch am Hans Otto Theater Potsdam zu sehen. Nachdem Robert Koall im letzten Jahr auch das Romanfragment Bilder deiner großen Liebe für die Dresdner Bühne adaptierte, hat es nun der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer in der Reithalle neu inszeniert.

„Eine weniger verlässliche Erzählerin als Isa, die mit einem taubstummen Jungen plaudert und sich an Dinge erinnert, die nicht stattgefunden haben können, ist kaum vorstellbar.“ heißt es im Nachwort zum Buch von Kathrin Passig und Marcus Gärtner. Tobias Wellemeyer hat das anscheinend etwas zu wörtlich genommen. Seine Inszenierung spielt in einem Bühnenbild (von Matthias Müller), das etwas von der Sterilität eines Krankenhausflurs mit Medikamentenschrank rechts und gefliester Waschnische links hat. Eine große Glaswand mit Doppeltür bildet die Grenze zwischen Drinnen und Draußen. Das lässt fast unweigerlich nur die eine Assoziation zu: Alle Berichte über ihre Erlebnisse können nur Isas Kopf entsprungen sein. Dagegen spräche eigentlich der konsequent im Präsens gehaltene Erzählstil des Romans. Man kann das natürlich auch anders deuten.

So wäscht sich die fabelhaft wild fabulierende Nina Gummich als Isa nicht mit Fanta die durch einen Einbruch in ein Lebensmittelgeschäft blutig geschnittenen Füße, sondern im Waschbecken und steigt nicht etwa auf den „goldenen Berg“, sondern nur auf den Medikamentenschrank. Dafür schmatzt sie umso genüsslicher echten Lachgummi, dass man ihn bis in die vorderen Sitzreihen riechen kann. Ansonsten hat Nina Gummich wie in der Bühnenfassung vorgesehen einen nur Mann genannten Partner für die Begegnungen auf Isas Weg, dessen Ziel lediglich vage angedeutet ist. Diesen Mann spielt René Schwittay, erkennbar als Mitpatient im Bademantel. Und nicht nur die merkwürdige Klammer an seinem kahlen Kopf lässt erahnen, dass Wellemeyer hier den an Krebs erkrankten Autor persönlich meint, der sich im Mann auf dem Friedhof auch selbst in die Geschichte geschrieben hatte. Am Ende wird sich die Setzung des Regisseurs dann umso deutlicher offenbaren.

 

Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Nina Gummich (als Isa) und René Schwittay (als Mann) in Wolfgang Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe am Hans-Otto-Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

 

Bis auf zwei, drei Szenen durchläuft die Inszenierung die einzelnen Etappen des Romans, mal nur von Nina Gummich erzählt, mal im Dialog mit René Schwittay, der auch kleine Passagen aus dem von Isa mitgeführten Tagebuch vorliest, das hier fast als einziges Requisit ständig präsent ist und auch immer wieder wie zur Bestätigung von der jungen Ausreißerin vorgezeigt wird. Hier hat sie die Erinnerungen an ihre Kindheit oder das, was sie dafür hält, aufgeschrieben. Die enge Vater-Tochter-Beziehung etwa oder einen Traum über ein normales Familienleben wie in einem Heimkehrer-Film aus dem Krieg ins ländliche Idyll. Wirklich ausgespielt wird nur die auch im Roman recht lang beschriebene Kanalfahrt mit einem weisen Schiffer, der dem hibbeligen Mädchen eine merkwürdige Geschichte über einen Bankraub und das Wartenkönnen im Leben erzählt.

Sehr witzig auch die Szenen, in der Isa mit dem taubstummen Jungen Olaf spricht und dazu die Klappe eines Mülleimers bewegt, oder beim Schriftsteller mit einem imaginierten Rasenmäher zwischen den Baumstämmen draußen vor der Glaswand kurvt. Hier verlässt das Mädchen auch erstmals das hermetische Drinnen. Hall, Videoeinsatz und unbändiges Tanzen im Stroboskoplicht unterstreichen die Vitalität Isas gegenüber einem sonoren elektronischen Pling-Pling in den nachdenklich stimmenden Momenten, in denen das Mädchen auch mal vor ihrem Video-Spiegelbild erschrickt.

In ihren Selbstreflexionen sagt Isa einmal, dass sie lieber ein Junge wäre, da man als Mädchen plötzlich einen Körper hat, auf den man ständig reduziert wird. Das ist im Buch an einigen Stellen noch deutlicher ausformuliert, etwa wenn Isa sich unter einem Rasensprenger auf einem abendlichen Fußballplatz wäscht und dabei von einer Gruppe trainierender Jungen beobachtet wird, oder in der Beschreibung des wegen ihr onanierenden Fahrers eines Schweinetransporters. Diese Szenen sind wohl der eher kammerspielartigen Bühnenbearbeitung zum Opfer gefallen.

Das Mädchen Isa ist mitnichten bescheuert oder gar geisteskrank. Sie ist, wie sie selbst betont, nur etwas ver-rückt – neben der ärztlichen Norm. Eine Herrscherin über das Universum, die mit den Fingern die Sonne aufhalten und sich selbst vor dem drohenden Sturz in den Abgrund retten kann. Ganz abzuheben vermag sie in Tobias Wellemeyers Inszenierung, in der der Regisseur viel auf die Vorstellungskraft des Publikums setzt und auf eine großartige Schauspielerin, die in ihrer Darstellung ungezügelter Wildheit und Lebenssucht fast schon etwas zu expressiv agiert. Trotzdem, oder gerade wegen Nina Gummich, ist dieser durchaus bewegende Abend dennoch sehenswert.

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Bilder deiner großen Liebe
Nach dem gleichnamigen Romanfragment von Wolfgang Herrndorf
Für die Bühne bearbeitet von Robert Koall
Regie: Tobias Wellemeyer
Bühne / Kostüme: Matthias Müller
Musik / Video: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Helge Hübner
Besetzung:
Isa: Nina Gummich
Ein Mann: René Schwittay
Premiere in der Reithalle des Hans-Otto-Theaters Potsdam war am 22.01.2016
Dauer: ca. 90 Minuten

Termine. 30.01. / 20. und 21.02. / 13. und 28.03.2016

Infos: http://www.hansottotheater.de

Zuerst erschienen am 24.01.2016 auf Kultura-Extra.

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Verlorene Insel-Utopie – Der mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnete Hiddensee-Roman Kruso von Lutz Seiler in einer körperbetonten Inszenierung von Elias Perrig

Wie sein Romanheld Edgar hat Lutz Seiler in Halle studiert und war Saisonkraft auf Hiddensee. Die von ihm in Kruso beschriebene Gemeinschaft der „Esskaas“ in der Ausflugsgaststätte Zum Klausner hat daher durchaus reale Vorbilder. Und ähnlich dem Turm handelt es sich hier ebenfalls um eine von der DDR-Realität weitestgehend abgeschottete Nische.

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (C) HL Böhme

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Auf die Insel Hiddensee, diesen „Sehnsuchtsort der Freiheit“, treibt es den Germanistikstudenten Edgar im Sommer 1989 kurz vor der Wende. Er will den Tod seiner verunglückten Freundin G. vergessen und nimmt eine Arbeit als Tellerwäscher an. Die „Besatzung“ unter dem Gaststättenleiter Krombach besteht aus den verschiedensten Typen, Verlorenen und Lebensphilosophen. Deren heimlicher Kopf ist der Tellerwäscher Alexander Krusowitsch, genannt Kruso. Der Sohn eines russischen Generals und einer Hochseilartistin ist durch das ungeklärte Verschwinden seiner Schwester Sonja ähnlich traumatisiert wie Edgar. Der Trakl-Liebhaber und Spezialist für Barocke Lyrik findet in Kruso so etwas wie einen Bruder im Geiste, der selbst Gedichte schreibt und ihn unter seine Fittiche nimmt.

Kruso hat auf der Insel ein ausgeklügeltes Beherbergungssystem für DDR-Fluchtwillige geschaffen, die es von Hiddensee aus über den Bodden in Richtung der dänischen Insel Møn zieht. Allerdings will Kruso diese sogenannten Schiffbrüchigen innerhalb von drei Tagen mittels gemeinschaftsbildenden Initiationsriten zu ihren inneren „Wurzeln der Freiheit“ führen, so dass sie in der Lage sind, die Insel wieder in Richtung DDR-Festland zu verlassen und somit die Unfreiheit der Verhältnisse über die Zeit durch die Freiheit der Herzen und Menge der Bekehrten ändern. Diese Utopie einer solidarischen Gemeinschaft beschreibt Lutz Seiler in einer sehr poetischen Prosa. Liebe und Poesie als Widerstand.

Diese Poesie der Worte kommt in der Inszenierung von Elias Perrig nur hin und wieder zum Vorschein. Zu Beginn schwebt Ed (Holger Byhlow), seine Vorgeschichte erzählend, wie ein „Pilot in seiner Kapsel“ vom Schnürboden aus in die mit Sperrholzwänden umfasste Bühne, die das Innere der schützenden Arche des Klausners mit Tischen, Stühlen und Abwaschbecken darstellt. Die Besatzungsmitglieder funktionieren wie ein eingespieltes Team, was hier mit einem rhythmischen Teller-Frisbee dargestellt wird, in das sich Ed nach und nach einfügen muss. Nach der immer gleichen, monotonen Alltagsarbeit setzt man sich am linken Bühnenrand zu Lesungen von Gedichten.

Als einzige Stimme der Außenwelt dringt die Sprecherin des Radiosenders Viola in die abgeschottete Welt des Klausners, die ansonsten alle Gerüchte von außen als „Festlandgeplapper“ abtut. Andrea Thelemann spricht Viola an einem alten Rundfunkmikrofon und gibt daneben noch die Kellnerin Karola im Leoparden-Overall. Die Kostüme verströmen etwas Zeitkolorit wie etwa der braune Doppelreiher von Krombach (Christoph Hohmann), der Karo-Pullunder von Tresenmann Rick (Philipp Mauritz), die super-kurze Jeanshose von Eisverkäufer René (Axel Sichrovsky) oder die schwarze Lederkluft des Kellners Rimbaud (Eddi Irle). Dagegen kommt wohltuend wenig Ostalgie auf, auch wenn einmal ein Tablett mit blauem Würger, grüner Wiese und anderen farblich gut aufeinander abgestimmten DDR-typischen Trostspendern die Runde macht. Man stellt sich auf zum Gruppenfoto, erzählt anschaulich vom Insel-Fußballturnier, bläst um Mitternacht das Deutschlandlied auf Flaschen und singt immer wieder stolz den Song vom Mond, Mann und Meer.

 

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam - Foto (c) HL Böhme

Kruso am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (C) HL Böhme

 

Die „Freie Republik Hiddensee“ weiß sich zu feiern, und der wie ein stämmiger Seebär in blauer Latzhose auftretende Raphael Rubino als Kruso schwingt seinen massigen Körper mit dem aus dem Abfluss gejäteten „Unkraut“ wie bei einem Schlangentanz. Das sind fraglos die lustigen Szenen der Inszenierung, in die sich auch immer wieder Nachdenkliches mischt, wenn Kruso zu seinen Inselrundgängen verschwindet und Ed auf der Suche bei Rommstedt (Christoph Hohmann) in der alten Strahlenschutzstation, die hier durch Videos mit Elektrowellen an den Wänden angedeutet wird, einiges aus Krusos Vergangenheit erfährt.

Wie eine magische Fee taucht immer wieder Larissa Aimée Breidbach als Erinnerung Eds an G., als Mädchen Cleo, die ihm durch Krusos „Beglückungsprogramm“ zugelost wird, und als Verrückter Junge mit Schappka, der Lotsensignale per Flaggenalphabet gibt. Als gegenseitige Lotsen empfinden sich auch Ed und Kruso, fast so wie eine körperliche Symbiose von Robinson Crusoe und Freitag. Verbale und körperliche Reibereien zwischen Ed und René lassen dennoch erste Zweifel an Krusos Kulthandlungen aufkommen. Die sonnenbebrillte Staatsmacht interessiert sich für die beiden und eine angeschwemmte Wasserleiche. Immer wieder donnert lautstark eine MiG über die Szene. Dazwischen flötet die Radiostimme erste Meldungen von Flüchtlingen in Ungarn und der Prager Botschaft. Im Herbst beginnt dann die eingeschworene Inselgemeinschaft zu zerfallen. Erst Koch-Mike (Michael Schrodt), dann das Tresen-Ehepaar und schließlich auch Rimbaud verlassen die Insel.

Nun verliert leider auch die Inszenierung etwas an Fahrt. Ed und Kruso müssen das Schiff allein auf Kurs halten. Das Ausbleiben der Schiffbrüchigen und Eds Zweifel empfindet Kruso allerdings als Verrat an seiner Utopie und hält noch einen wutentbrannten Vortrag über das Wesen und den Preis der Freiheit. Er beschreibt das neue System von Markt und Verbraucher zynisch als Fressen und Scheißen und wirft sich wie ein Sumo-Ringer auf Ed. Das Ende von Kruso bleibt hier etwas im Dunkeln, dafür rezitieren alle aus Eds Epilog, in dem er von seinen Nachforschungen nach dem Verbleib der vielen unbekannten, in Dänemark angespülten Flüchtlingsleichen berichtet. Das etwas beklemmende Ende einer weitestgehend annehmbaren Inszenierung, die allerdings nicht ganz an die Vorlage heranreicht.

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Kruso (Hans Otto Theater, 24.01.2016)
Stück von Dagmar Borrmann nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Regie: Elias Perrig
Bühne / Kostüme: Marsha Ginsberg
Musik: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Ute Scharfenberg
Mit: Holger Bülow, Raphael Rubino, Christoph Hohmann, Eddie Irle, Michael Schrodt, Axel Sichrovsky, Philipp Mauritz, Larissa Aimée Breidbach, Andrea Thelemann
Premiere war am 15.01.2016 Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 20. und 21.02. / 10., 18. und 25.03.2016

Info: http://www.hansottotheater.de

Zuerst erschienen am 26.01.2016 auf Kultura-Extra.

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