Archive for the ‘Musik’ Category

Power-Frauen, Synthie-Pop mit E-Gitarren, Typewriter-Klangwelten und Refrains ohne Strophen – Das war die Pop-Kultur 2017

Donnerstag, August 31st, 2017

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Die dritte Ausgabe der Pop-Kultur ist Geschichte. Auf dem Areal der Kulturbrauerei im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg versammelte das Festivalteam um Katja Lucker und den beiden Kuratoren Martin Hossbach und Christian Morin wieder eine illustre Schar von altgedienten und jungen Pop-AvantgardistInnen. Die gute Mischung aus Live-Musik, Gesprächen, Lesungen, Ausstellungen und Filmen zur Geschichte des Pop wie etwa die Foto-Schau des langjährigen Konzertfotografen Roland Owsnitzki aus den 1980er Jahren oder die Filme ostPunk! to much future und Bunch of Kunst über die englische Band Sleaford Mods macht dieses Festival aus, obwohl natürlich die Musik wie immer im Vordergrund stand. Dabei zeigten sich die Spielarten der zeitgenössischen Pop-Musik sehr vielgestaltig. Seien es nun Spoken-Words-Performances oder Typewriter-Klangwelten mit Tanz, Rap, Gitarren- oder Synthie-Pop, für jeden noch so speziellen Geschmack ließ sich etwas finden.

Und es ist so wie mit Owsnitzkis Auswahl aus unzähligen alten Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen die Großen oder damals noch unbekannten Newcomer des Pop und Undergrounds wie Nick Cave, Divine, Nina Hagen, Sade, Iggy Pop, Blixa Bargeld, Die Ärzte oder Miles Davis versammelt sind. Fürs erste zählt der Augenblick, ein erster Eindruck. Was wirklich bleibt, wird sich in ein paar Jahren zeigen. Und vielleicht erinnert man dann auch den einen oder anderen Auftritt auf der Pop-Kultur 2017. Mit Sicherheit nicht so schnell vergessen sein wird die unsägliche BDS-Boykottkampagne, für die nicht nur deren Betreiber sondern auch das Festival selbst im Umgang damit in die Kritik geriet. Wichtig bleibt in jedem Fall die Absage an jegliche Form von Antisemitismus, Chauvinismus, Homo- und Xenophobie. Und damit hat das Pop-Kultur-Festival auch in der dritten Runde die Nase weit vorn. Diverser im Auftritt und auch kontroverser in den Diskussionen wie in diesem Jahr geht es kaum.

 

Romano auf der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

 

Der zweite Tag des Festivals gehörte auf der großen Bühne im Kesselhaus klar dem Rap. Auf die regionale Größe mit dem Zöpfchen-Rapper und Muttis Liebling Romano alias Roman Geike aus Berlin-Köpenick folgte hier die schwarze UK-Rapperin Little Simz alias Simbi Ajikawo aus London. Netter geradliniger Spaß-Proll-Rap von nebenan gegen eine eher experimentelle Mischung aus Elementen von Hip-Hop, Drum ’n’ Bass und Grime mit durchaus politischem Anspruch.

Sehr divers auch die musikalischen Beiträge aus Osteuropa. Jeweils ganz spezielle traditionelle Musikeinflüsse verarbeiten dabei das russische Elektro-Trio Oligarkh wie auch die im Kosovo gebürtige Berliner Sängerin ANDRRA alias Fatime Kosumi. Die St. Petersburger Band Oligarkh verbindet einen Mix aus EBM und Industrial mit Samplings russischer Folklore zu einer Art extrem tanzbarem „Slawischen Rave“ und arbeitet sich dabei u.a. auch noch verstärkt durch visuelle Mittel an der orthodoxen Kirche ab. ANDRRA dagegen hat folkloristische Lieder aus Albanien und dem Kosovo gesammelt und trug diese trance-artigen Gesänge mit elektronischer Unterstützung durch eine Band um PC Nackt (Apparat, Hans Unstern) vor. Dagegen haben sich der aus Polen stammende Konzeptkünstler Jemek Jemowit oder auch die Istanbuler Band Jakuzi klar den westeuropäischen Wurzeln aus Synthie-Pop sowie britischem Soul und New Wave verschrieben. Jemik Jemowit führte in seiner ironisch als Gala präsentierten Commissioned Work „10 Jahre Jemek Jemowit“ durch ein ganzes Potpourri aus Punk, Wave und Electronic Dance Music.

 

Oligarch auf der pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

 

Der ungekrönte König des deutschen Elektro-Pops bleibt aber der Hamburger Andreas Dorau. Hatte der Ex-NDW-Star vor zwei Jahren bei der ersten Pop-Kultur im Club Berghain noch sehr pointiert aus seinen Memoiren gelesen, so sammelte Dorau in diesem Jahr für seine Auftragsarbeit im Palais der Kulturbrauerei eine Art All-Star-Band um sich, mit der er 20 Refrains in 40 Minuten vortrug. Der Meister des ohrwurmartigen Refrains, den er selbst den „Brühwürfel eines Songs“ nennt, kreierte dabei einen unterhaltsamen Abend der pop-musikalischen Essenz auch ganz ohne störende Strophen. Ungewöhnlich zumindest von der Instrumentierung war auch der Auftritt der schottischen Komponistin Anna Meredith, die ihre Pop-Songs mit Unterstützung von Synthesizer, Klarinette, Schlagzeug, Cello, Tuba und E-Gitarre vortrug.

Noveller auf der Pop-Kultur 2017 Foto: St. B.

Aus dem englischen Bristol stammt die Post-Punk-Band Idles, die am Donnerstagabend im Franzz-Club den Auftakt der harten Gitarrenfraktion gaben und dabei zum Brexit kein Blatt vor den Mund nahmen. Brutalism heißt ihr erstes Album. Genauso rau und unbearbeitet wie der gleichnamige Architekturstil der Nachkriegsmoderne ist ihr Punk der depressiven Post-Brexit-Ära. „Well Done!“ Aber auch der Gitarrenrock ist schon lange keine reine Männer-Domäne mehr. Ob nun die in Berlin lebende US-Folkrock-Sängerin Marsha Qrella, die Hamburger Indie-Pop-Gitarristin Ilgen-Nur oder die US-Avantgarde-Gitarristin Noveller alias Sarah Liptstate, die auch schon in Glen Brancas 100 Guitar Ensemble spielte, beherrschten die Szene bei der Pop-Kultur. Besonders Noveller überzeugte hier mit ihrem mal flirrenden, mal knarzender Gitarrenambiant, elektronischen Loops und echten Soli.

Überraschend stark auch die Münchner Band Friends of Gas mit der Sängerin Nina Walser. Psychedelischer Krautrock und Post-Punk mit verrätselten deutschen Texten, gegen die die Headliner des Freitagabends All diese Gewalt, ein Soloprojekt des Friends-Produzenten und Gitarristen der Stuttgarter Post-Punker Die Nerven, Max Rieger, doch sehr eintönig und vorhersehbar erschien. Wie die weibliche Variante von Dinosaur Jr. wirkt der kraftvolle Indie-Rock mit deutschen Texten der Band AUF von Sängerin und Gitarristin Anne Rolfs. Und das nicht nur wegen der sehr hohen Gesangsstimme. Dass noch nicht alle Bands die Gitarren an den Nagel gehängt haben, zeigt auch das Comeback der schottischen Arab Strab. Eine gute Mischung aus Elektronik und Indie-Rock und der Beweis, dass trotzt dem Ende des dritten Pop-Kultur-Festivals die Pop-Musik noch nicht am Ende ist.

 

All diese Gewalt auf der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

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Pop-Kultur Berlin 2017
23.08. – 25.08.2017
In der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

Pop-Kultur 2017 – Teil 1

Zuerst erschienen am 28.08.2017 auf Kultura-Extra.

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Zur Eröffnung des Pop-Kultur-Festivals 2017 auf dem Areal der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg

Donnerstag, August 31st, 2017

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Wenn man so will ist die Pop-Kultur 2017 in ihrem dritten Jahr mit der Wahl der Location Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg an ihre Ursprünge zurückgekehrt. An diesem geschichtsträchtigen Ort, an dem sich nach der Wende die ersten Kulturkreativen des ehemaligen Szenebezirks mit hoher Club- und Kneipendichte ansiedelten, fand auch einige Jahre das Vorgängerfestival, die ehemalige Popkomm statt. Mittlerweile ist der Prenzlauer Berg straff durchgentrifiziert, was sich nicht nur in einem verstärkten Clubsterben bemerkbar macht, sondern auch in immer massiveren Anwohnerbeschwerden wegen ruhestörenden Lärms aus den noch verbliebenen Clubs auf dem Gelände der Kulturbrauerei. Der Prenzlauer Berg hat zwar seine Anziehungskraft für Städtetouristen noch nicht ganz verloren, aber hinsichtlich einer lebenden alternativen Kneipen- und Clubkultur an Attraktivität stark eingebüßt.

Der Aufgabe neue innovative Kultur-Orte zu entdecken, trug die Pop-Kultur mit dem letztjährigen Ausflug in den Boom-Bezirk Neukölln Rechnung, nun scheint es an der Zeit Bilanz zu ziehen. Dabei hat man auch vom 2016 spontan gegründeten Neuköllner Gegenfestivals „Off-Kultur“ gelernt und tatsächlich einige Berliner Szene-Größen und DJs eingeladen, die im benachbarten Prater in der Kastanienallee auftreten werden. Aber keine Pop-Kultur ohne kleinen Medienskandal. Diesmal verursacht durch die Absage einiger arabischer Acts, die sich durch eine von der Organisation BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) betriebene Boykott-Kampagne gegen das 500-€-Sponsoring der israelischen Botschaft in Berlin für die Anreise der jüdisch-arabischen Sängerin Riff Cohnen abschrecken ließen.

 

Pop-Kultur 2017 in der Kulturbrauerei – Foto: St. B.

 

Trotz Charme-Offensive mit Facebook-liken Kätzchen- und Hundepostern seitens der Pop-Kultur sorgte die vom BDS offensiv auch im Internet betriebene Anti-Israel-Kampagne im Vorfeld doch für einige Unruhe. Stellvertretend für die Festivalleitung versicherte Pop-Kultur-Chefin Katja Lucker bei der Eröffnung am 23. August, sich davon nicht einschüchtern zu lassen. Das Festival stehe nach wie vor für Diversität und kollektive, narrative Partizipation. Auch die Vertreter der öffentlichen deutschen Geldgeber wie die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Berliner Kultursenator Klaus Lederer fanden klare Worte gegen die Vereinnahmung des Festivals für die Ziele des BDS.

Der Bund unterstützt die „jungen Rebellen der Pop-Branche“ (Zitat Grütters) mit 500.000 Euro für eine Veranstaltungsreihe sogenannter „Commissioned Works“. Klaus Lederer versprach langfristige Sicherung von Orten für junge Künstler. Dabei stehen Standorte wie die Alte Münze im Fokus. Es sollen in Zukunft nicht nur Grundrisse von Kulturorten wie die im Hof der Kulturbrauerei gezeigte Installation des vor einem Jahr in Berlin-Friedrichshain abgerissenen Projektraums Antje Øklesund übrig bleiben. Man wird den Kultursenator beim Wort nehmen müssen. Jüngstes Negativbeispiel ist die Meldung der Berliner Zeitung über den Verkauf des Künstlerareals der Weddinger Uferhallen. Die ehemaligen Bus- und Bahnwerkstätten wurden vom Land Berlin vor etwa zehn Jahren an die eigens gegründete Uferhallen AG veräußert. Diese hat das Gelände nun für fast das Fünffache an eine Investorengruppe um einen der Samwer-Brüder weiter verkauft. Gentrifizierung auf dem Vormarsch.

 

Balbina bei der Pop-Kultur 2017 – Foto (c) Stefan Bock

 

Musik gab es dann zur Eröffnung aber auch noch. Und die vor allem von starken Pop-Frauen, die bei diesem Festival erstmals mit einer Quote von 50 Prozent vertreten sind. Als eine der Auftragsarbeiten präsentierte die Berliner Sängerin Balbina ein Konzert in einer extra entworfenen Lichtinstallation, die das Weiß der Bühne und des Kostüms der Sängerin in immer neuen Farben erscheinen ließ. Ansonsten performte Balbina ihre philosophisch angehauchten, poetischen Popperlen gewohnt gefühlvoll aber auch recht routiniert vor vollem Kesselhaus. Auch längst kein Geheimtipp mehr ist die US-amerikanischen R&B-Sängerin ABRA, die mit ihrer bombastischen Video-Light-Show den Auftritt von Balbina fast noch toppte. Wem das schon zu mainstreamig war, konnte bei gut abgehangenem Psychelic-Rock und Surf-Pop z.B. von Alex Cameron im Franzz-Club abhängen.

Urbanen Electro-Pop machen die beiden Briten Darkstar. Für ihre chillende Lounge-Musik hat der Regisseur Cieron Magat die passenden Musikvideos städtischer Sub- und Jungendkultur in hippem Schwarz-Weiß-Negativ gedreht. Um Subkultur ganz anderer Art ging es beim Videovortrag von Too Much Future von Schriftsteller und Galerist Henryk Gericke und Radiomoderator Ronald Galenza. Die beiden plauderten über den DDR-Punk der frühen 1980er Jahre, zeigten Fotos und spielten Songs von Bands wie Planlos, Schleimkeim, Zwitschermaschine oder Rosa Extra. Im Stile von Zwei-alte-Männer-erzählen-vom-Krieg gab es einige Anekdoten über die ostdeutschen Verweigerer der Einvernahme durch Einheitspartei und DDR-Staatsorgane. Und tatsächlich war Punk zu sein in der DDR nicht ganz ungefährlich. Viele gingen für ihre politischen Texte in den Knast wie Otze von der Erfurter Band Schleimkeim oder Jana Schloßer von der Ost-Berliner Band Namenlos.

 

Too much future – Ronald Galenza und Henryk Gericke berichten über Punkrock in der DDR – Foto: St. B.

 

Jana Schloßer kann man übrigens seit letztem Jahr im Theaterstück Atlas des Kommunismus im Maxim Gorki Theater sehen. Im selben Stück tritt auch der schwule Musiker und Performer Tucké Royal auf, der mit seiner Boiband ebenfalls auf dem Pop-Kulturfestival vertreten ist. Einen CD-Sampler zu den ostdeutschen Punk-Bands hat Henryk Gericke für die 2016 im Martin Gropius Bau gezeigte Schau Gegenstimmen zusammengestellt. So schließen sich für den interessierten Berliner Kulturgänger Kreise auf diesem Festival, das mit diesem kleinen Ausflug in die Vergangenheit, der mit der ostdeutschen Post-Punkbewegung vor der Wende noch fortgesetzt wird, an die Geschichte des Austragungsortes erinnert, der mit seiner Umgebung des alten Prenzlauer Berg eng verwoben ist.

Der Stein des BDS-Boykottanstoßes, die Sängerin Riff Cohnen, hatte übrigens dann am Eröffnungsabend noch im Palais der Kulturbrauerei einen viel umjubelten Auftritt und überzeugte das Publikum mit einem feurigen Mix aus orientalischen Sounds und frankophilem Powerpop. Ein echtes Highlight, wie auch die hochgehandelte und bereits im letzten Jahr auf der Pop-Kultur vertretene französische Sängerin Fishbach, die zur späten Stunde im viel zu kleinen Maschinenhaus diesmal mit unterstützender Band auftrat. Französischer Elektro-Pop mit Gitarrenbegleitung und einer gut gelaunten Performerin, die auch noch lächelnd über „La morte“ singen kann und vom Publikum die deutschen Worte für Tod und Ende lernte. Am Ende ist die Pop-Kultur scheinbar noch nicht, auch wenn es in einer Gesprächsrunde heißen wird: „Pop-Kultur – brauchen wir das überhaupt?“ Die Antwort darauf lässt sich noch bis zum Freitag auf dem Festival ergründen.

 

Riff Cohen bei der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

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Pop-Kultur Berlin 2017
23.08. – 25.08.2017
In der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

Pop-Kultur 2017 – Teil 2

Zuerst erschienen am 24.08.2017 auf Kultura-Extra.

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A L‘ARME! Festival V – Das 5. Berliner Festival für Avantgardemusik und zeitgenössischen Jazz präsentierte viele neue Improvisations-Projekte und alte Gitarren-Helden

Donnerstag, August 10th, 2017

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Auf mittlerweile bereits fünf Ausgaben kann in diesem Jahr das kleine aber doch auch großartige Avantgarde-Jazzfestival A L’ARME! zurückschauen. Erstmalig 2012 ertönte der Aufruf „A L’ARME – zu den Waffen“ im Radialsystem V, einem umgebauten Pumpwerk am Spreeufer, das sich seit 2006 als internationaler Treffpunkt für experimentelle Musik, zeitgenössischen Tanz und viele andere Künste etabliert hat. Weniger militärisch als viel mehr improvisationslustig präsentierte sich seitdem auch das Line-up des Festivals, auf dem sich Avantgarde-, Noise- und Free-Jazz-Größen wie Peter und Caspar Brötzmann, Joe McPhee, Thurston Moor, FM Einheit, Mats Gustafson, Massimo Pupillo, Ken Vandermark, Ingrid Laubrock und sogar Pop-Größen wie Neneh Cherry ein Stelldichein gaben.

Zum viertägigen Jubiläum versprachen die Veranstalter eine Vielzahl von Album-Erstvorstellungen und kompositorische Uraufführungen. Dazu wurde eine Mix aus AL’ARME!-All-Stars und jüngeren Talenten der Avantgardemusik-Szene eingeladen. Wobei der Fokus des Festivals auf der Berliner Jazz- und Improvisationsszene liegen sollte. Spezielle After-Show-Partys mit elektronischer Musik präsentierte das Raster-Noton-Label.

 

Mieko SuzukiFoto (c) Peter Gannushkin

 

Wie in den letzten beiden Jahren fand das Opening des Festivals am Mittwochabend in Berlins Techno-Tempel Nr. 1, dem Berghain statt. Die in Berlin lebende japanische DJ-Künstlerin Mieko Suzuki mischte dazu den passenden elektronischen Begrüßungssound. Auch wenn ihre schmale Silhouette hinter den Turntables kaum wahrnehmbar war, versprühte sie doch vor und zwischen den einzelnen Live-Acts mit ihren wabernden, elektroakustischen Basslinien eine bemerkenswert klangliche Präsenz. Ein fast psychodelisches Warm-up, zu dem der nachfolgende deutsche Elektropionier, Visual Artist und Mitbegründer des renommierten Raster-Noton-Labels, Frank Bretschneider, zunächst so gar nicht recht passen wollte.

Bretschneider, der mit seinem alten Kollegen aus Karl-Marx-Städter AG.Geige-Zeiten Olaf Bender aka Byetone Samstagnacht noch ein paar DJ-Sets im Radialsystem V spielen wird, trat mit seiner audiovisuellen EXP-Solo-Performance auf. Der elektronische Soundtüftler erzeugte auf seinem Laptop ca. eine halbe Stunde lang elektroakustische Störgeräusche, zu deren Rhythmus auf einem Videoscreen im Hintergrund bizarre Herzfrequenzkurven und andere Computergrafiken hypnotisch zuckten.

 

Frank Bretschneider(c) A L’ARME! Festival

 

Es war ein Abend der Extreme und klanglichen Collagen. Extrem experimentell wirkte im Anschluss auch das Zusammenspiel der beiden avantgardistischen Gitarren-Gurus Caspar Brötzmann und Thurston Moor. Berliner Industrial trifft New Yorker Noise-Rock – zwei Fender-Gitarren im unmittelbaren Soundbattle. Die beiden Experimental-Gitarreros türmten zunächst ein paar improvisierte Lärmwände auf, die sie nach und nach unter viel Getöse wieder einrissen. Dabei wurden die Stahl-Saiten der Elektrogitarren auf alle nur erdenkliche Art und Weise malträtiert. Vorwärtstreibende Gitarrenriffs von Thurston Moor verknäulten sich mit den metallen zerrenden Geräuschen, die der Massaker-Frontmann seiner E-Gitarre entlockte. Ein Noise- und Feedbackgewitter, das hin und wieder auch in ein fast meditatives Glockengeläut überging.

Allein das wäre für geübte Noise-Rock-Jünger schon das Eintrittsgeld wert gewesen, wenn nicht mit dem norwegischen Hammond-Orgel-Powertrio Elephant9 gegen 23 Uhr noch ein ganz spezielles Set das Lärm-Glück komplettiert hätte. Man könnte meinen, die musikalischen Uhren im Berghain liefen an diesem Abend rückwärts. Die Auferstehung des Avantgarde-Jazz und Prog-Rock der 1960er Jahre, der nicht nur Brötzmann und Moor inspiriert haben dürfte, im bombastischen Sound-Gewand des Elektro-Organisten Ståle Storkløkken begleitet von Nikolai Hængsle Eilertsens psychedelischen Basslinien und den treibenden Drums des Schlagzeugers Torstein Lofthus. Und damit schwimmen die drei Norweger natürlich auf einer anhaltenden Retro-Welle. Was diesen an Prog-Rock-Größen wie King Crimson oder Amon Düül erinnernden Instrumentalsound ins 21. Jahrhundert trägt, sind der konsequente Einsatz von elektronischen Loops und verzerrten Fender Rhodes, die den Sound dadurch auch für jüngere Techno-Fans tanzbar machen. Eine gelungene Fusion von Elektronik und Art-Rock.

 

Elephant 9Foto (c) Hans Petter Heggli

 

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Nach der ersten Lärmoffensive zur Eröffnung des 5. A L’ARME!-Festivals am Mittwoch im Berghain stand der Donnerstag im Radialsystem V wieder ganz im Zeichen der Improvisation. Der Abend begann mit einem recht minimalistischen Solokonzert der in Amsterdam lebenden slowenischen Pianistin Kaja Draksler. Sie gehört zu den derzeit gefragtesten ImprovisatorInnen der Avantgarde-Szene und war daher auch noch für einen Auftritt mit ihrem Kaja Draksler Octet am Samstag gebucht. Im quadrophonisch neu ausgerichteten Saal des Radialsystems überzeugte Draxler mit einer Darbietung ihres Könnens am eher klassischen Konzertinstrument, bei dem sie alle Spielarten der Klangerzeugung selbst mittels auf die Saiten des Flügels geworfener Metallstückchen atmosphärisch austestete.

 

Kaja DrakslerFoto (c) Beata Szparagowska

 

Gleich danach präsentierte der Berliner Schlagzeuger und SWR-Jazzpreisträger 2017 Christian Lillinger mit seinem dänisch-deutschen Ensemble-Projekt Dell/Brecht/Lillinger/Westergaard eine elektroakustische Weltpremiere für Schlagzeug, Vibraphon, Kontrabass und Live-electronics. Herbei wurden die von Schlagzeuger Christian Lillinger, Vibraphonisten Christian Dell und Bassist Jonas Westergaard gespielten Improvisationen durch die Live-Bearbeitung des Stuttgarter DJs Johannes Brecht verstärkt. Was Brecht hier mit den Klängen der drei Mitstreiter anstellte, ist zwar musikalisch gesehen nicht unbedingt ganz neu, verfehlte aber seine akustische Wirkung im Saal nicht.

Natalie Sandtorv Foto: St. B.

Eine improvisatorische Meisterleistung gelang der jungen norwegischen Sängerin und Preisträgerin des Moldejazz/”Sparebank 1-Jazz Talent“-Preises 2016 Natalie Sandtorv mit ihrem neustes Projekt, dem New Roots Trio. Bei diesem auskomponierten Konzert für Stimme, präpariertes Klavier und Schlagzeug wurde sie von dem norwegischen Schlagzeuger Ole Mofjell und der griechischen Pianistin Zoe Efstathiou unterstützt, die wiederum als sogenannte Meisterin des präparierten Klaviers gilt. Bemerkenswert aber war vor allem das Können Ole Mofjells, der ähnlich wie Draxler und Efstathiou, alle erdenklichen Möglichkeiten der Klangerzeugung auf seinen Drums und Schellen nutzte, was Natalia Sandtorv elfengleichen Voice-Improvisationen bestens ergänzte.

Ein bombastisches orchestrales Konzerterlebnis stand zum Finale des Donnerstagabends in der Halle des Radialsystems auf dem Programm. Der New Yorker Trompeter und Komponist Nate Wooley hat für die Berlin-Premiere der 2015 in New York uraufgeführten fünften Edition seiner siebenteiligen Kompositionsserie Seven Storey Mountain ein 19-köpfiges Ensemble, bestehend aus bekannten SpitzenmusikerInnen der internationalen Avantgarde-Bewegung, zusammengestellt. Das Werk begann mit einem fanfarenartigen Auftakt der Bläsersektion und steigerte sich dann im Zusammenspiel von zwei Vibraphonen, Schlagzeugen und Streichern, der Vocal-Instrumentalistin Liz Allbee und der Trompete von Nate Wooley zu einem orchestralen Infernal aller beteiligten MusikerInnen. Nach etwa einer Stunde war das fünfte Lärm-Geschoss erklommen und der Abend klang mit fast meditativen Glockenschlägen als Zeichen der unaufhaltsamen Vergänglichkeit aus.

 

Nate Wooley mit Seven Storey Mountain – Foto: St. B.

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Im Song Trends des deutschen Avantgarde-Pop-Duos Foyer Des Arts hieß es 1982 noch ironisch „Gitarrensolos erobern sich die Rockmusik zurück“. Bewahrheitet hat sich das u.a. mit Avantgarde-Musikern wie Caspar Brötzmann und Thurston Moore, die beide ihre Karriere in den 1980er Jahren begannen und nun zum widerholten Mal zum A L’ARME!-Festival eingeladen wurden. Nicht zuletzt würdigte man diese Tradition mit dem Auftritt eines weiteren Gitarren-Sets mit der niederländischen Punk-Legende The Ex, die das Festival am Samstagabend beendeten. Auch wenn Caspar Brötzmanns letzte eigene Platteneinspielung schon ein paar Jahre zurückliegt und der Extrem-Gitarrist nach mittlerweile 30 Jahren im Geschäft immer noch als Geheimtipp in der Szene gilt, war der eigentlich nie wirklich weg. Nach Projekten mit FM Einheit von den Einstürzenden Neubauten und den beiden Schweizer Musikern Michael Wertmüller und Marino Pliakas belebte Brötzmann nun mit dem italienischen E-Bassisten Massimo Pupillo und dem Schweizer Schlagzeuger Alexandre Babel die Dreierkonstellation seiner legendären Band Massaker wieder.

 

Brötzman-Pupillo-Babel
Foto (c) A L’ARME! Festival

 

Den Freitagabend im Radialsystem eröffneten die drei Musiker mit der ersten öffentlichen Vorstellung ihrer neuen LP Alexandre Babel/ Massimo Pupillo/ Caspar Brötzmann: Live At Candybomber Studio Vol. I. Man kann also noch auf weitere Releases dieser rein instrumental eingespielten E-Gitarren-Improvisationen hoffen. Wer diese Art von Brachialbeschallung mag, wurde beim Konzert in der Halle nicht enttäuscht. Brötzmann ließ wieder seine nur selten abebbenden Gitarren-Lärmwellen fließen und wurde dabei von Babels treibenden Drums und Pupillos Bass, den der italienische Fusion- und Improvisationsspezialist noch über Live-electronics verstärkte, bestens unterstützt.

Weniger lärmig aber nicht minder intensiv war das Duett des US-amerikanischen Free-Jazz-Veteranen Joe McPhee mit dem norwegischen Schlagzeuger Paal Nilssen-Love in benachbarten Saal. Nur durch einige Spoken-Words-Darbietungen unterbrochen, ließ McPhee immer wieder seine Stimme mit und durch sein Saxophon aufheulen. Dabei assistierte ihm Nilsson Love an Drums Gongs und Rasseln.

 

Corsano – Lee – Abdelinour – MayaFoto: St. B.

 

Danach gehörte die kleine quadratische Bühne wieder dem nicht minder ambitionierten Nachwuchs. Der New Yorker Avantgarde-Schlagzeuger Chris Corsano, der am Donnerstag bereits beim „Seven Storey Mountain V“-Orchester an den Drums saß, präsentierte sein Projekt-Quartett Corsano/Lee/Abdelinour/Mayas, das neben ihm aus der koreanischen Noise-Cellistin Okkyung Lee, der Berliner Inside Piano-Virtuosin Magda Mayas und der französischen Alt-Saxofonistin Christine Abdelnour besteht. Ebenfalls ein Beitrag von spezieller, beeindruckender Improvisationskraft.

Thurston Moore & Band
Foto: St. B.

Mit dem Ausruf „Rock‘n‘Roll!“ wurde der mittlerweile in London lebende Ex-Sonic-Youth-Mastermind Thurston Moore zu später Stunde in der gut gefüllten Halle des Radialsystems begrüßt. Hier stellte er dann auch sein neues Album Rock N Roll Consciousness vor. Nach dem Gitarren-Battle mit Caspar Brötzmann am Mittwoch im Berghain und nachdem dieser bereits furios vorgelegt hatte, war man gespannt, was Moore neues zu bieten hatte. Letztlich ähnelte der Auftritt der Thurston Moore Group doch sehr dem auf der letzten Pop-Kultur im Berliner Huxleys vor einem Jahr. Thurston Moore setzt da ganz auf Beständigkeit. Zu psychedelischen Videos mit konvulsierenden Sonnen, wechselnden Planetenkonstellationen und Magic Mushrooms legte Moore mit seiner Band seinen gewohnt bewusstseinserweiternden Gitarrensoundteppich aus, den man im Gegensatz zum Free Jazz fast schon melodiös nennen könnte. Dazwischen brandete aber immer wieder improvisierter Gitarrenlärm auf, der am Ende in einem fast zehnminütigen Feedback-Gewitter kulminierte. Der langjährige Erfolg und die fast frenetischen Zugabe-Rufe geben dem alten Avantgarde-Hasen aber durchaus Recht. Rock’n’Roll will never die. „Peace and Love“ wünschte der Meister zum Abschied.

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Das Berliner Festival hatte also in seiner Jubiläumsausgabe so einiges zu bieten. Erstmals gelang es nach 5 recht erfolgreichen Jahren auch, eine spartenübergreifende Förderung durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa zu ergattern. Mit dieser Geldspritze ist das Fortbestehen dieses kleinen aber innovativen Avantgarde-Festivals erstmal bis zur nächsten Ausgabe gesichert, und der Berliner Senat beweist neben dem etwas größer angelegten Pop-Kultur-Festival, das in drei Wochen folgen wird, seine Verantwortung auch für die Förderung und den Erhalt von Strukturen freier, alternativer Musikformen in der Stadt. Das hat das Festival sicher auch dem unermüdlichen Einsatz seines künstlerischen Leiters und A L’ARME!-Begründers Louis Rastig zu verdanken. Möge diese Zusammenarbeit auf Dauer fruchten.

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A L’ARME! Festival Vol. V
Improvised music & contemporary jazz
02. – 05. August 2017
Im BERGHAIN und dem RADIALSYSTEM V, Berlin

Infos: http://www.alarmefestival.de

Zuerst erschienen am 04.08. und am 07.08.2017 auf Kultura-Extra.

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WASSERMUSIK X – Arto Lindsay und Romperayo eröffnen die Jubiläumsausgabe des Weltmusikfestivals auf der Dachterrasse des HKW

Sonntag, Juli 23rd, 2017

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10 Jahre ist es nun schon wieder her, dass das Haus der Kulturen der Welt nach dem bedauerlichen Ende des beliebten HEIMATKLÄNGE-Festivals eine kleine, feine Weltmusikreihe unter dem etwas irreführenden Namen WASSERMUSIK ins Leben rief. Ob man dabei an Händels megainstrumentale Freiluft-Suiten gedacht haben mag oder dem Kind einfach einen passenden Namen zur an der schwangeren Auster entlangfließenden Spree geben wollte, ist nicht weiter bekannt. Aber schon damals lief das Festival unter einem jährlichen Motto, zu dem MusikerInnen aus der ganzen Welt Surf and Tiki, Balkan-Beats, indische Bangra-Klänge, arabische, karibische und lateinamerikanische Sounds, oder Musik aus dem lusofonischen Sprachraum spielten. Dazu gab und gibt es auch in diesem Jahr ein Film- und Wortprogramm sowie den Wassermarkt.

Zur Jubiläumsausgabe WASSERMUSIK X lassen nun die Programmverantwortlichen den polyfonen Klangmix aus den 10 Jahren einfach nochmal mit ausgewählten VertreterInnen revuepassieren. Unter ihnen befinden sich bei 10 Konzerten bis zum 13. August u.a. so renommierte Namen wie Abdullah Ibrahim, Khaled, Los Pirañas, die Barmer Boys, die Cumbia All Stars oder Arto Lindsay. Letzterer eröffnete am vergangenen Freitag den Reigen der Jubelkonzerte auf der Dachterrasse des HKW, wo seit deren Sanierung die WASSERMUSIK mit kleineren Unterbrechungen in jedem Jahr stattfindet. Bei Wasser von oben kann in den Ausstellungssaal im Erdgeschoss ausgewichen werden. Das war trotz einiger gewitterartiger Regengüsse in der letzten Zeit gottlob an diesem Abend nicht notwendig.

 

RomperayoFoto: St. B.

 

Bei schönster Abendsonne begannen dann die kolumbianischen Romperayo mit ihrem psychedelischen Cumbia- und Reggae-Sound einzuheizen. Die Band aus Bogota um den Schlagzeuger Pedro Ojeda loopte und sampelte sich per eindringlicher Keyboard- und Percussion-Klänge durch den gesamten karibischen Raum. Ein hervorragendes Warmup bei ein paar Cocktails für den Haupt-Act des ersten WASSERMUSIK-Abends, der schon vor der Bühne durchs Publikum schlich.

 

Arto Lindsay & Band – Foto: St. B.

 

Auch wenn es beileibe nicht so aussieht: Arto Lindsay ist ein reges Chamäleon der Weltmusik. Der als Sohn amerikanischer Missionare in Brasilien aufgewachsene Musiker lärmte bereits in den 1970er Jahren mit seiner azurblauen E-Gitarre bei Avantgardegrößen wie Fred Frith und John Zorn in New York oder spielte bei John Luries Lounge Lizards. Die brasilianischen Wurzeln konnte Lindsay aber nie ganz verleugnen. Seit den 1990er Jahren ist er mit einer Fusion aus Avantgarde-Jazz und brasilianischen Rhythmen, zu denen er auch singt, unterwegs. Auf der Dachterrasse des HKW streute er aber zunächst einige seiner berühmten Gitarrenfeedbacks unter den swingenden Latin-Sound seiner brasilianischen Musikerkollegen. Vielleicht ist dieser ungewöhnliche Mix aus Noise mit schrägen Gitarrenriffs, Free- und Latin-Jazz gepaart mit poetischen Songs, die Lindsay in Englisch und Portugiesisch vorträgt, nicht jedermanns Geschmack. Aber eins muss man ihm lassen, mit der relaxten Gelassenheit seines dennoch intensiven Vortrags ist Arto Lindsay einfach eine verdammt coole Sau.

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Wassermusik X
Haus der Kulturen der Welt
21. Juli 2017 – 13. August 2017
Mit: Abdullah Ibrahim & Ekaya, Khaled, Oumou Sangaré, Arto Lindsay & Band, Marcos Valle, Moreno Veloso, Cumbia All Stars, Idris Ackamoor & The Pyramids, Bixiga 70, Alemayehu Eshete & The Polyversal Souls, Orchestre Les Mangelepa, Barmer Boys, Los Pirañas, Orchestra of Spheres, Romperayo, Pascuala Ilabaca, Newen Afrobeat u. a.

Infos: https://www.hkw.de/

Zur Facebook-Galerie: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1438759306218439.1073741855.100002531517385&type=1&l=2e51d662c0

Zuerst erschienen am 22. Juli 2017 auf Kultura-Extra.

Die Pop-Kultur 2016 in Berlin-Neukölln

Sonntag, September 4th, 2016

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Die Pop-Kultur 2016 feierte sich im neuen Szene-Bezirk Berlin-Neukölln

Die Pop-Kultur 2016 ist vom Techno-Tempel Berghain in Mitte, wo 2015 die erste Ausgabe des die ehemalige Berlin Music Week ablösenden Festivals stattfand, in den zurzeit wohl angesagtesten Berliner Bezirk nach Neukölln weitergezogen. Eine wohl ganz folgerichtige Entscheidung, wie auch die erst ein Jahr im Amt befindliche Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey bei der Eröffnung bestätigte. Sie hat Heinz Buschkowsky, der Neukölln immer noch eher als sozialen Problembezirk angesehen hat, abgelöst und begrüßte das Publikum im Vollgutlager an der Rollbergstraße sichtlich und deutlich hörbar freudig erregt. Neukölln sei im Umbruch und hat eine bemerkenswerte Entwicklung im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft vollzogen. Ob das der Späti oder Dönerladen um die Ecke ebenso sieht, bleibt die Frage in Bezug auf die bevorstehende Stadtentwicklung im Kiez.

Für Berlins Bürgermeister Michael Müller, der sich bekanntlich im Wahlkampf befindet, ist Berlin eh Pop, und das sei wichtig. Ob der Streit um Burka und Burkini auch eine neue Art von Pop-Kultur-Diskurs darstellt, wird auf der Neuköllner Ausgabe des Musik-Festivals sicher nicht verhandelt. Auch dass sich die freie Kunst-Szene der Stadt mal wieder wegen mangelnder Unterstützung beklagt und sich mit der „Off-Kultur“ ein lokales Gegenfestival gegründet hat, wird hier mal eben ausgeblendet.

 

Kurt Cobains Ligther im Vollgutlager
Foto (c) Annett Bonkowski

 

Nun ist die Pop-Kultur auch eher ein internationales und kein ausschließliches Berlin-Festival und schmeißt sich nur auf den lokalen Trend mit drauf. Dass sich urbane Wanderungsbewegungen von Künstlern und Kreativen von der gentrifizierten Mitte weg zu den Rändern Berlins vollziehen, liegt sicher auch nicht nur am Charme Neuköllns oder des Weddings, sondern an den noch bezahlbaren Mieten und reichlich vorhandenen Industriebrachen wie eben auch die der ehemaligen Kindl-Brauerei in der Rollbergstraße, in dessen Räume vor ein paar Jahren schon das SchwuZ aus Kreuzberg gezogen ist und im benachbarten Vollgutlager nun das Hauptquartier der Pop-Kultur 2016 steht.

Berlin ruft Pop-Kultur, und alle sind sie da. Es gibt Sekt und die Eröffnung einer kleinen Ausstellung mit dem Titel For Those About To Rock. Der aus London angereiste Scott King, Art Director für das i-D Magazin und Grafikdesigner für die Plattencover der Pet Shop Boys oder Morrissey, zeigte Artefakte aus seiner Sammlung, die er während seiner langjährigen Pop-Begeisterung und den vielen Begegnungen mit heute legendären Musikern zusammengetragen hat. Schon 2014 trat King mit seiner Laptop Late-Night Fantasy The Festival of Stuff bei den FOREIGN AFFAIRS auf. Nun erklärt er in dem Film Kurts Lighter, wie scheinbar Banales zur Pop-Insignie wird und was an den gesammelten Pop-Devotionalien wie dem Feuerzeug von Kurt Cobain, den Unterhosen von Peter Tosh oder etwa dem Klopapier aus den New Yorker Electric Lady Studios so wichtig für uns ist.

Hier haben sich sicher auch der designierte Volksbühnenintendant Chris Dercon, der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner (ein Altbekannter in der kommerziellen Pop-Musikszene) und der von den FOREIGN AFFAIRS zum Athens & Epidauros Festival nach Griechenland gewechselte Matthias von Hartz ein paar kreative Anregungen holen können.

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Natürlich gab es neben Filmen und Gesprächen auch reichlich Musik bei der Pop-Kultur 2016. Im Konzert der deutschen Pop-Verheißung mit Namen Roosevelt in Huxley’s Neuer Welt unweit des Hermannplatzes war dann auch gleich verstärkter Hipster-Alarm zu vermelden. Nicht nur der Bart, auch der aus sicher garantiertem Öko-Anbau stammende Baumwollbeutel hat sich auf Pop-Konzerten eindeutig durchgesetzt. Musikalisch sind die Kölner Roosevelt, die nun einen Vertrag beim Berliner Label City Slang bekommen haben, sicher eine beim anwesenden Publikum gut ankommende Disco-Pop-Band. Sie legten einen lockeren Sound zwischen poppigem Wave der Pet Shop Boys und Discoklassikern wie „Teardrops“ von Womack & Womack auf den Neuköllner Dancefloor, der immer noch so schön schwingt wie früher und auch schon ein paar bedeutendere Popgrößen gesehen hat.

 

Brandt Brauer FrickFoto (c) Pop-Kultur 2016

 

Schon etwas größer im Popgeschäft ist das nachfolgende Berliner Techno-Projekt Brandt Brauer Frick. Die drei Namengeber der Band spielen seit 2008 in wechselnder Besetzung mit anderen Musikern und sampeln dabei die eingesetzte klassische Instrumentierung. Für ihre neue Platte und den Auftritt bei der Pop-Kultur haben sie ihren Elektro-Sound mit einem Sänger und Backgroundchor aufgepeppt. Sehr düster britische Wave-Klänge wechselten sich hier mit einem eingängig treibenden Techno-Beat ab, was durchaus auch für ein breiteres Publikum goutierbar war. Wirklich experimentell und ungewöhnlich neu wie noch „You Make Me Real“ ist das allerdings nicht mehr.

Nach den Eröffnungskonzerten ging’s dann auf die Partymeile entlang der Neuköllner Verkehrsader Karl-Mary-Straße. Neben dem Heimathafen Neukölln, dem Prachtwerk und dem Punk-Club Keller ist hier vor allem der alternative Schwulen-Club SchwuZ gut frequentiert. Hier treten an drei Tagen auf den Floors Kathedrale, Salon und Bunker eine Menge interessanter Bands und DJ-Sets von 22 Uhr bis spät in die Nacht auf. Am Mittwochabend standen neben der Hamburger Post-Punkband Trümmer und dem nicht nur musikalisch unglaublich vielseitigen US-amerikanischen Rockmusikers Ezra Furman vor allem die hochgelobten U.S. Girls im Mittelpunkt.

 

Ezra Furman – Konzert im Schwuz Kathedrale
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Die Show der in Toronto lebenden Musikerin Meg Remy, begleitet von einer weiteren Sängerin und einem Cowboy mit E-Gitarre, der immer mal wieder unter der Nebenbühne zum Einsatz hervorsprang, kann man getrost als ziemlich abgefahrene Performance bezeichnen. Remy sampelt sich als „Einfrau-Loop-Maschine“ vom Rock über Rap bis zum Punk durch die gesamte amerikanische Musikgeschichte. Dabei werden ständig die Kostüme wie die Musikstile gewechselt, und nebenbei gibt’s noch ein paar feministische Texte gegen das Patriarchat in der US-amerikanischen Familie. Solche kleinen Pop-Blüten wie auch den Berliner Elektro-Punker Schwund, der so frisch auf seinem Synthesizer drischt und deutsches Liedgut zum Besten gibt, als hätte es Ideal und die Neue Deutsche Welle nie gegeben, wünscht man sich öfter auf der Pop-Kultur. In diesem Sinne: We Salute You. Fire!

Zuerst erschienen am 01.09.2016 auf Kultura-Extra.

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Post-heroische Pop-Theorien von Jens Balzer und die Realität auf der Pop-Kultur 2016 in Neukölln

Auch das ist Pop-Kultur: Am zweiten Tag erfüllte das Festival der zwanglosen Gegenwartskultur eines anything goes mit dem Auftritt von Selda Bağcan in Huxleys Neuer Welt seinen kultur-politisch korrekten Auftrag. Mitten im Herzen von Berlin-Neukölln sprach die 68jährige, als anatolische Joan Baez verehrte, Sängerin vor einer kleinen standhaften türkischen Community von Freedom and Democracy. „The Show must go on.“ Und das Publikum dankte ihr die aufmunternden Worte und hing begeistert an den Lippen der kleinen Frau mit leuchtend orangefarbenen Haarschopf, als diese ihre türkischen Folkhymnen mit Unterstützung der israelischen Rockband Boom Pam sang.

 

Selda Baǧcan & Boom Pam – Konzert im Huxleys
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Draußen auf der Karl-Marx-Straße ist man dann wieder in der Realität angekommen. Deutschsprachiger Gangsta-Rap dröhnt aus fetten Boxen vor den Einkaufstempeln am Neuköllner Rathaus, wo die Pop-Kultur auf dem Alfred-Scholz-Platz ihr Ticket-Häuschen aufgestellt hat. In einer Nebenstraße liegt das Szene-Café Prachtwerk. Hier werden etwas leisere Töne angeschlagen, und der stellvertretende Feuilleton-Chef der Berliner Zeitung und Pop-Musik-Kritiker Jens Balzer liest aus seinem Buch POP. Ein Panorama der Gegenwart.

Das ist so weit weg von Neukölln, dass man über Balzers These vom Ende der heterosexuellen Männlichkeit nur schmunzeln kann. Aber vielleicht wird auch hier, wie bei Balzer zu lesen, das machohafte Gehabe bald durch einen melodiöseren und kommerziell erfolgreicheren Rap eines Kanye West abgelöst. Balzers Kapitel des postheroischen Manns, den er auch gleich noch als Heuchler tituliert, schließt genau da an, wo Diedrich Diederichsen mit seiner theoretischen Abhandlung Über Pop-Musik aufhörte. Nämlich im 21. Jahrhundert, das nach Diederichsen durch die Ablösung des heroischen durch das post-heroische Zeitalter geprägt ist.

 

Jenni Zylka und Jens Balzer bei der Lesung im Prachtwerk
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Balzer macht das an ein paar Beispielen fest, die sich aus einer Vielzahl von Konzertbesuchen, SoundCloud-Studien und Interviews speist. Der Pop-Kritiker ist viel unterwegs in den Konzerthallen und auf Dancefloors der Stadt. Die Buchpräsentation im Prachtwerk sollte erst eine Plauderei unter Männern werden. Da haben die Programmverantwortlichen wohl noch mal kurz nachgedacht, und statt des omnipräsenten Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner, sitzt nun die nicht minder kompetente Journalistin, Pop-Kritikerin und Buchautorin Jenni Zylka an Balzers Seite, was schon mal einen kleinen farblichen Kontrapunkt zum ganz in Schwarz gekleideten Bartträger setzt. Ansonsten ein eher netter Schlagabtausch unter Kollegen, der niemandem wirklich wehtat.

Zylka hat dem Autor eine Auswahl an Texten aus seinem Buch zum Vorlesen gegeben, was zu einer kleinen ironischen Anekdotenparade aus Balzers Konzertbesuchen gerät. Es geht um die satanischen Lärmpriester Sunn O))), wobei u.a. auch über die Aussprache des kryptischen Bandnamen philosophiert wird, um die launige Demontage eines Céline-Dion-Konzerts und die Untoten des Pop wie Art Garfunkel, der sich mit seinem Sohn einen neuen Gesangspartner geklont hat.

 

U.S. Girls – Konzert im Schwuz Salon
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Nicht fehlen darf natürlich ein Bericht über ein Konzert von Helene Fischer, der „mega-eklektischen Multimediakünstlerin“, die nach Balzer „die Geburt des nihilistischen Postfeminismus“ eingeläutet hat. Balzer lässt sich in seinem Buch auch lang und breit über neue weibliche Pop-Ikonen wie Adele, Rihanna oder Lana Del Rey aus. Ihr Erscheinen steht seiner Meinung nach in Zusammenhang mit dem Niedergang des dominanten Rock-Maskulinismus der letzten Heroen des Pops wie The Strokes und The Libertines mit ihrem abgestürzten Frontmann Pete Doherty.

Auch Kurt Cobain kommt da nicht gut bei weg, dessen zur Schau gestellte Männlichkeit mit schlaffem Genital auch nur ein Schrei nach der Mama war. Das klingt schon stark nach psychopathologischem Befund, in den sich Kapitel wie „die erotischen Probleme der Digital Natives“ oder „hermaphroditische Backenhörnchen auf Metamphetamin“ gut einreihen. Auf Jenni Zylkas Frage, ob nicht schon die Musik von Bands wie Led Zeppelin ein Schrei nach weiblicher Liebe waren, oder wohin nun mit aller „heroischen Feminität“, wenn hinter den Kulissen des Popgeschäfts weiterhin Männer die Fäden ziehen, hat Jens Balzer keine konkrete Antwort parat und empfiehlt lieber die genauere Lektüre seines Buchs. Auch eine gekonnte Art der Promotion, wobei sich das gesponserte Festival ja sonst eher um die die ungeliebte Vermarktungsproblematik der Pop-Musik herumdrückt.

 

Liars – Konzert im Schwuz Kathedrale
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Wieder in die Praxis angelangt, kann man schon feststellen, dass die sogenannten Digital Natives bei ihren Technokonzerten schon recht autistisch auf ihren Turntables herumschrauben und männliche Erotik – wie beispielsweise bei der Präsentation des Soundtracks zum ersten eigenen Film der New Yorker Liars im SchwuZ – eine eher untergeordnete Rolle spielt. Der Sound waberte unentwegt elektronisch vor sich hin, da ist man doch als Zuschauer schon ganz froh, wenn beim Konzert von Immersion Malka Spigel und Ex-Wire Colin Newman beim psychedelischen Klängefrickeln mal kurz schmunzelnde Blicke über den Tisch austauschen und im Hintergrund ein echtes Schlagzeug mit Special Guest Ronald Lippok den Beat dazu schlägt. „Analogue Creatures“ heißt dann auch ihr neues Werk.

Wenn der digital erzeugte Sound bei der Pop-Kultur auch deutlich im Vordergrund stand, haben einige Jungs und Mädels ihre Gitarren doch noch nicht weggeworfen. Etwa die französische Musikerin Flora Fishbach mit ihrem fröhlichen Elektro-Pop, oder Nicholas Wood vom US-amerikanischen Industriel-Duo KVB. Begleitet von seiner Partnerin Kat Day am Synthesizer ließen sie am Freitag in Huxleys Neuer Welt den britischen 80th-Indierock und Post-Punk á la Joy Divison und New Order auferstehen. Das hätte Ex-Dark-Wave-Fan Balzer sicher gut gefallen.

 

Thurston Moore im Huxleys
Foto (c) Janto Djassi

 

Nach dem fulminanten Auftritt des elektronischen Springteufelchens Nika Roza Danilova von Zola Jesus zeigte dann noch der Vater aller Lärmjugend, Thurston Moore, wo die E-Gitarren wirklich hängen. Der Ex-Mastermind der legendären Sonic Youth gastierte mit klassischer Begleitband als Headliner des Abends im Huxleys. Allerdings hat Vati eine neue Mutti am Bass. Kim Gorden schreibt nun lieber autobiografische Bücher wie A girl in a band oder spielt in kleinen deutschen Genrefilmen wie Der Nachtmahr. Ansonsten ist alles beim alten. Klangteppiche aus sägenden Gitarren und Feedback-Gewitter zu psychodelischen Videos mit wachsenden Pilzen.

Die sexuelle Aura des Gitarren-Rockers scheint ebenfalls ungebrochen, wie einige weibliche „I loved you“-Rufe bezeugten. Eine junge Frau konnte sich gar nicht mehr einkriegen, was natürlich genauso gut am kreisenden Joint gelegen haben könnte. Sicher auch ein Plus bei Jens Balzer, der, weil er im SchwuZ nicht gleichzeitig rauchen und trinken durfte, dem Pop-Kultur-Festival in der Berliner Zeitung Spießigkeit vorgeworfen hatte. Hugs gab es nur für die Bassistin, ausgiebig feiern ließ sich Thursten Moore dann aber doch. Das Publikum wippte und nickte zustimmend im Takt der Gitarren. Da scheint trotz „postkoitaler Tristesse“ die männliche Pop-Welt noch in Ordnung.

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Jens Balzer – POP. Ein Panorama der Gegenwart
Hardcover, EUR 16,99
Rowohlt Verlag, 2016
ISBN 9783644122413

Pop-Kultur Berlin 2016
31.08. – 02.09.2016
In Neukölln

Weitere Infos siehe auch: http://www.pop-kultur.berlin/

Zuerst erschienen am 04.09.2016 auf Kultura-Extra.

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„Wer hat Angst vor Hugo Wolf?“ und „Bilder deiner großen Liebe“ – Zwei bemerkenswerte Musiktheaterabende in Zürich

Dienstag, Mai 24th, 2016

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? Herbert Fritsch macht sich am Schauspielhaus Zürich virtuos komisch über die romantische Liedkunst her

Wer hat Angst vor Hugo Wolf_Schauspielhaus Zürich_Schaukasten

Schaukasten Schauspielhaus Zürich
Foto: St. B.

Hugo Wolf (1860-1903) ist ein Bruder in Körper und im Geiste eines Franz Schubert, was von der Syphilis bis zum düster melancholischen Wesensart der Liedkomposition reicht. Ein wenig Wahn war bei Wolf auch mit im Spiel. Das ist zunächst kein Grund sich über den Spätromantiker und Wagnerianer Wolf zu erheben, der zu Lebzeiten ähnlich wie Schubert nicht viel galt, aber die gesamte Sehnsuchts- und Schmachtpallette der Dichtkunst deutscher Romantik von Goethe über Mörike, Eichendorff, Fallersleben und Heine bis zu Keller vertont hat. Das romantische Kunstlied ist nun im Kunstschredder von Dada-Wicht Herbert Fritsch, der sich am Geburtsort der sinnverneinenden Kunstvernichtung Zürich allen Ernstes fragt:  Wer hat Angst vor Hugo Wolf?

Als Referenzen stecken da sowohl das bekannte Albee-Drama Wer hat Angst vor Virginia Woolf als auch das Skandal-Gemälde von Barnett Newman Who’s afraid of red, yellow and blue, ein Hauptwerk des Abstrakten Expressionismus, auf dem die Primärfarben Rot, Gelb und Blau als monochrome Farbflächenvariation streifenartig nebeneinander angeordnet sind. Ähnliches hat man Wolfs Kompositionen vorgeworfen, die angeblich leitmotivisch aus der Variation einer einzigen musikalischen Phrase bestünden. Diese These greifen auch Herbert Fritsch und sein Musiker Carsten Meyer unterstützt von der Berliner Sängerin Ruth Rosenfeld für die Arrangements des Zürcher Liederabends auf.

Herbert Fritsch, Regisseur - Foto (c) Thomas Aurin

Herbert Fritsch, Regisseur
Foto (c) Thomas Aurin

Auf Fritschs Bühne kreiseln drei spiegelnde Farbwände in besagtem Rot, Gelb und Blau, die auch gegeneinander um die eigene Achse gedreht werden können. Eine gut illuminierte Showbühne, auf der noch ein schwarzer Flügel steht, den Pianist Carsten Meyer in Las-Vegas-Kostüm virtuos bedient. Das erinnert in den Farben auch ein wenig an Fritschs Dieter-Roth-Abend Murmel, Murmel an der Berliner Volksbühne und in der schrägen Textzusammenstellung an den Konrad Bayer-Abend der die mann, für den der Regisseur gerade erst beim Berliner Theatertreffen mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde.

Fluxus und Dada halten sich in Zürich aber in Grenzen zu Gunsten von sieben Damen mit wunderbaren Gesangsstimmen, die die Bühne zunächst in schwarzen Anzügen mit angeklebten Bärtchen ganz wie die Comedian Harmonists erobern und zu einer Ouvertüre mit Mörikes Du bist Orplid, mein Land! / Das ferne leuchtet ansetzen. Damit legen Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld und Carol Schuler gleich zu Beginn das schöne, große Pathos frisch ironisierend frei.

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie - Foto: Wikipedia

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie
Foto: Wikipedia

Sieben singende Frauen und ein böser Wolf, eine ebenso romantische Märchen-Assoziation wie Steilvorlage für Fritschs witzige  Blödeleien. Und gemäß Goethes Diktum des ewig Weiblichen übernehmen sie die Regie und geben sie bis auf kurze Momente in denen Carsten Meyer seinen Flügel mit Jazzbesen bearbeitet, nicht wieder aus der Hand. Neben der modern arrangierten Musik des Komponisten Wolf. Weiteres bestimmendes Element sind die wie immer absurden, slapstickartigen Choreografien, die sich im Wechsel der Kostüme, Lichter und Schatten um die drei Wände drehen.

Fritsch dekonstruiert wahnwitzig Text und Musik indem er Mörikes Selbstgeständnis Ich bin meiner Mutter einzig Kind im sich überschlagenden Schnellsprech aufsagen lässt, eine Gruppe Geishas in Phantasiekimonos zu Ich esse nun mein Brot nicht trocken mehr aus dem Italienischen Liederbuch performen, oder Mörikes Frühling lässt sein blaues Band mit Marschmusik unterlegt wird.

Wandern lieb ich für mein Leben von Eichendorff ergeht es nicht viel anders als Ein Stündlein wohl vor Tag von Mörike oder gar Goethes Prinz Pipi. Sie werden durch den Fritsch’schen Lieder-Wolf gedreht. „So la la! Le ralla!“ Und auch der potentielle Rezensent bekommt sein Fett ab, wenn er von Anne Ratte-Polle mit Mörikes Abschied verbal rasch die Treppe hinab gegangen wird.

Die sieben Damen in abgestuften Komplementärfarb-Kostümen lassen nichts aus, um die Hör- und Sehgewohnheit des Bildungsbürgers zu verunsichern. Dass das nur bedingt gelingt, liegt sicher an der grandios perfekten Darbietung, die 90 Minuten bestens unterhält, aber auch etwas zu sehr nur schöne Oberfläche bleibt. Wenn die Sieben immer wieder unermüdlich das Erschrecken voreinander variierenden um die sich drehenden Wände hasten und am Ende wie Minz und Maunz warnend die Hände erheben, so lässt sich das Publikum nicht von einem Laß, o Welt, o laß mich sein! beirren,  und will unbedingt mehr davon. Zugabe gab‘s sofort bei der typischen Applausordnung.

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? (06.05.2016)
von Herbert Fritsch
Uraufführung am 23.04.2016 im Schauspielhaus Zürich
Regie: Herbert Fritsch, Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Helmi, Musikalische Leitung: Carsten Meyer und Ruth Rosenfeld, Dramaturgie: Amely Joana Hag
Mit: Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Carsten Meyer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause.

Termine: 25. und 31.05. / 07., 23., 24. und 30.06.2016

Infos: http://www.schauspielhaus.ch

Zuerst erschienen am 08.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Bilder deiner großen Liebe – Sandra Hüller rockt am Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus Wolfgang Herrndorfs unvollendetem Roman

Bilder Deiner Grossen Liebe_Theater Neumarkt_Montage

(c) Theater Neumarkt

Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Dr. Martins – die Schauspielerin Sandra Hüller performt am kleinen Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus dem nachgelassenen und unvollendet gebliebenen Roman Bilder deiner großen Liebe des 2013 verstorbenen Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. In einem krachigen Intro, an Gitarre und Schlagzeug von den Musikern Moritz Bossman und Sandro Tajouri begleitet, hält Hüller mit dem Finger eine imaginäre Sonne an. Isa, Herrndorfs Hauptfigur und Herrscherin in ihrem Universum, macht sich eines Tages aus der Psychiatrie mit zwei Tabletten und ihrem Tagebuch im Gepäck durchs Fenster aus dem Staub. „Steigt man aus dem Fenster, gelangt man in einen Raum wie in seinem eigenen Inneren.“ sagt Isa im Roman, und aus diesem Inneren holt die 14jährige den phantasievollen, poetischen Soundtrack ihres ganzen kurzen Lebens.

2015 hatte die Uraufführung der Bühnenfassung von Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Auch der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer nahm im Januar dieses Jahres Koalls Adaption als Vorlage für seine Inszenierung am Hans Otto Theater. Tom Schneider überführt nun die Text-Vorlage für die Schweizer Erstaufführung in eine Art Spoken-Words-Performance mit Live-Musik. Bühnenbildner Michael Graessner hat ihm dazu eine Studio-Installation mit wirr verlegtem Kabelsalat, abgehängten Skulpturen und Zimmerpflanze für Isas Wald geschaffen.

Innen und außen sind hier nicht klar definiert. Erinnertes aus dem Leben der Protagonistin, wie die widersprüchlichen Geschichten über den Vater, oder ein filmreifer Serienplot über eine auf die Rückkehr eines Soldaten aus Afghanistan Wartenden stehen neben unglaublichen Begegnungen mit geilen Fernfahrern, einem älteren Schriftsteller oder der Fahrt mit einem Flussschiffer. Finden dies Gespräche mit so fantastischen Figuren wie dem taubstummen Jungen nur im Kopf Isas statt, oder ist es tatsächlich Erlebtes? Realität verschwimmt hier mit Fiktion wie Gesprochenes mit dem Gesang.

 

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt - Foto (c) Niklaus Strauss

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt – Foto (c) Niklaus Strauss

 

Sandra Hüller agiert mit Mikro, selbstgesteuerten Lichteffekten, Verzerrer und Hall. Sie demonstriert ziemlich anschaulich diese zwei Welten Isas – die dunkle und die andere – schont sich nicht dabei und lotet in ihrer Performance immer wieder die Grenzen der Repräsentation und Interaktion mit dem Publikum aus. Es ist letztendlich wie in einem echten Konzert, bei dem die Sängerin ihr Innerstes sehr emotional nach außen stülpt. „My Heart is a Graveyard“ singt Sandra Hüller zur Szene, in der Isa auf dem Friedhof vor dem Grab eines jung Gestorbenen steht. In der Szene, in der sie einen toten Jäger im Wald findet, kriecht sie in einen am Boden liegenden Pelzmantel.

Der Wegfall von so zentralen Episoden wie die im Haus des Schriftstellers, der seine Tochter verloren hat, oder die sehr lange epische Passage mit dem Flussschiffer werden vielleicht einige verwundern, die den Roman zuvor bereits gelesen haben. Regisseur Schneider scheint es aber vor allem um die Gedanken und Reflexionen Isas zu gehen, die sich viel um Einsamkeit und den Wunsch nach Geborgenheit drehen. Mit taffer Souveränität überspielt sie diese Unischerheit immer wieder mit ihrer selbstgewählten Außenseiterrolle. Hüller nutzt das ein ums andere Mal zur ausgestellten Pose, die die eigentlich zarte und barfüßige Isa ins imaginäre, schützende Leder einer Rockdiva kleiden.

Gegen das Schreien und die volle Verausgabung stehen sehr persönliche, entblößende Momente, in denen Sandra Hüller auf einem Tennishochsitz über das Alter, das Erinnern und die Liebe spricht. Sehr offen performativ auch die Schilderung der Begegnung mit den aus Herrndorfs Tschick bekannten Jungen, die hier von den beiden Musikern wie bei einem improvisierten Interview gespielt werden. Der Russe und der schüchterne Blonde, in den sie sich verliebt und er auch in sie. Nur weiß er das eben noch nicht, wie Isa erzählt. Hier ist sie ganz weich und legt die schützende Haut ab, auch wenn das nur für Minuten ist, bevor sie wieder an der Abrisskante steht und in den Abgrund blickt.

Die großartige Sandra Hüller bietet eine überzeugende Soloperformance, die auch ein großer Abend für das kleine, im 50. Jahr seines Bestehens von Finanzierungsunbill bedrohte Theater Neumarkt ist.

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Bilder deiner großen Liebe
von Wolfgang Herrndorf, Bühnenfassung von Robert Koall
Regie: Tom Schneider
Bühne und Kostüme: Michael Graessner
Dramaturgie: Inga Schonlau
Musik: Moritz Bossmann, Sandro Tajouri, Sandra Hüller
Mit: Sandra Hüller, Moritz Bossmann, Sandro Tajouri
Premiere der Schweizer Erstaufführung war am 28.04.2016 im Theater Neumarkt
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Termine: wieder in der nächsten Spielzeit

Infos: www.theaterneumarkt.ch/home.html

Zuerst erschienen am 10.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Is this a Woman’s World? Das Festival im Club Berghain fragte sich u.a. in der mitternächtlichen SPEX-Session: Hat Pop ein Frauenproblem?

Montag, August 31st, 2015

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„This is a woman’s world / This is my world” heißt es in Nenneh Cherrys Hit Woman, den sie in ihrem großartigen Konzert am Donnerstag in der Halle im Berghain sang. Sie wollte mit ihrem 1996 entstanden Song dem Klassiker It’s a Man’s World von James Brown aus dem Jahr 1966 ein positives Frauenbild entgegensetzen. Wie sieht es nun heute nach weiteren fast 20 Jahren damit aus? Hat Pop ein Frauenproblem? Der Frage stellte sich auch eine mitternächtliche Diskussionsrunde am Ende des Pop-Kultur-Festivals in der Schlackehalle am Berghain zu der das deutsche Musik-Magazin SPEX geladen hatte. Das selbsternannte Magazin für Popkultur und Medienpartner des Berliner Festivals blickte jüngst auf sein 35jähriges Bestehen zurück. Dafür interviewte der SPEX bereits für seine März-Ausgabe unter dem Titel: „Zurück in die Steinzeit“ bekannte internationale Musikerinnen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit im Pop-Business.

 

Spex-Session_28. August 2015 Pop-Kultur Festival - Foto (c) Roland Owsnitzki Pop Kultur 2015, Berlin Halle Berghain

Spex-Session beim Pop-Kultur Festival – Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Und auch die Autorin, Musikerin und Popfeministin Sandra Grether, die Labelmanagerin Anne Haffmanns, die ehemalige Femen-Aktivistin Theresa Lehmann sowie die Musikerin Balbina sprachen in der SPEX-Session im Berghain mit dem Chefredakteur und „Quoten“-Mann der Talkrunde Torsten Groß über das Problem der immer noch ausstehenden, angemessenen Repräsentation von Frauen in Festivalprogrammen, Medien und Labelkatalogen. Bei den geladenen vier Frauen aus dem Musikgeschäft herrschte dazu jedenfalls große Einigkeit. Die Pop-Welt ist, was dies betrifft, auch heute noch vorwiegend eine Männergesellschaft. Und daran ändert sich wohl auch nur sehr langsam etwas, wie Anne Haffmanns bestätigte. Theresa Lehmann betrachtet aus ihrer Erfahrung mit Femen die Verbindung von Pop mit politischen und feministischen Themen als gescheitert.

Balbina - Foto (c) Nico Wöhrle

Balbina – Foto (c) Nico Wöhrle

Während Sandra Grether den weiterhin bestehenden Alltagssexismus beklagte, monierte auch die Sängerin Balbina die ständige Sexualisierung der Frau in der Musik-Branche. Männliche Labelmanager würden Frauen meist nicht fördern, da sich deren Platten ihrer Meinung nach nicht verkaufen ließen. Es fehle überall am nötigen Rückenwind für aufstrebende Musikerinnen. Frauen, die sich durchsetzen wollten, würden oft als schwierig abgestempelt. Aber gerade die Manager der Major-Label hätten hier eine kulturelle Verantwortung. Ein nahezu vernichtendes Urteil für das deutsche Musik-Business. In Frankreich oder England sehe es da doch wesentlich besser aus – nach Meinung der anwesenden Pop-Frauen. Nach einer Rückfrage aus dem Publikum, was man denn dagegen tun könne, beschwor Balbina vor allem den Zusammenhalt der Frauen untereinander und appellierte an deren Durchhaltevermögen.

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Balbina ist sicher nicht die Retterin des Feminismus in der deutschen Popmusik, aber bereits in einer Lesung ihrer unvertont gebliebenen Gedichte am Donnerstag in der Garderobe des Berghain hinterließ die junge, eloquente Berliner Sängerin einen starken Eindruck. Die zum Teil eher minimalistischen, aber dennoch wortgewaltigen Verse zeichnen sich durch eine hohe Ausdruckskraft und Gedankendichte aus. Balbina geht dabei vom Großen ins alltäglich Kleine, wie sie nach der Lesung erklärte. Schon ihre Liedtexte bewegen sich zwischen scheinbar zielloser Tagträumerei und bewusster Selbstreflexion. „Was treibt uns an? Was treibt und an den Rand?“ Das unruhevolle Ich muss was gegen das Nichtstun tun und ein Langsam Langsamer aus Zweifel an der Schnelllebigkeit der Welt bilden da keine unvereinbaren Gegensätze. Mit ihrem ersten Album Über das Grübeln tritt Balbina am 12. Oktober im unweit vom Berghain gelegenen Postbahnhof am Ostbahnhof auf.

 

Sophie Hunger_28. August 2015 Pop-Kultur Festival - Foto (c) Roland Owsnitzki Pop Kultur 2015, Berlin Halle Berghain

Sophie Hunger beim Pop-Kultur Festival
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Auch sonst zeigte das Pop-Kultur-Festival im Berghain, dass es, was die Repräsentation von Frauen in Festivalprogrammen betrifft, durchaus anders geht. Das Line up des Programms wies jede Menge starke weibliche Künstlerpersönlichkeiten aus und bot neben gestanden Frauen wie Neneh Cherry auch Newcomerinnen wie Schnipo Schranke eine Plattform. Die junge Schweizer Musikerin Sophie Hunger bekam sogar auf Spiegel-Online eine inhaltlich beachtliche Video-Kolumne zum Festival. Ihr ausverkauftes Konzert könnte man durchaus als einen der Höhepunkte des Festivals bezeichnen, und das zeigt, dass sie in Berlin auf dem richtigen Weg ist und hier bereits über eine treue Fangemeinde verfügt. Was auch auf die Musikerin Bianca Cassady zutreffen dürfte, die, sonst Teil des bekannten Düster-Pop-Schwesternduos CocoRosie (sie komponierten die Theatermusik für Robert Wilsons Peter Pan im BE), nun mit der Band C.i.A. auf Solopfaden wandelt. Ihre außergewöhnliche Musik-, Video- und Tanzperformance zwischen clownesker Zirzensik und verspieltem Halloween-Grusel ist in Deutschland bereits auf der Ruhrtriennale und dem Hamburger Kampnagel-Sommerfestival gezeigt worden.

GABI in der Kantine am Berghain - Foto: St. B.

GABI in der Kantine am Berghain – Foto: St. B.

Aber auch ganz kleine Projekte nach dem Motto „Boy meets Girl und machen zusammen Musik“ bekamen beim Pop-Kultur-Festival ihre Chance. So etwa die New Yorker Ausnahmekünstlerin GABI, die sich bei ihrem feenhaften Gesang vom einem Elektro-Percussionisten begleiten ließ. Oder der Elektromusiker Oliver Doerell aus Belgien, der als Cummi Flu zu seiner magischen Musik-, Tanz- und Video-Performances in der Kantine am Berghain mit der Schattentänzerin Lady Ived erschien. Wo anders als auf einem öffentlich subventionierten Festival ließen sich solche eigenwilligen Kleinode der Popmusik in dieser Dichte bewundern. Die erste Ausgabe der Pop-Kultur kann da also nicht allzu viel falsch gemacht haben. Einer Wiederholung im nächsten sollte demnach nichts im Wege stehen.

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Pop-Kultur-Banner

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

Zuerst erschienen am 30.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Konzerte, Performances, Diskussionen und Lesungen – Das neue Pop-Kultur-Festival im Berliner Berghain gibt sich interdisziplinär

Sonntag, August 30th, 2015

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Ob nun Popkomm oder Music Week, Berlin hat einiges versucht, um das angeschlagene Image der deutschen Musikbranche aufzupolieren. 2014 war endgültig Schluss damit. Nun hat sich unter dem Schirm des senatseigenen Musicboard Berlin ein neues Festival gegründet, das sich weit weg von den großen Major-Labels und Branchenkonzernen wieder ganz auf den eigentlichen Künstler fokussieren will. Weniger Messe und Branchentreff, sondern mehr Ausblick auf die innovative, vielfältige deutsche Kunstproduktion, aufgepeppt mit Acts rund um die internationale Musikszene. „It began in Berlin!“ haben sich die Macher der Pop-Kultur selbstbewusst als Motto auf die Fahne geschrieben. Und passend dazu auch den richtigen Veranstaltungsort gefunden. Der Techno-Club Berghain, einst Quelle der alternativen Musik-Szene Berlins, gehört allerdings mittlerweile selbst zur globalen Pop-Kultur und ist in jedem Berlin-Reiseführer zu finden. Nun kommen nicht nur die nächtlichen Partygänger und Technojünger auf ihre Kosten. Fast ohne Schlange stehen und den strengen Blick des legendären Türstehers Sven Marquardt hat endlich auch ein breiteres Publikum Zugang zum Berliner Szene-Tempel Nummer 1.

 

Pop-Kultur 2015 im Berghain - Foto: St. B.

Pop-Kultur 2015 im Berghain – Foto: St. B.

 

Zudem gibt sich das neue Pop-Kultur-Festival auch noch ganz interdisziplinär. So gab es neben den Konzerten auch Performances, Diskussionen und Lesungen. Am Mittwochabend startete das Festival dann auch mit einem ganz bunten Hund der deutschen Musikszene. Andreas Dorau, das Multitalent der 1980er und 90er Jahre präsentierte seine im Mai erschienenen Memoiren unter dem Titel Immer Ärger mit der Unsterblichkeit. Unsterblich ist mit Sicherheit sein, wenn auch einziger, großer Hit Fred vom Jupiter, dessen Entstehungsgeschichte Dorau das Anfangskapitel seines Buches widmet. Beim Schreiben unterstützt hat ihn Musikerkollege und Romanautor Sven Regener, der auf dem Podium der Schlackehalle im Berghain den Lesepart übernahm.

Andreas Dorau und Sven Regener - Foto © Charlotte Goltermann

Sven Regener und Andreas Dorau
Foto © Charlotte Goltermann

Andreas Dorau versicherte, etwas zu tun, was er wesentlich besser könne. Der Komponist, Videofilmer, ein anerkanntes Genie unter den genialen Dilettanten, bediente über sein Laptop einen Videobeamer, mit dem er Fotos sowie Ausschnitte aus selbstgedrehten Musikvideos, Studentenfilmen und sogar einer kleinen Video-Oper zwischen Brecht-Eisler, Dada und Bauhaus an die Leinwand hinter sich warf. Beide Künstler erwiesen sich ganz als nordische Jungs. Regener als launig performender Vorleser und Dorau in verschmitzt-ironischer Zurückhaltung. Fröhliches Understatement als Markenzeichen. Das kann man auch den fast durchweg als witzige Anekdoten daherkommenden Kapiteln aus Doraus Künstlerleben entnehmen. Es schwingt in ihnen natürlich auch immer ein wenig der Größenwahn eines Künstlers mit. Aber auch die Lust am Tüfteln, der Spaß am Machen. Mit Beharrlichkeit ging Dorau seinen Weg, der ihn auf die Spitze der Neuen Deutschen Welle spülte und auch wieder in die Niederungen der elektronischen Independent-Popszene.

Und so ist das Buch letztendlich auch schöner Rückblick auf die Welt der bundesdeutschen Popmusik bis zu ironischen Seitenhieben auf das heutige Business. Andreas Dorau brachte es zumindest noch in Frankreich mit Girls in Love zu einem Top-10-Hit. Eine Kostprobe war zur Erheiterung des Publikums in einem Ausschnitt aus einer französischen TV-Show zu sehen. Recht uneitel gab sich Andreas Dorau hier in der Lesung mit Sven Regener. Und selbst wenn dem Buch kein Erfolg beschieden sein sollte, dann könnte zumindest die Lese-Tour zum Kult werden, oder zumindest eine Plattenpressung davon (mit eingelegter DVD) – ein Metier in dem sich Musiker Dorau auch bestens auskennt.

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Norbert Bisky beim Pop-Kultur-Festival - Foto (c) Roland Owsnitzki Pop Kultur 2015, Berlin Gardrobe Berghain Gardrobe Kantine Opernwerkstaette

Norbert Bisky beim Pop-Kultur-Festival Foto (c) Roland Owsnitzki

Während ein paar weibliche Teenager draußen noch verzweifelt nach Karten für den Auftritt von Schnipo Schranke suchten (das Konzert der angesagten Hamburger Newcomerinnen war als erstes ausverkauft), begann der zweite Pop-Kultur-Festivaltag in der Garderobe im Berghain mit einer interessanten Talkrunde. Maler Norbert Bisky und Tom Fritz, Leiter der Forschungsgruppe „Musikevozierte Hirnplastizität“ am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig unterhielten sich angeregt über die euphorisierende Wirkung von Musik. Es ist bekannt, dass Norbert Bisky sich beim Malen durch Musik inspirieren lässt, wobei er, wie er meinte, den Prozess ein Bewegen mit den Farben auf der Leinwand nennt. Der Rhythmus der Musik übersetzt sich dabei in Farben und Formen. So hat Bisky, der z.B. Crossoversachen mit Tanz ganz toll findet, bereits eine Bühneninstallation für ein Ballett in der Halle am Berghain geschaffen. Und eine Art Tanzteppich aus vergessen Hosen von Partygängern in die Halle am Berghain gehängt.

Die wissenschaftliche Note brachte aber Dr. Fritz in die Talkrunde. Er hat Fitnessgeräte mit einer eingebauten Musiksoftware entwickelt, bei denen die euphorisierende Wirkung von Musik und Bewegung aufs Gehirn genutzt wird. Er nennt die Methode, bei der bestimmte Regionen im Hirn stimuliert werden, „Jymming“. Er hat sich dafür durch Beobachtungen bei Schimpansen inspirieren lassen. Die Funktionsweise wurde dann auch sofort von den Anwesenden auf einer Art Stepper und zwei weiteren Mucki-Geräten ausprobiert. Man kann sich schon bildlich die fitness- und lifestylbegeisterte Gesellschaft beim Trainieren und Technokomponieren vorstellen. Ob das die Pop-Kultur-Zukunft ist, wird sich zeigen. Natürlich können die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch bei der Entwicklung von Therapien gegen Alzheimer helfen.

 

Neneh Cherry (c) Pop-Kultur

Neneh Cherry – Foto (c) Pop-Kultur

 

Wie diese Parallelen zwischen den Disziplinen auch ohne die demonstrierten Fitnessgeräte funktionieren, zeigte sich dann bei den folgenden Konzerten des Abends. So geschehen in der Halle am Berghain, wo bereits am Vortag die Musikbord-Stipendiaten Pantha Du Prince mit Parabolspiegeln am Kopf an drei Turntables stehend eine Kostprobe ihres melodiösen Neo-Romantik-Techno gaben und – genau wie Elektro-Dance-Pionier Matthew Herbert am Donnerstag – die Massen euphorisierten. Die Halle strahlt Power aus, bestätigte auch Soul- und Hip-Hop-Legende Neneh Cherry bei ihrem kraftvollen Auftritt im Anschluss. Neben aktuellen Songs gab sie auch einige ihrer Klassiker wie Woman oder Manchild im neu arrangierten Gewand zum Besten. Die Sängerin, die 1988 ihren ersten großen Hit mit Buffalo Stance landete, bewies trotzt dem etwas zu fettem Technobeat ihrer Begleitband RocketNumberNine, dass ihre Stimme auch eine 17 Meter hohe Industrie-Halle immer noch problemlos füllen kann. Letztmalig 2014 zur Ausstellung 10 Jahre Berghain geöffnet, könnte sich das imposante Anhängsel des originären Clubs durchaus zu einem ernstzunehmenden Veranstaltungsort mausern.

Aber auch die anderen Locations des Pop-Kultur-Festivals waren gut besucht. Pop-Musik erklang auf allen Dancefloors des Veranstaltungsgeländes. Die Gitarrenfraktion hatte man allerdings in die verschwitzte Kantine am Berghain verbannt. Dort roch es dann auch mächtig nach Teen Spirit und anderen Substanzen. Nach den extrem krachigen Gitarren einer irischen Jungs-Band, die sich allerdings Girl Band​ nennt, und deren Sänger gut als Kurt-Cobain-Double durchgehen könnte, zeigten die drei Damen (plus einem Herrn am Schlagzeug) der spanischen Band Mourn, wo eigentlich die Gitarren hängen und das harte Rockmusik schon lange keine Männerdomäne mehr ist. Dass der melodiöse, deutschsprachige Art-Rock nicht tot ist, bewies die Post-Punk-Band Messer, die als Headliner der Gitarren-Session in der Kantine auftrat. Ihr herrlich psychedelisch wabernder Gitarren-Sounds bringt etwas frischen Wind in die Szene. Da schwingt auch ein wenig Dark und New Wave mit und über einem Joy-Divison-Vergleich dürfte die Band um den charismatischen Sänger Hendrik Otremba sicher nicht unglücklich sein.

 

Schnipo Schranke beim Pop-Kultur-Festival - Foto (C) Roland Owsnitzki

Schnipo Schranke beim Pop-Kultur-Festival
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Dass es auch ohne Gitarren ganz gut geht, bewiesen dann ausgerechnet zwei weitere Musikerinnen aus Hamburg. Daniela Reis und Fritzi Ernst vom zurzeit mächtig gehypten Pop-Duo Schnipo Schranke brachten die kleine Kantine am Berghain fast zum Überkochen. Ihre schrägen, aber durchaus hittauglichen Pop-Balladen mit witzigen, expliziten Texten trugen sie am Keyboard unterstützt durch Schlagzeug und Blockflöte vor. Dass die beiden eine klassische Musikausbildung genossen haben, würde man da nicht unbedingt vermuten. Von diesem verkopften Ballast mussten sich Schnipo Schranke (Hamburger Ausdruck für Schnitzel und Pommes mit Majo-Ketchup) auch erst mal emanzipieren und machen nun anerkannter Maßen beste Unterhaltungsmusik, bei der sich angenehm die Nacken- und andere Haare hochstellen. Sie singen von Mädchenträumen, der Sehnsucht nach Liebe, dem Entjungfern und anderen Intimitäten als wäre es das Selbstverständlichste von Welt, was es ja vermutlich auch ist. Und da schmeckt dann eben beim Sex untenrum auch mal alles nur nach Pisse und die Tamponade im Abfluss nicht nach Limonade. In der nächsten Woche erscheint ihr mit vielen Vorschusslorbeeren bedachtes Album satt. Empfehlung der Band im breitesten Hamburgisch: „Kaufen, ne!“

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Pop-Kultur im Berghain - Fotos und Collage: St. B.

Pop-Kultur im Berghain – Fotos und Collage: St. B.

Pop-Kultur 2015: It began in Berlin!
26.-28. August im Berghain
Am Wriezener Bahnhof
10243 Berlin-Friedrichshain

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

Lesetipp:

Ärger mit der Unsterblichkeit
Von Andreas Dorau und Sven Regener
Verlag Galiani Berlin
192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Infos: http://www.galiani.de…

Zuerst erschienen in zwei Beiträgen am 28.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Wassermusik 2015 im HKW Berlin – MOTHER INDIA Teil 2 mit Bhangra-Beats, Sitar-Folk und Sufi-Klängen

Dienstag, August 11th, 2015

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Bhangra-Beats von Swami und Red Baraat

Waren zu Beginn der Wassermusik-Reihe „Mother India“ noch ruhige, meditative Klänge, klassischer Fusion-Jazz und Bollywood-Sounds vorherrschend, ging am vergangenen Freitag nach einer auflockernden Yogastunde erstmals so richtig die Post ab. Zuerst machten im Rahmen ihrer Europatournee die Desirockin’ Electro-Exotic Globehoppin’ Party Starters Swami mit exzellenten Disco-Dancegroovs Station bei der WASSERMUSIK 2015. Die vierköpfige Band um den Londoner Produzenten Diamond Duggal gilt in den Communitys von London, Birmingham und Manchester als „The Futur of Asian Music”. Sie mixen den treibenden Rhythmus der typischen Dhol-Trommeln aus der indischen Region Punjab mit Rock, Hip-Hop, Breakbeat und elektronischen Disco-Sounds. Eine unbedingt tanzbare und mitreißende Performance, an die sich ein weiteres Highlight der global-indischen Fusion-Musik anschließen sollte.

Swami - Foto: St. B.

Swami – Foto: St. B.

Bei Red Baraat aus New York hielt es nun wirklich kaum noch jemanden auf den Liegestühlen und Decken vor der Bühne am Spiegelteich des HKW. Der hundert Prozent schweißtreibende Brooklyn-Bhangra der Band ließe sich noch besser als eine Art Bhangra-Brass bezeichnen, bei dem die tonangebende Dhol-Trommel des Percussionisten Sunny Jain durch eine ganze Sektion von Blechbläsern unterstützt wird. Einst als Hochzeitsband gegründet, besitzen Red Baraat ein ungeheuer vielfältiges Repertoire an verschieden Stilrichtungen. Mit einer Mischung aus indischen Rhythmen, dem Sound der Marching Bands aus New Orleans und sogar lateinamerikanischen Klängen brachte die achtköpfige Truppe das Publikum zum Schwitzen. Ein gelungener Abend, der erst nach mehreren Zugaben zu Ende ging.

Red Baraat - Foto: St. B.

Red BaraatFoto: St. B.

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Sitar-Folk und Sufi-Poetry mit Mike Heron und Arooj Aftab

Und schon wieder hieß es Abschied nehmen von der WASSERMUSIK 2015. Vier Wochen lang gab es unter dem Motto „Mother India“ eine bereichernde Klangreise vom Mutterland Indien in die große, weite Welt der Musikstile. Auch eine „Migration der Klänge“ von Bollywood-Sounds und Banghra-Beats zu den Einflüssen westlicher Pop-, Rock-, Folk- und Jazzmusik und umgekehrt.

Mike Heron_Sitarspieler Ashraf Sharif Khan

Ashraf Sharif KhanFoto: St. B.

So hatte zum Beispiel noch vor einer Woche der alte Hippie-Barde Mike Heron (ehemals Incredible String Band) mit seiner Tochter Georgia Seddon und der international besetzten Band The Trembling Bells ein mitreißendes Konzert auf der Spiegelteich-Bühne vor dem Haus der Kulturen der Welt gegeben, bei dem er schottische Folkmusic mit den Sitar-Klängen des indischen Musikers Ashraf Sharif Khan verband. Zuvor aber konnte das Publikum schon einen kleinen Vorgeschmack auf das letzte Wochenende bekommen. Beim Konzert der jungen Sängerin und Komponistin Arooj Aftab aus New York traf indische Tradition einmal mehr auf westlich Moderne. Ein virtuos beeindruckender, sphärischer Vortrag poetischen Sufi-Gesangs unterstützt durch ein fast klassisches Jazzinstrumentarium aus Bass, Keyboard, Schlagzeug und dem Saxofon der Berliner Musikerin Charlotte Greve.

Arooj Aftab

Arooj AftabFoto: St. B.

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Das Finale mit Chutney Soca von Mungal Patasar und Pantar sowie magischen Sufi-Klängen der Barmer Boys

Nun sollte es also beim Abschluss der WASSERMUSIK nochmal zu einem Treffen von Sufi-Musikern der alten Schule kommen. Nachdem bereits am Freitag Asif Ali Khan, der als legitimer Nachfolger des legendären pakistanischen Qawwali-Sängers Nusrat Fateh Ali Khan gilt, das Publikum in Trance versetzte, zeigten die Barmer Boys, dass die gut 800 Jahre alte musikalische Tradition der islamischen Mystiker und Sufi-Prediger auch im indischen Rajasthan beheimatet ist. Der Sänger und Harmoniumspieler Manga „Mangey“ Khan, der Dhol-Trommler Tarif Khan und der Percussionist Rais Khan, der neben der traditionellen Maultrommel Morchang, der Saitentrommel Bhpang und den kastagnettenartigen Khartaai-Schellen auch das Beat-Boxing beherrscht, spielten eine Mischung aus Sufi-Sounds und dem Rajasthan-Folk der muslimischen Manganiyar-Communities. Ein mitreißendes Konzert, bei dem es am Ende kaum noch jemanden auf seiner Sitzmatte oder im Liegestuhl hielt.

Barmer Boys - Fot: St. B.

Tarif Khan von den Barmer BoysFoto: St. B.

Zuvor aber gab es noch einen Musik-Mix ganz anderer Art. Aus Trinidad und Tobago war der Sitarspieler Mungal Patasar mit Mitgliedern seiner Band Pantar angereist. Der Bandname setzt sich aus dem Wort „Pan“ für die karibischen Steeldrums und dem „tar“ der indischen Sitar zusammen. „Chutney Soca“ nennt sich dann auch der Mix aus Tabla, Sitar, Bass und den typischen Calypso-Klängen des Steeldrum-Virtuosen Harold Headley. Ein berauschendes Fest für die Sinne, das bei den momentan recht sommerlichen Temperaturen nicht nur zum Tanz, sondern auch zum Trinken von exotischen Cocktails verführte. Auf ein neues, inspirierendes WASSERMUSIK-Motto im nächsten Jahr, mit wunderbaren Konzerten auf der dann hoffentlich wieder frisch sanierten Dachterrasse des HKW.

Steeldrumspieler Harold Headley - Foto: St. B.

Steeldrumspieler Harold HeadleyFoto: St. B.

Fotos: St. Bock

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wassermusik_mother_india_c_golden_cosmos_nodeWassermusik 2015
MOTHER INDIA
Vom 17.07. bis 08.08.2015 auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt

Infos: http://www.hkw.de…

Zuerst erschienen am 27. Juli und 9. August 2015 auf Kultura-Extra.

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MOTHER INDIA – Auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt eröffneten das Bombay Connection Orchestra und der Tabla-Star Talvin Singh die Wassermusik 2015 mit Bollywood-Sounds.

Montag, Juli 20th, 2015

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Wassermusik 2015 im HKW Berlin

Wassermusik 2015 im HKW Berlin – Foto: St. B.

Verpackt wie einst der Reichstag um die Ecke ist nun auch das Haus der Kulturen der Welt am Spreeufer des Tiergartens. Die markante Silhouette der „Schwangeren Auster“ ist noch die ganze Sommerpause über hinter Bauplanen verschwunden. Das ließ das alljährliche Open-Air-Festival WASSERMUSIK von der schönen Dachterrasse auf den Spiegelteich vor dem HKW-Haupteingang umziehen. Als legendärer Nachfolger der Umsonst-und-Draußen-Heimatklänge, die dem Neubau des Kanzleramtes weichen mussten und nach langer Odyssee durch Berlin schließlich mangels Sponsoren auf dem Trockenen landeten, hat sich die WASSERMUSIK seit 2008 mit jährlich wechselndem Thema als das Sommerfestival der Weltmusik in der Hauptstadt etabliert.

wassermusik_mother_india_c_golden_cosmos_nodeSang man bei der letztjährigen LUSOFONIA vorwiegend portugiesisch, steht die WASSERMUSIK 2015 ganz unter dem Motto Mother India. Und zur Eröffnung am 17. Juli ließen sich die Veranstalter des HKW etwas ganz Besonderes einfallen. Indien hat neben seiner typischen Musik auch noch eine weitere große Tradition. Die indische Kultur hat ihren Einfluss nicht erst seit der Zeit der Hippie-Bewegung in die westliche Welt getragen. Bereits in den 1930er Jahren begann man der US-amerikanischen Filmindustrie in Hollywood Konkurrenz zu machen und gründete eine unter der Marke Bollywood bekannt gewordene, stetig prosperierende eigene Hindi-Filmproduktion. Herausragendes Merkmal der Bollywood-Filme sind ihre zahlreichen, von berühmten indischen Komponisten geschaffenen Soundtracks mit hohem Kultstatus und großer Fangemeinde nicht nur unter den indischen Cineasten. Mittlerweile feiert man den Bollywood-Sound rund um den Globus.

Die Hochzeit des klassischen Bollywood-Films liegt aber in den 1960-70er Jahren. Genau dieser Ära verpflichtet fühlt sich auch das aus Amsterdam angereiste 14-köpfige Bombay Connection Orchestra um Bandleader Gerry Arling, das zum Warming up bei bereits wieder recht sommerlichen Temperaturen dem Publikum auf der Wiese vor der Spiegelteich-Bühne mit satten Big-Band-Klängen zwischen Jazz, Progressive Rock und Discosound vermischt mit dem Percussion-Rhythmus der traditionell indischen Tablas zusätzlich einheizte. Das Orchester spielte ein frisches, launiges Set, bestehend aus Klassikern des sogenannten Lolly- und Bollywood-Films, das als Hommage an die großen Filmkomponisten R.D. Burman, M. Ashraf und Ilaiyaraaja gedacht war.

Das Bombay Connection Orchestra - Foto: St. B.

Das Bombay Connection OrchestraFoto: St. B.

Es folgte mit dem in London lebenden Talvin Singh ein weiterer großer Meister auf der Tabla. Der führende Protagonist des „Asian Underground“ in Großbritannien zeigte aber nicht seine Fähigkeiten als DJ und Virtuose des elektronischen Tabla-Beats, sondern spielte extra für das Wassermusik-Festival in ganz klassisch indischer Instrumental-Besetzung mit Tablas, Sitar und bezaubernder Gesangstimme den Soundtrack des legendären Hindi-Kultfilms Pakeezah. Der aus den typischen Elementen Tanz, Gesang und einer Herzschmerzhandlung um die unerfüllte Liebe der Kurtisane Nargis zu einem Sohn aus gutem Hause bestehende Bollywood-Klassiker aus dem Jahr 1972 wurde im Anschluss auf der Dachterrasse des HKW gezeigt. Die sehr gefühlvolle, mal rhythmisch treibende dann wieder eher meditativ wirkende Musik des Komponisten Ghulam Mohammed, der bereits während des Drehs verstarb, entließ einen gut gestimmt in die laue Sommernacht.

Talvin Singh - Foto: St. B.

Talvin SinghFoto: St. B.

Die WASSERMUSIK 2015 wird auch weiter im Bann von Bangra, Sitar und Tabla stehen, aber auch mit coolem Jazz und elektronischen Tanzbeats bei einem Electric-Sunday den Brückenschlag in die Moderne wagen. Bis zum 8. August folgen Konzerte so bekannter Künstler wie der berühmten Bollywood-Sängerin Asha Bhosle, dem Sufi-Sänger Asif Ali Khan, der Folklegende Mike Heron oder den Konkani Goan All Stars. Das Filmprogramm jeweils im Anschluss zeigt große Bollywood-Klassiker wie Mother India von 1957, eine Dokumentation über den pakistanischen Qawwali-Sänger Nusrat Fateh Ali Khan oder aktuelle Independent-Filme wie Gandu. Für das leibliche Wohl ist mit typischen Speisen, Getränken und einem Wassermarkt gesorgt. Zusätzlich kann man sogar zünftig zur Wassermusik mit dem Paddelboot auf der Spree anreisen und die verspannte Muskulatur bei einer Yogastunde lockern. Ganz water-proof finden die Konzerte bei Regen in der Halle statt.

Fotos: St. B.

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Wassermusik 2015
MOTHER INDIA
Vom 17.07. bis 08.08.2015 auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt
Abendticket (2 Konzerte + Film) je nach Termin 10€/8€ bis 24€/18€, Film solo; 6€/4€
Yogastunden, Vorträge und Lesungen bei freiem Eintritt

Infos: http://www.hkw.de/…

Zuerst erschienen am 19.07.2015 auf Kultura-Extra.

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