Archive for the ‘Musik’ Category

„Wer hat Angst vor Hugo Wolf?“ und „Bilder deiner großen Liebe“ – Zwei bemerkenswerte Musiktheaterabende in Zürich

Dienstag, Mai 24th, 2016

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? Herbert Fritsch macht sich am Schauspielhaus Zürich virtuos komisch über die romantische Liedkunst her

Wer hat Angst vor Hugo Wolf_Schauspielhaus Zürich_Schaukasten

Schaukasten Schauspielhaus Zürich
Foto: St. B.

Hugo Wolf (1860-1903) ist ein Bruder in Körper und im Geiste eines Franz Schubert, was von der Syphilis bis zum düster melancholischen Wesensart der Liedkomposition reicht. Ein wenig Wahn war bei Wolf auch mit im Spiel. Das ist zunächst kein Grund sich über den Spätromantiker und Wagnerianer Wolf zu erheben, der zu Lebzeiten ähnlich wie Schubert nicht viel galt, aber die gesamte Sehnsuchts- und Schmachtpallette der Dichtkunst deutscher Romantik von Goethe über Mörike, Eichendorff, Fallersleben und Heine bis zu Keller vertont hat. Das romantische Kunstlied ist nun im Kunstschredder von Dada-Wicht Herbert Fritsch, der sich am Geburtsort der sinnverneinenden Kunstvernichtung Zürich allen Ernstes fragt:  Wer hat Angst vor Hugo Wolf?

Als Referenzen stecken da sowohl das bekannte Albee-Drama Wer hat Angst vor Virginia Woolf als auch das Skandal-Gemälde von Barnett Newman Who’s afraid of red, yellow and blue, ein Hauptwerk des Abstrakten Expressionismus, auf dem die Primärfarben Rot, Gelb und Blau als monochrome Farbflächenvariation streifenartig nebeneinander angeordnet sind. Ähnliches hat man Wolfs Kompositionen vorgeworfen, die angeblich leitmotivisch aus der Variation einer einzigen musikalischen Phrase bestünden. Diese These greifen auch Herbert Fritsch und sein Musiker Carsten Meyer unterstützt von der Berliner Sängerin Ruth Rosenfeld für die Arrangements des Zürcher Liederabends auf.

Herbert Fritsch, Regisseur - Foto (c) Thomas Aurin

Herbert Fritsch, Regisseur
Foto (c) Thomas Aurin

Auf Fritschs Bühne kreiseln drei spiegelnde Farbwände in besagtem Rot, Gelb und Blau, die auch gegeneinander um die eigene Achse gedreht werden können. Eine gut illuminierte Showbühne, auf der noch ein schwarzer Flügel steht, den Pianist Carsten Meyer in Las-Vegas-Kostüm virtuos bedient. Das erinnert in den Farben auch ein wenig an Fritschs Dieter-Roth-Abend Murmel, Murmel an der Berliner Volksbühne und in der schrägen Textzusammenstellung an den Konrad Bayer-Abend der die mann, für den der Regisseur gerade erst beim Berliner Theatertreffen mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde.

Fluxus und Dada halten sich in Zürich aber in Grenzen zu Gunsten von sieben Damen mit wunderbaren Gesangsstimmen, die die Bühne zunächst in schwarzen Anzügen mit angeklebten Bärtchen ganz wie die Comedian Harmonists erobern und zu einer Ouvertüre mit Mörikes Du bist Orplid, mein Land! / Das ferne leuchtet ansetzen. Damit legen Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld und Carol Schuler gleich zu Beginn das schöne, große Pathos frisch ironisierend frei.

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie - Foto: Wikipedia

Hugo Wolf, radiert von Ferdinand Schmutzer nach einer Photographie
Foto: Wikipedia

Sieben singende Frauen und ein böser Wolf, eine ebenso romantische Märchen-Assoziation wie Steilvorlage für Fritschs witzige  Blödeleien. Und gemäß Goethes Diktum des ewig Weiblichen übernehmen sie die Regie und geben sie bis auf kurze Momente in denen Carsten Meyer seinen Flügel mit Jazzbesen bearbeitet, nicht wieder aus der Hand. Neben der modern arrangierten Musik des Komponisten Wolf. Weiteres bestimmendes Element sind die wie immer absurden, slapstickartigen Choreografien, die sich im Wechsel der Kostüme, Lichter und Schatten um die drei Wände drehen.

Fritsch dekonstruiert wahnwitzig Text und Musik indem er Mörikes Selbstgeständnis Ich bin meiner Mutter einzig Kind im sich überschlagenden Schnellsprech aufsagen lässt, eine Gruppe Geishas in Phantasiekimonos zu Ich esse nun mein Brot nicht trocken mehr aus dem Italienischen Liederbuch performen, oder Mörikes Frühling lässt sein blaues Band mit Marschmusik unterlegt wird.

Wandern lieb ich für mein Leben von Eichendorff ergeht es nicht viel anders als Ein Stündlein wohl vor Tag von Mörike oder gar Goethes Prinz Pipi. Sie werden durch den Fritsch’schen Lieder-Wolf gedreht. „So la la! Le ralla!“ Und auch der potentielle Rezensent bekommt sein Fett ab, wenn er von Anne Ratte-Polle mit Mörikes Abschied verbal rasch die Treppe hinab gegangen wird.

Die sieben Damen in abgestuften Komplementärfarb-Kostümen lassen nichts aus, um die Hör- und Sehgewohnheit des Bildungsbürgers zu verunsichern. Dass das nur bedingt gelingt, liegt sicher an der grandios perfekten Darbietung, die 90 Minuten bestens unterhält, aber auch etwas zu sehr nur schöne Oberfläche bleibt. Wenn die Sieben immer wieder unermüdlich das Erschrecken voreinander variierenden um die sich drehenden Wände hasten und am Ende wie Minz und Maunz warnend die Hände erheben, so lässt sich das Publikum nicht von einem Laß, o Welt, o laß mich sein! beirren,  und will unbedingt mehr davon. Zugabe gab‘s sofort bei der typischen Applausordnung.

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Wer hat Angst vor Hugo Wolf? (06.05.2016)
von Herbert Fritsch
Uraufführung am 23.04.2016 im Schauspielhaus Zürich
Regie: Herbert Fritsch, Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Helmi, Musikalische Leitung: Carsten Meyer und Ruth Rosenfeld, Dramaturgie: Amely Joana Hag
Mit: Hilke Altefrohne, Sofia Elena Borsani, Lisa-Katrina Mayer, Carsten Meyer, Elisa Plüss, Anne Ratte-Polle, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause.

Termine: 25. und 31.05. / 07., 23., 24. und 30.06.2016

Infos: http://www.schauspielhaus.ch

Zuerst erschienen am 08.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Bilder deiner großen Liebe – Sandra Hüller rockt am Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus Wolfgang Herrndorfs unvollendetem Roman

Bilder Deiner Grossen Liebe_Theater Neumarkt_Montage

(c) Theater Neumarkt

Schwarze Hose, schwarze Jacke, schwarze Dr. Martins – die Schauspielerin Sandra Hüller performt am kleinen Zürcher Theater Neumarkt die Isa aus dem nachgelassenen und unvollendet gebliebenen Roman Bilder deiner großen Liebe des 2013 verstorbenen Schriftstellers Wolfgang Herrndorf. In einem krachigen Intro, an Gitarre und Schlagzeug von den Musikern Moritz Bossman und Sandro Tajouri begleitet, hält Hüller mit dem Finger eine imaginäre Sonne an. Isa, Herrndorfs Hauptfigur und Herrscherin in ihrem Universum, macht sich eines Tages aus der Psychiatrie mit zwei Tabletten und ihrem Tagebuch im Gepäck durchs Fenster aus dem Staub. „Steigt man aus dem Fenster, gelangt man in einen Raum wie in seinem eigenen Inneren.“ sagt Isa im Roman, und aus diesem Inneren holt die 14jährige den phantasievollen, poetischen Soundtrack ihres ganzen kurzen Lebens.

2015 hatte die Uraufführung der Bühnenfassung von Robert Koall am Staatsschauspiel Dresden Premiere. Auch der Potsdamer Intendant Tobias Wellemeyer nahm im Januar dieses Jahres Koalls Adaption als Vorlage für seine Inszenierung am Hans Otto Theater. Tom Schneider überführt nun die Text-Vorlage für die Schweizer Erstaufführung in eine Art Spoken-Words-Performance mit Live-Musik. Bühnenbildner Michael Graessner hat ihm dazu eine Studio-Installation mit wirr verlegtem Kabelsalat, abgehängten Skulpturen und Zimmerpflanze für Isas Wald geschaffen.

Innen und außen sind hier nicht klar definiert. Erinnertes aus dem Leben der Protagonistin, wie die widersprüchlichen Geschichten über den Vater, oder ein filmreifer Serienplot über eine auf die Rückkehr eines Soldaten aus Afghanistan Wartenden stehen neben unglaublichen Begegnungen mit geilen Fernfahrern, einem älteren Schriftsteller oder der Fahrt mit einem Flussschiffer. Finden dies Gespräche mit so fantastischen Figuren wie dem taubstummen Jungen nur im Kopf Isas statt, oder ist es tatsächlich Erlebtes? Realität verschwimmt hier mit Fiktion wie Gesprochenes mit dem Gesang.

 

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt - Foto (c) Niklaus Strauss

Sandra Hüller in Bilder deiner großen Liebe am Theater Neumarkt – Foto (c) Niklaus Strauss

 

Sandra Hüller agiert mit Mikro, selbstgesteuerten Lichteffekten, Verzerrer und Hall. Sie demonstriert ziemlich anschaulich diese zwei Welten Isas – die dunkle und die andere – schont sich nicht dabei und lotet in ihrer Performance immer wieder die Grenzen der Repräsentation und Interaktion mit dem Publikum aus. Es ist letztendlich wie in einem echten Konzert, bei dem die Sängerin ihr Innerstes sehr emotional nach außen stülpt. „My Heart is a Graveyard“ singt Sandra Hüller zur Szene, in der Isa auf dem Friedhof vor dem Grab eines jung Gestorbenen steht. In der Szene, in der sie einen toten Jäger im Wald findet, kriecht sie in einen am Boden liegenden Pelzmantel.

Der Wegfall von so zentralen Episoden wie die im Haus des Schriftstellers, der seine Tochter verloren hat, oder die sehr lange epische Passage mit dem Flussschiffer werden vielleicht einige verwundern, die den Roman zuvor bereits gelesen haben. Regisseur Schneider scheint es aber vor allem um die Gedanken und Reflexionen Isas zu gehen, die sich viel um Einsamkeit und den Wunsch nach Geborgenheit drehen. Mit taffer Souveränität überspielt sie diese Unischerheit immer wieder mit ihrer selbstgewählten Außenseiterrolle. Hüller nutzt das ein ums andere Mal zur ausgestellten Pose, die die eigentlich zarte und barfüßige Isa ins imaginäre, schützende Leder einer Rockdiva kleiden.

Gegen das Schreien und die volle Verausgabung stehen sehr persönliche, entblößende Momente, in denen Sandra Hüller auf einem Tennishochsitz über das Alter, das Erinnern und die Liebe spricht. Sehr offen performativ auch die Schilderung der Begegnung mit den aus Herrndorfs Tschick bekannten Jungen, die hier von den beiden Musikern wie bei einem improvisierten Interview gespielt werden. Der Russe und der schüchterne Blonde, in den sie sich verliebt und er auch in sie. Nur weiß er das eben noch nicht, wie Isa erzählt. Hier ist sie ganz weich und legt die schützende Haut ab, auch wenn das nur für Minuten ist, bevor sie wieder an der Abrisskante steht und in den Abgrund blickt.

Die großartige Sandra Hüller bietet eine überzeugende Soloperformance, die auch ein großer Abend für das kleine, im 50. Jahr seines Bestehens von Finanzierungsunbill bedrohte Theater Neumarkt ist.

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Bilder deiner großen Liebe
von Wolfgang Herrndorf, Bühnenfassung von Robert Koall
Regie: Tom Schneider
Bühne und Kostüme: Michael Graessner
Dramaturgie: Inga Schonlau
Musik: Moritz Bossmann, Sandro Tajouri, Sandra Hüller
Mit: Sandra Hüller, Moritz Bossmann, Sandro Tajouri
Premiere der Schweizer Erstaufführung war am 28.04.2016 im Theater Neumarkt
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Termine: wieder in der nächsten Spielzeit

Infos: www.theaterneumarkt.ch/home.html

Zuerst erschienen am 10.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Is this a Woman’s World? Das Festival im Club Berghain fragte sich u.a. in der mitternächtlichen SPEX-Session: Hat Pop ein Frauenproblem?

Montag, August 31st, 2015

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„This is a woman’s world / This is my world” heißt es in Nenneh Cherrys Hit Woman, den sie in ihrem großartigen Konzert am Donnerstag in der Halle im Berghain sang. Sie wollte mit ihrem 1996 entstanden Song dem Klassiker It’s a Man’s World von James Brown aus dem Jahr 1966 ein positives Frauenbild entgegensetzen. Wie sieht es nun heute nach weiteren fast 20 Jahren damit aus? Hat Pop ein Frauenproblem? Der Frage stellte sich auch eine mitternächtliche Diskussionsrunde am Ende des Pop-Kultur-Festivals in der Schlackehalle am Berghain zu der das deutsche Musik-Magazin SPEX geladen hatte. Das selbsternannte Magazin für Popkultur und Medienpartner des Berliner Festivals blickte jüngst auf sein 35jähriges Bestehen zurück. Dafür interviewte der SPEX bereits für seine März-Ausgabe unter dem Titel: „Zurück in die Steinzeit“ bekannte internationale Musikerinnen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit im Pop-Business.

 

Spex-Session_28. August 2015 Pop-Kultur Festival - Foto (c) Roland Owsnitzki Pop Kultur 2015, Berlin Halle Berghain

Spex-Session beim Pop-Kultur Festival – Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Und auch die Autorin, Musikerin und Popfeministin Sandra Grether, die Labelmanagerin Anne Haffmanns, die ehemalige Femen-Aktivistin Theresa Lehmann sowie die Musikerin Balbina sprachen in der SPEX-Session im Berghain mit dem Chefredakteur und „Quoten“-Mann der Talkrunde Torsten Groß über das Problem der immer noch ausstehenden, angemessenen Repräsentation von Frauen in Festivalprogrammen, Medien und Labelkatalogen. Bei den geladenen vier Frauen aus dem Musikgeschäft herrschte dazu jedenfalls große Einigkeit. Die Pop-Welt ist, was dies betrifft, auch heute noch vorwiegend eine Männergesellschaft. Und daran ändert sich wohl auch nur sehr langsam etwas, wie Anne Haffmanns bestätigte. Theresa Lehmann betrachtet aus ihrer Erfahrung mit Femen die Verbindung von Pop mit politischen und feministischen Themen als gescheitert.

Balbina - Foto (c) Nico Wöhrle

Balbina – Foto (c) Nico Wöhrle

Während Sandra Grether den weiterhin bestehenden Alltagssexismus beklagte, monierte auch die Sängerin Balbina die ständige Sexualisierung der Frau in der Musik-Branche. Männliche Labelmanager würden Frauen meist nicht fördern, da sich deren Platten ihrer Meinung nach nicht verkaufen ließen. Es fehle überall am nötigen Rückenwind für aufstrebende Musikerinnen. Frauen, die sich durchsetzen wollten, würden oft als schwierig abgestempelt. Aber gerade die Manager der Major-Label hätten hier eine kulturelle Verantwortung. Ein nahezu vernichtendes Urteil für das deutsche Musik-Business. In Frankreich oder England sehe es da doch wesentlich besser aus – nach Meinung der anwesenden Pop-Frauen. Nach einer Rückfrage aus dem Publikum, was man denn dagegen tun könne, beschwor Balbina vor allem den Zusammenhalt der Frauen untereinander und appellierte an deren Durchhaltevermögen.

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Balbina ist sicher nicht die Retterin des Feminismus in der deutschen Popmusik, aber bereits in einer Lesung ihrer unvertont gebliebenen Gedichte am Donnerstag in der Garderobe des Berghain hinterließ die junge, eloquente Berliner Sängerin einen starken Eindruck. Die zum Teil eher minimalistischen, aber dennoch wortgewaltigen Verse zeichnen sich durch eine hohe Ausdruckskraft und Gedankendichte aus. Balbina geht dabei vom Großen ins alltäglich Kleine, wie sie nach der Lesung erklärte. Schon ihre Liedtexte bewegen sich zwischen scheinbar zielloser Tagträumerei und bewusster Selbstreflexion. „Was treibt uns an? Was treibt und an den Rand?“ Das unruhevolle Ich muss was gegen das Nichtstun tun und ein Langsam Langsamer aus Zweifel an der Schnelllebigkeit der Welt bilden da keine unvereinbaren Gegensätze. Mit ihrem ersten Album Über das Grübeln tritt Balbina am 12. Oktober im unweit vom Berghain gelegenen Postbahnhof am Ostbahnhof auf.

 

Sophie Hunger_28. August 2015 Pop-Kultur Festival - Foto (c) Roland Owsnitzki Pop Kultur 2015, Berlin Halle Berghain

Sophie Hunger beim Pop-Kultur Festival
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Auch sonst zeigte das Pop-Kultur-Festival im Berghain, dass es, was die Repräsentation von Frauen in Festivalprogrammen betrifft, durchaus anders geht. Das Line up des Programms wies jede Menge starke weibliche Künstlerpersönlichkeiten aus und bot neben gestanden Frauen wie Neneh Cherry auch Newcomerinnen wie Schnipo Schranke eine Plattform. Die junge Schweizer Musikerin Sophie Hunger bekam sogar auf Spiegel-Online eine inhaltlich beachtliche Video-Kolumne zum Festival. Ihr ausverkauftes Konzert könnte man durchaus als einen der Höhepunkte des Festivals bezeichnen, und das zeigt, dass sie in Berlin auf dem richtigen Weg ist und hier bereits über eine treue Fangemeinde verfügt. Was auch auf die Musikerin Bianca Cassady zutreffen dürfte, die, sonst Teil des bekannten Düster-Pop-Schwesternduos CocoRosie (sie komponierten die Theatermusik für Robert Wilsons Peter Pan im BE), nun mit der Band C.i.A. auf Solopfaden wandelt. Ihre außergewöhnliche Musik-, Video- und Tanzperformance zwischen clownesker Zirzensik und verspieltem Halloween-Grusel ist in Deutschland bereits auf der Ruhrtriennale und dem Hamburger Kampnagel-Sommerfestival gezeigt worden.

GABI in der Kantine am Berghain - Foto: St. B.

GABI in der Kantine am Berghain – Foto: St. B.

Aber auch ganz kleine Projekte nach dem Motto „Boy meets Girl und machen zusammen Musik“ bekamen beim Pop-Kultur-Festival ihre Chance. So etwa die New Yorker Ausnahmekünstlerin GABI, die sich bei ihrem feenhaften Gesang vom einem Elektro-Percussionisten begleiten ließ. Oder der Elektromusiker Oliver Doerell aus Belgien, der als Cummi Flu zu seiner magischen Musik-, Tanz- und Video-Performances in der Kantine am Berghain mit der Schattentänzerin Lady Ived erschien. Wo anders als auf einem öffentlich subventionierten Festival ließen sich solche eigenwilligen Kleinode der Popmusik in dieser Dichte bewundern. Die erste Ausgabe der Pop-Kultur kann da also nicht allzu viel falsch gemacht haben. Einer Wiederholung im nächsten sollte demnach nichts im Wege stehen.

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Pop-Kultur-Banner

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

Zuerst erschienen am 30.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Konzerte, Performances, Diskussionen und Lesungen – Das neue Pop-Kultur-Festival im Berliner Berghain gibt sich interdisziplinär

Sonntag, August 30th, 2015

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Ob nun Popkomm oder Music Week, Berlin hat einiges versucht, um das angeschlagene Image der deutschen Musikbranche aufzupolieren. 2014 war endgültig Schluss damit. Nun hat sich unter dem Schirm des senatseigenen Musicboard Berlin ein neues Festival gegründet, das sich weit weg von den großen Major-Labels und Branchenkonzernen wieder ganz auf den eigentlichen Künstler fokussieren will. Weniger Messe und Branchentreff, sondern mehr Ausblick auf die innovative, vielfältige deutsche Kunstproduktion, aufgepeppt mit Acts rund um die internationale Musikszene. „It began in Berlin!“ haben sich die Macher der Pop-Kultur selbstbewusst als Motto auf die Fahne geschrieben. Und passend dazu auch den richtigen Veranstaltungsort gefunden. Der Techno-Club Berghain, einst Quelle der alternativen Musik-Szene Berlins, gehört allerdings mittlerweile selbst zur globalen Pop-Kultur und ist in jedem Berlin-Reiseführer zu finden. Nun kommen nicht nur die nächtlichen Partygänger und Technojünger auf ihre Kosten. Fast ohne Schlange stehen und den strengen Blick des legendären Türstehers Sven Marquardt hat endlich auch ein breiteres Publikum Zugang zum Berliner Szene-Tempel Nummer 1.

 

Pop-Kultur 2015 im Berghain - Foto: St. B.

Pop-Kultur 2015 im Berghain – Foto: St. B.

 

Zudem gibt sich das neue Pop-Kultur-Festival auch noch ganz interdisziplinär. So gab es neben den Konzerten auch Performances, Diskussionen und Lesungen. Am Mittwochabend startete das Festival dann auch mit einem ganz bunten Hund der deutschen Musikszene. Andreas Dorau, das Multitalent der 1980er und 90er Jahre präsentierte seine im Mai erschienenen Memoiren unter dem Titel Immer Ärger mit der Unsterblichkeit. Unsterblich ist mit Sicherheit sein, wenn auch einziger, großer Hit Fred vom Jupiter, dessen Entstehungsgeschichte Dorau das Anfangskapitel seines Buches widmet. Beim Schreiben unterstützt hat ihn Musikerkollege und Romanautor Sven Regener, der auf dem Podium der Schlackehalle im Berghain den Lesepart übernahm.

Andreas Dorau und Sven Regener - Foto © Charlotte Goltermann

Sven Regener und Andreas Dorau
Foto © Charlotte Goltermann

Andreas Dorau versicherte, etwas zu tun, was er wesentlich besser könne. Der Komponist, Videofilmer, ein anerkanntes Genie unter den genialen Dilettanten, bediente über sein Laptop einen Videobeamer, mit dem er Fotos sowie Ausschnitte aus selbstgedrehten Musikvideos, Studentenfilmen und sogar einer kleinen Video-Oper zwischen Brecht-Eisler, Dada und Bauhaus an die Leinwand hinter sich warf. Beide Künstler erwiesen sich ganz als nordische Jungs. Regener als launig performender Vorleser und Dorau in verschmitzt-ironischer Zurückhaltung. Fröhliches Understatement als Markenzeichen. Das kann man auch den fast durchweg als witzige Anekdoten daherkommenden Kapiteln aus Doraus Künstlerleben entnehmen. Es schwingt in ihnen natürlich auch immer ein wenig der Größenwahn eines Künstlers mit. Aber auch die Lust am Tüfteln, der Spaß am Machen. Mit Beharrlichkeit ging Dorau seinen Weg, der ihn auf die Spitze der Neuen Deutschen Welle spülte und auch wieder in die Niederungen der elektronischen Independent-Popszene.

Und so ist das Buch letztendlich auch schöner Rückblick auf die Welt der bundesdeutschen Popmusik bis zu ironischen Seitenhieben auf das heutige Business. Andreas Dorau brachte es zumindest noch in Frankreich mit Girls in Love zu einem Top-10-Hit. Eine Kostprobe war zur Erheiterung des Publikums in einem Ausschnitt aus einer französischen TV-Show zu sehen. Recht uneitel gab sich Andreas Dorau hier in der Lesung mit Sven Regener. Und selbst wenn dem Buch kein Erfolg beschieden sein sollte, dann könnte zumindest die Lese-Tour zum Kult werden, oder zumindest eine Plattenpressung davon (mit eingelegter DVD) – ein Metier in dem sich Musiker Dorau auch bestens auskennt.

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Norbert Bisky beim Pop-Kultur-Festival - Foto (c) Roland Owsnitzki Pop Kultur 2015, Berlin Gardrobe Berghain Gardrobe Kantine Opernwerkstaette

Norbert Bisky beim Pop-Kultur-Festival Foto (c) Roland Owsnitzki

Während ein paar weibliche Teenager draußen noch verzweifelt nach Karten für den Auftritt von Schnipo Schranke suchten (das Konzert der angesagten Hamburger Newcomerinnen war als erstes ausverkauft), begann der zweite Pop-Kultur-Festivaltag in der Garderobe im Berghain mit einer interessanten Talkrunde. Maler Norbert Bisky und Tom Fritz, Leiter der Forschungsgruppe „Musikevozierte Hirnplastizität“ am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig unterhielten sich angeregt über die euphorisierende Wirkung von Musik. Es ist bekannt, dass Norbert Bisky sich beim Malen durch Musik inspirieren lässt, wobei er, wie er meinte, den Prozess ein Bewegen mit den Farben auf der Leinwand nennt. Der Rhythmus der Musik übersetzt sich dabei in Farben und Formen. So hat Bisky, der z.B. Crossoversachen mit Tanz ganz toll findet, bereits eine Bühneninstallation für ein Ballett in der Halle am Berghain geschaffen. Und eine Art Tanzteppich aus vergessen Hosen von Partygängern in die Halle am Berghain gehängt.

Die wissenschaftliche Note brachte aber Dr. Fritz in die Talkrunde. Er hat Fitnessgeräte mit einer eingebauten Musiksoftware entwickelt, bei denen die euphorisierende Wirkung von Musik und Bewegung aufs Gehirn genutzt wird. Er nennt die Methode, bei der bestimmte Regionen im Hirn stimuliert werden, „Jymming“. Er hat sich dafür durch Beobachtungen bei Schimpansen inspirieren lassen. Die Funktionsweise wurde dann auch sofort von den Anwesenden auf einer Art Stepper und zwei weiteren Mucki-Geräten ausprobiert. Man kann sich schon bildlich die fitness- und lifestylbegeisterte Gesellschaft beim Trainieren und Technokomponieren vorstellen. Ob das die Pop-Kultur-Zukunft ist, wird sich zeigen. Natürlich können die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch bei der Entwicklung von Therapien gegen Alzheimer helfen.

 

Neneh Cherry (c) Pop-Kultur

Neneh Cherry – Foto (c) Pop-Kultur

 

Wie diese Parallelen zwischen den Disziplinen auch ohne die demonstrierten Fitnessgeräte funktionieren, zeigte sich dann bei den folgenden Konzerten des Abends. So geschehen in der Halle am Berghain, wo bereits am Vortag die Musikbord-Stipendiaten Pantha Du Prince mit Parabolspiegeln am Kopf an drei Turntables stehend eine Kostprobe ihres melodiösen Neo-Romantik-Techno gaben und – genau wie Elektro-Dance-Pionier Matthew Herbert am Donnerstag – die Massen euphorisierten. Die Halle strahlt Power aus, bestätigte auch Soul- und Hip-Hop-Legende Neneh Cherry bei ihrem kraftvollen Auftritt im Anschluss. Neben aktuellen Songs gab sie auch einige ihrer Klassiker wie Woman oder Manchild im neu arrangierten Gewand zum Besten. Die Sängerin, die 1988 ihren ersten großen Hit mit Buffalo Stance landete, bewies trotzt dem etwas zu fettem Technobeat ihrer Begleitband RocketNumberNine, dass ihre Stimme auch eine 17 Meter hohe Industrie-Halle immer noch problemlos füllen kann. Letztmalig 2014 zur Ausstellung 10 Jahre Berghain geöffnet, könnte sich das imposante Anhängsel des originären Clubs durchaus zu einem ernstzunehmenden Veranstaltungsort mausern.

Aber auch die anderen Locations des Pop-Kultur-Festivals waren gut besucht. Pop-Musik erklang auf allen Dancefloors des Veranstaltungsgeländes. Die Gitarrenfraktion hatte man allerdings in die verschwitzte Kantine am Berghain verbannt. Dort roch es dann auch mächtig nach Teen Spirit und anderen Substanzen. Nach den extrem krachigen Gitarren einer irischen Jungs-Band, die sich allerdings Girl Band​ nennt, und deren Sänger gut als Kurt-Cobain-Double durchgehen könnte, zeigten die drei Damen (plus einem Herrn am Schlagzeug) der spanischen Band Mourn, wo eigentlich die Gitarren hängen und das harte Rockmusik schon lange keine Männerdomäne mehr ist. Dass der melodiöse, deutschsprachige Art-Rock nicht tot ist, bewies die Post-Punk-Band Messer, die als Headliner der Gitarren-Session in der Kantine auftrat. Ihr herrlich psychedelisch wabernder Gitarren-Sounds bringt etwas frischen Wind in die Szene. Da schwingt auch ein wenig Dark und New Wave mit und über einem Joy-Divison-Vergleich dürfte die Band um den charismatischen Sänger Hendrik Otremba sicher nicht unglücklich sein.

 

Schnipo Schranke beim Pop-Kultur-Festival - Foto (C) Roland Owsnitzki

Schnipo Schranke beim Pop-Kultur-Festival
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Dass es auch ohne Gitarren ganz gut geht, bewiesen dann ausgerechnet zwei weitere Musikerinnen aus Hamburg. Daniela Reis und Fritzi Ernst vom zurzeit mächtig gehypten Pop-Duo Schnipo Schranke brachten die kleine Kantine am Berghain fast zum Überkochen. Ihre schrägen, aber durchaus hittauglichen Pop-Balladen mit witzigen, expliziten Texten trugen sie am Keyboard unterstützt durch Schlagzeug und Blockflöte vor. Dass die beiden eine klassische Musikausbildung genossen haben, würde man da nicht unbedingt vermuten. Von diesem verkopften Ballast mussten sich Schnipo Schranke (Hamburger Ausdruck für Schnitzel und Pommes mit Majo-Ketchup) auch erst mal emanzipieren und machen nun anerkannter Maßen beste Unterhaltungsmusik, bei der sich angenehm die Nacken- und andere Haare hochstellen. Sie singen von Mädchenträumen, der Sehnsucht nach Liebe, dem Entjungfern und anderen Intimitäten als wäre es das Selbstverständlichste von Welt, was es ja vermutlich auch ist. Und da schmeckt dann eben beim Sex untenrum auch mal alles nur nach Pisse und die Tamponade im Abfluss nicht nach Limonade. In der nächsten Woche erscheint ihr mit vielen Vorschusslorbeeren bedachtes Album satt. Empfehlung der Band im breitesten Hamburgisch: „Kaufen, ne!“

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Pop-Kultur im Berghain - Fotos und Collage: St. B.

Pop-Kultur im Berghain – Fotos und Collage: St. B.

Pop-Kultur 2015: It began in Berlin!
26.-28. August im Berghain
Am Wriezener Bahnhof
10243 Berlin-Friedrichshain

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

Lesetipp:

Ärger mit der Unsterblichkeit
Von Andreas Dorau und Sven Regener
Verlag Galiani Berlin
192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Infos: http://www.galiani.de…

Zuerst erschienen in zwei Beiträgen am 28.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Wassermusik 2015 im HKW Berlin – MOTHER INDIA Teil 2 mit Bhangra-Beats, Sitar-Folk und Sufi-Klängen

Dienstag, August 11th, 2015

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Bhangra-Beats von Swami und Red Baraat

Waren zu Beginn der Wassermusik-Reihe „Mother India“ noch ruhige, meditative Klänge, klassischer Fusion-Jazz und Bollywood-Sounds vorherrschend, ging am vergangenen Freitag nach einer auflockernden Yogastunde erstmals so richtig die Post ab. Zuerst machten im Rahmen ihrer Europatournee die Desirockin’ Electro-Exotic Globehoppin’ Party Starters Swami mit exzellenten Disco-Dancegroovs Station bei der WASSERMUSIK 2015. Die vierköpfige Band um den Londoner Produzenten Diamond Duggal gilt in den Communitys von London, Birmingham und Manchester als „The Futur of Asian Music”. Sie mixen den treibenden Rhythmus der typischen Dhol-Trommeln aus der indischen Region Punjab mit Rock, Hip-Hop, Breakbeat und elektronischen Disco-Sounds. Eine unbedingt tanzbare und mitreißende Performance, an die sich ein weiteres Highlight der global-indischen Fusion-Musik anschließen sollte.

Swami - Foto: St. B.

Swami – Foto: St. B.

Bei Red Baraat aus New York hielt es nun wirklich kaum noch jemanden auf den Liegestühlen und Decken vor der Bühne am Spiegelteich des HKW. Der hundert Prozent schweißtreibende Brooklyn-Bhangra der Band ließe sich noch besser als eine Art Bhangra-Brass bezeichnen, bei dem die tonangebende Dhol-Trommel des Percussionisten Sunny Jain durch eine ganze Sektion von Blechbläsern unterstützt wird. Einst als Hochzeitsband gegründet, besitzen Red Baraat ein ungeheuer vielfältiges Repertoire an verschieden Stilrichtungen. Mit einer Mischung aus indischen Rhythmen, dem Sound der Marching Bands aus New Orleans und sogar lateinamerikanischen Klängen brachte die achtköpfige Truppe das Publikum zum Schwitzen. Ein gelungener Abend, der erst nach mehreren Zugaben zu Ende ging.

Red Baraat - Foto: St. B.

Red BaraatFoto: St. B.

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Sitar-Folk und Sufi-Poetry mit Mike Heron und Arooj Aftab

Und schon wieder hieß es Abschied nehmen von der WASSERMUSIK 2015. Vier Wochen lang gab es unter dem Motto „Mother India“ eine bereichernde Klangreise vom Mutterland Indien in die große, weite Welt der Musikstile. Auch eine „Migration der Klänge“ von Bollywood-Sounds und Banghra-Beats zu den Einflüssen westlicher Pop-, Rock-, Folk- und Jazzmusik und umgekehrt.

Mike Heron_Sitarspieler Ashraf Sharif Khan

Ashraf Sharif KhanFoto: St. B.

So hatte zum Beispiel noch vor einer Woche der alte Hippie-Barde Mike Heron (ehemals Incredible String Band) mit seiner Tochter Georgia Seddon und der international besetzten Band The Trembling Bells ein mitreißendes Konzert auf der Spiegelteich-Bühne vor dem Haus der Kulturen der Welt gegeben, bei dem er schottische Folkmusic mit den Sitar-Klängen des indischen Musikers Ashraf Sharif Khan verband. Zuvor aber konnte das Publikum schon einen kleinen Vorgeschmack auf das letzte Wochenende bekommen. Beim Konzert der jungen Sängerin und Komponistin Arooj Aftab aus New York traf indische Tradition einmal mehr auf westlich Moderne. Ein virtuos beeindruckender, sphärischer Vortrag poetischen Sufi-Gesangs unterstützt durch ein fast klassisches Jazzinstrumentarium aus Bass, Keyboard, Schlagzeug und dem Saxofon der Berliner Musikerin Charlotte Greve.

Arooj Aftab

Arooj AftabFoto: St. B.

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Das Finale mit Chutney Soca von Mungal Patasar und Pantar sowie magischen Sufi-Klängen der Barmer Boys

Nun sollte es also beim Abschluss der WASSERMUSIK nochmal zu einem Treffen von Sufi-Musikern der alten Schule kommen. Nachdem bereits am Freitag Asif Ali Khan, der als legitimer Nachfolger des legendären pakistanischen Qawwali-Sängers Nusrat Fateh Ali Khan gilt, das Publikum in Trance versetzte, zeigten die Barmer Boys, dass die gut 800 Jahre alte musikalische Tradition der islamischen Mystiker und Sufi-Prediger auch im indischen Rajasthan beheimatet ist. Der Sänger und Harmoniumspieler Manga „Mangey“ Khan, der Dhol-Trommler Tarif Khan und der Percussionist Rais Khan, der neben der traditionellen Maultrommel Morchang, der Saitentrommel Bhpang und den kastagnettenartigen Khartaai-Schellen auch das Beat-Boxing beherrscht, spielten eine Mischung aus Sufi-Sounds und dem Rajasthan-Folk der muslimischen Manganiyar-Communities. Ein mitreißendes Konzert, bei dem es am Ende kaum noch jemanden auf seiner Sitzmatte oder im Liegestuhl hielt.

Barmer Boys - Fot: St. B.

Tarif Khan von den Barmer BoysFoto: St. B.

Zuvor aber gab es noch einen Musik-Mix ganz anderer Art. Aus Trinidad und Tobago war der Sitarspieler Mungal Patasar mit Mitgliedern seiner Band Pantar angereist. Der Bandname setzt sich aus dem Wort „Pan“ für die karibischen Steeldrums und dem „tar“ der indischen Sitar zusammen. „Chutney Soca“ nennt sich dann auch der Mix aus Tabla, Sitar, Bass und den typischen Calypso-Klängen des Steeldrum-Virtuosen Harold Headley. Ein berauschendes Fest für die Sinne, das bei den momentan recht sommerlichen Temperaturen nicht nur zum Tanz, sondern auch zum Trinken von exotischen Cocktails verführte. Auf ein neues, inspirierendes WASSERMUSIK-Motto im nächsten Jahr, mit wunderbaren Konzerten auf der dann hoffentlich wieder frisch sanierten Dachterrasse des HKW.

Steeldrumspieler Harold Headley - Foto: St. B.

Steeldrumspieler Harold HeadleyFoto: St. B.

Fotos: St. Bock

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wassermusik_mother_india_c_golden_cosmos_nodeWassermusik 2015
MOTHER INDIA
Vom 17.07. bis 08.08.2015 auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt

Infos: http://www.hkw.de…

Zuerst erschienen am 27. Juli und 9. August 2015 auf Kultura-Extra.

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MOTHER INDIA – Auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt eröffneten das Bombay Connection Orchestra und der Tabla-Star Talvin Singh die Wassermusik 2015 mit Bollywood-Sounds.

Montag, Juli 20th, 2015

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Wassermusik 2015 im HKW Berlin

Wassermusik 2015 im HKW Berlin – Foto: St. B.

Verpackt wie einst der Reichstag um die Ecke ist nun auch das Haus der Kulturen der Welt am Spreeufer des Tiergartens. Die markante Silhouette der „Schwangeren Auster“ ist noch die ganze Sommerpause über hinter Bauplanen verschwunden. Das ließ das alljährliche Open-Air-Festival WASSERMUSIK von der schönen Dachterrasse auf den Spiegelteich vor dem HKW-Haupteingang umziehen. Als legendärer Nachfolger der Umsonst-und-Draußen-Heimatklänge, die dem Neubau des Kanzleramtes weichen mussten und nach langer Odyssee durch Berlin schließlich mangels Sponsoren auf dem Trockenen landeten, hat sich die WASSERMUSIK seit 2008 mit jährlich wechselndem Thema als das Sommerfestival der Weltmusik in der Hauptstadt etabliert.

wassermusik_mother_india_c_golden_cosmos_nodeSang man bei der letztjährigen LUSOFONIA vorwiegend portugiesisch, steht die WASSERMUSIK 2015 ganz unter dem Motto Mother India. Und zur Eröffnung am 17. Juli ließen sich die Veranstalter des HKW etwas ganz Besonderes einfallen. Indien hat neben seiner typischen Musik auch noch eine weitere große Tradition. Die indische Kultur hat ihren Einfluss nicht erst seit der Zeit der Hippie-Bewegung in die westliche Welt getragen. Bereits in den 1930er Jahren begann man der US-amerikanischen Filmindustrie in Hollywood Konkurrenz zu machen und gründete eine unter der Marke Bollywood bekannt gewordene, stetig prosperierende eigene Hindi-Filmproduktion. Herausragendes Merkmal der Bollywood-Filme sind ihre zahlreichen, von berühmten indischen Komponisten geschaffenen Soundtracks mit hohem Kultstatus und großer Fangemeinde nicht nur unter den indischen Cineasten. Mittlerweile feiert man den Bollywood-Sound rund um den Globus.

Die Hochzeit des klassischen Bollywood-Films liegt aber in den 1960-70er Jahren. Genau dieser Ära verpflichtet fühlt sich auch das aus Amsterdam angereiste 14-köpfige Bombay Connection Orchestra um Bandleader Gerry Arling, das zum Warming up bei bereits wieder recht sommerlichen Temperaturen dem Publikum auf der Wiese vor der Spiegelteich-Bühne mit satten Big-Band-Klängen zwischen Jazz, Progressive Rock und Discosound vermischt mit dem Percussion-Rhythmus der traditionell indischen Tablas zusätzlich einheizte. Das Orchester spielte ein frisches, launiges Set, bestehend aus Klassikern des sogenannten Lolly- und Bollywood-Films, das als Hommage an die großen Filmkomponisten R.D. Burman, M. Ashraf und Ilaiyaraaja gedacht war.

Das Bombay Connection Orchestra - Foto: St. B.

Das Bombay Connection OrchestraFoto: St. B.

Es folgte mit dem in London lebenden Talvin Singh ein weiterer großer Meister auf der Tabla. Der führende Protagonist des „Asian Underground“ in Großbritannien zeigte aber nicht seine Fähigkeiten als DJ und Virtuose des elektronischen Tabla-Beats, sondern spielte extra für das Wassermusik-Festival in ganz klassisch indischer Instrumental-Besetzung mit Tablas, Sitar und bezaubernder Gesangstimme den Soundtrack des legendären Hindi-Kultfilms Pakeezah. Der aus den typischen Elementen Tanz, Gesang und einer Herzschmerzhandlung um die unerfüllte Liebe der Kurtisane Nargis zu einem Sohn aus gutem Hause bestehende Bollywood-Klassiker aus dem Jahr 1972 wurde im Anschluss auf der Dachterrasse des HKW gezeigt. Die sehr gefühlvolle, mal rhythmisch treibende dann wieder eher meditativ wirkende Musik des Komponisten Ghulam Mohammed, der bereits während des Drehs verstarb, entließ einen gut gestimmt in die laue Sommernacht.

Talvin Singh - Foto: St. B.

Talvin SinghFoto: St. B.

Die WASSERMUSIK 2015 wird auch weiter im Bann von Bangra, Sitar und Tabla stehen, aber auch mit coolem Jazz und elektronischen Tanzbeats bei einem Electric-Sunday den Brückenschlag in die Moderne wagen. Bis zum 8. August folgen Konzerte so bekannter Künstler wie der berühmten Bollywood-Sängerin Asha Bhosle, dem Sufi-Sänger Asif Ali Khan, der Folklegende Mike Heron oder den Konkani Goan All Stars. Das Filmprogramm jeweils im Anschluss zeigt große Bollywood-Klassiker wie Mother India von 1957, eine Dokumentation über den pakistanischen Qawwali-Sänger Nusrat Fateh Ali Khan oder aktuelle Independent-Filme wie Gandu. Für das leibliche Wohl ist mit typischen Speisen, Getränken und einem Wassermarkt gesorgt. Zusätzlich kann man sogar zünftig zur Wassermusik mit dem Paddelboot auf der Spree anreisen und die verspannte Muskulatur bei einer Yogastunde lockern. Ganz water-proof finden die Konzerte bei Regen in der Halle statt.

Fotos: St. B.

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Wassermusik 2015
MOTHER INDIA
Vom 17.07. bis 08.08.2015 auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt
Abendticket (2 Konzerte + Film) je nach Termin 10€/8€ bis 24€/18€, Film solo; 6€/4€
Yogastunden, Vorträge und Lesungen bei freiem Eintritt

Infos: http://www.hkw.de/…

Zuerst erschienen am 19.07.2015 auf Kultura-Extra.

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Hitzeschlacht und coole Tanzbeats – Das 25. TFF in Rudolstadt zwischen Heidecksburg, Innenstadt und Heinepark.

Samstag, Juli 11th, 2015

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Das 25. TFF in Rudolstadt - Foto: St. B.

Das 25. TFF in Rudolstadt – Foto: St. B.

Und Gabby wartet im (Heine)Park

Es soll Leute geben, die sich neben dem TFF in Rudolstadt auch noch für die Umgebung der thüringischen Kleinstadt an der Saale interessieren. So lädt die z.B. auch zu einem Wandel auf Schillers Spuren rund um die Rudolstädter Rivera genannte Gegend ein. In diesem Jahr geriet bei Temperaturen um die 35 Grad allerdings schon der fröhliche Wechsel von Bühne zu Bühne zwischen Heinepark, der schönen Innenstadt und der Heidecksburg hoch über Rudolstadt – und das zu Fuß (!) – zur Tour de Force. Gerade noch bei 9Bach auf der Heidecksburg muss man schon wieder den Marsch in den Park antreten, wo ja nach Udo Jürgens‘ selig-bekanntlich Gabi wartet.

Gabby Young - Foto: St. B.

Gabby YoungFoto: St. B.

Mit Gabi ist in diesem Fall die Britin Gabby Young mit ihren Other Animals gemeint. Eine burleske Truppe, die mit ihren schrägen Songs und Kostümen zwischen den fantastischen Tiger Lillys und barocker Barbarella changieren. Mit glockenheller Stimme und Blumen im Haar schlug Gabby ihre Fans am Freitagabend vor der Konzertbühne nach dem ersten vollen Hitzetag in ihren Bann. Nach kurzem Regenguss hatte da schon die spanische Gianna Nannini den Folkis wieder eingeheizt. Sés aus Galizien stand ihrem italienischem Vorbild in nichts nach und reihte sich umstandslos in den Reigen der großen Frauenstimmen am zweiten Festivaltag ein. Songs quer durch die Musikwelt der iberischen Halbinsel wechselten sich mit gut abgehangener Rockmusik und einigen feministischen Statements ab. Gut so.

Sés - Foto: St. B.

SésFoto: St. B.

9Bach - Foto: St. B.

9BachFoto: St. B.

Fast noch besser war zuvor auf der Heidecksburg die walisische Band 9Bach, die im klassischen Sinne nichts mit dem Leipziger Barockkomponisten zu tun hat, sondern mit wunderbar melancholischer Folkmusik aus dem Südwesten der britischen Insel. Lisa Jen gab bei glühender Nachmittagshitze eine Lehrstunde in walisischer Sprache, angefangen beim Alphabet bis zu einigen Mitsingversen fürs gebannte Publikum, das sich teils an die schattenspendenden Wände des Burghofs gedrückt oder direkt vor der Bühne platziert hatte. Wer es nicht aushielt, konnte sich unter den Bäumen der unteren Burgterrasse ausruhen und von dort trotzdem den meditativen Klängen des deutsch-libanesischen Orient-Projekts Masaa lauschen. Die Band um den Sänger Rabih Lahoud hatte sich zur Verstärkung die Israelin Yael Deckelbaum geholt, die bereits mit ihrer Frauenband Habanot Nechama 2009 in Rudolstadt gastierte. Eine freud- und friedvolle Völkerverständigung der musikalischen Art.

Masaa + Yael Deckelbaum

Masaa + Yael DeckelbaumFoto: St. B.

Salif Keita - Foto: St. B.

Salif KeitaFoto: St. B.

Das Highlight des Abends war aber mit Sicherheit die „Neue Stimme Amerikas“, die mit Rhiannon Giddens den Freitag der Frauen krönte. Die junge Sängerin aus dem Süden der USA führte mit ihren Liedern durch mindestens ein Jahrhundert amerikanische Folkmusik. Mit ihrer frischen an Joan Baez oder Joni Mitchell erinnernde Stimme interpretierte sie Songs von Nina Simon, Countrygrößen wie Dolly Parten oder Patsy Cline und natürlich Bob Dylan genauso gut wie Folk-, Blues- und Gospelklassiker, die in Deutschland u.a. durch den Filme der Coen-Brüder bekannt sind. Damit stellte sie den eigentlichen Headliner des Abends, den großen alten Mann des Mali-Blues, Salif Keita, mit seinen Ambssadeurs in den Schatten der großen Bühne im Heinepark.

Rhiannon Giddens - Foto: St. B.

Rhiannon GiddensFoto: St. B.

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Schwerpunkte Jazz und Norwegen

Nils Petter Molvaer - Foto: St. B.

Nils Petter Molvaer Foto: St. B.

Neben dem Schwerpunkt norwegischer Musik war auch der Auftakt des 25. TFF recht jazzlastig. Der Sound zog sich in den verschiedensten Varianten durch die erste Hälfte des Festivals. Am Donnerstagabend gab es zur Eröffnung das, was man gemeinhin als Fusion bezeichnen würde. Die Rhythmuskings Sly & Robbie, die bereits Black Uhuru oder die Rolling Stones begleiteten, haben sich mit dem norwegischen Jazz-Trompeter Nils Petter Molvaer zusammengetan und ein relaxtes Programm zwischen Free-Jazz-Improvisationen, Elektrobeats sowie Samples und jazzy Remixen bekannter Rockklassiker der Rolling Stones oder Pink Floyd entwickelt. Dagegen konnte der blecherne Klang der hochgelobten Elektro-Swinger Caravan Palace, die nach den iberischen Trommler der Band Coetus die große Bühne im Heinepark enterten, nicht überzeugen. Die Tanzwütigen unter dem Festivalvolk wird das nicht weiter stören. Ob Klezmer-Punk mit Ramzailech aus Israel, magischen Zittern oder diatonische Akkordeon-Klänge mit Ferro Gaita von den Kapverdischen Inseln, getanzt wird immer beim TFF in Rudolstadt.

Ramzailech - Foto: St. B.

RamzailechFoto: St. B.

Coetus - Foto: St. B.

CoetusFoto: St. B.

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Verleihung des Deutschen Weltmusikpreises RUTH

Eurasians Unity - Foto: St. B.

Eurasians Unity
Foto: St. B.

So heiß, wie die ersten Tage begonnen hatten, ging es am Samstag und Sonntag beim 25. TFF auch weiter. Und es lag nicht nur an den hochsommerlichen Temperaturen, dass die in diesem Jahr wieder zahlreich erschienenen Zuschauer dabei ordentlich in Schwitzen kamen. In der glühenden Hitze des Samstagnachmittags auf der Heidecksburg ging es mit der Verleihung des Deutschen Weltmusik-Preises, der RUTH, an die deutsch-libanesische Band Masaa (die wir schon am Vortag auf der Burgterrasse bewundern durften), an das fantastische, multinationale Women-in-Jazz-Projekt Eurasians Unity und an den Berliner Liedermacher Funny van Dannen zunächst noch verhältnismäßig relaxed zu. Van Dannen freute sich sichtlich darüber, endlich auch mal einen Preis wie ein Fußballer bekommen zu haben und intonierte sogleich seinen Hit „Fußball 2“ (Thema: latente Homosexualität). Auch wusste er zu berichten, dass die armen Berliner Künstler ab 55 aufwärts jetzt vom Kultursenator Kokain auf Krankenschein bekämen. Weitere herrliche Kostproben aus 20 Jahren ironischer Liedkunst zur Gitarre gab van Dannen dann noch mit den Klassikern „Nana Mouskouri“, „Ich hab einen Arbeitsplatz vernichtet“, „Okapiposter“ und „Schilddrüsenunterfunktion“.

Funny Van Dannen_RUTH

Funny Van Dannen mit der RUTH – Foto: St. B.

Gerhard Polt & Die Well-Brüder - Foto: St. B.

Gerhard Polt & Die Well-BrüderFoto: St. B.

Mariza - St. B.

Mariza St. B.

Spaß und Humor mit leichtem Hintersinn also, der später mit dem Kabarettisten Gerhard Polt seine bayrische Entsprechung bekam. Unterstützt von den Well-Brüdern (ehemals Biermösl Blosn), die auch in der neuen Besetzung ihre Klassiker zum Besten gaben, führte der begnadete Satiriker Polt die Zuschauer vor der großen Burg-Bühne in die Absonderlichkeiten bayrischer Kultur und Feuerwehrfeste sowie in die Geschichte der CSU-Reliquien und die Denkwelt eines fußgängerhassenden Autofetischisten ein. Musikalisch international und prominent wurde es dann nochmal am Abend auf der Burg mit der zurzeit bekanntesten Stimme des portugiesischen Fado, Mariza. Für die große, schlanke Frau mit dem markanten blonden Kurzhaar ist der melancholische Gesang der Lissaboner Kneipen aber nur eine Facette ihres künstlerischen Werks. Gemeinsam mit ihrer Band interpretierte sie auch brasilianische Musik sowie andere portugiesische Volkslieder und brachte das völlig bezauberte Publikum sogar zum Mitsingen.

Torgeir Vassvik - Foto: St. B.

Torgeir VassvikFoto: St. B.

Nomadic Massive - Foto: St. B.

Nomadic MassiveFoto: St. B.

Klänge ganz anderer Art gab es dann am späten Abend noch auf der Konzertbühne im Heinepark. Zu einzelnen Blitzen aus der Ferne, die von einem lang erwarteten Hitzegewitter kündeten, beschwor der norwegische Künstler Torgeier Vassvik wie ein Schamane mit dem Kehlkopfgesang der Sámi (Joik genannt) den leicht einsetzenden Regen. Vassvik begleitete seinen rauen, spirituell-meditativen Gesang auf der akustischen Gitarre, wozu sich noch weitere elektronisch verstärkte Streichinstrumente und Drums zu einem treibenden Rhythmus gesellten. Der große Regen blieb fürs erste aus, und die Samstagnacht im Heinepark beschloss die kanadische Rap- und HipHop-Band Nomadic Massive. Die Gruppe aus drei Rappern und zwei Rapperinnen, begleitet von Gitarre, Bass, Schlagzeug und zwei Bläsern, brachte die Menge vor der großen Parkbühne dann noch mal mit schnellem Rap-Gesang und Dance-Beats gewaltig zum Kochen.

Nobuntu - Foto: St. B.

NobuntuFoto: St. B.

Monster Ceilidh Band3

Monster Ceilidh BandFoto: St. B.

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Experimentelles, Twist und Reggae zum Abschluss

Nach drei ereignisreichen Tagen war man, der Hitze geschuldet, am Sonntag doch schon etwas ausgepowert. Der letzte Festivaltag lud aber nochmal zu einigen Entdeckungen und Highlights ein. Im Heinepark überraschte u.a. die erste Frauen-Akapella-Gruppe Nobuntu aus dem südafrikanischen Zimbabwe, die das Publikum ebenso begeisterten wie die Monster Ceilidh Band. Die jungen Briten mischten englische und schottische Volksmusik mit Drum’n’Bass und brachten so das müde Partyvolk, das sie schon am Samstag im Tanzzelt geschafft hatten, wieder auf die Beine.

Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp - Foto: St. B.

Orchestre Tout Puissant Marcel DuchampFoto: St. B.

Gleich im Anschluss dann das wohl interessanteste Musikprojekt des 25. TFF: Aus der Schweiz kommt das Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp. Mit musealer Sanitärkeramik des „allmächtigen“ Ready-made-Künstlers Marcel Duchamp hat das aber so gut wie nichts zu tun. Es ist wohl eher die Lust am Experimentieren mit gebräuchlichen Stilrichtungen der Musik wie Jazz, Punk, alternativem Pop und New-Wave, was recht schräg anmutend mit Afrobeats und Calypso-Klängen gemixt wird. Minimalistische Konzeptkunst im besten Sinne, die trotzdem rhythmisch mitriss und für gute nachmittägliche Stimmung im Park sorgte.

Džambo Agušhevi Orchestra - Foto: St. B.

Džambo Agušhevi OrchestraFoto: St. B.

Kein TFF kommt ohne die obligatorische Balkan-Brass-Kapelle aus. Auf der großen Bühne des Heineparks battelte dann gleich eine ganze Schar von coolen mazedonischen Sonnenbrillenträgern um den Titel „Gypsy-Superstar“. Angeblich können sie sogar Berge zum Tanzen bringen. Das Džambo Agušhevi Orchestra hatte so auch schon den inoffiziellen, aber amtlichen Weltmeistertitel aller Balkanbläser gewonnen und brachte zumindest das Rudolstädter Tanzvolk vor der großen Bühne des Heineparks zum Hopsen. Gepflegt, aber nicht unwitzig, konnte dann noch auf der Heidecksburg zu den Klängen des Yiddish Twist Orchesters getanzt werden. Die Gruppe um den Chef Dave Bitelli am Saxofon, den Sänger Natty Bo und den recht kommunikativen Gitarristen Ben Mandelson lässt ein ganzes jüdisches Salonorchester des Swingin‘ London der 1950er Jahre inklusive der reizvoll twistenden Radio-Sisters wieder aufleben.

Yiddisch Twist Orchestra - Foto: St. B.

Yiddisch Twist Orchestra – Foto: St. B.

Man kann sicher immer nur einen kleinen Querschnitt des vielfältigen TFF-Programms Revue passieren lassen. Alles zu sehen, wird einem wohl nie gelingen. Aber auch die Hitzeschlacht zum 25. Jubiläum bleibt in guter Erinnerung. Den Schlusspunkt setzte am Sonntagabend im Heinepark der Deutsche Reggae-Musikers Patrice, der neben seinem Faible für Reggae, Soul, Funk und HipHop auch seine romantische Seite mit Herz-Schmerz-Popsongs wie „Faces (I believe in something bigger than me)“ vom neuen Album The Rising of the Son zeigte und damit vor allem den TFF-Nachwuchs begeisterte. Die Erlösung mit erfrischenden Temperaturen brachte dann kurz nach dem Ende des Konzerts der lange angesagte Gewitterguss.

Patrice - Foto: St. B.

PatriceFoto: St. B.

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Auch im nächsten Jahr wird es wieder ein TFF in Rudolstadt geben. Es findet vom 7. bis 10. Juli 2016 statt und richtet den Fokus auf die unterschiedlichen Musikstile und Traditionen aus Kolumbien und auf den Tanz Cumbia.

Link zur Facebook-Galerie

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

25. TFF Rudolstadt
Roots Folk Weltmusik
2.-5. Juli 2015

Weitere Infos: https://tff-rudolstadt.de/de/startseite.html

Zuerst erschienen am 04.07. und 08.07.2015 auf Kultura-Extra.

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25 Jahre TFF – Rudolstadt lädt vom 2. bis 5. Juli 2015 zum Jubiläums Tanz und Folk Festival nach Thüringen

Mittwoch, Juli 1st, 2015
(c) TFF Rudolstadt

(c) TFF Rudolstadt

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Seit 25 Jahren gibt es nun schon das TFF Rudolstadt. Die Anfänge reichen eigentlich sogar bis ins Jahr 1955 zurück. Das sogenannte „Fest des deutschen Volkstanzes“ entwickelte sich schnell zu einem jährlich stattfindenden DDR-Tanz-und-Folklorefest unter starker Beteiligung der osteuropäischen Nationen, damals noch sozialistische Bruderländer genannt. 1991 erfolgte der Neustart als Forum für die klassische Folkszene. Mittlerweile ist das TFF aber zum größten und renommiertestes Festival für Roots, Folk und Weltmusik mit internationalem Renommee in Deutschland avanciert. Alljährlich besuchen zwischen 70.000 und 90.000 Musikbegeisterte die bis zu 200 Konzerte auf den mehr als 20 Bühnen der kleinen Saalestadt. Und auch zum Jubiläums-Festival 2015 haben sich wieder rund 150 Bands angesagt.

Diesmal, so heißt es von den Veranstaltern, steht das TFF ganz im Zeichen der nordischen Mystik. Zum Länderschwerpunkt Norwegen werden Künstler erwartet, die die gesamte musikalische Vielfalt des Landes zwischen A-Cappella- und Geigenmusik, Folk und Jazz sowie Sápmi-Archaik und Kirchengesang abdecken. Dazu kündigt das Festival gleich zu Beginn am Donnerstagabend ein Highlight und seltenes Crossover-Projekt an: Der gemeinsame Auftritt des international gefeierten Jazz-Trompeters Nils Petter Molvaer mit Sly & Robbie, dem legendären Rhythmus-Gespann des jamaikanischen Reggae und Dub. Ganz nordische kommen sicher auch die Valkyrien Allstars mit ihrer von drei Hardangerfiedeln getragenen Rockmusik daher. Und die Band Vassvik verschmilzt die ursprüngliche samische Tradition des Joikens mit moderner, expressiver Streichertechnik.

Der Tanz steht natürlich auch wieder ganz im Mittelpunkt des Festivals. Im Tanzzelt im Heinepark kann man sich zum Halling und anderen norwegischen Tänze verabreden. Am Sonntag um 11 Uhr wird im Thüringischen Landestheater der norwegische Choreograf Hallgrim Hansegård mit seiner Company Frikar das Tanzstück LEAHKIT aufführen. Das magische Instrument ist in diesem Jahr die Cister – auch Zister oder Zitter genannt – ein Zupfinstrument aus der Familie der Kastenhalslauten. Die Magic-Konzerte der aus sechs Ländern stammenden Instrumentalisten finden am Freitag um 17.30 Uhr auf der Bühne der Burgterrasse und am Samstag um 21 Uhr in der Stadtkirche statt.

(c) TFF Rudolstadt

(c) TFF Rudolstadt

Auch in diesem Jahr wird wieder der Deutsche Weltmusikpreis RUTH verliehen. Der Hauptpreis geht an das Projekt Eurasians Unity, das sich musikalisch zwischen Balkan und Vorderem Orient bewegt. Auf den Förderpreis kann sich das Ethno-Jazz-Quartett Masaa freuen. Mit der Ehren- RUTH werden die Musikjournalisten Cornelia Rost und Werner Fuhr ausgezeichnet und den Sonderpreis, des TFF-Teams erhält der Kreuzberger Liedermacher Funny van Dannen für seine „liebevoll durchgeknallten Songs“, wie es in der Begründung heißt. Die Preisverleihung und Gewinner-Konzerte finden am Samstag ab 15 Uhr wie immer auf der Heidecksburg statt.

Zu den ganz großen Namen auf dem Festival zählt mit Sicherheit die portugiesische Fado-Sängerin Mariza (Sa. 22 Uhr, Heidecksburg). Aber auch weitere Highlights hält das vielseitige Lineup des 25. TFF bereit. Zu nennen wären vor allem der deutsche Reggae-Sänger Patrice, die aus Mali anreisende Supergroup Westafrikas Les Ambassadeurs mit dem Sänger Salif Keita, „Amerikas nächste große Frauenstimme“ Rhiannon Giddens, die französischen Erfinder des Electro Swing Caravan Palace und natürlich der bayrische Kabarettist Gerhard Polt, der mit den Well-Brüdern aus’m Biermoos (ehemals Biermösl Blosn) zum Festival nach Thüringen kommt.

Wer auf Devotionalien aus 25 Jahren TFF steht, sollte unbedingt am Sonntag ab 12 Uhr in den Stadthaussaal kommen. Dort versteigert das TFF-Grafikerteam alte TFF-Dekorationen u.a. die wunderbar bunt bemalten, großformatigen Bühnen- Prospekte, oder für den kleineren Hosensack die passenden Taschentücher. Regenschirme wird es nicht brauchen, es ist für alle vier Tage Sonnenschein mit bis zu 35°C angesagt. Etwas, was es auch nicht alle Jahre gab. Bleibt nur noch allen, die nach Rudolstadt fahren, viel Spaß zu wünschen. Beginn ist am Donnerstag um 21:00 Uhr auf der großen Bühne im Heinepark mit dem sicherlich ersten Höhepunkt, der spanischen Rhythmusgruppe Coetus.

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Das 25. TFF 2015 auf wieder auf der Heidecksburg - Foto: St. B.

Auch wieder auf der Heidecksburg
Das 25. TFF 2015
Foto: St. B.

TFF Rudolstadt
Roots Folk Weltmusik
2.-5. Juli 2015

Weitere Infos: https://tff-rudolstadt.de/de/startseite.html

TFF-Rückblick:

2011

2012

2013

2014

Zuerst erschienen am 30.06.2015 auf Kultura-Extra.

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Cobain – Montage of Heck, ein Dokumentarfilm von Brett Morgen über den charismatischen Kopf der US-amerikanischen Grunge-Band Nirvana

Mittwoch, April 8th, 2015

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Image_001Neben Janis Joplin, Jim Morisson und Jimi Hendrix war Kurt Cobain, Sänger und Kopf der Anfang der 1990er Jahre recht erfolgreichen Grunge-Band Nirvana aus Seattle (Washington), das wohl bekannteste Mitglied im Klub, der mit 27 Jahren gestorbenen Rockmusiker – mit dem Unterschied, dass er selbst entscheidend daran mitgewirkt hatte. Am 5. April 1994 schoss sich Kurt Cobain, mit einer Selbstladeflinte in den Kopf. Vorangegangen waren Wochen der Abgeschiedenheit, Depressionen und Jahre des exzessiven Drogenmissbrauchs. Cobain, der Held einer ganzen Generation von Jugendlichen, schien den schnellen Ruhm und den Kult, der sich um ihn aufgebaute hatte, nicht verarbeiten zu können. Dokumentarfilmer Brett Morgen sucht in erster Line keine Erklärungen für den Tod Cobains, auch geht er keinen Verschwörungstheorien nach. Er zeigt in Cobain – Montage of Heck die andere, bisher kaum bekannte Seite des Rockstars, als sensiblen, vielseitig begabten Künstler, der als eigentlicher Outsider Zeit seines Lebens in der ihm zugedachten Leader-Rolle einer desillusionierten Jugend doch auch nur nach Normalität und Anerkennung suchte.

Brett Morgen - Foto (c) Arts Alliance

Brett Morgen
Foto (c) Arts Alliance

Dazu hat Brett Morgen die Erlaubnis der mitproduzierenden Cobain-Tochter Frances Bean erhalten, erstmals den in einem Lagerhaus befindlichen persönlichen Nachlass des Musikers zu sichten. Der 1967 in der Kleinstadt Aberdeen (Washington) geborene Kurt Cobain hat ein schier unermessliches Konvolut, bestehend aus Tagebuchaufzeichnungen, Demotapes mit Musik- und Sprachaufnahmen, sowie viele Zeichnungen, Comicgeschichten und andere Objekte der Bildenden Kunst hinterlassen. Dieses nun für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu haben, ist vielleicht der größte Verdienst des Filmprojekts von Brett Morgen. Den Titel für seinen Film entlehnte er einem der vielen Mixtapes von Kurt Cobain. Montage of Heck entstand ca. 1988 und enthält eine von Cobain kreierte Mischung aus manipulierten Radiomitschnitten, Geräuschen und eigenen Demoversionen. Und so hat auch Morgen seine Dokumentation aus Familienfotos, privaten Home-Videos, Konzertmitschnitten, Zeitungsartikeln und animierten Spielszenen (von Stefan Nadelman und Hisko Hulsing) aus dem Leben Kurt Cobains im wahrsten Sinne des Wortes montiert.

Passagen aus Gesprächen, die der Regisseur mit den geschiedenen Eltern und der Schwester Cobains, dem ehemaligen Bandmitglied Krist Novoselic, der Freundin aus früheren Tagen Tracy Marander und natürlich Courtney Love, der in den Medien viel geschmähten Witwe des Rockmusikers, geführt hat, stehen wie beglaubigende O-Ton-Kommentare daneben. Der Zuschauer erfährt Details über die verkorkste Kindheit und Jugend Cobains. Fotos der Eltern lassen den American Way of Live der Fifties wieder auferstehen. Zwei, die jung geheiratet haben, im Glauben, die Liebe würde ewig halten, und sich dann doch auseinander lebten. Mutter und Vater erzählen aus heutiger Sicht über ihren Sohn, dessen Energie sie nicht zu bändigen vermochten. Kurt schwankt immer wieder unverstanden zwischen den Fronten, wird von Mutter über Vater zu den Großeltern weitergereicht. Die heile Familie, die er sich wünscht, und die sein Vater erst mit einer anderen Frau verwirklicht hat, bietet für den rebellierenden Außenseiter auf Dauer keinen Halt.

Cobain - Montage of Heck - Foto (c) Arts Alliance

Cobain – Montage of HeckFoto (c) Arts Alliance

Chronologisch wird Kurt Cobain Werdegang bildlich nachvollzogen. Ausschnitte aus Home-Videos der Eltern zeigen Kurts frühes Talent zur künstlerischen Performance. Der Junge spielt auf der Gitarre, zeichnet viel und sucht unablässig nach Bestätigung. Dabei wirkte er oft auch sehr verletzlich. Der Ex-Nirvana-Bassist Novoselic weist auf diese Seite hin, wenn er darüber spricht, wie Cobain auf schlechte Kritiken reagierte und keinerlei Demütigungen ertragen konnte. Immer wieder zieht sich der Musiker tagelang zurück. In diesen introvertierten Phasen produziert Kurt Cobain aber den Großteil seiner Kunst. Die Energie dafür nimmt er förmlich aus dem Bauch. Songs aus dem Magen wie es Cobain, der seit frühster Jugend an unerklärlichen psychosomatischen Schmerzen leidet, nennt.

Der schnelle Hype der Band Nirvana und der ganze darauf folgende Rock’n’Roll-Lifestyle scheinen ihn aber kaum zu interessieren. Bei den eingeblendeten Interviews wirkt Cobain oft wie abwesend, während Krist Novoselic eher das Image des coolen Underdogs pflegt. Nur in den Konzerten geht der Sänger und Bandleader sichtlich aus sich heraus. Dieses Abreagieren aufgestauter Aggressionen ist auch in den vielen Skizzen, dahingekritzelten Songtexten und teils sehr aggressiv wirkenden Comicstrips, die Morgen immer wieder in den Film einmontiert, erkennbar. Ein ebenfalls recht wirkungsvolles Mittel sind die künstlerisch animierten Tagebuchpassagen, die einen Einblick in die Gedankenwelt des jungen Kurt bieten.

Cobain - Montage of Heck - Foto (c) Arts Alliance

Cobain – Montage of HeckFoto (c) Arts Alliance

Das Familienleben, das Kurt Cobain immer fehlte, scheint er dann in der Heirat mit der Rocksängerin Courtney Love endlich gefunden zu haben. Auch hier gibt es bisher nie gezeigtes Filmmaterial aus der heimischen Wohnung, das beide mit ihrer Tochter Francis Bean zeigen. Man scherzt miteinander, feiert Geburtstag und singt „Amazing Grace“. Aber auch hier scheint Kurt oft wie abwesend. Brett Morgen beteuert in einem zusätzlichen 12minütigen Interview zum Making Of, dass er den Film vor allem für Francis Bean gemacht habe. Sie hat dem Regisseur in dieser Hinsicht auch völlig vertraut. Morgen lässt die sehr intimen Bilder aus dem Familienvideos unkommentiert. Ob sie eine heile oder nur eine Scheinwelt zeigen, bleibt dem Empfinden des Betrachters überlassen. Dass das Paar lange Zeit heroinabhängig war, ist bekannt. Morgen lässt noch einmal in Zeitungsausschnitten die damalige Medien-Kampagne als beispielloses Zeichen einer Dämonisierung Revue passieren. Darüber scheint zumindest Kurt Cobain nicht hinweggekommen zu sein.

Auf den Suizid selbst geht der Regisseur in seiner Dokumentation nicht mehr ein. Was aber auf keinen Fall zu kurz kommen darf, ist natürlich die Musik Kurt Cobains und seiner Band Nirvana. Brettt Morgen setzt an das Ende seines Films Ausschnitte aus der denkwürdigen MTV-Unplugged-Session im November 1993 in New York. Die letzte Tour der Band im März 1994 brach Cobain dann ab. Nirvanas größter Hit Smells like Teen Spirit ist zur Hymne der sogenannten Genration X geworden. Ob Kurt Cobain wirklich deren Sprecher war, oder nicht doch eher ein sensibler nach Anerkennung ringender Künstler und Mensch, kann nun anhand dieser Dokumentation nachvollzogen werden. „All in all is all we are.“

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Cobain – Montage of Heck
USA 2015, 135 Minuten
Regie, Buch: Brett Morgen
Kamera: James Whitaker, Eric Edwards, Nicole Hirsch Whitaker
Schnitt: Joe Beshenkovsky, Brett Morgen
Animation: Stefan Nadelman, Hisko Hulsing
Musik: Kurt Cobain, Nirvana
Produzenten: Brett Morgen, Danielle Renfrew Behrens
Ausführende Produzenten: Frances Bean Cobain, Lawrence Mestel, David Byrnes
Co-Produzent: James Smith
Co-Executive Producer: David Morrison, Debra Eisenstadt
Co-Produktion: Universal Pictures International Entertainment Content Group, London, HBO Documentary Films, Santa Monica
Mit: Kurt Cobain, Wendy O’Connor, Don Cobain, Jenny Cobain, Kimberly Cobain, Tracy Marander, Krist Novoselic, Courtney Love

Kinostart: ab 09.04.2015 für nur kurze Zeit in ausgewählten Kinos
Fernsehpremiere auf HBO: 04.05.2015

Infos: http://cobainfilm.com

Zuerst erschienen am 08.04.2015 auf Kultura-Extra.

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil 4): Mit dem Programm „Lusofonia“ begibt sich die WASSERMUSIK 2014 in die portugiesischsprachige Welt.

Freitag, August 15th, 2014

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(c) Haus der Kulturen der Welt

(c) Haus der Kulturen der Welt

Nach dem die WASSERMUSIK 2013 im Pazifischen Klangraum surfte, wird auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt in diesem Jahr mit dem Motto „Lusofonia“ der portugiesischsprachige Teil der Musikwelt bereist. Einst große Seefahrernation haben die Portugiesen ihre Sprache und Kultur in weite Teile des Erdballs gebracht. Nachdem die Weltmacht Portugal weitestgehend verblasst ist und infolge der Nelkenrevolution vor nunmehr 40 Jahren die ehemaligen Kolonien Angola, Mosambik, Guinea-Bissau, die Kapverdischen Inseln sowie São Tomé und Principe ihre Unabhängigkeit erlangten, bleibt als ein Erbe der Kolonisation noch eine kulturell weithin rege Sprachgemeinschaft mit einer musikalischen Vielfalt, die es immer wieder neu zu entdecken gilt.

Neben dem postkolonialen Erbe Portugals mit all seinen bekannten Schwierigkeiten nicht nur auf dem Afrikanischen Kontinent ist es aber vor allem Brasilien, das dem Ursprungsland der lusophonen Welt neben dem Fußball auch in der Musik (wie gerade erst bei der COPA DA CULTURA 2.0 ) Konkurrenz macht, und sich global gesehen großer Beliebtheit erfreut. So ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass zur Eröffnung der WASSERMUSIK 2014 gleich an eine brasilianische Musik-Legende erinnert wurde. Der Saxofonist Daniel Nogueira spielte mit seinem 13-köpfigen Ensemble Projeto Coisa Fina neben Traditionals der brasilianischen Latin-Jazz-Szene vor allem Stücke aus dem vielschichtigen Werk des Komponisten und Multiinstrumentalisten Moacir Santos. Stimmlich unterstützt wurde das Ensemble dabei durch den Sänger Flavio Tris.

Daniel Nogueira & Projeto Coisa Fina convida Flavio Tris - Foto: St. B.

Daniel Nogueira & Projeto Coisa Fina convida Flavio Tris – Foto: St. B.

Eine Sängerin von besonderem Format gab es dann im Anschluss noch mit Mayra Andrade von den kapverdischen Inseln zu bewundern. Die Inselgruppe vor der Westküste Afrikas ist musikalisch vor allem durch die Ausnahmekünstlerin Cesária Évora geprägt worden. Mit der erst 29-jährigen Mayra Andrade besitzen die Kapverden aber auch in Zukunft eine stimmlich durchaus ebenbürtige Nachfolgerin. Neben Traditionellem überzeugte sie dabei vor allem mit ihren eigenen Songs, die Musikstile wie Reggae, Son, Chanson, Bossa Nova und Flamenco mit dem musikalischen Erbe der Inseln verbinden. Die recht zahlreich und ganz waterproof in der Ausstellungshalle des HKW erschienene heimatliche Gemeinde zollte der faszinierenden Sängerin viel Applaus.

Mayra Andrade - Foto: St. B.

Mayra Andrade – Foto: St. B.

War die Eröffnung der WASSERMUSIK fast schon traditionell mit etwas Nass von oben bedacht, brachten die folgenden Wochenenden auch viel Sonnenschein auf der Dachterrasse des HKW. Besonders ins Schwitzen kamen die Weltmusik-Aficionados, für die die WASSERMUSIK bereits seit langem einen festen Platz im nicht gerade prallen Berliner Sommer-Oper-Air-Terminplan eingenommen hat, aber beim rein afrikanischen Abend am 8. August. Diesmal kam die angolanische Community voll auf ihre Kosten. Schon zu Beginn heizte DJ Nigga Fox aus Lissabon mit Urban Beats und Afro-House den bereits Anwesenden phonstark ein. Ein erster echter Kontrastpunkt im Programm der WASSERMUSIK 2014.

Fotos: St. B.

Einen Mix zwischen traditionellen angolanischen Drumsounds, Breakbeats und Raps gaben danach die Homeboyz mit ihrem „African Central Soul“. Sehnsüchtig erwartetet wurde aber der Star des Abends, MC Cabo Snoop. Der Shootingstar aus Luanda, Gewinner des MTV Africa Music Awards 2010, präsentierte denKuduro („harter Hintern“), eine noch junge aber bereits weltweit bekannte Tanzmusik aus Angola. Hierbei rappten sich Cabo Snoop und seine Mitstreiter an den Micros und Turntables mit Hip-Hop, Techno und Punk im wahrsten Sinne des Wortes den Hintern ab. Das ließ niemanden mehr kalt und so erklommen immer wieder Mutige aus dem Publikum die Bühne und maßen sich mit dem begnadeten Tänzer und Entertainer.

Maria de Medeiros Foto © Pedro Ferreira

Maria de Medeiros
Foto © Pedro Ferreira

Komplettiert wird das Live-Programm der WASSERMUSIK 2014 an diesem Wochenende mit zwei weiteren interessanten weiblichen Stimmen. Am Freitagabend steht die portugiesische Chanteuse, Jazzsängerin und Schauspielerin Maria de Medeiros auf der Bühne der Dachterrasse des HKW. Bekannt wurde sie vor allem durch ihren Auftritt als Blaubeerkuchen liebende Fabienne in Quentin Tarantinos Kultfilm Pulp Fiction. Die brasilianische Künstlerin Ava Rocha wird dann am Samstag mit ihrer dunklen, ausdrucksstarken Stimme komplexe aber doch übersichtliche Sound-Räume erschaffen. Beendet wird das umfangreiche Konzertprogramm dann nochmals ganz afrikanisch. Mit Conjunto Angola 70 groovt die Altherrenriege der ersten Blütezeit der Popmusik Angolas in den 70er-Jahren über die Bühne der hoffentlich sonnigen Dachterrasse.

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WASSERMUSIK: Lusofonia
Ein Sommer-Open-Air-Festival
auf der Dachterrasse des Haues der Kulturen der Welt
(25. Juli 2014 – 16. August 2014)

Infos:

Wie immer finden die Veranstaltungen bei trockenem Wetter auf der Dachterrasse, bei Regen in der Ausstellungshalle statt.

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Open-Air-Sommer 2014 (Teil1): Das Finale des TFF Rudolstadt – Die 24. Ausgabe des Tanz und Folkfests brachte Samba, Magic Bass, Bands aus Tansania und jede Menge gut abgehangener Gitarrenmusik.

Donnerstag, Juli 10th, 2014

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Samba de Roda - Foto: St. B.

Samba de roda do Dona NicinhaFoto: St. B.

Das war es mal wieder, das 24. TFF Rudolstadt ist Geschichte. Vier Tage voller Musik, Tanz und Sonne satt. Das brachte dem Festival trotz großer Konkurrenz durch die Fußball-WM mit 87.300 fast 1.800 Besucher mehr ein als im letzten Jahr. Und da wir schon bei den Zahlen sind – beim sommerlich heißen Wetter flossen immerhin 25.000 Liter Bier so manch durstige Kehle hinunter. Es ist sicher müßig, die Zahl der vertilgten Thüringer Rostbratwürste zu erwähnen, und so sei es dann auch genug mit der Statistik. Den nüchternen Zahlen und Fakten stand wiedermal jede Menge lebendiger, vielfältiger Musikkultur aus allen Teilen der Welt gegenüber.

Tänzer von Mercan Dede - Foto: St. B.

Tänzer von Mercan DedeFoto: St. B.

Besonders der afrikanische und lateinamerikanische Kontinent wussten mit dem Länderschwerpunkt Tansania sowie Bands aus Mexico, Chile und Brasilien zu überzeugen. Die brasilianischen Sambagruppen wie Samba de roda do Dona Nicinha oder Ailton Silva + Aja Brasil brachten nicht nur das Publikum im Tanzzelt zum Schwitzen. Nachdem Freitag schon die Chilenen um die Sängerin Kali Mutsa durchstarteten, mixte am Samstag das Mexican Institute of Sound unter DJ und Produzent Camilo Lara auf der Konzertbühne im Heinepark traditionelle kolumbianische Cumbia mit Dub- und modernen Elektrobeats aus Mexico-City. Anschließend verzauberte zu später Stunde der türkische Künstler Mercan Dede mit seiner Band das Publikum vor der großen Bühne im Heinepark. Der in Kanada lebende DJ und Musiker brachte zu traditionell orientalischer Musik Tänzer auf die Bühne, die sich z.B. auch zu meditativen Klängen im Gewand eines türkischen Derwischs drehten. Ein Zusammentreffen von moderner, körperbetonter Choreografie mit mystischen Sounds, Breakbeats und viel Kunstnebel.

Kaya Baikoko - Foto: St. B.

Kaya BaikokoFoto: St. B.

Ufunuo Muheme Group - Foto: St. B.

Ufunuo Muheme Group – Foto: St. B.

Bei den zahlreich erschienenen Bands aus dem ostafrikanischen Tansania fiel vor allem die rein weiblich besetzte Ufunuo Muheme Group mit ihrer von Djembés und Gesang begleiteten Tanzshow auf. Die traditionelle Trommel ist immer noch eines der bestimmenden Rhythmusinstrumente in der Musik Afrikas. Aber auch andere Klänge mischen sich zunehmend in den elektrisierenden Sound der Musikszene v.a. in und um die Großstadtmetropole Dar es Salaam. Von dort kommen Kazimoto, die ihren scheppernden Casio-Sound mit Schlagzeug, treibendem Bass und den Elektrosamples und-loops der beiden DJs Gebrüder Teichmann verstärkten. Absolut tanzbar ist auch der Baikoko, der sich in den 90er Jahren als Partysound in den Straßenbars von Dar es Salaam entwickelt hat. Davon konnte man sich noch einmal am Sonntagnachmittag akustisch und vor allem auch visuell bei den aufreizenden, fast artistischen Einlagen der Musiker und Tänzerinnen von Kaya Baikoko im Park überzeugen.

Kazimoto & Gebrüder Teichmann - Foto: St. B.

Kazimoto & Gebrüder TeichmannFoto: St. B.

Was sich an den ersten beiden Festivaltagen angedeutet hatte – zur Halbzeitbilanz waren v.a. gitarrenlastige Acts bestimmend – setzte sich am Samstag und Sonntag fort. Und das ist nach Jahren der Fiedeldominanz durchaus die Überraschung des Festivals. Neben dem speziell vorgestellten Magic-Instrument des Jahres, dem Bass, erobert sich die Gitarre nicht nur die Rock- sondern auch die Folkmusik zurück. Hierbei besonders hervorzuheben sind die umjubelten Auftritte der englischen Band Fink am Freitag und das Comeback von Judith Holofernes, Frontfrau der Berliner Band Wir sind Helden. Nach einer kleinen Pause auf dem heimischen Sofa, die die Sängerin nicht nur zum Schreiben lustiger Tiergedichte genutzt hat, meldete sie sich am Samstagabend stimm- und soundgewaltig mit neuer Band nach dem Motto: „Platz da!“ auf der großen Bühne des Heineparks zurück.

Judith Holofernes - Foto: St. B.

Judith HolofernesFoto: St. B.

Silver Sepp  Foto: St. B.

Silver Sepp
Foto: St. B.

Wem das etwas zu poppig war, der konnte am Rande in der Stadt zum Beispiel beim Instrumentenbastler und witzigen Soundtüftler Silver Sepp fündig werden. Der Este musizierte auf einem aus einem Baumstamm gebauten Bass, trommelte auf einem alten Fahrradreifen und entlockte zusammengesteckten Abwasserrohren so manchen Klang, den er auch noch elektrisch verstärkt loopte. Auf der Heidecksburg war am Sonntagnachmittag eine Dame zu erleben, die englische Folkgeschichte geschrieben hat. Die Sängerin June Tabor gab ihr einziges Konzert in diesem Jahr gemeinsam mit der Oysterband, den Altmeistern der Folkszene auf der britischen Insel um Sänger John Jones. Es wurden neben englischen Traditionels und eigenen Stücken auch Coverversionen bekannter Songs von Bob Dylan, Fleetwood Mac, Velvet Underground, Joy Division und PJ Harvey gespielt.

June Tabor & Oysterband - Foto: St. B.

June Tabor & OysterbandFoto: St. B.

Bei RUTH-Verleihung am Samstagabend auf der Heidecksburg brachte TFF-Preisträger Rainald Grebe sein komödiantisches Talent unter Beweis und konnte, wie schon vor einiger Zeit in Rudolstadt, mal wieder Volkslieder singen. Außerdem waren die Nachwuchspreisträger Liloba aus Leipzig zu sehen. Die Band macht das, was man im weitesten Sinne als Fusionsound bezeichnen würde. Der Leipziger Elektroniker Rafael Klitzing an den Turntables sowie als gemischtes Gesangsduo die Belgierin Elsa Grégoire und der Kongolese Pierre Kalonji Tumba bringen die Stile des französischen Chansons und der afrikanischen Beats mit moderneren Clubsounds zusammen. Einen fast noch interessanteren Mix haben die Hauptpreisträger der RUTH AlpenKlezmer zu bieten. Auch wenn man nicht alles versteht, die traditionell jüdische Musik mit bayrischem Gesang darzubieten ist in jedem Fall preisverdächtig und in diesem besonderen auch noch umwerfend witzig.

Alpenklezmer - Foto: St. B.

AlpenKlezmerFoto: St. B.

Zum Finale des Tanz und Folksfests am Sonntagabend auf der großen Bühne im Heinepark wurden dann wieder die Gitarren rausgeholt. Die aus Österreich stammenden Russkaja, was man stiltechnisch auch Rus Ska Ja! buchstabieren könnte, spielten ihr hartes Brett mit Bläsersektion und nacktem Oberkörper. Sänger Georgij Makazaria, einziger echter Russe im Team und wiedererstandener Ivan Rebroff der Speed-Metal-Polka animierte und formierte das Volk vor der Bühne zum großen Kollektiv. Es gab ein treibendes Ringelspiel, genannt Psychotraktor, immer wieder Wassergüsse fürs schwitzende Publikum und einige Lektionen in russischer Sprache. Da kann unsereins aus dem ehemaligen Osten noch ganz gut mithalten. Dass es dann auch irgendwann zu Ende ging, wollte mal wieder keiner so richtig wahr haben. Und so mussten, wie bereits in den letzten Jahren, die Plastikmüllcontainer im Park bis weit in die Nacht als strapazierfähige Ersatzpercussions herhalten.

Russkaja - Foto: St. B.

RusskajaFoto: St. B.

Russkaja Foto: St. B.

Russkaja
Foto: St. B.

Ganz zum Schluss noch ein Ausblick ins Jubiläumsjahr. Das 25. TFF Rudolstadt findet vom 2. bis 5. Juli 2015 statt. Der Länderschwerpunkt beschäftigt sich dann mit Norwegen. Die Skandinavier haben bekanntlich eine sehr rege und innovative Folkszene. Passend dazu werden der traditionelle Volkstanz Halling und andere norwegische Tänze vorgestellt. Das Magic-Instrument 2015 ist die Cister (auch Zitter oder Laute), ein altes deutsches Saiteninstrument und Vorläufer der Gitarre. Also dann bis zum nächsten Jahr in Rudolstadt.

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Weitere Infos: www.tff-rudolstadt.de

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Zuerst erschienen am 09.07.2014 auf Kultura-Extra.

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