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Forever Young? – Bob Dylan zum 70sten

Dienstag, Mai 24th, 2011

Wenn sie dabei doch kein Moos ansetzen, so können rollende Steine wohl dennoch altern und so ist der gute alte Hobo Bob Dylan nun auch schon 70 Jahre alt geworden. Neben den Songs von Neil Young, dem anderen Gitarrenbarden unter den jungen Aufgeregten der amerikanischen Sixties, sind es gerade die von Bob Dylan, die sich an den Lagerfeuern der Protestbewegungen rund um den Globus am längsten gehalten haben. „Blowin’ In The Wind“, „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ und „The Times They Are a-Changin’“ waren die Hymnen der politischen Gegenkultur und Bürgerrechtsbewegung in den USA Anfang der 60er Jahre und sind es heute immer noch.
Veränderung ist aber auch das Stichwort für seine Kunst. Begonnen hat es damit, dass er 1966 auf dem Höhepunkt seines Folk-Ruhms, plötzlich seine Akustikgitarre in einen E-Verstärker einstöpselte und die hasserfüllten Tiraden der Puristen vor ihm mit einem „Play it fucking loud!“ wegwischte. „Gonna Change My Way Of Thinking” wird zu einem Leitthema, das sein Leben durchzieht bis heute. Er ist der ewig Suchende, der alles ausprobiert hat, es gibt nichts, was Bob Dylan nicht gemacht hätte. Sex, Drugs and Rock`n`Roll stehen neben Gospelsongs, Countrymusic und Weihnachtsliedern. Er trank, nahm Drogen, schwamm im „stream of consciousness“ („Visions of Johanna“), kam mehr als einmal in eine Sinnkrise, aus der er auch mal religiös erweckt („Slow Train Coming“) wurde und malte Bilder, die sogar 2007 in den Kunstsammlungen Chemnitz ausgestellt wurden.
Eins aber war er nie, eine Identifikationsfigur. Die Welt braucht und will aber Leitbilder, Idole, die ihnen sagen wie es weiter gehen soll. Ein ums andere Mal lässt er seine Fans im Regen stehen, bleibt ambivalent und liefert keine Interpretationshilfen. Todd Haynes hat dieses Rockchamäleon sehr treffend in seinem Film „I’m Not There“ (2007) gleich von sechs Schauspielern darstellen lassen. Dylan ließ sich nie auf etwas festzulegen. Das er seine Songs immer wieder anders auf der Bühne darbrachte, als man es gewohnt war, nahm man ihm oft übel. Der Autor Thomas Brasch hat in seinem Gedicht „Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle“, zu einem Konzert Dylans anlässlich einer Deutschlandtournee 1978, die Reaktionen der Enttäuschten festgehalten, die selbst bereits in der Gesellschaft angekommen, ihre Jugendträume vom einstigen Idol im Walzertakt untergehen sahen: „Die Wetter schlagen um: / Sie werden kälter. / Wer vorgestern noch Aufstand rief, / ist heute zwei Tage älter.“ (Nachzulesen in der Gedichtsammlung „Der schöne 27. September“. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1980).
„Things have changed / How things have changed.“
Eine Erklärung dafür gab er nie. Das was viele von ihm erwartet haben, konnte und wollte Dylan nie sein. Auf der Bühne verweigert er jegliches Statement und packt nach jedem Konzert wortlos die Gitarre wieder ein. Er empfand es nie als seine Pflicht, die Welt neu zu erschaffen und Schlachtrufe erklingen zu lassen („Wedding Song“). Dass nicht die bloße Protestattitüde die Veränderung bringt, sondern die stetige Weiterentwicklung, das sich immer wieder neu entdecken, ein stoisches Ansingen gegen den Wind, auch wenn die Worte mittlerweile darin zu Verwehen scheinen, ist wohl seine Attitüde. Dass viele meinen, dass er sich vor dem Wind weggeduckt hat, ihm Kommerzdenken vorwerfen, scheint ihn nicht zu stören. „It’s all in the songs“ sagt ihnen Bob Dylan, mehr nicht.
Vielleicht haben jetzt schon einige die ersten Nachrufe in der Schublade, nach dem Motto „Knockin‘ on Heaven’s Door“. Aber selbst nach 50 Jahren on Tour scheint es Bob Dylan auf dieser Welt noch nicht langweilig geworden zu sein. Seinen Namensgeber den walisischen Poeten Dylan Thomas hat er jedenfalls schon um etliche Jahre überlebt. Und so wird er denn auch „Like a Rolling Stone“ weiter ziehen, als „Columbia recording artist Bob Dylan“. Happy Birthday Bob, „Don’t Think Twice, It’s All right“.

bob-dylan-nashville-skyline.jpg  bob-dylans-theme-time-radio-hour.jpg (Bilder: amazon)

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