Archive for the ‘Festivalsommer 2013’ Category

Der Festivalsommer 2013 (Schluss) – Alles außer Polka! Die PolkaBEATS 2013 in Cottbus schwelgten wieder in einer Vielfalt der Stilmixe.

Sonntag, August 25th, 2013

___

PB_Plakat2013Neben den Gurken, der Fürst-Pückler-Pyramide, einem Postkutscher und dem „Dicken“ hat Cottbus auch eine echte kulturelle Alternative zu bieten. Cottbus hat die Polka und auch gleich das passende Sommer-Musik-Festival dazu, die sogenannten „PolkaBeats“. Seit 2010 treffen sich hier jährlich an einem Wochenende im August Bands mit den unterschiedlichsten musikalischen Ausrichtungen, um im Stile einer wahrhaften Grenzüberschreitung einer entscheidenden Gemeinsamkeit zu frönen, der Liebe zum 2/4-Takt. Außerhalb des weitverbreiteten Polka-Klischees bierseliger Blasmusikveranstaltungen im Trachtenlook trifft in Cottbus allen Unkenrufen zum Trotz Traditionelles auf neueste musikalische Moden und Trends, und verbindet sich so zu einem immer wieder hochexplosiven Partygemisch.

Unter dem Motto „Die Polka ist tot, es lebe die Polka!“ ging es dann vom 16. bis 17. August auch nicht nur wegen des schönen Wetters dementsprechend heiß her. Alles ist möglich, haben sich die Macher der PolkaBeats auf ihre Fahnen geschrieben. Musiker aus vier Nationen standen zwei Tage lang mit den unterschiedlichsten Stilen, die sich da zum Beispiel „Ompa Twang“, „ZickenUmpa“ oder „Polka Punk“ nennen, im friedlichen Wettstreit um die Gunst des Cottbuser Publikums. Und so kann „Polkability“ durchaus auch als eine Fähigkeit zur interkulturellen Verständigung angesehen werden. Aber die Hauptsache bleibt natürlich der Spaß an immer neuen Ideen jenseits des breiten Mainstreamgeschmacks.

Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.

Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.

Bereits am Freitagabend wurde das Festival traditionell in kleinerem Rahmen eröffnet. Nach dem „Zelig“ im letzten Jahr konnte der Bebel – Club of Culture in der Nähe der BTU Cottbus ebenfalls ein passendes Ambiente für den interkulturellen Polka-Bieranstich mit Musik bieten. Das intimere Club-Feeling kam besonders den Musikern der multinational besetzten Kapelle SCHÄNG PELLE entgegen, die mit ihrem Fiddel-lastigen Akkustik-Sound skandinavische Folktradition mit niederrheinischer Kirmesmusik mixten und so in den Umbaupausen die Tanzwütigen bei Laune hielten.

Le Marché im Club Bebel. Foto: St. B.

Le Marché im Club Bebel.
Foto: St. B.

International im Musikstil waren dann auch die andern beiden Bands des Abends. Während LA MARCHE, benannt nach einem Landstrich in Mittelfrankreich, neben Balkanbeats, Ska, Funk und Reggae auch französischen Chanson im Gepäck haben, bevorzugen die Musiker von VLADIWOODSTOK eher eine Mischung aus Rock’n’Roll, Jazz, Punk und Walzer, der außer Tom Waits und den irischen Pogues vor allem die finnischen Könige der Humppa-Blasmusik Eläkeläiset zum Vorbild hat. Und wie zum Beweis dessen tauchte dann auch irgendwann bild- und klanggewaltig eine große Tuba auf. Gleich den coverwütigen Finnen schrecken Vladiwoodstok nicht vor dem klassischen Pop- und Rock-Erbe zurück. So stehen der „Alabama-Song“ von Brecht/Weill gleichberechtigt neben Edwin Collins` „Never known a girl like you before“, Mando Diaos „Dance with somebody“ und Madonnas „La Isla Bonita“ in einer Kastagnetten-Polka-Version.

Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.

Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.

Nach dem Warming-up im Bebel und einem nachmittäglichen Busausflug in den Spreewald – natürlich mit zünftiger böhmischer Blasmusik und Polkabegleitung von HORJANY und SCHÄNG PELLE – gab es am Samstagabend im Garten der Alten Chemiefabrik, die zum zweiten Mal Hauptaustragungsort der PolkaBeats war, endlich das lang ersehnte Zusammentreffen der POLKAHOLICS (USA) mit den POLKAHOLIX (D). Ein musikalisches Polka-Duell der ganz speziellen Art, das natürlich nur Sieger kannte. Nachdem die jungen, heimischen Lausitzer DIE FOLKSAMEN bereits das Cottbuser Partyvolk mit ihrem Polka-Ska und -Rock bestens eingestimmt hatten, betraten gegen 22:00 Uhr die drei Polkaverrückten der Chicagoer Band THE POLKAHOLICS als erste die große Bühne.

Gitarrist und Sänger Dandy Don Hedeker, Bassist Blitz Linster und Schlagzeuger Stylin’ Steve Glover ließen von Beginn an keinen Zweifel daran, wer die wahren Meister des Polka Punks sind. In ihren Fifties-Fantasie-Kostümen mit Horn-Brillen und gut gefetteter Haartolle sahen sie zwar eher wie eine Rockabilly Fun-Band aus. Ihre Wurzeln liegen aber klar im von polnischen Einwanderern kreierten Chicago-Stil, einer Spielart der Polka, die ebenfalls in den fünfziger Jahren ihre Hochzeit erlebte. Heimliches Vorbild der POLKAHOLICS ist dann auch Walter Eward Jagiello, ein Chicagoer Polka-Hero, dem sie sogar eine ganze Polka-Oper gewidmet haben.

Polkaholics (USA) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

The Polkaholics (U.S.) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

Bei ihrem Cottbuser Auftritt mischten die drei jedoch im klassischen Gewand einer Rockband ihre Polka mit jeder Menge Punk-Beats und harten Gitarrenriffs, die nicht ganz unbeabsichtigt an Rockgrößen wie Deep Purple oder Led Zeppelin erinnerten. So tanzte und schwitze sich das Publikum auch bald mit an allen möglichen Körperteilen beklebten POLKAHOLICS-Stickern, die die Band zuvor freizügig verteilt hatte, durch die überwiegend rockige Setliste der Band. Und man hätte durchaus meinen können, der legendäre „Smoke on the Water“ ziehe an diesem Abend von der Spree herauf durch den Garten der Alten Chemiefabrik. Zum Schluss schwor Dandy Don noch die neu gewonnene Cottbuser Fangemeinde mit der eindrücklichen Forderung „Please don’t let the polka die!“ entsprechend ein. Seine Worte dürften angesichts der sichtbar um sich greifenden Euphorie auf besonders fruchtbaren Boden gefallen sein.

Polkaholix (D) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

Polkaholix (D) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

Leichtes Spiel also für den folgenden Headliner, die POLKAHOLIX aus Berlin. Sie brauchten nur da weiter zu machen, wo die Chicagoer aufgehört hatten. Denn auch die Band um Festivalleiter und Akkordeonspieler Jo Meyer und den Sänger Andreas Wieczorek vermag ähnlich stark missionierenden Weihrauch zu verbreiten. So brannten sie dann auch souverän ihr gewohntes Feuerwerk aus Rock’n’Polka, Ska, Punk und Berliner Gassenhauern ab. Nach mehreren Zugaben und einer musikalischen Verbrüderung der beiden PolkaholiCS/X-Bands auf offener Bühne mochte kaum jemand im Publikum wirklich an S.C.H.E.I.D.U.N.G. denken. Und wer danach immer noch nicht genug vom vielen Polken hatte, konnte die zuvor in den Konzertpausen erlernten Tanzschritte noch weit bis nach Mitternacht auf einer kleinen Bretterbühne am Rande ausprobieren. Ein rundum gelungenes Festival, das auch im nächsten Jahr seine Fortsetzung finden wird.

Polkaholics und Polkaholix in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

Polkaholics + Polkaholix in der Alten Chemiefabrik.
Foto: St. B.

zur Fotogalerie auf facebook

Festivalsommer 2013 – Konzerte

Festivalsommer 2013 – Theater

_________

Festivalsommer 2013 (Teil 3) – Der neue Pazifik bei der „Wassermusik“ auf der Dachterrasse des HKW.

Sonntag, Juli 28th, 2013

___

Das HKW lädt seit 18. Juli wieder auf die Dachterrasse zur Wassermusik 2013.

HKW 3

Wasser, von oben ein Ärgernis, das den Berliner in den letzten Jahren oft verdrießlich stimmte und nicht mehr recht an den Sommer glauben lassen wollte. Wasser von oben, in diesem Jahr nach nassem Frühling seit Wochen Fehlanzeige. Endlich mal wieder richtig Sommer, und das auch noch in den Ferien. Seit Anfang Juli leuchtet „Klärchen“ gnadenlos hell vom Himmel herunter und die Berliner Strandbäder sind proppenvoll. Was dem Badegast in den letzten Jahren eher schnuppe war, interessiert ihn neuerdings mehr als feuchte Keller oder der Wasserstand von Havel und Spree. Nämlich die Wasserqualität, womit wir fast beim Thema wären. Was für den Badespaß gilt, ist auch Voraussetzung für ungetrübten Musikgenuss an der frischen Luft. Und da bürgt das Open-Air-Festival „Wassermusik“ seit Jahren für andauernde akustische Qualität.

Das Haus der Kulturen der Welt, am Spreeufer des Tiergarten gelegen, hob 2008 diese vielversprechende Musikreihe aus der Taufe. Jedes Jahr steht das Festival unter einem anderen Motto. Ob Surf und Tiki, Karibik und Akkordeon, große Flüsse oder gar die eher wasserarme Wüste, es dreht sich dabei, natürlich in erster Linie musikalisch, immer um das lebensspendende Nass. Aber auch Vorträge werden gehalten und Filme rund ums Wasser gezeigt. Thema in diesem Jahr ist „Der neue Pazifik“. Ein sogenannter Wassermarkt lädt auf der sonnenüberfluteten Dachterrasse des HKW mit handwerklichen und kulinarischen Produkten aus den jeweiligen Regionen zum Bummeln und Verweilen ein.

HKW 1

Barack Obama erklärte den pazifischen Raum beim ASEAN-Gipfel 2011 zum neuen „globalen Machtzentrum“. Dabei hatte er aber wohl eher die aufstrebende Wirtschaftskraft von Pazifikanrainern wie China oder den schwindenden Einfluss der USA auf dem Südamerikanischen Kontinent im Sinn. Aber auch musikalisch dürfte der in Hawaii geborene US-Präsident nicht nur eine Vorliebe für Surf und Tiki, sondern vielleicht auch für japanischen Free-Jazz oder kolumbianische Cumbia teilen. Die jährlichen Wasserspiele mit Musik eröffneten dann letzten Donnerstag auch passend die US-amerikanische Band Dengue Fever aus L.A. mit einem Transpazifischen Fiebertraum aus kambodschanischen Khmer-Pop-Coverversionen und die Sängerin Julieta Venegas, ein Multitalent von der mexikanischen Baja California.

Cumbia deconstruida mit den Meridian Brothers und bildgewaltiger Free-Jazz mit dem Shibusa Shirazu Orchestra

Eblis Álvarez von den Meridian Brothers

Eblis Álvarez von den Meridian Brothers

Erster musikalischer Höhepunkt dürfte aber am 21. Juli das Doppelkonzert der Meridian Brothers aus Bogotá (Col.) und des japanischen Shibusa Shirazu Orchestra aus Tokio gewesen sein. Mit ihrer schrägen Cumbia deconstruida im Gewand einer klassischen Salsa-Band spannen die kolumbianischen Meridian Brothers um den musikalischen Mastermind Eblis Álvarez im wahrsten Sinne des Wortes einen Bogen von Nord nach Süd. Das Neue hierbei ist die konsequente Uminterpretation des ursprünglich südamerikanischen Volkstanzes mittels modernem Rockinstrumentarium, schepperndem Schlagzeug sowie elektronischen Keyboard- und Synthesizerklängen. So rhythmisch ausstaffiert, lässt sich dann auch jeder x-beliebige amerikanische Rocksong genüsslich dekonstruieren. Eblis Álvarez führt dies am Beispiel von Jimi Hendrix‘ „Purple Haze“ vor, indem er zu elektronisch verzerrter Stimme den Klassiker durch den kolumbianischen Synthie-Fleischwolf dreht. Heraus kommt ein plingender und fiepender „Niebla Morada“ – völlig abgefahren.

Das Shibusa Shirazu Orchestra aus Japan.

Das Shibusa Shirazu Orchestra aus Japan.

Butoh-Tänzer des Shibusa Shirazu Orchestras

Butoh-Tänzer des Shibusa Shirazu Orchestras

Noch unglaublicher ist dann allerdings der Aufritt des Shibusa Shirazu Orchestra aus Tokio. Die japanischen Multiinstrumentalisten, Performer, bildenden Künstler und Butoh-Tänzer touren seit Jahren mit einem bis zu 40 Personen starken Ensemble durch die Welt. Auf der farbenfroh ausgestalteten Bühne mit ausladendem Laufsteg standen zwar in etwa nur halb so viele Mitglieder, die aber dennoch ein wahres Feuerwerk an Free- und Bigband-Jazz, Video und expressionistischem Ausdruckstanz darboten. Während einer Theateraufführung 1989 in Tokio geründet, wurzelt die darstellerische Kunst des Jazz-Ensembles auch im traditionellen japanischen Theater des Kabuki, Nō und Elementen des Butoh-Tanzes, einer Weiterentwicklung des zeitgenössischen, europäischen Ausdruckstanzes der zwanziger Jahre.

Das Shibusa Shirazu Orchestra in Aktion.

Das Shibusa Shirazu Orchestra in Aktion.

Auch wenn Butoh so viel wie „Tanz der Finsternis“ bedeutet und weißgekalkte und schamanische Gestalten die Bühne bevölkern, überwiegt doch der Spaß an extremer Performance und Verwurstung moderner westlicher Einflüsse, wie Latin-, Brass- oder Jazz-Musik. So versteht sich das Orchester auch als ein einziges, ständig mutierendes Gesamtkunstwerk. Und auch ein japanischer Jimmi Hendrix mit Rastalocken traktiert wie sein großes Vorbild die E-Gitarre mit den Zähnen. Niemals nur cool, immer heißblütig bedeutet der wortspielerische Name der Band in etwa übersetzt. Eine Mischung aus schrägen Bigband-Klängen, Gesang, Tanz und Pantomime bringt auch das Publikum so langsam zum Schwitzen. Spätestens als dann auch noch ein heißluftgefüllter Silberdrache über der Dachterrasse schwebt, bleibt der staunenden Menge vor der Bühne der Mund offen stehen, und das Klischee des ewig knipsenden japanischen Touristen wird durch die gezückten Kameras der Europäer bildgewaltig widerlegt.

Jazz-Rock mit Troker aus Mexiko und Susana Baca, eine schwebende Diva aus Peru.

Troker aus Mexiko

Troker aus Mexiko

Troker 8

Der Drummer von Troker

Am 26. Juli ging es dann wieder lateinamerikanisch weiter. Zu Beginn heizte die Band Troker aus Mexiko den sich nach der Hitze des Tages langsam auf der Dachterrasse des HKW versammelnden Wassermusik-Fans ordentlich ein. Der treibende Beat ihres feurigen Jazz-Rocks trieb bei gut 30 Grad im Schatten nicht nur den Musikern den Schweiß auf die Stirn. Besonders die beiden Bläser schonten sich nicht, und der wuchtige Schlagzeuger traktierte nicht nur seine Drums, sondern benutzte die Beatsticks auch als Maultrommel. Der musikalische Spagat der Truppe aus Guadalajara reicht von Latin über amerikanischen Rock bis hin zu jazzigen Dancebeats, unterstützt durch einen scratchenden DJ an den Turntables. Troker verließ erst nach wiederholten Zugaberufen des begeisterten Publikums die Bühne, und war damit nicht einfach nur Support für den Hauptact des Abends, den die spanischsprachige Community Berlins sehnsüchtig erwartete.

Die Diva schwebt. Susana Baca aus Peru.

Die Diva schwebt.
Susana Baca aus Peru.

Sie war zahlreich erschienen, um ihren Star aus Lima, die afro-peruanische Sängerin Susana Baca zu feiern. Sie ist nicht erst seitdem sie für kurze Zeit als Kulturministerin dem Kabinett des Staatspräsidenten Ollanta Humala angehörte über die Grenzen Perus bekannt. Schon länger setzt sich Susana Baca in ihren Liedern für die Rechte der schwarzen Bevölkerung Perus ein. In einem luftigen orangefarbenen Sommerkleid betrat die Sängerin dann gegen 21:30 Uhr die Bühne auf der Dachterrasse des HKW und begrüßte freundlich die wartenden Zuschauer. Mit traditionellen Volksliedern aus den schwarzen Ghettos der peruanischen Hauptstadt, afro-kubanischer Salsa und brasilianischen Sambaklängen brachten sie und ihr Ensemble das Publikum dann zum Schwärmen und Tanzen. Und für einen Moment sah es so aus, als begänne die barfüßige Diva selbst zu schweben.

Susana Baca 1

You-Tube-Mix Susana Baca

Das Festival berieselt auch an den kommenden Wochenenden noch die hitzegeplagten Berliner mit frischer Wassermusik und dauert noch bis zum 11. August an. Mit Sonne satt ist hoffentlich auch in den nächsten Tagen zu rechnen.

Fotos (c) St. B.

***

___

_________

Festivalsommer 2013 (Teil 2) – Avanti Popolo… Das Volk tanzt wieder Folk beim 23. TFF in Rudolstadt.

Sonntag, Juli 14th, 2013

___

tff13_Heidecksburg tff13_Burgstiege

Auch 2013 ging`s wieder öfter hoch zur Heidecksburg und wieder runter in die Stadt.

tff13_Handwerkerhof

Blick vom Handwerkerhof zur Heidecksburg am Abend.

In etwas verballhornend abgewandelter Form prangte das Motto des 23. Festivals für Folk- Roots- und Weltmusik auf unzähligen T-Shirts, die wie immer an der Folkbude am Markt in Rudolstadt käuflich zu erwerben waren. Man hatte sich das wohl bei typisch italienischen Designer-Polos abgeschaut und das Heimatland der Mode sowie des Arbeiterliedes „Bandiere rossa“ auch gleich zum aktuellen Länderschwerpunkt erkoren. Der immer vorwärtsgewandte Folktyp tritt ja alljährlich Anfang Juli in Rudolstadt, um noch etwas weiter zu kalauern, zumeist in Rudeln auf und geht triumphierend in all seiner Pracht und Vielfalt zum Angriff auf das kleine thüringische Städtchen über.

Avanti Popolo also – Vorwärts zu neuen Ufern der Welt- und alten Wurzeln der Volksmusik! Und was lege näher, als damit mal wieder darauf hinzuweisen, wo Lied und Tanz tatsächlich wurzeln. Nämlich im originären Volk, das neben der Arbeit auch schon immer zu feiern wusste. Gegenwart und Zukunft sind nicht ohne den Rückblick in die Tradition denkbar. Zumindest so ähnlich sieht es auch die Ehrenruth-Preisträgerin und deutsche Tanzlegende Eva Sollich. Und genau deshalb findet sich das Folk- und Weltmusikvolk auch immer wieder zu den mittlerweile schon vier tollen Tagen hier in Rudolstadt ein.

Der Donnerstag

Souad Massi am Donnerstag auf der Großen Bühne im Heinepark.

Souad Massi auf der
Großen Bühne im Heinepark.

Dabei ist das TFF-Banner nicht einfach nur einfarbig rot. Denn das Festival hat sich, wie bereits erwähnt, die Vielfalt auf die Fahne geschrieben. Und bunt ging es dann auch gleich zur Eröffnung am Donnerstagabend mit drei Acts aus vier Ländern im Heinepark los. Den Anfang auf der Großen Bühne machte die algerische Sängerin und Gitarristin Souad Massi, die seit Ende der 90er Jahre in Frankreich lebt und mit ihrer Band traditionelles arabisches Liedgut mit Folk-Balladen und französischen Chansons mischte. Mit der Macht ihrer Stimme sang sie sogar die einzigen echten Regenwolken des Wochenendes weg.

tff13_Tiger Lillies

Martyn Jacques von den
Tiger Lillies.

Düster-witzig ging es danach auf der Konzertbühne weiter. Die Tiger Lillies aus Großbritannien luden zu einer ihrer berühmt berüchtigten Shows. Martyn Jacques trug seine schrägen Balladen wie immer am Akkordeon mit hoch-sonorer Stimme in Begleitung des neuen Schlagzeugers Adrian Huge und Adrian Stouts singender Säge vor. Altbekanntes stand dabei neben neuen Songs aus ihrem Doppelalbum „Hamlet“ über Shakespeares schwermütigen Dänenprinzen. Thematisch hatten sich die Briten ja bereits mit dem deutschen Struwwelpeter (Shockheaded Peter) und Georg Büchners Woyzeck auseinandergesetzt.

The Tiger Lillies nach ihrer Show auf der Konzertbühne im Heinepark.

The Tiger Lillies nach ihrer Show auf der
Konzertbühne im Heinepark.

Nach dem Absolvieren des Sets und einiger vom Publikum enthusiastisch eingeforderter Zugaben baten die drei schwarzhumorigen Künstler am Rande der Bühne noch zu einer lockeren Autogrammstunde mit Fotosession. Den Abend beschloss gegen Null Uhr die Hippiefraktion mit dem Singer Songwriter Edward Sharpe und seinem Magnetic Zeros aus Los Angeles, California. Durchaus keine Nullnummer zur späten Stunde.

Der Freitag

Cajun Roosters im Tanzzelt im Heinepark.

Die Cajun Roosters im Tanzzelt im Heinepark.

Melina Kana auf der Heidecksburg.

Melina Kana auf
der Heidecksburg.

Am traditionellsten geht es aber immer noch im Tanzzelt im Heinepark zu. Bei italienischer Tarantella, sardischen Akkordeon- und Flötentönen, Cajun oder Blasmusik aus Dänemark vergnügte sich auch diesmal das tanzwütige TFF-Volk. Die dazugehörigen Bands wie die Sonadores, die Cajun Roosters oder Habadekuk fanden wie immer schnell ihr begeisterungsfähiges Publikum. Und auf der großen Bühne des Heineparks gab sich die finnische Folkband Frigg am Freitagnachmittag ein geigenlastiges Stelldichein zum Tanz. Überhaupt waren die für skandinavische Bands typischen Fiddler wieder zahlreich vertreten.

Das Magische Instrument, das seine Heimat mittlerweile auf der Bühne der Burgterrasse gefunden hat, war aber in diesem Jahr die Flöte. Die „Magic Flutes“ setzten sich aus immerhin 9 Virtuosen aus 9 Ländern mit ihren zahl- und variantenreichen Flöteninstrumenten zusammen. Komplettiert wurde ein wieder eher ruhiger Tag auf der Burg mit einem wunderschönen klassischen Fado-Konzert der portugiesischen Sängerin Carminho begleitet von den Thüringer Sinfonikern auf der Großen Bühne und der griechischen Rembetiko-Sängerin Melina Kana, die beide für die stimmungsvollsten und auch stimmlich größten Höhepunkte des Freitags sorgten.

Enzo Avitabile & Bottari di Portico im Heinepark

Enzo Avitabile & Bottari di Portico
im Heinepark.

Im Heinepark geht es dagegen für gewöhnlich musikalisch etwas aufregender ab. Hier wechselt das Partyvolk im wesentlich schnelleren Takt zwischen Großer und der kleineren Konzertbühne lustig hin und her. Erst tanzte man zu kolumbianischer Cumbia mit Ondatrópica auf der Konzertbühne und zum Ende des Freitagabends schlugen dann noch die italienischen Trommler von Bottari die Portico um den Sänger Enzo Avitabile auf der Großen Bühne auf ihre schweren hölzernen Weinfässer ein. Der brachiale Sound brachte dabei selbst die bereits etwas müden Glieder im Publikum wieder zum Zucken.

Der Samstag

Maria Sadovska auf der Burg.

Maria Sadovska auf der Burg.

Der Samstag stand wie immer ganz im Zeichen der Ruth-Verleihung auf der Heidecksburg. Der Weltmusikpreis des Festivals wurde etwas umstrukturiert und in vier neuen Kategorien vergeben. Neben der eingangs erwähnten Eva Sollich, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, bekam die in Köln lebende Ukrainerin Mariana Sadovska den Hauptpreis. Eine Multi-Künstlerin in den Bereichen Komposition, Instrument, Gesang und Performance, die sich insbesondere um die Verbindung von traditioneller ukrainischer Volks- mit moderner Popularmusik verdient gemacht hat. Am Klavier stellte sie einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Solo-Programm „Odessa-Underground“ vor.

Das Lao Xao Trio auf der Burg.

Das Lao Xao Trio auf der Burg.

Das Ravichandra Kulur Trio auf der Burgterrasse.

Das Ravichandra Kulur Trio
auf der Burgterrasse.

Der Förderpreis ging an das Lao Xao Trio aus Dresden, das traditionelle vietnamesische Liebeslieder mit Jazz kreuzt und in Khanh Nguyen eine bezaubernde Stimme dafür gefunden hat. Der Jazz steht auch im Namen der Truppe um Sänger Cappuccino, die zum 20. Bandjubiläum die TFF-Ruth serviert bekamen. Das in der Jazzkantine nicht nur kalter Kaffee ausgeschenkt wird, bewiesen die Braunschweiger dann mit ihrem Gedeck aus Bigbandjazz, Reaggae, Rap und Soul. Sie meditierten darüber was eigentlich heute Heimat bedeutet und hatten sogar ein paar deutsche Volkslieder wie „Kein schöner Land“ oder „Wenn ich ein Vöglein wär“ in ihrem musikalischen Menü inklusive.

Das Keimzeit Akustik Quintett auf der Burg.

Das Keimzeit Akustik Quintett auf der Burg.

Jazzige Klänge im weitesten Sinne standen eigentlich bereits den ganzen Tag im Mittelpunkt der Konzerte auf der Burg. Nachdem die Brandenburger Kultband Keimzeit um Sänger Norbert Leisegang und Geigerin Gabriele Kienanst ein Akustikset ihrer bekanntesten Songs auf der großen Bühne dargeboten hatte, gab es nach Carminho und Melina Kana auf der Burgterrasse weitere Frauenpower mit Dotschy Reinhardt. Die Jazzsängerin und Sinteza aus der großen Familie des Jazzgitarristen Django Reinhardt spielte mit ihrem Sextett auf der Suche nach den indischen Wurzeln der Sinti Stücke aus ihrem neuen Album „Pani Sindhu“ und sprach über ihre Kindheit und die Geschichte ihrer Familie. Indisch ging es auch weiter mit dem Ravichandra Kulur Trio unterstützt durch den Shehnai-Spieler Sanjeev Shankar. Ein musikalisches Duett zweier Flöten-Virtuosen und auch Duell zweier begnadeter Perkussionisten.

Dotschy Reinhardt auf der Burgterrasse.

Dotschy Reinhardt auf der Burgterrasse.

Am Abend gab es auf der Burgterrasse noch ein unbedingtes Muss mit dem rumänischen Balanescu Quartett, das klassische Musik mit modernen Klängen mischt und auch geniale Coverversionen der deutschen Elektropop-Pioniere Kraftwerk wie „Model“ und „Computerliebe“ in ihrem Best-Of-Programm hat. Den Samstagabend konnte man dann wieder beschwingt im Heinepark beschließen. Auf der Konzertbühne rappten die beiden Gwisdek-Brüder Robert und Johannes als Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi Texte vom Hypothalamus über die Hypophyse bis ins Knie.

Robert Gwisdek ist Käptn Peng.

Robert Gwisdek ist Käptn Peng.

Den deutschen Filmpreis schnappte dem Schauspielersohn Robert zwar sein Vater Michael weg. Dafür feierte dieser jetzt mit seinem Wortkaskaden-Rap und Funky-Beats große Erfolge beim zahlreich erschienen jungen Publikum in Rudolstadt und ist ab 8. August als gestresster Jungregisseur in dem Kinofilm „Kohlhaas und die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ zu sehen. Alle Altersgruppen in Trance vereint konnte man dann an der Großen Bühne bei genialem Dub-Reggae und Elektrobeat von Fat Freddy’s Drop aus Neuseeland sehen.

Fat Freddy's Drop im Heinepark.

Fat Freddy’s Drop im Heinepark.

Noemi Waysfeld & Blik auf der Burgterrasse.

Noemi Waysfeld & Blik auf der Burgterrasse.

Der Sonntag

Während am Sonntagmorgen einige auf dem dicht besiedelten Zeltplatz an der Saale neben dem Heinepark bereits wieder an den Aufbruch in Richtung Heimat dachten, stürzten sich andere noch einmal ins Getümmel, um auch den letzten Tag noch einmal bei Musik und Tanz zu genießen, im Park oder der Innenstadt zu schlendern und zu schauen oder einfach nur auf einer der vielen sonnigen Wiesen zu chillen. Auf der großen Marktbühne schafften sich die vier österreichischen Beatboxer von Bauchklang oder gaben die Damen der französischen  Band La Mal Cofiffée ein A-Capella-Konzert. Und auf der Burgterrasse gab es noch Klezmer mit Noemi Waysfeld & Blik. Nicht zu vergessen die vielen Künstler der Stramu, die an allen Ecken der Stadt immer dicht umringt von Publikum ihr Bestes gaben.

Stramu in der Innenstadt.

Stramu in der Innenstadt.

Einen Ex-Straßenmusiker der es geschafft hat, konnte man dann mit dem Hamburger Felix Meyer am Abend auf der Konzertbühne im Heinepark sehen. Er wird am 2. August im Vorprogramm von ZAZ, die bereits vor zwei Jahren in Rudolstadt zu sehen war, in der Zitadelle Spandau in Berlin auftreten. Nicht verpassen durfte man den Auftritt von Gitarrenmultiinstrumentalist David Lindley auf der Burg. Hier setzte das TFF eine schöne Tradition fort, bereits etwas in Vergessenheit geratene Musiker wieder einem breiteren Publikum in Deutschland vorzustellen. Der als „Prince Of Polyester“ bekannte Steel-Guitar-Master Lindley saß im karierten Hemd auf der Bühne, scherzte sichtlich gut aufgelegt mit dem Publikum und spielte relaxten New-Orleanse-Blues.

David Lindley auf der Großen Bühne der Heidecksburg

David Lindley auf der Großen Bühne der Heidecksburg

Beschlossen wurde das 23. TFF am Sonntagabend mit den verrückten Franzosen von La Caravane Passe auf der großen Bühne im Heinepark. Balkanbeats, Hip Hop und Reggae begeisterten ein letztes Mal für dieses Jahr die Zuschauer. Noch bis weit in die Nacht trommelten einige von ihnen unermüdlich auf den Mülltonnen im Park. Und gegen den Entzug lässt sich auf jeden Fall Abhilfe schaffen, trägt doch fast jeder der immerhin 87.000 Besucher in Form vieler kleiner silberner Scheiben die Erinnerung an die vier großartigen Tage mit nach Hause. Im nächsten Jahr warten dann beim 24.TFF vom 3.- 6. Juli ein Länderschwerpunkt Tansania, der Bass als Magisches Instrument und man wird passend zur Fußballweltmeisterschaft in Brasilien Samba tanzen können.

tff13_La Caravane Passe_Heinepark2

La Caravane Passe im Heinepark.

***

Link zur Fotogalerie vom 23. TFF in Rudolstadt

tff13-Button

TFF-Beiträge auf livekritik.de:
Teil 1 und Teil 2

TFF 2011

TFF 2012

alle Fotos: (c) St. Bock

_________