Archive for the ‘Festivalsommer 2015’ Category

Wassermusik 2015 im HKW Berlin – MOTHER INDIA Teil 2 mit Bhangra-Beats, Sitar-Folk und Sufi-Klängen

Dienstag, August 11th, 2015

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Bhangra-Beats von Swami und Red Baraat

Waren zu Beginn der Wassermusik-Reihe „Mother India“ noch ruhige, meditative Klänge, klassischer Fusion-Jazz und Bollywood-Sounds vorherrschend, ging am vergangenen Freitag nach einer auflockernden Yogastunde erstmals so richtig die Post ab. Zuerst machten im Rahmen ihrer Europatournee die Desirockin’ Electro-Exotic Globehoppin’ Party Starters Swami mit exzellenten Disco-Dancegroovs Station bei der WASSERMUSIK 2015. Die vierköpfige Band um den Londoner Produzenten Diamond Duggal gilt in den Communitys von London, Birmingham und Manchester als „The Futur of Asian Music”. Sie mixen den treibenden Rhythmus der typischen Dhol-Trommeln aus der indischen Region Punjab mit Rock, Hip-Hop, Breakbeat und elektronischen Disco-Sounds. Eine unbedingt tanzbare und mitreißende Performance, an die sich ein weiteres Highlight der global-indischen Fusion-Musik anschließen sollte.

Swami - Foto: St. B.

Swami – Foto: St. B.

Bei Red Baraat aus New York hielt es nun wirklich kaum noch jemanden auf den Liegestühlen und Decken vor der Bühne am Spiegelteich des HKW. Der hundert Prozent schweißtreibende Brooklyn-Bhangra der Band ließe sich noch besser als eine Art Bhangra-Brass bezeichnen, bei dem die tonangebende Dhol-Trommel des Percussionisten Sunny Jain durch eine ganze Sektion von Blechbläsern unterstützt wird. Einst als Hochzeitsband gegründet, besitzen Red Baraat ein ungeheuer vielfältiges Repertoire an verschieden Stilrichtungen. Mit einer Mischung aus indischen Rhythmen, dem Sound der Marching Bands aus New Orleans und sogar lateinamerikanischen Klängen brachte die achtköpfige Truppe das Publikum zum Schwitzen. Ein gelungener Abend, der erst nach mehreren Zugaben zu Ende ging.

Red Baraat - Foto: St. B.

Red BaraatFoto: St. B.

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Sitar-Folk und Sufi-Poetry mit Mike Heron und Arooj Aftab

Und schon wieder hieß es Abschied nehmen von der WASSERMUSIK 2015. Vier Wochen lang gab es unter dem Motto „Mother India“ eine bereichernde Klangreise vom Mutterland Indien in die große, weite Welt der Musikstile. Auch eine „Migration der Klänge“ von Bollywood-Sounds und Banghra-Beats zu den Einflüssen westlicher Pop-, Rock-, Folk- und Jazzmusik und umgekehrt.

Mike Heron_Sitarspieler Ashraf Sharif Khan

Ashraf Sharif KhanFoto: St. B.

So hatte zum Beispiel noch vor einer Woche der alte Hippie-Barde Mike Heron (ehemals Incredible String Band) mit seiner Tochter Georgia Seddon und der international besetzten Band The Trembling Bells ein mitreißendes Konzert auf der Spiegelteich-Bühne vor dem Haus der Kulturen der Welt gegeben, bei dem er schottische Folkmusic mit den Sitar-Klängen des indischen Musikers Ashraf Sharif Khan verband. Zuvor aber konnte das Publikum schon einen kleinen Vorgeschmack auf das letzte Wochenende bekommen. Beim Konzert der jungen Sängerin und Komponistin Arooj Aftab aus New York traf indische Tradition einmal mehr auf westlich Moderne. Ein virtuos beeindruckender, sphärischer Vortrag poetischen Sufi-Gesangs unterstützt durch ein fast klassisches Jazzinstrumentarium aus Bass, Keyboard, Schlagzeug und dem Saxofon der Berliner Musikerin Charlotte Greve.

Arooj Aftab

Arooj AftabFoto: St. B.

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Das Finale mit Chutney Soca von Mungal Patasar und Pantar sowie magischen Sufi-Klängen der Barmer Boys

Nun sollte es also beim Abschluss der WASSERMUSIK nochmal zu einem Treffen von Sufi-Musikern der alten Schule kommen. Nachdem bereits am Freitag Asif Ali Khan, der als legitimer Nachfolger des legendären pakistanischen Qawwali-Sängers Nusrat Fateh Ali Khan gilt, das Publikum in Trance versetzte, zeigten die Barmer Boys, dass die gut 800 Jahre alte musikalische Tradition der islamischen Mystiker und Sufi-Prediger auch im indischen Rajasthan beheimatet ist. Der Sänger und Harmoniumspieler Manga „Mangey“ Khan, der Dhol-Trommler Tarif Khan und der Percussionist Rais Khan, der neben der traditionellen Maultrommel Morchang, der Saitentrommel Bhpang und den kastagnettenartigen Khartaai-Schellen auch das Beat-Boxing beherrscht, spielten eine Mischung aus Sufi-Sounds und dem Rajasthan-Folk der muslimischen Manganiyar-Communities. Ein mitreißendes Konzert, bei dem es am Ende kaum noch jemanden auf seiner Sitzmatte oder im Liegestuhl hielt.

Barmer Boys - Fot: St. B.

Tarif Khan von den Barmer BoysFoto: St. B.

Zuvor aber gab es noch einen Musik-Mix ganz anderer Art. Aus Trinidad und Tobago war der Sitarspieler Mungal Patasar mit Mitgliedern seiner Band Pantar angereist. Der Bandname setzt sich aus dem Wort „Pan“ für die karibischen Steeldrums und dem „tar“ der indischen Sitar zusammen. „Chutney Soca“ nennt sich dann auch der Mix aus Tabla, Sitar, Bass und den typischen Calypso-Klängen des Steeldrum-Virtuosen Harold Headley. Ein berauschendes Fest für die Sinne, das bei den momentan recht sommerlichen Temperaturen nicht nur zum Tanz, sondern auch zum Trinken von exotischen Cocktails verführte. Auf ein neues, inspirierendes WASSERMUSIK-Motto im nächsten Jahr, mit wunderbaren Konzerten auf der dann hoffentlich wieder frisch sanierten Dachterrasse des HKW.

Steeldrumspieler Harold Headley - Foto: St. B.

Steeldrumspieler Harold HeadleyFoto: St. B.

Fotos: St. Bock

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wassermusik_mother_india_c_golden_cosmos_nodeWassermusik 2015
MOTHER INDIA
Vom 17.07. bis 08.08.2015 auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt

Infos: http://www.hkw.de…

Zuerst erschienen am 27. Juli und 9. August 2015 auf Kultura-Extra.

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MOTHER INDIA – Auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt eröffneten das Bombay Connection Orchestra und der Tabla-Star Talvin Singh die Wassermusik 2015 mit Bollywood-Sounds.

Montag, Juli 20th, 2015

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Wassermusik 2015 im HKW Berlin

Wassermusik 2015 im HKW Berlin – Foto: St. B.

Verpackt wie einst der Reichstag um die Ecke ist nun auch das Haus der Kulturen der Welt am Spreeufer des Tiergartens. Die markante Silhouette der „Schwangeren Auster“ ist noch die ganze Sommerpause über hinter Bauplanen verschwunden. Das ließ das alljährliche Open-Air-Festival WASSERMUSIK von der schönen Dachterrasse auf den Spiegelteich vor dem HKW-Haupteingang umziehen. Als legendärer Nachfolger der Umsonst-und-Draußen-Heimatklänge, die dem Neubau des Kanzleramtes weichen mussten und nach langer Odyssee durch Berlin schließlich mangels Sponsoren auf dem Trockenen landeten, hat sich die WASSERMUSIK seit 2008 mit jährlich wechselndem Thema als das Sommerfestival der Weltmusik in der Hauptstadt etabliert.

wassermusik_mother_india_c_golden_cosmos_nodeSang man bei der letztjährigen LUSOFONIA vorwiegend portugiesisch, steht die WASSERMUSIK 2015 ganz unter dem Motto Mother India. Und zur Eröffnung am 17. Juli ließen sich die Veranstalter des HKW etwas ganz Besonderes einfallen. Indien hat neben seiner typischen Musik auch noch eine weitere große Tradition. Die indische Kultur hat ihren Einfluss nicht erst seit der Zeit der Hippie-Bewegung in die westliche Welt getragen. Bereits in den 1930er Jahren begann man der US-amerikanischen Filmindustrie in Hollywood Konkurrenz zu machen und gründete eine unter der Marke Bollywood bekannt gewordene, stetig prosperierende eigene Hindi-Filmproduktion. Herausragendes Merkmal der Bollywood-Filme sind ihre zahlreichen, von berühmten indischen Komponisten geschaffenen Soundtracks mit hohem Kultstatus und großer Fangemeinde nicht nur unter den indischen Cineasten. Mittlerweile feiert man den Bollywood-Sound rund um den Globus.

Die Hochzeit des klassischen Bollywood-Films liegt aber in den 1960-70er Jahren. Genau dieser Ära verpflichtet fühlt sich auch das aus Amsterdam angereiste 14-köpfige Bombay Connection Orchestra um Bandleader Gerry Arling, das zum Warming up bei bereits wieder recht sommerlichen Temperaturen dem Publikum auf der Wiese vor der Spiegelteich-Bühne mit satten Big-Band-Klängen zwischen Jazz, Progressive Rock und Discosound vermischt mit dem Percussion-Rhythmus der traditionell indischen Tablas zusätzlich einheizte. Das Orchester spielte ein frisches, launiges Set, bestehend aus Klassikern des sogenannten Lolly- und Bollywood-Films, das als Hommage an die großen Filmkomponisten R.D. Burman, M. Ashraf und Ilaiyaraaja gedacht war.

Das Bombay Connection Orchestra - Foto: St. B.

Das Bombay Connection OrchestraFoto: St. B.

Es folgte mit dem in London lebenden Talvin Singh ein weiterer großer Meister auf der Tabla. Der führende Protagonist des „Asian Underground“ in Großbritannien zeigte aber nicht seine Fähigkeiten als DJ und Virtuose des elektronischen Tabla-Beats, sondern spielte extra für das Wassermusik-Festival in ganz klassisch indischer Instrumental-Besetzung mit Tablas, Sitar und bezaubernder Gesangstimme den Soundtrack des legendären Hindi-Kultfilms Pakeezah. Der aus den typischen Elementen Tanz, Gesang und einer Herzschmerzhandlung um die unerfüllte Liebe der Kurtisane Nargis zu einem Sohn aus gutem Hause bestehende Bollywood-Klassiker aus dem Jahr 1972 wurde im Anschluss auf der Dachterrasse des HKW gezeigt. Die sehr gefühlvolle, mal rhythmisch treibende dann wieder eher meditativ wirkende Musik des Komponisten Ghulam Mohammed, der bereits während des Drehs verstarb, entließ einen gut gestimmt in die laue Sommernacht.

Talvin Singh - Foto: St. B.

Talvin SinghFoto: St. B.

Die WASSERMUSIK 2015 wird auch weiter im Bann von Bangra, Sitar und Tabla stehen, aber auch mit coolem Jazz und elektronischen Tanzbeats bei einem Electric-Sunday den Brückenschlag in die Moderne wagen. Bis zum 8. August folgen Konzerte so bekannter Künstler wie der berühmten Bollywood-Sängerin Asha Bhosle, dem Sufi-Sänger Asif Ali Khan, der Folklegende Mike Heron oder den Konkani Goan All Stars. Das Filmprogramm jeweils im Anschluss zeigt große Bollywood-Klassiker wie Mother India von 1957, eine Dokumentation über den pakistanischen Qawwali-Sänger Nusrat Fateh Ali Khan oder aktuelle Independent-Filme wie Gandu. Für das leibliche Wohl ist mit typischen Speisen, Getränken und einem Wassermarkt gesorgt. Zusätzlich kann man sogar zünftig zur Wassermusik mit dem Paddelboot auf der Spree anreisen und die verspannte Muskulatur bei einer Yogastunde lockern. Ganz water-proof finden die Konzerte bei Regen in der Halle statt.

Fotos: St. B.

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Wassermusik 2015
MOTHER INDIA
Vom 17.07. bis 08.08.2015 auf dem Spiegelteich vor dem Haus der Kulturen der Welt
Abendticket (2 Konzerte + Film) je nach Termin 10€/8€ bis 24€/18€, Film solo; 6€/4€
Yogastunden, Vorträge und Lesungen bei freiem Eintritt

Infos: http://www.hkw.de/…

Zuerst erschienen am 19.07.2015 auf Kultura-Extra.

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Hitzeschlacht und coole Tanzbeats – Das 25. TFF in Rudolstadt zwischen Heidecksburg, Innenstadt und Heinepark.

Samstag, Juli 11th, 2015

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Das 25. TFF in Rudolstadt - Foto: St. B.

Das 25. TFF in Rudolstadt – Foto: St. B.

Und Gabby wartet im (Heine)Park

Es soll Leute geben, die sich neben dem TFF in Rudolstadt auch noch für die Umgebung der thüringischen Kleinstadt an der Saale interessieren. So lädt die z.B. auch zu einem Wandel auf Schillers Spuren rund um die Rudolstädter Rivera genannte Gegend ein. In diesem Jahr geriet bei Temperaturen um die 35 Grad allerdings schon der fröhliche Wechsel von Bühne zu Bühne zwischen Heinepark, der schönen Innenstadt und der Heidecksburg hoch über Rudolstadt – und das zu Fuß (!) – zur Tour de Force. Gerade noch bei 9Bach auf der Heidecksburg muss man schon wieder den Marsch in den Park antreten, wo ja nach Udo Jürgens‘ selig-bekanntlich Gabi wartet.

Gabby Young - Foto: St. B.

Gabby YoungFoto: St. B.

Mit Gabi ist in diesem Fall die Britin Gabby Young mit ihren Other Animals gemeint. Eine burleske Truppe, die mit ihren schrägen Songs und Kostümen zwischen den fantastischen Tiger Lillys und barocker Barbarella changieren. Mit glockenheller Stimme und Blumen im Haar schlug Gabby ihre Fans am Freitagabend vor der Konzertbühne nach dem ersten vollen Hitzetag in ihren Bann. Nach kurzem Regenguss hatte da schon die spanische Gianna Nannini den Folkis wieder eingeheizt. Sés aus Galizien stand ihrem italienischem Vorbild in nichts nach und reihte sich umstandslos in den Reigen der großen Frauenstimmen am zweiten Festivaltag ein. Songs quer durch die Musikwelt der iberischen Halbinsel wechselten sich mit gut abgehangener Rockmusik und einigen feministischen Statements ab. Gut so.

Sés - Foto: St. B.

SésFoto: St. B.

9Bach - Foto: St. B.

9BachFoto: St. B.

Fast noch besser war zuvor auf der Heidecksburg die walisische Band 9Bach, die im klassischen Sinne nichts mit dem Leipziger Barockkomponisten zu tun hat, sondern mit wunderbar melancholischer Folkmusik aus dem Südwesten der britischen Insel. Lisa Jen gab bei glühender Nachmittagshitze eine Lehrstunde in walisischer Sprache, angefangen beim Alphabet bis zu einigen Mitsingversen fürs gebannte Publikum, das sich teils an die schattenspendenden Wände des Burghofs gedrückt oder direkt vor der Bühne platziert hatte. Wer es nicht aushielt, konnte sich unter den Bäumen der unteren Burgterrasse ausruhen und von dort trotzdem den meditativen Klängen des deutsch-libanesischen Orient-Projekts Masaa lauschen. Die Band um den Sänger Rabih Lahoud hatte sich zur Verstärkung die Israelin Yael Deckelbaum geholt, die bereits mit ihrer Frauenband Habanot Nechama 2009 in Rudolstadt gastierte. Eine freud- und friedvolle Völkerverständigung der musikalischen Art.

Masaa + Yael Deckelbaum

Masaa + Yael DeckelbaumFoto: St. B.

Salif Keita - Foto: St. B.

Salif KeitaFoto: St. B.

Das Highlight des Abends war aber mit Sicherheit die „Neue Stimme Amerikas“, die mit Rhiannon Giddens den Freitag der Frauen krönte. Die junge Sängerin aus dem Süden der USA führte mit ihren Liedern durch mindestens ein Jahrhundert amerikanische Folkmusik. Mit ihrer frischen an Joan Baez oder Joni Mitchell erinnernde Stimme interpretierte sie Songs von Nina Simon, Countrygrößen wie Dolly Parten oder Patsy Cline und natürlich Bob Dylan genauso gut wie Folk-, Blues- und Gospelklassiker, die in Deutschland u.a. durch den Filme der Coen-Brüder bekannt sind. Damit stellte sie den eigentlichen Headliner des Abends, den großen alten Mann des Mali-Blues, Salif Keita, mit seinen Ambssadeurs in den Schatten der großen Bühne im Heinepark.

Rhiannon Giddens - Foto: St. B.

Rhiannon GiddensFoto: St. B.

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Schwerpunkte Jazz und Norwegen

Nils Petter Molvaer - Foto: St. B.

Nils Petter Molvaer Foto: St. B.

Neben dem Schwerpunkt norwegischer Musik war auch der Auftakt des 25. TFF recht jazzlastig. Der Sound zog sich in den verschiedensten Varianten durch die erste Hälfte des Festivals. Am Donnerstagabend gab es zur Eröffnung das, was man gemeinhin als Fusion bezeichnen würde. Die Rhythmuskings Sly & Robbie, die bereits Black Uhuru oder die Rolling Stones begleiteten, haben sich mit dem norwegischen Jazz-Trompeter Nils Petter Molvaer zusammengetan und ein relaxtes Programm zwischen Free-Jazz-Improvisationen, Elektrobeats sowie Samples und jazzy Remixen bekannter Rockklassiker der Rolling Stones oder Pink Floyd entwickelt. Dagegen konnte der blecherne Klang der hochgelobten Elektro-Swinger Caravan Palace, die nach den iberischen Trommler der Band Coetus die große Bühne im Heinepark enterten, nicht überzeugen. Die Tanzwütigen unter dem Festivalvolk wird das nicht weiter stören. Ob Klezmer-Punk mit Ramzailech aus Israel, magischen Zittern oder diatonische Akkordeon-Klänge mit Ferro Gaita von den Kapverdischen Inseln, getanzt wird immer beim TFF in Rudolstadt.

Ramzailech - Foto: St. B.

RamzailechFoto: St. B.

Coetus - Foto: St. B.

CoetusFoto: St. B.

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Verleihung des Deutschen Weltmusikpreises RUTH

Eurasians Unity - Foto: St. B.

Eurasians Unity
Foto: St. B.

So heiß, wie die ersten Tage begonnen hatten, ging es am Samstag und Sonntag beim 25. TFF auch weiter. Und es lag nicht nur an den hochsommerlichen Temperaturen, dass die in diesem Jahr wieder zahlreich erschienenen Zuschauer dabei ordentlich in Schwitzen kamen. In der glühenden Hitze des Samstagnachmittags auf der Heidecksburg ging es mit der Verleihung des Deutschen Weltmusik-Preises, der RUTH, an die deutsch-libanesische Band Masaa (die wir schon am Vortag auf der Burgterrasse bewundern durften), an das fantastische, multinationale Women-in-Jazz-Projekt Eurasians Unity und an den Berliner Liedermacher Funny van Dannen zunächst noch verhältnismäßig relaxed zu. Van Dannen freute sich sichtlich darüber, endlich auch mal einen Preis wie ein Fußballer bekommen zu haben und intonierte sogleich seinen Hit „Fußball 2“ (Thema: latente Homosexualität). Auch wusste er zu berichten, dass die armen Berliner Künstler ab 55 aufwärts jetzt vom Kultursenator Kokain auf Krankenschein bekämen. Weitere herrliche Kostproben aus 20 Jahren ironischer Liedkunst zur Gitarre gab van Dannen dann noch mit den Klassikern „Nana Mouskouri“, „Ich hab einen Arbeitsplatz vernichtet“, „Okapiposter“ und „Schilddrüsenunterfunktion“.

Funny Van Dannen_RUTH

Funny Van Dannen mit der RUTH – Foto: St. B.

Gerhard Polt & Die Well-Brüder - Foto: St. B.

Gerhard Polt & Die Well-BrüderFoto: St. B.

Mariza - St. B.

Mariza St. B.

Spaß und Humor mit leichtem Hintersinn also, der später mit dem Kabarettisten Gerhard Polt seine bayrische Entsprechung bekam. Unterstützt von den Well-Brüdern (ehemals Biermösl Blosn), die auch in der neuen Besetzung ihre Klassiker zum Besten gaben, führte der begnadete Satiriker Polt die Zuschauer vor der großen Burg-Bühne in die Absonderlichkeiten bayrischer Kultur und Feuerwehrfeste sowie in die Geschichte der CSU-Reliquien und die Denkwelt eines fußgängerhassenden Autofetischisten ein. Musikalisch international und prominent wurde es dann nochmal am Abend auf der Burg mit der zurzeit bekanntesten Stimme des portugiesischen Fado, Mariza. Für die große, schlanke Frau mit dem markanten blonden Kurzhaar ist der melancholische Gesang der Lissaboner Kneipen aber nur eine Facette ihres künstlerischen Werks. Gemeinsam mit ihrer Band interpretierte sie auch brasilianische Musik sowie andere portugiesische Volkslieder und brachte das völlig bezauberte Publikum sogar zum Mitsingen.

Torgeir Vassvik - Foto: St. B.

Torgeir VassvikFoto: St. B.

Nomadic Massive - Foto: St. B.

Nomadic MassiveFoto: St. B.

Klänge ganz anderer Art gab es dann am späten Abend noch auf der Konzertbühne im Heinepark. Zu einzelnen Blitzen aus der Ferne, die von einem lang erwarteten Hitzegewitter kündeten, beschwor der norwegische Künstler Torgeier Vassvik wie ein Schamane mit dem Kehlkopfgesang der Sámi (Joik genannt) den leicht einsetzenden Regen. Vassvik begleitete seinen rauen, spirituell-meditativen Gesang auf der akustischen Gitarre, wozu sich noch weitere elektronisch verstärkte Streichinstrumente und Drums zu einem treibenden Rhythmus gesellten. Der große Regen blieb fürs erste aus, und die Samstagnacht im Heinepark beschloss die kanadische Rap- und HipHop-Band Nomadic Massive. Die Gruppe aus drei Rappern und zwei Rapperinnen, begleitet von Gitarre, Bass, Schlagzeug und zwei Bläsern, brachte die Menge vor der großen Parkbühne dann noch mal mit schnellem Rap-Gesang und Dance-Beats gewaltig zum Kochen.

Nobuntu - Foto: St. B.

NobuntuFoto: St. B.

Monster Ceilidh Band3

Monster Ceilidh BandFoto: St. B.

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Experimentelles, Twist und Reggae zum Abschluss

Nach drei ereignisreichen Tagen war man, der Hitze geschuldet, am Sonntag doch schon etwas ausgepowert. Der letzte Festivaltag lud aber nochmal zu einigen Entdeckungen und Highlights ein. Im Heinepark überraschte u.a. die erste Frauen-Akapella-Gruppe Nobuntu aus dem südafrikanischen Zimbabwe, die das Publikum ebenso begeisterten wie die Monster Ceilidh Band. Die jungen Briten mischten englische und schottische Volksmusik mit Drum’n’Bass und brachten so das müde Partyvolk, das sie schon am Samstag im Tanzzelt geschafft hatten, wieder auf die Beine.

Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp - Foto: St. B.

Orchestre Tout Puissant Marcel DuchampFoto: St. B.

Gleich im Anschluss dann das wohl interessanteste Musikprojekt des 25. TFF: Aus der Schweiz kommt das Orchestre Tout Puissant Marcel Duchamp. Mit musealer Sanitärkeramik des „allmächtigen“ Ready-made-Künstlers Marcel Duchamp hat das aber so gut wie nichts zu tun. Es ist wohl eher die Lust am Experimentieren mit gebräuchlichen Stilrichtungen der Musik wie Jazz, Punk, alternativem Pop und New-Wave, was recht schräg anmutend mit Afrobeats und Calypso-Klängen gemixt wird. Minimalistische Konzeptkunst im besten Sinne, die trotzdem rhythmisch mitriss und für gute nachmittägliche Stimmung im Park sorgte.

Džambo Agušhevi Orchestra - Foto: St. B.

Džambo Agušhevi OrchestraFoto: St. B.

Kein TFF kommt ohne die obligatorische Balkan-Brass-Kapelle aus. Auf der großen Bühne des Heineparks battelte dann gleich eine ganze Schar von coolen mazedonischen Sonnenbrillenträgern um den Titel „Gypsy-Superstar“. Angeblich können sie sogar Berge zum Tanzen bringen. Das Džambo Agušhevi Orchestra hatte so auch schon den inoffiziellen, aber amtlichen Weltmeistertitel aller Balkanbläser gewonnen und brachte zumindest das Rudolstädter Tanzvolk vor der großen Bühne des Heineparks zum Hopsen. Gepflegt, aber nicht unwitzig, konnte dann noch auf der Heidecksburg zu den Klängen des Yiddish Twist Orchesters getanzt werden. Die Gruppe um den Chef Dave Bitelli am Saxofon, den Sänger Natty Bo und den recht kommunikativen Gitarristen Ben Mandelson lässt ein ganzes jüdisches Salonorchester des Swingin‘ London der 1950er Jahre inklusive der reizvoll twistenden Radio-Sisters wieder aufleben.

Yiddisch Twist Orchestra - Foto: St. B.

Yiddisch Twist Orchestra – Foto: St. B.

Man kann sicher immer nur einen kleinen Querschnitt des vielfältigen TFF-Programms Revue passieren lassen. Alles zu sehen, wird einem wohl nie gelingen. Aber auch die Hitzeschlacht zum 25. Jubiläum bleibt in guter Erinnerung. Den Schlusspunkt setzte am Sonntagabend im Heinepark der Deutsche Reggae-Musikers Patrice, der neben seinem Faible für Reggae, Soul, Funk und HipHop auch seine romantische Seite mit Herz-Schmerz-Popsongs wie „Faces (I believe in something bigger than me)“ vom neuen Album The Rising of the Son zeigte und damit vor allem den TFF-Nachwuchs begeisterte. Die Erlösung mit erfrischenden Temperaturen brachte dann kurz nach dem Ende des Konzerts der lange angesagte Gewitterguss.

Patrice - Foto: St. B.

PatriceFoto: St. B.

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Auch im nächsten Jahr wird es wieder ein TFF in Rudolstadt geben. Es findet vom 7. bis 10. Juli 2016 statt und richtet den Fokus auf die unterschiedlichen Musikstile und Traditionen aus Kolumbien und auf den Tanz Cumbia.

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

25. TFF Rudolstadt
Roots Folk Weltmusik
2.-5. Juli 2015

Weitere Infos: https://tff-rudolstadt.de/de/startseite.html

Zuerst erschienen am 04.07. und 08.07.2015 auf Kultura-Extra.

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25 Jahre TFF – Rudolstadt lädt vom 2. bis 5. Juli 2015 zum Jubiläums Tanz und Folk Festival nach Thüringen

Mittwoch, Juli 1st, 2015
(c) TFF Rudolstadt

(c) TFF Rudolstadt

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Seit 25 Jahren gibt es nun schon das TFF Rudolstadt. Die Anfänge reichen eigentlich sogar bis ins Jahr 1955 zurück. Das sogenannte „Fest des deutschen Volkstanzes“ entwickelte sich schnell zu einem jährlich stattfindenden DDR-Tanz-und-Folklorefest unter starker Beteiligung der osteuropäischen Nationen, damals noch sozialistische Bruderländer genannt. 1991 erfolgte der Neustart als Forum für die klassische Folkszene. Mittlerweile ist das TFF aber zum größten und renommiertestes Festival für Roots, Folk und Weltmusik mit internationalem Renommee in Deutschland avanciert. Alljährlich besuchen zwischen 70.000 und 90.000 Musikbegeisterte die bis zu 200 Konzerte auf den mehr als 20 Bühnen der kleinen Saalestadt. Und auch zum Jubiläums-Festival 2015 haben sich wieder rund 150 Bands angesagt.

Diesmal, so heißt es von den Veranstaltern, steht das TFF ganz im Zeichen der nordischen Mystik. Zum Länderschwerpunkt Norwegen werden Künstler erwartet, die die gesamte musikalische Vielfalt des Landes zwischen A-Cappella- und Geigenmusik, Folk und Jazz sowie Sápmi-Archaik und Kirchengesang abdecken. Dazu kündigt das Festival gleich zu Beginn am Donnerstagabend ein Highlight und seltenes Crossover-Projekt an: Der gemeinsame Auftritt des international gefeierten Jazz-Trompeters Nils Petter Molvaer mit Sly & Robbie, dem legendären Rhythmus-Gespann des jamaikanischen Reggae und Dub. Ganz nordische kommen sicher auch die Valkyrien Allstars mit ihrer von drei Hardangerfiedeln getragenen Rockmusik daher. Und die Band Vassvik verschmilzt die ursprüngliche samische Tradition des Joikens mit moderner, expressiver Streichertechnik.

Der Tanz steht natürlich auch wieder ganz im Mittelpunkt des Festivals. Im Tanzzelt im Heinepark kann man sich zum Halling und anderen norwegischen Tänze verabreden. Am Sonntag um 11 Uhr wird im Thüringischen Landestheater der norwegische Choreograf Hallgrim Hansegård mit seiner Company Frikar das Tanzstück LEAHKIT aufführen. Das magische Instrument ist in diesem Jahr die Cister – auch Zister oder Zitter genannt – ein Zupfinstrument aus der Familie der Kastenhalslauten. Die Magic-Konzerte der aus sechs Ländern stammenden Instrumentalisten finden am Freitag um 17.30 Uhr auf der Bühne der Burgterrasse und am Samstag um 21 Uhr in der Stadtkirche statt.

(c) TFF Rudolstadt

(c) TFF Rudolstadt

Auch in diesem Jahr wird wieder der Deutsche Weltmusikpreis RUTH verliehen. Der Hauptpreis geht an das Projekt Eurasians Unity, das sich musikalisch zwischen Balkan und Vorderem Orient bewegt. Auf den Förderpreis kann sich das Ethno-Jazz-Quartett Masaa freuen. Mit der Ehren- RUTH werden die Musikjournalisten Cornelia Rost und Werner Fuhr ausgezeichnet und den Sonderpreis, des TFF-Teams erhält der Kreuzberger Liedermacher Funny van Dannen für seine „liebevoll durchgeknallten Songs“, wie es in der Begründung heißt. Die Preisverleihung und Gewinner-Konzerte finden am Samstag ab 15 Uhr wie immer auf der Heidecksburg statt.

Zu den ganz großen Namen auf dem Festival zählt mit Sicherheit die portugiesische Fado-Sängerin Mariza (Sa. 22 Uhr, Heidecksburg). Aber auch weitere Highlights hält das vielseitige Lineup des 25. TFF bereit. Zu nennen wären vor allem der deutsche Reggae-Sänger Patrice, die aus Mali anreisende Supergroup Westafrikas Les Ambassadeurs mit dem Sänger Salif Keita, „Amerikas nächste große Frauenstimme“ Rhiannon Giddens, die französischen Erfinder des Electro Swing Caravan Palace und natürlich der bayrische Kabarettist Gerhard Polt, der mit den Well-Brüdern aus’m Biermoos (ehemals Biermösl Blosn) zum Festival nach Thüringen kommt.

Wer auf Devotionalien aus 25 Jahren TFF steht, sollte unbedingt am Sonntag ab 12 Uhr in den Stadthaussaal kommen. Dort versteigert das TFF-Grafikerteam alte TFF-Dekorationen u.a. die wunderbar bunt bemalten, großformatigen Bühnen- Prospekte, oder für den kleineren Hosensack die passenden Taschentücher. Regenschirme wird es nicht brauchen, es ist für alle vier Tage Sonnenschein mit bis zu 35°C angesagt. Etwas, was es auch nicht alle Jahre gab. Bleibt nur noch allen, die nach Rudolstadt fahren, viel Spaß zu wünschen. Beginn ist am Donnerstag um 21:00 Uhr auf der großen Bühne im Heinepark mit dem sicherlich ersten Höhepunkt, der spanischen Rhythmusgruppe Coetus.

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Das 25. TFF 2015 auf wieder auf der Heidecksburg - Foto: St. B.

Auch wieder auf der Heidecksburg
Das 25. TFF 2015
Foto: St. B.

TFF Rudolstadt
Roots Folk Weltmusik
2.-5. Juli 2015

Weitere Infos: https://tff-rudolstadt.de/de/startseite.html

TFF-Rückblick:

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Zuerst erschienen am 30.06.2015 auf Kultura-Extra.

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