Archive for the ‘Lou Reed’ Category

Walk on the Wild Side – Lou Reed, der Meister der Ein-Ton-Musik wird 70.

Freitag, März 2nd, 2012

„As a statement it’s great, as a giant FUCK YOU it shows integrity.”

So der britische Musikjournalist Lester Bangs zur wohl denkwürdigsten Rock-LP aller Zeiten, die Lou Reed 1975 angeblich nur aufgenommen hatte, um aus seinem Vertrag mit der Plattenfirma RCA wieder herauszukommen. Das zumindest ist ihm geglückt, ansonsten gaben über 10.000 enttäuschte Fans die unhörbare „Metal Machine Music“ wieder zurück. Erst im Jahre 2002 kam es zu einer Wiederaufnahme der Scheibe mit dem Ensemble Zeitkratzer. Das Werk wurde live im Rahmen der Märzmusik im Haus der Berliner Festspiele eingespielt. Aber selbst mit orchestraler Begleitung und ausgeteiltem Gehörschutz gruben sich die Feedbackschleifen von Lou Reeds Gitarre tief in die Magengruben der Zuhörer und drückten sie in die flauschigen Polster des Festspielhauses an der Schaperstraße. Für eingefleischte Fans ist die Live-DVD/CD seit 2007 im Handel erhältlich.

lou-reed_danny-norton.jpg

Lou Reed, Schinitzer Concert Hall Portland, OR. (2004) – Foto: Danny Norton (flickr.com)

Von Konzeptalben dieser Art ließ Lou Reed in seinem weiteren Schaffen dann eher die Finger. Anderen Bands hat das die sogenannte Metal-Machine-Music-Klausel eingebracht und R.E.M. haben sich deshalb wohl sogar im letzten Jahr aufgelöst, um nach 20 Jahren bei Warner nicht die x-te Version von „Losing My Religion“ einspielen zu müssen. Harte Zeiten für Rockmusiker.

Das alles hat Lou Reed nie viel geschert. Von seinen Anfängen in New York als Komponist von banaler Unterhaltungsmusik, der Gründung und alsbaldigen Wiederversenkung der legendären Velvet Underground mit seinem Lieblings-Hass-Kumpel John Cale in den 60ern, über seine androgyne Glamrock-Phase bei David Bowie in London, den eher ruhigen und ereignisärmeren 80er und 90er Jahren, in denen er den Drogen abschwor, bis zu seinen Ausflügen mit Robert Wilson in die Theatergefilde oder seiner jüngsten Lulu-Version mit der Band Metallica, die er bereits als Begleitmusik für die BE-Fassung von Wilson eingespielt hatte, Lou Reed läßt sich einfach nicht in eine Schublade pressen. Man kann über ihn sagen was man will, langweilig wird es ihm mit seinen 70 Jahren bestimmt nicht werden. Lester Bangs hat er jedenfalls schon mal überlebt und die Gefahr, dass er auf Endlos-Tourneen seine alten Hits abfeiert, besteht mit Sicherheit auch nicht. Herzlichen Glückwunsch.


__________