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Der Festivalsommer 2013 (Schluss) – Alles außer Polka! Die PolkaBEATS 2013 in Cottbus schwelgten wieder in einer Vielfalt der Stilmixe.

Sonntag, August 25th, 2013

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PB_Plakat2013Neben den Gurken, der Fürst-Pückler-Pyramide, einem Postkutscher und dem „Dicken“ hat Cottbus auch eine echte kulturelle Alternative zu bieten. Cottbus hat die Polka und auch gleich das passende Sommer-Musik-Festival dazu, die sogenannten „PolkaBeats“. Seit 2010 treffen sich hier jährlich an einem Wochenende im August Bands mit den unterschiedlichsten musikalischen Ausrichtungen, um im Stile einer wahrhaften Grenzüberschreitung einer entscheidenden Gemeinsamkeit zu frönen, der Liebe zum 2/4-Takt. Außerhalb des weitverbreiteten Polka-Klischees bierseliger Blasmusikveranstaltungen im Trachtenlook trifft in Cottbus allen Unkenrufen zum Trotz Traditionelles auf neueste musikalische Moden und Trends, und verbindet sich so zu einem immer wieder hochexplosiven Partygemisch.

Unter dem Motto „Die Polka ist tot, es lebe die Polka!“ ging es dann vom 16. bis 17. August auch nicht nur wegen des schönen Wetters dementsprechend heiß her. Alles ist möglich, haben sich die Macher der PolkaBeats auf ihre Fahnen geschrieben. Musiker aus vier Nationen standen zwei Tage lang mit den unterschiedlichsten Stilen, die sich da zum Beispiel „Ompa Twang“, „ZickenUmpa“ oder „Polka Punk“ nennen, im friedlichen Wettstreit um die Gunst des Cottbuser Publikums. Und so kann „Polkability“ durchaus auch als eine Fähigkeit zur interkulturellen Verständigung angesehen werden. Aber die Hauptsache bleibt natürlich der Spaß an immer neuen Ideen jenseits des breiten Mainstreamgeschmacks.

Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.

Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.

Bereits am Freitagabend wurde das Festival traditionell in kleinerem Rahmen eröffnet. Nach dem „Zelig“ im letzten Jahr konnte der Bebel – Club of Culture in der Nähe der BTU Cottbus ebenfalls ein passendes Ambiente für den interkulturellen Polka-Bieranstich mit Musik bieten. Das intimere Club-Feeling kam besonders den Musikern der multinational besetzten Kapelle SCHÄNG PELLE entgegen, die mit ihrem Fiddel-lastigen Akkustik-Sound skandinavische Folktradition mit niederrheinischer Kirmesmusik mixten und so in den Umbaupausen die Tanzwütigen bei Laune hielten.

Le Marché im Club Bebel. Foto: St. B.

Le Marché im Club Bebel.
Foto: St. B.

International im Musikstil waren dann auch die andern beiden Bands des Abends. Während LA MARCHE, benannt nach einem Landstrich in Mittelfrankreich, neben Balkanbeats, Ska, Funk und Reggae auch französischen Chanson im Gepäck haben, bevorzugen die Musiker von VLADIWOODSTOK eher eine Mischung aus Rock’n’Roll, Jazz, Punk und Walzer, der außer Tom Waits und den irischen Pogues vor allem die finnischen Könige der Humppa-Blasmusik Eläkeläiset zum Vorbild hat. Und wie zum Beweis dessen tauchte dann auch irgendwann bild- und klanggewaltig eine große Tuba auf. Gleich den coverwütigen Finnen schrecken Vladiwoodstok nicht vor dem klassischen Pop- und Rock-Erbe zurück. So stehen der „Alabama-Song“ von Brecht/Weill gleichberechtigt neben Edwin Collins` „Never known a girl like you before“, Mando Diaos „Dance with somebody“ und Madonnas „La Isla Bonita“ in einer Kastagnetten-Polka-Version.

Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.

Vladiwoodstok im Club Bebel. Foto: St. B.

Nach dem Warming-up im Bebel und einem nachmittäglichen Busausflug in den Spreewald – natürlich mit zünftiger böhmischer Blasmusik und Polkabegleitung von HORJANY und SCHÄNG PELLE – gab es am Samstagabend im Garten der Alten Chemiefabrik, die zum zweiten Mal Hauptaustragungsort der PolkaBeats war, endlich das lang ersehnte Zusammentreffen der POLKAHOLICS (USA) mit den POLKAHOLIX (D). Ein musikalisches Polka-Duell der ganz speziellen Art, das natürlich nur Sieger kannte. Nachdem die jungen, heimischen Lausitzer DIE FOLKSAMEN bereits das Cottbuser Partyvolk mit ihrem Polka-Ska und -Rock bestens eingestimmt hatten, betraten gegen 22:00 Uhr die drei Polkaverrückten der Chicagoer Band THE POLKAHOLICS als erste die große Bühne.

Gitarrist und Sänger Dandy Don Hedeker, Bassist Blitz Linster und Schlagzeuger Stylin’ Steve Glover ließen von Beginn an keinen Zweifel daran, wer die wahren Meister des Polka Punks sind. In ihren Fifties-Fantasie-Kostümen mit Horn-Brillen und gut gefetteter Haartolle sahen sie zwar eher wie eine Rockabilly Fun-Band aus. Ihre Wurzeln liegen aber klar im von polnischen Einwanderern kreierten Chicago-Stil, einer Spielart der Polka, die ebenfalls in den fünfziger Jahren ihre Hochzeit erlebte. Heimliches Vorbild der POLKAHOLICS ist dann auch Walter Eward Jagiello, ein Chicagoer Polka-Hero, dem sie sogar eine ganze Polka-Oper gewidmet haben.

Polkaholics (USA) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

The Polkaholics (U.S.) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

Bei ihrem Cottbuser Auftritt mischten die drei jedoch im klassischen Gewand einer Rockband ihre Polka mit jeder Menge Punk-Beats und harten Gitarrenriffs, die nicht ganz unbeabsichtigt an Rockgrößen wie Deep Purple oder Led Zeppelin erinnerten. So tanzte und schwitze sich das Publikum auch bald mit an allen möglichen Körperteilen beklebten POLKAHOLICS-Stickern, die die Band zuvor freizügig verteilt hatte, durch die überwiegend rockige Setliste der Band. Und man hätte durchaus meinen können, der legendäre „Smoke on the Water“ ziehe an diesem Abend von der Spree herauf durch den Garten der Alten Chemiefabrik. Zum Schluss schwor Dandy Don noch die neu gewonnene Cottbuser Fangemeinde mit der eindrücklichen Forderung „Please don’t let the polka die!“ entsprechend ein. Seine Worte dürften angesichts der sichtbar um sich greifenden Euphorie auf besonders fruchtbaren Boden gefallen sein.

Polkaholix (D) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

Polkaholix (D) in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

Leichtes Spiel also für den folgenden Headliner, die POLKAHOLIX aus Berlin. Sie brauchten nur da weiter zu machen, wo die Chicagoer aufgehört hatten. Denn auch die Band um Festivalleiter und Akkordeonspieler Jo Meyer und den Sänger Andreas Wieczorek vermag ähnlich stark missionierenden Weihrauch zu verbreiten. So brannten sie dann auch souverän ihr gewohntes Feuerwerk aus Rock’n’Polka, Ska, Punk und Berliner Gassenhauern ab. Nach mehreren Zugaben und einer musikalischen Verbrüderung der beiden PolkaholiCS/X-Bands auf offener Bühne mochte kaum jemand im Publikum wirklich an S.C.H.E.I.D.U.N.G. denken. Und wer danach immer noch nicht genug vom vielen Polken hatte, konnte die zuvor in den Konzertpausen erlernten Tanzschritte noch weit bis nach Mitternacht auf einer kleinen Bretterbühne am Rande ausprobieren. Ein rundum gelungenes Festival, das auch im nächsten Jahr seine Fortsetzung finden wird.

Polkaholics und Polkaholix in der Alten Chemiefabrik. Foto: St. B.

Polkaholics + Polkaholix in der Alten Chemiefabrik.
Foto: St. B.

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Festivalsommer 2013 – Konzerte

Festivalsommer 2013 – Theater

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