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Die Pop-Kultur 2016 in Berlin-Neukölln

Sonntag, September 4th, 2016

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Die Pop-Kultur 2016 feierte sich im neuen Szene-Bezirk Berlin-Neukölln

Die Pop-Kultur 2016 ist vom Techno-Tempel Berghain in Mitte, wo 2015 die erste Ausgabe des die ehemalige Berlin Music Week ablösenden Festivals stattfand, in den zurzeit wohl angesagtesten Berliner Bezirk nach Neukölln weitergezogen. Eine wohl ganz folgerichtige Entscheidung, wie auch die erst ein Jahr im Amt befindliche Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey bei der Eröffnung bestätigte. Sie hat Heinz Buschkowsky, der Neukölln immer noch eher als sozialen Problembezirk angesehen hat, abgelöst und begrüßte das Publikum im Vollgutlager an der Rollbergstraße sichtlich und deutlich hörbar freudig erregt. Neukölln sei im Umbruch und hat eine bemerkenswerte Entwicklung im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft vollzogen. Ob das der Späti oder Dönerladen um die Ecke ebenso sieht, bleibt die Frage in Bezug auf die bevorstehende Stadtentwicklung im Kiez.

Für Berlins Bürgermeister Michael Müller, der sich bekanntlich im Wahlkampf befindet, ist Berlin eh Pop, und das sei wichtig. Ob der Streit um Burka und Burkini auch eine neue Art von Pop-Kultur-Diskurs darstellt, wird auf der Neuköllner Ausgabe des Musik-Festivals sicher nicht verhandelt. Auch dass sich die freie Kunst-Szene der Stadt mal wieder wegen mangelnder Unterstützung beklagt und sich mit der „Off-Kultur“ ein lokales Gegenfestival gegründet hat, wird hier mal eben ausgeblendet.

 

Kurt Cobains Ligther im Vollgutlager
Foto (c) Annett Bonkowski

 

Nun ist die Pop-Kultur auch eher ein internationales und kein ausschließliches Berlin-Festival und schmeißt sich nur auf den lokalen Trend mit drauf. Dass sich urbane Wanderungsbewegungen von Künstlern und Kreativen von der gentrifizierten Mitte weg zu den Rändern Berlins vollziehen, liegt sicher auch nicht nur am Charme Neuköllns oder des Weddings, sondern an den noch bezahlbaren Mieten und reichlich vorhandenen Industriebrachen wie eben auch die der ehemaligen Kindl-Brauerei in der Rollbergstraße, in dessen Räume vor ein paar Jahren schon das SchwuZ aus Kreuzberg gezogen ist und im benachbarten Vollgutlager nun das Hauptquartier der Pop-Kultur 2016 steht.

Berlin ruft Pop-Kultur, und alle sind sie da. Es gibt Sekt und die Eröffnung einer kleinen Ausstellung mit dem Titel For Those About To Rock. Der aus London angereiste Scott King, Art Director für das i-D Magazin und Grafikdesigner für die Plattencover der Pet Shop Boys oder Morrissey, zeigte Artefakte aus seiner Sammlung, die er während seiner langjährigen Pop-Begeisterung und den vielen Begegnungen mit heute legendären Musikern zusammengetragen hat. Schon 2014 trat King mit seiner Laptop Late-Night Fantasy The Festival of Stuff bei den FOREIGN AFFAIRS auf. Nun erklärt er in dem Film Kurts Lighter, wie scheinbar Banales zur Pop-Insignie wird und was an den gesammelten Pop-Devotionalien wie dem Feuerzeug von Kurt Cobain, den Unterhosen von Peter Tosh oder etwa dem Klopapier aus den New Yorker Electric Lady Studios so wichtig für uns ist.

Hier haben sich sicher auch der designierte Volksbühnenintendant Chris Dercon, der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner (ein Altbekannter in der kommerziellen Pop-Musikszene) und der von den FOREIGN AFFAIRS zum Athens & Epidauros Festival nach Griechenland gewechselte Matthias von Hartz ein paar kreative Anregungen holen können.

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Natürlich gab es neben Filmen und Gesprächen auch reichlich Musik bei der Pop-Kultur 2016. Im Konzert der deutschen Pop-Verheißung mit Namen Roosevelt in Huxley’s Neuer Welt unweit des Hermannplatzes war dann auch gleich verstärkter Hipster-Alarm zu vermelden. Nicht nur der Bart, auch der aus sicher garantiertem Öko-Anbau stammende Baumwollbeutel hat sich auf Pop-Konzerten eindeutig durchgesetzt. Musikalisch sind die Kölner Roosevelt, die nun einen Vertrag beim Berliner Label City Slang bekommen haben, sicher eine beim anwesenden Publikum gut ankommende Disco-Pop-Band. Sie legten einen lockeren Sound zwischen poppigem Wave der Pet Shop Boys und Discoklassikern wie „Teardrops“ von Womack & Womack auf den Neuköllner Dancefloor, der immer noch so schön schwingt wie früher und auch schon ein paar bedeutendere Popgrößen gesehen hat.

 

Brandt Brauer FrickFoto (c) Pop-Kultur 2016

 

Schon etwas größer im Popgeschäft ist das nachfolgende Berliner Techno-Projekt Brandt Brauer Frick. Die drei Namengeber der Band spielen seit 2008 in wechselnder Besetzung mit anderen Musikern und sampeln dabei die eingesetzte klassische Instrumentierung. Für ihre neue Platte und den Auftritt bei der Pop-Kultur haben sie ihren Elektro-Sound mit einem Sänger und Backgroundchor aufgepeppt. Sehr düster britische Wave-Klänge wechselten sich hier mit einem eingängig treibenden Techno-Beat ab, was durchaus auch für ein breiteres Publikum goutierbar war. Wirklich experimentell und ungewöhnlich neu wie noch „You Make Me Real“ ist das allerdings nicht mehr.

Nach den Eröffnungskonzerten ging’s dann auf die Partymeile entlang der Neuköllner Verkehrsader Karl-Mary-Straße. Neben dem Heimathafen Neukölln, dem Prachtwerk und dem Punk-Club Keller ist hier vor allem der alternative Schwulen-Club SchwuZ gut frequentiert. Hier treten an drei Tagen auf den Floors Kathedrale, Salon und Bunker eine Menge interessanter Bands und DJ-Sets von 22 Uhr bis spät in die Nacht auf. Am Mittwochabend standen neben der Hamburger Post-Punkband Trümmer und dem nicht nur musikalisch unglaublich vielseitigen US-amerikanischen Rockmusikers Ezra Furman vor allem die hochgelobten U.S. Girls im Mittelpunkt.

 

Ezra Furman – Konzert im Schwuz Kathedrale
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Die Show der in Toronto lebenden Musikerin Meg Remy, begleitet von einer weiteren Sängerin und einem Cowboy mit E-Gitarre, der immer mal wieder unter der Nebenbühne zum Einsatz hervorsprang, kann man getrost als ziemlich abgefahrene Performance bezeichnen. Remy sampelt sich als „Einfrau-Loop-Maschine“ vom Rock über Rap bis zum Punk durch die gesamte amerikanische Musikgeschichte. Dabei werden ständig die Kostüme wie die Musikstile gewechselt, und nebenbei gibt’s noch ein paar feministische Texte gegen das Patriarchat in der US-amerikanischen Familie. Solche kleinen Pop-Blüten wie auch den Berliner Elektro-Punker Schwund, der so frisch auf seinem Synthesizer drischt und deutsches Liedgut zum Besten gibt, als hätte es Ideal und die Neue Deutsche Welle nie gegeben, wünscht man sich öfter auf der Pop-Kultur. In diesem Sinne: We Salute You. Fire!

Zuerst erschienen am 01.09.2016 auf Kultura-Extra.

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Post-heroische Pop-Theorien von Jens Balzer und die Realität auf der Pop-Kultur 2016 in Neukölln

Auch das ist Pop-Kultur: Am zweiten Tag erfüllte das Festival der zwanglosen Gegenwartskultur eines anything goes mit dem Auftritt von Selda Bağcan in Huxleys Neuer Welt seinen kultur-politisch korrekten Auftrag. Mitten im Herzen von Berlin-Neukölln sprach die 68jährige, als anatolische Joan Baez verehrte, Sängerin vor einer kleinen standhaften türkischen Community von Freedom and Democracy. „The Show must go on.“ Und das Publikum dankte ihr die aufmunternden Worte und hing begeistert an den Lippen der kleinen Frau mit leuchtend orangefarbenen Haarschopf, als diese ihre türkischen Folkhymnen mit Unterstützung der israelischen Rockband Boom Pam sang.

 

Selda Baǧcan & Boom Pam – Konzert im Huxleys
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Draußen auf der Karl-Marx-Straße ist man dann wieder in der Realität angekommen. Deutschsprachiger Gangsta-Rap dröhnt aus fetten Boxen vor den Einkaufstempeln am Neuköllner Rathaus, wo die Pop-Kultur auf dem Alfred-Scholz-Platz ihr Ticket-Häuschen aufgestellt hat. In einer Nebenstraße liegt das Szene-Café Prachtwerk. Hier werden etwas leisere Töne angeschlagen, und der stellvertretende Feuilleton-Chef der Berliner Zeitung und Pop-Musik-Kritiker Jens Balzer liest aus seinem Buch POP. Ein Panorama der Gegenwart.

Das ist so weit weg von Neukölln, dass man über Balzers These vom Ende der heterosexuellen Männlichkeit nur schmunzeln kann. Aber vielleicht wird auch hier, wie bei Balzer zu lesen, das machohafte Gehabe bald durch einen melodiöseren und kommerziell erfolgreicheren Rap eines Kanye West abgelöst. Balzers Kapitel des postheroischen Manns, den er auch gleich noch als Heuchler tituliert, schließt genau da an, wo Diedrich Diederichsen mit seiner theoretischen Abhandlung Über Pop-Musik aufhörte. Nämlich im 21. Jahrhundert, das nach Diederichsen durch die Ablösung des heroischen durch das post-heroische Zeitalter geprägt ist.

 

Jenni Zylka und Jens Balzer bei der Lesung im Prachtwerk
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Balzer macht das an ein paar Beispielen fest, die sich aus einer Vielzahl von Konzertbesuchen, SoundCloud-Studien und Interviews speist. Der Pop-Kritiker ist viel unterwegs in den Konzerthallen und auf Dancefloors der Stadt. Die Buchpräsentation im Prachtwerk sollte erst eine Plauderei unter Männern werden. Da haben die Programmverantwortlichen wohl noch mal kurz nachgedacht, und statt des omnipräsenten Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner, sitzt nun die nicht minder kompetente Journalistin, Pop-Kritikerin und Buchautorin Jenni Zylka an Balzers Seite, was schon mal einen kleinen farblichen Kontrapunkt zum ganz in Schwarz gekleideten Bartträger setzt. Ansonsten ein eher netter Schlagabtausch unter Kollegen, der niemandem wirklich wehtat.

Zylka hat dem Autor eine Auswahl an Texten aus seinem Buch zum Vorlesen gegeben, was zu einer kleinen ironischen Anekdotenparade aus Balzers Konzertbesuchen gerät. Es geht um die satanischen Lärmpriester Sunn O))), wobei u.a. auch über die Aussprache des kryptischen Bandnamen philosophiert wird, um die launige Demontage eines Céline-Dion-Konzerts und die Untoten des Pop wie Art Garfunkel, der sich mit seinem Sohn einen neuen Gesangspartner geklont hat.

 

U.S. Girls – Konzert im Schwuz Salon
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Nicht fehlen darf natürlich ein Bericht über ein Konzert von Helene Fischer, der „mega-eklektischen Multimediakünstlerin“, die nach Balzer „die Geburt des nihilistischen Postfeminismus“ eingeläutet hat. Balzer lässt sich in seinem Buch auch lang und breit über neue weibliche Pop-Ikonen wie Adele, Rihanna oder Lana Del Rey aus. Ihr Erscheinen steht seiner Meinung nach in Zusammenhang mit dem Niedergang des dominanten Rock-Maskulinismus der letzten Heroen des Pops wie The Strokes und The Libertines mit ihrem abgestürzten Frontmann Pete Doherty.

Auch Kurt Cobain kommt da nicht gut bei weg, dessen zur Schau gestellte Männlichkeit mit schlaffem Genital auch nur ein Schrei nach der Mama war. Das klingt schon stark nach psychopathologischem Befund, in den sich Kapitel wie „die erotischen Probleme der Digital Natives“ oder „hermaphroditische Backenhörnchen auf Metamphetamin“ gut einreihen. Auf Jenni Zylkas Frage, ob nicht schon die Musik von Bands wie Led Zeppelin ein Schrei nach weiblicher Liebe waren, oder wohin nun mit aller „heroischen Feminität“, wenn hinter den Kulissen des Popgeschäfts weiterhin Männer die Fäden ziehen, hat Jens Balzer keine konkrete Antwort parat und empfiehlt lieber die genauere Lektüre seines Buchs. Auch eine gekonnte Art der Promotion, wobei sich das gesponserte Festival ja sonst eher um die die ungeliebte Vermarktungsproblematik der Pop-Musik herumdrückt.

 

Liars – Konzert im Schwuz Kathedrale
Foto (c) Roland Owsnitzki

 

Wieder in die Praxis angelangt, kann man schon feststellen, dass die sogenannten Digital Natives bei ihren Technokonzerten schon recht autistisch auf ihren Turntables herumschrauben und männliche Erotik – wie beispielsweise bei der Präsentation des Soundtracks zum ersten eigenen Film der New Yorker Liars im SchwuZ – eine eher untergeordnete Rolle spielt. Der Sound waberte unentwegt elektronisch vor sich hin, da ist man doch als Zuschauer schon ganz froh, wenn beim Konzert von Immersion Malka Spigel und Ex-Wire Colin Newman beim psychedelischen Klängefrickeln mal kurz schmunzelnde Blicke über den Tisch austauschen und im Hintergrund ein echtes Schlagzeug mit Special Guest Ronald Lippok den Beat dazu schlägt. „Analogue Creatures“ heißt dann auch ihr neues Werk.

Wenn der digital erzeugte Sound bei der Pop-Kultur auch deutlich im Vordergrund stand, haben einige Jungs und Mädels ihre Gitarren doch noch nicht weggeworfen. Etwa die französische Musikerin Flora Fishbach mit ihrem fröhlichen Elektro-Pop, oder Nicholas Wood vom US-amerikanischen Industriel-Duo KVB. Begleitet von seiner Partnerin Kat Day am Synthesizer ließen sie am Freitag in Huxleys Neuer Welt den britischen 80th-Indierock und Post-Punk á la Joy Divison und New Order auferstehen. Das hätte Ex-Dark-Wave-Fan Balzer sicher gut gefallen.

 

Thurston Moore im Huxleys
Foto (c) Janto Djassi

 

Nach dem fulminanten Auftritt des elektronischen Springteufelchens Nika Roza Danilova von Zola Jesus zeigte dann noch der Vater aller Lärmjugend, Thurston Moore, wo die E-Gitarren wirklich hängen. Der Ex-Mastermind der legendären Sonic Youth gastierte mit klassischer Begleitband als Headliner des Abends im Huxleys. Allerdings hat Vati eine neue Mutti am Bass. Kim Gorden schreibt nun lieber autobiografische Bücher wie A girl in a band oder spielt in kleinen deutschen Genrefilmen wie Der Nachtmahr. Ansonsten ist alles beim alten. Klangteppiche aus sägenden Gitarren und Feedback-Gewitter zu psychodelischen Videos mit wachsenden Pilzen.

Die sexuelle Aura des Gitarren-Rockers scheint ebenfalls ungebrochen, wie einige weibliche „I loved you“-Rufe bezeugten. Eine junge Frau konnte sich gar nicht mehr einkriegen, was natürlich genauso gut am kreisenden Joint gelegen haben könnte. Sicher auch ein Plus bei Jens Balzer, der, weil er im SchwuZ nicht gleichzeitig rauchen und trinken durfte, dem Pop-Kultur-Festival in der Berliner Zeitung Spießigkeit vorgeworfen hatte. Hugs gab es nur für die Bassistin, ausgiebig feiern ließ sich Thursten Moore dann aber doch. Das Publikum wippte und nickte zustimmend im Takt der Gitarren. Da scheint trotz „postkoitaler Tristesse“ die männliche Pop-Welt noch in Ordnung.

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Jens Balzer – POP. Ein Panorama der Gegenwart
Hardcover, EUR 16,99
Rowohlt Verlag, 2016
ISBN 9783644122413

Pop-Kultur Berlin 2016
31.08. – 02.09.2016
In Neukölln

Weitere Infos siehe auch: http://www.pop-kultur.berlin/

Zuerst erschienen am 04.09.2016 auf Kultura-Extra.

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