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Power-Frauen, Synthie-Pop mit E-Gitarren, Typewriter-Klangwelten und Refrains ohne Strophen – Das war die Pop-Kultur 2017

Donnerstag, August 31st, 2017

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Die dritte Ausgabe der Pop-Kultur ist Geschichte. Auf dem Areal der Kulturbrauerei im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg versammelte das Festivalteam um Katja Lucker und den beiden Kuratoren Martin Hossbach und Christian Morin wieder eine illustre Schar von altgedienten und jungen Pop-AvantgardistInnen. Die gute Mischung aus Live-Musik, Gesprächen, Lesungen, Ausstellungen und Filmen zur Geschichte des Pop wie etwa die Foto-Schau des langjährigen Konzertfotografen Roland Owsnitzki aus den 1980er Jahren oder die Filme ostPunk! to much future und Bunch of Kunst über die englische Band Sleaford Mods macht dieses Festival aus, obwohl natürlich die Musik wie immer im Vordergrund stand. Dabei zeigten sich die Spielarten der zeitgenössischen Pop-Musik sehr vielgestaltig. Seien es nun Spoken-Words-Performances oder Typewriter-Klangwelten mit Tanz, Rap, Gitarren- oder Synthie-Pop, für jeden noch so speziellen Geschmack ließ sich etwas finden.

Und es ist so wie mit Owsnitzkis Auswahl aus unzähligen alten Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen die Großen oder damals noch unbekannten Newcomer des Pop und Undergrounds wie Nick Cave, Divine, Nina Hagen, Sade, Iggy Pop, Blixa Bargeld, Die Ärzte oder Miles Davis versammelt sind. Fürs erste zählt der Augenblick, ein erster Eindruck. Was wirklich bleibt, wird sich in ein paar Jahren zeigen. Und vielleicht erinnert man dann auch den einen oder anderen Auftritt auf der Pop-Kultur 2017. Mit Sicherheit nicht so schnell vergessen sein wird die unsägliche BDS-Boykottkampagne, für die nicht nur deren Betreiber sondern auch das Festival selbst im Umgang damit in die Kritik geriet. Wichtig bleibt in jedem Fall die Absage an jegliche Form von Antisemitismus, Chauvinismus, Homo- und Xenophobie. Und damit hat das Pop-Kultur-Festival auch in der dritten Runde die Nase weit vorn. Diverser im Auftritt und auch kontroverser in den Diskussionen wie in diesem Jahr geht es kaum.

 

Romano auf der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

 

Der zweite Tag des Festivals gehörte auf der großen Bühne im Kesselhaus klar dem Rap. Auf die regionale Größe mit dem Zöpfchen-Rapper und Muttis Liebling Romano alias Roman Geike aus Berlin-Köpenick folgte hier die schwarze UK-Rapperin Little Simz alias Simbi Ajikawo aus London. Netter geradliniger Spaß-Proll-Rap von nebenan gegen eine eher experimentelle Mischung aus Elementen von Hip-Hop, Drum ’n’ Bass und Grime mit durchaus politischem Anspruch.

Sehr divers auch die musikalischen Beiträge aus Osteuropa. Jeweils ganz spezielle traditionelle Musikeinflüsse verarbeiten dabei das russische Elektro-Trio Oligarkh wie auch die im Kosovo gebürtige Berliner Sängerin ANDRRA alias Fatime Kosumi. Die St. Petersburger Band Oligarkh verbindet einen Mix aus EBM und Industrial mit Samplings russischer Folklore zu einer Art extrem tanzbarem „Slawischen Rave“ und arbeitet sich dabei u.a. auch noch verstärkt durch visuelle Mittel an der orthodoxen Kirche ab. ANDRRA dagegen hat folkloristische Lieder aus Albanien und dem Kosovo gesammelt und trug diese trance-artigen Gesänge mit elektronischer Unterstützung durch eine Band um PC Nackt (Apparat, Hans Unstern) vor. Dagegen haben sich der aus Polen stammende Konzeptkünstler Jemek Jemowit oder auch die Istanbuler Band Jakuzi klar den westeuropäischen Wurzeln aus Synthie-Pop sowie britischem Soul und New Wave verschrieben. Jemik Jemowit führte in seiner ironisch als Gala präsentierten Commissioned Work „10 Jahre Jemek Jemowit“ durch ein ganzes Potpourri aus Punk, Wave und Electronic Dance Music.

 

Oligarch auf der pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

 

Der ungekrönte König des deutschen Elektro-Pops bleibt aber der Hamburger Andreas Dorau. Hatte der Ex-NDW-Star vor zwei Jahren bei der ersten Pop-Kultur im Club Berghain noch sehr pointiert aus seinen Memoiren gelesen, so sammelte Dorau in diesem Jahr für seine Auftragsarbeit im Palais der Kulturbrauerei eine Art All-Star-Band um sich, mit der er 20 Refrains in 40 Minuten vortrug. Der Meister des ohrwurmartigen Refrains, den er selbst den „Brühwürfel eines Songs“ nennt, kreierte dabei einen unterhaltsamen Abend der pop-musikalischen Essenz auch ganz ohne störende Strophen. Ungewöhnlich zumindest von der Instrumentierung war auch der Auftritt der schottischen Komponistin Anna Meredith, die ihre Pop-Songs mit Unterstützung von Synthesizer, Klarinette, Schlagzeug, Cello, Tuba und E-Gitarre vortrug.

Noveller auf der Pop-Kultur 2017 Foto: St. B.

Aus dem englischen Bristol stammt die Post-Punk-Band Idles, die am Donnerstagabend im Franzz-Club den Auftakt der harten Gitarrenfraktion gaben und dabei zum Brexit kein Blatt vor den Mund nahmen. Brutalism heißt ihr erstes Album. Genauso rau und unbearbeitet wie der gleichnamige Architekturstil der Nachkriegsmoderne ist ihr Punk der depressiven Post-Brexit-Ära. „Well Done!“ Aber auch der Gitarrenrock ist schon lange keine reine Männer-Domäne mehr. Ob nun die in Berlin lebende US-Folkrock-Sängerin Marsha Qrella, die Hamburger Indie-Pop-Gitarristin Ilgen-Nur oder die US-Avantgarde-Gitarristin Noveller alias Sarah Liptstate, die auch schon in Glen Brancas 100 Guitar Ensemble spielte, beherrschten die Szene bei der Pop-Kultur. Besonders Noveller überzeugte hier mit ihrem mal flirrenden, mal knarzender Gitarrenambiant, elektronischen Loops und echten Soli.

Überraschend stark auch die Münchner Band Friends of Gas mit der Sängerin Nina Walser. Psychedelischer Krautrock und Post-Punk mit verrätselten deutschen Texten, gegen die die Headliner des Freitagabends All diese Gewalt, ein Soloprojekt des Friends-Produzenten und Gitarristen der Stuttgarter Post-Punker Die Nerven, Max Rieger, doch sehr eintönig und vorhersehbar erschien. Wie die weibliche Variante von Dinosaur Jr. wirkt der kraftvolle Indie-Rock mit deutschen Texten der Band AUF von Sängerin und Gitarristin Anne Rolfs. Und das nicht nur wegen der sehr hohen Gesangsstimme. Dass noch nicht alle Bands die Gitarren an den Nagel gehängt haben, zeigt auch das Comeback der schottischen Arab Strab. Eine gute Mischung aus Elektronik und Indie-Rock und der Beweis, dass trotzt dem Ende des dritten Pop-Kultur-Festivals die Pop-Musik noch nicht am Ende ist.

 

All diese Gewalt auf der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

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Pop-Kultur Berlin 2017
23.08. – 25.08.2017
In der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

Pop-Kultur 2017 – Teil 1

Zuerst erschienen am 28.08.2017 auf Kultura-Extra.

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Zur Eröffnung des Pop-Kultur-Festivals 2017 auf dem Areal der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg

Donnerstag, August 31st, 2017

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Wenn man so will ist die Pop-Kultur 2017 in ihrem dritten Jahr mit der Wahl der Location Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg an ihre Ursprünge zurückgekehrt. An diesem geschichtsträchtigen Ort, an dem sich nach der Wende die ersten Kulturkreativen des ehemaligen Szenebezirks mit hoher Club- und Kneipendichte ansiedelten, fand auch einige Jahre das Vorgängerfestival, die ehemalige Popkomm statt. Mittlerweile ist der Prenzlauer Berg straff durchgentrifiziert, was sich nicht nur in einem verstärkten Clubsterben bemerkbar macht, sondern auch in immer massiveren Anwohnerbeschwerden wegen ruhestörenden Lärms aus den noch verbliebenen Clubs auf dem Gelände der Kulturbrauerei. Der Prenzlauer Berg hat zwar seine Anziehungskraft für Städtetouristen noch nicht ganz verloren, aber hinsichtlich einer lebenden alternativen Kneipen- und Clubkultur an Attraktivität stark eingebüßt.

Der Aufgabe neue innovative Kultur-Orte zu entdecken, trug die Pop-Kultur mit dem letztjährigen Ausflug in den Boom-Bezirk Neukölln Rechnung, nun scheint es an der Zeit Bilanz zu ziehen. Dabei hat man auch vom 2016 spontan gegründeten Neuköllner Gegenfestivals „Off-Kultur“ gelernt und tatsächlich einige Berliner Szene-Größen und DJs eingeladen, die im benachbarten Prater in der Kastanienallee auftreten werden. Aber keine Pop-Kultur ohne kleinen Medienskandal. Diesmal verursacht durch die Absage einiger arabischer Acts, die sich durch eine von der Organisation BDS (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) betriebene Boykott-Kampagne gegen das 500-€-Sponsoring der israelischen Botschaft in Berlin für die Anreise der jüdisch-arabischen Sängerin Riff Cohnen abschrecken ließen.

 

Pop-Kultur 2017 in der Kulturbrauerei – Foto: St. B.

 

Trotz Charme-Offensive mit Facebook-liken Kätzchen- und Hundepostern seitens der Pop-Kultur sorgte die vom BDS offensiv auch im Internet betriebene Anti-Israel-Kampagne im Vorfeld doch für einige Unruhe. Stellvertretend für die Festivalleitung versicherte Pop-Kultur-Chefin Katja Lucker bei der Eröffnung am 23. August, sich davon nicht einschüchtern zu lassen. Das Festival stehe nach wie vor für Diversität und kollektive, narrative Partizipation. Auch die Vertreter der öffentlichen deutschen Geldgeber wie die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Berliner Kultursenator Klaus Lederer fanden klare Worte gegen die Vereinnahmung des Festivals für die Ziele des BDS.

Der Bund unterstützt die „jungen Rebellen der Pop-Branche“ (Zitat Grütters) mit 500.000 Euro für eine Veranstaltungsreihe sogenannter „Commissioned Works“. Klaus Lederer versprach langfristige Sicherung von Orten für junge Künstler. Dabei stehen Standorte wie die Alte Münze im Fokus. Es sollen in Zukunft nicht nur Grundrisse von Kulturorten wie die im Hof der Kulturbrauerei gezeigte Installation des vor einem Jahr in Berlin-Friedrichshain abgerissenen Projektraums Antje Øklesund übrig bleiben. Man wird den Kultursenator beim Wort nehmen müssen. Jüngstes Negativbeispiel ist die Meldung der Berliner Zeitung über den Verkauf des Künstlerareals der Weddinger Uferhallen. Die ehemaligen Bus- und Bahnwerkstätten wurden vom Land Berlin vor etwa zehn Jahren an die eigens gegründete Uferhallen AG veräußert. Diese hat das Gelände nun für fast das Fünffache an eine Investorengruppe um einen der Samwer-Brüder weiter verkauft. Gentrifizierung auf dem Vormarsch.

 

Balbina bei der Pop-Kultur 2017 – Foto (c) Stefan Bock

 

Musik gab es dann zur Eröffnung aber auch noch. Und die vor allem von starken Pop-Frauen, die bei diesem Festival erstmals mit einer Quote von 50 Prozent vertreten sind. Als eine der Auftragsarbeiten präsentierte die Berliner Sängerin Balbina ein Konzert in einer extra entworfenen Lichtinstallation, die das Weiß der Bühne und des Kostüms der Sängerin in immer neuen Farben erscheinen ließ. Ansonsten performte Balbina ihre philosophisch angehauchten, poetischen Popperlen gewohnt gefühlvoll aber auch recht routiniert vor vollem Kesselhaus. Auch längst kein Geheimtipp mehr ist die US-amerikanischen R&B-Sängerin ABRA, die mit ihrer bombastischen Video-Light-Show den Auftritt von Balbina fast noch toppte. Wem das schon zu mainstreamig war, konnte bei gut abgehangenem Psychelic-Rock und Surf-Pop z.B. von Alex Cameron im Franzz-Club abhängen.

Urbanen Electro-Pop machen die beiden Briten Darkstar. Für ihre chillende Lounge-Musik hat der Regisseur Cieron Magat die passenden Musikvideos städtischer Sub- und Jungendkultur in hippem Schwarz-Weiß-Negativ gedreht. Um Subkultur ganz anderer Art ging es beim Videovortrag von Too Much Future von Schriftsteller und Galerist Henryk Gericke und Radiomoderator Ronald Galenza. Die beiden plauderten über den DDR-Punk der frühen 1980er Jahre, zeigten Fotos und spielten Songs von Bands wie Planlos, Schleimkeim, Zwitschermaschine oder Rosa Extra. Im Stile von Zwei-alte-Männer-erzählen-vom-Krieg gab es einige Anekdoten über die ostdeutschen Verweigerer der Einvernahme durch Einheitspartei und DDR-Staatsorgane. Und tatsächlich war Punk zu sein in der DDR nicht ganz ungefährlich. Viele gingen für ihre politischen Texte in den Knast wie Otze von der Erfurter Band Schleimkeim oder Jana Schloßer von der Ost-Berliner Band Namenlos.

 

Too much future – Ronald Galenza und Henryk Gericke berichten über Punkrock in der DDR – Foto: St. B.

 

Jana Schloßer kann man übrigens seit letztem Jahr im Theaterstück Atlas des Kommunismus im Maxim Gorki Theater sehen. Im selben Stück tritt auch der schwule Musiker und Performer Tucké Royal auf, der mit seiner Boiband ebenfalls auf dem Pop-Kulturfestival vertreten ist. Einen CD-Sampler zu den ostdeutschen Punk-Bands hat Henryk Gericke für die 2016 im Martin Gropius Bau gezeigte Schau Gegenstimmen zusammengestellt. So schließen sich für den interessierten Berliner Kulturgänger Kreise auf diesem Festival, das mit diesem kleinen Ausflug in die Vergangenheit, der mit der ostdeutschen Post-Punkbewegung vor der Wende noch fortgesetzt wird, an die Geschichte des Austragungsortes erinnert, der mit seiner Umgebung des alten Prenzlauer Berg eng verwoben ist.

Der Stein des BDS-Boykottanstoßes, die Sängerin Riff Cohnen, hatte übrigens dann am Eröffnungsabend noch im Palais der Kulturbrauerei einen viel umjubelten Auftritt und überzeugte das Publikum mit einem feurigen Mix aus orientalischen Sounds und frankophilem Powerpop. Ein echtes Highlight, wie auch die hochgehandelte und bereits im letzten Jahr auf der Pop-Kultur vertretene französische Sängerin Fishbach, die zur späten Stunde im viel zu kleinen Maschinenhaus diesmal mit unterstützender Band auftrat. Französischer Elektro-Pop mit Gitarrenbegleitung und einer gut gelaunten Performerin, die auch noch lächelnd über „La morte“ singen kann und vom Publikum die deutschen Worte für Tod und Ende lernte. Am Ende ist die Pop-Kultur scheinbar noch nicht, auch wenn es in einer Gesprächsrunde heißen wird: „Pop-Kultur – brauchen wir das überhaupt?“ Die Antwort darauf lässt sich noch bis zum Freitag auf dem Festival ergründen.

 

Riff Cohen bei der Pop-Kultur 2017 – Foto: St. B.

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Pop-Kultur Berlin 2017
23.08. – 25.08.2017
In der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg

Infos: http://www.pop-kultur.berlin/

Pop-Kultur 2017 – Teil 2

Zuerst erschienen am 24.08.2017 auf Kultura-Extra.

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