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Auf Regen folgt Sonnenschein, manchmal – Einige verschwommene Impressionen vom 21. TFF in Rudolstadt

Donnerstag, Juli 7th, 2011

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Hier war der Himmel noch blau, einsame Folkbude auf dem Markt

Nun ist es ja nichts Ungewöhnliches in der mittlerweile 21jährigen Geschichte des Tanz- und Folkfestivals, dass der Himmel hin und wieder die Schleusen öffnet. Darauf ist der leidensfähige TFF-Besucher vorbereitet und lässt sich den Spaß durch ein paar Tropfen von oben nicht so leicht verderben. Allerdings war das Wetter in diesem Jahr nicht nur nass sondern auch so kalt, dass einige Tropfen mehr, vor allem geistigen Nasses, auch innerlich von Nöten waren, um die notwendige Körpertemperatur konstant aufrecht zu erhalten. Heißer Met und Glühwein waren der Renner und natürlich die vielen Tanzbühnen der Stadt. Das meistgebrauchte und -gehasste Utensil war der Regenschirm, der sich im Takt der Musik und der Wolkenbewegungen am Himmel öffnete und schloss, begleitet von den Unmutsbekundungen aus den hinteren Reihen, der wie immer zahlreich erschienenen Folkbegeisterten.

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Vor dem großen Ansturm, Straßenmusik in der Passage

Ein Tag mehr Musik, ein Tag mehr Qualität?

Bringt ein Tag mehr Festival auch ein Mehr an Qualität? Das war die große Frage nach der Bekanntgabe, dass das Sonderkonzert am Donnerstag ab diesem Jahr zum offiziellen Programm gehören sollte, inklusive Erhöhung der Kosten für das Dauerticket. Geschickter Schachzug oder notwendige Erweiterung, angesichts der 20.000 Zuschauer am Donnerstagabend im Heinepark, scheint das neue Konzept der Festivalmacher aber auf jeden Fall aufgegangen zu sein.
Als Anheizer hatte man den One and Only „They call me, Dr. John, The Night Tripper” aufgeboten. Der Blues-Doc aus New Orleans, Louisiana gab seine „Gris-Gris-Gumbo-Ya-Ya”-Mischung aus Rhythm and Blues, Voodoo und kreolischer Soul-Musik im pinkfarbenen Anzug zum Besten. Heiter tänzelte der 71jährige nach seinem beseelten Set auf seinen Stock gestützt von der Bühne. Er war aber leider durch nichts mehr zu bewegen, für eine kleine Zugabe die steile Treppe wieder zu erklimmen.
Danach gab es mit Madison Violet aus Kanada auf der kleinen Konzertbühne, die in diesem Jahr dummerweise kein Zelt mehr war, die erste Geige bei gewohnt starker Fiddeldichte und zwei der bezauberndsten Folksängerinnen des Festivals. Alles wartete aber sehnsüchtig auf den Hauptact des Abends, das französische Chansonsternchen Zaz. Und die Fans wurden nicht enttäuscht. Ein starker Auftritt mit einer gut gelaunten Sängerin, die das Publikum vom Start weg in Bewegung versetzte und hielt. (hier Ausschnitte auf YouTube). Ein Highlight schon zu Beginn des Festivals.

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„Je veux“ – Alle wollten Zaz am Donnerstagabend auf der großen Parkbühne.

Von Bühne zu Bühne, in Bewegung sein ist alles.

Bei gut 130 Bands auf über 20 größeren und kleineren Bühnen über die ganze Stadt verstreut, bedarf es eines gewissen Maßes an Organisation und Durchhaltevermögen. Bereits beim Frühstück auf dem Zeltplatz werden Schlachtpläne erarbeitet und wegen grober zeitlicher Überschneidungen wieder verworfen. Wer einen halbwegs guten Überblick über das Geschehen haben will und nicht nur wegen des „schönen“ Wetters und der Landschaft in Rudolstadt weilt, braucht gute Nerven, das richtige Schuhwerk und ein sonniges Gemüt.

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Ein Klischee, das sich angesichts der Temperaturen schnell selbst als blöd erwies. Begehrtes Nass am Metstand im Park

Es ist schlichtweg unmöglich alle Headliner zu sehen, das sollte man sich ziemlich schnell aus dem Kopf schlagen. Die Unsitte immer größere Stars aus dem allgemeinen Festivalzirkus nach Rudolstadt zu holen, hat sich nicht unbedingt positiv auf die Qualität des Programms ausgewirkt. Quantitativ dürfte das TFF nun endgültig an seinen Grenzen angekommen sein. Hatte man früher noch oft die Chance, einen Konzerttermin sausen zu lassen, weil die Bands 2-3 mal aufgetreten sind, ist das relaxte Schlendern über die einzelnen Sets, einem Run nach den großen Namen gewichen.
Als langjähriger Besucher hat man eine gewisse Ahnung dafür entwickelt, wie die Line-ups der einzelnen Bühnen am Abend aussehen werden. Im Heinepark geht mit Folkrock, Ska und Reggae die Post ab, wogegen die Liebhaber der kulturell anspruchsvolleren Weltmusik eher auf der Heidecksburg oder in den diversen Indoor-Lokalitäten auf ihre Kosten kommen dürften. Schräges passt gut auf die Konzertbühne im Park oder die Burgterrasse.

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Relaxte südfranzösiche Sitzmugge mit Marseille-Blues von Moussu T e lei jovents auf dem Markt.

Mittlerweile ist aber eher die zu erwartende Auslastung das Kriterium zur Auswahl der Bühne geworden. Und es wird auch schon mal darauf hingewiesen beim Überqueren der Saale und der Bahngleise, die Park und Stadt trennen, nicht nur den kleinen schmalen staugefährdeten Tunnel zu benutzen, sondern den etwas längeren Weg über die neue Brücke am anderen Ende des Parks zu gehen. Wie dem auch sei, man konnte, wenn man wollte, auch in diesem Jahr wieder fern ab der ausgetretenen Pfade so manches musikalische Kleinod entdecken. Und dazu sind wie immer die Nachmittagsstunden in der Stadt und auf der Heidecksburg am besten geeignet.

Hoch Heidecksburg

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Etwas Kraft braucht es zum Aufstieg auf die Heidecksburg

Das ehemalige Residenzschloss der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt hat eine lange und bewegte Historie. Bereits im 13. Jh. erstmals errichtet, wurde es 1345 zerstört und brannte in Folge mehrmals ab, wurde im 16.Jh. erst als Renaissanceschloss und schließlich im 18.Jh. als Barockbau wieder aufgebaut. Seit die Burg wieder bestens saniert ist, gehören die große Bühne im Burghof und die kleine auf der Terrasse zum festen Bestandteil des Festivals. Man erreicht die Burg über mehrere Stiegen und genießt vom Schlosspark und der Burgterrasse einen wunderbaren Panoramablick auf Rudolstadt, nebst akustischen Klangfetzen aus dem musikalischen Treiben rund um den Markt.

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Direkt aus einer portugiesischen Tasca, Marta Mirandam und OqueStrada.

Musikalisch hatte der Freitag auf der Burg auch einiges zu bieten. Portugiesische Tanzklänge und Fado direkt aus der Taska mit OqueStrada und der fantastischen Sängerin Marta Mirandam und der in Israel lebende Ravid Kahalani mit seiner internationalen Band Yemen Blues. Er verbindet in seinen Songs die traditionellen Klänge seiner jemenitischen Heimat mit afrikanischen Sounds und dem Blues aus Amerika. Yemen Blues werden auch am 17. Juli im Rahmen der Wassermusik zum Thema Wüste im Haus der Kulturen der Welt in Berlin spielen.

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Highlight am Freitagabend auf der Burg, Ravid Kahalani mit Yemen Blues

Experimentelles gab es mit dem hochgelobten Hans Unstern aus Berlin auf der Burgterrasse, ein Exot mit seinen versponnenen textlastigen Songs nicht nur im Rahmen des TFF. Passender war dann wieder am Samstagnachmittag eine Mischung aus Tango und Balkanmusik mit  Oana Cǎtǎlina Chiţu aus Rumänien oder die sphärischen Klänge von Dakha Brakha aus der Ukraine, die Band mit den definitiv passendsten Kopfbedeckungen zu den aktuell herrschenden Temperaturen auf dem Festival.

Spaß und Tanz im Heinepark

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Dakha Brakha aus der Ukraine, hier bei ihrem berauschenden Set auf der Konzertbühne im Park. Passende Mützen gegen die Kälte für die Damen, der Herr am Akkordeon versucht die Zähne zusammenzubeißen.

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Der Heinepark gehört wie immer den freien Gruppen, Tänzern, Clowns und natürlich den Kindern.

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Vom ruckartigen Headbanging bis zum melodiös zarten Hirnschlag, die herrlich schrägen Glorystrokes aus England, wohl die meistbeschäftigste Band des Festivals, hier auf der Konzertbühne im Park.

Eine Ruth im Regen

Und den Himmel voller Geigen für das Folkduo Fjarill, Klaus den Geiger und Hubert von Goisern, die in diesem Jahr am Samstagabend auf der Heidecksburg mit der Ruth ausgezeichnet wurden. Der 71jährige Klaus von Wrochem wurde für sein unermüdliches Lebenswerk ausgezeichnet, das nicht nur aus dem Straßenmusiker Klaus der Geiger besteht. Er leitet u.a. auch das Orchester des Kölner Kunstsalons und ist musikpädagogisch tätig. Die rheinische Frohnatur mit ausgeprägtem Hang zum Anarchismus ließ sich nicht lumpen und fiedelte, wie schon Tags zu vor auf dem Neumarkt, einige Songs mit explizit geradeaus getexteten Aussagen zur Hybris des Menschen gegenüber der Natur und gegen die Raffzähne in der Geldwirtschaft. Erst vor zwei Jahren hatte ein anderer Unermüdlicher, der bayrische Reggaeanarcho Hans Söllner, eine Ruth erhalten.
Die deutsche Ruth bekam der Alpen-Rocker Hubert von Goisern aus Österreich für seine aktuelle CD „Haut und Haar“. Seit den 80er Jahren bewegt sich Goisern konsequent zwischen der musikalischen Tradition seiner Heimat und den Klängen aus aller Welt. In seinem Konzert standen neue Rocksounds neben den bekannten Jodlern zum Akkordeon. Das Publikum war begeistert und der Burghof übervoll, so dass der Zugang sogar vorübergehend geschlossen werden musste.

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Kein Pardon für Banken und Gehörgänge, der Anarcho-Fiedler Klaus von Wrochem alias Klaus der Geiger. (links) –
Jodleiridlduueiouri, wia die Zeit vergeht. Back to the Roots, der oberösterreichische Alpenrocker Hubert von Goisern mit Akkordeon. (rechts) 

Anschließend gab es noch eine bemerkenswerte Schweizer Band zu sehen. Der Gitarrist Christy Doran hat für sein Hendrix-in-Woodstock-Projekt, das zweite übrigens, noch einen Bassisten und einen Schlagzeuger um sich geschart und die Vokalakrobatin Erika Stucky als Sängerin gewonnen. Stucky ist ebenfalls schon Hendrix-erfahren, 2006 hat sie mit den Schweizer Young Gods auch schon mal ein Hendrix-Projekt kreiert. Ganz in weiß gewandet gibt Stucky den Hendrix als schrägen Kunstvogel, ganz Voodoo Child zersägt sie mit ihrer Stimme den Rudolstädter Regen und schickt Machine-Gun-Salven in den Nachthimmel. Es gießt in Strömen, der Stratocastersturm tobt und einigen älteren Herren, die Jimi Hendrix wohl noch persönlich gekannt haben, klappt die Kinnlade herunter. Eine Experience der ganz besonderen Art auf der Burg, während sich der Senegalese Youssou N`Dour im Heinepark mit Trommeln und Handständen warm und das Publikum bei Laune hielt.

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Wer hat`s erfunden? Erika Stucky als Schneeflöckchen-Weißröckchen-Jimi mit dem schweizer Projekt „Hendrix in Woodstock“

Gegen das Feuerwerk der Woodstockepigonen sahen die andern schweizer Bands des Länderschwerpunkts eher blass aus, allen voran die Berner Kummerbuben mit ihrem Rumpelsound. Das hat man von den österreichischen Attwenger oder La Brass Banda aus Bayern schon besser gehört. So etwas wie performatives Musiktheater gab es in der Stadtkirche mit dem schweizer A-capella-Trio Nørn. In einer erfundenen Kunstsprache führten die Sängerinnen ihr Werk „Urhu“ auf. Als nordische Schicksalsgöttinnen gebieten sie über Zeit und Raum, ein visuelles und akustisches Erlebnis am passenden Ort mit einer symbolischen Räder-Installation zum Thema von Georg Traber.

Der Sonntag mit Altbewährtem und neuem Abschluss.

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Früh übt sich was ein richtiger Folker werden will. Sonntagmittag auf dem Markt.

Sonntag ist der Tag des Treibenlassens und Relaxens, denn nicht nur der Handyakku ist meist leer. Einige denken schon an Abschied, andere liegen im Park auf der Wiese oder drängen schon wieder zu den letzten Highlights, die bisher immer auf der Burg beheimatet waren. Hier kämpft aber nur Maria Franz, die dänische Björk von der Folkband Euzen, vergeblich gegen den Regen und fiddelt der Engländer Seth Lakeman biederen Folkpop gegen den bedeckten Himmel. In diesem Jahr ist bekanntlich alles anders, alles neu und der Park ist neben dem obligatorischen Abschlussrevue fürs breite Volk auf dem Markt, der Ort für das endgültig letzte Konzert.

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Schlagkräftiger Slogan über jazzigem Akkordeon, René Lacaille aus Réunion im Park. Am Montag hat einen dann spätestens der Alltag wieder.

Vorher gab es mit den marokkanischen Masters Musicians Of Jajouka noch mal verschärften Vuvuzelalarm (Schalmeien) auf der Konzertbühne. Dieses tranceartige Getröte hat schon einige bekannte westliche Musiker inspiriert und auch in Rudolstadt gab es ein Konzert mit DJ-Begleitung als Jajouka Sound System. Zum Finale auf der großen Parkbühne hatte man mit dem Treacherous Orchestra wieder für absolut Tanzbares gesorgt. Die Schotten geizten nicht mit ihrem partytauglichen Celtic-Sound bestehend aus dem üblichen Instrumentarium aus Bagpipe, Querflöten, Akkordeon und natürlich den üblichen Fiddeln. Das Tänzchen war dann allerdings auch pünktlich vor dem nächsten Regenguss vorbei.

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Das lästige Utensil (links unten) beim Tanzen achtlos entsorgt.

Im September gibt es dann im Theater Rudolstadt wieder echte Hochkultur zu sehen und es hält neben Shakespeare und Schiller, der hier, nicht wie Goethe, tatsächlich öfter mal vorbeigekommen ist, Kleist mit seinem „Amphytrion“ Einzug und die Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt widmen sich statt dem argentinischen Tango wieder Verdi, Offenbach und Tschaikowsky. Auch Intendant Steffen Mensching wird mit Michael Kliefert wieder ein Stück zum besten geben: „Der Aufstieg der Amateure“.

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Hochkultur mit Kleist zum 200. Todestag auch am Theater Rudolstadt.

Aber pünktlich am ersten Wochenende im Juli 2012 werden die verrückten Folkis wieder zum 22. TFF in die Stadt einfallen, denn auf Regen folgt bekanntlich auch mal wieder Sonnenschein und auch im nächsten Jahr werden sich sicher 90.000 Menschen finden, die sich für Rudolstadt anstelle der zeitgleichen Fusion oder gar des legendären Roskilde entscheiden.

Fotos: St. B.

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Heute beginnt das 21. Tanz- und Folkfestival in Rudolstadt (Tühr.)

Donnerstag, Juni 30th, 2011

Im Osten geht die Sonne auf und im Süden das TFF…

4 tolle Tage mit Musik, hoffentlich Sonne und mehr.
Also viel Spaß beim:

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weitere Infos unter: www.tff-rudolstadt.de

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