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Festivalsommer 2013 (Teil 2) – Avanti Popolo… Das Volk tanzt wieder Folk beim 23. TFF in Rudolstadt.

Sonntag, Juli 14th, 2013

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Auch 2013 ging`s wieder öfter hoch zur Heidecksburg und wieder runter in die Stadt.

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Blick vom Handwerkerhof zur Heidecksburg am Abend.

In etwas verballhornend abgewandelter Form prangte das Motto des 23. Festivals für Folk- Roots- und Weltmusik auf unzähligen T-Shirts, die wie immer an der Folkbude am Markt in Rudolstadt käuflich zu erwerben waren. Man hatte sich das wohl bei typisch italienischen Designer-Polos abgeschaut und das Heimatland der Mode sowie des Arbeiterliedes „Bandiere rossa“ auch gleich zum aktuellen Länderschwerpunkt erkoren. Der immer vorwärtsgewandte Folktyp tritt ja alljährlich Anfang Juli in Rudolstadt, um noch etwas weiter zu kalauern, zumeist in Rudeln auf und geht triumphierend in all seiner Pracht und Vielfalt zum Angriff auf das kleine thüringische Städtchen über.

Avanti Popolo also – Vorwärts zu neuen Ufern der Welt- und alten Wurzeln der Volksmusik! Und was lege näher, als damit mal wieder darauf hinzuweisen, wo Lied und Tanz tatsächlich wurzeln. Nämlich im originären Volk, das neben der Arbeit auch schon immer zu feiern wusste. Gegenwart und Zukunft sind nicht ohne den Rückblick in die Tradition denkbar. Zumindest so ähnlich sieht es auch die Ehrenruth-Preisträgerin und deutsche Tanzlegende Eva Sollich. Und genau deshalb findet sich das Folk- und Weltmusikvolk auch immer wieder zu den mittlerweile schon vier tollen Tagen hier in Rudolstadt ein.

Der Donnerstag

Souad Massi am Donnerstag auf der Großen Bühne im Heinepark.

Souad Massi auf der
Großen Bühne im Heinepark.

Dabei ist das TFF-Banner nicht einfach nur einfarbig rot. Denn das Festival hat sich, wie bereits erwähnt, die Vielfalt auf die Fahne geschrieben. Und bunt ging es dann auch gleich zur Eröffnung am Donnerstagabend mit drei Acts aus vier Ländern im Heinepark los. Den Anfang auf der Großen Bühne machte die algerische Sängerin und Gitarristin Souad Massi, die seit Ende der 90er Jahre in Frankreich lebt und mit ihrer Band traditionelles arabisches Liedgut mit Folk-Balladen und französischen Chansons mischte. Mit der Macht ihrer Stimme sang sie sogar die einzigen echten Regenwolken des Wochenendes weg.

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Martyn Jacques von den
Tiger Lillies.

Düster-witzig ging es danach auf der Konzertbühne weiter. Die Tiger Lillies aus Großbritannien luden zu einer ihrer berühmt berüchtigten Shows. Martyn Jacques trug seine schrägen Balladen wie immer am Akkordeon mit hoch-sonorer Stimme in Begleitung des neuen Schlagzeugers Adrian Huge und Adrian Stouts singender Säge vor. Altbekanntes stand dabei neben neuen Songs aus ihrem Doppelalbum „Hamlet“ über Shakespeares schwermütigen Dänenprinzen. Thematisch hatten sich die Briten ja bereits mit dem deutschen Struwwelpeter (Shockheaded Peter) und Georg Büchners Woyzeck auseinandergesetzt.

The Tiger Lillies nach ihrer Show auf der Konzertbühne im Heinepark.

The Tiger Lillies nach ihrer Show auf der
Konzertbühne im Heinepark.

Nach dem Absolvieren des Sets und einiger vom Publikum enthusiastisch eingeforderter Zugaben baten die drei schwarzhumorigen Künstler am Rande der Bühne noch zu einer lockeren Autogrammstunde mit Fotosession. Den Abend beschloss gegen Null Uhr die Hippiefraktion mit dem Singer Songwriter Edward Sharpe und seinem Magnetic Zeros aus Los Angeles, California. Durchaus keine Nullnummer zur späten Stunde.

Der Freitag

Cajun Roosters im Tanzzelt im Heinepark.

Die Cajun Roosters im Tanzzelt im Heinepark.

Melina Kana auf der Heidecksburg.

Melina Kana auf
der Heidecksburg.

Am traditionellsten geht es aber immer noch im Tanzzelt im Heinepark zu. Bei italienischer Tarantella, sardischen Akkordeon- und Flötentönen, Cajun oder Blasmusik aus Dänemark vergnügte sich auch diesmal das tanzwütige TFF-Volk. Die dazugehörigen Bands wie die Sonadores, die Cajun Roosters oder Habadekuk fanden wie immer schnell ihr begeisterungsfähiges Publikum. Und auf der großen Bühne des Heineparks gab sich die finnische Folkband Frigg am Freitagnachmittag ein geigenlastiges Stelldichein zum Tanz. Überhaupt waren die für skandinavische Bands typischen Fiddler wieder zahlreich vertreten.

Das Magische Instrument, das seine Heimat mittlerweile auf der Bühne der Burgterrasse gefunden hat, war aber in diesem Jahr die Flöte. Die „Magic Flutes“ setzten sich aus immerhin 9 Virtuosen aus 9 Ländern mit ihren zahl- und variantenreichen Flöteninstrumenten zusammen. Komplettiert wurde ein wieder eher ruhiger Tag auf der Burg mit einem wunderschönen klassischen Fado-Konzert der portugiesischen Sängerin Carminho begleitet von den Thüringer Sinfonikern auf der Großen Bühne und der griechischen Rembetiko-Sängerin Melina Kana, die beide für die stimmungsvollsten und auch stimmlich größten Höhepunkte des Freitags sorgten.

Enzo Avitabile & Bottari di Portico im Heinepark

Enzo Avitabile & Bottari di Portico
im Heinepark.

Im Heinepark geht es dagegen für gewöhnlich musikalisch etwas aufregender ab. Hier wechselt das Partyvolk im wesentlich schnelleren Takt zwischen Großer und der kleineren Konzertbühne lustig hin und her. Erst tanzte man zu kolumbianischer Cumbia mit Ondatrópica auf der Konzertbühne und zum Ende des Freitagabends schlugen dann noch die italienischen Trommler von Bottari die Portico um den Sänger Enzo Avitabile auf der Großen Bühne auf ihre schweren hölzernen Weinfässer ein. Der brachiale Sound brachte dabei selbst die bereits etwas müden Glieder im Publikum wieder zum Zucken.

Der Samstag

Maria Sadovska auf der Burg.

Maria Sadovska auf der Burg.

Der Samstag stand wie immer ganz im Zeichen der Ruth-Verleihung auf der Heidecksburg. Der Weltmusikpreis des Festivals wurde etwas umstrukturiert und in vier neuen Kategorien vergeben. Neben der eingangs erwähnten Eva Sollich, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, bekam die in Köln lebende Ukrainerin Mariana Sadovska den Hauptpreis. Eine Multi-Künstlerin in den Bereichen Komposition, Instrument, Gesang und Performance, die sich insbesondere um die Verbindung von traditioneller ukrainischer Volks- mit moderner Popularmusik verdient gemacht hat. Am Klavier stellte sie einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Solo-Programm „Odessa-Underground“ vor.

Das Lao Xao Trio auf der Burg.

Das Lao Xao Trio auf der Burg.

Das Ravichandra Kulur Trio auf der Burgterrasse.

Das Ravichandra Kulur Trio
auf der Burgterrasse.

Der Förderpreis ging an das Lao Xao Trio aus Dresden, das traditionelle vietnamesische Liebeslieder mit Jazz kreuzt und in Khanh Nguyen eine bezaubernde Stimme dafür gefunden hat. Der Jazz steht auch im Namen der Truppe um Sänger Cappuccino, die zum 20. Bandjubiläum die TFF-Ruth serviert bekamen. Das in der Jazzkantine nicht nur kalter Kaffee ausgeschenkt wird, bewiesen die Braunschweiger dann mit ihrem Gedeck aus Bigbandjazz, Reaggae, Rap und Soul. Sie meditierten darüber was eigentlich heute Heimat bedeutet und hatten sogar ein paar deutsche Volkslieder wie „Kein schöner Land“ oder „Wenn ich ein Vöglein wär“ in ihrem musikalischen Menü inklusive.

Das Keimzeit Akustik Quintett auf der Burg.

Das Keimzeit Akustik Quintett auf der Burg.

Jazzige Klänge im weitesten Sinne standen eigentlich bereits den ganzen Tag im Mittelpunkt der Konzerte auf der Burg. Nachdem die Brandenburger Kultband Keimzeit um Sänger Norbert Leisegang und Geigerin Gabriele Kienanst ein Akustikset ihrer bekanntesten Songs auf der großen Bühne dargeboten hatte, gab es nach Carminho und Melina Kana auf der Burgterrasse weitere Frauenpower mit Dotschy Reinhardt. Die Jazzsängerin und Sinteza aus der großen Familie des Jazzgitarristen Django Reinhardt spielte mit ihrem Sextett auf der Suche nach den indischen Wurzeln der Sinti Stücke aus ihrem neuen Album „Pani Sindhu“ und sprach über ihre Kindheit und die Geschichte ihrer Familie. Indisch ging es auch weiter mit dem Ravichandra Kulur Trio unterstützt durch den Shehnai-Spieler Sanjeev Shankar. Ein musikalisches Duett zweier Flöten-Virtuosen und auch Duell zweier begnadeter Perkussionisten.

Dotschy Reinhardt auf der Burgterrasse.

Dotschy Reinhardt auf der Burgterrasse.

Am Abend gab es auf der Burgterrasse noch ein unbedingtes Muss mit dem rumänischen Balanescu Quartett, das klassische Musik mit modernen Klängen mischt und auch geniale Coverversionen der deutschen Elektropop-Pioniere Kraftwerk wie „Model“ und „Computerliebe“ in ihrem Best-Of-Programm hat. Den Samstagabend konnte man dann wieder beschwingt im Heinepark beschließen. Auf der Konzertbühne rappten die beiden Gwisdek-Brüder Robert und Johannes als Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi Texte vom Hypothalamus über die Hypophyse bis ins Knie.

Robert Gwisdek ist Käptn Peng.

Robert Gwisdek ist Käptn Peng.

Den deutschen Filmpreis schnappte dem Schauspielersohn Robert zwar sein Vater Michael weg. Dafür feierte dieser jetzt mit seinem Wortkaskaden-Rap und Funky-Beats große Erfolge beim zahlreich erschienen jungen Publikum in Rudolstadt und ist ab 8. August als gestresster Jungregisseur in dem Kinofilm „Kohlhaas und die Verhältnismäßigkeit der Mittel“ zu sehen. Alle Altersgruppen in Trance vereint konnte man dann an der Großen Bühne bei genialem Dub-Reggae und Elektrobeat von Fat Freddy’s Drop aus Neuseeland sehen.

Fat Freddy's Drop im Heinepark.

Fat Freddy’s Drop im Heinepark.

Noemi Waysfeld & Blik auf der Burgterrasse.

Noemi Waysfeld & Blik auf der Burgterrasse.

Der Sonntag

Während am Sonntagmorgen einige auf dem dicht besiedelten Zeltplatz an der Saale neben dem Heinepark bereits wieder an den Aufbruch in Richtung Heimat dachten, stürzten sich andere noch einmal ins Getümmel, um auch den letzten Tag noch einmal bei Musik und Tanz zu genießen, im Park oder der Innenstadt zu schlendern und zu schauen oder einfach nur auf einer der vielen sonnigen Wiesen zu chillen. Auf der großen Marktbühne schafften sich die vier österreichischen Beatboxer von Bauchklang oder gaben die Damen der französischen  Band La Mal Cofiffée ein A-Capella-Konzert. Und auf der Burgterrasse gab es noch Klezmer mit Noemi Waysfeld & Blik. Nicht zu vergessen die vielen Künstler der Stramu, die an allen Ecken der Stadt immer dicht umringt von Publikum ihr Bestes gaben.

Stramu in der Innenstadt.

Stramu in der Innenstadt.

Einen Ex-Straßenmusiker der es geschafft hat, konnte man dann mit dem Hamburger Felix Meyer am Abend auf der Konzertbühne im Heinepark sehen. Er wird am 2. August im Vorprogramm von ZAZ, die bereits vor zwei Jahren in Rudolstadt zu sehen war, in der Zitadelle Spandau in Berlin auftreten. Nicht verpassen durfte man den Auftritt von Gitarrenmultiinstrumentalist David Lindley auf der Burg. Hier setzte das TFF eine schöne Tradition fort, bereits etwas in Vergessenheit geratene Musiker wieder einem breiteren Publikum in Deutschland vorzustellen. Der als „Prince Of Polyester“ bekannte Steel-Guitar-Master Lindley saß im karierten Hemd auf der Bühne, scherzte sichtlich gut aufgelegt mit dem Publikum und spielte relaxten New-Orleanse-Blues.

David Lindley auf der Großen Bühne der Heidecksburg

David Lindley auf der Großen Bühne der Heidecksburg

Beschlossen wurde das 23. TFF am Sonntagabend mit den verrückten Franzosen von La Caravane Passe auf der großen Bühne im Heinepark. Balkanbeats, Hip Hop und Reggae begeisterten ein letztes Mal für dieses Jahr die Zuschauer. Noch bis weit in die Nacht trommelten einige von ihnen unermüdlich auf den Mülltonnen im Park. Und gegen den Entzug lässt sich auf jeden Fall Abhilfe schaffen, trägt doch fast jeder der immerhin 87.000 Besucher in Form vieler kleiner silberner Scheiben die Erinnerung an die vier großartigen Tage mit nach Hause. Im nächsten Jahr warten dann beim 24.TFF vom 3.- 6. Juli ein Länderschwerpunkt Tansania, der Bass als Magisches Instrument und man wird passend zur Fußballweltmeisterschaft in Brasilien Samba tanzen können.

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La Caravane Passe im Heinepark.

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Link zur Fotogalerie vom 23. TFF in Rudolstadt

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TFF-Beiträge auf livekritik.de:
Teil 1 und Teil 2

TFF 2011

TFF 2012

alle Fotos: (c) St. Bock

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