Archive for the ‘Wassermusik 2013’ Category

Festivalsommer 2013 (Teil 3) – Der neue Pazifik bei der „Wassermusik“ auf der Dachterrasse des HKW.

Sonntag, Juli 28th, 2013

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Das HKW lädt seit 18. Juli wieder auf die Dachterrasse zur Wassermusik 2013.

HKW 3

Wasser, von oben ein Ärgernis, das den Berliner in den letzten Jahren oft verdrießlich stimmte und nicht mehr recht an den Sommer glauben lassen wollte. Wasser von oben, in diesem Jahr nach nassem Frühling seit Wochen Fehlanzeige. Endlich mal wieder richtig Sommer, und das auch noch in den Ferien. Seit Anfang Juli leuchtet „Klärchen“ gnadenlos hell vom Himmel herunter und die Berliner Strandbäder sind proppenvoll. Was dem Badegast in den letzten Jahren eher schnuppe war, interessiert ihn neuerdings mehr als feuchte Keller oder der Wasserstand von Havel und Spree. Nämlich die Wasserqualität, womit wir fast beim Thema wären. Was für den Badespaß gilt, ist auch Voraussetzung für ungetrübten Musikgenuss an der frischen Luft. Und da bürgt das Open-Air-Festival „Wassermusik“ seit Jahren für andauernde akustische Qualität.

Das Haus der Kulturen der Welt, am Spreeufer des Tiergarten gelegen, hob 2008 diese vielversprechende Musikreihe aus der Taufe. Jedes Jahr steht das Festival unter einem anderen Motto. Ob Surf und Tiki, Karibik und Akkordeon, große Flüsse oder gar die eher wasserarme Wüste, es dreht sich dabei, natürlich in erster Linie musikalisch, immer um das lebensspendende Nass. Aber auch Vorträge werden gehalten und Filme rund ums Wasser gezeigt. Thema in diesem Jahr ist „Der neue Pazifik“. Ein sogenannter Wassermarkt lädt auf der sonnenüberfluteten Dachterrasse des HKW mit handwerklichen und kulinarischen Produkten aus den jeweiligen Regionen zum Bummeln und Verweilen ein.

HKW 1

Barack Obama erklärte den pazifischen Raum beim ASEAN-Gipfel 2011 zum neuen „globalen Machtzentrum“. Dabei hatte er aber wohl eher die aufstrebende Wirtschaftskraft von Pazifikanrainern wie China oder den schwindenden Einfluss der USA auf dem Südamerikanischen Kontinent im Sinn. Aber auch musikalisch dürfte der in Hawaii geborene US-Präsident nicht nur eine Vorliebe für Surf und Tiki, sondern vielleicht auch für japanischen Free-Jazz oder kolumbianische Cumbia teilen. Die jährlichen Wasserspiele mit Musik eröffneten dann letzten Donnerstag auch passend die US-amerikanische Band Dengue Fever aus L.A. mit einem Transpazifischen Fiebertraum aus kambodschanischen Khmer-Pop-Coverversionen und die Sängerin Julieta Venegas, ein Multitalent von der mexikanischen Baja California.

Cumbia deconstruida mit den Meridian Brothers und bildgewaltiger Free-Jazz mit dem Shibusa Shirazu Orchestra

Eblis Álvarez von den Meridian Brothers

Eblis Álvarez von den Meridian Brothers

Erster musikalischer Höhepunkt dürfte aber am 21. Juli das Doppelkonzert der Meridian Brothers aus Bogotá (Col.) und des japanischen Shibusa Shirazu Orchestra aus Tokio gewesen sein. Mit ihrer schrägen Cumbia deconstruida im Gewand einer klassischen Salsa-Band spannen die kolumbianischen Meridian Brothers um den musikalischen Mastermind Eblis Álvarez im wahrsten Sinne des Wortes einen Bogen von Nord nach Süd. Das Neue hierbei ist die konsequente Uminterpretation des ursprünglich südamerikanischen Volkstanzes mittels modernem Rockinstrumentarium, schepperndem Schlagzeug sowie elektronischen Keyboard- und Synthesizerklängen. So rhythmisch ausstaffiert, lässt sich dann auch jeder x-beliebige amerikanische Rocksong genüsslich dekonstruieren. Eblis Álvarez führt dies am Beispiel von Jimi Hendrix‘ „Purple Haze“ vor, indem er zu elektronisch verzerrter Stimme den Klassiker durch den kolumbianischen Synthie-Fleischwolf dreht. Heraus kommt ein plingender und fiepender „Niebla Morada“ – völlig abgefahren.

Das Shibusa Shirazu Orchestra aus Japan.

Das Shibusa Shirazu Orchestra aus Japan.

Butoh-Tänzer des Shibusa Shirazu Orchestras

Butoh-Tänzer des Shibusa Shirazu Orchestras

Noch unglaublicher ist dann allerdings der Aufritt des Shibusa Shirazu Orchestra aus Tokio. Die japanischen Multiinstrumentalisten, Performer, bildenden Künstler und Butoh-Tänzer touren seit Jahren mit einem bis zu 40 Personen starken Ensemble durch die Welt. Auf der farbenfroh ausgestalteten Bühne mit ausladendem Laufsteg standen zwar in etwa nur halb so viele Mitglieder, die aber dennoch ein wahres Feuerwerk an Free- und Bigband-Jazz, Video und expressionistischem Ausdruckstanz darboten. Während einer Theateraufführung 1989 in Tokio geründet, wurzelt die darstellerische Kunst des Jazz-Ensembles auch im traditionellen japanischen Theater des Kabuki, Nō und Elementen des Butoh-Tanzes, einer Weiterentwicklung des zeitgenössischen, europäischen Ausdruckstanzes der zwanziger Jahre.

Das Shibusa Shirazu Orchestra in Aktion.

Das Shibusa Shirazu Orchestra in Aktion.

Auch wenn Butoh so viel wie „Tanz der Finsternis“ bedeutet und weißgekalkte und schamanische Gestalten die Bühne bevölkern, überwiegt doch der Spaß an extremer Performance und Verwurstung moderner westlicher Einflüsse, wie Latin-, Brass- oder Jazz-Musik. So versteht sich das Orchester auch als ein einziges, ständig mutierendes Gesamtkunstwerk. Und auch ein japanischer Jimmi Hendrix mit Rastalocken traktiert wie sein großes Vorbild die E-Gitarre mit den Zähnen. Niemals nur cool, immer heißblütig bedeutet der wortspielerische Name der Band in etwa übersetzt. Eine Mischung aus schrägen Bigband-Klängen, Gesang, Tanz und Pantomime bringt auch das Publikum so langsam zum Schwitzen. Spätestens als dann auch noch ein heißluftgefüllter Silberdrache über der Dachterrasse schwebt, bleibt der staunenden Menge vor der Bühne der Mund offen stehen, und das Klischee des ewig knipsenden japanischen Touristen wird durch die gezückten Kameras der Europäer bildgewaltig widerlegt.

Jazz-Rock mit Troker aus Mexiko und Susana Baca, eine schwebende Diva aus Peru.

Troker aus Mexiko

Troker aus Mexiko

Troker 8

Der Drummer von Troker

Am 26. Juli ging es dann wieder lateinamerikanisch weiter. Zu Beginn heizte die Band Troker aus Mexiko den sich nach der Hitze des Tages langsam auf der Dachterrasse des HKW versammelnden Wassermusik-Fans ordentlich ein. Der treibende Beat ihres feurigen Jazz-Rocks trieb bei gut 30 Grad im Schatten nicht nur den Musikern den Schweiß auf die Stirn. Besonders die beiden Bläser schonten sich nicht, und der wuchtige Schlagzeuger traktierte nicht nur seine Drums, sondern benutzte die Beatsticks auch als Maultrommel. Der musikalische Spagat der Truppe aus Guadalajara reicht von Latin über amerikanischen Rock bis hin zu jazzigen Dancebeats, unterstützt durch einen scratchenden DJ an den Turntables. Troker verließ erst nach wiederholten Zugaberufen des begeisterten Publikums die Bühne, und war damit nicht einfach nur Support für den Hauptact des Abends, den die spanischsprachige Community Berlins sehnsüchtig erwartete.

Die Diva schwebt. Susana Baca aus Peru.

Die Diva schwebt.
Susana Baca aus Peru.

Sie war zahlreich erschienen, um ihren Star aus Lima, die afro-peruanische Sängerin Susana Baca zu feiern. Sie ist nicht erst seitdem sie für kurze Zeit als Kulturministerin dem Kabinett des Staatspräsidenten Ollanta Humala angehörte über die Grenzen Perus bekannt. Schon länger setzt sich Susana Baca in ihren Liedern für die Rechte der schwarzen Bevölkerung Perus ein. In einem luftigen orangefarbenen Sommerkleid betrat die Sängerin dann gegen 21:30 Uhr die Bühne auf der Dachterrasse des HKW und begrüßte freundlich die wartenden Zuschauer. Mit traditionellen Volksliedern aus den schwarzen Ghettos der peruanischen Hauptstadt, afro-kubanischer Salsa und brasilianischen Sambaklängen brachten sie und ihr Ensemble das Publikum dann zum Schwärmen und Tanzen. Und für einen Moment sah es so aus, als begänne die barfüßige Diva selbst zu schweben.

Susana Baca 1

You-Tube-Mix Susana Baca

Das Festival berieselt auch an den kommenden Wochenenden noch die hitzegeplagten Berliner mit frischer Wassermusik und dauert noch bis zum 11. August an. Mit Sonne satt ist hoffentlich auch in den nächsten Tagen zu rechnen.

Fotos (c) St. B.

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