Archive for the ‘Oper’ Category

Zwischen engagierter Polititperformance, müdem Starevent und schrägem Musiktheater – Die Wiener Festwochen 2017

Dienstag, Juni 13th, 2017

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Agora – Ein politisches Mitmach-Projekt zum Thema Demokratie von Robert Misik bei den Wiener Festwochen

Eine Alternative zur Staatsform der Demokratie ist kaum denkbar, trotzdem wird nichts so sehr totgeredet sowie die politischen Aktionäre der etablierten Parteien als elitär und weltfremd verschrien. Der österreichische Journalist und Publizist Robert Misik hat deshalb im Rahmen der Wiener Festwochen 2017 ein Diskurs-Format mit dem Titel Agora ins Leben gerufen und liegt damit genau im Trend der Zeit und auch der neuerdings vorwiegend performativen Ausrichtung der Festwochen unter der Leitung des neuen Intendanten Tomas Zierhofer-Kin.

Misik ist kein Unbekannter im politischen Diskurs. Er ist seit den 1980er Jahren für die verschiedensten Printmedien und in Talkrunden politisch und kritisch in Deutschland und Österreich aktiv. Als großes Thema hat sich Misik die Frage „In was für einer Welt wollen wir leben?“ auf die Agenda seiner Agora geschrieben. Beratend zur Seite stand ihm dabei der Schweizer Recherche-Theatermacher Milo Rau, den er bei dessen 2013 durchgeführten Zürcher Prozessen gegen die rechtsnationale „Weltwoche“ kennengelernt hatte. Fake-News und falsche Statistiken zur Ausländerkriminalität sind noch immer ein Problem, mit dem die etablierte Politik zu kämpfen hat.

Robert Misik in Agora bei den Wiener Festwochen 2017
Foto (c) Luca Fuchs

In einem kabarettistischen Prolog werfen Simon Bauer, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff vom Ensemble des Wiener Schauspielhauses einige Schlagworte und bekannte Ressentiments in die Runde. Ein kleiner Wutbürgerchor, der sich über Lügenpresse, Nazivorwürfe und die sogenannte Demokratie der oberen Eliten echauffiert. Das politische Establishment steht in der Kritik und hat mit Trump und Le Pen gefährliche Gegner bekommen, die mit ihren populistischen Ansagen dem Volk eine starke Haltung suggerieren. Allgemeiner Tenor: Das Volk wird nicht gehört. Aber wer ist überhaupt das Volk, und ist es nicht eher eine inhomogene Bevölkerung, von der wir hier sprechen?

Dazu hat Misik die Schauspieler mit Kamera und Mikro auch noch durch die Wiener Einkaufszentren geschickt. Von den Bezirken Favoriten, mit hohem Ausländeranteil, bis Neubau, wo die intellektuellen „Gutmenschen“ sich angeblich das Land schön reden, hat man dem sogenannten Volk aufs Maul geschaut. „In welchem Zustand befindet sich unser Land?“ lässt Misik dann auch fragen. Zum Thema Demokratie gehen da, wie zu erwarten, die Meinungen von „super“ bis „wenig vorhanden“ weit auseinander. Dem in der Agora anwesenden Publikum, das hier nicht nur konsumieren sondern mitgestalten soll, will Misik also einen Diskursraum bieten, den er wie ein Parlament gestaltet. Auf einem Podium sitzen einige geladene Experten, mit dem Psychoanalytiker August Ruhs gibt es einen seriös-gesetzten Präsidenten, und Stefan Petzner, der Ex-BZÖ-Politiker, Ex-PR-Berater und ehemalige „Lebensmensch“ von Jörg Haider darf den smarten Spin-Doctor spielen.

Wer nun aus dem Publikum heraus etwas sagen will, muss zu einer Markierung am Boden gehen und bekommt dann drei Minuten Redezeit an einem Pult in der Mitte des Präsidiums. Geübter Frontalunterricht in Sachen Demokratie also. Dass sich ein solcher Abend nicht im Beliebigen verfängt, braucht es natürlich einen entsprechenden Trigger. Einerseits gibt Misik eine Art Beipackzettel mit Fragen im Programmheft vor, anderseits bringt er in diesem Fall mit dem österreichischen Gewerkschafter Willi Memyi einen Mann vom Fach, der über die Schwierigkeiten einen Betriebsrat zu gründen und die kreative Bauernschläue von Waldviertlern gegen ein geplantes Nazikonzert berichtet. Für den Gewerkschaftsmann besteht gelebte Demokratie vor allem Engagement und Kreativität. Zudem beklagt er die fehlende öffentliche Empörung bei Arbeitgeberwillkür.

 

Agora bei den Wiener Festwochen 2017 – Foto (c) Luca Fuchs

 

Durchaus provokant wirken auch die Einwürfe der geladenen Journalistin und Politaktivistin Livia Klingl. Allerdings hilft das am Anfang nicht viel. Wie fast immer will niemand der Erste sein. Erst nachdem diese Schwelle durchbrochen ist, indem eine Österreicherin die allgemeine Machtlosigkeit moniert und eine deutsche Lehrerin von der Mitbestimmung im Kleinen eines Klassenrats spricht und die Rücknahme politischer Entscheidungen nach Wahlen beklagt, ist unter dem Publikum kaum noch ein Halten. Das führt dann irgendwann sogar dazu, dass Misik sein strenges Redregime etwas aufweicht und sich damit für einige jugendliche Diskursler sogar der Frage stellt, ob nicht schon diese hierarchische Sitzordnung das Problem darstellt, worauf sich das Präsidium ins Parlament auflöst.

Auffallend häufig wird am Abend über Bildung und Bildungssysteme gesprochen, von Wien über Baden-Württemberg bis nach Südtirol. Auch einige Schweizer sind anwesend. Deutschsprachig gesehen ähneln sich die angesprochenen Probleme durchaus, auch wenn am Beispiel selbstherrlicher Landeshauptmänner immer auch etwas österreichlastig bleibt. Allerdings wird die Diskussionsrunde auch nie wirkliche konkret. Die Frage nach der Chancengleichheit und der Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen direkter Demokratie oder außerparlamentarischer Aktionen beherrschen die Redebeiträge aus dem Publikum. Der gleichberechtigte Diskurs auf Augenhöhe scheint da fast wichtiger als die eigentlichen Themen, von denen sich manche sogar überfordert fühlen.

Im Grunde liegt genau in der Verselbständigung des Abends der Reiz wie auch der Fluch der Sache. „Demokratie ist verletzlich“, schreibt Misik auf einen der Zettel, die er fast als einzige Kommentare seinerseits immer wieder in die Kamera vor seinem Platz hält. Das sagt letztendlich mehr als jeder Versuch, das vage Staatsmodel Demokratie schlüssig erklären zu wollen. In einem Prolog der Schauspielabteilung des Wiener Schauspielhauses wird das dann allerdings noch einmal versucht. Aber kann man Demokratie erlernen? Eine Frage, die obsoleter kaum sein kann. Nicht dass es solche Diskussionsrunden am Theater nicht schon gäbe, man denke nur an die Reihen „Streitraum“ oder „Streit ums Politische“ an der Berliner Schaubühne. Allerdings hat dabei kaum jemand versucht, den Ball so direkt ins Publikum zu spielen. Dumm ist das nicht. Misik hat es im Schauspielhaus vorgemacht. Andere Theater werden mit Sicherheit folgen.

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Agora, UA (Schauspielhaus Wien, 31.05.2017)
ein Projekt von Robert Misik
Realisation: Robert Misik
Konzeptionelle Mitarbeit: Milo Rau
Bühne: Michael Zerz
Kostüme: Mirjam Ruschka
Dramaturgie: Tobias Schuster
Regieassistenz: Gabriel Zschache
Coach: August Ruhs, Psychiater und Psychoanalytiker
Spin-Doctor: Stefan Petzner, PR-Berater, ehemals Politiker
Mit: Simon Bauer, Steffen Link, Robert Misik, Vassilissa Reznikoff & Gästen aus Publizistik, Politik und Gesellschaft
Gäste am 31.05.2017:
Input: Willi Mernyi, Bundesgeschäftsführer der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter*innen
Bernhard Damisch, Jugendarbeiter
Can Gülcü, Kulturschaffender und Aktivist
Livia Klingl, Journalistin und Autorin
Eine Produktion des Schauspielhauses Wien in Kooperation mit den Wiener Festwochen
Die Premiere war am 29.05.2017 im Schauspielhaus Wien
Weitere Termine bei den Festwochen noch bis 14.06.2017

Weitere Infos unter: http://www.schauspielhaus.at/

Zuerst erschienen am 02.06.2017 auf Kultura-Extra.

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Obsession – Ivo van Hoves Visconti-Adaption mit dem britischen Hollywoodstar Jude Law kann auf den Wiener Festwochen künstlerisch wenig überzeugen

Viel namenlose Performance gegen einen Film- und Bühnenstar in einer der wenigen konventionellen Sprechtheaterinszenierungen bei den Wiener Festwochen. Da enttäuscht es doch etwas, wenn gerade die mit dem britischen Schauspieler Jude Law auftrumpfende und der Toneelgroep Amsterdam sowie dem Londoner Barbican Theatre koproduzierte Inszenierung Obsession in der Regie des auch in Deutschland nicht ganz unbekannten Holländers Ivo van Hove die künstlerischen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Das lag sicher nicht am durchaus bühnenerprobten Hollywoodstar, zeigt aber, dass der Einsatz von Publikumsmagneten noch kein Garant für gutes Theater ist, auch wenn es die Zuschauer zuhauf in die Aufführungen im Wiener Museumsquartier zog.

 

Obsession bei den Wiener Festwochen 2017
Foto (c) Jan Versweyveld

 

Der Roman The Postman Always Rings Twice (Wenn der Postmann zweimal klingelt), 1934 vom US-amerikanischen Krimiautor James M. Cain geschrieben, ist mehrfach für das Kino adaptiert worden. Ivo van Hove hat sich für seine Bühnenfassung das Regiedebüt des italienischen Regisseurs Luchino Visconti ausgesucht. Ossessione (Besessenheit) weicht am weitesten vom Krimiplot Cains ab und verlegt die Handlung ins faschistische Italien des Jahres 1942. Der Film wird daher auch als die Geburtsstunde des italienischen Neorealismus bezeichnet. Diesen Realismus gibt Ivo van Hove zu Gunsten eines unbestimmten, sterilen Bühnensettings auf. Nicht die zeitliche oder gesellschaftliche Verortung ist für den Regisseur interessant, sondern die rein zwischenmenschlichen Gefühle, die er für falsch und kalt hält, wie die leere, mit grauen Wänden umrahmte Bühne von Jan Versweyveld.

Zu Beginn steht Gijs Scholten van Aschat als älterer Werkstattbesitzer Joseph an einem vom Schnürboden hängenden Motor und bastelt daran herum, während Halina Reijn als seine junge Frau Hanna von einem Tresen aus zusieht. Jud Law als Landstreicher Gino spielt im Hintergrund Mundharmonika und später im Unterhemd mit seinen Muskeln, wenn er den Motor und die Wasserpumpe des kurz abwesenden Hausherrn repariert. Ein Blick zu Hanna reicht, und es knistert hörbar. Die Leidenschaft scheint sofort entfacht. Der Sex wirkt etwas ungelenk wie das prompte Versprechen der Liebe, das Gino Hanna gibt. Viele der Szenen erscheinen, kaum richtig ausagiert, wie Stückwerk.

 

Obsession bei den Wiener Festwochen 2017
Foto (c) Jan Versweyveld

 

Aus den 140 Minuten Viscontis destilliert van Hove straffe 100 Minuten, die zwar alle Szenen von Ossessione streifen, aber die italienische Hitze der Leidenschaften außen vor lassen. Einzig die Arie „Di Provenza il mare, il suol“ des Germont aus der Verdi-Oper La traviata, die der betrogene Ehemann Joseph singt, bevor der übergriffige Macho von den beiden Liebenden ermordet wird, steht noch dafür. „Dio m’esaudì!“ singt der Sterbende unter dem Gebrüll des großen Motors, der wie ein Deus ex Machina vom Bühnenhimmel schwebt und sein Öl über die Leiber der miteinander Ringenden versprüht. Ein Konglomerat aus verschiedensten Leidenschaften. Die Maschinerie läuft aber nicht nur gut geölt. Motor wie Handlung stocken nun ein ums andere mal. Zweifel nagen an den sich nach Leidenschaft Verzehrenden. Sie finden kaum noch die richtigen Worte und fliehen einander.

Dazu stellt sich Gino immer wieder auf ein Stück Laufband und rennt auf der Stelle. Ein Entrinnen scheint unmöglich, ebenso wie die Erfüllung des Versprechens nach Liebe und Freiheit. Van Hoves Inszenierung wird nun immer operettenhafter. Nun darf auch Halina Reijn singen und dabei etwas unvermittelt Müll über die Bühne verteilen. Sie lieben und sie schlagen sich. Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Dazu kommt der Einsatz von Nebendarstellern, die wie zufällige Sidekicks am Bühnenrand sitzen oder plötzlich von der Seite her in die Szene schlendern. Zum Beispiel wirkt Chukwudi Iwuji, der neben dem Priester auch noch den Inspektor gibt, der dem Paar auf der Spur ist, wie Columbo, der in seinen Filmen auch immer wieder unversehens im Trenchcoat auftauchte. Zum Schluss wird es dann sogar noch ziemlich kitschig, wenn Ginos Sehnsuchtsort Meer auf einer hochgeklappten Videoleinwand flimmert und die Wellen dazu rauschen. Na ja.

 

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Obsession (03.06.2017, Halle E im MuseumsQuartier)
nach dem Film Ossessione von Luchino Visconti
Regie: Ivo van Hove
Text, Dramaturgie: Jan Peter Gerrits
Bühne und Lichtdesign: Jan Versweyveld
Video: Tal Yarden
Kompositionen: Eric Sleichim
Sound Design: Tom Gibbons
Kostüme: An d‘Huys
Mit: Jude Law, Robert de Hoog, Halina Reijn, Gijs Scholten van Aschat, Chukwudi Iwuji, Aysha Kala
Produktion: Toneelgroep Amsterdam, Barbican Theatre Productions Limited
Eine Auftragsarbeit von Barbican Theatre Productions Limited
gemeinsam mit Wiener Festwochen und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg
Koproduktion: Holland Festival und David Binder Productions
Private Producers: Harry und Marijke van den Bergh, Joachim Fleury, Joost und Marcelle Kuiper
Supported by the Embassy of the Kingdom of the Netherlands

Zuerst erschienen am 06.06.2017 auf Kultura-Extra.

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Mondbasis an Alpha: Der will doch nur spielen – Jonathan Meese inszeniert bei den Wiener Festwochen seinen MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ) im Theater an der Wien

Ein weiteres Großevent bei den diesjährigen Wiener Festwochen war mit Sicherheit der nachgeholte Parsifal-Streich des in Bayreuth als Regisseur des Wagner’schen Bühneweihfestspiels geschassten Jonathan Meese. Das aus der bildenden Kunst kommende Hamburger Entfant terrible hat seine vom Bayreuther Wagnerclan aus finanziellen Gründen verhinderten Pläne nun in einer Koproduktion der Wiener Festwochen mit den Berliner Festspielen verwirklicht. Dafür hat der Komponist Bernhard Lang Wagners Libretto überschrieben und eine an Richard Wagner, der Zwöfltonmusik Arnold Schönbergs und modernem Jazz orientierte Vertonung der von Meese jetzt MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ) genannten Oper geschrieben, die nun im Theater an der Wien Premiere feierte.

 

MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)
Foto (c) Jan Bauer, Courtesy by Jonathan Meese

 

Wagners Parsifal haben Meese und Lang als Space Opera in eine unbestimmte Zukunft gebeamt und ein Vexierspiel der musikalischen, kunsttheoretischen und popkulturellen Verweise kreiert. Da steckt neben einer unglaublichen Fülle von Zitaten aus Kunst und Kino doch noch erstaunlich viel Wagner drin. Im 1. Aufzug zeigt Meeses Bühne eine Art Gletscher, auf dem zunächst eine Wagnerfigur mit dem Rücken zum Publikum steht und anmutet wie Caspar David Friedrich’s Wanderer über dem Nebelmeer. Es ließe sich hier aber genauso gut an Nietzsche denken. Letztendlich ist es Magdalena Anna Hofmann, die Darstellerin der Kundry (bei Lang: Cundry), der Meese wie Wagner den Part der ambivalenten Symbolfigur überträgt. Anklägerin der mitleidlosen Gralsgemeinschaft im 1. Aufzug, als Barbarella die Versucherin des reinen Toren Parsifal im 2. Aufzug, und schließlich mutiert sie im 3. Aufzug als geharnischte Herzeleide mit Pfeil und Bogen zu Meeses ERZMUTTER DER K.U.N.S.T.

Parsifal (Parzefool) landet in der Eiswüste der Gralsritter mit einem Raumschiff und pflanzt das Banner der Diktatur der Kunst in den Gletscher. Der Countertenor Daniel Gloger ist der reinkarnierte Sean Connery, der als Zed aus John Boormans 1970er-Jahre-Science-Fiction Zardoz in kurzen roten Lederhosen über die Bühne stiefelt. Tómas Tómassons Amfortas (Amphortas) ist Captain Kirk mit einer rotierenden Spiral-Scheibe als Wunde vor der Brust, und der Gurnemanz (Gurnemantz) von Wolfgang Bankl steigt wie der Yeti aus dem Eisschrank und trägt wie Meese Trainingsanzug. Die Armee der Gralsritter trägt das Eiserne Kreuz. DEMUT steht auf einer Säule, doch hier ist nur Meeses Demut vor dem Meister gemeint. „RICHARD WAGNERZ IST TOTALSTCHEF“ und Meese sein „Schütze Arsch“. Mehr Hintergründe liefert das von Jonathan Meese ausgestaltete Programmheft.

 

MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)
Foto (c) Jan Bauer, Courtesy by Jonathan Meese

 

Zum eingeblendeten Libretto von Bernhard Lang liefert Meese in leuchtend roten Versalien seine Kunst-Kommentare im gewohnten Telegrammstil mit dickem Ausrufezeichen: REALSTKUNST IST DER NOTSCHREI ZUKUNFT! – ENTMACHTET ALLE IDEOLOGIEN! – KUNST IST DER RELIGIONSLOSESTE RAUM! – KUNST IST FEIHEIT! usw. Komponist Lang variiert bestimmte Themen aus Wagners Musik mit elektronischen Klängen, Loops und Saxophoneinlagen, was sicher nicht nur für geübte Wagnerianer gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Ebenso dreist wie witzig ist es, zu „Leb wohl du lieber Schwan“ das Lohengrin-Thema anzuspielen. Grandios in Form ist das Klangforum Wien unter der Leitung von Simone Young, und auch die Sangespartien sind durchaus Wagner-würdig. Fans zeitgenössischer Musik werden jedenfalls sicher auf ihre Kosten kommen.

Im 2. Aufzug nach der ersten Pause landet Parsifals Mondfahrt im Reich Klingsors, das mit einem marschierenden Chor flotter Manga-Mädchen und einem Perversling als Klingsor (Clingsore) in einer Mondlandekapsel aufwartet. Martin Winkler ist der 007-Bösewicht Dr. No, der mit Sense im Totenschiff unterwegs ist, sich mit einem Teddybären vergnügt und Kundry zur Verführung Parsifals zwingt. Auch hier dominieren wieder Meeses Zeichen- und Zitateninventar und Slogans wie: UNGOTT GRÜSST DIE K.U.N.S.T.! Es kommt zum High Noon um den Wunderspeer zwischen Parsifal und Klingsor/Kundry. Doch: DIE KUNST ÜBERLEBT ALLE(S)! Der Sieg gehört dem intuitiven Spielkind Parsifal, dem letzten der Mohikaner.

Der 3. Aufzug spielt fast komplett vor einer bühnenbreiten Projektion des Stummfilmklassikers Die Nibelungen von Fritz Lang aus dem Jahr 1924. Das scheint von allen Einfällen Meeses noch der schlüssigste zu sein. Nah an Wagner ist es sowieso. Der Mörder Siegfrieds, Hagen von Tronje, spielt hier in Gestalt von Gurnemanz noch eine Rolle. Dem heiligen Ernst und Pathos um Ehre und Treue der Nibelungen setzen Jonathan Meese und Bernhard Lang (H)ERZBLUT, RADIKALSTLIEBE und den SEHNSUCHTSSTAAT KUNST entgegen. Ein Parsifal in goldener Rüstung steht zu Amfortas‘ „Last Tango“ auf der Bühne. Es folgt das Grande Finale mit einem Gralsritter/Manga-Chor und einem schuhplattlerndem Klingsor in Lederhose. Meese textet final: K.U.N.S.T. RUF MICH AN!!!! Diese Inszenierung hätte in Bayreuth sicher einigen Unmut erzeugt, käme aber an Christoph Schlingensiefs Parsifal nicht heran. Sie ist als Kunstevent auch besser bei den Wiener Festwochen aufgehoben. Die BETA-Version des ganzen Spaßes ist dann im Oktober im Haus der Berliner Festspiele zu sehen.

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MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)
(Uraufführung im Theater an der Wien, 04.06.2017)
Oper von Bernhard Lang nach Richard Wagners „Parsifal“
Musikalische Leitung: Simone Young
Regie, Bühne und Kostüme: Jonathan Meese
Mitarbeit Bühne: Jörg Kiefel
Mitarbeit Kostüme: Jorge Jara
Licht: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Henning Nass
Choreografie: Rosita Steinhauser
Klangregie, Sound Design: Peter Böhm, Florian Bogner
Besetzung:
Amphortas / Amfortas: Tómas Tómasson
Gurnemantz / Gurnemanz: Wolfgang Bankl
Parzefool / Parsifal: Daniel Gloger
Clingsore / Klingsor: Martin Winkler
Cundry / Kundry: Magdalena Anna Hofmann
Erster Gralsritter: Alexander Kaimbacher
Zweiter Gralsritter: Andreas Jankowitsch
Erster Knappe: Johanna von der Deken
Zweiter Knappe: Sven Hjörleifsson
4 Blumenmädchen: Manuela Leonhartsberger, Xiaoyi Xu, Melody Wilson, Marie-Pierre Roy
Klangforum Wien
Arnold Schoenberg Chor
Auftragswerk und Produktion der Wiener Festwochen in Koproduktion mit den Berliner Festspielen/Immersion

Weitere Termine (in Berlin): 15., 16., 18.10.2017

Zuerst erschienen am 09.06.2017 auf Kultura-Extra.

Weitere Infos: http://www.festwochen.at/
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Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble geben nach über 20 erfolgreichen Jahren ihren Abschied von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Abschiede an Berliner Theatern (Teil 1)

Samstag, November 5th, 2016

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Es ist das Jahr des großen Abschiednehmens an Berliner Theatern. Neben Claus Peymann am Berliner Ensemble scheidet auch Frank Castorf an der Volksbühne als Intendant aus dem Amt. Ganz verloren gehen wird er den Berliner Theatergängern wohl nicht. Man kann ihn sicher am neuen BE unter Oliver Reese wiedersehen. Verabschieden müssen sich aber auch langjährige Volksbühnenmitstreiter wie Herbert Fritsch, René Pollesch oder Christoph Marthaler. Alle sind sie bereits seit Längerem auch an anderen Theaterhäusern von Hamburg über München und Wien bis nach Zürich unterwegs. Herbert Fritsch wird an der Schaubühne ein neues Berliner Zuhause finden. Noch nichts dergleichen weiß man aber von René Pollesch und Christoph Marthaler.

Christoph Marthaler - (c) Theater der Zeit

Arbeitsbuch Marthaler
(c) Theater der Zeit, 2014

Besonders der Meister der unbegrenzten theatralen Entschleunigung, hat lange Jahre sehr intensiv die Volksbühne künstlerisch geprägt. Wer denkt nicht gern an Inszenierungen wie Horvaths Geschichten aus dem Wiener Wald oder Glaube Liebe Hoffnung zurück, bei der Marthaler mit einer doppelten Elisabeth überraschte. Und davor an ±0 ein subpolares Basislager bei dem er mit einem echten schmelzendem Grönland-Eisberg aufwartete. Ein kleiner eisiger Totentanz der grenzenlosen menschlichen Ignoranz und Extravaganz. Marthaler setzte dem in bewährter Manier provozierender Langsamkeit einige Momente traurig schöner Melancholie entgegen. Schöner scheitern mit Musik – eines der Hauptthemen seiner zeitlos schönen Musiktheaterabende. Ein lang gespielter Klassiker, bleibt sicher unvergessen – der 1993 entstandene Abend Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab! Der Evergreen Danke hat es sogar in die Telefonwarteschleife der Volksbühne geschafft. Marthaler war seit dem auch fast Dauergast auf dem Berliner Theatertreffen.

Fans des Schweizers mit dem Hang zur ironischen Nostalgie konnten 2014 in Berlin gleich doppeltem Genuss frönen. Christoph Marthaler war neben seiner Inszenierung Tessa Blomstedt gibt nicht auf an der Volksbühne auch in der Staatsoper im Schillertheater zu erleben. Sein in Koproduktion mit den Wiener Festwochen entstandener Liederabend Letzte Tage – Ein Vorabend ist im September endlich auch in Berlin angekommen. Es ist dies eine liebevolle Hommage an jüdische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts und ihr fast vergessenes Werk. Sozusagen am Vorabend der 100. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltenbrandes, an dem das Habsburger Kaiserreich nicht unwesentlich beteiligt war, fand die Premiere im Mai 2013 im historischen Sitzungssaal des Alten Wiener Parlament statt. Ein Ort, an dem von 1883 an die österreichische Vielvölkermonarchie ihren Reichstag abhielt und später die Nationalversammlung der ersten Republik bis 1934 tagte.

 

Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne - Foto: St. B.

Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Foto: St. B.

 

Die Sitzreihen des historischen Ortes wurden von Regisseur Marthaler und seinen Akteuren benutzt, das Publikum nahm auf einer Tribüne im Bereich des Präsidiums Platz. In der Staatsoper im Schillertheater saß man nun auf der Bühne, während die Schauspieler und Musiker sich in der Weite des Zuschauerraums fast verloren. Die Dimensionen sind hier doch etwas anders, was der Intensität der Vorstellung zwar kaum Abbruch tat. Aber letztendlich nicht ganz die Wirkung wie im realen Raum des Alten Parlaments in Wien entfaltete, und das nicht nur allein wegen der akustischen Probleme. Das historische Flair konnte man sich zur Not ja dazu denken.

Dass es sich hier um einen historischen Ort handelt, der außer für Touristenführungen heute dem Vergessen anheimgeben ist, trägt Marthaler mit einer Multikulti-Putzfrauenkolonne Rechnung, die zunächst mit großer Akribie die Sitzreihen entstaubt, samt der sich langsam einfindenden Parlamentsabgeordneten. Dann beginnt hier wie da mit einer fiktiven Rede zum 200. Jubiläum der Befreiung der Konzentrationslager, die an einen „Kaiser von Habsburg-Europa“ gerichtet ist. Marthaler lässt hier wieder seine leicht abseitig tiefgründige Ironie aufblitzen, wenn Clemens Sienknecht über die Erklärung des Antisemitismus zum UNESCO-Weltkulturerbe berichtet und auch den Rassismus für selbige Ehrung vorschlägt.

 

Letze Tage - ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

Letze Tage – ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

 

In diesem Stil geht es munter weiter. Marthaler schickt seine Akteure nach bewährtem Muster in Zeitschleifen, lässt sie aus der Zeit fallen oder an der Auserwähltheit ihrer Art leiden. Immer wieder unterbrochen werden die Spielszenen, Monologe und fiktiven Reden durch Musikeinlagen eines kleinen Kammerorchesters namens Wiener Gruppe, die Stücke aus besagtem Werk jüdischer Komponisten intoniert. Die Mezzosopranistin Tora Augestad ist dabei eine Entdeckung.

In Endlosreihe bewegt sich der Trupp durch über die Galerie. Die Musik- und Sangesschleife ebbt mal kurz ab, schwillt wieder an und verliert sich schließlich langsam im weiträumigen Foyer. Eine typische Art von Marthaler, der hier die Verlorenheit und das langsame Vergessen spiegelt. Dabei ist man immer wieder tief beeindruckt von der leichten Regie-Hand des Meisters und der Virtuosität seiner Darsteller, die selbst noch so seichte Liederabende wie Tessa Blomstedt gibt nicht auf, ein Testsiegerportal in die Jahre gekommener, schlagernder Datingportal-Teilnehmer, oder Hallelujah (Ein Reservat) mit nostalgischer Westernmusik für alte DDR-Indianer-Fans erstrahlen lassen.

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Virtuos ist sicher auch der neue Marthaler-Abend Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter an der Berliner Volksbühne. Man begegnet hier einigen aus der langjährig verquickten Marthaler-Familie wieder. Der Mitte Oktober 65 Jahre alt gewordene Regisseur vereint noch einmal die bekanntesten Gesichter zu einem still verschmitzten Potpourri aus bekannten Melodien und Zitaten aus älteren Inszenierungen. Schon die Bühne seiner treuen, viel gelobten und kopierten Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die ihm immer wieder zeitlos schöne Räume für seine zuweilen recht skurrilen Geschichten geschaffen hat, ist eine reine Kopie der 2000 in Basel entstanden Inszenierung 20th Century Blues. Eine Zeitenwende, wie sie sich nun im nächsten Jahre auch an der Volksbühne Berlin vollziehen wird.

 

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Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter – der letze Marthaler an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

 

Marthaler und Viebrock bauen wieder einen in der Zeit verlorenen Erinnerungsabend in gedeckten Tönen, aber ohne jede larmoyante Wehmut, dafür mit umso mehr verstecktem Witz und Anspielungen auf die kommende Zeit unter dem neuen Intendanten und Museumskurator Chris Dercon, der hier mit keiner Silbe erwähnt werden muss, aber dessen beginnende Ära in der Leere des fensterlosen, museumsartigen Bühnenbaus mit Lichtdecke über dem weiten Innenraum erahnbar ist. Ein Abgesang an das Theater im Allgemeinen und an das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz und seine Spieler, die hier in Umzugskisten durch eine Art Hausmeister im Kittel (Marc Bodnar) hereingeschoben werden und ihre Plätze zugewiesen bekommen, sich aber immer wieder ihrer drohenden Mumifizierung durch Flucht, oder widerständiges Verhalten zu entziehen versuchen. Und der Satz: „Ich hasse diese Wanderausstellungen.“ ist ein kleiner, süffisanter Seitenhieb auf die kommende Intendanz.

Christoph Marthaler borgt sich den Titel seines Abends beim Dramatikers Botho Strauß und dessen Komödie Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle. Ein Hotel in dem drei befreundete Ehepaare leben, wird über die Jahre zum „Museum von Leidenschaften“. Die Gefühle erlöschen im Leistungsdruck und Konkurrenzkampf. Als Utopie bietet das Stück surreale Zauberkünste gegen die Wirklichkeit. Und genau in diesem Sinne ist Marthalers Hommage an die Zauberkunst der Bühne auch zu verstehen. Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang.“ ist ein bekanntes Zitat von Botho Strauß, das das ebenfalls vom Intendanzwechsel betroffene BE auf seiner Website führt. Diese Leere zu füllen, ist Segen und Fluch gleichermaßen und eine der Herausforderungen für Chris Dercon. Denn nicht zuletzt daran wird man ihn messen. Christoph Marthaler schafft es hier mit leichter Hand.

 

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter - Die Marthalerfamilie beim Beifall - Foto: St. B.

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter in der Volksbühne
Die Marthalerfamilie beim Applaus – Foto: St. B.

 

Irm Hermann, ganz die große Diva grüßt galant zur fröhlichen Geisterstunde der Untoten und Jürg Kienberger spielt dazu auf dem Spinett. Auch ein Berg von Decken kann seinen Gesang nicht verstummt lassen. Olivia Grigolli springt gelenk aus einem kleinen Umzugskarton, in dem sie mühelos Platz hat. Hildegard Alex, Tora Augestad, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Altea Garrido, Ueli Jäggi und Ulrich Voß, alle entsteigen sie ihrem Kästchen und beginnen ein wundersames Eigenleben zu führen. Bewegungsclownerien wechseln mit Satzfetzen, chorischem Gesang und kleinen Arien von Tora Augestad. Sophie Rois schaut vorbei und singt französische und italienische Chansons. Benedix Dethleffsen und Jürg Kienberger begleiten auf Klavier und Spinett.

Hier ein leicht melancholisches Ich bin aus tiefem Traum erwacht von Gustav Mahler, dort ein Kyrie Eleison im Chor. Das ist virtuos, zärtlich anrührend, aber nie sentimental. Auch selbstironische Reminiszenzen erklingen mit Wir sind jung, die Welt ist offen oder einem zaghaften Brüder zur Sonne zur Freiheit. „Der Vollmond steigt, der Nebel weicht“, ein letzter Tanz zur Rampe. „Wo waren wir stehengeblieben?“ – Danke…

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Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter (Volksbühne, 05.10.2016)
Eventuell von Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Anna Viebrock
Licht: Johannes Zotz
Ton: Klaus Dobbrick
Dramaturgie: Malte Ubenauf, Stefanie Carp
Mit: Hildegard Alex, Tora Augestad, Marc Bodnar, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Bendix Dethleffsen, Altea Garrido, Olivia Grigolli, Irm Hermann, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Sophie Rois und Ulrich Voß
Spieldauer: 2 Stunden 10 Minuten
Premiere war am 21.09.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Termine: 06.11. und 27.11.

Infos: https://www.volksbuehne-berlin.de/

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

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Mit dem Dürerhasen die Bilder erklären – Go down, Moses von Romeo Castellucci, ein Gastspiel der Socìetas Raffaello Sanzio bei den Wiener Festwochen 2015 (Teil 1)

Samstag, Mai 30th, 2015

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Festwochenplakat

(c) Wiener Festwochen

Romeo Castellucci ist bekannt für sein assoziatives, symbolhaftes Bildertheater, in dem er immer wieder Bezüge zu religiösen Themen herstellt. An der Berliner Schaubühne hat er gerade in Ödipus der Tyrann christliche Motive mit denen antiker Mythologie kombiniert. An großer, nachvollziehbarer Welterklärung ist dem italienischen Theatermacher dabei allerdings nicht gelegen. Der Zuschauer ist bemüßigt die verschlüsselten Chiffren in den Bildern des Regisseurs selbst zu lösen. So auch in der seit Oktober 2014 von Festival zu Festival reisenden Produktion Go down, Moses von Castelluccis Heimspielstätte Socìetas Raffaello Sanzio aus Cesena.

Mit dem bekannten Gospelsong gleichen Namens hat das Stück nur so viel gemein, dass es in ihm auch um die Rückführung eines Volkes aus der Sklaverei geht, wobei hier gleich die gesamte Menschheit gemeint ist, die orientierungslos in der modernen Wüste der permanenten Informationsflut gefangen ist und einsam und verloren nach einem Ausweg sucht. Diesen hat Castellucci in der biblischen Gestalt des Propheten Moses ausgemacht, der von Gott den Auftrag erhält, das auserwählte Volk aus Ägypten heimzuführen. Regisseur und Autor Castellucci verknüpft dazu alte Mythen aus dem Buch Exodus mit Phänomenen unserer Zeit.

Den Tanz ums Goldene Kalb vollführen wohl in einer Eröffnungsszene mehrere in moderner Kleidung auftretende DarstellerInnen, die wie bei einem Galerierundgang immer wieder menschliche Tableaus bilden, sich dabei berühren und das Bild Junger Feldhase von Albrecht Dürer (das Original ist in der Wiener Albertina zu bewundern) an die Wand hängen. Der Hase als mehrdeutiges Symbol christlicher wie profan bürgerlicher Ikonografie in der Kunstgeschichte. Als Zeichen Gottes, der sich Moses im brennenden Dornbusch offenbart, fährt hier eine gewaltige motorbetriebene Walze auf die Bühne und zieht bei ohrenbetäubendem Lärm, den das Theater an der Wien wohl so noch nicht erlebt haben dürfte, gnadenlos drei Perückenköpfe ein.

Go_down_Moses_4835b_Foto (c) Guido Mencari

Go down MosesFoto (c) Guido Mencari

Wem das schon an Zeichenhaftigkeit zu dick aufgetragen erscheint, bekommt dann in der nächsten Szene noch die Leiden einer jungen Frau in einer Toilette zu sehen, die nach einer Niederkunft stark aus dem Unterleib blutet. Castellucci erzählt nun die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind aussetzt, im Glauben es dadurch zu retten. Nach kurzem Black sieht man eine Mülltonne, aus der Babygeschrei zu hören ist. Auf der Polizeiwache versucht dann ein Kommissar die ängstliche Frau zum Reden zu bewegen, um das verschwundene Kind zu finden. Schließlich berichtet sie dem fassungslosen Polizisten von ihrem Sohn Moses, den sie im Nil ausgesetzt hat und dem einmal das Volk aus der Sklaverei in den Neubeginn der Welt folgen wird. Moses, der den neuen Bund mit Gott schließen soll, wird hier als normaler Mensch einer problembeladenen Mutter gezeigt.

Nachdem die Verwirrte zusammenbricht, schiebt man sie zur Untersuchung in ein monströses MRT-Gerät. Dabei mischen sich die lauten Geräusche des Apparats mit aufwallenden Sphärenklängen. Die Aufzeichnung der Gedankenströme der Frau führt durch die Röhre direkt in eine prähistorische Höhle, in der Urmenschen ihre Rituale abhalten, eine klagende Mutter ihr gestorbenes Baby begräbt und sich im Liebesakt mit einem Artgenossen wieder vereint. Romeo Castellucci verlangt dem Zuschauer noch einmal Einiges ab, was in einen weiteren Akt symbolhafter Abbildung mündet, wenn einer der prähistorischen Menschen mit den Händen den Gazevorhang, der die ganze Zeit Bühne und Zuschauerraum trennt, bemalt und schließlich die Buchstaben SOS darauf schreibt. Ein Symbol für den bis heute nach Hilfe suchenden Menschen. Das dröhnt dann zwar in seiner ganzen Wucht gewaltig nach, wirkt allerdings in seiner artifiziellen Zeichenhaftigkeit auch etwas bemüht und überkonstruiert.

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Go down, Moses
Gastspiel Socìetas Raffaello Sanzio
Text: Claudia Castellucci, Romeo Castellucci
Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Romeo Castellucci
Musik: Scott Gibbons
Mitarbeit Bühne: Massimiliano Scuto
Lichtassistenz: Fabiana Piccioli
Mit: Rascia Darwish, Gloria Dorliguzzo, Luca Nava, Stefano Questorio, Sergio Scarlatella u. a.

Dauer: 1 Std. 20 Min., keine Pause

Uraufführung am 25.10.2014 im Théâtre Vidy-Lausanne
Österreich-Premiere am 27.05.2015
Weitere Termine bei den Wiener Festwochen: 28.05, 29.05. und 30.05.15

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/go-down-moses/

Zuerst erschienen am 28.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – Johanna Schall inszeniert am Volkstheater Rostock die Brecht/Weill-Oper als fulminantes Bekenntnis zur spartenübergreifenden Kunst.

Mittwoch, März 4th, 2015

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Wann hat man sowas schon erlebt? Zweimal Standing Ovations an einem Premierenabend, ein unumwundenes Glaubensbekenntnis an die Kraft der Kunst und ein 4-Sparten-Ensemble, das schon wieder in seiner Existenz bedroht ist. In dieser Woche waren Pläne der Rostocker Bürgerschaftsfraktionen CDU, SPD, Grüne und Für Rostock zum Umbau des Volkstheaters Rostock in ein „funktionelles Vierspartenhaus“ bekannt geworden, was in Wahrheit einer Schließung der Sparten Tanz- und Musiktheater gleichkommt. Und besser hätte die Stückwahl für diese Premiere dann auch nicht sein können. Man spielt Brecht/Weills Oper vom Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Die Geschichte der von einem Taifun bedrohten Paradies- und Laster-Stadt, deren Bürger sämtliche Moral und Menschlichkeit fahren lassen, bis sie schließlich Mahagonny selbst zerstören. Ein Gleichnis auf eine Gesellschaft, in der alles erlaubt ist, nur nicht kein Geld zu haben.

Das Volkstheater Rostock - Foto: St. B.

Das Volkstheater Rostock – Foto: St. B.

Diese Analogie ist wie gemacht für die Ansprache des Intendanten des Volkstheaters, der vor einem Jahr zum Stapellauf aufrief und nun von der Politik, die ihn holte den Kahn seetüchtig zu machen, rüde ausgebremst werden soll. Sewan Latchinian gab sich vor dem Premierenpublikum jedoch betont kämpferisch und bezeichnete die Streichliste als unsinnig und asozial. Ein unbezifferbarer Schatz wie das Rostocker Theater dürfe nicht kaputt gemacht werden. Doch man ist gewillt, das teilweise Wegsparen durch eine kurzsichtige Landes-Politik und willfährige lokale Stadtvertreter noch einmal abzuwenden. Professionell und mit Verantwortung für das Publikum hat sich das Ensemble auf den künstlerischen Gegenkurs begeben, wie es Latchinian später noch einmal vehement bekräftigte. Die eigentliche Kultur- und Bildungsbürgerschaft, so scheint es jedenfalls, steht an diesem Abend geschlossen hinter ihrem Theater.

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Starker Tobak also schon vor Beginn der Aufführung. Da war man natürlich gespannt, wie die Brechtenkelin und Ex-Intendantin Johanna Schall bei ihrer Rückkehr nach Rostock an den starken Stoff des berühmten Großvaters herangehen würde. Eingriffe à la Frank Castorf waren sicher nicht zu erwarten, aber auch ohne die Beimischung von Texten fremder Autoren kann sich das Gezeigte durchaus sehen lassen. Es ist ein feines Zusammenspiel aller Sparten des Hauses. Die leichten Mädchen von Mahagonny setzen sich aus Mitgliedern der Tanzcompagnie und des Opernchors des Volkstheaters zusammen. Ihre von Katja Taranu choreografierten Aufritte bilden immer wieder kleine Höhepunkte dieser Inszenierung. So auch die beiden Konstabler Tim Grambow und Hung Wen-Chen, die ihre Stück-Ansagen als eine Mischung aus Sprache und pantomimischer Choreografie performen. Neben dem Chor, den Tänzern und dem hervorragend aufgestellten Orchester der Norddeutschen Philharmonie Rostock unter Leitung von Robin Engelen sind noch die großartigen Opern-Solisten – und da besonders Jasmin Etezadzadeh als Witwe Begbick, Elise Caluwaerts als Hure Jenny und Daniel Ohlmann als Paul Ackermann zu erwähnen.

Ansonsten bewegt sich die Regie von Johanna Schall weitestgehend nah am Original. Die Inszenierung läuft perfekt wie ein gut geöltes Uhrwerk, Szene für Szene begleitet von passenden Videoeinspielungen, Leuchtschriftbändern und natürlich der typischen Kurt-Weill-Musik. Das beginnt mit dem Stranden der drei flüchtigen Verbrecher Leokadja Begbick, Willy, dem Prokuristen (Garrie Davislim) und dem kräftigen Dreieinigkeitsmoses (Tim Stolte). Nach einem vom Band eingespielten Autocrash hissen sie die Fahne mit dem Firmensymbol zur Landnahme auf leerer Bühne. Mit dem wohl bekanntesten Hit der Oper, dem sog. Alabama Song, erfolgt dann der Einzug der Mädchen. Wie sie ziehen dann auch die wie Allerwelts-Männer aus einem Gemälde Magrittes in graue Anzüge gekleideten Herren vom Opernchor mit ihren Koffern in die verheißungsvolle „Paradiesstadt“. Sie kommen aus untergehenden Städten auf der Suche nach etwas, woran man sich wieder halten kann.

Das Mahagonny-Ensemble - Foto (c) Dorit Gätjen

Das Mahagonny-Ensemble – Foto (c) Dorit Gätjen

Es muss nicht immer Christian Lacroix sein wie in der Staatsoper Berlin. Die von Jenny Schall teils sehr elegant und fantasievoll gestalteten Kostüme der Mahagonny-Gründer sowie der Mädchen und Männer sind in Farben und Form gut aufeinander abgestimmt und setzen schöne Kontrapunkte im Gesamtbild. Und wie von einem anderen Stern gefallen, platzen dann auch die vier Männer aus Alaska, ganz unpassend in karierter Holzfällerkluft mit Axt am Koffer in das Geschehen. Schnell erliegen sie dem leichten Leben und den Verlockungen der „Netzestadt“, bis es zu kriseln beginnt und die Gründer ihr schlechtgehendes Geschäft beklagen. Es gibt zu viel von allem. Der Überfluss an Angebot, ein Zuviel an vermeintlicher Eintracht und Ruhe machen einerseits träge und anderseits unzufrieden. Weil ihm etwas fehlt, will der enttäuschte Glückssucher Paul Ackermann das Weite suchen.

Als angesichts der drohenden Zerstörung Mahagonnys durch einen herannahenden Taifun alles in lähmende Agonie verfällt, präsentiert Paule Ackermann schließlich die „Gesetze der menschlichen Glückseligkeit“. Und als der Taifun die Stadt der Sünder wie ein Wunder verschont, weichen die Verbotsschilder Mahagonnys anderen, auf denen nun alles erlaubt ist. „Wir brauchen keinen Hurrikan/ Wir brauchen keinen Taifun/ Denn was er an Schrecken tun kann/ Das können wir selber tun.“ Diese Freiheit alles tun zu können, ist allerdings an den Zwang geknüpft, über das nötige Geld zu verfügen, was Paul letztendlich beim Verletzen dieses höchsten Gesetzes der Stadt Mahagonny selbst das Leben kosten wird. Was folgt, ist die ungebremste Entfesselung des Kapitals, dessen Regeln das Fressen, den bezahlten Liebesakt, Boxkampf und Saufen laut Kontrakt verlangen. Aktualität muss man da nicht extra behaupten.

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am Volkstheater Rostock - Foto (C) Dorit Gätjen

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am Volkstheater Rostock
Foto (C) Dorit Gätjen

Die Inszenierung nimmt nun wieder Fahrt auf. Zu Schrammelmusik mit Zither und Akkordeon wird eine große Stoffkuh aufgefahren, und Jakob Schmidt (Daniel Philipp Witte) frisst sich zu Tode. Die Huren besorgen den Freiern an einer langen Wand mit Glory Holes ein paar teure Blowjobs, und Paul Ackermann verliert sein ganzes Geld bei einem Boxwettkampf zwischen Dreieinigkeitsmoses und Alaskawolf-Joe (Karl Huml). Das Blut des toten Joe im nicht einsehbaren Boxring spritzt auf der Videoleinwand. Die Utopie der Glückseligkeit ist pervertiert und zerstört sich selbst. Die letzten Freunde Pauls, Jenny und Sparbüchsenheinrich (Maciej Idziorek) wenden sich von ihm ab. Es kommt zum großen dramatischen und musikalischen Finale, bei dem Paul, der seinen Whiskey nicht bezahlen kann, zum Tode verurteilt wird, im Stroboskoplicht auf dem elektrischen Stuhl zittert und in einem schön komponierten Passionsbild auf der Treppe liegt. Doch eine Volte schlägt Johanna Schall dann doch noch. Sie gönnt dem Toten eine mahnende Wiederauferstehung zu Brechts frühem Gedicht aus der Hauspostille: „Last euch nicht verführen! / Es gibt keine Wiederkehr.“ Und ist der Mann erst tot, kann man ihm bekanntlich nicht mehr helfen.

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Die Demonstrationen der Unbelehrbaren am Ende der Oper hatte sich Brecht sicher auch etwas anders vorgestellt. Aber hier gebietet die Brisanz der Notlage eines Ensembles aus unverbesserlichen Optimisten, die ihre Wünsche und Befürchtungen wechselseitig auf Pappschildern hochhalten. Ein Theater mit oder ohne Schauspiel, Tanz, Oper oder Orchester. Politisch aktueller geht es kaum. Zwei dieser unersetzlichen Sparten, um auch in Zukunft solche übergreifenden Großprojekte eigenständig am Volkstheater stemmen zu können, soll es nun bald nach Maßgabe der verantwortlichen Politik in Rostock nicht mehr geben. Man kann dem Theater nur wünschen, dass sich noch ein paar kulturell und sozial kompetente Politiker mit etwas mehr Verantwortungsgefühl und Weitsicht finden, um diese unsinnigen Sparpläne ad Acta zu legen.

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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny
Volkstheater Rostock_Logo

Oper in drei Akten
Musik: Kurt Weill
Text: Bertolt Brecht
Musikalische Leitung: Robin Engelen
Inszenierung: Johanna Schall
Bühne: Horst Vogelgesang
Kostüme: Jenny Schall
Choreinstudierung: Stefan Bilz
Choreografie: Katja Taranu
Dramaturgie: Michael Mund
Studienleitung: Hans-Christoph Borck
Musikalische Einstudierung: Teodora Belu, Thilo Lange
Regie-Assistentin: Susanne Menning
Inspizientin: Constance Schwerdt
Souffleuse: Babette Bartz
Besetzung:
Leokadja Begbick: Jasmin Etezadzadeh
Willy, der “Prokurist”: Garrie Davislim
Dreieinigkeitsmoses: Tim Stolte
Jenny Smith: Elise Caluwaerts
Paul Ackermann: Daniel Ohlmann
Jakob Schmidt: Daniel Philipp Witte
Sparbüchsenheinrich: Maciej Idziorek
Alaskawolf-Joe: Karl Huml
Tobby Higgins: Daniel Witte
Opernchor
Tanzcompagnie
Norddeutsche Philharmonie Rostock

Premiere: 28. Februar, Volkstheater Rostock – GROSSER SAAL

Termine: 07., 15., 20. und 28.03.2015

Infos: http://www.volkstheater-rostock.de

Zuerst erschienen am 03.03.2015 auf Kultura-Extra.

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Siegfried/Götterdämmerung – Im zweiten Teil seines Ring-Projekts am Thalia Theater Hamburg mixt Antú Romero Nunes wild Wagners Libretto mit dem Nibelungenlied und Hebbels Trauerspiel Kriemhilds Rache.

Dienstag, Januar 20th, 2015

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Ende Oktober 2014 startete Antú Romero Nunes, der junge Hausregisseur am Thalia Theater Hamburg, sein großes Schauspiel-Projekt Der Ring mit dem ersten Abend, der Richard Wagners Opern Das Rheingold und Die Walküre mit jede Menge Mythenmatsch von der Geburt der Götter über den Bau von Walhall bis zur Geschichte um die Eltern des Helden Siegfried, Siegmund und Sieglinde, bildgewaltig in Szene setzte. Nun hatte mit Siegfried/Götterdämmerung der zweite Teil am Thalia Theater Premiere. Nunes mixt hier wieder Richard Wagnerss Libretto mit dem mittelalterlichen Heldenepos des Nibelungenlieds und Texten aus dem Trauerspiel Die Nibelungen von Friedrich Hebbel.

Der Ring II_Tahlia-Theater HH

Foto: St. B.

Wer den ersten Teil verpasst hat, muss nicht dumm sterben, zu Beginn des Abends tritt Zwerg Alberich auf, den André Szymansky wieder als leicht gebückte Gollum-Figur spielt, zwängt sich einen Frack und dirigiert in einer Art Prolog die Vorgeschichte bis zur Geburt Siegfrieds zu Wagners stabgereimten Libretto. Regisseur Nunes erlaubt sich wieder ein paar Figurenumbesetzungen und Straffungen des Wagner-Stoffs. Der junge Held Siegfried wird hier nicht vom Zwerg Mime aufgezogen, sondern von Alberich selbst. Mit dem „kühnen, dummen Kind“ hat es der Ziehvater allerdings nicht gerade leicht. Das Balg wirft allerlei Dinge auf die Bühne und stürmt dann in der Gestalt Philipp Hochmaiers völlig nackt mit Blondhaarperücke die Bühne. Sein Schwert Nothung schmiedet sich Siegfried auf einem schnell zusammengeschobenen Gestell, das ordentlich Funken sprüht.

Die Bühne ist wie schon im ersten Teil relativ dunkel und leer, bis auf ein paar Plastikbahnen, die den Wald darstellen, in dem Siegfried beim Lindwurm Fafner das Fürchten lernen soll. Der Übermütige wird aber relativ schnell mit dem schläfrigen Ungetüm fertig, das zunächst wieder durch Thomas Niehaus dargestellt wird, dann aber, von einer ganzen Gruppe Schwarzgekleideter geführt, als Art chinesischer Leucht-Drache mit Menschenkopf über die Bühne schwebt. Das bleibt bis zur Pause das einzig starke Bild. Nunes lässt nun durch den Siegfried hetzen, als gelte es den gesamten Ring an einem Abend aufzuführen. Eben noch Fafner erledigt, hört er schon die Vöglein singen, was den arglistigen Alberich als Zweiten aus dem Spiel befördert und ihn weiterhin nur noch als untoten Dirigenten (Wagner gar selbst?) durch die Geschichte geistern lässt.

Dem ordentlich mit Theaterblut bestrichenen Siegfried (das Lindenblatt bekommt er von Alberich hinten angeklatscht) fliegt dann auch schon das Waldvögelein zu, das sich alsbald in die schlafende Walküre Brünnhilde (Marina Galic) selbst verwandelt. Dem jungen Recken ist endlich zum Fürchten, und nach ein paar schüchternen Erkundungen beginnt schon die Vereinigung des schicksalhaften Paars. Man muss schon etwas aufpassen, um bei der sprunghaften Dramaturgie von Nunes nicht den Faden zu verlieren. Denn schon befinden wir uns in Kriemhilds (Cathérine Seifert) Traum, der tatsächlich besagt, sie wäre die Hauptgestalt in einer Oper. Aber Wagner gibt es wieder nur in beiläufig eingespielten Fragmenten. Ansonsten erklingen Popballaden und mythische Sounds.

Zu Beginn der Götterdämmerung am Hof der Gibichungen, der hier eigentlich schon im Burgund von Hebbels Nibelungen liegt, langweilt sich der weichliche König Gunther (Rafael Stachowiak). Er erfährt von Bruder Hagen (finster in Schwarz die schmale Barbara Nüsse) von der unbezwingbaren Brünnhilde, die ihm Siegfried nun gewinnen soll. Als Preis für den Gefallen des Recken wird Schwester Kriemhild ausgelobt. Nunes erlaubt sich hier einen gewagten Stilmix zwischen Wagners hochnotkomischer Alliteration und Hebbels pathetischem Blankvers. Was immer mal mit ein paar Kalauern à la „Hagen möchte jagen“ oder „Gunther, dein Gatte“ aufgelockert wird.

Siegfried/Götterdämmerung am Thalia Theater Hamburg <br/> Foto (C) Armin Smailovic

Siegfried/Götterdämmerung am Thalia Theater Hamburg
Foto (C) Armin Smailovic

Die Zähmung und Entzauberung des wilden, nackten Siegfried und seiner Brünnhilde beginnt mit der Einkleidung in höfische Stoffe und der folgenden Doppelhochzeit. Nachdem der schändliche Betrug aufgedeckt ist, will Brünnhilde natürlich ihre Rache; der Rest ist allgemein bekannt. Es spritzt wieder reichlich Blut. Die pathetische Einäscherung des großen Helden samt Brünnhildes eigener Opferung als Finale der Götterdämmerung könnte bei Wagner wohl nicht schöner sein. Und während das Bühnenfeuer lodert, tritt schon Kriemhild vor und ruft mit Hebbel nach Rache: „Das riet Brunhild, und Hagen hat’s getan!“ Womit wir nach etwa zwei Stunden in die Pause geschickt werden. Das ist bis hierhin nicht nur ordentlich Mythenmatsch, sondern auch ziemlich großer Quatsch. Ein gewaltiger Spaß-Digest aus den Nibelungen-Bearbeitungen zweier sehr eigenwilliger, sich möglichst meidender Künstler, zu denen sich nun noch Regisseur Nunes selbst gesellen möchte.

Und es kommt noch besser: Nach der Pause sitzt das ausgedünnte Personal etwas bedröppelt in der Burg zu Worms und bläst Trübsal. Da taucht Thomas Niehaus als reitender Bote von der Kokosnuss mit roter Narrenkappe auf und stellt sich als eine Art witziger Alleinunterhalter ans Keyboard. Wer schon immer mal mehr über „Âventiure“ und die Geschichte des Nibelungenlieds vom Niederdeutschen über den Schlager bis zur Popmusik wissen wollte, ist hier genau richtig. Der Narr entpuppt sich schließlich als Markgraf Rüdiger und Werber König Etzels (den er dann später auch noch geben muss). Niehaus performt noch einmal das bisherige Geschehen mit viel Verve und Feudel. Irgendwann spielt Kriemhild einfach mit, und neben einem eher lauen „Spätburgunder“ ist der schönste Gag schließlich: „Gunther? Aber der hängt doch am Nagel.“

Das war es dann aber auch mit lustig. Da Gunther nicht auf Hagen hören will („Wir sind im Netz des Todes“), spult sich Kriemhilds Rache wie ein Uhrwerk ab. Es ist noch viel von Verrat, Rache, Tod und dem Gespenst der Nibelungentreue die Rede. Der rosige Knabe Ortlieb (Jerome Fardi) taucht auf und berichtet vom Untergang der Nibelungen, bis er selbst von Hagen gemeuchelt wird. Barbara Nüsse bleibt hier die einzig wirklich diabolische Figur. Man möchte sie einmal in einer echten Inszenierung von Hebbels Nibelungen sehen. Da alles, was ist, nach Wagner auch mal enden muss, geht schließlich der Eiserne Vorhang runter und das gesamte Ensemble spricht nun davor mit Theaterblut aus dem Eimer im Gesicht bis zum bitteren Ende ganz hochdeutsch Verse aus dem Nibelungenlied im Chor. Nach dem gereimten Etzel-Gemetzel macht sich Kriemhild schließlich zurück in ihr Erdbett, aus dem sie sich im Vorspiel des Rheingolds gegraben hatte.

Nunes‘ Intension ist klar: Der Mensch braucht keine Götter mehr, er kann nun höchst selbst Verträge machen und brechen. Wotan und Gefolge sind gestrichen, kein Walhall, das brennt. Der Minne Macht hat auch so versagt. Es herrscht der ewig irdische Kreislauf von Gewalt und Mord. Dass man für diese Erkenntnis unbedingt zwei ganze Abende von insgesamt 7 Stunden braucht, ist allerdings etwas müßig. Es lohnt sich lediglich wegen der außerordentlichen Leistung des Ensembles, das ganz Feuer und Flamme, zumeist begeisternd aufspielt. Die beiden Teile werden nun als Event – da hat man ja schon den 9-Stunden Faust-Marathon am Thalia Theater – ab dem 31. Januar dreimal als NIBELUNGEN! Der ganze Ring an einem Abend komplett zu sehen sein. Da wird sich die Qualität der Inszenierung noch am Stück beweisen müssen.

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Philipp Hochmaier über die Nibelungen und seine Rolle als Siegfried – Video auf YouTube (c) Thalia Theater Hamburg

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Der Ring: Siegfried/Götterdämmerung
nach Richard Wagner und Friedrich Hebbel

Regie: Antú Romero Nunes, Ausstattung: Matthias Koch, Licht: Christiane Petschat, Musik: Johannes Hofmann, Musikalische Mitarbeit: Anna Bauer, Choreinstudierung: Joanna Merete Scharrel, Dramaturgie: Sandra Küpper.

Mit: Marina Galic, Philipp Hochmair, Thomas Niehaus, Barbara Nüsse, Cathérine Seifert, Rafael Stachowiak, André Szymanski und Statisterie

Dauer: ca. 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Premiere im Thalia Theater Hamburg vom 17.01.2015

Termine: 18.02., 26.02., 13.03., 14.03. und 09.06.2015

Infos: www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 19.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Die Nibelungen, der Deutschen liebster Mythos, als Beauty Of Revenge nach Hebbel am Berliner Maxim Gorki Theater und als musiklose Stabreimvariante nach Wagner am Thalia Theater Hamburg

Montag, November 3rd, 2014

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Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge. Sebastian Nübling inszeniert am Maxim Gorki Theater Hebbels bürgerliches Trauerspiel als Crashversion mit Benz.

Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Sei es die Opern-Tetralogie Richard Wagners oder das blutrünstige Trauerspiel Friedrich Hebbels, die Nibelungen – nach Heiner Müller der deutscheste aller deutschen Stoffe – lässt neben den Musiktheatern auch die deutsche Sprechtheaterlandschaft nicht zur Ruhe kommen. Stiegen noch im Januar Hebbels Nibelungen am Bonner Theater aus einem dicken BMW – das Auto ist ja bekanntlich der Deutschen liebstes Kind – wagt sich nun im Maxim Gorki Theater Sebastian Nübling als Lenker ans Steuer des blutdampfenden Nibelungenvehikels von Friedrich Hebbel.

Wie man in der Ankündigung zur Inszenierung lesen konnte, wolle der Regisseur mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge „die dunkle menschliche Lust“ untersuchen, „unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“. Dazu benötigt man allerdings auch das passende Gefährt. In Berlin ist es ein ramponierter Mercedes Benz, der auf der Fahrt von Island oder – das Kennzeichen B RD 8914 lässt es erahnen – irgendwann nach der Wende von der Autobahn der deutsch-deutschen Geschichte abgekommen und in die Leitplanke geknallt ist. Jedenfalls schepperte es entsprechend ordentlich aus den Boxen, die danach zum Auftritt einer partygeilen Burgunder-Bande noch ein paar fette Technobeats beisteuern.

Nübling bürstet seine Nibelungen kräftig gegen den Strich. Man könnte auch Stricher, Strizzis oder auf gut Deutsch Zuhälter sagen. Zumindest das Milieu treffen sie in ihrem Auftreten und den prollig goldgestreiften Outfits so im Ungefähren. Im Ungefähren verliert sich die Inszenierung dann aber auch ganz schnell. Nübling nivelliert das große Treue-, Blut- und Rachedrama der Deutschen zu Beginn auf das Niveau einer Kreuzköllner Streetgang herunter. Eine Bande von chauvinistischen Maulhelden (Tim Porath, Aram Tafreshian und Mehmet Ateşçi als Gunther, Gerenot und Giselher), die ihre Schwester an den Fremden (Taner Şahintürk als Siegfried) mit den dicken Dollarhosen verramschen, was Party-Girl Kriemhild (Sesede Terziyan) auch nicht sonderlich stört.

Als Besetzungsclou kommt Till Wonka als bärtige Transe Brunhild daher. Weichei Gunther, der sich ihren Kuss nicht rauben kann, fliegt immer wieder vom Dach des Mercedes, bis ihm Siegfried bei der ersten Nacht im Fond des Wagens behilflich ist. Den Ekel muss er sich mit einer Flasche Wasser abwaschen. Der verhängnisvolle Zickenkrieg zwischen Brunhild und Kriemhild vor dem Dom findet ebenfalls auf dem Autodach statt. Wenn nicht gerade Hebbel-Text gesprochen werden muss, ist auch mal „die Kacke am Dampfen“, oder man(n) faselt vom „Vorsprung durch Technik“. Der Mord Hagens (Dmitrij Schaad als fieser Finsterling) an Siegfried findet bei einer Sado-Maso-Orgie der Männer statt. Danach schwört Hagen die Bande auf sich ein, bevor Kriemhild nochmal ganz als Hebbel’sche Furie Gerechtigkeit und Gericht über Hagen einfordern darf.

„Mein Freund, wir sind auf einem Totenschiff“, sagt der verschlagen dreinblickende Hagen nach der Pause und sitzt dabei wie festgewachsen auf seinem Regie-Klappstuhl. Hebbels tragische Geschichtsauffassung, dass erst etwas komplett untergehen muss, bevor etwas Neues entstehen kann, der Mythos von der unausweichlichen Reise in die Katastrophe, wird hier zum Trip in eine stilisierte Welt aus lauter weißgewandeten Racheengeln. Die Heunen am Hofe Etzels (Nora Abdel-Maksoud) sind das zivilisierte Heute, aufgeklärt, gebildet und sprechen französisch. Wohl das, was König Gunther vorher ironisch mit Weltoffenheit und Neugier bezeichnet hatte. Die besagte Schönheit der Rache ergeht sich in Chorgesang und choreografiertem Säbeltanz. Auch hier Geschwafel von Humboldts Kosmos-Vorlesungen oder Edmund Birke, dem irischen Vordenker des Konservatismus. Eine merkwürdige Art von Ironie. Nübling entsorgt das ganze Deutsche Trauerspiel samt seiner alten Rezeption auf den Schrottplatz der Geschichte und baut ein paar schöne neue Ersatzteile ein.

Der Untergang der Nibelungen im Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Der Untergang der Nibelungen im Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

Für den Dramatiker Heiner Müller war der Deutschen deutschestes Drama auch immer noch deutsche Wirklichkeit. Er hat ihn in einer grotesken Toten-Nummer in sein deutsch-deutsches Geschichtsdrama Germania 3 aufgenommen. Hermann Göring bezeichnete einst die Schlacht um Stalingrad als Nibelungenkampf. Müller sah im sich drehenden Mercedesstern auf dem West-Berliner Europacenter das Zahngold von Auschwitz und anderen Filialen der Deutschen Bank. Das will man heute nicht mehr hören geschweige denn wahr haben. Zumindest im Programmzettel des Gorki-Theaters klingt das am Beispiel der deutschen Autoindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg noch an. Heute ist der Kampfplatz ein Absatzmarkt für deutsche Produkte – und seien es Waffen. Made in Germany, da irrt nämlich die Inszenierung, ist nach wie vor gefragt. Und das ist kein blöder Witz.

Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist also in Gefahr. Zumindest will uns das die einzige zurzeit punktende Alternative für Deutschland weiß machen. Dieses Thema verkleinert Nübling hier auf Gartenzwerggröße. Und der komischste und gleichzeitig tragischste unter ihnen ist ausgerechnet der schwarzblütige Hagen selbst. Dmitrij Schaad fehlt nur noch die schwarze Zipfelmütze zum finsteren Outfit, wenn er mit albernen Durchhalteparolen quer durch die deutsche Geschichte von Goethes „Amboß oder Hammer sein“ über Goebbels Sportpalastrede bis zum Politikerspruch Helmut Schmidts „In der Krise beweist sich der Charakter“ seine schlaffen, sich in den Mercedes zurückziehenden Burgunder wieder auf Linie bringen will.

Ist es bei Müller noch eine schaurig groteske Totenaustreibung, kommt Hagen von Tronje bei Nübling nur noch als lebendes Ausstellungsstück ins Deutsche Historische Museum. Der unvermeidliche Selfi mit Touristen darf nicht fehlen. Das Blut fließt bekanntlich woanders. Nach den Blutorgien von Marius von Mayenburg an der Schaubühne und Michael Thalheimer am Deutschen Theater vor vier Jahren hat Berlin auch weiterhin kein glückliches Händchen mit seinen Nibelungen. Man ist im Theater aber selten so plump und banal von der Seite angemacht worden wie in dieser Inszenierung. Der intellektuelle Zugriff auf den pathetischen Nibelungenstoff Hebbels ist dabei so desaströs platt wie die Reifen einer alten Schrottkarre. Der erste große Flop des Jahres im Theater des Jahres. Einfach nur ärgerlich.

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Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge
nach Friedrich Hebbel
Premiere am Maxim Gorki Theater: 23.10.2014
Regie: Sebastian Nübling
Bühne und Kostüme: Eva-Maria Bauer
Musik: Lars Wittershagen
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Jens Hillje.
Mit:
Giselher: Mehmet Ateşçi, Etzel: Nora Abdel-Maksoud, Werbel: Cynthia Micas, Gunther: Tim Porath, Siegfried: Taner Şahintürk, Hagen von Tronje: Dimitrij Schaad, Rüdeger: Falilou Seck, Gerenot: Aram Tafreshian, Kriemhild: Sesede Terziyan, Brunhild: Till Wonka, Das Kind: Sarah Böckner / Benita Haacke / Fée Mühlemann / Annika Weitzendorf

Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Weitere Termine: 19. + 28. 11. 2014

Infos: www.gorki.de

Zuerst erschienen am 25.10.2014 auf Kultura-Extra.

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Wagalaweia! Auweia! – Antú Romero Nunes inszeniert am Hamburger Thalia Theater den Ring von Wagner ohne Wagners Musik. / 1. Abend: Rheingold / Walküre

Nach Sebastian Nüblings ziemlich plattgefahrenen Hebbel-Nibelungen am Berliner Maxim Gorki Theater gräbt just eine Woche später das Thalia Theater Hamburg den gesamten Ring des Nibelungen wieder aus. Der talentierte Regie-Tausendsassa Antú Romero Nunes stellt ihn als Sprechvariante nach Richard Wagners Libretto und altväterlichen Sagentexten frech auftrumpfend auf die Bühne an der Alster.

Wagners Ring am Thalia Theater Hamburg - Foto: St. B.

Wagners Ring am Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

Und tief im Mythendreck vergraben erscheint auch der von Nunes frei auf die Drehbühne hinassozierte Beginn der Inszenierung. Da buddelt sich erst unter Klagelauten Cathérine Seifert in einen aus Blumenerde aufgeschütteten Haufen, um dann den anderen, aus dem Dunkel erscheinenden Zottelwesen ein aus besagtem Dreck gegrabenes Goldbündel zu präsentieren. Dabei geht das Licht immer wieder an und aus, Tag und Nacht als Ablauf der Zeit, in der sich diese Urmenschen langsam aber sicher wegen der goldglänzenden Habe in die Haare bekommen und an die Wäsche gehen. Stanley Kubrick lässt grüßen. In machohaften Machtspielchen und Unterwerfungsszenen mit Gegrunz, Feuerschein und Hammerschlag wird eine Art archaische Welt- und Menschheitsentstehungsphantasie als Vorgeschichte des eigentlichen Dramas um die Gier nach Wollust, Gold und Macht erzählt.

Vor die Macht aber hat Wagner in seinem Ring-Text den Verzicht auf Liebeslust und Minne gesetzt. Und nur dem, der dies beherzigt, kann der aus rotem Gold geschmiedete Reif im Tausch mit der Liebe zu maßloser Macht verhelfen. Um eine neue Welt erschaffen zu können, muss aber der Bann des Besitzes gebrochen und die alte Welt vernichtet werden. Hier paaren sich Sagenstoff und romantische Revolutionsvorstellung verklärend zum mythischen Gesamtkunstwerk Richard Wagner. Die Rückkehr zum angestrebten „Naturzustand“ war für ihn nur durch eine radikale Zerstörung des Staates und seiner Gesetze zu erreichen. Soweit hatte Wagner seinen Bakunin gelesen und in seine Schrift Die Kunst und die Revolution einfließen lassen. Was daraus wurde und was Wagner noch vom freien und „starken, schönen Menschen“ zu berichten wusste, ist in anderen Schriften zu lesen, denen das Thalia Theater weiter keine größere Beachtung schenkt.

Wo Wagner mit seiner radikalen Sehnsucht nach Liebe und Sinnlichkeit eine Überwältigungs-Oper komponiert, macht sich Nunes daran, dieses Pathos mit etwas pantomimischer Parodie aufzubrechen. Und so erzählen sich nun die der Sprache noch nicht Mächtigen auf der Bühne mit Händen und Füßen ihre ersten Heldentaten. Der Urtrieb nach Macht als Mythos bestehend aus Mord und Totschlag. Wobei die anderen gebannt starren, und was nach einer guten halben Stunde bei einer besonders eingängigen Performance von Peter Jordan den ersten Szenenbeifall gibt.

Doch wer ist hier nun eigentlich wer? Genau das ist am Anfang auch das Problem, bis sich nach und nach aus dem wortkarg grunzenden Haufen die ersten Charaktere herausschälen und zu wagalaweiern beginnen und aus dem ersten Wort dann Werk, Weisheit und Wissen entstehen, dass alles was ist, auch endet. Eine der signifikantesten und viel wiederholten Aussagen dieses Abends.

Foto des Thalia-Schaukastens St. B.

Foto des Thalia-Schaukastens St. B.

Wo es bis auf kleine angedeutete Klangzitate an der Musik mangelt, tritt nun von Anbeginn die stabgereimte Wagner’sche Alliteration in den Vordergrund, die bestimmt manch Opernfreund in ihrer Gänze noch nie so blank und bloß vernommen hat. Und obwohl die eigentliche Komödie der Tetralogie mit dem Siegfried ja noch kommt, nutzt Nunes, um seine Ringversion szenisch aufzupeppen, das vielleicht auch ungelenk und unfreiwillig Komische des Textes für eine recht ironische Sicht auf die Story, bei der es ordentlich kiest und kirrt, ohne aber gänzlich in die Klamotte abzurutschen. Das große Gefühlige in Wagners Text und Musik ersetzt der Regisseur mit mal düster dräuenden oder auch elektrisch wummernden Sounds, für die Johannes Hofmann verantwortlich zeichnet.

Die Götter-Personage des Rings hat Nunes etwas eingedampft und arbeitet auch mit Doppelbesetzungen. So heißt Göttin Erda hier Kriemhild (Cathérine Seifert) – bei Wagner zeugt sie mit Alberich den Hagen – und Bärbel Schwarz als Wotans Frau Fricka übernimmt auch die Rolle der vertraglich an den Riesen Fafner verschacherten Freia, was für einige lustige Eheszenen mit dem arg geplagten Wotan (Alexander Simon) sorgt. Das Programmheft gibt hier einen kleinen Abriss der Figuren. Das Who is Who im sagenumwobenen Mythenmatsch. „Wotan Who?“ Genau dazu kann man sich dann noch im Logenrang Die Nibelungen verstehen in drei Fragen – Ein Versuch ansehen.

Obergott Wotan, der sich seine Verträge macht und sie bricht wie es ihm gefällt, ist bei Alexander Simon ein eher windiger Schacherer und Macho, der den tumben Riesen Fafner (Thomas Niehaus) übers Ohr hauen will, aber dazu auf die Hilfe eines Schlaueren angewiesen ist. Als große Kraft- und Körpernummer mit knalliger Musik und mit dem Mund erzeugten Geräuschen baut Niehaus‘ Fafner die Burg Walhall faktisch im Alleingang. Der nächste Szenenapplaus ist ihm damit sicher. Hier glänzt Nunes Einfallsreichtum und sein talentierter Blick für außergewöhnliche Theaterbilder, was er bereits in so manch anderer unkonventionellen Inszenierung auch am Maxim Gorki Theater unter Armin Petras bewiesen hat.

André Szymanski gibt den lüstern lechzenden Alberich als schief gehendes halbglatziges Wesen, das nicht von ungefähr an den Gollum der Tolkin’schen Ring-Saga erinnert, wie sich sicher auch Matthias Koch in Maske und Kostümen von Peter Jacksons Verfilmung der Herr der Ringe-Trilogie oder den endzeitlichen Mad Max-Filmen inspirieren ließ. Alberich verliert hier in einem listigen Frage-Antwort-Spiel um die Mythen der Urwelt seinen Schatz an Wotan und Loge den Listigen, der unter Peter Jordans außerordentlicher Präsenz zur vielleicht interessantesten Gestalt dieser Inszenierung wird.

Dagegen fallen gerade das geschwisterliche Liebespaar Sieglinde (Lisa Hagmeister) und Siegmund (Daniel Lommatzsch) etwas ab, die den noch kommenden Helden Siegfried im Erdbett zeugen. Der finstere Hunding (Thomas Niehaus) bekommt einen Bauch umgeschnallt, wälzt sich sein Gebiet markierend wie ein Köter im Dreck und weist Siegmund, dem verhassten Wölfing, den Platz am Rand der Bühne. Der Kampf ist dann auch wie ein Geheul unter Hunden und Wölfen. Wotans Macht erweist sich hier als eine sehr willkürliche und durch die Eifersucht Frickas geprägte. Die Walküre Brünnhilde zeugt der Gott bei einer Vergewaltigung Kriemhilds (eigentlich Erda). Die Hass-Liebe-Beziehung zu Brünnhilde (Marina Galić) ist ein gezwungen patriarchaler Akt, der immer wieder auch ins Komische abdriftet. Diesen Wotan kann man samt seiner veralberten Schwert- und Walkürenritt-Einlagen nicht wirklich ernst nehmen.

Der Ring am Thalia Theater Hamburg  Foto (c) Armin Smailovic

Der Ring am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Armin Smailovic

Wo mit den Jahren in der Oper immer wieder neu versucht wurde, Wagners Opus Magnum aktuell zu deuten – wie letztens erst Frank Castorf & Aleksandar Denic im neuen Bayreuther Ring mit dessen sich ums schwarze Gold Erdöl drehenden Welterklärung ganz aus kapitalistischer Sicht – geht es Nunes hier eigentlich nur ums mythologisch Märchenhafte der Entstehung von Gier und Macht. Das lenkt dann schon eher von aktuell-politischen Zusammenhängen ab und den Blick des Publikums rein auf das dramatische Schauspiel. Leider hängt Nunes Ring da trotz großartiger Darsteller doch gerade in der zweiten Hälfte etwas schlaff in den Seilen. Und so beschleicht einen hie und da das garstig‘ Gefühl, da fehle noch was (außer der Musik).

Im Januar vollendet sich dann mit dem Siegfried und der Götterdämmerung der Ring des Antú Romero Nunes, der an diesem ersten Abend das Potential der Geschichte wohl noch nicht ganz ausgeschöpft hat. Nach oben wähn‘ ich weidlich Lüfte in neblig‘ Lichten Nibelheims. Was in etwa heißen soll: Da ist noch reichlich Luft nach oben.

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Der Ring: Rheingold/Walküre
nach Richard Wagner und Altvätern
Regie: Antú Romero Nunes
Ausstattung: Matthias Koch
Musik: Johannes Hofmann
Musikalische Mitarbeit: Anna Bauer
Dramaturgie: Sandra Küpper
Mit: Marina Galic, Lisa Hagmeister, Peter Jordan, Daniel Lommatzsch, Thomas Niehaus, Bärbel Schwarz, Cathérine Seifert, Alexander Simon, André Szymanski

Dauer: 3 Stunden, eine Pause

Gesehene Vorstellung: 31.10.14
Premiere im Thalia Theater war am 25.10.14

Weitere Termine: 15. + 16. 11. / 4., 13., 25. 12. 2014 / 14. 1. 2015

Infos: www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 03.11.2014 auf Kultura-Extra.

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Neues aus Kalau (7)

Mittwoch, August 27th, 2014

Aus der Rubrik Sti(e)l-Blüten:

Made pregnant! – Castorf, he did it again.

Für Vergnügen sorgte kürzlich ein Artikel des Hausmeisters T. Krause in der Welt-läufigen Tageszeitung gleichen Namens. Darin wurde der Intendant der Berliner Volksbühne Frank Castorf stiefmütterlich zum kleinkarierten Vorgartenzwerg der Nation degradiert. Krause hatte sich im Ort und Resort geirrt und fälschlicherweise in Bayreuth den Rasen des Grünen Hügels gemäht. Dabei entdeckte er leider keine Tulpenzwiebeln, geschweige denn das im Programm der Bayreuther Festspiele in Aussicht gestellte Erdöl, sondern nur die Gebeine von Blondie, dem Hund des Führers selig.

Unter seinem Po lehmig, den das Blatt unter der Rubrik „Mein Garten“ abdruckte, beschwerte sich Krause, indem er ein paar pregnante Sätze über die defekte Ring-Rasensprenganlage im Garten des Festspielhauses fallen ließ, er habe sich beim Zusammenfügen der Steck-Bausätze die Finger geklemmt. Der zufällig vorbeikommende Castorf, Regisseur des Bayreuther Rings, erklärte sich auf Anfrage Krauses für nicht zuständig. Woraufhin dieser ihn als einen typischen Fall von beschränkter Kompost-Fixierung betitelte.

Außerdem hieß es, Krause gehe nun mit dem Gedanken schwanger, endlich eine tragende Rolle in der Rasensprengerpresse zu spielen. Aus gut informierten Kreisen war zu erfahren, dass der Ein-Euro-Jobber jetzt in einer von der Arbeitsagentur Hamburg finanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme auf Ressortleiter „Grünstreifen“ beim Buxtehuder Wochenblatt umschult.

Wir versenden von hieraus die besten Genesungswünsche.

Das K.I.L.T.-Team

Auf dem grünen Hügel der Welt. Das Festspielhaus Bayreuth Foto: United States Library of Congress (Wikipedia)

Auf dem Grünen Hügel der Welt. Das Festspielhaus Bayreuth
Foto: United States Library of Congress (Wikipedia)

S. v. K., Kalauer Illustrierte Tagesblätter, 27.08.2014

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Mozarts Così fan tutte in der Regie von Michael Haneke bei den Wiener Festwochen (Teil 2).

Donnerstag, Juni 5th, 2014

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Logo Wiener Festwochen

Wiener Festwochen 2014

Così fan tutte (dt.: So machen es alle oder die Schule der Liebenden) ist die zweite Opera buffa von Mozart, die Filmregisseur Michael Haneke im Auftrag des kürzlich verstorbenen Opernintendanten Gérad Mortier inszeniert hat. Nach dem Don Giovanni 2006 in Paris hatte Mozarts musikalische Komödie der amourösen Verwicklungen um zwei Liebespaare im Neapel des 18. Jahrhunderts im März 2013 in Madrid Premiere. Dem Chef der WIENER FESTWOCHEN, Markus Hinterhäuser, gelang es die Produktion ans Theater an der Wien zu holen, wo die drei Aufführungen nun Gérad Mortier gewidmet sind. Zu Mozarts und Da Pontes Zeiten wegen versteckter Anspielungen noch ein Fall für den Zensor, sieht man heute Così fan tutte eher als nette komische Oper. Dieses Image wollte Michael Haneke mit seiner Inszenierung wohl ändern.

Mozarts Maskerade wird hier in einer großen Villa gespielt, die sich zu einem Park hin öffnet. Große Bilder mit Rokokospielen erinnern an die Zeit, das Interieur ist sparsam, nur ein Kamin rechts und riesiger Spiegelkühlschrank links, aus dem sich die Protagonisten immer wieder reichlich mit Getränken versorgen. Der reiche, satte Hausherr Don Alfonso (William Shimell) im Rokoko-Outfit hat zur Themenparty geladen, aber nicht alle seiner Gäste sind der Vorgabe gefolgt. Die beiden Paare Fiordiligi (Anett Fritsch) und Guglielmo (Andreas Wolf) sowie Dorabella (Paola Gardina) und Ferrando (Juan Francisco Gatell) tragen heutige Abendgarderobe. Ein Pierrot in blond ist Kerstin Avemo als Despina, die hier den komödiantischen Part gibt sowie für Don Alfonso eindeutig mehr als nur Hausmädchen zu sein scheint. Als eigentliche Dame des Hauses bietet sie ihm ein ums andere Mal Paroli.

Così fan tutte - v.l.n.r.: Paola Gardina (Dorabella), Juan Francisco Gatell (Ferrando), William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi) Foto: Javier del Real / Teatro Real

Così fan tutte – v.l.n.r.: Paola Gardina (Dorabella), Juan Francisco Gatell (Ferrando), William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi)
Foto: Javier del Real / Teatro Real

Don Alfonso ist gelangweilt von den Liebesschwüren und Schwärmereien der verliebten Paare und schlägt den beiden jungen Offizieren eine Wette vor, die Treue der Frauen auf die Probe zu stellen. „Fröhlich lebt sich’s als Soldat“, will heißen, schnell sind die beiden Cavaliere durch Einberufung den jungen Damen entrissen und kehren als folkloristisch gekleidete Albaner mit Schnauzbärten zurück. Allein – so lässt sich das Feuer der Begierde noch nicht entfachen, und so muss eine List mit Arsen und Messmer’scher Apparatur her. Den kuriosen Wunderheiler mit magnetischem Appel-Notebook gibt Despina im Frack mit großer Brille. Nur das Ungestüm der beiden scheinbar Vergifteten erregt den Zorn der Damen. Diesen gilt es nun in Liebe umzuwandeln.

Mitleid erbitten ist die halbe Miete, den Rest sollen Kerzenschein, Mondlicht und schöne Worte richten. Und so erscheinen die beiden Treuetester nach der Pause kerzenumkränzt zum Mondscheindinner. Durch Despina entsprechend eingestimmt – wenn man den einen nicht kriegen kann, warten mindestens schon zwei andere – lassen sich Fiordiligi und Dorabella endlich auf das Drängen der beiden fremden Herren ein. Amors Verführung und Verdammnis liegen dicht beieinander. Und das ist dann eigentlich auch der Beginn der wahren Gefühlsverwirrungen, die hier noch dadurch gesteigert werden sollen, dass Guglielmo und Ferrando nicht mehr mit Bärten verunstaltet sind, sondern in ihrer wahren Gestalt auftreten. Und so reißt es in wildem Partnertausch erst die mit Herzgeschenk willig gemachte Dorabella mit Guglielmo in den Garten und die arme Fiordiligi zwischen Herzenslust- und kälte, Kamin und Kühlschrank hin und her.

Così fan tutte - v.l.n.r.: William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi), Juan Francisco Gatell (Ferrando), Paola Gardina (Dorabella), Kerstin Avemo (Despina) Foto: Javier del Real / Teatro Real

Così fan tutte – v.l.n.r.: William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi), Juan Francisco Gatell (Ferrando), Paola Gardina (Dorabella), Kerstin Avemo (Despina)
Foto: Javier del Real / Teatro Real

Herzzerreißend singt dann auch Anett Fritsch ihre Arie von Treulosigkeit und Verrat und will ganz liebende Seele ihrem Guglielmo in den Krieg folgen. Doppeltreffer triumphiert hier schon Ferrando und ist baff, als er vom Treuebruch seiner Dorabella erfährt, bis ihm schließlich sogar noch Fiordiligi ihre Liebe gesteht. Das gibt zunächst eifersüchtiges Gerangel, doch Strippenzieher Don Alfonsos kann die beiden Herren noch zu einer gekreuzten Doppelhochzeit mit Ehevertrag überreden. Sehr glücklich sieht hier aber keiner aus, und nach der Auflösung des ganzen Schwindels durch die Männer flieht die Hochzeitgesellschaft; es gibt ein paar Tränen der Damen und eine Ohrfeigenaustausch zwischen den beiden Intrigeneinfädlern Don Alfonso und Despina, die sich ebenso betrogen fühlt wie der zynische Don Alfonso um sein Geld. Das Ganze endet in einem Gezerre der Protagonisten an der Rampe, von heiterem Sinn und Gelassenheit keine Spur.

Michael Hanekes Interesse gilt dann auch eher der Verbissenheit der Paare, sich gegenseitig zu misstrauen, zu bezichtigen und schließlich zu demütigen. Den Tiefenforscher menschlicher Psyche quälen diese Fragen nach dem Warum mehr als die Lust am Maskenspiel. Das schlägt sich auch in der Musik nieder, die bisweilen etwas tragend daherkommt. Gewollte Brüche und Pausen zwischen den Arien sollen wohl zum Nachdenken anregen. Das ist sicher auch richtig, stehen doch die Frauen wieder als die Ungetreuen dar, obwohl sie doch auch die Betrogenen sind. Mehr Modernität ist dann allerdings mit Hanekes sparsamer szenischer Einrichtung nicht zu machen. Was wiederum Raum für die überzeugende Darstellung und Sangeskraft der Interpreten gibt. Großer Jubel für sie und auch für das Orchester und das Produktionsteam um Michael Haneke.

Herzlicher Premieren applaus für das Produktionsteam um Michael Haneke - Foto: St. B.

Herzlicher Premieren applaus für das Produktionsteam um Michael Haneke – Foto: St. B.

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Così fan tutte

Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto von Lorenzo Da Ponte

Premiere am 02.06.2014 im Theater an der Wien

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling
Inszenierung Michael Haneke
Bühne Christoph Kanter
Kostüme Moidele Bickel
Mitarbeit Kostüme Dorothée Uhrmacher
Licht Urs Schönebaum
Chorleitung Andrés Máspero

Fiordiligi Anett Fritsch
Dorabella Paola Gardina
Guglielmo Andreas Wolf
Ferrando Juan Francisco Gatell
Despina Kerstin Avemo
Don Alfonso William Shimell

Cembalo Eugène Michelangeli
Orchester Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Chor Coro Titular del Teatro Real

Produktion Teatro Real, Madrid
Koproduktion De Munt / La Monnaie, Brüssel

Dauer: 3 Std. 45 Min., 1 Pause

Spieltage:

  • Mo 02.06.14 19:00 Uhr
  • Mi 04.06.14 19:00 Uhr
  • Do 05.06.14 19:00 Uhr

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/cosi-fan-tutte/

Zuerst erschienen am 04.06.2014 auf Kultura-Extra.

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A Ballad „For the Disconnected Child“ – Falk Richter versucht in einer multimedialen Inszenierung an der Schaubühne das Publikum mit neuer experimenteller Musik und altbekannten zwischenmenschlichen Problemen zu infizieren.

Mittwoch, Juni 19th, 2013

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Irgendwann gegen Ende dieses bis dahin recht anschlussfähigen fast dreistündigen Abends dreht die Schaubühnendarstellerin Luise Wolfram als daheimgebliebene Ehefrau eines sich im fernen Japan mit thailändischen Prostituierten tröstenden GIs einfach durch und beginnt Zeilen aus dem bekannten Song „The Ballad of Lucy Jordan“ von Marianne Faithfull ins anschlussgestörte Skypephone zu schreien: „Und wie soll ich meinen Tag rumkriegen? Stundenlang das Haus putzen, oder die Blumen neu arrangieren oder nackt durch die Stadt rennen und brüllen.“ Zumindest das Brüllen kommt schon mal ganz befreiend rüber.

Bis dahin war man eher in den üblichen Beziehungsmühlenartigen Bewusstseinsspiralen des Autors und seiner zumeist weiblichen, immer am Rande des Nervenzusammenbruchs befindlichen Protagonisten gefangen. Dann greift der isländische Musiker Helgi Hrafn Jónsson zur Gitarre und die bulgarische Opernsängerin Borjana Mateewa setzt mit dem besagten Song von Marianne Faithfull zum ersten wirklich mitreißenden Höhepunkt des Abends an. „Infektion!“ heißt das Festival, dass die Berliner Staatsoper jährlich neuer experimenteller Musik widmet. Und es beschert der Schaubühne die Heimkehr eines verlorenen Sohnes. Falk Richter, seit zwei Jahren am Düsseldorf Schauspielhaus, ist mit der Inszenierung „For the Disconnected Child“ an seine langjährige Berliner Wirkungsstätte zurückgekehrt.

"For the Disconnected Child" - Ein Multimediaprojekt von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. Foto: St. B.

„For the Disconnected Child“
Ein Multimediaprojekt von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. – Foto: St. B.

Wenn nichts mehr geht, geht’s mit Musik.

Man weiß an der Schaubühne, dass der Autor und Regisseur ein Händchen für die Verbindung von Sprache mit Musik und Tanz hat. Daher sollte Falk Richters spartenübergreifende Produktion  wohl auch der krönende Abschluss einer an Höhepunkten eher armen Jubiläumssaison sein. An keinem Theater der Stadt wurde in dieser Spielzeit so oft zur Gitarre gegriffen, wie an der ihr 50jähriges Bestehen feiernden Berliner Schaubühne. Friederike Heller inszenierte zum Spielzeitauftakt etwas zu launig das Waits/Burroughs-Musical „Black Rider“, Lars Eidinger stellt zu Shakespeares „Romeo und Julia“ eine knallige Rockband auf die Bühne und Patrick Wengenroth ließ an seinem Fassbinderabend „Angst essen Deutschland auf“ munter Schlager trällern.

Selbst der Hausherr Thomas Ostermeier konnte es sich nicht verkneifen, eine musikalische Version von Thomas Manns homoerotischer Novelle „Der Tod in Venedig“ mit dem Ausnahmeschauspieler Sepp Bierbichler in der Hauptrolle des alternden Schriftstellers Aschenbach zu wagen. Die wehmütig brüchige Sangesstimme von Bierbichler zu Gustav Mahlers Kinder-Totenliedern wurde aber schließlich in einem atonalen Krachgewitter mit schwarzem Ascheregen hinweggefegt. Ein eher hoffnungsloses Unterfangen, so dem normalen Stadttheatergänger experimentelle Musik näher zu bringen. Da war der Versuch einer Hipster-Hausband in Ostermeiers Ibsens-Vergegenwärtigung „Ein Volksfeind“ wenigstens noch unterhaltsam und in jedem Falle massenkompatibel.

Man hatte sich an der Schaubühne wohl gedacht, mit Musik geht’s einfach besser. Oder besser noch, wenn nichts mehr geht, geht’s mit Musik. Dass dem oft nicht so ist, haben auch andere Theater bitter erfahren müssen. Im Staatsschauspiel Dresden stand Hamlet als wütender, Pop- und Rockballaden singender Bandleader auf der Bühne und am Deutschen Theater Berlin schreckte man selbst vor einer 20er-Jahre-Inflationsrevue nach Falladas „Wolf unter Wölfen“ nicht zurück. Beides unter der Leitung des ewigen Regietalents Roger Vontobel. Die Schaubühne steht also nicht ganz allein im Chorus der in der Musik ihr Heil suchenden Sprechtheater. Und da war der Autor/Regisseur Falk Richter bisher durchaus ein Garant für das ästhetische Crossover von Musik, Tanz und Texten mit gesellschaftskritischem Tiefgang, wie seine letzten Arbeiten mit der Choreografin Anouk van Dijk beweisen, die auch immer noch im Programm der Schaubühne zu finden sind.

Wo „Trust“ oder „Protect Me“ noch mehr einem ungezwungenen Work in Progress mit textlich weit ausschweifenden Gedankenexperimenten Richters glichen, in den sich die Tänzer und Musiker ästhetisch gleichberechtigt mit einbringen konnten, zeichnet der Autor für das Multimediawerk „For the Disconnected Child“ nun erstmals allein verantwortlich. Er hat die Texte geschrieben, choreographiert und führt die Regie. Nur die Musik wird ihm von gleich sieben Komponisten beigesteuert. Der Videokünstler Chris Kondek liefert die passenden stimmungsvollen Bilder dazu. Neben Mitgliedern der Staatskapelle Berlin stehen drei Tänzer und drei Opernsänger mit auf der Bühne. Richters Texte verteilen sich auf die Schaubühnendarsteller Ursina Lardi, Luise Wolfram, Franz Hartwig, Stefan Stern und Tilman Strauß.

Das Ensemble von "For the Disconnected Child" beim Premierenapplaus - Foto: St. B.

Das Ensemble von „For the Disconnected Child“ beim Premierenapplaus – Foto: St. B.

Soft Skills and Targets

Und er hat, wie eingangs schon erwähnt, den begnadeten Musiker Helgi Hrafn Jónsson, der nach einer kleinen Ouvertüre der Staatskapelle sofort zur besagten Gitarre greift und mit dem Solo „Soft Targets“ und seiner sanft androgynen Stimme den Reigen der im Programmzettel aufgelisteten Kompositionen eröffnet. Ziel der dann folgenden Texte, die teils zur Musik performt werden oder sich zwischen die einzelnen Stücke pressen, sind die Probleme des hochgezüchteten, in seiner Arbeitswelt funktionierenden Städters bei zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Jargon von Personalagenturen auch als „Soft Skills“ bezeichnet werden. Tiefergehende soziale Kompetenzen gehen den meisten Figuren in Falk Richters Kurzepisoden nämlich im Großen und Ganzen ab.

Da sitzt dann z.B. ein Paar (Luise Wolfram und Stefan Stern) unter den Mitgliedern der Kapelle und unterhält sich über Liebe und echte Nähe. Ein angestrengter Diskurs, den letztendlich beide als zu abstrakt aufgeben. Oder Stefan Stern spricht in einem depressiven Solo über die Ängste eines Menschen und dem Riss zwischen ihm und der Welt. Den Begriff Disconnected hat sich Richter aus der Psychologie entlehnt. Es geht um zwischenmenschliche Verbindungsprobleme oder Störungen von Menschen zu ihrer Umwelt. Störungen, die bereits bei Kindern auftreten, die, ganz in ihrer eigenen Welt, unfähig sind, vertrauensvolle Beziehungen überhaupt erst aufzubauen.

Als weiteres Beispiel erleben wir die Fernbeziehung einer vierzigjährigen, alleinstehenden Frau (Ursina Lardi) mit zwei Kindern und ihrer Mutter (Die Sängerin Borjana Mateewa), die im kalten, verschneiten Japan sitzt und als Ersatzsängerin auf ihren Auftritt als Amme in Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ wartet, während sie zu ihrer einsamen Tochter Kontakt via Skype aufzunehmen versucht. Eine Verbindung, die aber im doppelten Wortsinn ständig gestört ist. „Was man erst kaum ertragen kann, wie schnell gewöhnt man sich daran.“ ist dann auch die nicht besonders tröstliche Feststellung der Mutter und Text der Amme aus dem Opernlibretto.

Eugen Onegin als Missing Link zur heutigen Welt der Singles.

Die Oper „Eugen Onegin“ ist dann auch der Aufhänger, um Theater, Oper und reale Welt miteinander zu verknüpfen. Eine Idee, die nahe liegt, aber auch etwas überstrapaziert wirkt. Der unnahbare Held Onegin, der der offenherzigen Liebeserklärung der jungen Gutstochter Tatjana ausweichend begegnet, um sich alle Möglichkeiten offen zu halten, als erster Egoshooter und Missing Link zur heutigen Welt der Singles. Maraike Schröter und Gyula Orendt singen einige Passagen der Oper im Duett. Ursina Lardi gibt nun die Assessment-Trainerin Tatjana Winter als heutiges Äquivalent der verschmähten Geliebten, die einerseits Managern bei der Optimierung ihrer Soft Skills, wie etwa „Stresstoleranz“ oder „emotionale Kompetenz“ beraten soll, anderseits aber selbst in Beziehungsfragen ständig scheitert. Ein junger schnöseliger Mitarbeiter (Franz Hartwig) der Partnervermittlung eDarling lässt sie später unverblümt ihre Schwervermittelbarkeit beim Optimierungsversuch ihres eigenen Profils spüren.

Und so geht es im Grunde genommen bis zur Pause weiter nur um diese Unmöglichkeit der Beziehungsaufnahme, den Unterschied von emotionaler Ausprägung bei Männern und Frauen sowie deren allgemeiner Verfasstheit im Weiteren. Frauen flehen, heulen, klagen und Männer winden sich in Ausreden, versuchen Peinlichkeiten aus dem Weg zu gehen oder sind eifersüchtig. „Hör auf zu weinen!“ herrscht Tilman Strauß am Telefon und Maraike Schröters Sopran wimmert dazu am anderen Ende. Franz Hartwig wiederum macht seiner auf facebook sehr aktiven Freundin eine Eifersuchtsszene. Aus dem Besuch von Konzerten experimenteller Musik zur Erweiterung des intellektuellen Spektrums oder einer gemeinsamen Affinität zur Oper entsteht nicht zwangsläufig auch eine Liebesbeziehung. „Toll, dass Du so ehrlich bist. Wir sollten mal wieder SMSen, alles so stressig zurzeit.“ Und Tschüss.

Das Produktionsteam von "For the Disconnected Child" um deb Autor und Regisseur Falk Richter (vorne rechts) - Foto: St. B.

Das Produktionsteam von „For the Disconnected Child“ um den Autor und Regisseur Falk Richter (vordere Reihe rechts) – Foto: St. B.

Redundante Permanentlaberei versus Traurige Reflexionen der Einsamkeit

Die emotionalen Verstörungen der Figuren auf der Bühne versuchen die Tänzer in Anziehung und Abstoßung zu übersetzen. Sie winden sich dabei oder stürzen von der Treppe des zweigeschossigen, loftartigen Bühnenaufbaus. Schließlich endet alles in einer gemeinschaftlich schrägen Klangübermalung des Schubertliedes „Gute Nacht“ aus der „Winterreise“. Hörgewohnheiten werden dabei aber nicht gerade radikal über den Haufen geworfen. Was an musikalischer Experimentalität im ersten Teil des Abends nicht eingelöst werden kann, steckt Richter dann in den etwas dichteren aber insgesamt auch düsteren zweiten Teil. Die redundante Permanentlaberei wird nun durch fast schon lyrische Texte abgelöst. Traurige Reflexionen der Einsamkeit und Soli für die überzeugend agierende Ursina Lardi, deren Tatjana erschöpft auf der „Insel der ungebrauchten, ungeliebten Körper“ angekommen ist. Man befindet sich mental in Auflösung, nebulös wandern Möbel oder fährt das Auto ohne einen ins Büro. „The world is so loud sometimes“ heißt es im letzten Klaviersolo von Helgi Hrafn Jónsson. Dem ist nichts mehr hinzufügen.

Nicht durchweg ein gelungenes Experiment, dieser Abend, der erst zum Ende hin musikalisch und ästhetisch etwas abhebt. Falk Richter hat schon wesentlich interessantere Texte geschrieben, und sollte sich wie in „Trust“ oder „Protect Me“ unbedingt wieder einen Partner für die Choreografie suchen. Ansonsten ist alles wie früher an der Schaubühne, nur das wir ein paar graue Haare mehr haben und sich Richter nun an die Mitvierziger im Publikum wendet. Als große Selbstreflexion über die Angst vor der Einsamkeit und die Bindungsunfähigkeit, die Richter anhand des Eugen-Onegin-Stoffs bei seiner Generation festgestellt hat, ist das aber alles ein bisschen dünne. Sein „Disconnected Child“ bewegt sich spielerisch und tänzerisch zwischen ADHD und Autismus. Wie in einem ewigen disconnected mode gefangen. Der Bazillus zur Infektion kann so nicht überspringen.

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Weitere Termine an der Schaubühne:

For the Disconnected Child

  • 20.06.2013, 20.00 Uhr
  • 21.06.2013, 20.00 Uhr
  • 23.06.2013, 20.00 Uhr
  • 25.06.2013, 20.00 Uhr
  • 29.06.2013, 20.00 Uhr
  • 30.06.2013, 20.00 Uhr

Trust

  • 21.08.2013, 20.30 Uhr

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Neues aus Kalau (6)

Dienstag, Januar 8th, 2013

War Richard Wagner etwa doch schizophren?

Wie den Kalauer Illustrierten Tagesblättern (KILT) aus gut informierten Kreisen (dapd/jW) zugetragen wurde, trennt der Dirigent und Wagner-Verehrer Christian Thielemann strikt zwischen der Musik des Komponisten Richard Wagner, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, und dem Autor antisemitischer Schriften wie „Das Judenthum in der Musik“. Thielemann geht sogar soweit gegenüber der B.Z. (Samstagausgabe vom 05.01.13) zu behaupten, der Komponist Wagner und der Antisemit Wagner seien zwei verschiedene Menschen. O-Ton Thielemann: „“Die kennen sich überhaupt nicht!““

Der Generalmusikdirektor der Dresdner Staatskapelle Christian Thielemann hat nämlich soeben ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Mein Leben mit Wagner“ (erschienen bei C.H. Beck). Nun haben wir es also endlich schwarz auf weiß und aus profundem Mund. Wagner war schizophren. Und der zweite Weltkrieg samt Holocaust scheint auch bloß der Irrtum eines musikliebenden Schizos gewesen zu sein, der sich mal eben nur kurz in der Partitur vergriffen hatte.

„“Richard Wagner hat mich mit mir selbst konfrontiert““ bekennt Thielmann in seinem Buch. Leider hat er dabei vergessen zu erwähnen, welchen von den beiden Menschen Wagner er da genau meint. In diesem leichten Fall von Verwirrung plädieren wir natürlich genau wie Thielemann selbst für Toleranz und hoffen auf baldige Rückbesinnung. In Fällen wie diesen soll sich ja z.B. eine Luftveränderung durchaus gedächtnisfördernd auswirken. Da trifft es sich gut, dass Thielemann nach dem Besteigen des Grünen Hügels immer ein besonderes Ritual pflegt. „“Und ich gehe gern vor der allerersten Probe, wenn das Orchester noch nicht da ist, in den Graben und atme den Geruch dort.““ Und wenn das nicht hilft, bläst ihm demnächst ganz bestimmt Henryk M. Broder in einer seiner berühmt-berüchtigten Kolumnen die Nase wieder frei.

S. v. K.

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Eine gespaltene Persönlichkeit? Wagner mit und ohne Kopfbedeckung in einer Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek Wien – Fotos: St. B.

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