Archive for the ‘Richard Wagner’ Category

Zwischen engagierter Polititperformance, müdem Starevent und schrägem Musiktheater – Die Wiener Festwochen 2017

Dienstag, Juni 13th, 2017

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Agora – Ein politisches Mitmach-Projekt zum Thema Demokratie von Robert Misik bei den Wiener Festwochen

Eine Alternative zur Staatsform der Demokratie ist kaum denkbar, trotzdem wird nichts so sehr totgeredet sowie die politischen Aktionäre der etablierten Parteien als elitär und weltfremd verschrien. Der österreichische Journalist und Publizist Robert Misik hat deshalb im Rahmen der Wiener Festwochen 2017 ein Diskurs-Format mit dem Titel Agora ins Leben gerufen und liegt damit genau im Trend der Zeit und auch der neuerdings vorwiegend performativen Ausrichtung der Festwochen unter der Leitung des neuen Intendanten Tomas Zierhofer-Kin.

Misik ist kein Unbekannter im politischen Diskurs. Er ist seit den 1980er Jahren für die verschiedensten Printmedien und in Talkrunden politisch und kritisch in Deutschland und Österreich aktiv. Als großes Thema hat sich Misik die Frage „In was für einer Welt wollen wir leben?“ auf die Agenda seiner Agora geschrieben. Beratend zur Seite stand ihm dabei der Schweizer Recherche-Theatermacher Milo Rau, den er bei dessen 2013 durchgeführten Zürcher Prozessen gegen die rechtsnationale „Weltwoche“ kennengelernt hatte. Fake-News und falsche Statistiken zur Ausländerkriminalität sind noch immer ein Problem, mit dem die etablierte Politik zu kämpfen hat.

Robert Misik in Agora bei den Wiener Festwochen 2017
Foto (c) Luca Fuchs

In einem kabarettistischen Prolog werfen Simon Bauer, Steffen Link und Vassilissa Reznikoff vom Ensemble des Wiener Schauspielhauses einige Schlagworte und bekannte Ressentiments in die Runde. Ein kleiner Wutbürgerchor, der sich über Lügenpresse, Nazivorwürfe und die sogenannte Demokratie der oberen Eliten echauffiert. Das politische Establishment steht in der Kritik und hat mit Trump und Le Pen gefährliche Gegner bekommen, die mit ihren populistischen Ansagen dem Volk eine starke Haltung suggerieren. Allgemeiner Tenor: Das Volk wird nicht gehört. Aber wer ist überhaupt das Volk, und ist es nicht eher eine inhomogene Bevölkerung, von der wir hier sprechen?

Dazu hat Misik die Schauspieler mit Kamera und Mikro auch noch durch die Wiener Einkaufszentren geschickt. Von den Bezirken Favoriten, mit hohem Ausländeranteil, bis Neubau, wo die intellektuellen „Gutmenschen“ sich angeblich das Land schön reden, hat man dem sogenannten Volk aufs Maul geschaut. „In welchem Zustand befindet sich unser Land?“ lässt Misik dann auch fragen. Zum Thema Demokratie gehen da, wie zu erwarten, die Meinungen von „super“ bis „wenig vorhanden“ weit auseinander. Dem in der Agora anwesenden Publikum, das hier nicht nur konsumieren sondern mitgestalten soll, will Misik also einen Diskursraum bieten, den er wie ein Parlament gestaltet. Auf einem Podium sitzen einige geladene Experten, mit dem Psychoanalytiker August Ruhs gibt es einen seriös-gesetzten Präsidenten, und Stefan Petzner, der Ex-BZÖ-Politiker, Ex-PR-Berater und ehemalige „Lebensmensch“ von Jörg Haider darf den smarten Spin-Doctor spielen.

Wer nun aus dem Publikum heraus etwas sagen will, muss zu einer Markierung am Boden gehen und bekommt dann drei Minuten Redezeit an einem Pult in der Mitte des Präsidiums. Geübter Frontalunterricht in Sachen Demokratie also. Dass sich ein solcher Abend nicht im Beliebigen verfängt, braucht es natürlich einen entsprechenden Trigger. Einerseits gibt Misik eine Art Beipackzettel mit Fragen im Programmheft vor, anderseits bringt er in diesem Fall mit dem österreichischen Gewerkschafter Willi Memyi einen Mann vom Fach, der über die Schwierigkeiten einen Betriebsrat zu gründen und die kreative Bauernschläue von Waldviertlern gegen ein geplantes Nazikonzert berichtet. Für den Gewerkschaftsmann besteht gelebte Demokratie vor allem Engagement und Kreativität. Zudem beklagt er die fehlende öffentliche Empörung bei Arbeitgeberwillkür.

 

Agora bei den Wiener Festwochen 2017 – Foto (c) Luca Fuchs

 

Durchaus provokant wirken auch die Einwürfe der geladenen Journalistin und Politaktivistin Livia Klingl. Allerdings hilft das am Anfang nicht viel. Wie fast immer will niemand der Erste sein. Erst nachdem diese Schwelle durchbrochen ist, indem eine Österreicherin die allgemeine Machtlosigkeit moniert und eine deutsche Lehrerin von der Mitbestimmung im Kleinen eines Klassenrats spricht und die Rücknahme politischer Entscheidungen nach Wahlen beklagt, ist unter dem Publikum kaum noch ein Halten. Das führt dann irgendwann sogar dazu, dass Misik sein strenges Redregime etwas aufweicht und sich damit für einige jugendliche Diskursler sogar der Frage stellt, ob nicht schon diese hierarchische Sitzordnung das Problem darstellt, worauf sich das Präsidium ins Parlament auflöst.

Auffallend häufig wird am Abend über Bildung und Bildungssysteme gesprochen, von Wien über Baden-Württemberg bis nach Südtirol. Auch einige Schweizer sind anwesend. Deutschsprachig gesehen ähneln sich die angesprochenen Probleme durchaus, auch wenn am Beispiel selbstherrlicher Landeshauptmänner immer auch etwas österreichlastig bleibt. Allerdings wird die Diskussionsrunde auch nie wirkliche konkret. Die Frage nach der Chancengleichheit und der Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen direkter Demokratie oder außerparlamentarischer Aktionen beherrschen die Redebeiträge aus dem Publikum. Der gleichberechtigte Diskurs auf Augenhöhe scheint da fast wichtiger als die eigentlichen Themen, von denen sich manche sogar überfordert fühlen.

Im Grunde liegt genau in der Verselbständigung des Abends der Reiz wie auch der Fluch der Sache. „Demokratie ist verletzlich“, schreibt Misik auf einen der Zettel, die er fast als einzige Kommentare seinerseits immer wieder in die Kamera vor seinem Platz hält. Das sagt letztendlich mehr als jeder Versuch, das vage Staatsmodel Demokratie schlüssig erklären zu wollen. In einem Prolog der Schauspielabteilung des Wiener Schauspielhauses wird das dann allerdings noch einmal versucht. Aber kann man Demokratie erlernen? Eine Frage, die obsoleter kaum sein kann. Nicht dass es solche Diskussionsrunden am Theater nicht schon gäbe, man denke nur an die Reihen „Streitraum“ oder „Streit ums Politische“ an der Berliner Schaubühne. Allerdings hat dabei kaum jemand versucht, den Ball so direkt ins Publikum zu spielen. Dumm ist das nicht. Misik hat es im Schauspielhaus vorgemacht. Andere Theater werden mit Sicherheit folgen.

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Agora, UA (Schauspielhaus Wien, 31.05.2017)
ein Projekt von Robert Misik
Realisation: Robert Misik
Konzeptionelle Mitarbeit: Milo Rau
Bühne: Michael Zerz
Kostüme: Mirjam Ruschka
Dramaturgie: Tobias Schuster
Regieassistenz: Gabriel Zschache
Coach: August Ruhs, Psychiater und Psychoanalytiker
Spin-Doctor: Stefan Petzner, PR-Berater, ehemals Politiker
Mit: Simon Bauer, Steffen Link, Robert Misik, Vassilissa Reznikoff & Gästen aus Publizistik, Politik und Gesellschaft
Gäste am 31.05.2017:
Input: Willi Mernyi, Bundesgeschäftsführer der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter*innen
Bernhard Damisch, Jugendarbeiter
Can Gülcü, Kulturschaffender und Aktivist
Livia Klingl, Journalistin und Autorin
Eine Produktion des Schauspielhauses Wien in Kooperation mit den Wiener Festwochen
Die Premiere war am 29.05.2017 im Schauspielhaus Wien
Weitere Termine bei den Festwochen noch bis 14.06.2017

Weitere Infos unter: http://www.schauspielhaus.at/

Zuerst erschienen am 02.06.2017 auf Kultura-Extra.

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Obsession – Ivo van Hoves Visconti-Adaption mit dem britischen Hollywoodstar Jude Law kann auf den Wiener Festwochen künstlerisch wenig überzeugen

Viel namenlose Performance gegen einen Film- und Bühnenstar in einer der wenigen konventionellen Sprechtheaterinszenierungen bei den Wiener Festwochen. Da enttäuscht es doch etwas, wenn gerade die mit dem britischen Schauspieler Jude Law auftrumpfende und der Toneelgroep Amsterdam sowie dem Londoner Barbican Theatre koproduzierte Inszenierung Obsession in der Regie des auch in Deutschland nicht ganz unbekannten Holländers Ivo van Hove die künstlerischen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Das lag sicher nicht am durchaus bühnenerprobten Hollywoodstar, zeigt aber, dass der Einsatz von Publikumsmagneten noch kein Garant für gutes Theater ist, auch wenn es die Zuschauer zuhauf in die Aufführungen im Wiener Museumsquartier zog.

 

Obsession bei den Wiener Festwochen 2017
Foto (c) Jan Versweyveld

 

Der Roman The Postman Always Rings Twice (Wenn der Postmann zweimal klingelt), 1934 vom US-amerikanischen Krimiautor James M. Cain geschrieben, ist mehrfach für das Kino adaptiert worden. Ivo van Hove hat sich für seine Bühnenfassung das Regiedebüt des italienischen Regisseurs Luchino Visconti ausgesucht. Ossessione (Besessenheit) weicht am weitesten vom Krimiplot Cains ab und verlegt die Handlung ins faschistische Italien des Jahres 1942. Der Film wird daher auch als die Geburtsstunde des italienischen Neorealismus bezeichnet. Diesen Realismus gibt Ivo van Hove zu Gunsten eines unbestimmten, sterilen Bühnensettings auf. Nicht die zeitliche oder gesellschaftliche Verortung ist für den Regisseur interessant, sondern die rein zwischenmenschlichen Gefühle, die er für falsch und kalt hält, wie die leere, mit grauen Wänden umrahmte Bühne von Jan Versweyveld.

Zu Beginn steht Gijs Scholten van Aschat als älterer Werkstattbesitzer Joseph an einem vom Schnürboden hängenden Motor und bastelt daran herum, während Halina Reijn als seine junge Frau Hanna von einem Tresen aus zusieht. Jud Law als Landstreicher Gino spielt im Hintergrund Mundharmonika und später im Unterhemd mit seinen Muskeln, wenn er den Motor und die Wasserpumpe des kurz abwesenden Hausherrn repariert. Ein Blick zu Hanna reicht, und es knistert hörbar. Die Leidenschaft scheint sofort entfacht. Der Sex wirkt etwas ungelenk wie das prompte Versprechen der Liebe, das Gino Hanna gibt. Viele der Szenen erscheinen, kaum richtig ausagiert, wie Stückwerk.

 

Obsession bei den Wiener Festwochen 2017
Foto (c) Jan Versweyveld

 

Aus den 140 Minuten Viscontis destilliert van Hove straffe 100 Minuten, die zwar alle Szenen von Ossessione streifen, aber die italienische Hitze der Leidenschaften außen vor lassen. Einzig die Arie „Di Provenza il mare, il suol“ des Germont aus der Verdi-Oper La traviata, die der betrogene Ehemann Joseph singt, bevor der übergriffige Macho von den beiden Liebenden ermordet wird, steht noch dafür. „Dio m’esaudì!“ singt der Sterbende unter dem Gebrüll des großen Motors, der wie ein Deus ex Machina vom Bühnenhimmel schwebt und sein Öl über die Leiber der miteinander Ringenden versprüht. Ein Konglomerat aus verschiedensten Leidenschaften. Die Maschinerie läuft aber nicht nur gut geölt. Motor wie Handlung stocken nun ein ums andere mal. Zweifel nagen an den sich nach Leidenschaft Verzehrenden. Sie finden kaum noch die richtigen Worte und fliehen einander.

Dazu stellt sich Gino immer wieder auf ein Stück Laufband und rennt auf der Stelle. Ein Entrinnen scheint unmöglich, ebenso wie die Erfüllung des Versprechens nach Liebe und Freiheit. Van Hoves Inszenierung wird nun immer operettenhafter. Nun darf auch Halina Reijn singen und dabei etwas unvermittelt Müll über die Bühne verteilen. Sie lieben und sie schlagen sich. Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Dazu kommt der Einsatz von Nebendarstellern, die wie zufällige Sidekicks am Bühnenrand sitzen oder plötzlich von der Seite her in die Szene schlendern. Zum Beispiel wirkt Chukwudi Iwuji, der neben dem Priester auch noch den Inspektor gibt, der dem Paar auf der Spur ist, wie Columbo, der in seinen Filmen auch immer wieder unversehens im Trenchcoat auftauchte. Zum Schluss wird es dann sogar noch ziemlich kitschig, wenn Ginos Sehnsuchtsort Meer auf einer hochgeklappten Videoleinwand flimmert und die Wellen dazu rauschen. Na ja.

 

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Obsession (03.06.2017, Halle E im MuseumsQuartier)
nach dem Film Ossessione von Luchino Visconti
Regie: Ivo van Hove
Text, Dramaturgie: Jan Peter Gerrits
Bühne und Lichtdesign: Jan Versweyveld
Video: Tal Yarden
Kompositionen: Eric Sleichim
Sound Design: Tom Gibbons
Kostüme: An d‘Huys
Mit: Jude Law, Robert de Hoog, Halina Reijn, Gijs Scholten van Aschat, Chukwudi Iwuji, Aysha Kala
Produktion: Toneelgroep Amsterdam, Barbican Theatre Productions Limited
Eine Auftragsarbeit von Barbican Theatre Productions Limited
gemeinsam mit Wiener Festwochen und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg
Koproduktion: Holland Festival und David Binder Productions
Private Producers: Harry und Marijke van den Bergh, Joachim Fleury, Joost und Marcelle Kuiper
Supported by the Embassy of the Kingdom of the Netherlands

Zuerst erschienen am 06.06.2017 auf Kultura-Extra.

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Mondbasis an Alpha: Der will doch nur spielen – Jonathan Meese inszeniert bei den Wiener Festwochen seinen MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ) im Theater an der Wien

Ein weiteres Großevent bei den diesjährigen Wiener Festwochen war mit Sicherheit der nachgeholte Parsifal-Streich des in Bayreuth als Regisseur des Wagner’schen Bühneweihfestspiels geschassten Jonathan Meese. Das aus der bildenden Kunst kommende Hamburger Entfant terrible hat seine vom Bayreuther Wagnerclan aus finanziellen Gründen verhinderten Pläne nun in einer Koproduktion der Wiener Festwochen mit den Berliner Festspielen verwirklicht. Dafür hat der Komponist Bernhard Lang Wagners Libretto überschrieben und eine an Richard Wagner, der Zwöfltonmusik Arnold Schönbergs und modernem Jazz orientierte Vertonung der von Meese jetzt MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ) genannten Oper geschrieben, die nun im Theater an der Wien Premiere feierte.

 

MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)
Foto (c) Jan Bauer, Courtesy by Jonathan Meese

 

Wagners Parsifal haben Meese und Lang als Space Opera in eine unbestimmte Zukunft gebeamt und ein Vexierspiel der musikalischen, kunsttheoretischen und popkulturellen Verweise kreiert. Da steckt neben einer unglaublichen Fülle von Zitaten aus Kunst und Kino doch noch erstaunlich viel Wagner drin. Im 1. Aufzug zeigt Meeses Bühne eine Art Gletscher, auf dem zunächst eine Wagnerfigur mit dem Rücken zum Publikum steht und anmutet wie Caspar David Friedrich’s Wanderer über dem Nebelmeer. Es ließe sich hier aber genauso gut an Nietzsche denken. Letztendlich ist es Magdalena Anna Hofmann, die Darstellerin der Kundry (bei Lang: Cundry), der Meese wie Wagner den Part der ambivalenten Symbolfigur überträgt. Anklägerin der mitleidlosen Gralsgemeinschaft im 1. Aufzug, als Barbarella die Versucherin des reinen Toren Parsifal im 2. Aufzug, und schließlich mutiert sie im 3. Aufzug als geharnischte Herzeleide mit Pfeil und Bogen zu Meeses ERZMUTTER DER K.U.N.S.T.

Parsifal (Parzefool) landet in der Eiswüste der Gralsritter mit einem Raumschiff und pflanzt das Banner der Diktatur der Kunst in den Gletscher. Der Countertenor Daniel Gloger ist der reinkarnierte Sean Connery, der als Zed aus John Boormans 1970er-Jahre-Science-Fiction Zardoz in kurzen roten Lederhosen über die Bühne stiefelt. Tómas Tómassons Amfortas (Amphortas) ist Captain Kirk mit einer rotierenden Spiral-Scheibe als Wunde vor der Brust, und der Gurnemanz (Gurnemantz) von Wolfgang Bankl steigt wie der Yeti aus dem Eisschrank und trägt wie Meese Trainingsanzug. Die Armee der Gralsritter trägt das Eiserne Kreuz. DEMUT steht auf einer Säule, doch hier ist nur Meeses Demut vor dem Meister gemeint. „RICHARD WAGNERZ IST TOTALSTCHEF“ und Meese sein „Schütze Arsch“. Mehr Hintergründe liefert das von Jonathan Meese ausgestaltete Programmheft.

 

MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)
Foto (c) Jan Bauer, Courtesy by Jonathan Meese

 

Zum eingeblendeten Libretto von Bernhard Lang liefert Meese in leuchtend roten Versalien seine Kunst-Kommentare im gewohnten Telegrammstil mit dickem Ausrufezeichen: REALSTKUNST IST DER NOTSCHREI ZUKUNFT! – ENTMACHTET ALLE IDEOLOGIEN! – KUNST IST DER RELIGIONSLOSESTE RAUM! – KUNST IST FEIHEIT! usw. Komponist Lang variiert bestimmte Themen aus Wagners Musik mit elektronischen Klängen, Loops und Saxophoneinlagen, was sicher nicht nur für geübte Wagnerianer gewöhnungsbedürftig sein dürfte. Ebenso dreist wie witzig ist es, zu „Leb wohl du lieber Schwan“ das Lohengrin-Thema anzuspielen. Grandios in Form ist das Klangforum Wien unter der Leitung von Simone Young, und auch die Sangespartien sind durchaus Wagner-würdig. Fans zeitgenössischer Musik werden jedenfalls sicher auf ihre Kosten kommen.

Im 2. Aufzug nach der ersten Pause landet Parsifals Mondfahrt im Reich Klingsors, das mit einem marschierenden Chor flotter Manga-Mädchen und einem Perversling als Klingsor (Clingsore) in einer Mondlandekapsel aufwartet. Martin Winkler ist der 007-Bösewicht Dr. No, der mit Sense im Totenschiff unterwegs ist, sich mit einem Teddybären vergnügt und Kundry zur Verführung Parsifals zwingt. Auch hier dominieren wieder Meeses Zeichen- und Zitateninventar und Slogans wie: UNGOTT GRÜSST DIE K.U.N.S.T.! Es kommt zum High Noon um den Wunderspeer zwischen Parsifal und Klingsor/Kundry. Doch: DIE KUNST ÜBERLEBT ALLE(S)! Der Sieg gehört dem intuitiven Spielkind Parsifal, dem letzten der Mohikaner.

Der 3. Aufzug spielt fast komplett vor einer bühnenbreiten Projektion des Stummfilmklassikers Die Nibelungen von Fritz Lang aus dem Jahr 1924. Das scheint von allen Einfällen Meeses noch der schlüssigste zu sein. Nah an Wagner ist es sowieso. Der Mörder Siegfrieds, Hagen von Tronje, spielt hier in Gestalt von Gurnemanz noch eine Rolle. Dem heiligen Ernst und Pathos um Ehre und Treue der Nibelungen setzen Jonathan Meese und Bernhard Lang (H)ERZBLUT, RADIKALSTLIEBE und den SEHNSUCHTSSTAAT KUNST entgegen. Ein Parsifal in goldener Rüstung steht zu Amfortas‘ „Last Tango“ auf der Bühne. Es folgt das Grande Finale mit einem Gralsritter/Manga-Chor und einem schuhplattlerndem Klingsor in Lederhose. Meese textet final: K.U.N.S.T. RUF MICH AN!!!! Diese Inszenierung hätte in Bayreuth sicher einigen Unmut erzeugt, käme aber an Christoph Schlingensiefs Parsifal nicht heran. Sie ist als Kunstevent auch besser bei den Wiener Festwochen aufgehoben. Die BETA-Version des ganzen Spaßes ist dann im Oktober im Haus der Berliner Festspiele zu sehen.

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MONDPARSIFAL ALPHA 1-8 (ERZMUTTERZ DER ABWEHRZ)
(Uraufführung im Theater an der Wien, 04.06.2017)
Oper von Bernhard Lang nach Richard Wagners „Parsifal“
Musikalische Leitung: Simone Young
Regie, Bühne und Kostüme: Jonathan Meese
Mitarbeit Bühne: Jörg Kiefel
Mitarbeit Kostüme: Jorge Jara
Licht: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Henning Nass
Choreografie: Rosita Steinhauser
Klangregie, Sound Design: Peter Böhm, Florian Bogner
Besetzung:
Amphortas / Amfortas: Tómas Tómasson
Gurnemantz / Gurnemanz: Wolfgang Bankl
Parzefool / Parsifal: Daniel Gloger
Clingsore / Klingsor: Martin Winkler
Cundry / Kundry: Magdalena Anna Hofmann
Erster Gralsritter: Alexander Kaimbacher
Zweiter Gralsritter: Andreas Jankowitsch
Erster Knappe: Johanna von der Deken
Zweiter Knappe: Sven Hjörleifsson
4 Blumenmädchen: Manuela Leonhartsberger, Xiaoyi Xu, Melody Wilson, Marie-Pierre Roy
Klangforum Wien
Arnold Schoenberg Chor
Auftragswerk und Produktion der Wiener Festwochen in Koproduktion mit den Berliner Festspielen/Immersion

Weitere Termine (in Berlin): 15., 16., 18.10.2017

Zuerst erschienen am 09.06.2017 auf Kultura-Extra.

Weitere Infos: http://www.festwochen.at/
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Siegfried/Götterdämmerung – Im zweiten Teil seines Ring-Projekts am Thalia Theater Hamburg mixt Antú Romero Nunes wild Wagners Libretto mit dem Nibelungenlied und Hebbels Trauerspiel Kriemhilds Rache.

Dienstag, Januar 20th, 2015

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Ende Oktober 2014 startete Antú Romero Nunes, der junge Hausregisseur am Thalia Theater Hamburg, sein großes Schauspiel-Projekt Der Ring mit dem ersten Abend, der Richard Wagners Opern Das Rheingold und Die Walküre mit jede Menge Mythenmatsch von der Geburt der Götter über den Bau von Walhall bis zur Geschichte um die Eltern des Helden Siegfried, Siegmund und Sieglinde, bildgewaltig in Szene setzte. Nun hatte mit Siegfried/Götterdämmerung der zweite Teil am Thalia Theater Premiere. Nunes mixt hier wieder Richard Wagnerss Libretto mit dem mittelalterlichen Heldenepos des Nibelungenlieds und Texten aus dem Trauerspiel Die Nibelungen von Friedrich Hebbel.

Der Ring II_Tahlia-Theater HH

Foto: St. B.

Wer den ersten Teil verpasst hat, muss nicht dumm sterben, zu Beginn des Abends tritt Zwerg Alberich auf, den André Szymansky wieder als leicht gebückte Gollum-Figur spielt, zwängt sich einen Frack und dirigiert in einer Art Prolog die Vorgeschichte bis zur Geburt Siegfrieds zu Wagners stabgereimten Libretto. Regisseur Nunes erlaubt sich wieder ein paar Figurenumbesetzungen und Straffungen des Wagner-Stoffs. Der junge Held Siegfried wird hier nicht vom Zwerg Mime aufgezogen, sondern von Alberich selbst. Mit dem „kühnen, dummen Kind“ hat es der Ziehvater allerdings nicht gerade leicht. Das Balg wirft allerlei Dinge auf die Bühne und stürmt dann in der Gestalt Philipp Hochmaiers völlig nackt mit Blondhaarperücke die Bühne. Sein Schwert Nothung schmiedet sich Siegfried auf einem schnell zusammengeschobenen Gestell, das ordentlich Funken sprüht.

Die Bühne ist wie schon im ersten Teil relativ dunkel und leer, bis auf ein paar Plastikbahnen, die den Wald darstellen, in dem Siegfried beim Lindwurm Fafner das Fürchten lernen soll. Der Übermütige wird aber relativ schnell mit dem schläfrigen Ungetüm fertig, das zunächst wieder durch Thomas Niehaus dargestellt wird, dann aber, von einer ganzen Gruppe Schwarzgekleideter geführt, als Art chinesischer Leucht-Drache mit Menschenkopf über die Bühne schwebt. Das bleibt bis zur Pause das einzig starke Bild. Nunes lässt nun durch den Siegfried hetzen, als gelte es den gesamten Ring an einem Abend aufzuführen. Eben noch Fafner erledigt, hört er schon die Vöglein singen, was den arglistigen Alberich als Zweiten aus dem Spiel befördert und ihn weiterhin nur noch als untoten Dirigenten (Wagner gar selbst?) durch die Geschichte geistern lässt.

Dem ordentlich mit Theaterblut bestrichenen Siegfried (das Lindenblatt bekommt er von Alberich hinten angeklatscht) fliegt dann auch schon das Waldvögelein zu, das sich alsbald in die schlafende Walküre Brünnhilde (Marina Galic) selbst verwandelt. Dem jungen Recken ist endlich zum Fürchten, und nach ein paar schüchternen Erkundungen beginnt schon die Vereinigung des schicksalhaften Paars. Man muss schon etwas aufpassen, um bei der sprunghaften Dramaturgie von Nunes nicht den Faden zu verlieren. Denn schon befinden wir uns in Kriemhilds (Cathérine Seifert) Traum, der tatsächlich besagt, sie wäre die Hauptgestalt in einer Oper. Aber Wagner gibt es wieder nur in beiläufig eingespielten Fragmenten. Ansonsten erklingen Popballaden und mythische Sounds.

Zu Beginn der Götterdämmerung am Hof der Gibichungen, der hier eigentlich schon im Burgund von Hebbels Nibelungen liegt, langweilt sich der weichliche König Gunther (Rafael Stachowiak). Er erfährt von Bruder Hagen (finster in Schwarz die schmale Barbara Nüsse) von der unbezwingbaren Brünnhilde, die ihm Siegfried nun gewinnen soll. Als Preis für den Gefallen des Recken wird Schwester Kriemhild ausgelobt. Nunes erlaubt sich hier einen gewagten Stilmix zwischen Wagners hochnotkomischer Alliteration und Hebbels pathetischem Blankvers. Was immer mal mit ein paar Kalauern à la „Hagen möchte jagen“ oder „Gunther, dein Gatte“ aufgelockert wird.

Siegfried/Götterdämmerung am Thalia Theater Hamburg <br/> Foto (C) Armin Smailovic

Siegfried/Götterdämmerung am Thalia Theater Hamburg
Foto (C) Armin Smailovic

Die Zähmung und Entzauberung des wilden, nackten Siegfried und seiner Brünnhilde beginnt mit der Einkleidung in höfische Stoffe und der folgenden Doppelhochzeit. Nachdem der schändliche Betrug aufgedeckt ist, will Brünnhilde natürlich ihre Rache; der Rest ist allgemein bekannt. Es spritzt wieder reichlich Blut. Die pathetische Einäscherung des großen Helden samt Brünnhildes eigener Opferung als Finale der Götterdämmerung könnte bei Wagner wohl nicht schöner sein. Und während das Bühnenfeuer lodert, tritt schon Kriemhild vor und ruft mit Hebbel nach Rache: „Das riet Brunhild, und Hagen hat’s getan!“ Womit wir nach etwa zwei Stunden in die Pause geschickt werden. Das ist bis hierhin nicht nur ordentlich Mythenmatsch, sondern auch ziemlich großer Quatsch. Ein gewaltiger Spaß-Digest aus den Nibelungen-Bearbeitungen zweier sehr eigenwilliger, sich möglichst meidender Künstler, zu denen sich nun noch Regisseur Nunes selbst gesellen möchte.

Und es kommt noch besser: Nach der Pause sitzt das ausgedünnte Personal etwas bedröppelt in der Burg zu Worms und bläst Trübsal. Da taucht Thomas Niehaus als reitender Bote von der Kokosnuss mit roter Narrenkappe auf und stellt sich als eine Art witziger Alleinunterhalter ans Keyboard. Wer schon immer mal mehr über „Âventiure“ und die Geschichte des Nibelungenlieds vom Niederdeutschen über den Schlager bis zur Popmusik wissen wollte, ist hier genau richtig. Der Narr entpuppt sich schließlich als Markgraf Rüdiger und Werber König Etzels (den er dann später auch noch geben muss). Niehaus performt noch einmal das bisherige Geschehen mit viel Verve und Feudel. Irgendwann spielt Kriemhild einfach mit, und neben einem eher lauen „Spätburgunder“ ist der schönste Gag schließlich: „Gunther? Aber der hängt doch am Nagel.“

Das war es dann aber auch mit lustig. Da Gunther nicht auf Hagen hören will („Wir sind im Netz des Todes“), spult sich Kriemhilds Rache wie ein Uhrwerk ab. Es ist noch viel von Verrat, Rache, Tod und dem Gespenst der Nibelungentreue die Rede. Der rosige Knabe Ortlieb (Jerome Fardi) taucht auf und berichtet vom Untergang der Nibelungen, bis er selbst von Hagen gemeuchelt wird. Barbara Nüsse bleibt hier die einzig wirklich diabolische Figur. Man möchte sie einmal in einer echten Inszenierung von Hebbels Nibelungen sehen. Da alles, was ist, nach Wagner auch mal enden muss, geht schließlich der Eiserne Vorhang runter und das gesamte Ensemble spricht nun davor mit Theaterblut aus dem Eimer im Gesicht bis zum bitteren Ende ganz hochdeutsch Verse aus dem Nibelungenlied im Chor. Nach dem gereimten Etzel-Gemetzel macht sich Kriemhild schließlich zurück in ihr Erdbett, aus dem sie sich im Vorspiel des Rheingolds gegraben hatte.

Nunes‘ Intension ist klar: Der Mensch braucht keine Götter mehr, er kann nun höchst selbst Verträge machen und brechen. Wotan und Gefolge sind gestrichen, kein Walhall, das brennt. Der Minne Macht hat auch so versagt. Es herrscht der ewig irdische Kreislauf von Gewalt und Mord. Dass man für diese Erkenntnis unbedingt zwei ganze Abende von insgesamt 7 Stunden braucht, ist allerdings etwas müßig. Es lohnt sich lediglich wegen der außerordentlichen Leistung des Ensembles, das ganz Feuer und Flamme, zumeist begeisternd aufspielt. Die beiden Teile werden nun als Event – da hat man ja schon den 9-Stunden Faust-Marathon am Thalia Theater – ab dem 31. Januar dreimal als NIBELUNGEN! Der ganze Ring an einem Abend komplett zu sehen sein. Da wird sich die Qualität der Inszenierung noch am Stück beweisen müssen.

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Philipp Hochmaier über die Nibelungen und seine Rolle als Siegfried – Video auf YouTube (c) Thalia Theater Hamburg

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Der Ring: Siegfried/Götterdämmerung
nach Richard Wagner und Friedrich Hebbel

Regie: Antú Romero Nunes, Ausstattung: Matthias Koch, Licht: Christiane Petschat, Musik: Johannes Hofmann, Musikalische Mitarbeit: Anna Bauer, Choreinstudierung: Joanna Merete Scharrel, Dramaturgie: Sandra Küpper.

Mit: Marina Galic, Philipp Hochmair, Thomas Niehaus, Barbara Nüsse, Cathérine Seifert, Rafael Stachowiak, André Szymanski und Statisterie

Dauer: ca. 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Premiere im Thalia Theater Hamburg vom 17.01.2015

Termine: 18.02., 26.02., 13.03., 14.03. und 09.06.2015

Infos: www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 19.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Die Nibelungen, der Deutschen liebster Mythos, als Beauty Of Revenge nach Hebbel am Berliner Maxim Gorki Theater und als musiklose Stabreimvariante nach Wagner am Thalia Theater Hamburg

Montag, November 3rd, 2014

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Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge. Sebastian Nübling inszeniert am Maxim Gorki Theater Hebbels bürgerliches Trauerspiel als Crashversion mit Benz.

Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Sei es die Opern-Tetralogie Richard Wagners oder das blutrünstige Trauerspiel Friedrich Hebbels, die Nibelungen – nach Heiner Müller der deutscheste aller deutschen Stoffe – lässt neben den Musiktheatern auch die deutsche Sprechtheaterlandschaft nicht zur Ruhe kommen. Stiegen noch im Januar Hebbels Nibelungen am Bonner Theater aus einem dicken BMW – das Auto ist ja bekanntlich der Deutschen liebstes Kind – wagt sich nun im Maxim Gorki Theater Sebastian Nübling als Lenker ans Steuer des blutdampfenden Nibelungenvehikels von Friedrich Hebbel.

Wie man in der Ankündigung zur Inszenierung lesen konnte, wolle der Regisseur mit Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge „die dunkle menschliche Lust“ untersuchen, „unaufhaltsam in die Katastrophe zu rasen“. Dazu benötigt man allerdings auch das passende Gefährt. In Berlin ist es ein ramponierter Mercedes Benz, der auf der Fahrt von Island oder – das Kennzeichen B RD 8914 lässt es erahnen – irgendwann nach der Wende von der Autobahn der deutsch-deutschen Geschichte abgekommen und in die Leitplanke geknallt ist. Jedenfalls schepperte es entsprechend ordentlich aus den Boxen, die danach zum Auftritt einer partygeilen Burgunder-Bande noch ein paar fette Technobeats beisteuern.

Nübling bürstet seine Nibelungen kräftig gegen den Strich. Man könnte auch Stricher, Strizzis oder auf gut Deutsch Zuhälter sagen. Zumindest das Milieu treffen sie in ihrem Auftreten und den prollig goldgestreiften Outfits so im Ungefähren. Im Ungefähren verliert sich die Inszenierung dann aber auch ganz schnell. Nübling nivelliert das große Treue-, Blut- und Rachedrama der Deutschen zu Beginn auf das Niveau einer Kreuzköllner Streetgang herunter. Eine Bande von chauvinistischen Maulhelden (Tim Porath, Aram Tafreshian und Mehmet Ateşçi als Gunther, Gerenot und Giselher), die ihre Schwester an den Fremden (Taner Şahintürk als Siegfried) mit den dicken Dollarhosen verramschen, was Party-Girl Kriemhild (Sesede Terziyan) auch nicht sonderlich stört.

Als Besetzungsclou kommt Till Wonka als bärtige Transe Brunhild daher. Weichei Gunther, der sich ihren Kuss nicht rauben kann, fliegt immer wieder vom Dach des Mercedes, bis ihm Siegfried bei der ersten Nacht im Fond des Wagens behilflich ist. Den Ekel muss er sich mit einer Flasche Wasser abwaschen. Der verhängnisvolle Zickenkrieg zwischen Brunhild und Kriemhild vor dem Dom findet ebenfalls auf dem Autodach statt. Wenn nicht gerade Hebbel-Text gesprochen werden muss, ist auch mal „die Kacke am Dampfen“, oder man(n) faselt vom „Vorsprung durch Technik“. Der Mord Hagens (Dmitrij Schaad als fieser Finsterling) an Siegfried findet bei einer Sado-Maso-Orgie der Männer statt. Danach schwört Hagen die Bande auf sich ein, bevor Kriemhild nochmal ganz als Hebbel’sche Furie Gerechtigkeit und Gericht über Hagen einfordern darf.

„Mein Freund, wir sind auf einem Totenschiff“, sagt der verschlagen dreinblickende Hagen nach der Pause und sitzt dabei wie festgewachsen auf seinem Regie-Klappstuhl. Hebbels tragische Geschichtsauffassung, dass erst etwas komplett untergehen muss, bevor etwas Neues entstehen kann, der Mythos von der unausweichlichen Reise in die Katastrophe, wird hier zum Trip in eine stilisierte Welt aus lauter weißgewandeten Racheengeln. Die Heunen am Hofe Etzels (Nora Abdel-Maksoud) sind das zivilisierte Heute, aufgeklärt, gebildet und sprechen französisch. Wohl das, was König Gunther vorher ironisch mit Weltoffenheit und Neugier bezeichnet hatte. Die besagte Schönheit der Rache ergeht sich in Chorgesang und choreografiertem Säbeltanz. Auch hier Geschwafel von Humboldts Kosmos-Vorlesungen oder Edmund Birke, dem irischen Vordenker des Konservatismus. Eine merkwürdige Art von Ironie. Nübling entsorgt das ganze Deutsche Trauerspiel samt seiner alten Rezeption auf den Schrottplatz der Geschichte und baut ein paar schöne neue Ersatzteile ein.

Der Untergang der Nibelungen im Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Der Untergang der Nibelungen im Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

Für den Dramatiker Heiner Müller war der Deutschen deutschestes Drama auch immer noch deutsche Wirklichkeit. Er hat ihn in einer grotesken Toten-Nummer in sein deutsch-deutsches Geschichtsdrama Germania 3 aufgenommen. Hermann Göring bezeichnete einst die Schlacht um Stalingrad als Nibelungenkampf. Müller sah im sich drehenden Mercedesstern auf dem West-Berliner Europacenter das Zahngold von Auschwitz und anderen Filialen der Deutschen Bank. Das will man heute nicht mehr hören geschweige denn wahr haben. Zumindest im Programmzettel des Gorki-Theaters klingt das am Beispiel der deutschen Autoindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg noch an. Heute ist der Kampfplatz ein Absatzmarkt für deutsche Produkte – und seien es Waffen. Made in Germany, da irrt nämlich die Inszenierung, ist nach wie vor gefragt. Und das ist kein blöder Witz.

Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist also in Gefahr. Zumindest will uns das die einzige zurzeit punktende Alternative für Deutschland weiß machen. Dieses Thema verkleinert Nübling hier auf Gartenzwerggröße. Und der komischste und gleichzeitig tragischste unter ihnen ist ausgerechnet der schwarzblütige Hagen selbst. Dmitrij Schaad fehlt nur noch die schwarze Zipfelmütze zum finsteren Outfit, wenn er mit albernen Durchhalteparolen quer durch die deutsche Geschichte von Goethes „Amboß oder Hammer sein“ über Goebbels Sportpalastrede bis zum Politikerspruch Helmut Schmidts „In der Krise beweist sich der Charakter“ seine schlaffen, sich in den Mercedes zurückziehenden Burgunder wieder auf Linie bringen will.

Ist es bei Müller noch eine schaurig groteske Totenaustreibung, kommt Hagen von Tronje bei Nübling nur noch als lebendes Ausstellungsstück ins Deutsche Historische Museum. Der unvermeidliche Selfi mit Touristen darf nicht fehlen. Das Blut fließt bekanntlich woanders. Nach den Blutorgien von Marius von Mayenburg an der Schaubühne und Michael Thalheimer am Deutschen Theater vor vier Jahren hat Berlin auch weiterhin kein glückliches Händchen mit seinen Nibelungen. Man ist im Theater aber selten so plump und banal von der Seite angemacht worden wie in dieser Inszenierung. Der intellektuelle Zugriff auf den pathetischen Nibelungenstoff Hebbels ist dabei so desaströs platt wie die Reifen einer alten Schrottkarre. Der erste große Flop des Jahres im Theater des Jahres. Einfach nur ärgerlich.

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Der Untergang der Nibelungen – The Beauty Of Revenge
nach Friedrich Hebbel
Premiere am Maxim Gorki Theater: 23.10.2014
Regie: Sebastian Nübling
Bühne und Kostüme: Eva-Maria Bauer
Musik: Lars Wittershagen
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Jens Hillje.
Mit:
Giselher: Mehmet Ateşçi, Etzel: Nora Abdel-Maksoud, Werbel: Cynthia Micas, Gunther: Tim Porath, Siegfried: Taner Şahintürk, Hagen von Tronje: Dimitrij Schaad, Rüdeger: Falilou Seck, Gerenot: Aram Tafreshian, Kriemhild: Sesede Terziyan, Brunhild: Till Wonka, Das Kind: Sarah Böckner / Benita Haacke / Fée Mühlemann / Annika Weitzendorf

Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Weitere Termine: 19. + 28. 11. 2014

Infos: www.gorki.de

Zuerst erschienen am 25.10.2014 auf Kultura-Extra.

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Wagalaweia! Auweia! – Antú Romero Nunes inszeniert am Hamburger Thalia Theater den Ring von Wagner ohne Wagners Musik. / 1. Abend: Rheingold / Walküre

Nach Sebastian Nüblings ziemlich plattgefahrenen Hebbel-Nibelungen am Berliner Maxim Gorki Theater gräbt just eine Woche später das Thalia Theater Hamburg den gesamten Ring des Nibelungen wieder aus. Der talentierte Regie-Tausendsassa Antú Romero Nunes stellt ihn als Sprechvariante nach Richard Wagners Libretto und altväterlichen Sagentexten frech auftrumpfend auf die Bühne an der Alster.

Wagners Ring am Thalia Theater Hamburg - Foto: St. B.

Wagners Ring am Thalia Theater Hamburg – Foto: St. B.

Und tief im Mythendreck vergraben erscheint auch der von Nunes frei auf die Drehbühne hinassozierte Beginn der Inszenierung. Da buddelt sich erst unter Klagelauten Cathérine Seifert in einen aus Blumenerde aufgeschütteten Haufen, um dann den anderen, aus dem Dunkel erscheinenden Zottelwesen ein aus besagtem Dreck gegrabenes Goldbündel zu präsentieren. Dabei geht das Licht immer wieder an und aus, Tag und Nacht als Ablauf der Zeit, in der sich diese Urmenschen langsam aber sicher wegen der goldglänzenden Habe in die Haare bekommen und an die Wäsche gehen. Stanley Kubrick lässt grüßen. In machohaften Machtspielchen und Unterwerfungsszenen mit Gegrunz, Feuerschein und Hammerschlag wird eine Art archaische Welt- und Menschheitsentstehungsphantasie als Vorgeschichte des eigentlichen Dramas um die Gier nach Wollust, Gold und Macht erzählt.

Vor die Macht aber hat Wagner in seinem Ring-Text den Verzicht auf Liebeslust und Minne gesetzt. Und nur dem, der dies beherzigt, kann der aus rotem Gold geschmiedete Reif im Tausch mit der Liebe zu maßloser Macht verhelfen. Um eine neue Welt erschaffen zu können, muss aber der Bann des Besitzes gebrochen und die alte Welt vernichtet werden. Hier paaren sich Sagenstoff und romantische Revolutionsvorstellung verklärend zum mythischen Gesamtkunstwerk Richard Wagner. Die Rückkehr zum angestrebten „Naturzustand“ war für ihn nur durch eine radikale Zerstörung des Staates und seiner Gesetze zu erreichen. Soweit hatte Wagner seinen Bakunin gelesen und in seine Schrift Die Kunst und die Revolution einfließen lassen. Was daraus wurde und was Wagner noch vom freien und „starken, schönen Menschen“ zu berichten wusste, ist in anderen Schriften zu lesen, denen das Thalia Theater weiter keine größere Beachtung schenkt.

Wo Wagner mit seiner radikalen Sehnsucht nach Liebe und Sinnlichkeit eine Überwältigungs-Oper komponiert, macht sich Nunes daran, dieses Pathos mit etwas pantomimischer Parodie aufzubrechen. Und so erzählen sich nun die der Sprache noch nicht Mächtigen auf der Bühne mit Händen und Füßen ihre ersten Heldentaten. Der Urtrieb nach Macht als Mythos bestehend aus Mord und Totschlag. Wobei die anderen gebannt starren, und was nach einer guten halben Stunde bei einer besonders eingängigen Performance von Peter Jordan den ersten Szenenbeifall gibt.

Doch wer ist hier nun eigentlich wer? Genau das ist am Anfang auch das Problem, bis sich nach und nach aus dem wortkarg grunzenden Haufen die ersten Charaktere herausschälen und zu wagalaweiern beginnen und aus dem ersten Wort dann Werk, Weisheit und Wissen entstehen, dass alles was ist, auch endet. Eine der signifikantesten und viel wiederholten Aussagen dieses Abends.

Foto des Thalia-Schaukastens St. B.

Foto des Thalia-Schaukastens St. B.

Wo es bis auf kleine angedeutete Klangzitate an der Musik mangelt, tritt nun von Anbeginn die stabgereimte Wagner’sche Alliteration in den Vordergrund, die bestimmt manch Opernfreund in ihrer Gänze noch nie so blank und bloß vernommen hat. Und obwohl die eigentliche Komödie der Tetralogie mit dem Siegfried ja noch kommt, nutzt Nunes, um seine Ringversion szenisch aufzupeppen, das vielleicht auch ungelenk und unfreiwillig Komische des Textes für eine recht ironische Sicht auf die Story, bei der es ordentlich kiest und kirrt, ohne aber gänzlich in die Klamotte abzurutschen. Das große Gefühlige in Wagners Text und Musik ersetzt der Regisseur mit mal düster dräuenden oder auch elektrisch wummernden Sounds, für die Johannes Hofmann verantwortlich zeichnet.

Die Götter-Personage des Rings hat Nunes etwas eingedampft und arbeitet auch mit Doppelbesetzungen. So heißt Göttin Erda hier Kriemhild (Cathérine Seifert) – bei Wagner zeugt sie mit Alberich den Hagen – und Bärbel Schwarz als Wotans Frau Fricka übernimmt auch die Rolle der vertraglich an den Riesen Fafner verschacherten Freia, was für einige lustige Eheszenen mit dem arg geplagten Wotan (Alexander Simon) sorgt. Das Programmheft gibt hier einen kleinen Abriss der Figuren. Das Who is Who im sagenumwobenen Mythenmatsch. „Wotan Who?“ Genau dazu kann man sich dann noch im Logenrang Die Nibelungen verstehen in drei Fragen – Ein Versuch ansehen.

Obergott Wotan, der sich seine Verträge macht und sie bricht wie es ihm gefällt, ist bei Alexander Simon ein eher windiger Schacherer und Macho, der den tumben Riesen Fafner (Thomas Niehaus) übers Ohr hauen will, aber dazu auf die Hilfe eines Schlaueren angewiesen ist. Als große Kraft- und Körpernummer mit knalliger Musik und mit dem Mund erzeugten Geräuschen baut Niehaus‘ Fafner die Burg Walhall faktisch im Alleingang. Der nächste Szenenapplaus ist ihm damit sicher. Hier glänzt Nunes Einfallsreichtum und sein talentierter Blick für außergewöhnliche Theaterbilder, was er bereits in so manch anderer unkonventionellen Inszenierung auch am Maxim Gorki Theater unter Armin Petras bewiesen hat.

André Szymanski gibt den lüstern lechzenden Alberich als schief gehendes halbglatziges Wesen, das nicht von ungefähr an den Gollum der Tolkin’schen Ring-Saga erinnert, wie sich sicher auch Matthias Koch in Maske und Kostümen von Peter Jacksons Verfilmung der Herr der Ringe-Trilogie oder den endzeitlichen Mad Max-Filmen inspirieren ließ. Alberich verliert hier in einem listigen Frage-Antwort-Spiel um die Mythen der Urwelt seinen Schatz an Wotan und Loge den Listigen, der unter Peter Jordans außerordentlicher Präsenz zur vielleicht interessantesten Gestalt dieser Inszenierung wird.

Dagegen fallen gerade das geschwisterliche Liebespaar Sieglinde (Lisa Hagmeister) und Siegmund (Daniel Lommatzsch) etwas ab, die den noch kommenden Helden Siegfried im Erdbett zeugen. Der finstere Hunding (Thomas Niehaus) bekommt einen Bauch umgeschnallt, wälzt sich sein Gebiet markierend wie ein Köter im Dreck und weist Siegmund, dem verhassten Wölfing, den Platz am Rand der Bühne. Der Kampf ist dann auch wie ein Geheul unter Hunden und Wölfen. Wotans Macht erweist sich hier als eine sehr willkürliche und durch die Eifersucht Frickas geprägte. Die Walküre Brünnhilde zeugt der Gott bei einer Vergewaltigung Kriemhilds (eigentlich Erda). Die Hass-Liebe-Beziehung zu Brünnhilde (Marina Galić) ist ein gezwungen patriarchaler Akt, der immer wieder auch ins Komische abdriftet. Diesen Wotan kann man samt seiner veralberten Schwert- und Walkürenritt-Einlagen nicht wirklich ernst nehmen.

Der Ring am Thalia Theater Hamburg  Foto (c) Armin Smailovic

Der Ring am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Armin Smailovic

Wo mit den Jahren in der Oper immer wieder neu versucht wurde, Wagners Opus Magnum aktuell zu deuten – wie letztens erst Frank Castorf & Aleksandar Denic im neuen Bayreuther Ring mit dessen sich ums schwarze Gold Erdöl drehenden Welterklärung ganz aus kapitalistischer Sicht – geht es Nunes hier eigentlich nur ums mythologisch Märchenhafte der Entstehung von Gier und Macht. Das lenkt dann schon eher von aktuell-politischen Zusammenhängen ab und den Blick des Publikums rein auf das dramatische Schauspiel. Leider hängt Nunes Ring da trotz großartiger Darsteller doch gerade in der zweiten Hälfte etwas schlaff in den Seilen. Und so beschleicht einen hie und da das garstig‘ Gefühl, da fehle noch was (außer der Musik).

Im Januar vollendet sich dann mit dem Siegfried und der Götterdämmerung der Ring des Antú Romero Nunes, der an diesem ersten Abend das Potential der Geschichte wohl noch nicht ganz ausgeschöpft hat. Nach oben wähn‘ ich weidlich Lüfte in neblig‘ Lichten Nibelheims. Was in etwa heißen soll: Da ist noch reichlich Luft nach oben.

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Der Ring: Rheingold/Walküre
nach Richard Wagner und Altvätern
Regie: Antú Romero Nunes
Ausstattung: Matthias Koch
Musik: Johannes Hofmann
Musikalische Mitarbeit: Anna Bauer
Dramaturgie: Sandra Küpper
Mit: Marina Galic, Lisa Hagmeister, Peter Jordan, Daniel Lommatzsch, Thomas Niehaus, Bärbel Schwarz, Cathérine Seifert, Alexander Simon, André Szymanski

Dauer: 3 Stunden, eine Pause

Gesehene Vorstellung: 31.10.14
Premiere im Thalia Theater war am 25.10.14

Weitere Termine: 15. + 16. 11. / 4., 13., 25. 12. 2014 / 14. 1. 2015

Infos: www.thalia-theater.de

Zuerst erschienen am 03.11.2014 auf Kultura-Extra.

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Neues aus Kalau (7)

Mittwoch, August 27th, 2014

Aus der Rubrik Sti(e)l-Blüten:

Made pregnant! – Castorf, he did it again.

Für Vergnügen sorgte kürzlich ein Artikel des Hausmeisters T. Krause in der Welt-läufigen Tageszeitung gleichen Namens. Darin wurde der Intendant der Berliner Volksbühne Frank Castorf stiefmütterlich zum kleinkarierten Vorgartenzwerg der Nation degradiert. Krause hatte sich im Ort und Resort geirrt und fälschlicherweise in Bayreuth den Rasen des Grünen Hügels gemäht. Dabei entdeckte er leider keine Tulpenzwiebeln, geschweige denn das im Programm der Bayreuther Festspiele in Aussicht gestellte Erdöl, sondern nur die Gebeine von Blondie, dem Hund des Führers selig.

Unter seinem Po lehmig, den das Blatt unter der Rubrik „Mein Garten“ abdruckte, beschwerte sich Krause, indem er ein paar pregnante Sätze über die defekte Ring-Rasensprenganlage im Garten des Festspielhauses fallen ließ, er habe sich beim Zusammenfügen der Steck-Bausätze die Finger geklemmt. Der zufällig vorbeikommende Castorf, Regisseur des Bayreuther Rings, erklärte sich auf Anfrage Krauses für nicht zuständig. Woraufhin dieser ihn als einen typischen Fall von beschränkter Kompost-Fixierung betitelte.

Außerdem hieß es, Krause gehe nun mit dem Gedanken schwanger, endlich eine tragende Rolle in der Rasensprengerpresse zu spielen. Aus gut informierten Kreisen war zu erfahren, dass der Ein-Euro-Jobber jetzt in einer von der Arbeitsagentur Hamburg finanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme auf Ressortleiter „Grünstreifen“ beim Buxtehuder Wochenblatt umschult.

Wir versenden von hieraus die besten Genesungswünsche.

Das K.I.L.T.-Team

Auf dem grünen Hügel der Welt. Das Festspielhaus Bayreuth Foto: United States Library of Congress (Wikipedia)

Auf dem Grünen Hügel der Welt. Das Festspielhaus Bayreuth
Foto: United States Library of Congress (Wikipedia)

S. v. K., Kalauer Illustrierte Tagesblätter, 27.08.2014

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Neues aus Kalau (6)

Dienstag, Januar 8th, 2013

War Richard Wagner etwa doch schizophren?

Wie den Kalauer Illustrierten Tagesblättern (KILT) aus gut informierten Kreisen (dapd/jW) zugetragen wurde, trennt der Dirigent und Wagner-Verehrer Christian Thielemann strikt zwischen der Musik des Komponisten Richard Wagner, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, und dem Autor antisemitischer Schriften wie „Das Judenthum in der Musik“. Thielemann geht sogar soweit gegenüber der B.Z. (Samstagausgabe vom 05.01.13) zu behaupten, der Komponist Wagner und der Antisemit Wagner seien zwei verschiedene Menschen. O-Ton Thielemann: „“Die kennen sich überhaupt nicht!““

Der Generalmusikdirektor der Dresdner Staatskapelle Christian Thielemann hat nämlich soeben ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Mein Leben mit Wagner“ (erschienen bei C.H. Beck). Nun haben wir es also endlich schwarz auf weiß und aus profundem Mund. Wagner war schizophren. Und der zweite Weltkrieg samt Holocaust scheint auch bloß der Irrtum eines musikliebenden Schizos gewesen zu sein, der sich mal eben nur kurz in der Partitur vergriffen hatte.

„“Richard Wagner hat mich mit mir selbst konfrontiert““ bekennt Thielmann in seinem Buch. Leider hat er dabei vergessen zu erwähnen, welchen von den beiden Menschen Wagner er da genau meint. In diesem leichten Fall von Verwirrung plädieren wir natürlich genau wie Thielemann selbst für Toleranz und hoffen auf baldige Rückbesinnung. In Fällen wie diesen soll sich ja z.B. eine Luftveränderung durchaus gedächtnisfördernd auswirken. Da trifft es sich gut, dass Thielemann nach dem Besteigen des Grünen Hügels immer ein besonderes Ritual pflegt. „“Und ich gehe gern vor der allerersten Probe, wenn das Orchester noch nicht da ist, in den Graben und atme den Geruch dort.““ Und wenn das nicht hilft, bläst ihm demnächst ganz bestimmt Henryk M. Broder in einer seiner berühmt-berüchtigten Kolumnen die Nase wieder frei.

S. v. K.

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Eine gespaltene Persönlichkeit? Wagner mit und ohne Kopfbedeckung in einer Ausstellung im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek Wien – Fotos: St. B.

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Die Festspielsaison erreicht die heimatlichen Stadttheater – Castorf, Stemann, Schimmelpfennig, Erpulat und Co. in Berlin und Hamburg

Mittwoch, November 2nd, 2011
  • Teil 2

Erst abgezockt, dann abgerockt – Frank Castorf schickt Dostojewskis „Spieler ins abgeranzte Zockerparadies an der Berliner Volksbühne

Nun ist es also amtlich, Frank Castorf wird 2013 den Jubiläums-Ring bei den Wagnerfestspielen in Bayreuth verantworten. Oder sollte man besser sagen, die Verantwortung weit von sich weisend, ins ewige Walhall schicken. Geübt dafür hat er zumindest schon, mit den „Meistersingern“ 2006 an der Berliner Volksbühne. Jetzt darf wohl nur noch spekuliert werden, wer ihm das passende Bühnenbild dazu bauen soll, Pressspanplattenmonteur Bert Neumann oder der Kunstbetriebsberserker vom Dienst Jonathan Meese. Man assoziiert sofort Wotan mit Pickelhaube auf einem Containerschrottplatz oder wallende Walkürengewänder auf einem grünen Hügelgrab aus Pappmaché. Dass das nicht zu Castorfs echtem Grab werde, da seien Richard Wagner und Christoph Schlingensief selig vor. Also Wagner pur wird es mit Sicherheit nicht werden, nur ob die Wagner-Sisters auch Ernst Jüngers „Stahlgewitter“ oder Ernst Tollers „Masse Mensch“ tolerieren, ist wohl eher fraglich. Aber auch einen Schlingensief´schen Fluxus-Ring kann man von Castorf nicht erwarten. Auf jeden Fall dürfte dann schließlich doch die eine oder andere Wehrmachtsuniform oder Stalinbüste im Inszenierungs-Gepäck per Kübelwagen nach Bayreuth unterwegs sein.

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Wagnerbüste in den Giardini und Eingang zum deutschen Biennalepavillion und Schlingensieftempel 2011 in Vendig. Fotos: St.B.

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Der Wotan vom Prenzlauer Berg oder VEB Eisenwaren am Grünen Hügel

Samstag, Juli 23rd, 2011

 wagner_family_1881.jpg Wagnerfamilie mit Freunden 1881 vor der Villa Wahnfried in Bayreuth.
Foto: gemeinfrei unter wikimedia commons

Frank Castorf inszeniert den Ring zum Wagnerjubiläum, ganz wie im Traum

Nachts im Intendantenbüro der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Frank Castorf sitzt an seinem Schreibtisch und liest die Bild-Zeitung. Titel: „Wahnsinn! Castorf, der Wahnfried des Ostens, ist im Gespräch für den Jubiläums-Ring in Bayreuth“.

Castorf: Das wird gigantisch, jetzt zeig ich diesen Spießbürgern auf dem Hügel mal, wo der Wotan seinen Speer hängen hat. Bis zum Anschlag schieb ich denen das Ding in ihren bigotten Bildungsbürgerarsch. Mit Waffen wehrt sich der Mann. Da kippt selbst die Katharina aus ihrem Brünnhildengewand. Und die ganze Familie nehme ich mit nach Bayreuth. Den Wotan macht natürlich der Hübchen, den krieg ich schon irgendwie raus aus seiner brandenburgischen Datsche. Und meine Damenriege erst mal, als Walküren unschlagbar. Wer könnte den Siegfried spielen? Mit blonder Perücke geht vielleicht der Wuttke als Siegfried durch und für den Rest finde ich auch noch ein paar Nazi-Statisten. Das Bühnenbild baut wie immer der Bert. Wir stapeln da einfach ein paar alte Container übereinander und werfen `ne Menge Schrott auf die Bühne, fertig ist das Walhall. Und einen neuen Text braucht die Schmonzette natürlich. Das macht der René, der hat schon den Nietzsche so toll beballert. Ein paar schön sinnlose Diskursschleifen und die Bayreuther Schickeria weiß nicht mehr wo das Walhall liegt. Er nimmt das Textbuch und fängt an zu lesen:
Weia! Waga!
Woge, du Welle!
Walle zur Wiege!
Wagalaweia!
Wallala weiala weia!
Daraus lässt sich doch sicher noch was Politisches machen und den Heiner Müller kriegen wir da auch noch irgendwie rein. Einen Dramaturgen brauche ich natürlich noch. So ein Mist! Alle weg. Der Rosinski macht jetzt bestimmt Störtebeker-Festspiele an der Ostsee. Ob der Matthias Lust hat? Nee, viel zu kommerziell und zu wenig postmigrantisch. Ich rufe den Carl an, der ist ja sozusagen eine Wagner-Koryphäe. Aber der ist ja jetzt beim Baumgarten unter Vertrag. Immer muss der mir alles wegnehmen, erst die Kathrin und dann den Hegemann. Aber die Sophie hält zu mir, die macht die Brünnhilde. Festspielerfahrung als Buhlschaft hat sie auch, und singen kann die, da legen die in Bayreuth die Ohren an. Er springt auf den Tisch und fängt an zu singen:
Nun zäume dein Roß, reisige Maid!
Bald entbrennt brünstiger Streit:
Brünnhilde stürme zum Kampf,
dem Wälsung kiese sie Sieg!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha! Hojotoho! Heiaha!

Das Stalin-Bild an der Wand wackelt bedrohlich.
Dann klingelt das Telefon.

Castorf: Hallo?
Stimme aus dem Telefon: Hallo Frank, hier ist der Christoph.
Castorf: Christoph? Wie jetzt? DER Christoph?
Schlingensief: Ja, Frank, ich bin`s der Christoph, mir ist so fad auf der Wolke und da dachte ich: Ruf doch mal den Frank an. Wie geht’s denn so?
Castorf: Dich schickt der Himmel… Äh, ich meine natürlich: Lustig im Leid sing ich von Liebe; wonnig aus Weh web ich mein Lied: nur Sehnende kennen den Sinn!
Schlingensief: Oh ja, der Wagner. Das hat sich hier schon rumgesprochen. Der alte Richard und vor allem der Wolfgang machen sich so ihre Sorgen. Hast du denn schon einen Plan?
Castorf: Na klar, alles im Griff. Ein Schwert verhieß mir der Vater, ich fand es in höchster Not. Und jetzt schmiede ich eiserne Pläne für Bayreuth. Da wechsele ich erst mal alle Schrauben aus. Da bleibt kein Stein auf dem anderen.
Schlingensief: Frank, denk daran, es ist einsam da oben auf dem Hügel. Ich will dir einen Rat geben. Was du nicht weißt, weiß ich für dich…
Castorf: Ach ja? Das kenne ich schon. Mein Filz, mein Fett, mein Hase. Kannst du den Weg mir weisen, so rede: vermagst du’s nicht, so halte dein Maul!
Schlingensief: Wirr wird mir, seit ich erwacht: wild und kraus kreist die Welt! Drum sieh, wie den Sturm du bestehst: ich Lustiger laß‘ dich nun im Stich! Legt auf.
Castorf: Christoph? Christoooph! Scheiße, der hat mir nicht mal seine Nummer gegeben. Ach, ich weiß doch selbst, wo der Hase lang läuft. Mir braucht keiner mehr die Bilder zu erklären. Zieh hin! Ich kann dich nicht halten!

Der Morgen graut. Die Sekretärin kommt ins Zimmer.

Castorf: Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht! Heil dir, leuchtender Tag!
Sekretärin: Na, wieder das ganze Wochenende durchgearbeitet, kann ich endlich den neuen Spielplan veröffentlichen?
Castorf: Wir brauchen keinen neuen Spielplan mehr, ich geh nach Bayreuth. Der Christoph hat angerufen. Sollen die doch die Volksbühne dem Peymann geben. Hier kommen doch auch nur noch Rentner her. Diese Freizeitrevoluzzer habe ich dicke.
Sekretärin: Geht`s noch? Christoph? Sie wollten doch nicht mehr in alten Zeiten schwelgen. Ich geh dann mal einen starken Kaffee kochen. Wirft eine frische Bild-Zeitung auf den Tisch und geht.
Castorf: Ja, ja, und such mir mal die Nummer von MVS raus, wir brauchen jede Menge Container.
Liest die Zeitung: Überraschung am Grünen Hügel: Frau und Ossi. Das Bayreuther Damendoppel nominiert nun doch eine Doppelquote für den Ring 2013. Nach dem peinlichen Anmelde-Debakel von Peter Schwenkows Wannseefestspielen kommt Katharina Thalbach von Berlin nach Bayreuth. Im Gepäck hat sie eine posthum herausgekommene Ringfassung von Christoph Schlingensief. Aino Laberenz wird für die Kostüme verantwortlich sein und den Wotan gibt aller Voraussicht nach Volker Spengler.
Der Volker! Warum weiß ich da nichts von? Deswegen schwänzt der hier. Haben die mich jetzt alle verraten? Sogar die Aino… Weiber!
Des Hasses Frucht hegt eine Frau, des Neides Kraft kreißt ihr im Schoß: Das Wunder gelang den Liebelosen.
Dann inszeniere ich den Ring eben hier an der Volksbühne, bis 2013 habe ich ja noch Zeit. Vielleicht macht ja auch der Johann Kresnik mit. Den rufe ich jetzt an und dann gibt’s Götterdämmerung und Schweinehälften satt. Der Meese kann die Merkel mit Pickelhaube und Schweißflecken geben und den Herbert lasse ich dann noch den Tristan und die Meistersänger als Klamotte aufführen. Was für eine Gaudi!

Götterdämm’rung, dunkle herauf!
Nacht der Vernichtung, neble herein!
Der alte Sturm, die alte Müh‘!
Doch stand muß ich hier halten!
Des Speeres Splitter fest in der Hand.

Elke!!! Gibt’s noch Kartoffelsalat in der Kantine?

ENDE

Unter Verwendung von Texten aus dem Libretto des Rings von Richard Wagner.

Deutschlandsuche99 Wagner lebte schon vor 12 Jahren an der Volksbühne. Sex im Ring, Christoph Schlingensief bei der Aktion Deuschlandsuche 99.
Foto von Schreibraft unter Creative Commons-Lizenzbei wikimedia commons.

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Jung-Siegfried von nebenan, Martin Schüler bringt uns Wagners „Siegfried“ näher – Der 2. Tag der Ring-Tetralogie am Staatstheater Cottbus

Donnerstag, März 31st, 2011

Seit 2003 (Rheingold) entsteht am Staatstheater Cottbus Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ als semiszenisches Orchesterwerk. Intendant Martin Schüler hat nun nach der „Walküre“ (2008) den zweiten Tag der Tetralogie inszeniert. Mit dem „Siegfried“ war Wagner „…durch die Kraft meiner Sehnsucht auf den Urquell des ewig Reinmenschlichen gelangt…“. Durch seine naive, stürmische Natur ist der junge Held ein idealer Gegenpart zu den nach Macht strebenden und sich gegenseitig beneidenden Nibelungen, dem auf der Macht sitzenden Riesen Fafner und dem in seine Verträge und Gesetze verfangenen Gott und Realpolitiker Wotan. In Wagners Welten-Drama über Neid, Besitzgier und Machtstreben stellt „Siegfried“ mit seiner Erweckung der Walküre Brünnhilde die Seite der Liebe und damit der Erschaffung einer neuen Welt nach dem Untergang der alten dar.
Martin Schüler nimmt Wagner nun wörtlich und versucht uns die Figuren des Rings tatsächlich menschlich näher zu bringen. Dass das Staatstheater keine ideale Bühne für große Wagneropern darstellt, wird dabei nicht zum Manko sondern erweist sich als großes Glück. Das Philharmonische Orchester unter Generalmusikdirektor Evan Christ sitzt wie bereits des öfteren hinter einem Gaze-Vorhang auf der Bühne, davor agieren die Sänger, den Haupt-Szenen der drei Aufzüge gemäß, in einem sparsam von Gundula Martin eingerichteten Bühnenbild. Das lässt einen genauen Blick auf die Protagonisten zu und erleichtert die Verständlichkeit der durchweg guten Stimmen, drängt aber die Musik trotzdem nicht in den Hintergrund. Das hat kammerspielartigen Charakter aber semiszenisch wird es dennoch nie, die Handlung der Oper bleibt im Spiel der Darsteller klar erkennbar.
Der Erste Aufzug zeigt die Schmiede des Nibelungen Mime, der verzweifelt versucht des Schwert Notung zusammen zu schweißen. Uwe Eikötter mit Schweißerbrille hämmert auf dem Amboss in der Mitte der Bühne herum, köchelt erst Spagetti und dann seine Zaubertränke, ansonsten hat er mit dem ungestümen Siegfried zu tun, dargestellt vom Wiener Gasttenor Peter Svensson, der ihn mit Bärenfell erschreckt und an den Amboss bindet. Dieser Siegfried ist die Überraschung der Inszenierung, der blondgelockte Svensson in schwarzer Lederhose und Harnisch gibt ihn als kleines, hüpfendes Kraftpaket, ganz Jung-Siegfried in naiver Reinform. Schüler weckt hier die komödiantische Seite in Wagners Ring-Tragödie. Mime dagegen ist listig, verschlagen und weiß Siegfried für seine Zwecke einzusetzen. Der als Wanderer verkleidete Wotan (Bass-Bariton Nico Wouterse) in Mantel, Hut und Sonnenbrille und natürlich mit seinem Zeichen dem Vertragsspeer, treibt Mime zwar in die Enge und gibt ihm letztendlich doch die Lösung seiner Frage, dass nur einer der die Angst nicht kennt, das Schwert Notung wieder schmieden kann. Unter ordentlich Dampf tut Siegfried das dann auch und beide ziehen zur Neidhöhle des Wurms Fafner, dem versprochenen Abenteuer entgegen. „Notung! Notung! Neidliches Schwert!“ und der Ambos fällt unter dem Hieb Siegfrieds in zwei Stücke.
Im Zweiten Aufzug nach der ersten Pause befinden wir uns dann in einem mit Tannen angedeuteten Wald, der Bühnenhintergrund ist mit Stacheldraht abgezäunt. Hier geht Alberich (Bariton Andreas Jäpel) in Mantel und Schapka auf und ab, das Lager Fafners bewachend und auf den günstigen Augenblick wartend, den Ring wieder zu erlangen. Wotan zerschneidet den Draht und ruft den Wurm Fafner (Ingo Witzke), der aber sitzt müde auf einem Berg Goldbarren hinter dem Orchester. „Ich lieg‘ und besitz‘, laßt mich schlafen!“ Sein Bass ertönt verstärkt durch ein riesiges, offenes Megaphon. Alberich flieht und erst Siegfried vermag den trägen Wurm mit einem kräftigen Hornruf zu wecken. Svensson steht dabei neben Evan Christ und bläht die Backen, bevor er Fafner erlegt und auch der hinterlistige Mime dran glauben muss. Das Waldvögelein ist erst ein sanfter Flötenton und flattert an Fäden hängend über die Bühne, zwei weitere Exemplare sitze in den oberen Seitenlogen. Cornelia Zink, ganz in grün, springt dann mit ihrem hellen Sopran vor Siegfried her und lässt sich von ihm über die Bühne jagen. „So wird mir der Weg gewiesen: wohin du flatterst folg‘ ich dem Flug!“, mit dem Ring dem Brünnhildenfelsen entgegen.
Zu Beginn des Dritten Aufzugs ist die ganze Bühne mit weißem Tuch ausgeschlagen, unter dem einige Möbel zu erahnen sind. Es blitzt und donnert, Wotan erweckt die Göttin Erda (Marlene Lichtenberg, Mezzosopran) die auf einem Sofa ruht, beide in weiß gewandet singen vom Ende der Götterherrschaft. „Laß mich wieder hinab! Schlaf verschließe mein Wissen!“ Erda wird mit dem Tuch in die Tiefe unter der Bühne gezogen. Siegfries taucht nun auf und stellt Wotan. Dieser kann ihn nicht mehr aufhalten, nicht das Schwert zerspringt, sondern der Speer Wotans unter dem Schlag Siegfrieds. „Zieh hin! Ich kann dich nicht halten!“ Die Musik wallt nun auf und Siegfried stürzt davon zum Feuergürtel. Ein schönes Bild geben hier Statistinnen des Theaters, die unter dem Tuch lange Wellenbewegungen ausführen. Nachdem sie ebenfalls wieder im Untergrund verschwunden sind, gibt die Bühne nun den Blick auf schiefe Möbel und einen zerstörten Tresor frei. Die Walküre Brünnhilde (Sabine Paßow, Sopran) hat dort Schild und Harnisch verstaut und sitzt schlafend in einem Sessel. Nun entspinnt sich ihre Erweckung durch Siegfried, der erst unbeholfen immer wieder zurückschreckt, ehe er sie dann endlich wach küsst. „Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht! Heil dir, leuchtender Tag!“ Ein starkes Gesangsduo, das auch nach über 4 Stunden nichts an Kraft vermissen lässt.
Viel Beifall, Blumen und Bravi für die Solisten und das Orchester, aber auch einige Buhs für Martin Schüler, der mit seiner leicht ironischen Art wohl einige Wagnerpuristen vergrätzt hat. Er holt mit seiner Inszenierung Wagners Oper nicht zwanghaft ins Heute, sondern erzählt hier eher ein modernes Märchen für jedermann. Auch etwas unfreiwillige Komik vermag da den Gesamteindruck nicht zu schmälern. Für alle denen Schüler damit Wagner wieder näher gebracht hat, sei gesagt, dass sich 2013 zu Wagners 200. Geburtstag am Staatstheater „Der Ring“ schließt und die „Götterdämmerung“ heraufzieht. Man darf schon gespannt sein, wie sich Martin Schüler dann das brennende Walhall mit dem Untergang der Götter vorstellt.

Video aus rbb-Tipps