Archive for the ‘Staatsoper Berlin’ Category

Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble geben nach über 20 erfolgreichen Jahren ihren Abschied von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Abschiede an Berliner Theatern (Teil 1)

Samstag, November 5th, 2016

___

Es ist das Jahr des großen Abschiednehmens an Berliner Theatern. Neben Claus Peymann am Berliner Ensemble scheidet auch Frank Castorf an der Volksbühne als Intendant aus dem Amt. Ganz verloren gehen wird er den Berliner Theatergängern wohl nicht. Man kann ihn sicher am neuen BE unter Oliver Reese wiedersehen. Verabschieden müssen sich aber auch langjährige Volksbühnenmitstreiter wie Herbert Fritsch, René Pollesch oder Christoph Marthaler. Alle sind sie bereits seit Längerem auch an anderen Theaterhäusern von Hamburg über München und Wien bis nach Zürich unterwegs. Herbert Fritsch wird an der Schaubühne ein neues Berliner Zuhause finden. Noch nichts dergleichen weiß man aber von René Pollesch und Christoph Marthaler.

Christoph Marthaler - (c) Theater der Zeit

Arbeitsbuch Marthaler
(c) Theater der Zeit, 2014

Besonders der Meister der unbegrenzten theatralen Entschleunigung, hat lange Jahre sehr intensiv die Volksbühne künstlerisch geprägt. Wer denkt nicht gern an Inszenierungen wie Horvaths Geschichten aus dem Wiener Wald oder Glaube Liebe Hoffnung zurück, bei der Marthaler mit einer doppelten Elisabeth überraschte. Und davor an ±0 ein subpolares Basislager bei dem er mit einem echten schmelzendem Grönland-Eisberg aufwartete. Ein kleiner eisiger Totentanz der grenzenlosen menschlichen Ignoranz und Extravaganz. Marthaler setzte dem in bewährter Manier provozierender Langsamkeit einige Momente traurig schöner Melancholie entgegen. Schöner scheitern mit Musik – eines der Hauptthemen seiner zeitlos schönen Musiktheaterabende. Ein lang gespielter Klassiker, bleibt sicher unvergessen – der 1993 entstandene Abend Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab! Der Evergreen Danke hat es sogar in die Telefonwarteschleife der Volksbühne geschafft. Marthaler war seit dem auch fast Dauergast auf dem Berliner Theatertreffen.

Fans des Schweizers mit dem Hang zur ironischen Nostalgie konnten 2014 in Berlin gleich doppeltem Genuss frönen. Christoph Marthaler war neben seiner Inszenierung Tessa Blomstedt gibt nicht auf an der Volksbühne auch in der Staatsoper im Schillertheater zu erleben. Sein in Koproduktion mit den Wiener Festwochen entstandener Liederabend Letzte Tage – Ein Vorabend ist im September endlich auch in Berlin angekommen. Es ist dies eine liebevolle Hommage an jüdische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts und ihr fast vergessenes Werk. Sozusagen am Vorabend der 100. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltenbrandes, an dem das Habsburger Kaiserreich nicht unwesentlich beteiligt war, fand die Premiere im Mai 2013 im historischen Sitzungssaal des Alten Wiener Parlament statt. Ein Ort, an dem von 1883 an die österreichische Vielvölkermonarchie ihren Reichstag abhielt und später die Nationalversammlung der ersten Republik bis 1934 tagte.

 

Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne - Foto: St. B.

Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Foto: St. B.

 

Die Sitzreihen des historischen Ortes wurden von Regisseur Marthaler und seinen Akteuren benutzt, das Publikum nahm auf einer Tribüne im Bereich des Präsidiums Platz. In der Staatsoper im Schillertheater saß man nun auf der Bühne, während die Schauspieler und Musiker sich in der Weite des Zuschauerraums fast verloren. Die Dimensionen sind hier doch etwas anders, was der Intensität der Vorstellung zwar kaum Abbruch tat. Aber letztendlich nicht ganz die Wirkung wie im realen Raum des Alten Parlaments in Wien entfaltete, und das nicht nur allein wegen der akustischen Probleme. Das historische Flair konnte man sich zur Not ja dazu denken.

Dass es sich hier um einen historischen Ort handelt, der außer für Touristenführungen heute dem Vergessen anheimgeben ist, trägt Marthaler mit einer Multikulti-Putzfrauenkolonne Rechnung, die zunächst mit großer Akribie die Sitzreihen entstaubt, samt der sich langsam einfindenden Parlamentsabgeordneten. Dann beginnt hier wie da mit einer fiktiven Rede zum 200. Jubiläum der Befreiung der Konzentrationslager, die an einen „Kaiser von Habsburg-Europa“ gerichtet ist. Marthaler lässt hier wieder seine leicht abseitig tiefgründige Ironie aufblitzen, wenn Clemens Sienknecht über die Erklärung des Antisemitismus zum UNESCO-Weltkulturerbe berichtet und auch den Rassismus für selbige Ehrung vorschlägt.

 

Letze Tage - ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

Letze Tage – ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

 

In diesem Stil geht es munter weiter. Marthaler schickt seine Akteure nach bewährtem Muster in Zeitschleifen, lässt sie aus der Zeit fallen oder an der Auserwähltheit ihrer Art leiden. Immer wieder unterbrochen werden die Spielszenen, Monologe und fiktiven Reden durch Musikeinlagen eines kleinen Kammerorchesters namens Wiener Gruppe, die Stücke aus besagtem Werk jüdischer Komponisten intoniert. Die Mezzosopranistin Tora Augestad ist dabei eine Entdeckung.

In Endlosreihe bewegt sich der Trupp durch über die Galerie. Die Musik- und Sangesschleife ebbt mal kurz ab, schwillt wieder an und verliert sich schließlich langsam im weiträumigen Foyer. Eine typische Art von Marthaler, der hier die Verlorenheit und das langsame Vergessen spiegelt. Dabei ist man immer wieder tief beeindruckt von der leichten Regie-Hand des Meisters und der Virtuosität seiner Darsteller, die selbst noch so seichte Liederabende wie Tessa Blomstedt gibt nicht auf, ein Testsiegerportal in die Jahre gekommener, schlagernder Datingportal-Teilnehmer, oder Hallelujah (Ein Reservat) mit nostalgischer Westernmusik für alte DDR-Indianer-Fans erstrahlen lassen.

*

Virtuos ist sicher auch der neue Marthaler-Abend Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter an der Berliner Volksbühne. Man begegnet hier einigen aus der langjährig verquickten Marthaler-Familie wieder. Der Mitte Oktober 65 Jahre alt gewordene Regisseur vereint noch einmal die bekanntesten Gesichter zu einem still verschmitzten Potpourri aus bekannten Melodien und Zitaten aus älteren Inszenierungen. Schon die Bühne seiner treuen, viel gelobten und kopierten Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die ihm immer wieder zeitlos schöne Räume für seine zuweilen recht skurrilen Geschichten geschaffen hat, ist eine reine Kopie der 2000 in Basel entstanden Inszenierung 20th Century Blues. Eine Zeitenwende, wie sie sich nun im nächsten Jahre auch an der Volksbühne Berlin vollziehen wird.

 

bekannte-gesichter-marthaler-in-der-volksbuehne

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter – der letze Marthaler an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

 

Marthaler und Viebrock bauen wieder einen in der Zeit verlorenen Erinnerungsabend in gedeckten Tönen, aber ohne jede larmoyante Wehmut, dafür mit umso mehr verstecktem Witz und Anspielungen auf die kommende Zeit unter dem neuen Intendanten und Museumskurator Chris Dercon, der hier mit keiner Silbe erwähnt werden muss, aber dessen beginnende Ära in der Leere des fensterlosen, museumsartigen Bühnenbaus mit Lichtdecke über dem weiten Innenraum erahnbar ist. Ein Abgesang an das Theater im Allgemeinen und an das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz und seine Spieler, die hier in Umzugskisten durch eine Art Hausmeister im Kittel (Marc Bodnar) hereingeschoben werden und ihre Plätze zugewiesen bekommen, sich aber immer wieder ihrer drohenden Mumifizierung durch Flucht, oder widerständiges Verhalten zu entziehen versuchen. Und der Satz: „Ich hasse diese Wanderausstellungen.“ ist ein kleiner, süffisanter Seitenhieb auf die kommende Intendanz.

Christoph Marthaler borgt sich den Titel seines Abends beim Dramatikers Botho Strauß und dessen Komödie Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle. Ein Hotel in dem drei befreundete Ehepaare leben, wird über die Jahre zum „Museum von Leidenschaften“. Die Gefühle erlöschen im Leistungsdruck und Konkurrenzkampf. Als Utopie bietet das Stück surreale Zauberkünste gegen die Wirklichkeit. Und genau in diesem Sinne ist Marthalers Hommage an die Zauberkunst der Bühne auch zu verstehen. Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang.“ ist ein bekanntes Zitat von Botho Strauß, das das ebenfalls vom Intendanzwechsel betroffene BE auf seiner Website führt. Diese Leere zu füllen, ist Segen und Fluch gleichermaßen und eine der Herausforderungen für Chris Dercon. Denn nicht zuletzt daran wird man ihn messen. Christoph Marthaler schafft es hier mit leichter Hand.

 

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter - Die Marthalerfamilie beim Beifall - Foto: St. B.

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter in der Volksbühne
Die Marthalerfamilie beim Applaus – Foto: St. B.

 

Irm Hermann, ganz die große Diva grüßt galant zur fröhlichen Geisterstunde der Untoten und Jürg Kienberger spielt dazu auf dem Spinett. Auch ein Berg von Decken kann seinen Gesang nicht verstummt lassen. Olivia Grigolli springt gelenk aus einem kleinen Umzugskarton, in dem sie mühelos Platz hat. Hildegard Alex, Tora Augestad, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Altea Garrido, Ueli Jäggi und Ulrich Voß, alle entsteigen sie ihrem Kästchen und beginnen ein wundersames Eigenleben zu führen. Bewegungsclownerien wechseln mit Satzfetzen, chorischem Gesang und kleinen Arien von Tora Augestad. Sophie Rois schaut vorbei und singt französische und italienische Chansons. Benedix Dethleffsen und Jürg Kienberger begleiten auf Klavier und Spinett.

Hier ein leicht melancholisches Ich bin aus tiefem Traum erwacht von Gustav Mahler, dort ein Kyrie Eleison im Chor. Das ist virtuos, zärtlich anrührend, aber nie sentimental. Auch selbstironische Reminiszenzen erklingen mit Wir sind jung, die Welt ist offen oder einem zaghaften Brüder zur Sonne zur Freiheit. „Der Vollmond steigt, der Nebel weicht“, ein letzter Tanz zur Rampe. „Wo waren wir stehengeblieben?“ – Danke…

***

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter (Volksbühne, 05.10.2016)
Eventuell von Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Anna Viebrock
Licht: Johannes Zotz
Ton: Klaus Dobbrick
Dramaturgie: Malte Ubenauf, Stefanie Carp
Mit: Hildegard Alex, Tora Augestad, Marc Bodnar, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Bendix Dethleffsen, Altea Garrido, Olivia Grigolli, Irm Hermann, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Sophie Rois und Ulrich Voß
Spieldauer: 2 Stunden 10 Minuten
Premiere war am 21.09.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Termine: 06.11. und 27.11.

Infos: https://www.volksbuehne-berlin.de/

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

__________

A Ballad „For the Disconnected Child“ – Falk Richter versucht in einer multimedialen Inszenierung an der Schaubühne das Publikum mit neuer experimenteller Musik und altbekannten zwischenmenschlichen Problemen zu infizieren.

Mittwoch, Juni 19th, 2013

___

Irgendwann gegen Ende dieses bis dahin recht anschlussfähigen fast dreistündigen Abends dreht die Schaubühnendarstellerin Luise Wolfram als daheimgebliebene Ehefrau eines sich im fernen Japan mit thailändischen Prostituierten tröstenden GIs einfach durch und beginnt Zeilen aus dem bekannten Song „The Ballad of Lucy Jordan“ von Marianne Faithfull ins anschlussgestörte Skypephone zu schreien: „Und wie soll ich meinen Tag rumkriegen? Stundenlang das Haus putzen, oder die Blumen neu arrangieren oder nackt durch die Stadt rennen und brüllen.“ Zumindest das Brüllen kommt schon mal ganz befreiend rüber.

Bis dahin war man eher in den üblichen Beziehungsmühlenartigen Bewusstseinsspiralen des Autors und seiner zumeist weiblichen, immer am Rande des Nervenzusammenbruchs befindlichen Protagonisten gefangen. Dann greift der isländische Musiker Helgi Hrafn Jónsson zur Gitarre und die bulgarische Opernsängerin Borjana Mateewa setzt mit dem besagten Song von Marianne Faithfull zum ersten wirklich mitreißenden Höhepunkt des Abends an. „Infektion!“ heißt das Festival, dass die Berliner Staatsoper jährlich neuer experimenteller Musik widmet. Und es beschert der Schaubühne die Heimkehr eines verlorenen Sohnes. Falk Richter, seit zwei Jahren am Düsseldorf Schauspielhaus, ist mit der Inszenierung „For the Disconnected Child“ an seine langjährige Berliner Wirkungsstätte zurückgekehrt.

"For the Disconnected Child" - Ein Multimediaprojekt von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. Foto: St. B.

„For the Disconnected Child“
Ein Multimediaprojekt von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. – Foto: St. B.

Wenn nichts mehr geht, geht’s mit Musik.

Man weiß an der Schaubühne, dass der Autor und Regisseur ein Händchen für die Verbindung von Sprache mit Musik und Tanz hat. Daher sollte Falk Richters spartenübergreifende Produktion  wohl auch der krönende Abschluss einer an Höhepunkten eher armen Jubiläumssaison sein. An keinem Theater der Stadt wurde in dieser Spielzeit so oft zur Gitarre gegriffen, wie an der ihr 50jähriges Bestehen feiernden Berliner Schaubühne. Friederike Heller inszenierte zum Spielzeitauftakt etwas zu launig das Waits/Burroughs-Musical „Black Rider“, Lars Eidinger stellt zu Shakespeares „Romeo und Julia“ eine knallige Rockband auf die Bühne und Patrick Wengenroth ließ an seinem Fassbinderabend „Angst essen Deutschland auf“ munter Schlager trällern.

Selbst der Hausherr Thomas Ostermeier konnte es sich nicht verkneifen, eine musikalische Version von Thomas Manns homoerotischer Novelle „Der Tod in Venedig“ mit dem Ausnahmeschauspieler Sepp Bierbichler in der Hauptrolle des alternden Schriftstellers Aschenbach zu wagen. Die wehmütig brüchige Sangesstimme von Bierbichler zu Gustav Mahlers Kinder-Totenliedern wurde aber schließlich in einem atonalen Krachgewitter mit schwarzem Ascheregen hinweggefegt. Ein eher hoffnungsloses Unterfangen, so dem normalen Stadttheatergänger experimentelle Musik näher zu bringen. Da war der Versuch einer Hipster-Hausband in Ostermeiers Ibsens-Vergegenwärtigung „Ein Volksfeind“ wenigstens noch unterhaltsam und in jedem Falle massenkompatibel.

Man hatte sich an der Schaubühne wohl gedacht, mit Musik geht’s einfach besser. Oder besser noch, wenn nichts mehr geht, geht’s mit Musik. Dass dem oft nicht so ist, haben auch andere Theater bitter erfahren müssen. Im Staatsschauspiel Dresden stand Hamlet als wütender, Pop- und Rockballaden singender Bandleader auf der Bühne und am Deutschen Theater Berlin schreckte man selbst vor einer 20er-Jahre-Inflationsrevue nach Falladas „Wolf unter Wölfen“ nicht zurück. Beides unter der Leitung des ewigen Regietalents Roger Vontobel. Die Schaubühne steht also nicht ganz allein im Chorus der in der Musik ihr Heil suchenden Sprechtheater. Und da war der Autor/Regisseur Falk Richter bisher durchaus ein Garant für das ästhetische Crossover von Musik, Tanz und Texten mit gesellschaftskritischem Tiefgang, wie seine letzten Arbeiten mit der Choreografin Anouk van Dijk beweisen, die auch immer noch im Programm der Schaubühne zu finden sind.

Wo „Trust“ oder „Protect Me“ noch mehr einem ungezwungenen Work in Progress mit textlich weit ausschweifenden Gedankenexperimenten Richters glichen, in den sich die Tänzer und Musiker ästhetisch gleichberechtigt mit einbringen konnten, zeichnet der Autor für das Multimediawerk „For the Disconnected Child“ nun erstmals allein verantwortlich. Er hat die Texte geschrieben, choreographiert und führt die Regie. Nur die Musik wird ihm von gleich sieben Komponisten beigesteuert. Der Videokünstler Chris Kondek liefert die passenden stimmungsvollen Bilder dazu. Neben Mitgliedern der Staatskapelle Berlin stehen drei Tänzer und drei Opernsänger mit auf der Bühne. Richters Texte verteilen sich auf die Schaubühnendarsteller Ursina Lardi, Luise Wolfram, Franz Hartwig, Stefan Stern und Tilman Strauß.

Das Ensemble von "For the Disconnected Child" beim Premierenapplaus - Foto: St. B.

Das Ensemble von „For the Disconnected Child“ beim Premierenapplaus – Foto: St. B.

Soft Skills and Targets

Und er hat, wie eingangs schon erwähnt, den begnadeten Musiker Helgi Hrafn Jónsson, der nach einer kleinen Ouvertüre der Staatskapelle sofort zur besagten Gitarre greift und mit dem Solo „Soft Targets“ und seiner sanft androgynen Stimme den Reigen der im Programmzettel aufgelisteten Kompositionen eröffnet. Ziel der dann folgenden Texte, die teils zur Musik performt werden oder sich zwischen die einzelnen Stücke pressen, sind die Probleme des hochgezüchteten, in seiner Arbeitswelt funktionierenden Städters bei zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Jargon von Personalagenturen auch als „Soft Skills“ bezeichnet werden. Tiefergehende soziale Kompetenzen gehen den meisten Figuren in Falk Richters Kurzepisoden nämlich im Großen und Ganzen ab.

Da sitzt dann z.B. ein Paar (Luise Wolfram und Stefan Stern) unter den Mitgliedern der Kapelle und unterhält sich über Liebe und echte Nähe. Ein angestrengter Diskurs, den letztendlich beide als zu abstrakt aufgeben. Oder Stefan Stern spricht in einem depressiven Solo über die Ängste eines Menschen und dem Riss zwischen ihm und der Welt. Den Begriff Disconnected hat sich Richter aus der Psychologie entlehnt. Es geht um zwischenmenschliche Verbindungsprobleme oder Störungen von Menschen zu ihrer Umwelt. Störungen, die bereits bei Kindern auftreten, die, ganz in ihrer eigenen Welt, unfähig sind, vertrauensvolle Beziehungen überhaupt erst aufzubauen.

Als weiteres Beispiel erleben wir die Fernbeziehung einer vierzigjährigen, alleinstehenden Frau (Ursina Lardi) mit zwei Kindern und ihrer Mutter (Die Sängerin Borjana Mateewa), die im kalten, verschneiten Japan sitzt und als Ersatzsängerin auf ihren Auftritt als Amme in Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ wartet, während sie zu ihrer einsamen Tochter Kontakt via Skype aufzunehmen versucht. Eine Verbindung, die aber im doppelten Wortsinn ständig gestört ist. „Was man erst kaum ertragen kann, wie schnell gewöhnt man sich daran.“ ist dann auch die nicht besonders tröstliche Feststellung der Mutter und Text der Amme aus dem Opernlibretto.

Eugen Onegin als Missing Link zur heutigen Welt der Singles.

Die Oper „Eugen Onegin“ ist dann auch der Aufhänger, um Theater, Oper und reale Welt miteinander zu verknüpfen. Eine Idee, die nahe liegt, aber auch etwas überstrapaziert wirkt. Der unnahbare Held Onegin, der der offenherzigen Liebeserklärung der jungen Gutstochter Tatjana ausweichend begegnet, um sich alle Möglichkeiten offen zu halten, als erster Egoshooter und Missing Link zur heutigen Welt der Singles. Maraike Schröter und Gyula Orendt singen einige Passagen der Oper im Duett. Ursina Lardi gibt nun die Assessment-Trainerin Tatjana Winter als heutiges Äquivalent der verschmähten Geliebten, die einerseits Managern bei der Optimierung ihrer Soft Skills, wie etwa „Stresstoleranz“ oder „emotionale Kompetenz“ beraten soll, anderseits aber selbst in Beziehungsfragen ständig scheitert. Ein junger schnöseliger Mitarbeiter (Franz Hartwig) der Partnervermittlung eDarling lässt sie später unverblümt ihre Schwervermittelbarkeit beim Optimierungsversuch ihres eigenen Profils spüren.

Und so geht es im Grunde genommen bis zur Pause weiter nur um diese Unmöglichkeit der Beziehungsaufnahme, den Unterschied von emotionaler Ausprägung bei Männern und Frauen sowie deren allgemeiner Verfasstheit im Weiteren. Frauen flehen, heulen, klagen und Männer winden sich in Ausreden, versuchen Peinlichkeiten aus dem Weg zu gehen oder sind eifersüchtig. „Hör auf zu weinen!“ herrscht Tilman Strauß am Telefon und Maraike Schröters Sopran wimmert dazu am anderen Ende. Franz Hartwig wiederum macht seiner auf facebook sehr aktiven Freundin eine Eifersuchtsszene. Aus dem Besuch von Konzerten experimenteller Musik zur Erweiterung des intellektuellen Spektrums oder einer gemeinsamen Affinität zur Oper entsteht nicht zwangsläufig auch eine Liebesbeziehung. „Toll, dass Du so ehrlich bist. Wir sollten mal wieder SMSen, alles so stressig zurzeit.“ Und Tschüss.

Das Produktionsteam von "For the Disconnected Child" um deb Autor und Regisseur Falk Richter (vorne rechts) - Foto: St. B.

Das Produktionsteam von „For the Disconnected Child“ um den Autor und Regisseur Falk Richter (vordere Reihe rechts) – Foto: St. B.

Redundante Permanentlaberei versus Traurige Reflexionen der Einsamkeit

Die emotionalen Verstörungen der Figuren auf der Bühne versuchen die Tänzer in Anziehung und Abstoßung zu übersetzen. Sie winden sich dabei oder stürzen von der Treppe des zweigeschossigen, loftartigen Bühnenaufbaus. Schließlich endet alles in einer gemeinschaftlich schrägen Klangübermalung des Schubertliedes „Gute Nacht“ aus der „Winterreise“. Hörgewohnheiten werden dabei aber nicht gerade radikal über den Haufen geworfen. Was an musikalischer Experimentalität im ersten Teil des Abends nicht eingelöst werden kann, steckt Richter dann in den etwas dichteren aber insgesamt auch düsteren zweiten Teil. Die redundante Permanentlaberei wird nun durch fast schon lyrische Texte abgelöst. Traurige Reflexionen der Einsamkeit und Soli für die überzeugend agierende Ursina Lardi, deren Tatjana erschöpft auf der „Insel der ungebrauchten, ungeliebten Körper“ angekommen ist. Man befindet sich mental in Auflösung, nebulös wandern Möbel oder fährt das Auto ohne einen ins Büro. „The world is so loud sometimes“ heißt es im letzten Klaviersolo von Helgi Hrafn Jónsson. Dem ist nichts mehr hinzufügen.

Nicht durchweg ein gelungenes Experiment, dieser Abend, der erst zum Ende hin musikalisch und ästhetisch etwas abhebt. Falk Richter hat schon wesentlich interessantere Texte geschrieben, und sollte sich wie in „Trust“ oder „Protect Me“ unbedingt wieder einen Partner für die Choreografie suchen. Ansonsten ist alles wie früher an der Schaubühne, nur das wir ein paar graue Haare mehr haben und sich Richter nun an die Mitvierziger im Publikum wendet. Als große Selbstreflexion über die Angst vor der Einsamkeit und die Bindungsunfähigkeit, die Richter anhand des Eugen-Onegin-Stoffs bei seiner Generation festgestellt hat, ist das aber alles ein bisschen dünne. Sein „Disconnected Child“ bewegt sich spielerisch und tänzerisch zwischen ADHD und Autismus. Wie in einem ewigen disconnected mode gefangen. Der Bazillus zur Infektion kann so nicht überspringen.

***

Weitere Termine an der Schaubühne:

For the Disconnected Child

  • 20.06.2013, 20.00 Uhr
  • 21.06.2013, 20.00 Uhr
  • 23.06.2013, 20.00 Uhr
  • 25.06.2013, 20.00 Uhr
  • 29.06.2013, 20.00 Uhr
  • 30.06.2013, 20.00 Uhr

Trust

  • 21.08.2013, 20.30 Uhr

___________

„Bye Bye Blondie“ nach Virginie Despentes‘ Roman im Ballhaus Ost und „Lehrstück“ nach Brecht/Hindemith in der Werkstatt des Schillertheaters – Zwei moderne Musiktheaterversuche in der Post-Schlingensief-Ära.

Mittwoch, Juni 20th, 2012

„Bye Bye Blondie“ nach dem Roman von Virginie Despentes als neues Musiktheater im Ballhaus Ost – Komposition: Eunsun Lee, Musikalische Leitung / Einstudierung: Lennart Dohms / Arno Waschk, Libretto und Regie: Sophia Simitzis, Ausstattung: Inga Timm, Video: Heta Multanen – Premiere: 16.06.12

blondie_3735c-ncnc-ballhaus-ost.JPG
„Bye Bye Blondie“ mit Ruth Rosenfeld und dem Ensemble Tema.
Foto: (c) ncnc – Ballhaus Ost

Die Romane von Virginie Despentes werden gerne in der EMMA rezensiert und dennoch ist die französische Skandalautorin mit ihren radikalfeministischen Ansichten meilenweit von Alice Schwarzers PorNO-Kampagnen entfernt. Despentes´ meist aus der französischen Unterschicht stammende Protagonistinnen zeichnen sich durch explizit kompromissloses Handeln aus und überschreiten dabei oft die gesellschaftlich anerkannten Grenzen der Moral und des guten Geschmacks. Als Vorbilder Despentes´ gelten auch Autoren wie Charles Bukowski und Michel Houellebecq, nur das sich bei ihr die Frauen sexuell aktiv und selbstbewusst in Szene setzen. Die Verfilmung ihres Buches „Baise-moi – Fick mich“ („Wölfe fangen“, Rowohlt, 2000) fiel sogar der Zensur in Frankreich zum Opfer und durfte eine zeitlang nur noch in Pornokinos gezeigt werden. Dagegen ist ihr 2004 erschienener Roman „Bye Bye Blondie“ (Rowohlt, 2006) fast brav zu nennen.

Auf dem Weg zu ihrer Stammkneipe „Bar Royal“ rennt die mächtig unter Dampf stehende 35jährige Gloria (Blondie) nach einem Streit mit ihrem Freund durch den Regen der Provinzstadt Nancy und unverhofft ihrer alten Liebe Eric, der nun ein bekannter Fernsehmoderator in Paris ist, vors Auto. Man hatte sich vor zwanzig Jahren in der psychiatrischen Anstalt „Jeanne d’Arc“ kennen und lieben gelernt. Sie wurde nach mehreren gwalttätigen Auseinandersetzungen mit ihren Vater dort eingewiesen, er nach einem Blackout wegen Drogenkonsums. Die Liebe endet tragisch, als sich der aus reichem Hause stammende Eric, auf Anraten seiner Eltern, für ein Studium entscheidet. Nun versuchen die immer noch unangepasst lebende Gloria und Eric einen neuen Anfang. Bei der großen Chance, ihre Lebensgeschichte ans Fernsehen zu verkaufen, verpasst Gloria allerdings dem Produzenten einen ihrer berüchtigten Kopfstöße. Damit scheitert nicht nur dieses Projekt, sondern auch der erneute Versuch einer bedingungslosen Liebe, die schließlich mit Eric fast buchstäblich aus dem Fenster fliegt. Daraufhin zähmt sich Gloria letztendlich selbst und gibt den bedingungslosen Widerstand gegen die Welt auf – „Bye, Bye Blondie!“ sozusagen.

blondie_3751c-ncnc-ballhaus-ost.JPG
RockHard – Ruth Rosenfeld als junge Punkerin Blondie.
Foto: (c) ncnc – Ballhaus Ost

Das Künstlerteam um die junge Musiktheater-Regisseurin Sophia Simitzis nimmt nun am Ballhaus Ost den Roman als Grundlage einer szenisch-konzertanten Umsetzung für zeitgenössisches Kammerorchester und Gesangssolistin. Und die ist mit der Sopranistin Ruth Rosenfeld bestens besetzt. An der Berliner Volksbühne war Ruth Rosenfeld u.a. bereits in Frank Castorfs Inszenierungen der Meistersinger, Soldaten, Der Jasager / Der Neinsager und Lehrstück zu sehen, sowie in der Christoph-Schlingensief-Produktion „Kunst und Gemüse, A. Hipler – Theater als Krankheit“. Sie schlüpft in die Rolle der Gloria wie in eine zweite Haut, schminkt sich ganz selbstbewusst die Wimpern rot und den Mund schwarz und schreit: „Hat jemand in dieser Karre Bock auf ne Faust im Gesicht?“ So beginnt das unverhoffte Wiedersehen mit Eric. Auf einer Videoleinwand laufen Titel für die einzelnen Stationen wie Straße, Irrenhaus oder Punkjugendliebe. In Rückblicken wird die Geschichte der 15jährigen „Blondie“, ihr Stress mit dem Vater, der Polizei und einer Psychologin erzählt. Die Musiker des Ensembles Tema aus Karlsruhe übernehmen dabei immer wieder einzelne Sprechrollen. Blondies Aggressionen vermittelt Ruth Rosenfeld in kraftvoller Stimmlage und entsprechender Mimik und Gestik. Das Libretto von Sophia Simitzis bringt den Romantext von Virginie Despentes dazu in kurzen prägnanten Sätzen auf den Punkt. Neben der Mitarbeit bei Christoph Schlingensief und eigenen Werken an der Staatsoper Berlin, der Oper Frankfurt sowie dem Ballhaus Ost, ist dies eine weitere Zusammenarbeit mit der jungen Komponisten Eunsun Lee, die u.a. in Karlsruhe bei Wolfgang Rihm studiert hat.

Nun steht Blondie zwar auf Punk und Hard Rock a la Motörhead, die Komposition von Eunsun Lee orientiert sich aber nicht vordergründig an dieser populäreren Musik, sondern nimmt lediglich Anleihen und arbeitet diese geschickt in eine zeitgenössisch klassische Partitur um. Zu leichten melodischen Teilen setzen immer wieder harte Brüche Kontrapunkte und spiegeln so die wechselnden Stimmungslagen der Protagonistin zwischen unkontrollierten Wutausbrüchen und sehnsuchtsvoller Liebesgeschichte wieder. Das Ensembles Tema steht im Stil einer Rock-Band hinter Sängerin Ruth Rosenfeld und begleitet sie mit echtem Konzertflügel, Violine, Saxophon, Gitarre, Bass und Schlagwerk. Die Akustik im kleinen Theatersaal des Ballhaus Ost ist dabei bemerkenswert gut. Da die theatrale Darstellung in dieser Besetzung szenisch begrenzt ist, wird sie über Video bildlich ergänzt. In kleinen untertitelten Stummfilmsequenzen spielen die Musiker und Sängerin Teile von Glorias Story nach, was Ruth Rosenfeld nicht davon abhält, die kleine Bühne mit ihrer Präsenz auszufüllen und rastlos durch die Zuschauerreihen zu tigern. Zum Ende hin zieht sie einen Gazevorhang vor die Szene, auf dem sich die Videobilder doppeln.

Nachdem ihr Filmprojekt geplatzt und die großen Liebe zu Eric gescheitert ist, sitzt Gloria sichtlich erschöpft in einem Stuhl und singt einen melancholischen Song zur Gitarre. Sie ist im „Vorhof der Hölle“ angekommen und resigniert. Man kann das durchaus auch als vergeblichen Emanzipationsversuch einer kompromisslosen Künstlerin verstehen. Im Gegensatz dazu haben sich alle an der Produktion „Bye Bye Blondie“ Beteiligten wunderbar frei gespielt. Nach Inga Buschs fulminanter „Madame Bovary“ im letzten Jahr wieder ein gelungenes Frauenporträt im Ballhaus Ost. Für alle Fans von Virginie Despentes sei noch erwähnt, dass sie ihren Roman „Bye Bye Blondie“ wieder selbst verfilmt hat. Sie erzählt hier den Roman als lesbische Liebesgeschichte neu. In den Hauptrollen sind Béatrice Dalle und Emmanuelle Béart zu sehen. Der Film ist bereits im März in Frankreich und der Schweiz angelaufen.

WEITERE VORSTELLUNGEN:

Foto: St. B. ballhaus-ost_blondie.jpg
„Bye Bye Blondie“: am 28., 29. und 30. Juni jeweils 20:00 Uhr im Ballhaus Ost, Dauer: ca. 1:15 h 

***

Es ist noch Suppe da! – Das „Lehrstück“ nach Brecht/Hindemith als Wärmestube für zu kurz gekommene Kunstdiskursler in einer Werkstattinszenierung der Staatsoper im Schillertheater Berlin. – Musikalische Leitung und Einrichtung: David Robert Coleman, Inszenierung: Michael von zur Mühlen, Ausstattung: Christoph Ernst – Premiere: 09.06.12

Von einer ganz und gar ungewöhnlichen Premiere in der Werkstatt der Staatsoper am Schillertheater gilt es nun zu berichten. Bereits am 09.06.12 hatte dort eine Neu-Inszenierung des „Lehrstücks“ von Bertolt Brecht mit der Musik von Paul Hindemith Premiere. Regie führte der 33jährige Michael von zur Mühlen, Hindemiths Partitur wurde vom Komponisten David Robert Coleman bearbeitet und dirigiert. Beide scheinen das Vorwort von Hindemith zum „Lehrstück“ wörtlich genommen zu haben und lösen die starre Konstellation einer Theateraufführung aus Mitwirkenden und Zuhörern ganz einfach auf. Belustigend und zum Teil auch erbauend war das Ganze dann aber doch noch, obwohl man nicht unmittelbar mitsingen musste. Man fühlt sich zunächst wie in Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ versetzt, nur das der Chor keine Heilsarmee-Gesänge anstimmen wird, sondern Brechts Verse der Urfassung des „Lehrstücks“ von 1929. Christoph Ernst hat die Werkstatt zur sozialen Suppenküche mit greller Neonbeleuchtung umgebaut. In der Ecke läuft eine Waschmaschine, die sich zum Ende hin lautstark im Schleudergang dreht. Es sind mehrere Tische aufgebaut, an denen man mit bis zu acht Personen sitzen und Mensch-ärgere-dich-nicht spielen kann. Texte der „Belehrung“ liegen herum und Bariton Nicholas Isherwood teilt als Küchenchef vom Dienst Spargelsuppe und Kaffee aus. Wodka wird ebenfalls ausgeschenkt. Die Flaschen kreisen von Tisch zu Tisch, was zumindest bei einigen Beteiligten die Zunge etwas lockert.

lehrstuck_werkstatt-premiere.jpg Foto: St. B.
Beifall oder Nachschlag? „Lehrstück“ in Auflösung bei der Premiere in der Suppenküche der Werkstatt im Schillertheater.

Gesungen wird dann doch zumeist professionell. An jedem Tisch sitzt ein Chor-Mitglied mit Mikrofon, das auch von den anderen am Tisch Sitzenden benutzt werden darf. Der Chor wird von weiteren Semiprofessionellen aus der Kunstszene unterstützt. Alle sind irgendwo bandagiert, der eigentlich gestürzte Flieger irrt aber in Kapitänsuniform unermüdlich von Tisch zu Tisch, sucht seine Suppe oder will Wasser. Es ist der Tenor Reiner Goldberg, der mit einer fast unglaublich stoischen Ruhe sein Schicksal zu ertragen scheint. Lautstark macht sich eher der Brite mit pakistanischen Wurzeln Ahmed Shah, der in Neukölln mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten Theater spielt, bemerkbar. Er ruft zur Revolte auf, die ehemalige Dramaturgin Barbara Gstaltmayr beklagt, dass ihr sozialkritische Passagen aus den Programmbüchern gestrichen wurden, der Theatermacher Markus Weckesser ist kurz vorm durchdrehen: „Ich will es endlich. Mach´s!“ und der Künstler und Performer Jörg Janzer betapt sich und willige Zuschauer mit Isolierband. Das Chaos scheint perfekt und kulminiert in dem Ausruf aus dem „Lehrstück“: „Der Mensch hilft dem Menschen nicht.“ Dazwischen versucht David R. Coleman mit Mitgliedern der Staatskapelle und der Orchesterakademie Hindemiths Musik zu intonieren. Unterstützung bekommen sie dabei auch mal vom Band. Die Zivilisiation kurz vorm Untergang, an der Wand prangt eine Bild des umgekippten Kreuzfahrschiffs „Costa Concordia“ und ein Video von einer Fahrt mit afrikanischen Bootsflüchtlingen wird gezeigt. Die Clownsnummer fällt aus, dafür stimmt Nicholas Isherwood irgendwann den Klassiker „Es ist noch Suppe da!“ an.

Die Intention der Regie ist schnell klar. Man will mit der weitgehend freien Aufführung Reaktion und Interaktion provozieren. Nur kommt die beim völlig unvorbereiteten Publikum nicht so richtig zu Stande. Diskussionsanregungen zu aktuell politischen Problemen werden immer wieder von den Chormitgliedern eingeworfen. Das hingehaltene Mikro wird aber nur zu Spontanäußerungen oder, auf die Frage wie man eine Änderung erreichen könnte, zu kruden Einwürfen wie „Massenerschießungen“ genutzt. Die Unfähigkeit der Menge zur Solidarität schwingt so natürlich immanent immer mit. Einige fühlen sich womöglich auch ungewollt in eine aktive oder passive Rolle gedrängt und verlassen die Aufführung. Die Belehrung wird dann wie ein Gebetstext von Isherwood vorgetragen und vom Chor und den meisten Zuschauern nachgesprochen. Hier kommt zum ersten Mal so etwas wie ein Gemeinschaftssinn auf. Der Text ist dabei ironisch mit Passagen aus der Clownsnummer und Fremdtexten durchsetzt: „Ich habe so unangenehme Gedanken im Kopf. (…) Aber ich kann mir ja das Gehirn raussägen,…“ usw. Danach fasert die Inszenierung allerdings vollkommen aus. Die von Brecht angestrebte Austreibung des Individuums kann dann von zur Mühlen wohl doch nicht ganz gelten lassen. Ein Schlingensief-Jünger verliest Texte aus der „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ und muss sich lautstark gegen einen anderen Individualisten durchsetzen, der lieber auf seiner Elektro-Orgel herumklimpert. „Fresse halten!“ ist jetzt der vorherrschende Tenor des Diskurses und man fragt sich irgendwann, ob es noch Nachschlag gibt oder das Ganze bereits in eine unkontrollierte Premierenfeier übergegangen ist. Nach vereinzeltem Beifall trollen sich die meisten wieder in die Charlottenburger Nacht. Weder Kunst- noch Magen voll, dürstet es einen irgendwie nach etwas Sinn. Pädagogisch wertvoll oder Prost-Mahlzeit? Alles kann man nun mal nicht haben. Aber vielleicht doch noch mal hingehen. Es ist auf jeden Fall immer noch Suppe da. Unkostenbeitrag: 20,- €

WEITERE VORSTELLUNGEN:

Foto: St. B. lehrstuck_werkstatt.jpg
„Lehrstück“: am 23. Juni um 19:00 Uhr und 24. Juni um 20:00 Uhr in der Werkstatt der Staatsoper im Schillertheater, Dauer: ca. 1:30 h

_________