Archive for the ‘Theater an der Wien’ Category

Mit dem Dürerhasen die Bilder erklären – Go down, Moses von Romeo Castellucci, ein Gastspiel der Socìetas Raffaello Sanzio bei den Wiener Festwochen 2015 (Teil 1)

Samstag, Mai 30th, 2015

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Festwochenplakat

(c) Wiener Festwochen

Romeo Castellucci ist bekannt für sein assoziatives, symbolhaftes Bildertheater, in dem er immer wieder Bezüge zu religiösen Themen herstellt. An der Berliner Schaubühne hat er gerade in Ödipus der Tyrann christliche Motive mit denen antiker Mythologie kombiniert. An großer, nachvollziehbarer Welterklärung ist dem italienischen Theatermacher dabei allerdings nicht gelegen. Der Zuschauer ist bemüßigt die verschlüsselten Chiffren in den Bildern des Regisseurs selbst zu lösen. So auch in der seit Oktober 2014 von Festival zu Festival reisenden Produktion Go down, Moses von Castelluccis Heimspielstätte Socìetas Raffaello Sanzio aus Cesena.

Mit dem bekannten Gospelsong gleichen Namens hat das Stück nur so viel gemein, dass es in ihm auch um die Rückführung eines Volkes aus der Sklaverei geht, wobei hier gleich die gesamte Menschheit gemeint ist, die orientierungslos in der modernen Wüste der permanenten Informationsflut gefangen ist und einsam und verloren nach einem Ausweg sucht. Diesen hat Castellucci in der biblischen Gestalt des Propheten Moses ausgemacht, der von Gott den Auftrag erhält, das auserwählte Volk aus Ägypten heimzuführen. Regisseur und Autor Castellucci verknüpft dazu alte Mythen aus dem Buch Exodus mit Phänomenen unserer Zeit.

Den Tanz ums Goldene Kalb vollführen wohl in einer Eröffnungsszene mehrere in moderner Kleidung auftretende DarstellerInnen, die wie bei einem Galerierundgang immer wieder menschliche Tableaus bilden, sich dabei berühren und das Bild Junger Feldhase von Albrecht Dürer (das Original ist in der Wiener Albertina zu bewundern) an die Wand hängen. Der Hase als mehrdeutiges Symbol christlicher wie profan bürgerlicher Ikonografie in der Kunstgeschichte. Als Zeichen Gottes, der sich Moses im brennenden Dornbusch offenbart, fährt hier eine gewaltige motorbetriebene Walze auf die Bühne und zieht bei ohrenbetäubendem Lärm, den das Theater an der Wien wohl so noch nicht erlebt haben dürfte, gnadenlos drei Perückenköpfe ein.

Go_down_Moses_4835b_Foto (c) Guido Mencari

Go down MosesFoto (c) Guido Mencari

Wem das schon an Zeichenhaftigkeit zu dick aufgetragen erscheint, bekommt dann in der nächsten Szene noch die Leiden einer jungen Frau in einer Toilette zu sehen, die nach einer Niederkunft stark aus dem Unterleib blutet. Castellucci erzählt nun die Geschichte einer Mutter, die ihr Kind aussetzt, im Glauben es dadurch zu retten. Nach kurzem Black sieht man eine Mülltonne, aus der Babygeschrei zu hören ist. Auf der Polizeiwache versucht dann ein Kommissar die ängstliche Frau zum Reden zu bewegen, um das verschwundene Kind zu finden. Schließlich berichtet sie dem fassungslosen Polizisten von ihrem Sohn Moses, den sie im Nil ausgesetzt hat und dem einmal das Volk aus der Sklaverei in den Neubeginn der Welt folgen wird. Moses, der den neuen Bund mit Gott schließen soll, wird hier als normaler Mensch einer problembeladenen Mutter gezeigt.

Nachdem die Verwirrte zusammenbricht, schiebt man sie zur Untersuchung in ein monströses MRT-Gerät. Dabei mischen sich die lauten Geräusche des Apparats mit aufwallenden Sphärenklängen. Die Aufzeichnung der Gedankenströme der Frau führt durch die Röhre direkt in eine prähistorische Höhle, in der Urmenschen ihre Rituale abhalten, eine klagende Mutter ihr gestorbenes Baby begräbt und sich im Liebesakt mit einem Artgenossen wieder vereint. Romeo Castellucci verlangt dem Zuschauer noch einmal Einiges ab, was in einen weiteren Akt symbolhafter Abbildung mündet, wenn einer der prähistorischen Menschen mit den Händen den Gazevorhang, der die ganze Zeit Bühne und Zuschauerraum trennt, bemalt und schließlich die Buchstaben SOS darauf schreibt. Ein Symbol für den bis heute nach Hilfe suchenden Menschen. Das dröhnt dann zwar in seiner ganzen Wucht gewaltig nach, wirkt allerdings in seiner artifiziellen Zeichenhaftigkeit auch etwas bemüht und überkonstruiert.

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Go down, Moses
Gastspiel Socìetas Raffaello Sanzio
Text: Claudia Castellucci, Romeo Castellucci
Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Romeo Castellucci
Musik: Scott Gibbons
Mitarbeit Bühne: Massimiliano Scuto
Lichtassistenz: Fabiana Piccioli
Mit: Rascia Darwish, Gloria Dorliguzzo, Luca Nava, Stefano Questorio, Sergio Scarlatella u. a.

Dauer: 1 Std. 20 Min., keine Pause

Uraufführung am 25.10.2014 im Théâtre Vidy-Lausanne
Österreich-Premiere am 27.05.2015
Weitere Termine bei den Wiener Festwochen: 28.05, 29.05. und 30.05.15

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/go-down-moses/

Zuerst erschienen am 28.08.2015 auf Kultura-Extra.

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Mozarts Così fan tutte in der Regie von Michael Haneke bei den Wiener Festwochen (Teil 2).

Donnerstag, Juni 5th, 2014

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Logo Wiener Festwochen

Wiener Festwochen 2014

Così fan tutte (dt.: So machen es alle oder die Schule der Liebenden) ist die zweite Opera buffa von Mozart, die Filmregisseur Michael Haneke im Auftrag des kürzlich verstorbenen Opernintendanten Gérad Mortier inszeniert hat. Nach dem Don Giovanni 2006 in Paris hatte Mozarts musikalische Komödie der amourösen Verwicklungen um zwei Liebespaare im Neapel des 18. Jahrhunderts im März 2013 in Madrid Premiere. Dem Chef der WIENER FESTWOCHEN, Markus Hinterhäuser, gelang es die Produktion ans Theater an der Wien zu holen, wo die drei Aufführungen nun Gérad Mortier gewidmet sind. Zu Mozarts und Da Pontes Zeiten wegen versteckter Anspielungen noch ein Fall für den Zensor, sieht man heute Così fan tutte eher als nette komische Oper. Dieses Image wollte Michael Haneke mit seiner Inszenierung wohl ändern.

Mozarts Maskerade wird hier in einer großen Villa gespielt, die sich zu einem Park hin öffnet. Große Bilder mit Rokokospielen erinnern an die Zeit, das Interieur ist sparsam, nur ein Kamin rechts und riesiger Spiegelkühlschrank links, aus dem sich die Protagonisten immer wieder reichlich mit Getränken versorgen. Der reiche, satte Hausherr Don Alfonso (William Shimell) im Rokoko-Outfit hat zur Themenparty geladen, aber nicht alle seiner Gäste sind der Vorgabe gefolgt. Die beiden Paare Fiordiligi (Anett Fritsch) und Guglielmo (Andreas Wolf) sowie Dorabella (Paola Gardina) und Ferrando (Juan Francisco Gatell) tragen heutige Abendgarderobe. Ein Pierrot in blond ist Kerstin Avemo als Despina, die hier den komödiantischen Part gibt sowie für Don Alfonso eindeutig mehr als nur Hausmädchen zu sein scheint. Als eigentliche Dame des Hauses bietet sie ihm ein ums andere Mal Paroli.

Così fan tutte - v.l.n.r.: Paola Gardina (Dorabella), Juan Francisco Gatell (Ferrando), William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi) Foto: Javier del Real / Teatro Real

Così fan tutte – v.l.n.r.: Paola Gardina (Dorabella), Juan Francisco Gatell (Ferrando), William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi)
Foto: Javier del Real / Teatro Real

Don Alfonso ist gelangweilt von den Liebesschwüren und Schwärmereien der verliebten Paare und schlägt den beiden jungen Offizieren eine Wette vor, die Treue der Frauen auf die Probe zu stellen. „Fröhlich lebt sich’s als Soldat“, will heißen, schnell sind die beiden Cavaliere durch Einberufung den jungen Damen entrissen und kehren als folkloristisch gekleidete Albaner mit Schnauzbärten zurück. Allein – so lässt sich das Feuer der Begierde noch nicht entfachen, und so muss eine List mit Arsen und Messmer’scher Apparatur her. Den kuriosen Wunderheiler mit magnetischem Appel-Notebook gibt Despina im Frack mit großer Brille. Nur das Ungestüm der beiden scheinbar Vergifteten erregt den Zorn der Damen. Diesen gilt es nun in Liebe umzuwandeln.

Mitleid erbitten ist die halbe Miete, den Rest sollen Kerzenschein, Mondlicht und schöne Worte richten. Und so erscheinen die beiden Treuetester nach der Pause kerzenumkränzt zum Mondscheindinner. Durch Despina entsprechend eingestimmt – wenn man den einen nicht kriegen kann, warten mindestens schon zwei andere – lassen sich Fiordiligi und Dorabella endlich auf das Drängen der beiden fremden Herren ein. Amors Verführung und Verdammnis liegen dicht beieinander. Und das ist dann eigentlich auch der Beginn der wahren Gefühlsverwirrungen, die hier noch dadurch gesteigert werden sollen, dass Guglielmo und Ferrando nicht mehr mit Bärten verunstaltet sind, sondern in ihrer wahren Gestalt auftreten. Und so reißt es in wildem Partnertausch erst die mit Herzgeschenk willig gemachte Dorabella mit Guglielmo in den Garten und die arme Fiordiligi zwischen Herzenslust- und kälte, Kamin und Kühlschrank hin und her.

Così fan tutte - v.l.n.r.: William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi), Juan Francisco Gatell (Ferrando), Paola Gardina (Dorabella), Kerstin Avemo (Despina) Foto: Javier del Real / Teatro Real

Così fan tutte – v.l.n.r.: William Shimell (Don Alfonso), Andreas Wolf (Guglielmo), Anett Fritsch (Fiordiligi), Juan Francisco Gatell (Ferrando), Paola Gardina (Dorabella), Kerstin Avemo (Despina)
Foto: Javier del Real / Teatro Real

Herzzerreißend singt dann auch Anett Fritsch ihre Arie von Treulosigkeit und Verrat und will ganz liebende Seele ihrem Guglielmo in den Krieg folgen. Doppeltreffer triumphiert hier schon Ferrando und ist baff, als er vom Treuebruch seiner Dorabella erfährt, bis ihm schließlich sogar noch Fiordiligi ihre Liebe gesteht. Das gibt zunächst eifersüchtiges Gerangel, doch Strippenzieher Don Alfonsos kann die beiden Herren noch zu einer gekreuzten Doppelhochzeit mit Ehevertrag überreden. Sehr glücklich sieht hier aber keiner aus, und nach der Auflösung des ganzen Schwindels durch die Männer flieht die Hochzeitgesellschaft; es gibt ein paar Tränen der Damen und eine Ohrfeigenaustausch zwischen den beiden Intrigeneinfädlern Don Alfonso und Despina, die sich ebenso betrogen fühlt wie der zynische Don Alfonso um sein Geld. Das Ganze endet in einem Gezerre der Protagonisten an der Rampe, von heiterem Sinn und Gelassenheit keine Spur.

Michael Hanekes Interesse gilt dann auch eher der Verbissenheit der Paare, sich gegenseitig zu misstrauen, zu bezichtigen und schließlich zu demütigen. Den Tiefenforscher menschlicher Psyche quälen diese Fragen nach dem Warum mehr als die Lust am Maskenspiel. Das schlägt sich auch in der Musik nieder, die bisweilen etwas tragend daherkommt. Gewollte Brüche und Pausen zwischen den Arien sollen wohl zum Nachdenken anregen. Das ist sicher auch richtig, stehen doch die Frauen wieder als die Ungetreuen dar, obwohl sie doch auch die Betrogenen sind. Mehr Modernität ist dann allerdings mit Hanekes sparsamer szenischer Einrichtung nicht zu machen. Was wiederum Raum für die überzeugende Darstellung und Sangeskraft der Interpreten gibt. Großer Jubel für sie und auch für das Orchester und das Produktionsteam um Michael Haneke.

Herzlicher Premieren applaus für das Produktionsteam um Michael Haneke - Foto: St. B.

Herzlicher Premieren applaus für das Produktionsteam um Michael Haneke – Foto: St. B.

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Così fan tutte

Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto von Lorenzo Da Ponte

Premiere am 02.06.2014 im Theater an der Wien

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling
Inszenierung Michael Haneke
Bühne Christoph Kanter
Kostüme Moidele Bickel
Mitarbeit Kostüme Dorothée Uhrmacher
Licht Urs Schönebaum
Chorleitung Andrés Máspero

Fiordiligi Anett Fritsch
Dorabella Paola Gardina
Guglielmo Andreas Wolf
Ferrando Juan Francisco Gatell
Despina Kerstin Avemo
Don Alfonso William Shimell

Cembalo Eugène Michelangeli
Orchester Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen
Chor Coro Titular del Teatro Real

Produktion Teatro Real, Madrid
Koproduktion De Munt / La Monnaie, Brüssel

Dauer: 3 Std. 45 Min., 1 Pause

Spieltage:

  • Mo 02.06.14 19:00 Uhr
  • Mi 04.06.14 19:00 Uhr
  • Do 05.06.14 19:00 Uhr

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/cosi-fan-tutte/

Zuerst erschienen am 04.06.2014 auf Kultura-Extra.

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