Archive for the ‘Reise’ Category

Tony Cragg in der Villa Schöningen und Dominique Raack im Pomonatempel auf dem Pfingstberg – Eine Kulturtour mit dem Rad von Berlin nach Potsdam

Freitag, August 4th, 2017

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Das Belvedere auf dem Pfingstberg Potsdam – Foto: St. B.

An der südwestlichen Grenze Berlins gelegen, ist Potsdam nicht nur geschichtlich eng mit der gesamt-deutschen Bundeshauptstadt verbunden. Die wesentlich kleinere brandenburgische Landeshauptstadt ist außerdem ähnlich gut wie ihre große Schwester mit kulturellen Highlights bestückt. Ein Grund mehr in der an Kultur-Events etwas flaueren Sommerzeit einen Blick über die Havel nach Potsdam zu werfen. Zu erreichen ist die alte preußische Residenz- und Garnisonsstadt über die Regionalbahn Richtung Brandenburg, mit der S-Bahn oder für sportlich Ambitionierte auch mit dem Fahrrad.

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Fährt man vom S-Bahnhof Wannsee entlang der Königstraße Richtung Potsdam am Schloss Glienicke vorbei, trifft man kurz hinter der Glienicker Brücke auf die Villa Schöningen. Direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze gelegen beherbergt die 2008 vom Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, Mathias Döpfner und dem Vorstandsvorsitzenden der RHJI, Leonhard Fischer gekaufte und denkmalschutzgerecht wieder aufgebaute Villa eine Dauerausstellung zur Geschichte des Hauses und zur Glienicker Brücke. Im Obergeschoss finden noch dazu wechselnde Sonderausstellungen renommierter Künstler und Künstlerinnen statt. Momentan sind dort (noch bis 3. September) Werke des britischen Bildhauers Tony Cragg zu sehen.

 

 

Die Ausstellung umfasst eine kleine Auswahl von Skulpturen aus den letzten sechs Jahren sowie Zeichnungen und Grafiken der letzten zwanzig Jahre. Die Arbeiten bieten einen guten Einblick in die Vielfalt des Schaffens des Turnerpreisträgers von 1988, der auch schon mehrfach auf der documenta in Kassel oder der Biennale in Venedig vertreten war. Besonders faszinieren immer wieder seine dynamischen Skulpturen, die mal sehr filigran in die Höhe wachsen und dann wieder in gedrungener Form durchaus Ähnlichkeiten mit den wesentlich voluminöseren Bronzeskulpturen seines Landsmanns Henry Moore aufweisen. Zumindest teilt der 68jährige Cragg die Vorliebe Moors für polierte Oberflächen aus Marmor oder Bronze und widmete dem von ihm verehrten Kollegen eine Ausstellung in seinem 2008 eröffneten Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal.

Was allerdings die Skulpturen Tony Craggs auszeichnet, ist ihre abstrahierende Form aus ständig wechselnden Perspektiven. Die dargestellten Figuren bilden ganze Gesichts- und Körperlandschaften, die sich den BetrachterInnen aus verschiedenen Blickwinkeln immer wieder neu präsentieren. So auch bei den ausgestellte Werken in der Villa Schöningen. Sie zeigen Skulpturen aus behandeltem Holz, gegossene Bonzen und sogar mundgeblasene Gegenstände aus venezianischem Muranoglas. Besonders gut verdeutlichen die Bronze Woman’s Head oder die aus Holz gearbeitete Skulptur Contradiction das Prinzip des Bildhauers, die Formen von Werk zu Werk weiter zu entwickeln.

 

Tony Cragg, Ausstellungsansicht mit der Skulptur Contradiction – Foto: St. B.

 

Flankiert werden Craggs Skulpturen von Arbeiten auf Papier, die zum Teil wie Vorstudien zu seinem bildhauerischen Schaffen wirken, aber durchaus eine eigenständige von ihm „sculptures on the page“ genannte Werkgruppe bilden. Die auf den Zeichnungen und Druckgrafiken dargestellten Gesichter, sich windenden Formen und Figuren stehen hier in einer unmittelbaren Wechselwirkung zu den sinnlichen Skulpturen im Raum.

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Wenn man von der Villa Schöningen weiter durch den Neuen Garten vorbei am ebenfalls geschichtsträchtigen Schloss Cecilienhof fährt, kommt man schließlich zum Pfingstberg, mit seinem nach der Wende bis 2005 aus Spenden wieder aufgebauten Schloss Belvedere. Seit mehr als 25 Jahren engagiert sich der Förderverein Pfingstberg in Potsdam e.V. für den Erhalt des historischen Ensembles. Unter dem Titel „Kultur in der Natur“ veranstaltet der Förderverein hier in den Sommermonaten Open-Air-Kinoabende, Märchenlesungen, Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen. So etwa im ersten von Karl Friedrich Schinkel ausgeführten Bau, dem 2010 sanierten Pomonatempel. Hier findet eine jährliche Ausstellungsreihe mit Werken junger Künstlerinnen und Künstler statt. Die Auswahl trifft eine Jury des Fördervereins Pfingstberg.

 

 

Zur Zeit (noch bis zum 10. September) stellt die in Potsdam lebende Künstlerin Dominique Raack spezielle Fotoarbeiten und Keramiken aus. Auch sie experimentiert mit skulpturalen Formen und Arbeiten auf Papier. In ihrem bisherigen Œuvre dominieren aber eindeutig die foto- und videobasierten Papierarbeiten. Dominique Raack bearbeitet dafür am Computer im Atelier eigene Fotografien und Videos mit Motiven aus der Natur. Dabei werden mit Hilfe eines Bearbeitungsprogramms verschiedene Bildebenen (Layer) übereinander gelegt, bis ein neues Bild entsteht. Die Künstlerin arbeitet dabei sehr intuitiv. Am Anfang steht meist nur eine Idee, die sich bis zum Ende des Arbeitsprozesses aber noch stark verändern kann.

Es entstehen hierbei teils magische, teils sinnliche Bildcollagen, die ihren Ursprung etwa in den antiken Theorien von den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde als Ursprung des Lebens haben, oder wie Traumbilder das nicht Sichtbare in eine symbolhafte Form bringen. In ihren Bildern mit Titeln wie Driftin, Floating, Connected oder Between the lines setzt Dominique Raack Bestandteile der Natur in eine Beziehung zueinander oder zeigt in Weißer Regen das natürliche Fließen der Dinge.

 

Dominique Raack – Foto: St. B.

 

Ihre Inspirationen holt sie sich bei Spaziergängen durch die brandenburgischen Kiefernwälder, oder auf Reisen in andere Länder. So war sie bereits vor und auch nach dem Studium der Europäischen Medienwissenschaft an der Universität Potsdam für eine längere Zeit in Neuseeland, oder zu kürzeren Studien- und Arbeitsaufenthalten im spanischen Barcelona und der Ukraine. Der Mond ist die große Klammer für die Ausstellung im Pomonatempel. Zur neuen Werkserie Promises from the Moon mit Mond- Wald- und Bergmotiven kombiniert die Künstlerin weitere ähnlich surreale „Landschaftsklänge“ wie Gesang des Herzens oder Bei Vollmond. Die runde Mondform findet sich auch in der ausgestellten Keramikserie zu den vier Elementen wieder.

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Der Mond in echt ist im August noch jeden Freitag an den sogenannten Mondnächten auf dem Pfingstberg bei Musik und einem Glas Wein zu genießen. Berlin erreicht man dann wieder auf dem ausgeschilderten Mauerradweg über Sacrow, wo sich noch der Besuch des Schlosses und der Heilandskirche am Sacrower See lohnt. In Kladow geht die Fähre zurück zum S-Bahnhof Wannsee.

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TONY CRAGG
4. Juni bis 3. September 2017
VILLA SCHÖNINGEN
Berliner Straße 86
14467 Potsdam

Infos: https://www.villa-schoeningen.org/ausstellungen/Kunst/

Promises from the moon
Fotoarbeiten von Dominique Raack
29. Juli bis 10. September 2017
Eine Ausstellung des Fördervereins Pfingstberg im Pomonatempel auf dem Pfingstberg Potsdam
Öffnungszeiten: immer samstags, sonntags und feiertags in der Zeit von 14 bis 17 Uhr
Der Eintritt ist frei, Spenden sind jedoch erwünscht.

Infos: http://pfingstberg.de/ausstellung/

Die Homepage der Künstlerin: http://www.dominique-raack.de/

Zuerst erschienen am 01.082017 auf Kultura-Extra.

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Kasimir in der Wanne, oder die Umkreisung eines heiligen Quadrats – Kasimir Malewitsch und die Russische Avantgarde im Amsterdamer Stedelijk-Museum

Dienstag, Januar 21st, 2014

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Wen bereits die periodisch immer mal wieder zu besonderen Kunstanlässen auftretenden Schlangen an Berliner Museen abschrecken, der war noch nicht im Amsterdamer Museumsquartier. Was in Berlin die Museumsinsel mit ihren jährlich weit über zwei Millionen Besuchern ist, ist in Amsterdam der Museumplein. Ein weiter, grüner und leeren Platz, gesäumt von drei nicht ganz unbedeutenden Museen, die zahlreiche Kunstwerke vom Mittelalter, über Renaissance und das sogenannte Goldene Zeitalter der Niederlande, bis in die Moderne beherbergen. Alles eine Nummer kleiner zwar als in Berlin, aber in der Länge der Warteschlangen und der Ausdauer der Besucher steht das bezaubernde Grachtenstädtchen an der holländischen Nordseeküste der Spreemetropole in nichts nach. Wer nach Amsterdam fährt, fährt also nicht ausschließlich der Tulpen oder der Coffeeshops wegen. Gefühlt mindestens jeder dritte Tourist reiht sich auch in die langen Schlangen vor dem Rijks- oder Van Gogh Museum ein.

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Das Stedelijk Museum am Museumsplain in Amsterdam. Foto: St. B.

Wem die Zeit oder die Lust zum Anstehen fehlt, hat zumindest noch eine weitere Chance. Am Städtischen Museum der Moderne, dem Stedelijk, sind die Schlangen um einiges kürzer aber der Raum für Kunstentdeckungen um nichts geringer. Allerdings muss der Amsterdamer Museumsbesucher neben Zeit auch das nötige Kleingeld mitbringen. Eintrittspreise von 15 bis 20 € pro Person sind die Norm. Da lohnt sich für echte Kunstverrückte schon der Erwerb einer Jahreskarte für alle niederländischen Museen, die mit knapp 55 € (inkl. 4,95 € Gebühren) ins Kontor schlägt. Diese Karte verspricht ein Jahr lang freien Eintritt in fast alle niederländischen Museen. Nur Vorsicht, bei einigen größeren Museen, wie auch dem Stedelijk, werden zusätzlich 3 bis 5 € für Sonderausstellungen fällig. Aber ab mindestens drei Museumsbesuchen (Amsterdam hat da noch so einiges anderes als nur den Museumplein zu bieten) hat man die Investition schnell wieder drin.

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Kasimir Malewitsch und die Russische Avantgarde im Amsterdamer Stedelijk-Museum.
Foto: St. B.

Zurzeit kann man einen Gang ins Amsterdamer Stedelijk nicht nur wegen der kühler werdenden Außentemperaturen sogar wärmstens empfehlen. Im 2012 neu eröffneten Anbau aus Kunststoffharz, der sogenannten „Badewanne“, den die Benthem Crouwel Architekten neben das 1895 im Stil der Neo-Renaissance errichtete Hauptgebäude gestellt haben, wird mal wieder der Ikone der Russischen Avantgarde und dem Begründer des Suprematismus, Kasimir Malewitsch, gehuldigt. Hierzu muss man wissen, dass das Stedelijk Museum über eine der wohl umfangreichsten Sammlungen der Russischen Avantgarde in Europa verfügt, nämlich die des 1996 in den Niederlanden gestorbenen Russen Nikolai Chardschijew, Freund und Dokumentarist der Avantgardisten und Schreiber der ersten Malewitsch-Monografien. Ergänzt werden die Werke aus dem Stedelijk Museum durch Bilder der griechischen Sammlung George Costakis aus dem State Museum of Contemporary Art Thessaloniki. Insgesamt 500 Werke der Russischen Avantgarde, im Zentrum davon allein 300 von Kasimir Malewitsch, sind in dieser großen Schau, die in Zusammenarbeit mit der Ausstellungshalle Bonn und der Tate Modern in London entstanden ist, zu sehen.

Kazimir Malevich And The Russian Avant-Garde, Installation view. Foto © Gert Jan van Rooij, Stedelijk Museum Amsterdam

Kazimir Malevich And The Russian Avant-Garde, Installation view. Foto © Gert Jan van Rooij, Stedelijk Museum Amsterdam

Und so kreist dann auch diesmal das gesamte Schaffen des 1879 in Kiew geborenen Künstlers um das eine, wohl immer noch bekannteste Motiv in all seinen Abwandlungen, das schwarze Quadrat auf weißem Grund, die „Ikone der neuen Kunst“, wie es Malewitsch selbst bezeichnete. Im ersten Raum der Ausstellung sind an den Mittelwänden einige seiner suprematistischen Bilder der letzten Futuristischen Ausstellung 0.10 vom Dezember 1915 in Petrograd (St. Petersburg) gehängt. Darum gruppieren sich Werke aus den symbolistisch, impressionistisch bis neo-primitivistisch und kubo-futuristisch beeinflussten Phasen des Malers. Dabei fällt neben ein, zwei pointilistischen Gemälden besonders die Nähe zu Cézanne, den farbenfrohen französischen Fauves und den dem Symbolismus nahe stehenden Nabis ins Auge. Warum ich das erwähne? In der Amsterdamer Hermitage ist zurzeit eine Ausstellung mit Werken der Nabis von Gauguin über Bonnard bis Denis zu sehen. Die ansehnliche Privatsammlung des Moskauer Textil-Fabrikanten Ivan Morozow (1871 – 1921) aus dem bekannten St. Petersburger Kunstmuseum an der Newa gastiert noch bis zum 28. Februar in der kleinen Dependance an der Amstel.

Baadsters op de rug gezien, 1910, Stedelijk Museum Khardziev Chaga collectie

Badende in Rückenansicht, 1910 – Sammlung Chardschijew
© Stedelijk Museum Amsterdam

Unbestritten ist, Malewitsch, wie all die anderen russischen Avantgardisten, war von den französischen Malern beeindruckt und natürlich auch von ihrem Werk beeinflusst. Eine andere, viel näher liegende Quelle der Inspiration war aber die russische Ikonenmalerei und religiöse Volkskunst. Es ist z.B. belegt, dass Kandinsky auf Flohmärkten immer wieder nach sogenannten Bauernluboks, volkstümliche Darstellungen von Sagen, Heldenlegenden oder christlichen Motiven, wie dem des Jüngsten Gerichts, suchte und diese als Vorlage für seine Werke nutzte. So auch Malewitsch, der sich in seiner symbolistischen Phase verstärkt religiösen Themen widmete und später patriotische sowie satirische Bilderbögen mit kritischem Inhalt druckte. Sie sind in einem Raum der Ausstellung zu bewundern und vergleichsweise denen anderer russischer Künstler gegenübergestellt. Auch wenn die Bilderreihung der Ausstellung streng chronologisch ausgerichtet ist, hat Malewitsch auch immer wieder in den einzelnen Stilen gewechselt. Treu geblieben ist er dabei nur dem Inhalt seiner Kunst. „Die Welt als Empfindung der Idee, unabhängig vom Bild.“ Es ist leider nicht explizit erwähnt, man muss da schon etwas genauer hinsehen, oder die entsprechende Literatur bemühen.

Kazimir Malevich, Mystischer Suprematismus (red cross on black circle), 1920-1922 - © Collection Stedelijk Museum Amsterdam

Mystischer Suprematismus (red cross on black circle), 1920-1922 – © Collection Stedelijk Museum Amsterdam

Nach seiner symbolistischen und impressionistischen Phase wandte sich Malewitsch zunehmend dem Malen mehrerer Bauernzyklen im Stile des Neo-Primitivismus und Kubo-Futurismus zu, deren Figuren er im Weiteren immer mehr reduzierte. Zu sehen sind z.B. seine eindrucksvoll kubistischen Holzfäller, oder der Schnitter. Daneben hängen Werke anderer russischer Avantgardisten, wie Michail Larionow, Natalija Gontscharowa, Ivan Klyun, El Lissizky und u.a.m. Selbst ein träumerischer Chagall, mit dem Malewitsch im Clinch um die vorherrschende Lehrmeinung an der Kunstschule in Witebsk war, hat sich hierher verirrt. Natürlich dürfen die beiden Maler, mit denen Malewitsch sicher am meisten verband, nicht fehlen. Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky wurden in Europa bekannt, als sie 1911/12 in München die Künstlervereinigung „Der Blaue Reiter“ gründeten. Ausgehend von der russischen Ikonografie über die Bild-Komposition, Reduktion, Improvisation, Meditation, etc. fand jeder von ihnen seinen eigenen Weg in die Abstraktion. Und Malewitsch wird derjenige sein, der auch wieder aus ihr herausfindet.

Junges Mädchen  mit roter Stange, 1932-33

Junges Mädchen mit roter Stange, 1932-33
© Stedelijk Museum

Zunächst aber begann für Malewitsch 1913 mit der futuristischen Oper Sieg über die Sonne der Siegeszug des Suprematismus über „das Bollwerk des künstlerischen Elends“ in die vollständige Gegenstandslosigkeit. Von Malewitsch stammen Kostüme, Bühnenbild und die Lichtregie. Seine Entwürfe und eine filmische Rekonstruktion werden in einem Nebenraum gezeigt. Lang und breit beschäftigt sich die Ausstellung auch mit den Kunsttheorien des radikalen Lehrers Malewitsch und zeigt viele Papierarbeiten sowie Architekturstudien und Modelle, die auch seine Nähe zum Bauhaus belegen, wo der mittlerweile bei Stalin in Ungnade gefallene Avantgardist im Gegensatz zu Kandinsky aber keine Anstellung fand. Das Spätwerk Malewitsch‘ wird dann zunehmend wieder gegenständlicher. Die Gesichter seiner farbigen, zunächst noch recht flächigen Bauernfiguren tragen fast ikonenhafte Züge. Am Ende ist Malewitsch wieder da angekommen, wo er einst um 1900 begonnen hatte. Stoisch und stolz, den Blick am Betrachter vorbei auf das vergangene Leben gerichtet, sieht sich der Maler in einem letzten spätimpressionistischen Selbstbildnis.

Diese großartige Retrospektive, die noch bis zum 2. Februar in Amsterdam weilt, wird in etwas veränderter Form vom 23. März bis 22. Juni in der Kunst- und Ausstellungshalle des Bundes in Bonn Station machen. Dann vermutlich angereichert mit Werken aus der ebenfalls bedeutenden Sammlung  Russischer Avantgarde aus der Sammlung Ludwig in Köln, wo 2010 die letzte Malewitsch-Ausstellung in Deutschland zu sehen war.

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Kasimir Malewitsch
und die russische Avantgarde

Kasimir M.

Mit Werken aus den Sammlungen Chardschijew und Costakis

Eine Kooperation zwischen dem Stedelijk Museum Amsterdam, der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn und der Tate Modern, London.

noch bis 02.02.14 im Stedelijk Museum Amsterdam

8. März bis 22. Juni 2014 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn

Weitere Infos:

Amsterdam: http://www.stedelijk.nl/en/exhibitions/kazimir-malevich-and-the-russian-avant-garde

Bonn: http://www.bundeskunsthalle.de/ausstellungen/index.html

Zuerst am 17. Januar 2014 auf Kultura-Extra erschienen.

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Wien – Berlin. Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz – Die Berlinische Galerie zeigt in einer großen Schau bildende Künstler aus beiden geschwisterlich miteinander verbundenen Städten.

Montag, November 4th, 2013

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„Die Großstadt soll der Individualität eine Umgebung sein. Aber wehe, wenn sie selbst Individualität hat und eine Umgebung braucht.“ Karl Kraus, aus: Aphorismen (1912), V. Von zwei Städten

Gustav Klimt: Johanna Staude (unvollendet), 1917/18

Gustav Klimt: Johanna Staude (unvollendet), 1917/18

Was der Wiener Karl Kraus vom Moloch Berlin hielt, hat er in mehreren gallig scharfen Aphorismen verdeutlicht. Aber auch Wien kommt bei ihm bekanntlich nicht viel besser weg. „Was Berlin von Wien auf den ersten Blick unterscheidet, ist die Beobachtung, daß man dort eine täuschende Wirkung mit dem wertlosesten Material erzielt, während hier zum Kitsch nur echtes verwendet wird.“ Kraus muss es wissen, er hat in beiden Metropolen eine nicht unerhebliche Zeit zugebracht.

Und so war er auch dem heute in beiden Städten gleichermaßen als Malerfürsten anerkannten Gustav Klimt nicht sonderlich gewogen und übte scharfe Kritik an dessen überbordender Ornamentik. Um Klimts umstrittene Fakultätsbilder für die Wiener Universität entbrannte sogar ein regelrechter Kritikerkrieg. Es ging dabei um die sogenannte Nuda Veritas, wie der Titel eines Klimt-Gemäldes verrät, also nichts weniger als die nackte Wahrheit. Für Karl Kraus wie auch den Klimt-Verteidiger Hermann Bahr stand neben dem Werk von Klimt aber vor allem auch die eigene Person im Mittelpunkt. Kraus warf Bahr dessen enge Kontakte zu den Künstlern vor und blieb selbst stets der Einzelkämpfer, mit seiner Fackel nur sich und der Wahrheit verpflichtet. Umso bitterer dann für Kraus, dass es Bahr gelang als Regisseur und mit eigenen Werken bei Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin zu reüssieren, während ihm gleiches mit seinem Monumentalwerk Die letzten Tage der Menschheit nicht vergönnt war.

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Die Berlinische Galerie in der alten Jakobstraße 124 -128

Die Berlinische Galerie in der alten Jakobstraße.

Die Beziehungen Wien-Berlin sind in Sachen Theater, Literatur, Musik also bereits hinreichend geklärt. Dramatiker, Theaterregisseure, Schriftsteller und Komponisten wie Gerhart Hauptmann, Max Reinhardt, Joseph Roth und Hanns Eisler stehen dafür mit ihren Werken. Die in beiden Metropolen beginnende Durchsetzung der Psychoanalyse von Sigmund Freud tat ihr Übriges zur engeren Verbandelung von Wien und Berlin. Wie es dabei um die Beziehungen der bildenden Künstler an Donau und Spree stand, zeigt nun eine große Ausstellung, die am 23. Oktober feierlich in der Berlinischen Galerie eröffnet wurde.

Unter den Wiener Malern sind Gustav Klimt und sein legitimer Nachfolger Egon Schiele über die Grenzen beider Metropolen hinaus stadtbekannt. Ihre gezeigten Werke sind in den Museen Wiens ein steter Publikumsmagnet. Als der erst 28jährige Schiele nach dem 1. Weltkrieg und Niedergang der Donaumonarchie 1918 der grassierenden Spanischen Grippe zum Opfer fiel – knapp neun Monate zuvor war bereits Klimt verstorben – war das ein tiefer Einschnitt für die Wiener Moderne. Hier endet dann auch meist die Kennerschaft des deutschen Wienbesuchers, und gleichermaßen dürfte es wohl auch dem Wiener Gast mit den meisten Berliner Künstlern gehen. Dass nun ausgerechnet die im Schatten des die Besucherströme anziehenden Jüdischen Museum gelegene Berlinische Galerie endlich mit diesem Halbwissen aufräumen will, ist löblich und guter Grund, noch die paar Schritte weiter in die Alte Jakobstraße zu gehen.

Blick in den Ausstellungsteil Secessionen

Einen ziemlich ähnlichen Kampf gegen die vorherrschende akademische Kunstauffassung sowie antisemitische Ressentiments in Deutschland hatte bereits etliche Jahre vor Gustav Klimt der Berliner Maler Max Liebermann bezüglich seines Gemäldes Der zwölfjährige Jesus im Tempel auszufechten. Eine erste echte Gemeinsamkeit also zwischen den um die Jahrhundertwende mit ihren Werken in die Moderne aufbrechenden Künstlern aus Wien und Berlin. Die nun in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Galerie Belvedere organisierte Schau Wien Berlin. Kunst zweier Metropolen von Schiele bis Grosz beginnt dann auch mit den Malern der Wiener und Berliner Secessionen. Wie selbstverständlich hängen da ein Selbstbildnis Max Liebermanns, des führenden Malers der Berliner Secession, und ein Portrait des besagten Kunstkritikers Hermann Bahr von Emil Orlik einträchtig nebeneinander.

Aus Sicht des Kurators Dr. Ralf Burmeister sind Wien und Berlin zwei Metropolen, die sich zwar geschwisterlich ähneln, wie Geschwister aber auch ein sehr unterschiedliches Temperament haben. Wobei Berlin dabei der Part des Stürmischeren, Direkteren zukäme, Wien dagegen zurückgenommener und feiner im Stil sei. Und so lassen sich in den hier ausgestellten Werken bei ähnlicher Motivwahl doch immer auch Unterschiede in der Grundstimmung der Sujets oder Mentalität der Portraitierten feststellen.

Ernst Barlach: Bettlerin mit Schale, 1906

Ernst Barlach: Bettlerin mit Schale, 1906

Neben dem dunkel leuchtenden Waldsee-Gemälde Aus der Mark von Walter Leistikow hängt ein helles Birkenwäldchen im Abendlicht von Carl Moll. Neben der nächtlichen Berliner Straßenszene von Lesser Ury sieht man eine Donaulände im Sommer von Franz Jaschke. Einerseits harter Realismus der Wärmehalle in Berlin von Jens Birkholm, anderseits ein eher pfiffig wirkender Wiener Pülcher von Josef Engelhart. Der Berliner Hans Baluschek und der Wiener Ferdinand Andri zeigten dagegen beide die ländliche und städtische Bevölkerung in stimmungsgeladenen Alltagsszenen.

Die Unterschiede erschöpfen sich dann auch nicht allein in hell oder dunkel, gefühlvoll oder rau. Auch nicht in der Wahl zwischen Wiener Schnitzel oder Eisbein mit Sauerkraut. Wie in Strudel und Pfannkuchen mancherlei stecken kann, so ist die Beziehung beider Städte auch entsprechend vielgestaltig, beeinflussten sich die Kunst-Stile und befruchteten sich unterschiedliche Strömungen an Donau und Spree wechselseitig. Von einem ersten Austausch zeugt hier ein Plakat von Julius Klinger zur Wiener Kunstschau von 1916 in der Berliner Secession. Während die Berlinerin Käthe Kollwitz mit ihren Grafiken auch in Wien gegen den Hunger anmahnte, ging der Wiener Emil Orlik 1905 nach Berlin, wurde dort Mitglied der Secession und Professor an der Lehranstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums. Zu seinen Schülern gehörten so bekannte Künstler wie Georg Grosz und Hanna Höch. Für ein Gastspiel des Deutschen Theaters mit Hauptmanns Webern in Prag und Hamburg gestaltete Orlik das Plakat.

Der in Wien vorherrschende Jugendstil wird vom Berliner Maler Fidus aufgenommen. Architektur und Design der Wiener Werkstätten drängen nach Berlin. Mit Kolomann Moser ist ihr wohl wichtigster Vertreter mit einigen Werken zu sehen. Und eine kleine verspätete Reminiszenz zum in Berlin so gut wie unbeachteten Klimt-Jahr 2012 wird hier zum Ereignis. Die groß gemusterte Bluse der Johanna Staude ist im Original sowie im gleichnamigen Ölbild von Gustav Klimt zu bewundern. Ihr zur Seite gestellt ist die schwungvolle Tänzerin Baladine Klossowska, Schwester des in Paris und Berlin arbeitenden Malers Eugen Spiro.

William Wauer_Bildnis Herwarth Walden, 1917_BG

William Wauer: Bildnis Herwarth Walden, 1917

Der Expressionismus hält 1910 in Wien mit dem Maler Oskar Kokoschka Einzug und drängt via Herwarth Waldens Wochenschrift Der Sturm ins avantgardistische Berlin. Eine große Vitrine zeigt Ausgaben jener Jahre. Im Gegenzug veröffentlicht Else Lasker-Schüler Zeichnungen und Gedichte in Karl Kraus‘ Wiener Fackel. In der boomenden Metropole Berlin sind bereits die Maler der Künstlervereinigung Die Brücke am Werk. Ernst Ludwigs Kirchners Frauen auf der Straße hängen in der Ausstellung neben weiteren ausdrucksstarken Bildern der Brücke-Künstler Max Pechstein und Erich Heckel. Ihnen gegenübergestellt sind die nicht minder farbgewaltigen Wiener Expressionisten wie Herbert Boeckl, Anton Kolig oder Oskar Kokoschka mit seinem Bildnis der Nell Walden. Da darf natürlich auch William Wauers kubistische Bronzebüste Bildnis des Herwarth Walden aus der Berlinischen Galerie nicht fehlen.

Wie ein Solitär zwischen all dieser expressiven Farbigkeit wirkt da das sparsame und dennoch ausdrucksstarke Bildnis des Verlegers Eduard Kosmack von Egon Schiele. Daneben ein Schiele-Portrait von Max Oppenheimer. Schiele hatte seinen Wiener Malerkollegen im gleichen Jahr ebenfalls porträtiert. Eine Entdeckung auch die von 1913 bis zu ihrem Tod in Wien lebende deutsche Malerin Helene Funke mit ihrem sinnlichen an den Pariser Fauves geschultem Frauengruppenbildnis Träume.

Hanna Hoech_Dada-Puppen, 1916-17_Berlinische Galrie

Hanna Hoech: Dada-Puppen, 1916-17

1914 zog ein Großteil der Wiener und Berliner Künstler zunächst begeistert in den 1. Weltkrieg. Ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiteten sie dabei ganz unterschiedlich. Sehr direkt zeigen die grafischen Mappenwerke des Berliners Georg Grosz die Kriegsgreuel. Ludwig Meidner malte düstere Untergangsszenarien wie Apokalyptische Landschaft und jüngster Tag. Noch mehr mit Symbolik aufgeladen sind die Werke der Wiener Maler wie Ludwig Heinrich Jungnickel mit seinem Gemälde Die Sintflut und Fritz Schwartz-Waldegg als Vertreter der Verlorenen Generation der Zwischenkriegszeit mit seinem aufwühlenden Selbstbild Bekenntnis.

Gestreift wird auch die in den 1920er Jahren in Berlin entstandene Avantgardekunstbewegung des Dada. Mit ihren reichen Beständen an Grafiken, Collagen, Ölbildern und Objekten von Georg Grosz, Hanna Höch und Raoul Hausmann kann die Berlinische Galerie hier aus dem Vollen schöpfen. Dada blieb allerdings in Wien ebenso unbeachtet, wie der in Wien aufkommende futuristische Kinetismus kaum Nachahmer in Berlin fand. Die Wiener Avantgarde erreichte immerhin noch mit der Malerin und angewandten Künstlerin Friedl Dicker sowie dem Schweizer Maler und Kunsttheoretiker Johannes Itten das Weimarer Bauhaus. Bemerkenswert ist hier in der Berliner Schau aber vor allem die in Deutschland relativ unbekannte Wiener Künstlerin Erika Giovanna Klien mit ihren futuristischen Großstadtbildern von Menschen und Maschinen sowie der comicartigen Bildergeschichte Klessheimer Sendbote.

Rudolf Belling_Max Schmeling, 1929_BG_Lotte Laserstein_Tennisspielerin, 1929_Privatb.

Rudolf Belling: Max Schmeling, 1929 – Lotte Laserstein: Tennisspielerin, 1929

Einen besonders großen Raum nimmt in der Berlinischen Galerie natürlich die Zeit der Neuen Sachlichkeit ein. Eine klar vermutete Domäne der Berliner Künstler der 1920er und 30er Jahre wie Otto Dix, Rudolf Schlichter, Christian Schad und Jeanne Mammen. Ihren bekannten Portraits werden Wiener Realisten wie Herbert Ploberger, Rudolf Wacker und Albert Paris Gütersloh, Lehrer und Vater der nach dem 2. Weltkrieg aufstrebenden Wiener Phantasten um Ernst Fuchs und Wolfgang Hutter, gegenübergestellt. Franz Lerchs Schlafendes Mädchen korrespondiert hier wunderbar mit Karl Hofers Ruhendem Mädchen. Die Wiener Straßenszenen des Grafikers Wilhelm Traeger stehen Max Beckmanns Berliner Reise in nichts nach und der Pressezeichner B. F. Dolbin karikierte Wiener und Berliner Theatergrößen wie Max Reinhardt, Bertolt Brecht, Lotte Lenya, Fritz Kortner und Alfred Kerr.

Die Ausstellung schließt mit den bedrückenden Bildern der unter den Nazis im KZ ermordeten Felix Nussbaum und Friedel Dicker-Brandeis und kann dann noch einmal mit dem vor einem Jahr im Kunsthandel wieder aufgetauchten Bildnis Im Gasthaus von Lotte Laserstein punkten, das sich nun im Besitz einer Privatsammlung befindet. Laserstein konnte 1937 noch rechtzeitig nach Schweden emigrieren. Schon 1930 wehte eine Art melancholische Vorahnung durch ihre Tischgesellschaft Abend über Potsdam. Hier ist man aber noch längst nicht am Endpunkt der Wien-Berlin-Connection. Die Ausstellung verlangt förmlich nach einer Fortsetzung. Auch in der Nachkriegsmoderne ließen sich noch so manche Gemeinsamkeiten und Gegensätze finden. Die Berlinische Galerie muss sich hierfür nur nach weiteren Partnern in Wien umsehen. Ein erster Schritt ist mit dieser großartigen Schau getan.

Als hervorragende Ergänzung zur Ausstellung dient der reich bebilderte und mit etlichen lesenswerten Beiträgen zum Kunstverständnis beider Städte vervollständigte Katalog, der seine immerhin 39 Euro auch tatsächlich wert ist.

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Lotte Lasersteins Im Gasthaus

Lotte Laserstein: Im Gasthaus, 1927

Wien Berlin
Kunst zweier Metropolen
24.10.2013–27.01.2014

Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und
Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin

Weitere Informationen: http://www.berlinischegalerie.de/de/ausstellungen-berlin/aktuell/wien-berlin/

Text und Fotos: St. Bock

Der Beitrag ist in leicht gekürzter Form am 01.11.13 auch auf Kultura-Extra erschienen.

siehe auch: Freitag-Community

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Festivalsommer 2013 (Teil 1) – Müritz-Saga Episode 8: „Gottesfurcht im Niemandsland“ auf der Freilichtbühne Waren (Müritz)

Donnerstag, Juli 4th, 2013

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Die Müritz-Saga. Seit 8 Jahren in Waren an der Müritz. - Foto: St. B.

Die Müritz-Saga. Seit 8 Jahren in Waren an der Müritz – Foto: St. B.

Eine halbe Stunde vor Premierenbeginn tröpfelte es noch vom grauen Himmel. Kaum aber das Intendant und Regisseur Nils Düwell seine Eröffnungs- und Dankesworte an alle Sponsoren, freiwilligen Helfer und sonstigen Partner gesprochen hatte, verzogen sich die Wolken und es konnte mit Gottes Willen und „Gottesfurcht im Niemandsland“ losgehen. Hier hatte also wirklich jeder seine Rostbratwurst, Bulette oder Schmalzstulle aufgegessen. Und vor allem hat die halbe Stadt an der Bühne mitgebaut. Das musste ja klappen. Waren an der Müritz ist nicht einfach irgendein Niemand im platten Land Mecklenburg-Vorpommerns, sondern seit acht Jahren der Austragungsort der Müritz-Saga, die sich alljährlich von Ende Juni bis Ende August ihre begeisterte Fangemeinde erspielt.

Die Müritz-Saga 2013 auf der Freilichtbühne am Mühlberg, Waren (Müritz) - Foto: St. B.

Die Müritz-Saga 2013 auf der Freilichtbühne am Mühlberg, Waren (Müritz) – Foto: St. B.

Autor Roland Oehme hat auch diesmal ein Stück rund um die Geschichte des norddeutschen Landstrichs zwischen Ostsee und Müritz geschrieben, das für jeden Geschmack im Publikum etwas bereithält. Und das vor allem mit Herz, viel Witz und durchaus einigem künstlerischem Anspruch. Verbindet doch Oehme und Regisseur Düwel seit Jahren die gleiche Leidenschaft für anspruchsvolles Open-Air-Theater mit regionalem Bezug. Wolf von Warentin (Ulrich Blöcher), Held der Müritz-Saga, hat auch in der neuen Episode „Gottesfurcht im Niemandsland“ einige Abenteuer zu bestehen, bis er seine Frau Clara (Elke Zeh) wieder in den Armen halten kann. Wie im Traum von fern erscheint sie ihm auf seinem Weg durch die Wirren des dreißigjährigen Kriegs, um dem geliebten Mann den nötigen Mut zuzusprechen.

Müritz-Saga 2013. Wolf (Ulrich Blöcher) und Clara (Elke Zeh) bedroht. Foto:

Müritz-Saga 2013. Wolf (Ulrich Blöcher) und Clara (Elke Zeh) bedroht. Foto: Gerlind Klemens

Nachdem Wolf von Warentin den Landesfürsten Granzow in einem Duell getötet hat, tritt er auf seiner Flucht in den Dienst der kaiserlichen Armee unter General von Wallenstein. Trotzdem er wie alle im Norden bereits reformierten Landsleute protestantischen Glaubens ist, bindet ihn nun ein Eid an den Kaiser, der die Abtrünnigen wieder unter die päpstliche Macht zwingen will. Hier begegnet Warentin auch dem auf Rache sinnenden Bruder Granzows, einem Fähnrich (Grian Duesberg) unter Oberst von Arnim (Stefan Bergel), und bekommt sofort Händel mit ihm. Der kaiserliche Heerführer von Arnim, einst Freund Wolf von Warentins, soll für Wallenstein die freie Hansestadt Stralsund einnehmen und zur Garnisonsstadt machen. Er gibt den beiden Streithähnen den Befehl mit einem Fähnlein eine Insel vor Stralsund zu besetzen, um von dort die Belagerung zu forcieren.

Müritz-Saga 2013: Hardy Halama als Bürgermeister Ludowig Sturkow und Ulrich Blöcher als Wolf von Warentin. Foto: St. B.

Müritz-Saga 2013: Hardy Halama als Bürgermeister von Stralsund Ludowig Sturkow und Ulrich Blöcher als Wolf von Warentin. Foto: St. B.

Hier haben sie aber nicht mit dem Widerstand der stolzen Hanseaten gerechnet, die unter ihrem leicht verhuschten Bürgermeister Ludowig Sturkow (Hardy Halama als sympathischer nordischer Sturkopf) und seiner resoluten Frau Reglinde (Ex-DDR-Film- und Fernsehstar Ute Lubosch) auf ihre Unabhängigkeit pochen und die Insel kurzerhand von den Eindringlingen wieder zurückerobern. Wolf von Warentin, dessen Herz eigentlich mehr für die wehrhaften Bürger der Stadt Stralsund schlägt, als für seinen prinzipientreuen Oberst, gerät immer mehr zwischen die Fronten eines Krieges, dessen Ziele er nicht mehr versteht, und der sich nur noch gegen die wehrlose Bevölkerung richtet. Der junge Offizier muss sich schließlich zwischen der Loyalität zu seinen Untergebenen, seinem Eid an den Kaiser und seinem eigenen Gewissen entscheiden. Und der Krieg verlangt weiter unerbittlich seine Opfer.

Müritz-Saga 2013: Stefan Bergel als Oberst von Arnim, Ute Lubosch als Reglinde Sturkow und Hardy Halama als Bürgermeister Ludowig Sturkow - Foto: St. B.

Müritz-Saga 2013: Stefan Bergel als Oberst von Arnim, Ute Lubosch als Reglinde Sturkow und Hardy Halama als Bürgermeister Ludowig Sturkow
Foto: St. B.

In kleinen Episoden wird immer wieder das harte Leben im Krieg für die Soldaten, ihre Familien und die gebeutelte Zivilbevölkerung sehr eindrücklich beschrieben. Selbst einer wie Oberst von Arnim fragt sich da in einer nachdenklichen Minute: Was macht der Krieg aus unseren Kindern? Warentin, nun auf der Flucht vor den Häschern der Kaiserlichen, trifft in einer abgelegenen Kirche mitten im Niemandsland endlich wieder auf seine Frau, die er über eine polnische Magd (Bozena Baranowska) aus dem heimatlichen Röbel dorthin bestellt hat. Ein höchstmusikalische Pastor und seine Frau gewähren den Verfolgten dort Unterschlupf. Fernab aller Kämpfe versucht der Kirchenmann den Sinn für die Kunst, die Menschlichkeit und seinen Glauben an Gott selbst noch nach dem scheinbar unvermeidlichen Eindringen des Krieges in seine kleine Enklave des Friedens zu bewahren. Weitere Glanz-Rollen für Ute Lubosch und Publikumsliebling Hardy Halama.

Müritz-Saga 2013: Amazone Sibylla kämpft. Foto:

Müritz-Saga 2013: Amazone Sibylla kämpft.
Foto: Gerlind Klemens

Und so verwebt die Inszenierung immer wieder Nachdenkliches mit typischen Passagen aus der Kiste des Mantel-und-Degen-Genres. Eine regelrechte Attraktion ist dabei Alexandra Krüger als kampfstarke Amazone Sibylla hoch zu Ross, oder auch Grian Duesberg als bauernschlauer Spion Thies und forscher Fähnrich Granzow mit Hang zum Slapstick und wilden Kampf- und Fechteinlagen. Lob gilt natürlich auch den vielen spielfreudigen Kleindarstellern und Laien. Liebe, Leid und Schmerz, Spaß, Klamotte und Kampfszenen halten sich den ganzen Abend hindurch die Waage. Der mit Elke Zeh und Ulrich Blöcher ein sympathisches Paar hat, mit dem man mitfiebern kann, und das zum Ende noch einmal alle im Publikum mit einem gefühlvollen Liebeslied zur rühren weiß. Sie tragen damit nicht nur kämpferisch, sondern auch gesanglich zur überzeugenden Leistung des gesamten Ensembles bei.

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Ein großes Feuerwerk setzt den leuchtenden Schlusspunkt unter eine gelungene Premiere. Viel Beifall für die Akteure und Freude bei den zahlreich erschienen Einheimischen und Urlaubern gleichermaßen.

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Das Ensemble beim Premierenapplaus. Fotos: St. B.

 

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„Gottesfurcht im Niemandsland“, die achte Folge der Müritz-Saga

Ensemble 2013:

  • Ulrich Blöcher: Wolf von Warentin
  • Elke Zeh: Clara von Warentin
  • Hardy Halama: Bürgermeister Ludowig Sturkow & Pastor
  • Ute Lubosch: Reglinde Sturkow & Frau des Pastors
  • Stefan Bergel: Oberst von Arnim
  • Bozena Baranowska: Jagna
  • Grian Duesberg: Fähnrich von Granzow & Thiess
  • Dan Merkert: Stadtbüttel & Soldat
  • Alexandra Krüger: Sibylla
  • Blanca Hahn & Paula Hub: Ewa
  • Eric Mahlau: Söldner & Kurdirektor von Waren
  • Johann Hub: Söldner & Stadtbüttel
  • sowie weitere Kleindarsteller
  • Roland Oehme: Autor
  • Nils Düwell: Regie
  • Christian Mathis: Musik
  • Katharina Lorenz: Bühnenbild und Kostüm
  • Joe Alexander: Kampf-Choreografie
  • Michael Huhsch: Veranstaltungstechnik

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Dauer ca. 3 Stunden, eine Pause

 

  • Weitere Vorstellungen vom 29. Juni bis zum 31. August 2013 jeweils Mittwoch bis Samstag 19.30 Uhr und Sonntag 17.00 Uhr auf der Freilichtbühne Waren (Müritz).
  • Informationen und Karten unter: www.mueritz-saga.de

Fotos: Gerlind Klemens © Müritz-Saga 2012

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Der Festivalsommer 2012 (1): „Dass ´s Lebn mit Dir wia Tanzn is.“ – Impressionen vom 22. TFF in Rudolstadt

Samstag, Juli 28th, 2012

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Und wird auch mal der Himmel grauer;
wer voll Vertrau’n die Welt besieht,
den freut es, wenn ein Regenschauer
mit Sturm und Blitz vorüberzieht.
(Wilhelm Busch)

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Blitze am Horizont, der Himmel wurde immer grauer,
der Saalezeltplatz kurz vorm großen Regenschauer.

Etwas spät, aber besser als nie, noch schnell ein paar Impressionen vom 22. TFF 2012, das wie immer traditionell am ersten Juli-Wochenende im schönen Rudolstadt über die vielen Bühnen der Stadt ging. Den Regen glaubten wir erfolgreich in Berlin zurückgelassen zu haben, und mussten dann im ICE nach Jena feststellen, dass er uns doch noch hartnäckig bis nach Thüringen verfolgen wollte. Das ließ Schlimmstes befürchten, jedoch der Himmel verfärbte sich nur noch einmal wirklich bedrohlich tief dunkelgrau und bizarre Blitze zuckten über den Hängen rund um Rudolstadt. Dann goss es kurz wie aus Kannen, bis der ganze Spuk sich nach knapp einer Stunde in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Da war der erste Abend am Donnerstag in Rudolstadt aber bereits erfolgreich gelaufen und alles bereitetet sich auf dem Zeltplatz am Freitagmorgen schon auf die nächsten Highlights vor. Die Sonne machte nur selten Pause und das gute Wetter sollte halten, zumindest zu den meisten Konzerten des diesjährigen TFF. Die dicken Wolken mit Starkregen, der im letzten Jahr noch so einige Konzerte förmlich unter Wasser setzte, blies eine frische Briese immer wieder über die Saale in Richtung Thüringer Wald zurück.

Das Rudolstädter Wetter, die Natur und die Weimarer Klassik

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Weimarer Klassiker nur auf der Durchreise?

Wie jedes Jahr ist das Wetter eine wichtige Komponente in Rudolstadt. Für den festivalerprobten TFF-Fan aber nie ein unüberwindliches Hindernis, das Wochenende auch ohne Segen von oben zu genießen. Man kann hier durchaus auch von einem naturgegebenen Gottvertrauen sprechen, was naturgemäß auch ganz im ursprünglichen Gedanken der Open-Air-Kultur begründet liegt. Und das lässt sich sicher auch nicht nur bis zu den sonnenverliebten kalifornischen Hippies zurückverfolgen, deren No-Rain-Gesänge im nördlich gelegenen Woodstock noch unerhört bleiben mussten. In der Weimarer Klassik zog die Rudolstädter Riviera schon so manchen Sonnenanbeter magisch an. Als geradezu naturaffiner Prophet könnte sich da der zwar um Rudolstadt meist einen Bogen machende, in Thüringischen Landen aber ansonsten stets anwesende Geheime Rat Goethe erwiesen haben, der sich damals über den gelegentlichen Unbill des sommerlichen Wetters wie folgt äußerte:

Der Donner rollt, schon kreuzen sich die Blitze,
die Höhle wölbt sich auf zur sichern Hut,
dem Tosen nach kracht schnell ein knatternd Schmettern;
doch Liebe lächelt unter Sturm und Wettern.
(Johann Wolfgang von Goethe aus Sommer)

Das Thüringische Landestheater Rudolstadt kämpft mit Schiller-Zitaten ums Überleben.
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weimarer-klassiker.JPG Wegweisend. Klassik und Moderne vor dem Weimarer Nationaltheater.

Ob er im Faust´schen Osterspaziergang die rauen Berge Rudolstadts im Sinne hatte, die hin und wieder auch noch Anfang Juli ohnmächtige Schauer über die Felder senden, ist nicht grundsätzlich auszuschließen, kann aber nicht mit Sicherheit belegt werden. Fakt ist, dass im kleinen Städtchen an der Saale meist erst zu beginn des jährlichen Festivalrummels die geputzten Menschen in zahllos buntem Gewimmel durch die Stadttore drängen. Schützende Höhlen mussten während des Festivals nicht aufgesucht werden, obwohl sich Donner und Blitz ein kurzes Intermezzo gaben. Einem Wochenende voller Sonne und Liebe stand also nicht mehr viel im Wege.

Friedrich Schiller und Rudolstadt

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Schiller und die beiden „superklugen“ Schwestern Caroline und Charlotte

Nicht von ungefähr hat man sich in Rudolstadt lieber einen anderen Schutzheiligen unter den Alt-Meistern der pantheistischen Sommerlyrik auserkoren. Nämlich den reiselustigen Sturm-und-Drang-Dichter Friedrich Schiller, der seine heiße Liebe zur Gegend und dem weiblichen Geschlecht der Stadt in zahlreiche teils überschwängliche Worte und Verse goss. Und so bezeichnet sich Rudolstadt wohl auch zu recht als heimliche Geliebte Schillers. Obwohl es schon zu des Dichters Zeiten kein Geheimnis war, wem seine wahre Liebe galt, schrieb Schiller 1788 an Ludwig Ferdinand Huber: „Ich lebe hier ziemlich zufrieden, genieße mich auch zuweilen selbst und habe oft süße Augenblicke durch Gesellschaft. Die Gegend ist überaus schön …“. Schiller fand „Unter demselben Blau, über dem nehmlichen Grün … mit dem stürzendem Thal“ rund um Rudolstadt nicht nur die lächelnde „Sonne Homers“, sondern auch seine große Liebe und zukünftige Frau Charlotte von Lengefeld, deren verheirateter Schwester Caroline von Beulwitz (die spätere Schriftstellerin Caroline von Wolzogen), er zunächst auch nicht ganz abgeneigt war. In seinem „Rudolstädter Sommer“ 1788 ließ sich Schiller u.a. zum „Geisterseher“ , dem „Don Carlos“ und zum „Lied von der Glocke“ inspirieren und im seit 1792 erbauten „Komödienhaus“ wurden einige seiner Werke von der Weimarer Theatergruppe unter dem Klassikerkollegen Goethe aufgeführt. Und wem, wie schon zu Schillers Rudolstädter Zeiten, wegen des „üblen Wetters“ das Wandern zur „Schillershöhe“ über dem Nachbarort Volkstedt verleidet wird, der kann sich auch im Rudolstädter Schillerhaus umsehen oder mit Schillers früher Ode „An die Sonne“ trösten.

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Schillerhaus in Rudolstadt

An die Sonne (Auszug)

Preis dir, die du dorten heraufstrahlst, Tochter des Himmels!
Preis dem lieblichen Glanz
Deines Lächelns, der alles begrüßet und alles erfreuet!
Trüb in Schauern und Nacht
Stand begraben die prächtige Schöpfung: tot war die Schönheit
Lang dem lechzenden Blick;
Aber liebevoll stiegst du früh aus dem rosigen Schoße
Deiner Wolken empor,
Wecktest uns auf die Morgenröte; und freundlich
Schimmert‘ diese herfür
Über die Berg und verkündete deine süße Hervorkunft.
(Friedrich Schiller aus der Anthologie auf das Jahr 1782)

Riding with the King – John Hiatt rockt den Heinepark

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John Hiatt & The Combo

Von den deutschen Klassikern der Literatur zu den Klassikern der Folkmusik, von denen in diesem Jahr wieder einige auf dem TFF vertreten waren. Bereits am Donnerstagabend trat, wie schon im letzten Jahr mit Dr. John, eine Legende des Rock ´n´ Roll und Blues auf. Der Rockgitarrist und Singer-Songwriter John Hiatt aus Nashville eröffnete das Festival auf der großen Parkbühne. Hiatt, ein alter Mitstreiter des Bluesgitarristen Ry Cooder, kann auf einige bewegte Schaffensphasen zurückblicken. Lange Zeit blieb ihm allerdings der verdiente Erfolg verwehrt, bis schließlich Berühmtheiten wie Bob Dylan, Joan Baez, Iggy Pop, Bruce Springsteen oder Joe Cocker, seine Songs coverten. John Hiatt gab in Rudolstadt ein routiniertes Rockkonzert mit allen seinen Klassikern, und intonierte mit seiner unnachahmlich rauen Stimme auch das von B. B. King und Eric Clapton bekannt gemachte „Riding with the King“. Ein angenehm groovendes Bluesfeeling machte sich im Heinepark breit und stieß nicht nur beim älteren Publikum auf eine breite Resonanz. Die Wiederentdeckung von alten Größen der Blues- und Rockszene bleibt somit weiterhin eine gute Tradition des TFF. Für eine große Dance-Party „Partizani“ mit bekannten Balkanklängen sorgte dann noch der Frankfurter DJ Shantel mit seinem Bucowina-Cluborchester (Foto).

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Karibische Dancebeats gab es am Freitag auf der großen Bühne des Heineparks. Sonnenaufgang am Abend: Systema Solar aus Kolumbien.

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Shantel und Systema Solar auf YouTube

Grüß Gott, ich bin das Wienerlied – Tradition und Moderne bei der Ruth-Verleihung auf der Heidecksburg

Klassiker des deutschsprachigen Liedes gab es auch zur jährlichen Verleihung der Ruth-Weltmusikpreise auf der Heidecksburg am Samstagabend. Mit der Ruth für sein Lebenswerk wurde der neben Reinhard May und Konstantin Wecker in Ost wie West wohl bekannteste Liedermacher Deutschlands Hannes Wader bedacht. Nach einer kleinen Laudatio seines Freundes Konstanin Wecker, die als akustischer Gruß vom Band eingespielt wurde, da Wecker an diesem Abend selbst auf einer anderen Bühne stand, bedankte sich der Geehrte auch sogleich mit seinem zur Hymne gewordenen Song „Heute hier, morgen dort“. Der am 23. Juni 70 Jahre alt gewordene Wader gab bereits am Nachmittag ein Konzert auf der großen Bühne der Heidecksburg. In seinen neuesten Liedern setzt er sich nun verstärkt auch mit seinem eigenen Leben auseinander, was durchaus nicht sentimental wirkt, sondern eher mit einer gewissen Selbstironie daherkommt. „Das wir so lang leben dürfen“, ein schönes Fazit dieser „Schon so lang“(en) Zeit. Hannes Wader sang neben Songs seines großen Vorbilds Georges Brassens natürlich den Klassiker „Es ist an der Zeit“, auf den alle gespannt gewartet hatten, und brachte seinem langjährigen im letzten Jahr verstorbenen alten Freund Franz Josef Degenhardt ein Ständchen mit einem Lied von einem hoffentlich bald Schatten spendenden kleinen Kirschbaum.

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Ganz nah – Hannes Wader auf der Heidecksburg

Zu einem Klassiker ist sicher auch das im typischen Dialekt gesungene Wienerlied geworden, dessen Ursprünge, ähnlich dem Berliner Gassenhauer, bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen. Allerdings unterscheidet sich das Wienerlied nicht nur in der Mundart vom derben Berliner „Denkste denn, denkste denn, du Berliner Pflanze, denkste denn, ick liebe dir, weil ick mit dir danze?“. Im Gegensatz zum Berliner Bolle oder Piefke zeichnen sich die Interpreten des Wienerlieds vor allem durch ihren melancholischen, leicht schwarzen Humor aus, der bisweilen auch als unbeschwert oder sogar gemütlich missverstanden wird. Man fällt in Wien halt nicht so gern direkt mit der Tür ins Haus und umschreibt die Gefühlslagen der Wiener Seele mit einem entsprechenden Schmäh. Die Zeiten, in denen Hans Moser in Wiener Heurigenlokalen die „Reblaus“ besang, scheinen allerdings, außer für deutsche und amerikanische Touristen, endgültig vorbei zu sein. Bereits seit den 1970er Jahren mischten Künstler wie Roland Neuwirth, der Maler und Musiker Karl Hodina oder Willi Resetarits (Ostbahn Kurti) die Tradition des Wienerlieds mit modernem Jazz, Rock und Rythm & Blues.

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„Bei mir is’ all’s verdraht“ – Auch wenn es einem so vorkommt, die Wiener Strottern singen nicht Spanisch.

In deren Fortsetzung stehen heute Gruppen wie Kollegium Kalksburg und Die Strottern, die nun in Rudolstadt für ihre moderne Interpretation des Wienerlieds die Deutsche Ruth erhielten. Klemens Lendl (Gesang, Violine) und David Müller (Gesang, Gitarre, Harmonium), für ihre neue CD „Wia tanzn is“ verstärkt durch die beiden Blechbläser Martin Eberle (Trompete, Flügelhorn) und Martin Ptak (Posaune, Harmonium), gaben Sonntagmittag ein relaxtes Konzert auf der kleinen Bühne im Heinepark. Trotz leichter Sprachschwierigkeiten kam der morbide Wiener Charme der Musiker und versteckte Hintersinn der Texte gut beim Publikum an. Und wer nichts verstand, konnte es ja für Spanisch nehmen, wie Sänger Klemens Lendl empfahl. Zur aktuellen Blasphemie-Debatte gaben die Strottern dann auch noch eine Statement ab. Ganz im Sinne von Martin Mosebach konstatierten sie ganz trocken: „Wenns´ knien solln, stellns´ sich hie, denn keiner kennt die Liturgie.“ Das Wienerlied frisch aufpoliert mit viel Witz und avantgardistischer Blechbegleiung. Wahrlich, A ganz schräge Wies´n an der Saale.

Die Strottern auf YouTube

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Die Globale Ruth ging an das Al Andaluz Project (Foto) des Münchner Ensembles Estampie, das mit Mitgliedern der spanischen Gruppe L’Ham de Fóc maurische Gesänge, sephardische Lieder und christliche Choräle des Mittelalters neu interpretierte. Die zweite Ehrenruth wurde an die langjährigen künstlerischen Gestalter des  Festival-Umfelds Gertrude Degenhardt und Jürgen B. Wolff verliehen, die mit ihren Bildern, Figuren und Installationen im Stadtraum über Jahre das farbenfrohe Gesicht des TFF bestimmt haben. Eine Ausstellung von Grafiken beider Künstler war in den Säulensälen der Heidecksburg zu sehen.

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Festivalinstallationen im Hof der Heidecksburg

Trotz Konzertina-Schwerpunkt, das Blechblasinstrument bestimmt wieder Bild und Ton des TFF

Die Konzertina, kleine Schwester des Akkordeons, war in diesem Jahr das sogenannte Magische Instrument des Festivals. Man musste aber schon genauer das Programm studieren und gezielt zu den Schwerpunktkonzerten gehen, um ihrer auch tatsächlich ansichtig zu werden. So war sie dann zum Beispiel auf der Marktbühne in einem riesigen Orchester als den typischen Sound des La Gran Orquesta Tango Carambolage bestimmendes Bandoneon versteckt. Neben jeder Menge Akkordeons, den unvermeidlichen Fiddeln und anderer nicht zu überhörender Klangkörper bestimmten aber wieder lautstark die Blechbläserfraktionen das Schallspektrum auf den Bühnen des TFF. Das Bandschema bereits im Namen tragen das Hypnotic Brass Ensemble aus Chicago, was sich auch ganz augenscheinlich und lautstark auf der großen Bühne im Heinepark bemerkbar machte. Das Bayern zu Recht als Heimland der Blaskapellen gilt, ist nicht erst seit dem Besuch der La Brass Banda aus München in Rudolstadt bekannt. In diesem Jahr rockten Moop Mama aus der Weißbiermetropole mit einer Mischung aus Hardcore und HipHop die Konzertbühne im Heinepark. Mit Blechbläsersektion, Rap und fränkischem Multikultitouch kamen auch das Kellerkommando aus Bamberg über die tanzwütigen Festivalbesucher im Park. Sogar die Straßenmusiker in der Stadt bliesen den vorbeiziehenden Massen kräftig den Marsch. Neben Shantel und seinem Bukovina Cluborchester waren Cinkuši aus Kroatien eine weitere Kapelle mit Bläsereinsatz. Die Popularität des Balkan Brass ist bei den Weltmusikfans nach wie vor ungebrochen, und so mochte noch manch andere Band nicht auf mindestens einen Blechbläser verzichten.

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Mach mir den Baloltelli! – Für Obama einst zu teuer, für Rudolstadt extra eingeflogen. Das Hypnotic Brass Ensemble aus Chicago.

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Das Kellerkommando aus Bamberg mit Bläsersektion, Akkordeon und Rapper Ali A$ auf der Konzertbühne im Heinepark.

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Cinkuši wurden als Ethno-Punk-Band und kroatisches Gegenstück zu den Pogues angekündigt, was sich leider nicht ganz bewahrheitete. Doch die meisten Vergleiche hinken eh und getanzt wird in Rudolstadt trotzdem immer.

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Alles muss raus auf die Straße. Bläserausverkauf auch in der Stadt.

Kontinent- und Genreübergreifend – Starke Frauen auf dem Festival

Obwohl die Blechblasmusik eher eine Männerdomäne ist, standen Frauen auf dem Festival nicht etwa nur ausschmückend im Hintergrund. Aus Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika kamen wieder starke weibliche Stimmen nach Rudolstadt. Neben der schon erwähnten Gong Linna aus China überzeugte u.a. das Projekt My Sweet Canary mit Musikern und Sängerinnen aus Griechenland, der Türkei und Israel mit sephardischen Liedern der 1980 verstorbenen Rembetiko-Legende Roza Eskanazi aus Thessaloniki. Emel Mathlouthi mischte mit ihrer Band aus Tunesien orientalische Klänge mit modernem TripHop und die junge Chilenin Pascuala Ilabaca aus dem sonnigen Valparaiso zelebrierte mit ihrer Band Fauna einen musikalischen Culturclash aus chilenischen Cueca-Melodien, Tango, Jazz und melancholischer Popmusik. Weitere bemerkenswerte Auftritte bescherten dem Festival zwei US-amerikanische Sängerinnen. Während die durch ein Zusammenarbeit mit Robert Plant von Led Zeppelin und dem Soundtrack zum Film „O Brother, Where Art Thou?“ von den Coen-Brüdern bekannt gewordene Country- und Bluegrass-Musikerin Alison Krauss mit ihrer Band Union Station ein ziemlich professionelles Sitzkonzert mit ihren Hits auf der Heidecksburg absolvierte, brachten Sallie Ford & The Sound Outside mit ihrer Indipendent-Mischung aus Rockebilly und Punk im 50th-Outfit die Massen vor der Konzertbühne im Heinepark regelrecht zum Schwitzen.

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Ein Hauch Arabischer Frühling in Rudolstadt. Emel Mathlouthi aus Tunesien auf der Bühne der Burgterrasse.

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Mit Sonne im Herzen gegen Regenschauer in Rudolstadt. Pascuala Ilabaca y Fauna aus Valparaiso, Chile.

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A Woman of Constant Sorrow? Alison Krauss & Union Station rissen auf der Burg erst bei den Zugaben die Zuschauer von den Sitzen.

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Mit 50th-Brille und Rockebilly-Punk. Sallie Ford aus Portland, Oregon.

 

Von traditionellen Klängen, über experimentellen Folk, bis zu schräg Abgerocktem – Der Länderschwerpunkt China bewies echte Vielfalt

Passend zum Chinesischen Kulturjahr in Deutschland stand die Musik Chinas im Fokus des 22. TFF. Eine breite Gruppe von Künstlern und Offiziellen war nach Rudolstadt angereist, mit politischen Statements hielt man sich aber allseits weitestgehend zurück. Die Wunschliste chinesischer Künstler, die die Veranstalter in China vorgelegt hatten, wurde laut Festival von den dortigen Kulturfunktionären wohlwollend abgenickt. Die Vielfalt der chinesischen Musik, verbunden mit einem Überblick über die unterschiedlichsten Volksgruppen des Landes, nur annähernd in einem Festival abzubilden, ist mit Sicherheit fast unmöglich. Den Veranstaltern ist mit ihrer Auswahl aber tatsächlich ein bemerkenswerter Überblick gelungen. Dank der beratenden Unterstützung des Komponisten moderner Kunst-Musik und China-Experten Robert Zollitzsch standen klassische neben unabhängiger chinesischer Musik, die Tradition der Kun-Oper neben der Musik der Uiguren und Gesänge der tibetischen Tashi Lhunpo-Mönche neben einem authentischen Chor aus Shanghai auf den vielen Bühnen des 22. TFF. Der Ehemann der nicht nur in China berühmte Sängerin Gong Linna, die bereits zum zweiten Mal in Rudolstadt weilte, hielt auch Vorträge und Workshops zur chinesischen Musik, seine sogenannten Sketches Of China, in der Stadtbilbliothek ab. Unbedingt hervorzuheben sind aber auf jeden Fall die Auftritte der nicht nur wegen ihres Outfits schrägsten Rockband Chinas Er Shou Mei Gui und des Experimentalfolk-Sängers Xiao He, der in zwei Konzerten seine extreme Wandelbarkeit vorstellen konnte.

tff-kirche3.jpg Ein akustischer Soundtüftler, Loop für Loop mit Gitarre und Stimme. Der experimentierfreudige Xiao He beim Konzert in der Stadtkirche.

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kombinierten schräge Rockmusik mit noch schrägeren Kostümen und chinesischen Trötenklängen. Samstagabend auf der großen Bühne im Heinepark.

Am Rande des Festivals aber nicht im Abseits – Was sonst noch passierte

Neben den großen Namen des Festivals, am Rande aber trotzdem immer mittendrin, waren auch diesmal wieder zahllose Straßenmusikanten in Aktion, gab es munteres Treiben in der Stadt bei Handwerkermarkt, Musik- und Tanzworkshops sowie Kinderbespaßung mit chinesischem Drachenfest im Heinepark. Das Publikum war wie immer begeistert mit dabei.

tff_stramu2.jpg Die Stars der Stramu

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Spanische Gitarren begeisterten im musikalischen Wettstreit am Güntherbrunnen.

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Drachen bestimmten nicht nur im Park das Festivalgeschehen.

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Wohin mit den lieben Kleinen? Ab in den Kochtopf zum Beispiel. Aber auch ansonsten gab es für Hungrige überall ordentlich was zu beißen.

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Die Bauernhäuser im Heinepark luden in diesem Jahr erstmalig zum Verweilen bei Musik und Wein.

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Und wem das alles zu viel war, der konnte sich auch einfach mal nur zum Chillen auf die Wiese vor dem Schallhaus legen.

This land is your land – Politische Songs auf dem TFF

Neben Hannes Wader war das Programm des TFF 2012 noch mit weiteren Klassikers des Politischen Folk- und Popsongs angereichert. Groß gefeiert wird ja in diesem Jahr der 100ste Geburtstag des mit Sicherheit bekanntesten US-amerikanischen Folksängers und größten Hobos „From California, to the New York Island“ Woody Guthrie, ein Vorbild für viel moderne Folk- und Countrymusiker heute. Da wollte das TFF auch nicht nachstehen und hat gleich ein ganzes Musical über den Singer-Songwriter nach Rudolstadt geladen. Nach einer Kolumne, die Woody Guthrie in den 1940er Jahren für eine kommunistischen Zeitung in den USA schrieb, haben die vier Musiker um den Banjospieler David Miller Lutken ihr Projekt „Woody Sez“ benannt. Nach einer Aufführung am Freitag im Landestheater gaben sie auch noch ein Konzert am Samstagnachmittag auf der Bühne der Burgterrasse. Und die Band bewies nicht nur mit dem „Jolly Banker“ Witz und Aktualität von Woody Guthries Songs. Natürlich performten sie mit viel Spielfreude auch den Klassiker „This land is your land“ zum Mitsingen für das begeisterte Publikum.

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Woody Sez auf der Burgterrasse

Richtig Rebellisch wurde es dann noch am frühen Sonntagabend, auch wenn die bekannte britische Agit-Pop-Band Chumbawamba nur einen ihrer sogenannten akustischen Sets absolvierte. Die Band hatte eine kleine Odyssee per Eisenbahn hinter sich und durfte auf der Konzertbühne im Heinepark gleich Bekanntschaft mit der vorbeirauschenden Thüringer Regionalbahn machen. Mit viel Humor und einem sächsischen Johnny-Cash-Auftritt aus dem Publikum verbreiteten die Chumbas wie immer eine bomben Stimmung, auch ohne ihren Superhit „Timebomb“. Dafür hatten sie „Enough Is Enough“, „Homophobia“ und natürlich ihre Hymne „The day the Nazi died“ im Gepäck. Sie sangen einige ihrer englischen Rebelsongs und glänzten auch mit etwas Dada. Das Chumbawamba im Laufe der Zeit an Schärfe und Witz nichts eingebüßt haben, bewiesen sie mit einigen ihrer neueren Songs, wie „Torturing James Hetfield“, einem Spottsong über den Sänger von Metallica, der sich stolz darüber äußerte, dass die Musik der Band bei Verhören von arabischen Häftlingen in Guantanamo benutzt wurde. „James James James, Just give us names names names!“ Oder passend zum derzeitigen Streit, ob man Wagner in Israel aufführen kann, spielten sie den Song „Wagner at the opera” über einen Auschwitzüberlebenden der 2000 ein Aufführung des Siegfried-Idylls in einer Kleinstadt nahe Tel Aviv mit einer Fußballrassel gestört hatte. Die Band präsentierte ihre Songs wie immer mit viel Ironie und hatte sichtlich Spaß zusammen mit dem Publikum. Trotzdem geht nun die Ära der Chumbas, wie die Band auf ihrer Website bekannt gegeben hat, nach 30 Jahren voller Ideen, Melodien, endlosen Meetings und Tourneen zu Ende. Das Konzert in Rudolstadt war dann auch leider der einzigste Deutschlandauftritt auf ihrer letzten Tour. Bye, Bye, Bye Chumbawamba.

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Die britischen Pop-Rebellen Chumbawamba im Heinepark

Ein durchaus rebellischer „Gentleman“ beendete dann im Anschluss auf der großen Parkbühne das 22. TFF in Rudolstadt. Der sogar in Jamaika anerkannte Reggae- und Dancehall-Musiker Tilmann Otto aus Köln hat zwar das R aus dem Bandnamen The Evolution gestrichen, gerierte sich aber trotzdem als großer Einpeitscher der jugendlichen Revolte. Seine Free-Tibet-Rufe durchzuckten noch einmal wie Blitze den Rudolstädter Heinepark. Ob dabei ein Reissack in China umgefallen ist, dürfte dem ausgelassen tanzenden Publikum letztendlich aber ziemlich egal gewesen sein. Auf jeden Fall kann das Festival auch diesmal wieder als voller Erfolg verbucht werden, obwohl die 90.000 Zuschauer des letzten Jahres nicht getoppt werden konnten. Mit 85.000 waren es aber immer noch mehr als genug und die Verlängerung auf vier Tage hat sich gottlob nicht nur positiv auf die Vielfalt des TFF ausgewirkt. Das 23. TFF in Rudolstadt findet vom 04.-07.Juli 2013 statt. Der Länderschwerpunkt beschäftigt sich dann mit Italien, und das Magische Instrument wird uns die Flötentöne beibringen.

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Diversität herrschte wie immer auf allen Bühnen des TFF.

Fotos: St. B.

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Wien, die „Stadt der Künstler und Kellner“ – Zwischen Kaffeehaus, runden Geburtstagen, Marillenknödeln und poetisch gefärbten Theatergewächsen

Freitag, Januar 13th, 2012

„ ‚Ein anständiger Gast stellt beim Verlassen des Kaffeehauses seinen Sessel selbst auf den Tisch.‘ – hat also, anders formuliert, das Kaffeehaus als einer der letzten zu verlassen.“ Zitat des Wiener Kaffeehaus-Stammgasts Gustav Grüner aus „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ von Friedrich Torberg (1975)

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Das Café Leopold Hawelka in der Wiener Dorotheergasse

Was mir kurz vor Silvester als erstes in der Fly „Niki“, wo der legendäre Formel-1-Pilot Lauda, welch Ironie, immer noch selbst die Sicherheitsanweisungen verliest, tatsächlich Lesbares in die Hand fiel, war ausgerechnet der Kurier. Eine andere Legende hatte sich in den Himmel über Wien verabschiedet. „Kaffeehaus-Legende Hawelka gestorben“ titelte das Wiener Blatt. Auch Presse und Standard kondolierten und sogar die deutschen Großzeitungen hatten einen Tag später Nachrufe auf Den Wiener Cafetier überhaupt im Feuilletonteil. Leopold Hawelka starb am 29.12.11 im 101. Lebensjahr. Noch im April 2011 hatte er in dem von ihm 1939 in der Dorotheergasse eröffneten „Café Hawelka“ seinen 100. Geburtstag begangen. Die FAZ erhob das Hawelka nun sogar zum „wahren Café Europa“, denn es hat mit Sicherheit dem „Central“ in der Herrengasse, wo immerhin Leo Trotzki in den Jahren seiner Wiener Emigration Schach zu spielen pflegte, den Rang als Prominentencafé abgelaufen. Im Hawelka gaben sich nach dem Krieg österreichische und internationale Größen aus Kunst und Politik die Klinke in die Hand. Heute lebt das Hawelka immer noch von seiner Tradition als Künstler- und Intellektuellen-Café. Nachdem diese allerdings so nach und nach weggestorben sind, drängen sich nun dort die Touristen und halten bei einer Melange oder internationalisiertem Caffé Latte vergeblich Ausschau nach den Stars und Sternchen. Dabei sitzt man nun sogar in besonders geschützten Räumen, denn die UNESCO hat die Wiener Kaffeehäuser im November 2011 zum Weltkulturerbe erklärt.

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Auf Regen folgt Sonnenschein, manchmal – Einige verschwommene Impressionen vom 21. TFF in Rudolstadt

Donnerstag, Juli 7th, 2011

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Hier war der Himmel noch blau, einsame Folkbude auf dem Markt

Nun ist es ja nichts Ungewöhnliches in der mittlerweile 21jährigen Geschichte des Tanz- und Folkfestivals, dass der Himmel hin und wieder die Schleusen öffnet. Darauf ist der leidensfähige TFF-Besucher vorbereitet und lässt sich den Spaß durch ein paar Tropfen von oben nicht so leicht verderben. Allerdings war das Wetter in diesem Jahr nicht nur nass sondern auch so kalt, dass einige Tropfen mehr, vor allem geistigen Nasses, auch innerlich von Nöten waren, um die notwendige Körpertemperatur konstant aufrecht zu erhalten. Heißer Met und Glühwein waren der Renner und natürlich die vielen Tanzbühnen der Stadt. Das meistgebrauchte und -gehasste Utensil war der Regenschirm, der sich im Takt der Musik und der Wolkenbewegungen am Himmel öffnete und schloss, begleitet von den Unmutsbekundungen aus den hinteren Reihen, der wie immer zahlreich erschienenen Folkbegeisterten.

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Vor dem großen Ansturm, Straßenmusik in der Passage

Ein Tag mehr Musik, ein Tag mehr Qualität?

Bringt ein Tag mehr Festival auch ein Mehr an Qualität? Das war die große Frage nach der Bekanntgabe, dass das Sonderkonzert am Donnerstag ab diesem Jahr zum offiziellen Programm gehören sollte, inklusive Erhöhung der Kosten für das Dauerticket. Geschickter Schachzug oder notwendige Erweiterung, angesichts der 20.000 Zuschauer am Donnerstagabend im Heinepark, scheint das neue Konzept der Festivalmacher aber auf jeden Fall aufgegangen zu sein.
Als Anheizer hatte man den One and Only „They call me, Dr. John, The Night Tripper” aufgeboten. Der Blues-Doc aus New Orleans, Louisiana gab seine „Gris-Gris-Gumbo-Ya-Ya”-Mischung aus Rhythm and Blues, Voodoo und kreolischer Soul-Musik im pinkfarbenen Anzug zum Besten. Heiter tänzelte der 71jährige nach seinem beseelten Set auf seinen Stock gestützt von der Bühne. Er war aber leider durch nichts mehr zu bewegen, für eine kleine Zugabe die steile Treppe wieder zu erklimmen.
Danach gab es mit Madison Violet aus Kanada auf der kleinen Konzertbühne, die in diesem Jahr dummerweise kein Zelt mehr war, die erste Geige bei gewohnt starker Fiddeldichte und zwei der bezauberndsten Folksängerinnen des Festivals. Alles wartete aber sehnsüchtig auf den Hauptact des Abends, das französische Chansonsternchen Zaz. Und die Fans wurden nicht enttäuscht. Ein starker Auftritt mit einer gut gelaunten Sängerin, die das Publikum vom Start weg in Bewegung versetzte und hielt. (hier Ausschnitte auf YouTube). Ein Highlight schon zu Beginn des Festivals.

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„Je veux“ – Alle wollten Zaz am Donnerstagabend auf der großen Parkbühne.

Von Bühne zu Bühne, in Bewegung sein ist alles.

Bei gut 130 Bands auf über 20 größeren und kleineren Bühnen über die ganze Stadt verstreut, bedarf es eines gewissen Maßes an Organisation und Durchhaltevermögen. Bereits beim Frühstück auf dem Zeltplatz werden Schlachtpläne erarbeitet und wegen grober zeitlicher Überschneidungen wieder verworfen. Wer einen halbwegs guten Überblick über das Geschehen haben will und nicht nur wegen des „schönen“ Wetters und der Landschaft in Rudolstadt weilt, braucht gute Nerven, das richtige Schuhwerk und ein sonniges Gemüt.

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Ein Klischee, das sich angesichts der Temperaturen schnell selbst als blöd erwies. Begehrtes Nass am Metstand im Park

Es ist schlichtweg unmöglich alle Headliner zu sehen, das sollte man sich ziemlich schnell aus dem Kopf schlagen. Die Unsitte immer größere Stars aus dem allgemeinen Festivalzirkus nach Rudolstadt zu holen, hat sich nicht unbedingt positiv auf die Qualität des Programms ausgewirkt. Quantitativ dürfte das TFF nun endgültig an seinen Grenzen angekommen sein. Hatte man früher noch oft die Chance, einen Konzerttermin sausen zu lassen, weil die Bands 2-3 mal aufgetreten sind, ist das relaxte Schlendern über die einzelnen Sets, einem Run nach den großen Namen gewichen.
Als langjähriger Besucher hat man eine gewisse Ahnung dafür entwickelt, wie die Line-ups der einzelnen Bühnen am Abend aussehen werden. Im Heinepark geht mit Folkrock, Ska und Reggae die Post ab, wogegen die Liebhaber der kulturell anspruchsvolleren Weltmusik eher auf der Heidecksburg oder in den diversen Indoor-Lokalitäten auf ihre Kosten kommen dürften. Schräges passt gut auf die Konzertbühne im Park oder die Burgterrasse.

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Relaxte südfranzösiche Sitzmugge mit Marseille-Blues von Moussu T e lei jovents auf dem Markt.

Mittlerweile ist aber eher die zu erwartende Auslastung das Kriterium zur Auswahl der Bühne geworden. Und es wird auch schon mal darauf hingewiesen beim Überqueren der Saale und der Bahngleise, die Park und Stadt trennen, nicht nur den kleinen schmalen staugefährdeten Tunnel zu benutzen, sondern den etwas längeren Weg über die neue Brücke am anderen Ende des Parks zu gehen. Wie dem auch sei, man konnte, wenn man wollte, auch in diesem Jahr wieder fern ab der ausgetretenen Pfade so manches musikalische Kleinod entdecken. Und dazu sind wie immer die Nachmittagsstunden in der Stadt und auf der Heidecksburg am besten geeignet.

Hoch Heidecksburg

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Etwas Kraft braucht es zum Aufstieg auf die Heidecksburg

Das ehemalige Residenzschloss der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt hat eine lange und bewegte Historie. Bereits im 13. Jh. erstmals errichtet, wurde es 1345 zerstört und brannte in Folge mehrmals ab, wurde im 16.Jh. erst als Renaissanceschloss und schließlich im 18.Jh. als Barockbau wieder aufgebaut. Seit die Burg wieder bestens saniert ist, gehören die große Bühne im Burghof und die kleine auf der Terrasse zum festen Bestandteil des Festivals. Man erreicht die Burg über mehrere Stiegen und genießt vom Schlosspark und der Burgterrasse einen wunderbaren Panoramablick auf Rudolstadt, nebst akustischen Klangfetzen aus dem musikalischen Treiben rund um den Markt.

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Direkt aus einer portugiesischen Tasca, Marta Mirandam und OqueStrada.

Musikalisch hatte der Freitag auf der Burg auch einiges zu bieten. Portugiesische Tanzklänge und Fado direkt aus der Taska mit OqueStrada und der fantastischen Sängerin Marta Mirandam und der in Israel lebende Ravid Kahalani mit seiner internationalen Band Yemen Blues. Er verbindet in seinen Songs die traditionellen Klänge seiner jemenitischen Heimat mit afrikanischen Sounds und dem Blues aus Amerika. Yemen Blues werden auch am 17. Juli im Rahmen der Wassermusik zum Thema Wüste im Haus der Kulturen der Welt in Berlin spielen.

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Highlight am Freitagabend auf der Burg, Ravid Kahalani mit Yemen Blues

Experimentelles gab es mit dem hochgelobten Hans Unstern aus Berlin auf der Burgterrasse, ein Exot mit seinen versponnenen textlastigen Songs nicht nur im Rahmen des TFF. Passender war dann wieder am Samstagnachmittag eine Mischung aus Tango und Balkanmusik mit  Oana Cǎtǎlina Chiţu aus Rumänien oder die sphärischen Klänge von Dakha Brakha aus der Ukraine, die Band mit den definitiv passendsten Kopfbedeckungen zu den aktuell herrschenden Temperaturen auf dem Festival.

Spaß und Tanz im Heinepark

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Dakha Brakha aus der Ukraine, hier bei ihrem berauschenden Set auf der Konzertbühne im Park. Passende Mützen gegen die Kälte für die Damen, der Herr am Akkordeon versucht die Zähne zusammenzubeißen.

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Der Heinepark gehört wie immer den freien Gruppen, Tänzern, Clowns und natürlich den Kindern.

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Vom ruckartigen Headbanging bis zum melodiös zarten Hirnschlag, die herrlich schrägen Glorystrokes aus England, wohl die meistbeschäftigste Band des Festivals, hier auf der Konzertbühne im Park.

Eine Ruth im Regen

Und den Himmel voller Geigen für das Folkduo Fjarill, Klaus den Geiger und Hubert von Goisern, die in diesem Jahr am Samstagabend auf der Heidecksburg mit der Ruth ausgezeichnet wurden. Der 71jährige Klaus von Wrochem wurde für sein unermüdliches Lebenswerk ausgezeichnet, das nicht nur aus dem Straßenmusiker Klaus der Geiger besteht. Er leitet u.a. auch das Orchester des Kölner Kunstsalons und ist musikpädagogisch tätig. Die rheinische Frohnatur mit ausgeprägtem Hang zum Anarchismus ließ sich nicht lumpen und fiedelte, wie schon Tags zu vor auf dem Neumarkt, einige Songs mit explizit geradeaus getexteten Aussagen zur Hybris des Menschen gegenüber der Natur und gegen die Raffzähne in der Geldwirtschaft. Erst vor zwei Jahren hatte ein anderer Unermüdlicher, der bayrische Reggaeanarcho Hans Söllner, eine Ruth erhalten.
Die deutsche Ruth bekam der Alpen-Rocker Hubert von Goisern aus Österreich für seine aktuelle CD „Haut und Haar“. Seit den 80er Jahren bewegt sich Goisern konsequent zwischen der musikalischen Tradition seiner Heimat und den Klängen aus aller Welt. In seinem Konzert standen neue Rocksounds neben den bekannten Jodlern zum Akkordeon. Das Publikum war begeistert und der Burghof übervoll, so dass der Zugang sogar vorübergehend geschlossen werden musste.

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Kein Pardon für Banken und Gehörgänge, der Anarcho-Fiedler Klaus von Wrochem alias Klaus der Geiger. (links) –
Jodleiridlduueiouri, wia die Zeit vergeht. Back to the Roots, der oberösterreichische Alpenrocker Hubert von Goisern mit Akkordeon. (rechts) 

Anschließend gab es noch eine bemerkenswerte Schweizer Band zu sehen. Der Gitarrist Christy Doran hat für sein Hendrix-in-Woodstock-Projekt, das zweite übrigens, noch einen Bassisten und einen Schlagzeuger um sich geschart und die Vokalakrobatin Erika Stucky als Sängerin gewonnen. Stucky ist ebenfalls schon Hendrix-erfahren, 2006 hat sie mit den Schweizer Young Gods auch schon mal ein Hendrix-Projekt kreiert. Ganz in weiß gewandet gibt Stucky den Hendrix als schrägen Kunstvogel, ganz Voodoo Child zersägt sie mit ihrer Stimme den Rudolstädter Regen und schickt Machine-Gun-Salven in den Nachthimmel. Es gießt in Strömen, der Stratocastersturm tobt und einigen älteren Herren, die Jimi Hendrix wohl noch persönlich gekannt haben, klappt die Kinnlade herunter. Eine Experience der ganz besonderen Art auf der Burg, während sich der Senegalese Youssou N`Dour im Heinepark mit Trommeln und Handständen warm und das Publikum bei Laune hielt.

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Wer hat`s erfunden? Erika Stucky als Schneeflöckchen-Weißröckchen-Jimi mit dem schweizer Projekt „Hendrix in Woodstock“

Gegen das Feuerwerk der Woodstockepigonen sahen die andern schweizer Bands des Länderschwerpunkts eher blass aus, allen voran die Berner Kummerbuben mit ihrem Rumpelsound. Das hat man von den österreichischen Attwenger oder La Brass Banda aus Bayern schon besser gehört. So etwas wie performatives Musiktheater gab es in der Stadtkirche mit dem schweizer A-capella-Trio Nørn. In einer erfundenen Kunstsprache führten die Sängerinnen ihr Werk „Urhu“ auf. Als nordische Schicksalsgöttinnen gebieten sie über Zeit und Raum, ein visuelles und akustisches Erlebnis am passenden Ort mit einer symbolischen Räder-Installation zum Thema von Georg Traber.

Der Sonntag mit Altbewährtem und neuem Abschluss.

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Früh übt sich was ein richtiger Folker werden will. Sonntagmittag auf dem Markt.

Sonntag ist der Tag des Treibenlassens und Relaxens, denn nicht nur der Handyakku ist meist leer. Einige denken schon an Abschied, andere liegen im Park auf der Wiese oder drängen schon wieder zu den letzten Highlights, die bisher immer auf der Burg beheimatet waren. Hier kämpft aber nur Maria Franz, die dänische Björk von der Folkband Euzen, vergeblich gegen den Regen und fiddelt der Engländer Seth Lakeman biederen Folkpop gegen den bedeckten Himmel. In diesem Jahr ist bekanntlich alles anders, alles neu und der Park ist neben dem obligatorischen Abschlussrevue fürs breite Volk auf dem Markt, der Ort für das endgültig letzte Konzert.

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Schlagkräftiger Slogan über jazzigem Akkordeon, René Lacaille aus Réunion im Park. Am Montag hat einen dann spätestens der Alltag wieder.

Vorher gab es mit den marokkanischen Masters Musicians Of Jajouka noch mal verschärften Vuvuzelalarm (Schalmeien) auf der Konzertbühne. Dieses tranceartige Getröte hat schon einige bekannte westliche Musiker inspiriert und auch in Rudolstadt gab es ein Konzert mit DJ-Begleitung als Jajouka Sound System. Zum Finale auf der großen Parkbühne hatte man mit dem Treacherous Orchestra wieder für absolut Tanzbares gesorgt. Die Schotten geizten nicht mit ihrem partytauglichen Celtic-Sound bestehend aus dem üblichen Instrumentarium aus Bagpipe, Querflöten, Akkordeon und natürlich den üblichen Fiddeln. Das Tänzchen war dann allerdings auch pünktlich vor dem nächsten Regenguss vorbei.

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Das lästige Utensil (links unten) beim Tanzen achtlos entsorgt.

Im September gibt es dann im Theater Rudolstadt wieder echte Hochkultur zu sehen und es hält neben Shakespeare und Schiller, der hier, nicht wie Goethe, tatsächlich öfter mal vorbeigekommen ist, Kleist mit seinem „Amphytrion“ Einzug und die Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt widmen sich statt dem argentinischen Tango wieder Verdi, Offenbach und Tschaikowsky. Auch Intendant Steffen Mensching wird mit Michael Kliefert wieder ein Stück zum besten geben: „Der Aufstieg der Amateure“.

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Hochkultur mit Kleist zum 200. Todestag auch am Theater Rudolstadt.

Aber pünktlich am ersten Wochenende im Juli 2012 werden die verrückten Folkis wieder zum 22. TFF in die Stadt einfallen, denn auf Regen folgt bekanntlich auch mal wieder Sonnenschein und auch im nächsten Jahr werden sich sicher 90.000 Menschen finden, die sich für Rudolstadt anstelle der zeitgleichen Fusion oder gar des legendären Roskilde entscheiden.

Fotos: St. B.

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ROMA – La città della fontana – Teil 2

Mittwoch, August 11th, 2010

Drei kurze Tage in der Ewigen Stadt

  • 2. Tag

„Was lange wird, wird gut – Eile mit Weile – Rom ist nicht in einem Tag gebaut – Kommst du heut nicht, kommst du morgen und noch viele hundert ähnliche Sprichwörter führt der Deutsche beständig im Munde.“       Heinrich Heine

Heine hatte ja bekanntlich nicht viel übrig für die Romschwärmer auf Goethes Spuren. Nichts desto trotz stehen wir um 8:00 Uhr morgens wieder auf der Matte, der Tag beginnt mit einem Capuccino und einer Busfahrt zur Villa Borghese, dem großen Park im Norden Roms.

„die Gärten in und um Rom zu besuchen. Mein Freund! es ist nicht zu beschreiben, wie schön die Natur in diesem Lande ist. Man gehet in schattichten Lorbeerwäldern und in Alleen von hohen Cypressen, und an Gatterwerken von Orangerien, an eine Viertelmeile weit in etlichen Villen, sonderlich in der Villa Borghese. Je mehr man Rom kennen lernet, je besser gefällt es. Ich wünschte, beständig hier bleiben zu können.“                              Johann Joachim Winckelmanns, 1756

Das frühe Kommen hat sich gelohnt. Der Park liegt noch ruhig da, nur ein paar Jogger und frühe Touristen im ersten Sonnenlicht. Die Galleria Borghese ist unser Ziel. Sie ist im Casino der Villa Borghese untergebracht, das Gebäude wurde 14 Jahre lang aufwendig saniert und ist seit 1998 wieder eröffnet. Der helle Sandstein der Fassade leuchtet in der Morgensonne. Eintritt nur nach Voranmeldung, in einem Zeitfenster von 2 Stunden kann man die Säle des 3-geschossigen Casinos besichtigen. Erbaut wurde es zwischen 1613 und 1616 von Kardinal Scipione Borghese, der als Neffe des Papstes Pauls V. durch die Anhäufung eines unermesslichen Vermögens, auch aus dem konfiszierten Gütern römischer Patrizierfamilien, die Möglichkeit hatte, die wohl größte Kunstsammlung der Renaissance und des Barock im 16. und 17. Jh. zusammen zu tragen. Andächtig geht man durch die Säle vorbei an Berninis Barock-Skulpturen Apollo und Daphne, dem Raub der Proserpina, Äneas und Anchises und des Davids mit der Schleuder, den Mundwinkel verzerrt vor Anstrengung des Zielens. Immer wieder schweift der Blick an die reich bemalten und verzierten Decken, man kann kaum räumliche Malerei von echten Reliefs unterscheiden. Im Sala di Paolina Borghese, der Frau des Camillo Borghese, ruht die Paolina Bonaparte Borghese als siegende Venus von Antonio Canova 1805-08 auf ein Marmorkissen gebettet.

Bildhauerisches

Palmström haut aus seinen Federbetten,
sozusagen, Marmorimpressionen:
Götter, Menschen, Bestien und Dämonen.

 Aus dem Stegreif faßt er in die Daunen
des Plumeaus und springt zurück, zu prüfen,
leuchterschwingend, seine Schöpferlaunen.

 Und im Spiel der Lichter und der Schatten
schaut er Zeuse, Ritter und Mulatten,
Tigerköpfe, Putten und Madonnen…

 träumt: wenn Bildner all dies wirklich schüfen,
würden sie den Ruhm des Alters retten,
würden Rom und Hellas übersonnen!

Christian Morgenstern, Palmström (1910)

An den Wänden hängen Gemälde von Raffael, Caravaggio, Tizian und Botticelli sowie eine große Auswahl von Gemälden des Norditalieners Dosso Dossi aus dem 16. Jh. Die 2 Stunden gehen schnell vorbei und wir machen uns auf den Weg den Park zu durchstreifen. Vorbei am Giardino Zoologico, in dem sich die Affeninsel, die uns Robert Musil in seiner Kurzgeschichte von 1936 so plastisch beschrieben hat, befindet.

„In der Villa Borghese in Rom steht ein hoher Baum ohne Zweige und Rinde. Er ist so kahl wie ein Schädel, den die Sonne und das Wasser blank geschält haben, und gelb wie ein Skelett. Er steht ohne Wurzeln aufrecht und ist tot, und wie ein Mast in den Zement einer ovalen Insel gepflanzt, die so groß ist wie ein kleiner Flussdampfer und durch einen glattbetonierten Graben vom Königreich Italien getrennt wird. Dieser Graben ist gerade so breit und an der Außenwand so tief, dass ein Affe ihn weder durchklettern noch überspringen kann. Von außen herein ginge es wohl; aber zurück geht es nicht.“

Robert Musil aus „Die Affeninsel“

An der Viale Belli Arte steht der Palazzo delle Belle Arti mit der Galleria Nazionale de Art Moderna. Das Museum, mit vorrangig italienischer Kunst des 19. und 20. Jh., wurde 1883 gegründet und ist hier seit 1914 untergebracht. Das Gebäude wurde zur Weltausstellung 1911 errichtet, die Fassade ist an Otto Wagners Jugendstil orientiert, enthält aber auch klassizistische und Renaissance-Motive. Der Rundgang ist durchaus lohnend, einen so umfangreichen Überblick über die italienische Kunst des 19. Jh. vom Neoklassizismus über Divisionismus zu Symbolismus und Jugendstil hat man so noch nicht bekommen. Hervorzuheben sind sicher Morelli, Segantini, Severini, Savinio und der Maler des Lichts Gaetano Previati. Weiter geht es mit Werken des Novecento aber auch Gemälde von Degas, Monet, van Gogh, Klimt, van Dongen und die bekannten Italiener Modigliani, de Chirico und Morandi sind zu sehen. Die Futuristen sind besonders durch Giacomo Balla vertreten, der Neorealismus mit Guttuso und Manzù. Einige Säle sind der Nachkriegsmoderne, Pop und Land Art mit Lucio Fontana, Mimmo Paladino, Francesco Clemente, Jannis Kounellis, Jackson Pollock, Cy Towbly und nicht zu letzt Andy Warhol gewidmet. Nach weiteren 2 Stunden Kunstgenuss erklimme ich nun den Monte Pincio, um endlich dann den für alles entlohnenden Blick über die Stadt zu haben.

„Die ganze Stadt tat sich vor mir auf, eine endlose Folge von Dächern, Terrassen, Fenstern und Kuppeln, eine lichte Weite aus luftigem Grau, zart leuchtendem Gelb, goldenen Rosatönen und altersmürbem Putz, der im Schatten leicht violett schimmerte. Alles erschien klar und fern, umgeben von fast dinghafter, getönter Luft, in der Myriaden staubfeiner goldener Teilchen zu schwirren schienen. Am äußersten linken Rand schloß, blau in der Entfernung, die Kuppel des Petersdoms die Häuserlandschaft ab; …“

Carlo Levi, aus dem Roman „Die Uhr“

Hier kann man sich nun entscheiden, ob man den Abstieg in Richtung Piazza del Popolo nimmt oder in Richtung Piazza di Spagna geht, ich wähle letzteres. Der Weg führt vorbei an der Villa Medici, die hoch am Wege hinter blühenden Sträuchern aufragt, in Richtung der Kirche Trinita die Monti mit einem ägyptischen Obelisken davor. Von hier aus windet sich die Spanische Treppe mit ihren mal konkaven, mal konvexen Stufen zur Piazza die Spagna herunter. An ihrem Rande befinden sich die Casa de Chirico und das Keats-Shelley-Museum mit Handschriften des Rom-Begeisterten Lord Byron.
Auch Robert Musil wohnte hier im Hotel Lavigne bei der Spanischen Treppe „… mit gläsernen Lüstern, Spiegeln in Glasrahmungen udgl. In dieser schiefen, verwackelten, zahnlückigen Stadt, verrückten Stadt, die manchmal wieder so gerade, mit viel zu vielen Fenstern dasteht.“ schrieb er in seinen Tagebüchern liebevoll über Rom.
Auf der Piazza an der Fontana della Barraccia, sie hat die Form eines Schiffes und ist mal von einem anderen Bernini, nämlich dem Vater Pietro, spielen Kinder. Ein Italiener mit Trillerpfeife mimt den Bademeister und ruft die Kids zur Ordnung. Baden leider verboten, nicht mal die müden Füße darf man sich kühlen. Wie mag es hier noch zu Zeiten der Blumenkinder gewesen sein, wenn selbst Ernst Jünger 1968 schwärmte:
„Ich kam über die Spanische Treppe, dem Treffpunkt von Gammlern und Hippies aus aller Welt. Einer posierte im violetten Rock und silbernen Schuhen, mit blonden Haaren, die bis auf die Schultern fielen, einen Admiralshut über dem geschminkten Gesicht. Ein Hauch von Haschisch in der Luft.“
Heute posieren nur ein paar ziemlich normal aussehende Touristen in Shorts. Man sitzt brav auf den Stufen der Treppe und beobachtet das gemächliche nachmittägliche Treiben. Und so trolle ich mich bald in Richtung Piazza Barberini, um den Heimweg an zu treten.
An der Piazza della Republica mit seiner Fontana delle Naiadi in der Mitte, erschaffen zwischen 1885 und 1901 von Guerrieri Rutelli, steht auf den Ruinen der Diokletian-Thermen die Kirche Santa Maria degli Angeli, ein Alterswerk von Micheangelo aus dem Jahre 1563 mit ihren wunderschönen kreuzförmig angeordneten Schiffen und Mosaikfenstern. Im hinteren Bereich der ehemaligen Thermen befindet sich das Museo Nationale Romano, das ich für heute auslasse und mich lieber noch zum Besuch des Forum Romanum entschließe.

So lang‘ das Coliseum steht, steht Rom;
Fällt dieß, so fällt auch Rom, fällt Rom – die Welt!
Zur Sachsenzeit ward einst bei diesem Dom,
Zur Zeit, die alt zu nennen uns gefällt,
Von Pilgern unsres Lands der Satz gestellt!
Doch stehn noch alle drei zu dieser Frist,
Rom, Roma’s ew’ge Trümmer und die Welt,
Die noch dieselbe weite Höhle ist
Für Diebe oder – was Ihr sonst zu nennen wißt!

Lord Byron aus „Ritter Harolds Pilgerfahrt“ 1812-1818

Direkt an der Metrostation Colosseo, erheben sich die Reste des großen antiken Theaters von Rom, 72 n.Chr. erbaut von Kaiser Vespasian um die Römer nach den Eskapaden des Nero mit Brot und Spielen zu zerstreuen. Anlässlich der Tausendjahrfeier Roms sollen dort 247 n.Chr. 2000 Gladiatoren gegeneinander angetreten sein. Nun ist das Kolosseum eine große Ruine und der Wind der Geschichte fegt durch die Bögen der Ränge.

Hier, wo ein Held fiel, fällt jetzt eine Säule,
Dort, wo der Adler einst in Gold gestrotzt,
Hält eine Fledermaus Vigilien,
Wo ihr vergoldet Haar die Damen Roms
Im Winde flattern ließen, wogen nun
Riedgras und Disteln, und wo der Monarch
Auf goldnem Thron wollüstig träge saß –
Da schlüpfen nun, vom Monde schwach beleuchtet,
Eidechsen hurtig in ihr Marmorheim.

Edgar Allan Poe, aus Das Kolosseum, 1891

Vorbei am Arco die Costantino aus dem 4. Jh. geht es zum Eingang des Forum Romanum. Die Sonne steht nun schon tief und es bleiben wieder mal nur knapp 2 Stunden zur Besichtung der antiken Trümmer. Das scharfe Licht, das die alten Gemäuer und Zypressenbäume in fantastischen Farben erstrahlen lässt, entschädigt aber für alle Mühen.

„In mildem Glanze strahlest du, Rom. Auf Purpurkissen,
in gold´ne Schleier eingehüllt, still liegst du da.“

Gabriele d´Annunzio (1863-1938)

Das Forum war seit ca. 500 v.Chr. das politische Zentrum der Stadt Rom. Man läuft die Via Sacra entlang, an Tempelruinen vorbei, wie einst die großen Triumphzüge in Richtung Monte Capitolino. Da ertönt schon die Pfeife der Forumswärter und wir müssen das Gelände über eine steile Treppe zum Kapitolsplatz verlassen. Die Gebäude des Platzes sind von Michelangelo gestaltet, in der Mitte steht das Reiterstandbild des Kaisers Marc Aurel. Hier wurde Julius Cäsar von Brutus gemeuchelt.

„Cäsar entblößte sein Haupt und hatte sich selbst nicht zu grüßen;
Kann ich weniger thun, jetzt, da sein Schatten hier weilt?“

Friedrich Hebbel, Auf dem Capitol (1845)

Über die Stufen der Cordonata verlassen wir den historischen Ort.

„Was kann vermieden werden,
Das sich zum Ziel die mächt’gen Götter setzten?
Ich gehe dennoch aus, denn diese Zeichen,
So gut wie Cäsarn, gelten sie der Welt.“

William Shakespeare aus „Julius Cäsar”

Unten erstreckt sich die Piazza Venezia mit dem Altar des Vaterlandes, einem monumentalen Nationaldenkmal für die italienische Staatsgründungsbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jh. Gegenüber liegt der Palazzo Venezia einst Regierungssitz Mussolinis. Wer von hier aus noch zum Circus Maximus will, kann das getrost auslassen, es lohnt nicht. Am Ort an dem einst Ben Hur in seinem Streitwagen um die Kurven jagte, joggen nun die Römer durchs Gras und feiern junge Leute Grillpartys. Vertrieben von den Mückenschwärmen ziehen wir lieber wieder im Trastevere nach einem guten Essen mit Vino della Casa noch etwas um die Häuser.

Wenn das Schaukelbrett die sieben Hügel
nach oben entführt, gleitet es auch,
von uns beschwert und umschlungen,
ins finstere Wasser,

taucht in den Flußschlamm, bis in unsrem Schoß
die Fische sich sammeln.
Ist die Reihe an uns,
stoßen wir ab.

Es sinken die Hügel,
wir steigen und teilen
jeden Fisch mit der Nacht.

Keiner springt ab.
So gewiß ist’s, daß nur die Liebe
und einer den andern erhöht.

Ingeborg Bachmann, Römisches Nachtbild, 1956

Fortsetzung folgt

ROMA – La città della fontana

Donnerstag, August 5th, 2010

„Aufsteigt der Strahl und fallend giesst
er voll der Marmorschale Rund,
die, sich verschleiernd, überfließt
in einer zweiten Schale Grund.
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
der dritten wallend ihre Flut,
und jede nimmt und gibt zugleich
und strömt und ruht …“

Conrad Ferdinand Meyer, „Römische Brunnen“

Drei kurzweilige Tage in der Ewigen Stadt

  • Ankunft mit Hindernissen

„Ja ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt!“

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, Rom, 1. November 1786

Turbulenzen über den Wolken, wir werden etwas unsanft aus der Lektüre der Morgenpresse gerüttelt. Scheiß Billigflieger, aber immerhin stürzt man mit der FAZ in der Hand und dem letzten Veriss von Gerhard Stadelmaier in den Gedanken aus den Wolken, welch ein Trost. Nachdem wir dann doch noch glücklich auf dem Leonardo da Vinci Airport gelandet sind und die Sonne wieder lacht, folgt die nächste Ernüchterung, Mittagspause am Gepäckband, der Italienurlauber braucht hier Geduld oder für 3 Tage eigentlich nur leichtes Handgepäck, das sollte man wissen und einplanen. Nach dem Erwerb eine Romcard für 25 €, geht es zur S-Bahn Richtung Rom, die ist im Preis leider nicht mit inbegriffen und kostet noch mal 14 €. Nun aber flinke Füße und schon sitzt man im Zug in Richtung City, Nonstop zur Endstation Roma Termini. Nonstop – No End, wir zuckeln so geschlagenen 45 min. für 30 km durch die Peripherie der ewigen Stadt. Ankunft Termini am letzten Gleis und wieder per pedes apostolorum zur Haupthalle. Wolfgang Koeppen schrieb schon in seinem Roman „Tod in Rom“ 1954 über die Stazione Termini: „Es ist der schönste Bahnhof der Welt, aus Stahl, Beton und Glas und matt schimmerndem Aluminium, … und … so darf sich der moderne Reisende in der auffallend russfreien, so eigenartige belebenden Luft dieses wahrhaften Weltbahnhofs, auf leichtem Metallstuhl auf der Terrasse des Bahnsteig-Cafés den ersten Espresso trinkend, der, unvergleichlich jedem anderen Kaffee, für das Abenteuer Rom stärkt, staunend und stolz seines In-Rom-Seins bewusst werden.“ Nun das scheint lange her, Dampflokomotiven gibt es nicht mehr und alles andere erinnert auch eher an einen Bahnhof einer modernen Metropole mit hastenden Menschen und Einkaufsgalerien auf allen Ebenen, wäre da nicht diese archaische Architektur mit ihrem geschwungenen Betondach, das detailbesessen mit kleinsten Mosaikfliesen bekleidet ist. Rom liegt uns nun zu Füßen und so geht es auch weiter, zum Glück nur in die nächste Seitengasse.

„Rom ist eine horizontale Stadt aus Wasser und Erde, hingebreitet, und darum eine ideale Plattform für die Phantasie.“        Federico Fellini

Die Hotelwahl war ein Glücksgriff, „Hotel Luce“ in der Via Magenta 34, ein kleines aber feines Haus in den Straßen hinter dem Hauptbahnhof, zwischen einigen Läden, Cafes und Restaurants sehr günstig gelegen. Für einen Kurztrip genau die richtige Adresse, besonders für junge Leute, die auch reichlich in den Kneipen der Gegend rumhängen und in ihre Labtops hämmern. Saubere Zimmer mit Dusche und WC und was im Sommer von Vorteil ist, einer Klimaanlage. Der Service und das kleine Frühstücksbuffet sind in Ordnung, die junge Dame am Empfang hat wertvolle Tipps für den Romaufenthalt und erklärt sehr geduldig in gutem Englisch, das scheint wohl das besagte „Licht“ zu sein, was dem Haus mit seinen gedrungenen Zimmerchen eigentlich sonst etwas fehlen würde.

  • 1. Tag, Rom per Pedes

Sei´s! Muss ich zum letzten Male
Schöpfen aus dem Trevi-Strom,
doch die randgefüllt Schale
Weih´ ich dir, geliebtes Rom.

Adolph Friedrich Graf von Schack (1815-1894)

2 Stationen mit der Metrolinie A zur Piazza Barbarini, im Vorbeigehen noch staunend über den Triton des Bildhauers Gian Lorenzo Bernini, steht man ein paar Seitengassen weiter schon vor dem ersten Wunder Roms der „Fontana di Trevi“. Man muss sich seinen Platz erobern in den Menschenmassen, die den Platz davor bevölkern, um die ganze spätbarocke Pracht genießen zu können. Im Jahre 1640 begann ebenfalls Bernini diesen Brunnen zu gestalten. Unter klassizistischen Säulen mit der Figur des Oceanus winden sich auf mehreren Steinterrassen, zwei geflügelte Pferde bändigende Tritone. Das hier in Fellinis Film „La dolce vita“ einst Anita Egbert gebadet hat, scheint heute ganz unwirklich, da man vor lauter Leuten kaum an den Rand des Beckens gelangt und so holt man sich auch ganz passend lieber ein Eis und schlendert weiter. Nachts ist es hier übrigens nicht viel anders, vielleicht ist man in den ersten Morgenstunden allein am Brunnen, gestört dann eventuell nur noch durch die fleißigen Müllmänner Roms.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden.
Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
– Also sang Zarathustra.

Friedrich Nietzsche

Vorbei an der Säule des Marc Aurel, einer endlosen Aneinanderreihung der Schlachten gegen die Germanen, überquert man die Piazza Colonna, hier residiert übrigens im Palazzo Chigi Silvio Berlusconi, aber außer ein paar Carabinieri ist niemand zu sehen. In Italien sind auch Parlamentsferien und so ist auch vor dem Palazzo Montecitorio, dem italienischen Parlament, gähnende Leere. Erst an der Piazza della Rotonda ändert sich das schlagartig, hier steht wieder ein schöner Barockbrunnen, um den sich die Menschen scharen und wechselnd den Straßenmusikanten und Tenören lauschen oder ins Pantheon strömen. 27 v. Chr. wurde der römische Tempel von Marcus Agrippa unter Kaiser Augustus den Planetengötter geweiht. In dem faszinierenden Firmament der Kuppel, deren Form seit 125 n. Chr. besteht, befindet sich eine runde Öffnung, die das Sonnenlicht ins Innere leitet. Die besonders ausgewogene architektonische Form des Pantheon zeugt von einer hohen bautechnischen Kunstfertigkeit. Heute ist hier die Grabeskirche der italienischen Könige und in einer Nische befindet sich der Sarkophag des Renaissancemalers Raffael.

Erhaben, einfach, ernst, voll Würdigkeit,
Du aller Heil’gen, aller Gitter Schrein,
Von Zeus bis Christ! Dich hat die Hand der Zeit
Verschont, verschönt! Wie ruhig blickst Du drein!
Zinnen und Reiche, alles wankt, bricht ein.
Durch Dornen rennt der Mensch dem Grabe zu;
Du Sitz der Kunst, der Andacht, stehst allein?
Der Zeit und den Tyrannen trotzest Du,
Roms Stolz, o Pantheon, in unbewegter Ruh‘!

Lord Byron aus „Ritter Harolds Pilgerfahrt“, 1812-1818

Hinter dem Pantheon auf der Piazza della Minerva steht der berühmte Marmorelefant von Bernini mit dem ägyptischen Obelisken auf dem Rücken. An der Piazza Navona befindet man sich dann endlich so zu sagen in der guten Barock-Stube Roms. Der Platz, der auf der Grundfläche eines alten Stadions des Kaisers Domitian erbaut ist, bietet unter der Fontana dei Fiumi, natürlich von Bernini, Spiel und Spaß für alle, die sich an Straßenmusikern, Portraitmalern und Performern aller Art nicht satt sehen können. In den Cafes um den Platz sitzen jene die gesehenen werden wollen und deren Geld auch locker sitzt, da hier gepfeffert für die gute Sicht gezahlt wird. Auf den Geldbeutel sollte auch so acht gegeben werden, denn hier finden einen bestimmt die meisten der wohl unzähligen Taschendiebe Roms. Aber es bleibt ruhig und es lohnt sich wahrscheinlich heute eher den Touristen Kinkerlitzchen anzudrehen, als mühsam nach Handtaschen Ausschau zu halten. Vielleicht machen aber auch die Borseggiatore mal Ferien, nur in der überfüllten Metros und Bussen sollte man etwas vorsichtiger sein, sonst wird man doch noch Opfer eines viel besungenen Klischees.

„Überall Sportstätten, Springbrunnen, Marmorhallen, Tempel, Werkstätten, Schulen … anmutige Schauspiele aller Art und festliche Wettspiele ohne Zahl.“

Aelius Aristides, Lobrede über Rom, 156 n. Chr.

Wenn man sich satt gesehen hat, kann man sich über den ebenfalls gut gefüllten Campo de` Fiori mit dem Denkmal Giordano Brunos in die Seitengassen auf machen und sich in eine der vielen kleinen Trattorien setzen, um zu speisen oder auch nur ein Glas Wein oder Bier trinken. Am Abend ist auf jeden Fall für die Nachtschwärmer die Gegend am anderen Ufer des Tiber in der Nähe der Tiberinsel zu empfehlen, noch vor Jahren ein Geheimtipp hat auch hier nun die Gentrifizierung eingesetzt. Bars, Restaurants und Läden rund um die Viale di Trastevere laden zum endlosen Treiben für Unermüdliche ein.

„Anderer Orten muß man das Bedeutende aufsuchen, hier werden wir davon überdrängt und überfüllt. (…) Man müßte mit tausend Griffeln schreiben, was soll hier eine Feder! und dann ist man abends müde und erschöpft vom Schauen und Staunen.“

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, Rom 5. November 1786

Und genau mit diesen Eindrücken endet der erste Tag in Rom, fußlahm wieder angekommen im Hotel.

Fortsetzung folgt