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ROMA – La città della fontana – Teil 2

Mittwoch, August 11th, 2010

Drei kurze Tage in der Ewigen Stadt

  • 2. Tag

„Was lange wird, wird gut – Eile mit Weile – Rom ist nicht in einem Tag gebaut – Kommst du heut nicht, kommst du morgen und noch viele hundert ähnliche Sprichwörter führt der Deutsche beständig im Munde.“       Heinrich Heine

Heine hatte ja bekanntlich nicht viel übrig für die Romschwärmer auf Goethes Spuren. Nichts desto trotz stehen wir um 8:00 Uhr morgens wieder auf der Matte, der Tag beginnt mit einem Capuccino und einer Busfahrt zur Villa Borghese, dem großen Park im Norden Roms.

„die Gärten in und um Rom zu besuchen. Mein Freund! es ist nicht zu beschreiben, wie schön die Natur in diesem Lande ist. Man gehet in schattichten Lorbeerwäldern und in Alleen von hohen Cypressen, und an Gatterwerken von Orangerien, an eine Viertelmeile weit in etlichen Villen, sonderlich in der Villa Borghese. Je mehr man Rom kennen lernet, je besser gefällt es. Ich wünschte, beständig hier bleiben zu können.“                              Johann Joachim Winckelmanns, 1756

Das frühe Kommen hat sich gelohnt. Der Park liegt noch ruhig da, nur ein paar Jogger und frühe Touristen im ersten Sonnenlicht. Die Galleria Borghese ist unser Ziel. Sie ist im Casino der Villa Borghese untergebracht, das Gebäude wurde 14 Jahre lang aufwendig saniert und ist seit 1998 wieder eröffnet. Der helle Sandstein der Fassade leuchtet in der Morgensonne. Eintritt nur nach Voranmeldung, in einem Zeitfenster von 2 Stunden kann man die Säle des 3-geschossigen Casinos besichtigen. Erbaut wurde es zwischen 1613 und 1616 von Kardinal Scipione Borghese, der als Neffe des Papstes Pauls V. durch die Anhäufung eines unermesslichen Vermögens, auch aus dem konfiszierten Gütern römischer Patrizierfamilien, die Möglichkeit hatte, die wohl größte Kunstsammlung der Renaissance und des Barock im 16. und 17. Jh. zusammen zu tragen. Andächtig geht man durch die Säle vorbei an Berninis Barock-Skulpturen Apollo und Daphne, dem Raub der Proserpina, Äneas und Anchises und des Davids mit der Schleuder, den Mundwinkel verzerrt vor Anstrengung des Zielens. Immer wieder schweift der Blick an die reich bemalten und verzierten Decken, man kann kaum räumliche Malerei von echten Reliefs unterscheiden. Im Sala di Paolina Borghese, der Frau des Camillo Borghese, ruht die Paolina Bonaparte Borghese als siegende Venus von Antonio Canova 1805-08 auf ein Marmorkissen gebettet.

Bildhauerisches

Palmström haut aus seinen Federbetten,
sozusagen, Marmorimpressionen:
Götter, Menschen, Bestien und Dämonen.

 Aus dem Stegreif faßt er in die Daunen
des Plumeaus und springt zurück, zu prüfen,
leuchterschwingend, seine Schöpferlaunen.

 Und im Spiel der Lichter und der Schatten
schaut er Zeuse, Ritter und Mulatten,
Tigerköpfe, Putten und Madonnen…

 träumt: wenn Bildner all dies wirklich schüfen,
würden sie den Ruhm des Alters retten,
würden Rom und Hellas übersonnen!

Christian Morgenstern, Palmström (1910)

An den Wänden hängen Gemälde von Raffael, Caravaggio, Tizian und Botticelli sowie eine große Auswahl von Gemälden des Norditalieners Dosso Dossi aus dem 16. Jh. Die 2 Stunden gehen schnell vorbei und wir machen uns auf den Weg den Park zu durchstreifen. Vorbei am Giardino Zoologico, in dem sich die Affeninsel, die uns Robert Musil in seiner Kurzgeschichte von 1936 so plastisch beschrieben hat, befindet.

„In der Villa Borghese in Rom steht ein hoher Baum ohne Zweige und Rinde. Er ist so kahl wie ein Schädel, den die Sonne und das Wasser blank geschält haben, und gelb wie ein Skelett. Er steht ohne Wurzeln aufrecht und ist tot, und wie ein Mast in den Zement einer ovalen Insel gepflanzt, die so groß ist wie ein kleiner Flussdampfer und durch einen glattbetonierten Graben vom Königreich Italien getrennt wird. Dieser Graben ist gerade so breit und an der Außenwand so tief, dass ein Affe ihn weder durchklettern noch überspringen kann. Von außen herein ginge es wohl; aber zurück geht es nicht.“

Robert Musil aus „Die Affeninsel“

An der Viale Belli Arte steht der Palazzo delle Belle Arti mit der Galleria Nazionale de Art Moderna. Das Museum, mit vorrangig italienischer Kunst des 19. und 20. Jh., wurde 1883 gegründet und ist hier seit 1914 untergebracht. Das Gebäude wurde zur Weltausstellung 1911 errichtet, die Fassade ist an Otto Wagners Jugendstil orientiert, enthält aber auch klassizistische und Renaissance-Motive. Der Rundgang ist durchaus lohnend, einen so umfangreichen Überblick über die italienische Kunst des 19. Jh. vom Neoklassizismus über Divisionismus zu Symbolismus und Jugendstil hat man so noch nicht bekommen. Hervorzuheben sind sicher Morelli, Segantini, Severini, Savinio und der Maler des Lichts Gaetano Previati. Weiter geht es mit Werken des Novecento aber auch Gemälde von Degas, Monet, van Gogh, Klimt, van Dongen und die bekannten Italiener Modigliani, de Chirico und Morandi sind zu sehen. Die Futuristen sind besonders durch Giacomo Balla vertreten, der Neorealismus mit Guttuso und Manzù. Einige Säle sind der Nachkriegsmoderne, Pop und Land Art mit Lucio Fontana, Mimmo Paladino, Francesco Clemente, Jannis Kounellis, Jackson Pollock, Cy Towbly und nicht zu letzt Andy Warhol gewidmet. Nach weiteren 2 Stunden Kunstgenuss erklimme ich nun den Monte Pincio, um endlich dann den für alles entlohnenden Blick über die Stadt zu haben.

„Die ganze Stadt tat sich vor mir auf, eine endlose Folge von Dächern, Terrassen, Fenstern und Kuppeln, eine lichte Weite aus luftigem Grau, zart leuchtendem Gelb, goldenen Rosatönen und altersmürbem Putz, der im Schatten leicht violett schimmerte. Alles erschien klar und fern, umgeben von fast dinghafter, getönter Luft, in der Myriaden staubfeiner goldener Teilchen zu schwirren schienen. Am äußersten linken Rand schloß, blau in der Entfernung, die Kuppel des Petersdoms die Häuserlandschaft ab; …“

Carlo Levi, aus dem Roman „Die Uhr“

Hier kann man sich nun entscheiden, ob man den Abstieg in Richtung Piazza del Popolo nimmt oder in Richtung Piazza di Spagna geht, ich wähle letzteres. Der Weg führt vorbei an der Villa Medici, die hoch am Wege hinter blühenden Sträuchern aufragt, in Richtung der Kirche Trinita die Monti mit einem ägyptischen Obelisken davor. Von hier aus windet sich die Spanische Treppe mit ihren mal konkaven, mal konvexen Stufen zur Piazza die Spagna herunter. An ihrem Rande befinden sich die Casa de Chirico und das Keats-Shelley-Museum mit Handschriften des Rom-Begeisterten Lord Byron.
Auch Robert Musil wohnte hier im Hotel Lavigne bei der Spanischen Treppe „… mit gläsernen Lüstern, Spiegeln in Glasrahmungen udgl. In dieser schiefen, verwackelten, zahnlückigen Stadt, verrückten Stadt, die manchmal wieder so gerade, mit viel zu vielen Fenstern dasteht.“ schrieb er in seinen Tagebüchern liebevoll über Rom.
Auf der Piazza an der Fontana della Barraccia, sie hat die Form eines Schiffes und ist mal von einem anderen Bernini, nämlich dem Vater Pietro, spielen Kinder. Ein Italiener mit Trillerpfeife mimt den Bademeister und ruft die Kids zur Ordnung. Baden leider verboten, nicht mal die müden Füße darf man sich kühlen. Wie mag es hier noch zu Zeiten der Blumenkinder gewesen sein, wenn selbst Ernst Jünger 1968 schwärmte:
„Ich kam über die Spanische Treppe, dem Treffpunkt von Gammlern und Hippies aus aller Welt. Einer posierte im violetten Rock und silbernen Schuhen, mit blonden Haaren, die bis auf die Schultern fielen, einen Admiralshut über dem geschminkten Gesicht. Ein Hauch von Haschisch in der Luft.“
Heute posieren nur ein paar ziemlich normal aussehende Touristen in Shorts. Man sitzt brav auf den Stufen der Treppe und beobachtet das gemächliche nachmittägliche Treiben. Und so trolle ich mich bald in Richtung Piazza Barberini, um den Heimweg an zu treten.
An der Piazza della Republica mit seiner Fontana delle Naiadi in der Mitte, erschaffen zwischen 1885 und 1901 von Guerrieri Rutelli, steht auf den Ruinen der Diokletian-Thermen die Kirche Santa Maria degli Angeli, ein Alterswerk von Micheangelo aus dem Jahre 1563 mit ihren wunderschönen kreuzförmig angeordneten Schiffen und Mosaikfenstern. Im hinteren Bereich der ehemaligen Thermen befindet sich das Museo Nationale Romano, das ich für heute auslasse und mich lieber noch zum Besuch des Forum Romanum entschließe.

So lang‘ das Coliseum steht, steht Rom;
Fällt dieß, so fällt auch Rom, fällt Rom – die Welt!
Zur Sachsenzeit ward einst bei diesem Dom,
Zur Zeit, die alt zu nennen uns gefällt,
Von Pilgern unsres Lands der Satz gestellt!
Doch stehn noch alle drei zu dieser Frist,
Rom, Roma’s ew’ge Trümmer und die Welt,
Die noch dieselbe weite Höhle ist
Für Diebe oder – was Ihr sonst zu nennen wißt!

Lord Byron aus „Ritter Harolds Pilgerfahrt“ 1812-1818

Direkt an der Metrostation Colosseo, erheben sich die Reste des großen antiken Theaters von Rom, 72 n.Chr. erbaut von Kaiser Vespasian um die Römer nach den Eskapaden des Nero mit Brot und Spielen zu zerstreuen. Anlässlich der Tausendjahrfeier Roms sollen dort 247 n.Chr. 2000 Gladiatoren gegeneinander angetreten sein. Nun ist das Kolosseum eine große Ruine und der Wind der Geschichte fegt durch die Bögen der Ränge.

Hier, wo ein Held fiel, fällt jetzt eine Säule,
Dort, wo der Adler einst in Gold gestrotzt,
Hält eine Fledermaus Vigilien,
Wo ihr vergoldet Haar die Damen Roms
Im Winde flattern ließen, wogen nun
Riedgras und Disteln, und wo der Monarch
Auf goldnem Thron wollüstig träge saß –
Da schlüpfen nun, vom Monde schwach beleuchtet,
Eidechsen hurtig in ihr Marmorheim.

Edgar Allan Poe, aus Das Kolosseum, 1891

Vorbei am Arco die Costantino aus dem 4. Jh. geht es zum Eingang des Forum Romanum. Die Sonne steht nun schon tief und es bleiben wieder mal nur knapp 2 Stunden zur Besichtung der antiken Trümmer. Das scharfe Licht, das die alten Gemäuer und Zypressenbäume in fantastischen Farben erstrahlen lässt, entschädigt aber für alle Mühen.

„In mildem Glanze strahlest du, Rom. Auf Purpurkissen,
in gold´ne Schleier eingehüllt, still liegst du da.“

Gabriele d´Annunzio (1863-1938)

Das Forum war seit ca. 500 v.Chr. das politische Zentrum der Stadt Rom. Man läuft die Via Sacra entlang, an Tempelruinen vorbei, wie einst die großen Triumphzüge in Richtung Monte Capitolino. Da ertönt schon die Pfeife der Forumswärter und wir müssen das Gelände über eine steile Treppe zum Kapitolsplatz verlassen. Die Gebäude des Platzes sind von Michelangelo gestaltet, in der Mitte steht das Reiterstandbild des Kaisers Marc Aurel. Hier wurde Julius Cäsar von Brutus gemeuchelt.

„Cäsar entblößte sein Haupt und hatte sich selbst nicht zu grüßen;
Kann ich weniger thun, jetzt, da sein Schatten hier weilt?“

Friedrich Hebbel, Auf dem Capitol (1845)

Über die Stufen der Cordonata verlassen wir den historischen Ort.

„Was kann vermieden werden,
Das sich zum Ziel die mächt’gen Götter setzten?
Ich gehe dennoch aus, denn diese Zeichen,
So gut wie Cäsarn, gelten sie der Welt.“

William Shakespeare aus „Julius Cäsar”

Unten erstreckt sich die Piazza Venezia mit dem Altar des Vaterlandes, einem monumentalen Nationaldenkmal für die italienische Staatsgründungsbewegung in der ersten Hälfte des 19. Jh. Gegenüber liegt der Palazzo Venezia einst Regierungssitz Mussolinis. Wer von hier aus noch zum Circus Maximus will, kann das getrost auslassen, es lohnt nicht. Am Ort an dem einst Ben Hur in seinem Streitwagen um die Kurven jagte, joggen nun die Römer durchs Gras und feiern junge Leute Grillpartys. Vertrieben von den Mückenschwärmen ziehen wir lieber wieder im Trastevere nach einem guten Essen mit Vino della Casa noch etwas um die Häuser.

Wenn das Schaukelbrett die sieben Hügel
nach oben entführt, gleitet es auch,
von uns beschwert und umschlungen,
ins finstere Wasser,

taucht in den Flußschlamm, bis in unsrem Schoß
die Fische sich sammeln.
Ist die Reihe an uns,
stoßen wir ab.

Es sinken die Hügel,
wir steigen und teilen
jeden Fisch mit der Nacht.

Keiner springt ab.
So gewiß ist’s, daß nur die Liebe
und einer den andern erhöht.

Ingeborg Bachmann, Römisches Nachtbild, 1956

Fortsetzung folgt

ROMA – La città della fontana

Donnerstag, August 5th, 2010

„Aufsteigt der Strahl und fallend giesst
er voll der Marmorschale Rund,
die, sich verschleiernd, überfließt
in einer zweiten Schale Grund.
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
der dritten wallend ihre Flut,
und jede nimmt und gibt zugleich
und strömt und ruht …“

Conrad Ferdinand Meyer, „Römische Brunnen“

Drei kurzweilige Tage in der Ewigen Stadt

  • Ankunft mit Hindernissen

„Ja ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt!“

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, Rom, 1. November 1786

Turbulenzen über den Wolken, wir werden etwas unsanft aus der Lektüre der Morgenpresse gerüttelt. Scheiß Billigflieger, aber immerhin stürzt man mit der FAZ in der Hand und dem letzten Veriss von Gerhard Stadelmaier in den Gedanken aus den Wolken, welch ein Trost. Nachdem wir dann doch noch glücklich auf dem Leonardo da Vinci Airport gelandet sind und die Sonne wieder lacht, folgt die nächste Ernüchterung, Mittagspause am Gepäckband, der Italienurlauber braucht hier Geduld oder für 3 Tage eigentlich nur leichtes Handgepäck, das sollte man wissen und einplanen. Nach dem Erwerb eine Romcard für 25 €, geht es zur S-Bahn Richtung Rom, die ist im Preis leider nicht mit inbegriffen und kostet noch mal 14 €. Nun aber flinke Füße und schon sitzt man im Zug in Richtung City, Nonstop zur Endstation Roma Termini. Nonstop – No End, wir zuckeln so geschlagenen 45 min. für 30 km durch die Peripherie der ewigen Stadt. Ankunft Termini am letzten Gleis und wieder per pedes apostolorum zur Haupthalle. Wolfgang Koeppen schrieb schon in seinem Roman „Tod in Rom“ 1954 über die Stazione Termini: „Es ist der schönste Bahnhof der Welt, aus Stahl, Beton und Glas und matt schimmerndem Aluminium, … und … so darf sich der moderne Reisende in der auffallend russfreien, so eigenartige belebenden Luft dieses wahrhaften Weltbahnhofs, auf leichtem Metallstuhl auf der Terrasse des Bahnsteig-Cafés den ersten Espresso trinkend, der, unvergleichlich jedem anderen Kaffee, für das Abenteuer Rom stärkt, staunend und stolz seines In-Rom-Seins bewusst werden.“ Nun das scheint lange her, Dampflokomotiven gibt es nicht mehr und alles andere erinnert auch eher an einen Bahnhof einer modernen Metropole mit hastenden Menschen und Einkaufsgalerien auf allen Ebenen, wäre da nicht diese archaische Architektur mit ihrem geschwungenen Betondach, das detailbesessen mit kleinsten Mosaikfliesen bekleidet ist. Rom liegt uns nun zu Füßen und so geht es auch weiter, zum Glück nur in die nächste Seitengasse.

„Rom ist eine horizontale Stadt aus Wasser und Erde, hingebreitet, und darum eine ideale Plattform für die Phantasie.“        Federico Fellini

Die Hotelwahl war ein Glücksgriff, „Hotel Luce“ in der Via Magenta 34, ein kleines aber feines Haus in den Straßen hinter dem Hauptbahnhof, zwischen einigen Läden, Cafes und Restaurants sehr günstig gelegen. Für einen Kurztrip genau die richtige Adresse, besonders für junge Leute, die auch reichlich in den Kneipen der Gegend rumhängen und in ihre Labtops hämmern. Saubere Zimmer mit Dusche und WC und was im Sommer von Vorteil ist, einer Klimaanlage. Der Service und das kleine Frühstücksbuffet sind in Ordnung, die junge Dame am Empfang hat wertvolle Tipps für den Romaufenthalt und erklärt sehr geduldig in gutem Englisch, das scheint wohl das besagte „Licht“ zu sein, was dem Haus mit seinen gedrungenen Zimmerchen eigentlich sonst etwas fehlen würde.

  • 1. Tag, Rom per Pedes

Sei´s! Muss ich zum letzten Male
Schöpfen aus dem Trevi-Strom,
doch die randgefüllt Schale
Weih´ ich dir, geliebtes Rom.

Adolph Friedrich Graf von Schack (1815-1894)

2 Stationen mit der Metrolinie A zur Piazza Barbarini, im Vorbeigehen noch staunend über den Triton des Bildhauers Gian Lorenzo Bernini, steht man ein paar Seitengassen weiter schon vor dem ersten Wunder Roms der „Fontana di Trevi“. Man muss sich seinen Platz erobern in den Menschenmassen, die den Platz davor bevölkern, um die ganze spätbarocke Pracht genießen zu können. Im Jahre 1640 begann ebenfalls Bernini diesen Brunnen zu gestalten. Unter klassizistischen Säulen mit der Figur des Oceanus winden sich auf mehreren Steinterrassen, zwei geflügelte Pferde bändigende Tritone. Das hier in Fellinis Film „La dolce vita“ einst Anita Egbert gebadet hat, scheint heute ganz unwirklich, da man vor lauter Leuten kaum an den Rand des Beckens gelangt und so holt man sich auch ganz passend lieber ein Eis und schlendert weiter. Nachts ist es hier übrigens nicht viel anders, vielleicht ist man in den ersten Morgenstunden allein am Brunnen, gestört dann eventuell nur noch durch die fleißigen Müllmänner Roms.

Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden.
Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
– Also sang Zarathustra.

Friedrich Nietzsche

Vorbei an der Säule des Marc Aurel, einer endlosen Aneinanderreihung der Schlachten gegen die Germanen, überquert man die Piazza Colonna, hier residiert übrigens im Palazzo Chigi Silvio Berlusconi, aber außer ein paar Carabinieri ist niemand zu sehen. In Italien sind auch Parlamentsferien und so ist auch vor dem Palazzo Montecitorio, dem italienischen Parlament, gähnende Leere. Erst an der Piazza della Rotonda ändert sich das schlagartig, hier steht wieder ein schöner Barockbrunnen, um den sich die Menschen scharen und wechselnd den Straßenmusikanten und Tenören lauschen oder ins Pantheon strömen. 27 v. Chr. wurde der römische Tempel von Marcus Agrippa unter Kaiser Augustus den Planetengötter geweiht. In dem faszinierenden Firmament der Kuppel, deren Form seit 125 n. Chr. besteht, befindet sich eine runde Öffnung, die das Sonnenlicht ins Innere leitet. Die besonders ausgewogene architektonische Form des Pantheon zeugt von einer hohen bautechnischen Kunstfertigkeit. Heute ist hier die Grabeskirche der italienischen Könige und in einer Nische befindet sich der Sarkophag des Renaissancemalers Raffael.

Erhaben, einfach, ernst, voll Würdigkeit,
Du aller Heil’gen, aller Gitter Schrein,
Von Zeus bis Christ! Dich hat die Hand der Zeit
Verschont, verschönt! Wie ruhig blickst Du drein!
Zinnen und Reiche, alles wankt, bricht ein.
Durch Dornen rennt der Mensch dem Grabe zu;
Du Sitz der Kunst, der Andacht, stehst allein?
Der Zeit und den Tyrannen trotzest Du,
Roms Stolz, o Pantheon, in unbewegter Ruh‘!

Lord Byron aus „Ritter Harolds Pilgerfahrt“, 1812-1818

Hinter dem Pantheon auf der Piazza della Minerva steht der berühmte Marmorelefant von Bernini mit dem ägyptischen Obelisken auf dem Rücken. An der Piazza Navona befindet man sich dann endlich so zu sagen in der guten Barock-Stube Roms. Der Platz, der auf der Grundfläche eines alten Stadions des Kaisers Domitian erbaut ist, bietet unter der Fontana dei Fiumi, natürlich von Bernini, Spiel und Spaß für alle, die sich an Straßenmusikern, Portraitmalern und Performern aller Art nicht satt sehen können. In den Cafes um den Platz sitzen jene die gesehenen werden wollen und deren Geld auch locker sitzt, da hier gepfeffert für die gute Sicht gezahlt wird. Auf den Geldbeutel sollte auch so acht gegeben werden, denn hier finden einen bestimmt die meisten der wohl unzähligen Taschendiebe Roms. Aber es bleibt ruhig und es lohnt sich wahrscheinlich heute eher den Touristen Kinkerlitzchen anzudrehen, als mühsam nach Handtaschen Ausschau zu halten. Vielleicht machen aber auch die Borseggiatore mal Ferien, nur in der überfüllten Metros und Bussen sollte man etwas vorsichtiger sein, sonst wird man doch noch Opfer eines viel besungenen Klischees.

„Überall Sportstätten, Springbrunnen, Marmorhallen, Tempel, Werkstätten, Schulen … anmutige Schauspiele aller Art und festliche Wettspiele ohne Zahl.“

Aelius Aristides, Lobrede über Rom, 156 n. Chr.

Wenn man sich satt gesehen hat, kann man sich über den ebenfalls gut gefüllten Campo de` Fiori mit dem Denkmal Giordano Brunos in die Seitengassen auf machen und sich in eine der vielen kleinen Trattorien setzen, um zu speisen oder auch nur ein Glas Wein oder Bier trinken. Am Abend ist auf jeden Fall für die Nachtschwärmer die Gegend am anderen Ufer des Tiber in der Nähe der Tiberinsel zu empfehlen, noch vor Jahren ein Geheimtipp hat auch hier nun die Gentrifizierung eingesetzt. Bars, Restaurants und Läden rund um die Viale di Trastevere laden zum endlosen Treiben für Unermüdliche ein.

„Anderer Orten muß man das Bedeutende aufsuchen, hier werden wir davon überdrängt und überfüllt. (…) Man müßte mit tausend Griffeln schreiben, was soll hier eine Feder! und dann ist man abends müde und erschöpft vom Schauen und Staunen.“

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, Rom 5. November 1786

Und genau mit diesen Eindrücken endet der erste Tag in Rom, fußlahm wieder angekommen im Hotel.

Fortsetzung folgt