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Der Festivalsommer 2012 (1): „Dass ´s Lebn mit Dir wia Tanzn is.“ – Impressionen vom 22. TFF in Rudolstadt

Samstag, Juli 28th, 2012

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Und wird auch mal der Himmel grauer;
wer voll Vertrau’n die Welt besieht,
den freut es, wenn ein Regenschauer
mit Sturm und Blitz vorüberzieht.
(Wilhelm Busch)

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Blitze am Horizont, der Himmel wurde immer grauer,
der Saalezeltplatz kurz vorm großen Regenschauer.

Etwas spät, aber besser als nie, noch schnell ein paar Impressionen vom 22. TFF 2012, das wie immer traditionell am ersten Juli-Wochenende im schönen Rudolstadt über die vielen Bühnen der Stadt ging. Den Regen glaubten wir erfolgreich in Berlin zurückgelassen zu haben, und mussten dann im ICE nach Jena feststellen, dass er uns doch noch hartnäckig bis nach Thüringen verfolgen wollte. Das ließ Schlimmstes befürchten, jedoch der Himmel verfärbte sich nur noch einmal wirklich bedrohlich tief dunkelgrau und bizarre Blitze zuckten über den Hängen rund um Rudolstadt. Dann goss es kurz wie aus Kannen, bis der ganze Spuk sich nach knapp einer Stunde in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Da war der erste Abend am Donnerstag in Rudolstadt aber bereits erfolgreich gelaufen und alles bereitetet sich auf dem Zeltplatz am Freitagmorgen schon auf die nächsten Highlights vor. Die Sonne machte nur selten Pause und das gute Wetter sollte halten, zumindest zu den meisten Konzerten des diesjährigen TFF. Die dicken Wolken mit Starkregen, der im letzten Jahr noch so einige Konzerte förmlich unter Wasser setzte, blies eine frische Briese immer wieder über die Saale in Richtung Thüringer Wald zurück.

Das Rudolstädter Wetter, die Natur und die Weimarer Klassik

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Weimarer Klassiker nur auf der Durchreise?

Wie jedes Jahr ist das Wetter eine wichtige Komponente in Rudolstadt. Für den festivalerprobten TFF-Fan aber nie ein unüberwindliches Hindernis, das Wochenende auch ohne Segen von oben zu genießen. Man kann hier durchaus auch von einem naturgegebenen Gottvertrauen sprechen, was naturgemäß auch ganz im ursprünglichen Gedanken der Open-Air-Kultur begründet liegt. Und das lässt sich sicher auch nicht nur bis zu den sonnenverliebten kalifornischen Hippies zurückverfolgen, deren No-Rain-Gesänge im nördlich gelegenen Woodstock noch unerhört bleiben mussten. In der Weimarer Klassik zog die Rudolstädter Riviera schon so manchen Sonnenanbeter magisch an. Als geradezu naturaffiner Prophet könnte sich da der zwar um Rudolstadt meist einen Bogen machende, in Thüringischen Landen aber ansonsten stets anwesende Geheime Rat Goethe erwiesen haben, der sich damals über den gelegentlichen Unbill des sommerlichen Wetters wie folgt äußerte:

Der Donner rollt, schon kreuzen sich die Blitze,
die Höhle wölbt sich auf zur sichern Hut,
dem Tosen nach kracht schnell ein knatternd Schmettern;
doch Liebe lächelt unter Sturm und Wettern.
(Johann Wolfgang von Goethe aus Sommer)

Das Thüringische Landestheater Rudolstadt kämpft mit Schiller-Zitaten ums Überleben.
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weimarer-klassiker.JPG Wegweisend. Klassik und Moderne vor dem Weimarer Nationaltheater.

Ob er im Faust´schen Osterspaziergang die rauen Berge Rudolstadts im Sinne hatte, die hin und wieder auch noch Anfang Juli ohnmächtige Schauer über die Felder senden, ist nicht grundsätzlich auszuschließen, kann aber nicht mit Sicherheit belegt werden. Fakt ist, dass im kleinen Städtchen an der Saale meist erst zu beginn des jährlichen Festivalrummels die geputzten Menschen in zahllos buntem Gewimmel durch die Stadttore drängen. Schützende Höhlen mussten während des Festivals nicht aufgesucht werden, obwohl sich Donner und Blitz ein kurzes Intermezzo gaben. Einem Wochenende voller Sonne und Liebe stand also nicht mehr viel im Wege.

Friedrich Schiller und Rudolstadt

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Schiller und die beiden „superklugen“ Schwestern Caroline und Charlotte

Nicht von ungefähr hat man sich in Rudolstadt lieber einen anderen Schutzheiligen unter den Alt-Meistern der pantheistischen Sommerlyrik auserkoren. Nämlich den reiselustigen Sturm-und-Drang-Dichter Friedrich Schiller, der seine heiße Liebe zur Gegend und dem weiblichen Geschlecht der Stadt in zahlreiche teils überschwängliche Worte und Verse goss. Und so bezeichnet sich Rudolstadt wohl auch zu recht als heimliche Geliebte Schillers. Obwohl es schon zu des Dichters Zeiten kein Geheimnis war, wem seine wahre Liebe galt, schrieb Schiller 1788 an Ludwig Ferdinand Huber: „Ich lebe hier ziemlich zufrieden, genieße mich auch zuweilen selbst und habe oft süße Augenblicke durch Gesellschaft. Die Gegend ist überaus schön …“. Schiller fand „Unter demselben Blau, über dem nehmlichen Grün … mit dem stürzendem Thal“ rund um Rudolstadt nicht nur die lächelnde „Sonne Homers“, sondern auch seine große Liebe und zukünftige Frau Charlotte von Lengefeld, deren verheirateter Schwester Caroline von Beulwitz (die spätere Schriftstellerin Caroline von Wolzogen), er zunächst auch nicht ganz abgeneigt war. In seinem „Rudolstädter Sommer“ 1788 ließ sich Schiller u.a. zum „Geisterseher“ , dem „Don Carlos“ und zum „Lied von der Glocke“ inspirieren und im seit 1792 erbauten „Komödienhaus“ wurden einige seiner Werke von der Weimarer Theatergruppe unter dem Klassikerkollegen Goethe aufgeführt. Und wem, wie schon zu Schillers Rudolstädter Zeiten, wegen des „üblen Wetters“ das Wandern zur „Schillershöhe“ über dem Nachbarort Volkstedt verleidet wird, der kann sich auch im Rudolstädter Schillerhaus umsehen oder mit Schillers früher Ode „An die Sonne“ trösten.

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Schillerhaus in Rudolstadt

An die Sonne (Auszug)

Preis dir, die du dorten heraufstrahlst, Tochter des Himmels!
Preis dem lieblichen Glanz
Deines Lächelns, der alles begrüßet und alles erfreuet!
Trüb in Schauern und Nacht
Stand begraben die prächtige Schöpfung: tot war die Schönheit
Lang dem lechzenden Blick;
Aber liebevoll stiegst du früh aus dem rosigen Schoße
Deiner Wolken empor,
Wecktest uns auf die Morgenröte; und freundlich
Schimmert‘ diese herfür
Über die Berg und verkündete deine süße Hervorkunft.
(Friedrich Schiller aus der Anthologie auf das Jahr 1782)

Riding with the King – John Hiatt rockt den Heinepark

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John Hiatt & The Combo

Von den deutschen Klassikern der Literatur zu den Klassikern der Folkmusik, von denen in diesem Jahr wieder einige auf dem TFF vertreten waren. Bereits am Donnerstagabend trat, wie schon im letzten Jahr mit Dr. John, eine Legende des Rock ´n´ Roll und Blues auf. Der Rockgitarrist und Singer-Songwriter John Hiatt aus Nashville eröffnete das Festival auf der großen Parkbühne. Hiatt, ein alter Mitstreiter des Bluesgitarristen Ry Cooder, kann auf einige bewegte Schaffensphasen zurückblicken. Lange Zeit blieb ihm allerdings der verdiente Erfolg verwehrt, bis schließlich Berühmtheiten wie Bob Dylan, Joan Baez, Iggy Pop, Bruce Springsteen oder Joe Cocker, seine Songs coverten. John Hiatt gab in Rudolstadt ein routiniertes Rockkonzert mit allen seinen Klassikern, und intonierte mit seiner unnachahmlich rauen Stimme auch das von B. B. King und Eric Clapton bekannt gemachte „Riding with the King“. Ein angenehm groovendes Bluesfeeling machte sich im Heinepark breit und stieß nicht nur beim älteren Publikum auf eine breite Resonanz. Die Wiederentdeckung von alten Größen der Blues- und Rockszene bleibt somit weiterhin eine gute Tradition des TFF. Für eine große Dance-Party „Partizani“ mit bekannten Balkanklängen sorgte dann noch der Frankfurter DJ Shantel mit seinem Bucowina-Cluborchester (Foto).

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Karibische Dancebeats gab es am Freitag auf der großen Bühne des Heineparks. Sonnenaufgang am Abend: Systema Solar aus Kolumbien.

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Shantel und Systema Solar auf YouTube

Grüß Gott, ich bin das Wienerlied – Tradition und Moderne bei der Ruth-Verleihung auf der Heidecksburg

Klassiker des deutschsprachigen Liedes gab es auch zur jährlichen Verleihung der Ruth-Weltmusikpreise auf der Heidecksburg am Samstagabend. Mit der Ruth für sein Lebenswerk wurde der neben Reinhard May und Konstantin Wecker in Ost wie West wohl bekannteste Liedermacher Deutschlands Hannes Wader bedacht. Nach einer kleinen Laudatio seines Freundes Konstanin Wecker, die als akustischer Gruß vom Band eingespielt wurde, da Wecker an diesem Abend selbst auf einer anderen Bühne stand, bedankte sich der Geehrte auch sogleich mit seinem zur Hymne gewordenen Song „Heute hier, morgen dort“. Der am 23. Juni 70 Jahre alt gewordene Wader gab bereits am Nachmittag ein Konzert auf der großen Bühne der Heidecksburg. In seinen neuesten Liedern setzt er sich nun verstärkt auch mit seinem eigenen Leben auseinander, was durchaus nicht sentimental wirkt, sondern eher mit einer gewissen Selbstironie daherkommt. „Das wir so lang leben dürfen“, ein schönes Fazit dieser „Schon so lang“(en) Zeit. Hannes Wader sang neben Songs seines großen Vorbilds Georges Brassens natürlich den Klassiker „Es ist an der Zeit“, auf den alle gespannt gewartet hatten, und brachte seinem langjährigen im letzten Jahr verstorbenen alten Freund Franz Josef Degenhardt ein Ständchen mit einem Lied von einem hoffentlich bald Schatten spendenden kleinen Kirschbaum.

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Ganz nah – Hannes Wader auf der Heidecksburg

Zu einem Klassiker ist sicher auch das im typischen Dialekt gesungene Wienerlied geworden, dessen Ursprünge, ähnlich dem Berliner Gassenhauer, bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen. Allerdings unterscheidet sich das Wienerlied nicht nur in der Mundart vom derben Berliner „Denkste denn, denkste denn, du Berliner Pflanze, denkste denn, ick liebe dir, weil ick mit dir danze?“. Im Gegensatz zum Berliner Bolle oder Piefke zeichnen sich die Interpreten des Wienerlieds vor allem durch ihren melancholischen, leicht schwarzen Humor aus, der bisweilen auch als unbeschwert oder sogar gemütlich missverstanden wird. Man fällt in Wien halt nicht so gern direkt mit der Tür ins Haus und umschreibt die Gefühlslagen der Wiener Seele mit einem entsprechenden Schmäh. Die Zeiten, in denen Hans Moser in Wiener Heurigenlokalen die „Reblaus“ besang, scheinen allerdings, außer für deutsche und amerikanische Touristen, endgültig vorbei zu sein. Bereits seit den 1970er Jahren mischten Künstler wie Roland Neuwirth, der Maler und Musiker Karl Hodina oder Willi Resetarits (Ostbahn Kurti) die Tradition des Wienerlieds mit modernem Jazz, Rock und Rythm & Blues.

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„Bei mir is’ all’s verdraht“ – Auch wenn es einem so vorkommt, die Wiener Strottern singen nicht Spanisch.

In deren Fortsetzung stehen heute Gruppen wie Kollegium Kalksburg und Die Strottern, die nun in Rudolstadt für ihre moderne Interpretation des Wienerlieds die Deutsche Ruth erhielten. Klemens Lendl (Gesang, Violine) und David Müller (Gesang, Gitarre, Harmonium), für ihre neue CD „Wia tanzn is“ verstärkt durch die beiden Blechbläser Martin Eberle (Trompete, Flügelhorn) und Martin Ptak (Posaune, Harmonium), gaben Sonntagmittag ein relaxtes Konzert auf der kleinen Bühne im Heinepark. Trotz leichter Sprachschwierigkeiten kam der morbide Wiener Charme der Musiker und versteckte Hintersinn der Texte gut beim Publikum an. Und wer nichts verstand, konnte es ja für Spanisch nehmen, wie Sänger Klemens Lendl empfahl. Zur aktuellen Blasphemie-Debatte gaben die Strottern dann auch noch eine Statement ab. Ganz im Sinne von Martin Mosebach konstatierten sie ganz trocken: „Wenns´ knien solln, stellns´ sich hie, denn keiner kennt die Liturgie.“ Das Wienerlied frisch aufpoliert mit viel Witz und avantgardistischer Blechbegleiung. Wahrlich, A ganz schräge Wies´n an der Saale.

Die Strottern auf YouTube

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Die Globale Ruth ging an das Al Andaluz Project (Foto) des Münchner Ensembles Estampie, das mit Mitgliedern der spanischen Gruppe L’Ham de Fóc maurische Gesänge, sephardische Lieder und christliche Choräle des Mittelalters neu interpretierte. Die zweite Ehrenruth wurde an die langjährigen künstlerischen Gestalter des  Festival-Umfelds Gertrude Degenhardt und Jürgen B. Wolff verliehen, die mit ihren Bildern, Figuren und Installationen im Stadtraum über Jahre das farbenfrohe Gesicht des TFF bestimmt haben. Eine Ausstellung von Grafiken beider Künstler war in den Säulensälen der Heidecksburg zu sehen.

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Festivalinstallationen im Hof der Heidecksburg

Trotz Konzertina-Schwerpunkt, das Blechblasinstrument bestimmt wieder Bild und Ton des TFF

Die Konzertina, kleine Schwester des Akkordeons, war in diesem Jahr das sogenannte Magische Instrument des Festivals. Man musste aber schon genauer das Programm studieren und gezielt zu den Schwerpunktkonzerten gehen, um ihrer auch tatsächlich ansichtig zu werden. So war sie dann zum Beispiel auf der Marktbühne in einem riesigen Orchester als den typischen Sound des La Gran Orquesta Tango Carambolage bestimmendes Bandoneon versteckt. Neben jeder Menge Akkordeons, den unvermeidlichen Fiddeln und anderer nicht zu überhörender Klangkörper bestimmten aber wieder lautstark die Blechbläserfraktionen das Schallspektrum auf den Bühnen des TFF. Das Bandschema bereits im Namen tragen das Hypnotic Brass Ensemble aus Chicago, was sich auch ganz augenscheinlich und lautstark auf der großen Bühne im Heinepark bemerkbar machte. Das Bayern zu Recht als Heimland der Blaskapellen gilt, ist nicht erst seit dem Besuch der La Brass Banda aus München in Rudolstadt bekannt. In diesem Jahr rockten Moop Mama aus der Weißbiermetropole mit einer Mischung aus Hardcore und HipHop die Konzertbühne im Heinepark. Mit Blechbläsersektion, Rap und fränkischem Multikultitouch kamen auch das Kellerkommando aus Bamberg über die tanzwütigen Festivalbesucher im Park. Sogar die Straßenmusiker in der Stadt bliesen den vorbeiziehenden Massen kräftig den Marsch. Neben Shantel und seinem Bukovina Cluborchester waren Cinkuši aus Kroatien eine weitere Kapelle mit Bläsereinsatz. Die Popularität des Balkan Brass ist bei den Weltmusikfans nach wie vor ungebrochen, und so mochte noch manch andere Band nicht auf mindestens einen Blechbläser verzichten.

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Mach mir den Baloltelli! – Für Obama einst zu teuer, für Rudolstadt extra eingeflogen. Das Hypnotic Brass Ensemble aus Chicago.

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Das Kellerkommando aus Bamberg mit Bläsersektion, Akkordeon und Rapper Ali A$ auf der Konzertbühne im Heinepark.

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Cinkuši wurden als Ethno-Punk-Band und kroatisches Gegenstück zu den Pogues angekündigt, was sich leider nicht ganz bewahrheitete. Doch die meisten Vergleiche hinken eh und getanzt wird in Rudolstadt trotzdem immer.

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Alles muss raus auf die Straße. Bläserausverkauf auch in der Stadt.

Kontinent- und Genreübergreifend – Starke Frauen auf dem Festival

Obwohl die Blechblasmusik eher eine Männerdomäne ist, standen Frauen auf dem Festival nicht etwa nur ausschmückend im Hintergrund. Aus Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika kamen wieder starke weibliche Stimmen nach Rudolstadt. Neben der schon erwähnten Gong Linna aus China überzeugte u.a. das Projekt My Sweet Canary mit Musikern und Sängerinnen aus Griechenland, der Türkei und Israel mit sephardischen Liedern der 1980 verstorbenen Rembetiko-Legende Roza Eskanazi aus Thessaloniki. Emel Mathlouthi mischte mit ihrer Band aus Tunesien orientalische Klänge mit modernem TripHop und die junge Chilenin Pascuala Ilabaca aus dem sonnigen Valparaiso zelebrierte mit ihrer Band Fauna einen musikalischen Culturclash aus chilenischen Cueca-Melodien, Tango, Jazz und melancholischer Popmusik. Weitere bemerkenswerte Auftritte bescherten dem Festival zwei US-amerikanische Sängerinnen. Während die durch ein Zusammenarbeit mit Robert Plant von Led Zeppelin und dem Soundtrack zum Film „O Brother, Where Art Thou?“ von den Coen-Brüdern bekannt gewordene Country- und Bluegrass-Musikerin Alison Krauss mit ihrer Band Union Station ein ziemlich professionelles Sitzkonzert mit ihren Hits auf der Heidecksburg absolvierte, brachten Sallie Ford & The Sound Outside mit ihrer Indipendent-Mischung aus Rockebilly und Punk im 50th-Outfit die Massen vor der Konzertbühne im Heinepark regelrecht zum Schwitzen.

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Ein Hauch Arabischer Frühling in Rudolstadt. Emel Mathlouthi aus Tunesien auf der Bühne der Burgterrasse.

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Mit Sonne im Herzen gegen Regenschauer in Rudolstadt. Pascuala Ilabaca y Fauna aus Valparaiso, Chile.

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A Woman of Constant Sorrow? Alison Krauss & Union Station rissen auf der Burg erst bei den Zugaben die Zuschauer von den Sitzen.

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Mit 50th-Brille und Rockebilly-Punk. Sallie Ford aus Portland, Oregon.

 

Von traditionellen Klängen, über experimentellen Folk, bis zu schräg Abgerocktem – Der Länderschwerpunkt China bewies echte Vielfalt

Passend zum Chinesischen Kulturjahr in Deutschland stand die Musik Chinas im Fokus des 22. TFF. Eine breite Gruppe von Künstlern und Offiziellen war nach Rudolstadt angereist, mit politischen Statements hielt man sich aber allseits weitestgehend zurück. Die Wunschliste chinesischer Künstler, die die Veranstalter in China vorgelegt hatten, wurde laut Festival von den dortigen Kulturfunktionären wohlwollend abgenickt. Die Vielfalt der chinesischen Musik, verbunden mit einem Überblick über die unterschiedlichsten Volksgruppen des Landes, nur annähernd in einem Festival abzubilden, ist mit Sicherheit fast unmöglich. Den Veranstaltern ist mit ihrer Auswahl aber tatsächlich ein bemerkenswerter Überblick gelungen. Dank der beratenden Unterstützung des Komponisten moderner Kunst-Musik und China-Experten Robert Zollitzsch standen klassische neben unabhängiger chinesischer Musik, die Tradition der Kun-Oper neben der Musik der Uiguren und Gesänge der tibetischen Tashi Lhunpo-Mönche neben einem authentischen Chor aus Shanghai auf den vielen Bühnen des 22. TFF. Der Ehemann der nicht nur in China berühmte Sängerin Gong Linna, die bereits zum zweiten Mal in Rudolstadt weilte, hielt auch Vorträge und Workshops zur chinesischen Musik, seine sogenannten Sketches Of China, in der Stadtbilbliothek ab. Unbedingt hervorzuheben sind aber auf jeden Fall die Auftritte der nicht nur wegen ihres Outfits schrägsten Rockband Chinas Er Shou Mei Gui und des Experimentalfolk-Sängers Xiao He, der in zwei Konzerten seine extreme Wandelbarkeit vorstellen konnte.

tff-kirche3.jpg Ein akustischer Soundtüftler, Loop für Loop mit Gitarre und Stimme. Der experimentierfreudige Xiao He beim Konzert in der Stadtkirche.

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kombinierten schräge Rockmusik mit noch schrägeren Kostümen und chinesischen Trötenklängen. Samstagabend auf der großen Bühne im Heinepark.

Am Rande des Festivals aber nicht im Abseits – Was sonst noch passierte

Neben den großen Namen des Festivals, am Rande aber trotzdem immer mittendrin, waren auch diesmal wieder zahllose Straßenmusikanten in Aktion, gab es munteres Treiben in der Stadt bei Handwerkermarkt, Musik- und Tanzworkshops sowie Kinderbespaßung mit chinesischem Drachenfest im Heinepark. Das Publikum war wie immer begeistert mit dabei.

tff_stramu2.jpg Die Stars der Stramu

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Spanische Gitarren begeisterten im musikalischen Wettstreit am Güntherbrunnen.

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Drachen bestimmten nicht nur im Park das Festivalgeschehen.

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Wohin mit den lieben Kleinen? Ab in den Kochtopf zum Beispiel. Aber auch ansonsten gab es für Hungrige überall ordentlich was zu beißen.

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Die Bauernhäuser im Heinepark luden in diesem Jahr erstmalig zum Verweilen bei Musik und Wein.

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Und wem das alles zu viel war, der konnte sich auch einfach mal nur zum Chillen auf die Wiese vor dem Schallhaus legen.

This land is your land – Politische Songs auf dem TFF

Neben Hannes Wader war das Programm des TFF 2012 noch mit weiteren Klassikers des Politischen Folk- und Popsongs angereichert. Groß gefeiert wird ja in diesem Jahr der 100ste Geburtstag des mit Sicherheit bekanntesten US-amerikanischen Folksängers und größten Hobos „From California, to the New York Island“ Woody Guthrie, ein Vorbild für viel moderne Folk- und Countrymusiker heute. Da wollte das TFF auch nicht nachstehen und hat gleich ein ganzes Musical über den Singer-Songwriter nach Rudolstadt geladen. Nach einer Kolumne, die Woody Guthrie in den 1940er Jahren für eine kommunistischen Zeitung in den USA schrieb, haben die vier Musiker um den Banjospieler David Miller Lutken ihr Projekt „Woody Sez“ benannt. Nach einer Aufführung am Freitag im Landestheater gaben sie auch noch ein Konzert am Samstagnachmittag auf der Bühne der Burgterrasse. Und die Band bewies nicht nur mit dem „Jolly Banker“ Witz und Aktualität von Woody Guthries Songs. Natürlich performten sie mit viel Spielfreude auch den Klassiker „This land is your land“ zum Mitsingen für das begeisterte Publikum.

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Woody Sez auf der Burgterrasse

Richtig Rebellisch wurde es dann noch am frühen Sonntagabend, auch wenn die bekannte britische Agit-Pop-Band Chumbawamba nur einen ihrer sogenannten akustischen Sets absolvierte. Die Band hatte eine kleine Odyssee per Eisenbahn hinter sich und durfte auf der Konzertbühne im Heinepark gleich Bekanntschaft mit der vorbeirauschenden Thüringer Regionalbahn machen. Mit viel Humor und einem sächsischen Johnny-Cash-Auftritt aus dem Publikum verbreiteten die Chumbas wie immer eine bomben Stimmung, auch ohne ihren Superhit „Timebomb“. Dafür hatten sie „Enough Is Enough“, „Homophobia“ und natürlich ihre Hymne „The day the Nazi died“ im Gepäck. Sie sangen einige ihrer englischen Rebelsongs und glänzten auch mit etwas Dada. Das Chumbawamba im Laufe der Zeit an Schärfe und Witz nichts eingebüßt haben, bewiesen sie mit einigen ihrer neueren Songs, wie „Torturing James Hetfield“, einem Spottsong über den Sänger von Metallica, der sich stolz darüber äußerte, dass die Musik der Band bei Verhören von arabischen Häftlingen in Guantanamo benutzt wurde. „James James James, Just give us names names names!“ Oder passend zum derzeitigen Streit, ob man Wagner in Israel aufführen kann, spielten sie den Song „Wagner at the opera” über einen Auschwitzüberlebenden der 2000 ein Aufführung des Siegfried-Idylls in einer Kleinstadt nahe Tel Aviv mit einer Fußballrassel gestört hatte. Die Band präsentierte ihre Songs wie immer mit viel Ironie und hatte sichtlich Spaß zusammen mit dem Publikum. Trotzdem geht nun die Ära der Chumbas, wie die Band auf ihrer Website bekannt gegeben hat, nach 30 Jahren voller Ideen, Melodien, endlosen Meetings und Tourneen zu Ende. Das Konzert in Rudolstadt war dann auch leider der einzigste Deutschlandauftritt auf ihrer letzten Tour. Bye, Bye, Bye Chumbawamba.

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Die britischen Pop-Rebellen Chumbawamba im Heinepark

Ein durchaus rebellischer „Gentleman“ beendete dann im Anschluss auf der großen Parkbühne das 22. TFF in Rudolstadt. Der sogar in Jamaika anerkannte Reggae- und Dancehall-Musiker Tilmann Otto aus Köln hat zwar das R aus dem Bandnamen The Evolution gestrichen, gerierte sich aber trotzdem als großer Einpeitscher der jugendlichen Revolte. Seine Free-Tibet-Rufe durchzuckten noch einmal wie Blitze den Rudolstädter Heinepark. Ob dabei ein Reissack in China umgefallen ist, dürfte dem ausgelassen tanzenden Publikum letztendlich aber ziemlich egal gewesen sein. Auf jeden Fall kann das Festival auch diesmal wieder als voller Erfolg verbucht werden, obwohl die 90.000 Zuschauer des letzten Jahres nicht getoppt werden konnten. Mit 85.000 waren es aber immer noch mehr als genug und die Verlängerung auf vier Tage hat sich gottlob nicht nur positiv auf die Vielfalt des TFF ausgewirkt. Das 23. TFF in Rudolstadt findet vom 04.-07.Juli 2013 statt. Der Länderschwerpunkt beschäftigt sich dann mit Italien, und das Magische Instrument wird uns die Flötentöne beibringen.

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Diversität herrschte wie immer auf allen Bühnen des TFF.

Fotos: St. B.

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Auf Regen folgt Sonnenschein, manchmal – Einige verschwommene Impressionen vom 21. TFF in Rudolstadt

Donnerstag, Juli 7th, 2011

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Hier war der Himmel noch blau, einsame Folkbude auf dem Markt

Nun ist es ja nichts Ungewöhnliches in der mittlerweile 21jährigen Geschichte des Tanz- und Folkfestivals, dass der Himmel hin und wieder die Schleusen öffnet. Darauf ist der leidensfähige TFF-Besucher vorbereitet und lässt sich den Spaß durch ein paar Tropfen von oben nicht so leicht verderben. Allerdings war das Wetter in diesem Jahr nicht nur nass sondern auch so kalt, dass einige Tropfen mehr, vor allem geistigen Nasses, auch innerlich von Nöten waren, um die notwendige Körpertemperatur konstant aufrecht zu erhalten. Heißer Met und Glühwein waren der Renner und natürlich die vielen Tanzbühnen der Stadt. Das meistgebrauchte und -gehasste Utensil war der Regenschirm, der sich im Takt der Musik und der Wolkenbewegungen am Himmel öffnete und schloss, begleitet von den Unmutsbekundungen aus den hinteren Reihen, der wie immer zahlreich erschienenen Folkbegeisterten.

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Vor dem großen Ansturm, Straßenmusik in der Passage

Ein Tag mehr Musik, ein Tag mehr Qualität?

Bringt ein Tag mehr Festival auch ein Mehr an Qualität? Das war die große Frage nach der Bekanntgabe, dass das Sonderkonzert am Donnerstag ab diesem Jahr zum offiziellen Programm gehören sollte, inklusive Erhöhung der Kosten für das Dauerticket. Geschickter Schachzug oder notwendige Erweiterung, angesichts der 20.000 Zuschauer am Donnerstagabend im Heinepark, scheint das neue Konzept der Festivalmacher aber auf jeden Fall aufgegangen zu sein.
Als Anheizer hatte man den One and Only „They call me, Dr. John, The Night Tripper” aufgeboten. Der Blues-Doc aus New Orleans, Louisiana gab seine „Gris-Gris-Gumbo-Ya-Ya”-Mischung aus Rhythm and Blues, Voodoo und kreolischer Soul-Musik im pinkfarbenen Anzug zum Besten. Heiter tänzelte der 71jährige nach seinem beseelten Set auf seinen Stock gestützt von der Bühne. Er war aber leider durch nichts mehr zu bewegen, für eine kleine Zugabe die steile Treppe wieder zu erklimmen.
Danach gab es mit Madison Violet aus Kanada auf der kleinen Konzertbühne, die in diesem Jahr dummerweise kein Zelt mehr war, die erste Geige bei gewohnt starker Fiddeldichte und zwei der bezauberndsten Folksängerinnen des Festivals. Alles wartete aber sehnsüchtig auf den Hauptact des Abends, das französische Chansonsternchen Zaz. Und die Fans wurden nicht enttäuscht. Ein starker Auftritt mit einer gut gelaunten Sängerin, die das Publikum vom Start weg in Bewegung versetzte und hielt. (hier Ausschnitte auf YouTube). Ein Highlight schon zu Beginn des Festivals.

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„Je veux“ – Alle wollten Zaz am Donnerstagabend auf der großen Parkbühne.

Von Bühne zu Bühne, in Bewegung sein ist alles.

Bei gut 130 Bands auf über 20 größeren und kleineren Bühnen über die ganze Stadt verstreut, bedarf es eines gewissen Maßes an Organisation und Durchhaltevermögen. Bereits beim Frühstück auf dem Zeltplatz werden Schlachtpläne erarbeitet und wegen grober zeitlicher Überschneidungen wieder verworfen. Wer einen halbwegs guten Überblick über das Geschehen haben will und nicht nur wegen des „schönen“ Wetters und der Landschaft in Rudolstadt weilt, braucht gute Nerven, das richtige Schuhwerk und ein sonniges Gemüt.

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Ein Klischee, das sich angesichts der Temperaturen schnell selbst als blöd erwies. Begehrtes Nass am Metstand im Park

Es ist schlichtweg unmöglich alle Headliner zu sehen, das sollte man sich ziemlich schnell aus dem Kopf schlagen. Die Unsitte immer größere Stars aus dem allgemeinen Festivalzirkus nach Rudolstadt zu holen, hat sich nicht unbedingt positiv auf die Qualität des Programms ausgewirkt. Quantitativ dürfte das TFF nun endgültig an seinen Grenzen angekommen sein. Hatte man früher noch oft die Chance, einen Konzerttermin sausen zu lassen, weil die Bands 2-3 mal aufgetreten sind, ist das relaxte Schlendern über die einzelnen Sets, einem Run nach den großen Namen gewichen.
Als langjähriger Besucher hat man eine gewisse Ahnung dafür entwickelt, wie die Line-ups der einzelnen Bühnen am Abend aussehen werden. Im Heinepark geht mit Folkrock, Ska und Reggae die Post ab, wogegen die Liebhaber der kulturell anspruchsvolleren Weltmusik eher auf der Heidecksburg oder in den diversen Indoor-Lokalitäten auf ihre Kosten kommen dürften. Schräges passt gut auf die Konzertbühne im Park oder die Burgterrasse.

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Relaxte südfranzösiche Sitzmugge mit Marseille-Blues von Moussu T e lei jovents auf dem Markt.

Mittlerweile ist aber eher die zu erwartende Auslastung das Kriterium zur Auswahl der Bühne geworden. Und es wird auch schon mal darauf hingewiesen beim Überqueren der Saale und der Bahngleise, die Park und Stadt trennen, nicht nur den kleinen schmalen staugefährdeten Tunnel zu benutzen, sondern den etwas längeren Weg über die neue Brücke am anderen Ende des Parks zu gehen. Wie dem auch sei, man konnte, wenn man wollte, auch in diesem Jahr wieder fern ab der ausgetretenen Pfade so manches musikalische Kleinod entdecken. Und dazu sind wie immer die Nachmittagsstunden in der Stadt und auf der Heidecksburg am besten geeignet.

Hoch Heidecksburg

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Etwas Kraft braucht es zum Aufstieg auf die Heidecksburg

Das ehemalige Residenzschloss der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt hat eine lange und bewegte Historie. Bereits im 13. Jh. erstmals errichtet, wurde es 1345 zerstört und brannte in Folge mehrmals ab, wurde im 16.Jh. erst als Renaissanceschloss und schließlich im 18.Jh. als Barockbau wieder aufgebaut. Seit die Burg wieder bestens saniert ist, gehören die große Bühne im Burghof und die kleine auf der Terrasse zum festen Bestandteil des Festivals. Man erreicht die Burg über mehrere Stiegen und genießt vom Schlosspark und der Burgterrasse einen wunderbaren Panoramablick auf Rudolstadt, nebst akustischen Klangfetzen aus dem musikalischen Treiben rund um den Markt.

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Direkt aus einer portugiesischen Tasca, Marta Mirandam und OqueStrada.

Musikalisch hatte der Freitag auf der Burg auch einiges zu bieten. Portugiesische Tanzklänge und Fado direkt aus der Taska mit OqueStrada und der fantastischen Sängerin Marta Mirandam und der in Israel lebende Ravid Kahalani mit seiner internationalen Band Yemen Blues. Er verbindet in seinen Songs die traditionellen Klänge seiner jemenitischen Heimat mit afrikanischen Sounds und dem Blues aus Amerika. Yemen Blues werden auch am 17. Juli im Rahmen der Wassermusik zum Thema Wüste im Haus der Kulturen der Welt in Berlin spielen.

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Highlight am Freitagabend auf der Burg, Ravid Kahalani mit Yemen Blues

Experimentelles gab es mit dem hochgelobten Hans Unstern aus Berlin auf der Burgterrasse, ein Exot mit seinen versponnenen textlastigen Songs nicht nur im Rahmen des TFF. Passender war dann wieder am Samstagnachmittag eine Mischung aus Tango und Balkanmusik mit  Oana Cǎtǎlina Chiţu aus Rumänien oder die sphärischen Klänge von Dakha Brakha aus der Ukraine, die Band mit den definitiv passendsten Kopfbedeckungen zu den aktuell herrschenden Temperaturen auf dem Festival.

Spaß und Tanz im Heinepark

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Dakha Brakha aus der Ukraine, hier bei ihrem berauschenden Set auf der Konzertbühne im Park. Passende Mützen gegen die Kälte für die Damen, der Herr am Akkordeon versucht die Zähne zusammenzubeißen.

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Der Heinepark gehört wie immer den freien Gruppen, Tänzern, Clowns und natürlich den Kindern.

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Vom ruckartigen Headbanging bis zum melodiös zarten Hirnschlag, die herrlich schrägen Glorystrokes aus England, wohl die meistbeschäftigste Band des Festivals, hier auf der Konzertbühne im Park.

Eine Ruth im Regen

Und den Himmel voller Geigen für das Folkduo Fjarill, Klaus den Geiger und Hubert von Goisern, die in diesem Jahr am Samstagabend auf der Heidecksburg mit der Ruth ausgezeichnet wurden. Der 71jährige Klaus von Wrochem wurde für sein unermüdliches Lebenswerk ausgezeichnet, das nicht nur aus dem Straßenmusiker Klaus der Geiger besteht. Er leitet u.a. auch das Orchester des Kölner Kunstsalons und ist musikpädagogisch tätig. Die rheinische Frohnatur mit ausgeprägtem Hang zum Anarchismus ließ sich nicht lumpen und fiedelte, wie schon Tags zu vor auf dem Neumarkt, einige Songs mit explizit geradeaus getexteten Aussagen zur Hybris des Menschen gegenüber der Natur und gegen die Raffzähne in der Geldwirtschaft. Erst vor zwei Jahren hatte ein anderer Unermüdlicher, der bayrische Reggaeanarcho Hans Söllner, eine Ruth erhalten.
Die deutsche Ruth bekam der Alpen-Rocker Hubert von Goisern aus Österreich für seine aktuelle CD „Haut und Haar“. Seit den 80er Jahren bewegt sich Goisern konsequent zwischen der musikalischen Tradition seiner Heimat und den Klängen aus aller Welt. In seinem Konzert standen neue Rocksounds neben den bekannten Jodlern zum Akkordeon. Das Publikum war begeistert und der Burghof übervoll, so dass der Zugang sogar vorübergehend geschlossen werden musste.

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Kein Pardon für Banken und Gehörgänge, der Anarcho-Fiedler Klaus von Wrochem alias Klaus der Geiger. (links) –
Jodleiridlduueiouri, wia die Zeit vergeht. Back to the Roots, der oberösterreichische Alpenrocker Hubert von Goisern mit Akkordeon. (rechts) 

Anschließend gab es noch eine bemerkenswerte Schweizer Band zu sehen. Der Gitarrist Christy Doran hat für sein Hendrix-in-Woodstock-Projekt, das zweite übrigens, noch einen Bassisten und einen Schlagzeuger um sich geschart und die Vokalakrobatin Erika Stucky als Sängerin gewonnen. Stucky ist ebenfalls schon Hendrix-erfahren, 2006 hat sie mit den Schweizer Young Gods auch schon mal ein Hendrix-Projekt kreiert. Ganz in weiß gewandet gibt Stucky den Hendrix als schrägen Kunstvogel, ganz Voodoo Child zersägt sie mit ihrer Stimme den Rudolstädter Regen und schickt Machine-Gun-Salven in den Nachthimmel. Es gießt in Strömen, der Stratocastersturm tobt und einigen älteren Herren, die Jimi Hendrix wohl noch persönlich gekannt haben, klappt die Kinnlade herunter. Eine Experience der ganz besonderen Art auf der Burg, während sich der Senegalese Youssou N`Dour im Heinepark mit Trommeln und Handständen warm und das Publikum bei Laune hielt.

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Wer hat`s erfunden? Erika Stucky als Schneeflöckchen-Weißröckchen-Jimi mit dem schweizer Projekt „Hendrix in Woodstock“

Gegen das Feuerwerk der Woodstockepigonen sahen die andern schweizer Bands des Länderschwerpunkts eher blass aus, allen voran die Berner Kummerbuben mit ihrem Rumpelsound. Das hat man von den österreichischen Attwenger oder La Brass Banda aus Bayern schon besser gehört. So etwas wie performatives Musiktheater gab es in der Stadtkirche mit dem schweizer A-capella-Trio Nørn. In einer erfundenen Kunstsprache führten die Sängerinnen ihr Werk „Urhu“ auf. Als nordische Schicksalsgöttinnen gebieten sie über Zeit und Raum, ein visuelles und akustisches Erlebnis am passenden Ort mit einer symbolischen Räder-Installation zum Thema von Georg Traber.

Der Sonntag mit Altbewährtem und neuem Abschluss.

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Früh übt sich was ein richtiger Folker werden will. Sonntagmittag auf dem Markt.

Sonntag ist der Tag des Treibenlassens und Relaxens, denn nicht nur der Handyakku ist meist leer. Einige denken schon an Abschied, andere liegen im Park auf der Wiese oder drängen schon wieder zu den letzten Highlights, die bisher immer auf der Burg beheimatet waren. Hier kämpft aber nur Maria Franz, die dänische Björk von der Folkband Euzen, vergeblich gegen den Regen und fiddelt der Engländer Seth Lakeman biederen Folkpop gegen den bedeckten Himmel. In diesem Jahr ist bekanntlich alles anders, alles neu und der Park ist neben dem obligatorischen Abschlussrevue fürs breite Volk auf dem Markt, der Ort für das endgültig letzte Konzert.

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Schlagkräftiger Slogan über jazzigem Akkordeon, René Lacaille aus Réunion im Park. Am Montag hat einen dann spätestens der Alltag wieder.

Vorher gab es mit den marokkanischen Masters Musicians Of Jajouka noch mal verschärften Vuvuzelalarm (Schalmeien) auf der Konzertbühne. Dieses tranceartige Getröte hat schon einige bekannte westliche Musiker inspiriert und auch in Rudolstadt gab es ein Konzert mit DJ-Begleitung als Jajouka Sound System. Zum Finale auf der großen Parkbühne hatte man mit dem Treacherous Orchestra wieder für absolut Tanzbares gesorgt. Die Schotten geizten nicht mit ihrem partytauglichen Celtic-Sound bestehend aus dem üblichen Instrumentarium aus Bagpipe, Querflöten, Akkordeon und natürlich den üblichen Fiddeln. Das Tänzchen war dann allerdings auch pünktlich vor dem nächsten Regenguss vorbei.

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Das lästige Utensil (links unten) beim Tanzen achtlos entsorgt.

Im September gibt es dann im Theater Rudolstadt wieder echte Hochkultur zu sehen und es hält neben Shakespeare und Schiller, der hier, nicht wie Goethe, tatsächlich öfter mal vorbeigekommen ist, Kleist mit seinem „Amphytrion“ Einzug und die Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt widmen sich statt dem argentinischen Tango wieder Verdi, Offenbach und Tschaikowsky. Auch Intendant Steffen Mensching wird mit Michael Kliefert wieder ein Stück zum besten geben: „Der Aufstieg der Amateure“.

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Hochkultur mit Kleist zum 200. Todestag auch am Theater Rudolstadt.

Aber pünktlich am ersten Wochenende im Juli 2012 werden die verrückten Folkis wieder zum 22. TFF in die Stadt einfallen, denn auf Regen folgt bekanntlich auch mal wieder Sonnenschein und auch im nächsten Jahr werden sich sicher 90.000 Menschen finden, die sich für Rudolstadt anstelle der zeitgleichen Fusion oder gar des legendären Roskilde entscheiden.

Fotos: St. B.

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