Archive for the ‘Alain Platel’ Category

Interdisziplinäres von William Kentridge und Alain Platel zum Auftakt der FOREIGN AFFAIRS 2016 im Martin-Gropius-Bau und dem Haus der Berliner Festspiele

Samstag, Juli 9th, 2016

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En avant, marche! – Frank Van Laecke, Alain Platel und Steven Prengels schicken eine Blaskapelle zum Start der FOREIGN AFFAIRS auf die Bühne im Haus der Berliner Festspiele

fa16_promo_motivMittenhinein in den Volksbühnenstreit zeigen uns die Berliner Festspiele zum Auftakt des internationalen Performing-Arts-Festival FOREIGN AFFAIRS, wie es zukünftig im Theater am Rosa-Luxemburg-Platz aussehen könnte. Hoffentlich etwas frischer als die spartenübergreifende, durch Europa tourende, belgische Produktion En avant, marche! von Regisseur Frank Van Laecke, Spitzenchoreograf Alain Platel und Komponist Steven Prengels. Warum muss eigentlich momentan gefühlt jeder zweite Musiktheaterabend aussehen wie ein relativ uninspirierter Marthaler? Und das gerade dann, wenn der Schweizer Meister der ironisch-melancholischen Langsamkeit selbst im Begriff ist, sich immer mehr zu kopieren.

Aber wie das Licht der alten Volksbühne, das für eine Supernova noch einmal aufscheint, um dann für immer zu verlöschen, so zeigen sich die FOREIGN AFFAIRS in ihrer fünften und letzten Ausgabe noch einmal strahlend bunt und vielfältig. Und das mit Uraufführungen von Forced Entertainment und dem Nature Theater of Oklahoma, die Freiwillige aus dem Publikum zu einem Sience-Fiction-Dreh geladen haben. Es wird Gastspiele u.a. von Jan Lauwers & Needcompany, einige Pop-Konzerte sowie einen Fokus mit Arbeiten des südafrikanischen Multimedia-Künstlers William Kentridge geben. Das bisherige Format des Festivaldirektors Matthias von Hartz weicht im nächsten Jahr den immersiven Kunstträumen des Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender. Man könnte das auch die weise Voraussicht einer Konkurrenzvermeidung zu Chris Dercons Plänen an der Volksbühne nennen. Aber auch da soll das Theater ja in virtuelle Welten eintauchen.

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In En avant, marche! (zu deutsch: Vorwärts, marsch!) kämpft ein an Kehlkopfkrebs erkrankter und darum an die Becken verbannter Posaunist (Wim Opbrouck) gegen das Sterben und Verstummen. „Der Tod ist vorbeigekommen und hat eine Blume in meinen Mund gesteckt.“ Soweit eine Adaption des Einakters Der Mann mit der Blume im Mund von Luigi Pirandello aus dem Jahr 1923. Etwas uninspiriert übt sich zu Beginn der verhinderte Blasmusiker an dem vom Band eingespeisten Vorspiel zu Wagners Lohengrin in der Benutzung der Becken. Ein nicht besonders lohnendes Unterfangen. Erst der Aufmarsch einer ganzen Blaskapelle löst den Mann aus seiner Lethargie und verleiht ihm neuen Mut, über den Sinn des Lebens zu sinnieren, was er auch in mehrsprachigen Bröckchen unablässig tut. Was tragikomisch und skurril wirken soll, erschöpft sich aber zunächst in flauen, musikalischen Unterleibswitzchen und der beständigen Forderung immer weiter zu spielen.

 

En avant, marché! bei den FOREIGN AFFAIRS 2016 - (c) Phile Deprez

En avant, marché! – Foto (c) Phile Deprez

 

Die Zentralkapelle Berlin bläst ein paar feierliche Sterbemärsche dazu – Gustav Mahlers Urlicht aus der 2. Sinfonie eignet sich besonders schön dafür – und goldene Funkenmariechen (Griet Debacker und Chris Thys) schwingen den Tambourstab. Getanzt wird allerdings eher sparsam. Körperliche Wucht, wie noch in Platels zum Theatertreffen 2014 eingeladener Produktion tauberbach, zeigt nur der relativ präsente Schauspieler Openbrouck mit klarer Tendenz zur Rampensau. Ansonsten zieht sich der erste Teil der Veranstaltung zäh wie der sprichwörtliche Kaugummi, bis die Berliner Bläser einen flotten Balkan Brass spielen und sich auch choreografisch einiges zu bewegen beginnt.

Das Team um Platel zelebriert die künstlerische Gemeinschaft in Form einer traditionellen Blaskapelle in Uniform, nicht ohne die Klischees musikalisch ordentlich gegen den Strich zu bürsten und ironisch zu verfremden. Es gibt u.a. ein schräges Troubadour-Duett von Verdi und ein stark rhythmisches Schlagzeugstock-Ballett. Dem dahinscheidenden Künstler-Individuum wird mit dem auf einem Hornmundstück geblasenen Lied Der Leiermann aus Franz Schuberts Winterreise gehuldigt. Dazu tanzt das Schwergewicht Openbrouck einen Pas de deux als sterbender Schwan und wird sogar in die Luft gehoben. Geradezu filmreif ist die Jupiter-Schlussmelodie aus Gustav Holsts Planetensuite, die nochmal einiges an Emotionen beim Publikum wecken kann, bevor sie plötzlich erstirbt.

Zu hoffen bleibt, dass sich das bunte Programm der FOREIGN AFFAIRS in den nächsten zwei Wochen noch als steigerungsfähig erweist.

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En avant, marche! (Vorwärts, marsch!) – (05.05.2016, Haus der Berliner Festspiele)
NTGent & les ballets C de la B
Konzeption und Inszenierung: Frank Van Laecke, Alain Platel
Musikauswahl und Bearbeitung: Steven Prengels, Dirigent: Steven Prengels
Mit: Griet Debacker, Chris Thys, Hendrik Lebon, Wim Opbrouck
Musiker:
Trompete: Jan D’Haene, Jonas Van Hoeydonck
Waldhorn: Lies Vandeburie
Euphonium: Niels Van Heertum
Horn: Simon Hueting
Schlagzeug: Witse Lemmens, Gregory Van Seghbroeck
Zentralkapelle Berlin
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de/

Zuerst erschienen am 07.07.2014 auf Kultura-Extra.

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William Kentridge lässt im Lichthof des Martin Gropius Bau seine animierten Kohlezeichnungen zu Philip Millers Paper Music tanzen

mgb16_plakat_kentridge_liteboxDass es bei den FOREIGN AFFAIRS auch wesentlich innovativer zugehen kann als beim Blasmusikabend En avant, marche! beweist Fokusgast William Kentridge, der schon seit Jahrzehnten über alle Genregrenzen hinweg seine Kunst betreibt. Die Berliner Festspiele widmen ihm gerade im Martin-Gropius-Bau die retrospektive Ausstellung No it is! – ebenfalls mit Ausrufezeichen. Zu Beginn des Kentridge-Fokus der FOREIGN AFFAIRS fand im Lichthof des Museumsgebäudes die deutsche Erstaufführung des Ciné-Concerts Paper Music mit Kompositionen von Philip Miller zu filmisch animierten Kohlezeichnungen William Kentridges statt. Ein guter Querschnitt durch das Schaffen des 1955 in Johannesburg geborenen und in der Anti-Apartheidsbewegung engagierten Zeichners, Bühnenbildners, Theaterregisseurs und Animationsfilmers aus Südafrika.

Vincenzo Pasquariello am Piano untermalt – begleitet von der schwarzen Sängerin Ann Masina, die mit großartiger Sopranstimme Texte in Xhosa und Englisch vorträgt, sowie der australischen Performerin und Sängerin Joanna Dudley – eine Reihe von kurzen Animationsfilmen Kentridges mit einer teils melodiösen bis minimalistisch anmutenden Liedfolge. Wir sehen u.a. Journey to the Moon mit Kentridges Lieblingsutensil, einer Espressokanne, sowie Ameisen als flirrende Sterne, den südafrikanischen Geschichtsabriss Tide Table, Ausschnitte aus Refusal of Time und Rilkes Panther, der hinter den von Kentridge gezeichneten Gittern auf und abläuft. Es sind abfotografierte Kohle- und Tuschezeichnungen, die Kentridge immer wieder verändert, auswischt und überlagert.

 

Paper Music - Foto © Chris Hewitt - v.l.n.r.: Ann Masina, Joanna Dudley und William Kentridge Philip Miller & William Kentridge „Paper Music“ Ein Ciné-Concert von William Kentridge und Philip Miller Deutsche Erstaufführung ANN MASINA Gesang JOANNA DUDLEY Gesang VINCENZO PASQUARIELLO Klavier PHILIP MILLER Schallplattenspieler Video WILLIAM KENTRIDGE Musik PHILIP MILLER Kostümbild GRETA GOIRIS Kostümassistenz EUGÉNIE POSTE Technische Leitung MICHELE GRECO Mit freundlicher Unterstützung von Firenze Suona Contemporanea und Lia Rumma Gallery (Neapel und Mailand). „Paper Music“ wird vertreten von Quaternaire (www.quaternaire.org). In englischer Sprache Dauer 1h

Paper Music – v.l.n.r.: Ann Masina, Joanna Dudley und William Kentridge – Foto © Chris Hewitt

Die schwarz-weißen Animationen zeigen den typischen Zeichenkanon aus Kentridges Bilderkosmos wie apokalyptische Landschaften aus der durch den Bergbau gezeichneten Umgebung seiner Heimatstadt Johannesburg, immer wieder den Künstler selbst, sein Alter-Ego Felix, die nackte Muse, Trichter-Megafone, Globen, übermalte Nachschlagewerke, Coffee-Cups and Pots sowie tickende Metronome als Symbole der verstreichenden Zeit. Kentridge komponiert symbolische Bilderrätsel, „Composite Rebus“ genannt, die Philip Müller spannungsgeladen vertont hat.

Die beiden Sängerinnen machen dazu Livegeräusche mit Papier, einem alten Plattenspieler, Schlagwerken oder gar stakkatohaften Lautmalereien, die in einem schrillen Lullaby for Housalarm kulminieren. Auch der Meister selbst gibt sich die Ehre und trägt ein kurzes philosophisches Poem zum Thema How did we know, that we are in time vor.

Mit der Performerin Joanna Dudley kann man noch bis zum 15. Juli an Nachtführungen durch die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau teilnehmen und bei den FOREIGN AFFAIRS weitere Music-Performances und Drawing Lessons von und mit William Kentridge besuchen.

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William Kentridge - Journey to the Moon 2003 - Foto © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

William Kentridge – Journey to the Moon, 2003
Foto © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

 

„Uncertainty“ (Unsicherheit) ist auch das Prinzip von Kentridges Kunst, in der alles im Fluss und ständiger Metamorphose ist. Im 1.OG des Martin-Gropius-Baus kann man in das in sechs Räumen aufgefächerte, interdisziplinäre Gesamtwerk des Künstlers wie in eine Wunderkammer eintauchen. Auch hier sind der Ausgangspunkt wieder die zahlreichen Animationsfilme Kentridges, die beginnend mit den Seven Fragments for Georges Méliès und Drawings for Projection (1989-2011) über das monumentale filmische Fries More Sweetly Play the Dance (2015) im Mittelteil bis zu der die Vergänglichkeit und Zeit reflektierenden Rauminstallation The Refusal of Time, die 2012 erstmals auf der documenta zu sehen war, am Ende der Ausstellung reicht.

Dazwischen können die Besucher in gestalteten Atelierräumen über Schaukästen, Ready-mades, Skulpturen, Zeichnungen zu Bühnenbildern und Making-of-Videofilmen tief in den Schaffensprozess des Künstlers Einblick nehmen. Zu sehen sind auch Inspirationsquellen wie Radierungen von Goya, Piranesi, Hopper und Dürers Rhinozeros, dem das Kupferstichkabinett am Berliner Kulturforum bereits eine Ausstellung widmete. Kentridges gezeichnete Rubics sind politische Comics und Schlagwortkataloge des Vertical Thinking und enthalten auch so wunderbare deutsche Begriffe wie „Torschlusspanik“.

Eines der Höhepunkte ist aber sicher der ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Philip Miller entstandene über sieben Leinwände laufende Videofries More Sweetly Play the Dance, in dem Kentridge mehrere Gruppen von Protagonisten beginnend mit einer Marching-Brass-Band durch eine schwarz-weiß gezeichnete Traumlandschaft laufen lässt. Die 45 Meter lange filmische Projektion ist Parade, politische Demonstration und Flüchtlingsstrom gleichermaßen. Ein prozessionsartiger Totentanz schattenartiger Figuren mit dem William Kentridge sein Heimatland Südafrika als Gesellschaft in Transformation reflektiert. Am späten Abend wird das Video dann auch an die Fassade des Hauses der Berliner Festspiele projiziert.

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Paper Music
Ein Ciné-Concert von William Kentridge und Philip Miller
Deutsche Erstaufführung am 05.07.2016 im Lichthof des Martin Gropius Baus
Video: William Kentridge
Musik: Philip Miller
Kostümbild: Greta Goiris
Technische Leitung: Michele Greco
Mit: Ann Masina, Joanna Dudley (Gesang) und Vincenzo Pasquariello (Klavier)
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/fa16_programm/fa16_programm_gesamt/fa16_veranstaltungsdetail_168213.php

No it is! – William Kentridge
12.05. – 21.08.2016
Martin-Gropius-Bau

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/berlinerfestspiele/ueber_uns_bfs/aktuell_bfs/start.php

Zuerst erschienen am 08.07.2014 auf Kultura-Extra.

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Von Schnellschüssen und Rohrkrepierern – Das 51. Theatertreffen ist auch ein Fall für Plagiats-Diskussionen.

Dienstag, Mai 20th, 2014

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Ein großes Theaterfestival lebt immer auch ein wenig vom Skandal. Über wen nicht mehr gesprochen wird, gilt langhin als tot oder schlimmer noch als langweilig. Nun waren es beim diesjährigen THEATERTREFFEN nicht so sehr die Inszenierungen selbst, die für Gesprächsstoff sorgten. Nein, ins Gerede kam zuallererst das Gebaren der Schweizer Journalistin Daniele Muscionico bei der Verfassung ihrer Einladungsbegründung für Frank Castorfs Inszenierung des Celine-Ungetüms Reise ans Ende der Nacht. Die TT-Jurorin hatte ganze Passagen aus dem Programmheft des Münchner Residenztheaters nur leicht verändert übernommen. Krawumm! Das schlug ein wie eine Bombe – um die Eingangszeile zum Text der Castorf-Produktion noch einmal in leicht abgewandelter Form zu zitieren. Der schnelllebige Festivalzirkus entpuppte sich als unkontrollierte Verwurstungsmaschine autorieller Unzulänglichkeit. Daniele Muscionico legte, erst nachdem man ihr einen weiteren Fauxpas dieser Art nachweisen konnte, ihr Jurymandat nieder. Das wirft natürlich auch ein schlechtes Licht auf das THEATERTREFFEN selbst und sein nun beschädigtes Jurywesen. Zweifellos ein Schuss ins eigene Knie. Einzelfall oder nicht, das bleibt hier die Frage.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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„Find 7 differences“ – Verbindendes und Trennendes in Tauberbach und Sight

Als veritabler Rohrkrepieren entpuppte sich dagegen der Schnellschuss des Bündnisses kritischer KulturpraktikerInnen, die der eingeladenen Münchner Tanztheaterproduktion Tauberbach des bekannten belgischen Choreografen Alain Platel in einer spontanen Intervention vorwarf, in dem Stück würde „ein koloniales Verhältnis fortgeschrieben, das Schwarze Stimmen erneut marginalisiert“ und dass „dessen Inhalte und Ästhetik sehr stark an ‚Sight‘ erinnern.“ Sight ist eine Tanzperformance des brasilianischen Tänzers und Choreografen Ricardo de Paula, die er mit dem internationalen Tanzkollektiv Grupo Oito im Dezember 2012 am Berliner Ballhaus Naunynstraße uraufgeführt hatte. Inspiriert von dem 2004 entstandenen Dokumentarfilm Estamira des brasilianischen Regisseurs Marcos Prado, beziehen sich beide Produktionen auf die als schizophren geltende Frau Estamira, die auf einer großen Müllhalde bei Rio de Janeiro lebte, auf der täglich acht Tonnen Müll aus der durchkommerzialisierten Wegwerfgesellschaft abgeladen werden. Dabei benutzen sowohl de Paula wie nun auch zwei Jahre später Platel einen Berg von gebrauchten Kleidungsstücken als Bühnenbild.

Mittlerweile hat sich Ricardo de Paula wohl vom Plagiatsvorwurf gegenüber Alain Platel distanziert. Was bleibt, ist der Vorwurf der Abbildung einer westeuropäischen, kolonialen Sichtweise im Stück Tauberbach. Dazu muss man wissen, dass die Hauptperson in Prados Film Estamira eine schwarze Brasilianerin am Rande der Welt – wie sie es im Film selbst darstellt – ist. Ricardo de Paula wirft in seinem Stück die Frage auf: „Was geschieht mit Menschen, die der heutigen Gesellschaft nicht mehr nützlich sind?“ Es geht ihm dabei nicht allein um die Person Estamira. Die brasilianische „Müllstadt Jardim Gramacho“ dient hier lediglich als ein Beispiel für ein auch an den Rändern des europäischen Wohlstands auftretendes Problem der Müllbeseitigung. Sight wäre demnach die Sicht über den deutschen Tellerrand hinaus auf ein, wie es in der Erklärung der Grupo Oito zu ihrem Stück lautet, „Phänomen weltweiter Müllberge“. Ein klares politisches Statement also, das mit den Worten Estamiras auch eine bestimmte Mission verfolgt.

(C) Münchner Kammerspiele

(C) Münchner Kammerspiele

Alain Platel - Foto: www.radio1.be

Alain Platel Foto: www.radio1.be

Dies ist nicht die Sichtweise Alain Platels. Das wird beim Betrachten seiner Tanztheaterproduktion schnell klar. Auch er stellt (mit der Schauspielerin Elsie de Brauw) eine deutlich psychisch gezeichnete Frau in den Mittelpunkt. Wie sie im täglichen Kampf ums Überleben auf der Müllkippe ihre menschliche Würde bewahrt, ist das zentrale Thema bei Platel, wie es wiederum in der Beschreibung der Münchner Kammerspiele heißt. In Tauberbach überwiegt also der menschliche Aspekt gegenüber einer politischen Botschaft. Der deutsche Autor und Theaterjournalist Gunnar Decker schreibt in seiner sehr kritischen Betrachtung zu Platels Stück im Neuen Deutschland, bezüglich des Inhalts „muss man sich dem Phänomen wohl zuwenden, dass man das eine hier auf der Bühne sieht und das andere später darüber liest. Der Sinn dieser Körperübungen erschließt sich – wenn überhaupt – nur über einen nachgereichten Kommentar.“

Bedeutet dies nun, Tanz inhaltlich zu deuten, ohne den bestimmten Kontext zu kennen, wäre schlicht unmöglich? Für Ricardo de Paula und das Bündnis kritischer KulturpraktikerInnen scheint der Fall dagegen ziemlich klar auf der Hand zu liegen. Alain Platels Sicht ist nicht die ihre, und das überwiegend weiße Publikum bekomme mit der Fetischisierung einer wilden, schwarzen Frau ein koloniales Klischee vorgeführt. Nur dass hier vermutlich niemand im Publikum beim Anblick der niederländischen Schauspielerin Elsie de Brauw überhaupt an eine schwarze Frau gedacht hat. Alain Platel erwähnt dies nicht, da seine Protagonistin nur noch entfernt etwas mit der wahren Figur der Estamira zu tun hat. Man könnte ihm nun vorwerfen, schwarze Positionen auszunutzen, die aber im Gegenzug auch in de Paulas Stück gar nicht explizit im Vordergrund stehen.

Man müsste also erstens den Film und zweitens wohl auch beide Tanzadaptionen kennen, um sich überhaupt ein genaues Bild machen zu können. Wohl ein Problem jeder Vorlage, die nicht unmittelbar zum allgemeinen (weißen) Bildungskanon gehört, obwohl die Dokumentation auch auf mehreren europäischen Filmfestivals lief. Daraus aber bei der überwiegend weiß besetzten Produktion Tauberbach auf eine rassistische Motivation zu schließen, erscheint mehr als konstruiert. Eher scheint es so, als wäre de Paula vor den Karren einer sicher auch gut gemeinten Protestaktion gespannt worden, die allerdings mit miesepetrigen Parolen á la „Find 7 differences“ versuchte gegen Platel und sein Team Stimmung zu machen. Als wäre die Kunst eine Art Fake- oder Vexierbild, in dem es gelte, versteckten Unterschieden oder Inhalten auf die Spur zu kommen.

SIGHT von Ricardo de Paula und Grupo Oito, Plakat des Ballhaus Naunynstraße - Foto: St. Bock

SIGHT von Ricardo de Paula und Grupo Oito, Plakat am Ballhaus Naunynstraße – Foto: St. B.

Dabei hat Ricardo de Paulas Produktion Sight diese Art von Promotion gar nicht nötig. Im zugegeben wesentlich kleineren Theatersaal des Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße ist das Publikum – hier sicht- und auch hörbar von ganz unterschiedlicher Herkunft – direkt in das Spiel mit einbezogen. Es sitzt mitten in den auf dem ganzen Boden verstreuten Kleidungsstücken, die sich die zunächst nackt hinter einer transluzenten Folie verborgenen Performer Schicht um Schicht überziehen. Durch die Folie wird ein Foto Estamiras sichtbar, das sie als schwarze Frau erkennbar macht. Die zwei weißen Tänzerinnen (Laura Alonso und Caroline Alves) und zwei schwarzen Tänzer (Zé de Paiva und Ricardo de Paula selbst) beginnen nach dem Suchen im Kleidungsmüll ein zu Klezmer-Musik der polnischen Gruppe Kroke sehr ausgelassenes Tänzchen. Ein betont emotional freudiger Beginn, der dann aber bald durch sehr verstörende Bewegungselemente abgelöst wird.

Die Performer werfen Kleidungsstücke in die Luft, rollen, schleppen und schleifen sich über den Boden. Durch die unmittelbare Nähe zu ihnen ist man beständig gezwungen auszuweichen und macht so die Erfahrung, selbst an den Rand gedrängt zu werden. In Videobildern aus dem Film sieht man Müllautos und Schaufelbagger beim Abladen des Mülls. Die Performer stellen diese Geräte dann als Mensch-Maschinen nach. In einer Art Capoeira-Choreografie wird der existenzielle wie innere Kampf Estamiras gezeigt, dazu verwebt die gesampelte Musik in Loops ihre Stimme. Immer wieder werden Schlagworte wie Kontrolle, Invisible, Exclude, Abstrakt, Kommunismus oder Mission an die Folienwand geworfen. Die Produktion gibt der Stimme der mittlerweile verstummten Estamira viel Raum. Wie eine Getriebene – was die Performer auch eindrücklich darstellen – betont sie ihre Mission aufzuklären über Gott, Wortverdreher und Besserwisser. Ein klar sozialkritisches Statement einer als schizophren gekennzeichneten Frau, das die multimediale Performance nun zu ihrer Mission macht. Zum Schluss stecken alle in großen Müllsäcken, ein deutliches Bild für das Nicht-sichtbar-sein.

Ähnliches aber auch sehr viel Differentes gibt es bei Alain Platels Tauberbach zu sehen. Neben einer ausgesprochen bemerkenswerten Tanz-, Ton- und Bewegungsdarbietung ist die Produktion aber auch ein allgemeiner Kommentar zur Orientierungslosigkeit und Unbehaustheit von Menschen, die aus verschiedensten Gründen aus der Mitte der Gesellschaft gefallen sind. Wie Ricardo de Paula in Sigth benutzt auch Alain Platel in Tauberbach die Aussagen Estamiras zur Beschreibung seiner nicht näher benannten Hauptfigur, die durch die Schauspielerin Elsie de Brauw dargestellt wird. Platel interessiert sich aber viel intensiver für den Gemütszustand seiner Hauptperson. Sie scheint Stimmen zur hören (someone in my ear), ist aber auch happy und beharrt darauf perfekt zu sein. Immer wieder betont sie alles zum Leben notwendige auf der Müllkippe zu finden.

Dissonante Töne bringt Alain Platel dann mit der Behauptung „There is no God“ und den Bach-Chören, die der polnische Aktionskünstler Artur Zmijewski mit Gehörlosen eingespielt hatte. Sie geben der Produktion Tauberbach ihren Namen. Wie Platel hat sich Zmijewski in mehreren Arbeiten mit menschlichen Behinderungen auseinandergesetzt. Mit dem Heine-Zitat aus dessen Reisebildern „Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte“ betritt Platel dann auch noch das Feld der europäischen Geschichte. Diese Aussage Heinrich Heines beim Anblick des grasüberwachsenen Schlachtfelds von Marengo (Napoleons Sieg 1800 über Österreich) spielt sicher auch auf die unzähligen im Dienste einer unaufhaltsam voranschreitenden Zivilisation unbekannt gestorbenen Menschen an. Vielleicht etwas zu viel Kontext für eine Inszenierung, die auch ohne dieses Wissen berührt. Hier schließt sich dann aber auch der Kreis zum Fall vom Anfang des Artikels. Es kommt in jeder Kritik darauf an, nicht nur die Erklärungen der Dramaturgen wiederzugeben, sondern unabhängig das Gesehene daraufhin einzuschätzen und zu bewerten. Und das ist, wie man sieht, auch in diesem etwas vertrackten Fall durchaus möglich.

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Tauberbach
Konzept, Regie, Bühne: Alain Platel
Dramaturgie: Hildegard De Vuyst Koen Tachelet
Musikalische Dramaturgie: Steven Prengels
Licht: Carlo Bourguignon
Kostüme: Teresa Vergho
Mit: Elsie de Brauw, Bérengère Bodin, Lisi Estaras, Romeu Runa, Elie Tass, Ross McCormack.
Dauer: 1 Stunde 30 Min.
Gesehene Vorstellung: 04.03.2014 im HAU 1 Berlin

weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

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Sight
von Grupo Oito
Regie und Choreographie: Ricardo de Paula
Bühne und Kostüm: Grupo Oito
Lichtdesign / Technische Leitung: Irene Selka Chroreographische
Beratung: Zula Lemes
Tanz und Performance: Laura Alonso, Caroline Alves, Ricardo de Paula, Zé de Paiva
Dauer: 1 Stunde 10 Min.
Gesehene Vorstellung: 15.05.2014 im Ballhaus Naunynstraße

Weitere Infos: http://www.ballhausnaunynstrasse.de/auffuehrung/66632291

Zuerst erschienen am 19.05.2014 auf Kultura Extra.

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