Archive for the ‘Alexander Nerlich’ Category

„Die Netzwelt“ und „Verbrechen und Strafe“ – Alexander Nerlich verabschiedet sich gewohnt düster vom Hans Otto Theater Potsdam

Mittwoch, Februar 14th, 2018

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Die Netzwelt – Alexander Nerlich inszeniert in der Reithalle des Hans Otto Theaters den philosophischen Cyber-Krimi von US-Autorin Jennifer Haley

Die Netzwelt am Hans Otto Theater
Foto (c) Göran Gnaudschun

Solides Well-made-Konversationsstück oder cooler Cyber-Krimi – was ist das von der US-amerikanischen Autorin Jennifer Haley geschriebene Drama Die Netzwelt eigentlich wirklich? Da es in dem 2013 im Kirk Douglas Theatre in Culver City (California) unter dem Titel The Nether uraufgeführten Theaterstück um einen in naher Zukunft spielenden Kriminalfall in der sogenannten Virtual Reality geht, ist es zunächst mal ein durchaus spannend geschriebener Science-Fiction-Thriller. Jennifer Haley verhandelt allerdings in den von ihr als „Technologie-Stücke“ bezeichneten Dramen vor allem auch moral-philosophische Fragen in Bezug auf die Nutzung von Internet-Medien und entsprechenden Technologien. Die Netzwelt ist ein Ort, an dem sich Menschen in programmierten Räumen anonym zu bestimmten Rollenspielen treffen. Der pädophile Sims, auch Papa genannt, hat hier für sich und seine Kunden ein sogenanntes „Refugium“ geschaffen, in dem sie sich mit als junge Mädchen gestalteten Avataren vergnügen können inklusive des Auslebens von Gewaltfantasien. Nach Aussage von Sims: „Die Möglichkeit eines Lebens jenseits aller Konsequenzen.“

In diesem scheinbar gesetzlosen Raum, der durch Zugangscodes gesichert ist, versucht die Cyber-Detektivin Morris den Betreiber Sims der Vergewaltigung, Sodomie und Anstiftung zu selbigen Verbrechen zu überführen. Sie hat dazu den verdeckten Ermittler Woodnut in das Refugium eingeschleust, dessen Berichte sie in verschieden Szenen als digitale Tonaufzeichnungen abspielt. Die Handlung des Stücks verläuft dabei nicht chronologisch und springt nicht nur in den Zeiten, sondern auch beständig zwischen realer und der sogenannten Netzwelt, in der sich mittlerweile auch Schulen und Universitäten befinden. Menschen, die sich für immer in die Netzwelt eingekauft haben und deren Körper nur noch an lebenserhaltenden Systemen hängen, werden „Schatten“ genannt.

Das klingt nach einem guten Plot für einen Science-Fiction-Film, schreibt Haley doch auch Drehbücher für amerikanische Fernsehserien. Aber wie ließe sich die digitale Welt auf der sehr realen Theaterbühne darstellen? Ein aktuelles Thema, dem sich zurzeit immer mehr TheatermacherInnen widmen. Und auch Die Netzwelt steht landesweit auf vielen Theaterspielplänen. Regisseur Alexander Nerlich war am Hans Otto Theater Potsdam allerdings bisher nicht für besonders netzaffine Inszenierungen bekannt. Ihn zeichnet eher ein bestimmter Hang zum Düsteren und Magischen aus. Aber auch das ist ja in dieser etwas bizarren Cyber-Crime-Story durchaus angelegt. Sicher nicht von ungefähr gleicht dann auch die von Zora Klostermann gespielte Detektivin Morris der stets schwarz-gekleideten Computerhackerin Lisbeth Salander aus den Verfilmungen der Millenniums-Trilogie von Stieg Larsson.

 

Die Netzwelt am Hans Otto Theater
Foto (c) Göran Gnaudschun

 

Ähnlich wie Salander besitzt auch Morris ein geheimnisvolles Vorleben, das sich erst im Laufe der Handlung nach und nach erschließt. Keiner ist hier das, was er vorgibt zu sein, auch nicht Doyle (Bernd Geiling), ein Stammgast des Refugiums, aus dem Morris mittels erpresserischen Methoden Informationen über Sims herauszuquetschen versucht. Die Inszenierung in der Potsdamer Reithalle beginnt aber in einem erhöht liegenden und steril weiß gefliesten Raum (Bühne: Wolfgang Menardi) mit einem Verhör, bei dem Morris den Standort des Refugium-Servers von Sims erfahren will. In 16 Szenen und Rückblenden erzählt das Stück nun die Geschichte von Sims, seiner Cyber-Lolita Iris (Juliane Götz, die für die erkrankte Marie Fischer einsprang), die immer mehr auch eigene Gefühle und Wünsche entwickelt, und Woodnut, der bei seinen Recherchen im Refugium schließlich dem Reiz des virtuellen Spiels mit dem neunjährigen Mädchen und seinen eigenen Obsessionen erliegt.

Inwieweit das etwas mit dem Missbrauch Minderjähriger durch Pädophilenringe, die Bilder und Videos von ihren Sexualstraftaten ins sogenannte Darknet stellen, zu tun hat, bleibt aber unklar. Die Pädophilie-Story angereichert mit ein paar Splatter-Fantasien dient hier nur der Verdeutlichung der Diskrepanz zwischen real-gesellschaftlichem Tabu und der Möglichkeit, perverse und strafrechtlich relevante Fantasien im virtuellen Raum auszuleben. Diese Ambivalenz des Plots ist einerseits seine Schwäche, anderseits zielt die Autorin damit auch mehr auf einen philosophische Diskurs über die zunehmende Verwischung des realen, ungeliebten körperlichen Ichs zugunsten einer sich nur in der virtuellen Welt erfüllbaren Fantasie-Identität. Sims ist vor seiner pädophilen Neigungen in das von ihm geschaffene Refugium geflüchtet, in dem ihm Leute wie der alte Lehrer Doyle, der die Fesseln der Körperlichkeit für immer abwerfen will, als Objekte seiner Fantasie einvernehmlich dienen, bis sie dessen fragwürdige Regeln verletzen und wieder aus dem Refugium verbannt werden.

Nerlich lässt das zumeist sehr real spielen. Es gibt keine Videos oder ähnliche Projektionen. Virtuell ist hier nichts. Die psychisch und körperlich brutalen Verhörszenen wechseln mit den im Rokokostil-Ambiente von holzvertäfelten und mit Waldlandschaften bemalten Wänden des Refugiums. Eine Art Alice im Wunderland-Spiel, bei dem es kein Altern oder gar den Tod gibt. Doch auch hier bricht die Realität ein und wirft Fragen über wahre Liebe, Verlangen, Gewalt, Abhängigkeit und Hörigkeit auf. Dem virtuellen Püppchen Alice stellt der Regisseur eine von den maskierten Schauspielern geführte Puppe zur Seite. Wer gerade nicht spielt, macht am Rand über ein Mikrofon Geräusche mit Zweigen, Papier oder dem Mund. Es ist eher ein Anti-Netzstück das Nerlich hier inszeniert. Die Vertreibung aus dem virtuellen Paradies und Aussetzung in der realen Welt endet in einer utopischen Traumsequenz.

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Die Netzwelt (Reithalle Potsdam, 24.11.2017)
Von Jennifer Haley
Deutsch von Michael Duszat
Regie: Alexander Nerlich
Bühne: Wolfgang Menardi
Kostüme: Anneke Goertz
Musik / Sounddesign: Malte Preuß
Dramaturgie: Christopher Hanf
Theaterpädagogik: Kerstin Kusch
Besetzung:
Sims/ Papa: Michael Schrodt
Morris: Zora Klostermann
Doyle: Bernd Geiling
Iris: Marie Fischer
Woodnut: Friedemann Eckert
Die Premiere in der Reithalle des Hans Otto Theater Potsdam war am 24. November 2017
Termine: 24.03.2018

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 26.11.2017 auf Kultura-Extra.

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Verbrechen und Strafe – Alexander Nerlich inszeniert Fjodor Dostojewskis großen Schuld- und Sühne-Roman als düsteren Horroralbtraum

Verbrechen und Strafe am HOT Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Ist es gerechtfertigt im Namen einer großen Idee zu morden? Diese moralisch gesehen eigentlich recht abwegige Frage bejaht nicht nur der hochintelligente aber verarmte Jurastudent Rodion Romanowitsch Raskolnikow aus dem großen Romanwerk Verbrechen und Strafe des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski, auch Anhänger verschiedenster Ideologien erachteten in der Geschichte der Menschheit in ihren Augen unwertes Leben für nicht erhaltenswert. Und nicht erst durch die drohenden Gewalttaten von Terroristen gewinnt diese Frage heute wieder an Bedeutung.

War es für Thomas Mann „der größte Kriminalroman aller Zeiten“, obwohl der Täter ja von Anfang an feststand, interessierte sich Dostojewski mehr für die Psyche seines Romanhelden Raskolnikow. Außerdem spielten für den Autor auch eher religiöse und moralische Fragen eine Rolle, weshalb der Roman in früheren Übersetzungen wohl auch mit Schuld und Sühne betitelt wurde. Dostojewski beschreibt darin eine Wandlung, die er (wegen sozialrevolutionärer Umtriebe zunächst zum Tode verurteilt) selbst beim Abbüßen seiner Strafe in einem sibirischen Lager durch das Lesen des Neuen Testaments vollzogen hatte. Wie er kommt auch der Mörder Raskolnikow am Ende in ein Straflager. Ob sich dabei tatsächlich eine spirituelle oder humanistische Wandlung vollzieht, lässt die Inszenierung von Alexander Nerlich am Hans Otto Theater Potsdam ähnlich wie Dostojewski offen. Dennoch beschreibt sie von Anbeginn recht eindrücklich die innere Spannung und Zerrissenheit Raskolnikows bis zur Entscheidung sich dem Untersuchungsrichter Porfirij Petrowitsch zu stellen.

Den schuldigen Studenten verfolgen hier seine inneren Dämonen schon in einem minutenlangen Prolog, bei dem Eddi Irle als rastloser Raskolnikow beim Laufen über die Bühne zu treibenden Beats vom restlichen Ensemble in weißen Totenkopfmasken verfolgt und immer wieder angerempelt wird. Der in einer ärmlichen Kammer Hausende hat für die Miete seine letzte Habe bei der Pfandleiherin Aljona Iwanowna (Andrea Thelemann) versetzt und sinnt nun nach einem Gespräch in der Kneipe darauf, wie er einen Mord an dieser niederen, von ihm als Laus bezeichneten Person rechtfertigen könnte. Raskolnikow hatte zu diesem Gedankenspiel bereits den passenden Artikel in einer Zeitschrift veröffentlichen wollen. Nun schreitet der sich zu höherem Berufene mit der Axt zur Tat.

 

Verbrechen und Strafe am HOT Potsdam
Foto (c) HL Böhme

 

Auf der Drehbühne des Hans Otto Theaters sind die verschiedenen Handlungsorte durch schräge Wände, die einen sich vorn öffnenden Trichter bilden, an dessen Rückseiten die Stube Raskolnikows, die angeranzte Behausung der Familie Marmeladow, die der Pfandleiherin oder ein schmuddeliges Hotelzimmerzimmer angeordnet sind. Immer wieder sieht man Ikonenbilder, und bei der Wucherin steht so eine Madonna sogar leibhaftig in der Wohnung. Raskolnikow geht mit der Axt zu Werke, bis das Genick knackt, und erwürgt auch die aus der Waschmaschine gekrochene, im Geiste etwas schlichte Schwester (Nina Gummich). In einem fast slapstickartigen Tänzchen hindern ihn die beiden Untoten daran, das Schmuckversteck der Wucherin in der Schrankwand auszuräumen.

Regisseur Nerlich setzt wie schon in seinen Inszenierungen von Peer Gynt und Das goldene Vlies auf manch düstere Horroreffekte, das Spiel mit Puppen und lässt am Rande vom Ensemble Geräusche machen. Besonders gelungen ist ihm aber neben der dunklen Bühne von Zana Bosnjak auch die Figur des pädophilen Arkadij Iwanowitsch Swidrigajlow, den Moritz von Treuenfels als eine Art schwarzgewandeten Vampir gibt, der Raskolnikow immer wieder auflauert oder in einer Telefonzelle anruft. Dass von Treuenfels auch noch den Untersuchungsrichter spielt, funktioniert als schöner Verwirrungstrick, ist doch auch Porfirij Petrowitsch hinter dem Mörder her, nur eben kreist er sein Opfer geschickt auf Fehler wartend ein, triggert es unmerklich, bis er plötzlich unvermittelt neue Verhörmethoden aufzieht. Dazu findet Nerlich immer wieder sehr plastische Bilder. So zieht sich der Idealist Raskolnikow, der durch den Mord und die Begegnung mit den Marmeladows in der harten Realität aufgeschlagen ist, immer wieder wie eine Fledermaus in eine Kraterhöhle zurück.

Neben Eddi Irle verkörpern weitere sechs SchauspielerInnen in wechselnden Rollen Dostojewskis Romanpersonal. Michael Schrodt gibt u.a. den verzweifelten Trinker Marmeladow, Denia Nironen
dessen geplagte und dauerkeuchende Frau. Fast ein Gegenpaar bilden die beiden als schmieriger Geschäftsmann Luschin und Dunja, die zeitweilig mit ihm verlobte Schwester des Raskolnikow. Florian Schmidtke überzeugt als Raskolnikows rühriger Kumpel Rasumichin, der ein Auge auf Dunja geworfen hat und auch für ein paar komische Momente sorgt. Die vielleicht stärkste Bezugsperson beim Wandel des Raskolnikow ist aber Sonja, die Tochter der Marmeladows (wieder Nina Gummich). Sie prostituiert sich für die Ernährung der Familie und will den an nichts mehr Glaubenden zur Reue und Liebe zu Gott zurückführen. Dass Raskolnikow auch wegen der ständigen um ihn schwirrenden Stimmen schließlich das schlechte Gewissen kommt und er einsehen muss, dass er eben doch nicht der große Übermensch ist, den er in sich gesehen hat, lässt den Dauerschwitzenden in sich zusammenklappen. Aber selbst als die Hatz ein Ende hat und Irle im Lager in einem Doppelstockbett liegt, lassen ihn die Toten nicht ruhen.

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Verbrechen und Strafe (HOT Potsdam, 10.02.2018)
von Fjodor Dostojewski
Regie: Alexander Nerlich
Bühne/ Kostüme: Zana Bosnjak
Musik: Malte Preuß
Choreografie: Jasmin Hauck, Cecilia Wretemark
Dramaturgie: Julia Fahle
Theaterpädagogik: Manuela Gerlach
Besetzung:
Rodion Romanowitsch Raskolnikow / Chor: Eddie Irle
Dmitrij Prokofjitsch Rasumichin / Ilja Petrowitsch / Mikolka / Chor: Florian Schmidtke
Sofja (Sonja) Semjonowna Marmeladowa / Lisaweta Iwanowna / Nastassja Petrowna / Chor: Nina Gummich
Semjon Sacharitsch Marmeladow / Pjotr Petrowitsch Luschin / Chor: Michael Schrodt
Arkadij Iwanowitsch Swidrigajlow / Porfirij Petrowitsch / Chor: Moritz von Treuenfels
Pulcherija Alexandrowna Raskolnikowa / Aljona Iwanowna / Amalija Fjodorowna Lippewechsel / Chor: Andrea Thelemann
Awdotja (Dunja) Romanowna Raskolnikowa / Katerina Iwanowna Marmeladowa / Chor: Denia Nironen
Die Premiere war am 2. Februar 2018 im Hans Otto Theater Potsdam
Termine: 28.02. / 09., 25.03.2018

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 12.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Aufpolilierte Klassiker – Shakespeares „Lear“ an der Berliner Volksbühne und Grillparzers Trilogie „Das goldene Vlies“ am Hans Otto Theater Potsdam

Montag, Februar 13th, 2017

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Shakespeare für Bekloppte? – Silvia Rieger zerschlägt mit einem wüsten Lear an der Volksbühne das Erbe Frank Castorfs

LSD (c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

„Lear her oder Leben! Ostdeutsche Szene: Berliner Räuber plündern William Shakespeare in Frank Castorfs Volksbühne“ titelte die F.A.Z. im Oktober 1992. Der Großkritiker Gerhard Stadelmaier verriss die Premiere des damals frisch inthronisierten Volksbühnenintendanten Frank Castorf kurz und bündig mit den Worten: „Castorf plündert und prügelt Shakespeare.“ Was Stadelmaier nicht verhindern konnte, die Volksbühne wurde 1993 Theater des Jahres und mit Castorfs König Lear und Marthalers Murx den Europäer als einziges Haus mit gleich zwei Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Frank Castorf trug mit seinem Lear in mehrfacher Hinsicht ein greises System zu Grabe – das der alten DDR-Parteibosse und das der in seinen Augen überkommenen westdeutschen Theaterpatriarchen – besorgt von einem geharnischten Schlägertrupp aus sieben Rittern.

Mittlerweile gehört Frank Castorf – wie auch Gerhard Stadelmaier – selbst zum Alten Eisen der Theaterherrscher. Ein großer König zwar und immer noch unruhiger Geist, aber einer, der am Ende dieser Spielzeit endgültig abdanken muss. Vorab übergibt Castorf schon mal probeweise das Zepter an den Schauspielnachwuchs. Gegeben wird wieder ein Lear, als wäre es eine Reminiszenz an die alten Zeiten des Aufbruchs oder aber auch ein Abgesang an die von Frank Castorf. Regie bei dieser Kooperation der Volksbühne mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ führt Castorfs langjährige Mitstreiterin Silvia Rieger. Sie hat bereits im letzten Jahr Gorkis Sommergäste mit Studierenden der HfS ziemlich chaotisch auf Bert Neumanns kargen Asphaltbeton geknallt.

Auch bei Riegers Lear nach Shakespeare versinkt die Welt im Chaos. Ein papierenes Reich, zerrissen und zerknüllt, geworfen vor jaulende Hunde. König Lear möchte sich im Alter von der materiellen Last und Verantwortung des Regierens befreien, indem er sein Reich unter seine drei Töchter aufteilen will. Die Art des Bekenntnisses der Liebe zu ihm soll über die Größe des Erbteils entscheiden. Zwei Töchter reden dem Vater nach dem Mund, die dritte liebt ihn aufrichtig, aber nicht mehr als es einer Tochter geziemt und wird dafür von Lear verbannt. Die Welt ist schlecht, voll von Gier, Neid, Lüge und Verrat. Die Alten sind der Jugend lästig und ernten nun, was sie einst dem Nachwuchs eingepflanzt. Das kann einem schon mal die Sprache verschlagen. Lear ist ein einziger Schrei ohne Worte. Silvia Rieger gibt ihn selbst. Ein senil greinender Greis im güldenen Schlafanzug mit umgehängtem Sandmannbart.

 

Lear an der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Shakespeares Plot des von seinen Töchtern gedemütigten und langsam dem Wahnsinn verfallenden Lear ist in Silvia Riegers Inszenierung nur noch in Splittern erkennbar. Man spielt die Tragödie ganz als Castorf-Farce. Lears Töchter sehen aus wie Chicks on Speed. Regan und Goneril sind hier bipolar in einer Figur vereint, während die jüngste Tochter Cordelia nur mal kurz und stumm vorbei stöckelt. Dafür brüllen Graf Gloucester und sein Bastardsohn Edmund umso lauter. Dass im Stück mehrere Briefe mit intrigantem Inhalt hin und her gehen, verleitet die Regisseurin zu einem Slapstick mit großem Briefkasten, aus dem eine Flut von Papier quillt, die nicht mehr zu bändigen ist. Ein Running Gag des Abends. Auf derart zugemüllter Bühne entspinnt sich ebenfalls ungebremst ein zunehmender Wahn aus Kreischarien, minutenlangem Topfschlagen und anderen Blödelszenen.

Ja so warn’s die alten Rittersleut‘, ist man geneigt zu denken. Neune machen einen Lärm für Hundert. Weiter marschiert ein Trupp Rotkäppchen auf. Es wird noch was vom Pferd und Kühlschrank erzählt und Leinezwang für Bullterrier in Brandenburg gefordert. Da sperrt sich der getreue Kent glatt selbst in den Block, wie die ganze Inszenierung in einem Narrenkostüm steckt. Die Kappe dazu bietet der Lear’sche Narr seinem König an. Die Bühnenwelt ist aus den Fugen und zerfällt in zwei Teile. Links werden Heiner Müllers gesammelte Werke gegeben, rechts spielt man die von Shakespeare. Othello muss nach Zypern. Es geht gegen die Türken. Aha. Und alle wollen an die Front, doch „das kostet Menschenleben“. Na sowas.

Nachdem Riegers Lear noch was in unverständlichem Englisch gebrabbelt hat, eröffnet der Müller-Kiosk an der Wolokolamsker Chaussee. Es gibt Bier und Heiner Müller satt. „In meinem Kopf der Krieg hört nicht mehr auf.“ Cordelia stürmt als Asiat, ein Barbar aus dem Osten, die Bühne und brüllt etwas von Kriegspatriotismus – bis alles am Boden liegt. Schon zu Beginn zitiert Silva Rieger aus dem Doors-Song The End. Am Ende lässt sie den Vorhang zuziehen. Der Rest ist Schnee und Schweigen.

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LEAR (Volksbühne, 02.02.2017)
nach William Shakespeare
Regie: Silvia Rieger
Raum: Bert Neumann
Bühne und Kostüme: Laurent Pellissier
Licht: Torsten König
Dramaturgie: Sabine Zielke
Mit: Maximilian Hildebrandt, Daniel Klausner, Benjamin Kühni, Jeremy Mockridge, Marie Rathscheck, Kim Schnitzer, Léa Wegmann, Felix Witzlau (alle 4. Studienjahr Schauspiel) und Silvia Rieger
Premiere in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz war am 01.02 2017.
Weitere Termine: 26.02. / 09. + 30.03. 2017
Eine Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“

Weitere Infos siehe auch: https://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/lear/

Zuerst erschienen am 03.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Doppeldeutiger Kugelmensch – Alexander Nerlich inszeniert am Hans Otto Theater einen in zwei Teile zerfallenden Abend um Das goldene Vlies von Franz Grillparzer

Das goldene Vlies am Hans Otto Theater – Foto (c) Göran Gnaudschun

Mit doppeldeutigen Geschöpfen hat es der junge Regisseur Alexander Nerlich. Er verdeutlicht die innere Gespaltenheit der Hauptfiguren in seinen Inszenierungen oft durch Doppelbesetzungen. Und wie schon im Urfaust und dessen nordischer Entsprechung Peer Gynt bekommt auch die mythische Medea aus Franz Grillparzers Trilogie Das goldene Vlies eine kleine Doppelgängerin an die Seite gestellt. Das ist im Falle Grillparzers nur logisch, spiegelt sich doch in seiner Medea auch Freuds Prinzip der kindlichen Triebunterdrückung, die sich dann im Erwachsenen unterbewusst bahnbricht. Am Hans Otto Theater Potsdam verkörpert die jugendliche Renée Carlotta Gerschke diese dunkle Seite der erwachsenen Medea, die von der rothaarigen Schauspielerin Marianna Linden dargestellt wird.

Medea ist die Königstochter eines antiken Barbarenvolkes auf Kolchis. Der Grieche Phryxus (Peter Pagel) brachte einst auf der Flucht das goldene Widderfell, um das es hier u.a. geht, als Gabe für den Gott der Kolcher mit. Der Gastfreund, wie auch der erste Teil von Grillparzes Trilogie heißt, wird von König Aietes (Bernd Geiling) als fremder Eindringling getötet. Er bedient sich dabei der Zauberkräfte Medeas, die sich daraufhin, geplagt von düsteren Visionen, in einen Turm zurückzieht. Auf dem Vlies lastet nun ein Rachefluch, der sich durch die ganze weitere Geschichte zieht.

Nerlichs Inszenierung streift den ersten Teil nur kurz wie eine Art Rückblende. Kaum ist Phryxos tot, landet auch schon Jason mit seinen Argonauten auf der Suche nach dem sagenumwobenen Vlies auf Kolchis. Das Land der Barbaren ist im Bühnenbild von Tine Becker ein karger, düsterer Ort. Eine schwarze Plane im Hintergrund, dürres Strauchwerk mit Tierschädeln, eine mit okkulten Zeichen bemalte kleine Hütte und eine Badewanne weisen auf primitive Opferriten hin, was sich auch in der dunklen Kleidung der Kolcher (Kostüme: Matthias Koch) spiegelt. Regisseur Nerlich liebt das Unerklärbare und Düstere, und so atmet diese an Fluxus, Informel und Art Brut erinnernde Klang-Kunst-Installation auch viel Archaik und Mystik bis hin zu einem bedrohlichen Gothik-Sound.

Viel mehr an Ideen hat diese Inszenierung bis zur Pause allerdings nicht zu bieten. Nerlich setzt voll auf die Wirkung von Bühnenbild und Körperkraft. Das psychologische Motiv der sich gegenseitig anziehenden und gleichzeitig fremden Charaktere Medea und Jason tritt dabei weitestgehend in den Hintergrund. Der bisweilen pathetische Ton der Vorlage wird durch ständige Kampfchoreografien gebrochen. Die beiden testosterongesteuerten Männer Jason (Florian Schmidtke) und Milo (Wolfgang Vogler) überrollen Kolchis wie ein SEK-Kommando in schwarzen Schusswesten. Pistolen gegen Messer. Da ist der Bruder Medeas, Absyrtus (Jonas Götzinger als Spacko im schwarzen Netzhemd), klar unterlegen. Sprüche wie „Krieg ist Scheiße, hat aber einen geilen Sound.“ oder „Erkenne deinen Herrn.“ verdeutlichen das Wesen Jasons als Eroberer. Da klingt das poetische Bekenntnis seiner Liebe zu Medea als wiedergefundene Hälfte des Platon’schen Kugelmenschen schon etwas befremdlich. Jason bleibt auch in der Liebe ein berechnender Eroberer.

 

Das goldene Vlies am Hans Otto Theater
Foto (c) Göran Gnaudschun

 

Wirklich blutig wird es allerdings erst, als Jason und Medea nun vereint sprechend im blutroten Vlies aus der Wanne steigen. Hier macht die Inszenierung einen Schnitt und setzt nach der Pause in Korinth wieder ein. Medea und Jason lagern im Zelt vor der Stadtmauer. Ein deutlicheres Bild lässt sich für Medea als Flüchtende nicht finden. Sie möchte die Vergangenheit hinter sich lassen und einen Neuanfang mit Jason. Das verfluchte Vlies versenkt sie im Bühnenboden. Einerseits Zwang zur Assimilation und andererseits Vorurteil und Ablehnung gegenüber allem Fremden bestimmen nun den Medea-Teil, der im wesentlich helleren Griechenland zwischen flexibel verschiebbaren Wänden spielt.

Peter Pagel als Korinths König Kreon und Denia Nironen als dessen Tochter Kreusa sind in Haute Couture und Benehmen das Ziel, das es zu erreichen gilt. Dabei lassen beide Medea aber stets spüren, dass sie hier nicht dazugehört. König Kreon, der selbst scharf auf das Vlies ist, hält sich das Flüchtlingspaar wie eine exotische Tierart in einem Glas-Terrarium. Als Schulmeisterin Medeas bleibt Kreusa stets reserviert. Dabei absolviert Medea ein regelrecht erniedrigendes Zuchtprogramm, das in der Katastrophe enden muss. Die Abkehr Jasons von Medea und die Zuwendung zur alten Liebe Kreusa erfolgt recht schnell. Medea wird alle Schuld angelastet. Verschmäht und der Kinder beraubt, die sich nun von Kreusa beeinflusst ebenfalls von ihr abwenden, erwacht ihr altes Ich in Gestalt ihrer Doppelgängerin, die die Widersacherin mordet. Ihre Kinder tötet Medea ja bekanntlich ebenfalls. Viel mehr vermag Nerlich aus seiner Interpretation der Doppeldeutigkeit der Figur nicht herauszuholen.

Gier nach Macht und Reichtum, endlose Gewalt, Ausgrenzung und der Zusammenprall der Kulturen gepaart mit einer leidenschaftlichen Liebe, die in einer Ehetragödie endet. Breiter gefächert könnte der inhaltliche Anspruch, dem sich die Inszenierung hier stellt, nicht sein. Aus den verschiedenen Teilen der Trilogie ein dramatisches Ganzes zu formen, gelingt Alexander Nerlich allerdings nur bedingt. Aber vielleicht lässt sich auch aus dem etwas angestaubten Grillparzer-Vlies nicht viel mehr herausklopfen. Es wäre durchaus mal wieder an der Zeit für eine neue Medea-Bearbeitung.

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Das goldene Vlies (Hans Otto Theater, 03.02.2017)
von Franz Grillparzer
Regie: Alexander Nerlich
Bühne: Tine Becker
Kostüme: Matthias Koch
Musik: Malte Preuß
Choreografie: Alice Gartenschläger
Dramaturgie: Christopher Hanf
Besetzung:
Medea: Marianna Linden
Jason: Florian Schmidtke
Gora: Sabine Scholze
Phryxus/ Kreon: Peter Pagel
Aietes: Bernd Geiling
Peritta/ Kreusa: Denia Nironen
Milo: Wolfgang Vogler
Absyrtus: Jonas Götzinger
Junge Medea: Renée Carlotta Gerschke, Clara Sonntag
Premiere war am 03.02.2017 im Hans Otto Theater
Termine: 24.02. /  07., 19.03.2017

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 05.02.2017 auf Kultura-Extra.

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Faustens düstere Brüder im Geiste – Schillers „Wallenstein“ an der Berliner Schaubühne und Ibsens „Peer Gynt“ am Hans Otto Theater Potsdam

Mittwoch, Mai 18th, 2016

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Spät kommt er, aber er kommt zu spät – Michael Thalheimer inszeniert Schillers Wallenstein als müden Melancholiker

Wallenstein von Friedrich Schiller Schaubühne am Lehniner Platz Premiere: 05.05.16 Regie: Michael Thalheimer Bühne: Olaf Altmann Kostüme: Nehle Balkhausen Musik: Bert Wrede Szene mit: Regine Zimmermann, Ingo Hülsmann

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz – Foto (c) Katrin Ribbe

Schwerer Nebel begleitet einen schon beim Einlass zu Michael Thalheimers Wallenstein-Inszenierung an der Berliner Schaubühne. Es ist erst mal nicht viel zu sehen. Düster und brachial haut einen dann auch Bert Wrede seinen gewohnten Bombast-Sound um die Ohren und in die Magengrube. Dazu gibt es einen minutenlangen Prolog mit nackten, blutigen Leibern, die sich um einen vom Schnürboden hängenden halben Pferdekadaver drängen. Der andere Teil, bald ebenso totes Fleisch, sitzt regungslos in Militäruniform mit Orden behangen in einem Lehnsessel am Rand. Es ist Feldherr Wallenstein, Herzog von Friedland, über dessen letzte Tage während des Dreißigjährigen Kriegs Friedrich Schiller eine tagfüllende Trilogie geschrieben hat. Peter Stein hat sie vor Jahren komplett aufgeführt mit einem umherstolzierenden Klaus Maria Brandauer in der Titelrolle.

Ingo Hülsmanns Wallenstein sitzt fast drei ununterbrochene Stunden lang zusammengesunken sinnierend, während sich um ihn ein Ränkespiel um Macht, Rache und Verrat entspinnt, in das der sein Geschick an die Konstellation der Sterne Hängende viel zu spät tätig eingreifen wird. Hinter ihm steht sein Astrologe und diabolischer Einflüsterer Seni (Lise Risom Olsen). Er hält ihn eisern an der Schulter, bleierne Gewichte scheinen den böhmischen Kriegsherrn im Dienste des österreichischen Kaisers auf seinem Stuhl niederzuhalten. Er grollt und brüllt nur an, was ihm vors halb gesenkte Haupt kommt: vom kaiserlichen Gesandten über die Gefolgsleute bis zu Frau und Tochter.

Regisseur Thalheimer lässt auf der fast ständig halbdunklen, einem Käfig aus Gitterwänden und Boden gleichenden Bühne von Thomas Altmann eine Geschichte von unabwendbarem Schicksal und fataler Selbstüberschätzung spielen, als würde alles nur auf das eine klare Ziel hinauslaufen: Wallensteins Tod. Der Heidelberger Literaturprofessor Dieter Borchmeyer liefert die entstehungsgeschichtlichen Hintergründe zum Drama und eine These zur Verwandtschaft von Schillers Wallenstein zu Goethes Faust, dem melancholischen Bruder im Geiste – ein Essay über den Zusammenhang der beiden Dramen der Weimarer Klassik in ihrer epischen Form sowie den der Sterndeutung mit der Temperamentlehre. Viel wird in beiden Dramen von Schicksalsmacht, geistigen und materiellen Befindlichkeiten geredet, allein drei Stunden Wallenstein lassen sich damit kaum füllen. Da muss auch noch mächtig der Intrigenapparat angeworfen werden.

 

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (c) Katrin Ribbe

Wallenstein in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Katrin Ribbe

 

Das Thalheimer‘sche Schauspielpersonal geht dafür immer wieder an die Rampe, um den großen Text Schillers frontal ins Publikum zu sprechen, den man auch in ausgedünnter Form noch genießen und eine Strichliste der geflügelten Worte führen kann. Politischer Erfolg und Verrat liegen hier dicht beieinander, die intriganten Akteure Illo (Andreas Schröders) und Graf Terzky (Felix Römer) pro Wallenstein, Octavio Picolomini (Peter Moltzen) und später Buttler (Urs Jucker) gegen ihn sind im sprachlichen Diktum kaum auseinanderzuhalten. Verschlagenheit, Hass und Furcht vor der eigenen Entschlossenheit lassen sie zudem zappeln, grimassieren und irre lachen.

Ein paar Abstufungen gibt es schon, die das düstere Einerlei der Kostüme durchbrechen. Regine Zimmermanns Gräfin Terzki versucht in wechselnd aufreizender Garderobe zu verführen und greift dem müden Feldherrn auch mal ans Gemächt. Das verhinderte Liebespaar Thekla (Alina Stiegler), Tochter Wallensteins, und Max (Laurenz Laufenberg), Sohn des Octavio Picolomini, trägt noch unbeflecktes Weiß, der jugendliche Idealismus lässt grüßen, hat aber gegen die Abgeklärtheit des Alters nicht viel zu melden.

Sich gegen die Treue zum Kaiser zu entscheiden, um einen Frieden mit den Schweden zu auszuhandeln, hat für Wallenstein auch ganz persönliche Gründe. Er fühlt sich zu Höherem berufen. Seine Entscheidungsarmut erinnert aber nicht nur an das Konfliktaussitzen aktueller Politiker, es hat auch etwas von Shakespeares Hamlet, der lange nicht die richtige Seite findet und am Ende durch die Ränke der anderen fällt. So ist es letztendlich auch mit Wallenstein. Vom einen verraten, vom anderen blutig gemeuchelt und aufs tote Pferd gesetzt, gerät der Stern des selbsternannten Cesaren ins Trudeln. Aber auch der Nachfolger im Sessel hat schon wieder den Einflüsterer vom Anfang im Nacken.

Das ist stringent, ohne große Umschweife und durchaus schlüssig erzählt. Michael Thalheimer beendet mit Schillers Wallenstein seine eigene blutige Kriegstrilogie, die von der antiken Orestie über die mittelalterlichen Nibelungen bis in den Dreißigjährigen Krieg reicht. Die Kriege der Gegenwart und Zukunft stehen hier nicht zur Debatte, man muss dafür aber nicht erst die Sterne deuten.

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WALLENSTEIN (Schaubühne am Lehniner Platz, 05.05.2016)
Regie: Michael Thalheimer
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Bernd Stegemann
Licht: Norman Plathe
Besetzung: Wallenstein … Ingo Hülsmann Octavio Piccolomini … Peter Moltzen Max Piccolomini … Laurenz Laufenberg Graf Terzky … Felix Römer Illo … Andreas Schröders Buttler … Urs Jucker Isolani, Gefreiter … David Ruland Questenberg, Wrangel … Ulrich Hoppe Seni … Lise Risom Olsen Herzogin von Friedland … Marie Burchard Thekla … Alina Stiegler Gräfin Terzky … Regine Zimmermann
Premiere war am 05. Mai 2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: 3 Stunden, keine Pause
Weitere Termine: 10. – 12. 6. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de/

Zuerst erschienen am 07.05.2016 auf Kultura-Extra.

 

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Peer Gynt Alexander Nerlich inszeniert Henrik Ibsens dramatisches Gedicht in Potsdam als düsteres Psychogramm einer gespaltenen Persönlichkeit

Das 1867 von Henrik Ibsen geschriebene dramatisches Gedicht Peer Gynt ist als großes Ichdrama die kongeniale Übersetzung des Faustmotivs in die Gegenwart des modernen Menschen. Nicht umsonst wird es weithin auch als „Faust des Nordens“ bezeichnet. Peer Gynt treibt als einziger Lebenszweck die permanente Sucht nach Selbstfindung und -bestätigung an. Dabei bewegt ihn weniger die Suche nach dem, was die Welt im Inneren zusammenhält, sondern der unbedingte Wille zum Erfolg. Der Außenseiter Peer muss besser sein als alle anderen, die in ihm nur den Verlierer und Träumer sehen. Er ist sich dabei sein eigener Mephisto, eine höchst ambivalente Gestalt, die mit sich selbst ringt.

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam - Foto © HL Böhme

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam – Foto © HL Böhme

Ich-sein oder Nicht sein – was Ibsen zunächst in nordische Mythen von Geistern und Trollen verpackt, später mit frühkapitalistischen Motiven des Geld- und Sklavenhandels sowie philosophischen Metaphern von sich häutenden Zwiebeln und Knopfgießern anreichert – ist für Regisseur Alexander Nerlich das Psychogramm einer manischen, tief gespaltenen Persönlichkeit. Und daher begegnet sich der Peer Gynt am Potsdamer Hans Otto Theater auch immer wieder selbst auf der von Wolfgang Menardi als schwarze Bretterschräge gestalteten Bühne, die seitlich mit ebenso schwarzen Plastikplanen abgehängt ist und in deren Mitte immer wieder ein dunkles Loch droht, das mal mit einfachen, schwarzen Brettern oder später mit goldenen Vorhängen umsäumt wird.

Schon in einer surrealen Eingangsszene stehen sich Bernd Geiling als gealterter Peer aus dem 5. Akt und Alexander Finkenwirth als sein junges Alter-Ego und unheimlicher fremder Passagier in grünen Friesennerzen auf hoher See gegenüber. Der Fremde will Peer Gynt nicht die Seele dafür aber dessen Kadaver abhandeln. „Vor allem suche ich den Sitz der Träume.“ Später wird Finkenwirth als junger Peer mit dem unsichtbaren Krummen, dargestellt von Bernd Geiling, erneut mit sich selbst ringen. Der Weg führt außen rum, immer an sich selbst vorbei. Diesen jungen Peer spielt Alexander Finkenwirth als ungestümen Träumer, der sich in seine Geschichten verstrickt und die Hochzeitgesellschaft der schönen Ingrid (Denia Nironen) aufmischt. Von Mutter Aase (Rita Feldmeier) wird er zwar als Lügner beschimpft, sie nimmt ihn aber auch immer wieder gegen die anderen in Schutz. Aus der Enge der spießigen Bretterbudengesellschaft mit Luftballons und Schlauchboothüpfburg, in die er erst unbedingt hinein will, bricht Peer schnell wieder mit der gestohlen Braut aus.

Im ersten Teil des Abends bleibt Regisseur Nerlich ungewohnt lange bei der heimischen Vorgeschichte des Titelhelden und seiner Mutter Aase, bis Peer sie schließlich in seinen Armen mit schönen Märchen in den Himmel wiegt. Er trifft ein schwarz bemaltes Troll-Ballett, wird zum wilden Tanz gebeten und flieht wieder. Mit der Akkordeon spielenden Solvejg (Franziska Melzer) geht Peer in die Wälder und baut sich eine Hütte aus schwarzen Schlauchbooten. Letztendlich verlässt er aber seine Liebe, um in die Welt zu ziehen. Sei dir selbst genug, ist nicht genug für Peer. Das ist äußerst intensiv gespieltes Theater mit einem ausdrucksstarken Alexander Finkenwirth, der bis zur Pause stetig präsent bleibt. Mal ist er feinfühlig Liebender, dann wieder Ego-Rampensau. Die frisch gereimte, mitunter kalauernde Übersetzung von Angelika Gundlach bietet hier und da auch einige passende Anspielungen zum Theater.

 

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam - Foto © HL Böhme

Peer Gynt am Hans Otto Theater Potsdam – Foto © HL Böhme

 

Nach der Pause übernimmt Bernd Geiling den Part des nun weit umher und durch Sklavenhandel zu Geld gekommenen Peer Gynt. Ein Lebenszyniker, der mit solariumsgebräunten Bussiness-Chargen (Michael Schrodt, Eddie Irle und Philipp Mauritz in noch vielen weiteren Rollen) an einer Tafel mit schwarzer Plane und Hirschkadaver hockt, und über sein Leben sinniert. Er spielt weiter den „geilen Hahn“, wird von der orientalischen Schönheit Anitra (Denia Nironen) am Gängelband geführt und landet schließlich im Irrenhaus, wo man ihm sein Ich streitig macht. Das ist die wohl stärkste Szene des zweiten Teils, der sonst fast diametral zum intensiven ersten wirkt. Aus dem Loch steigen drei weitere Peers und verwickeln Bernd Geiling in ein wildes Tänzchen des gespaltenen Individuums.

Ein wahrlich faustischer Moment. Den passenden Sound dazu gibt’s von Malte Preuß, der zwischen düsterem Pop, Ambient und Klassik schwankt. Auf schwankenden Planken und Planen bewegt sich auch Peer auf seinem Weg nach Hause, wo er seiner Beerdigung beiwohnt, sein Leben wie eine Zwiebel häutet und unter den Brettern der Welt nur Sand findet. Fast wie im Schnelldurchlauf zieht sein Leben, von dem er glaubte, es ende nie („Man stirbt nicht mittendrin im 5. Akt.“), an ihm vorüber. Doch schon unter der schwarzen Tafel hockt wieder sein jüngeres Alter-Ego, das ihn nicht in Ruhe lässt und schließlich später, wenn er verarmt wieder daheim angekommen ist, als Knopfgießer (Alexander Finkenwirth) einfach als misslungen umgießen will. Erst in den Armen Solvejgs, die ihn in den letzten Traum wiegt, findet der vom eigenen Ich Verfolgte so etwas wie innere Ruhe und ein durchaus bemerkenswerter, gut drei Stunden lang sämtliche Höhen und Tiefen seiner Hauptperson auslotender Abend sein stilles Ende.

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Peer Gynt (29.04.2016)
von Henrik Ibsen
Deutsch von Angelika Gundlach
Regie: Alexander Nerlich
Bühne und Kostüme: Wolfgang Menardi
Musik und Sounddesign: Malte Preuß
Choreografische Mitarbeit: Alice Gartenschläger
Dramaturgie: Helge Hübner Mit: Alexander Finkenwirth, Bernd Geiling, Rita Feldmeier, Franziska Melzer, Denia Nironen, Michael Schrodt, Eddie Irle, Philipp Mauritz
Premiere war am 23.04.2016 am Hans Otto Theater Potsdam Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Termine: 18. und 29.05. / 03.06.2016

Info: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 03.05.2016 auf Kultura-Extra.

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