Archive for the ‘Alfred Jarry’ Category

Ein „Übermann“ mit Frauenüberhang und eine nette „Null“-Nummer – Volksbühnenexilanten Christoph Marthaler und Herbert Fritsch am Hamburger Schauspielhaus und an der Berliner Schaubühne

Freitag, März 30th, 2018

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Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch – Christoph Marthaler imaginiert am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein männerloses Paralleluniversum der Kunst

Übermann oder die Die Liebe kommt zu Besuch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto © Matthias Horn

Wer die Inszenierungen von Christoph Marthaler schon immer für etwas seltsam hielt, der wird sich erst recht über dessen neuen Abend am Deutschen Schauspielhaus Hamburg verwundern. Benannt hat ihn der Schweizer Regisseur Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch. Inspiriert ist der Titel von dem fantastischen Roman Le Surmâle (dt.: Der Supermann) und dem Theaterstück L‘amour en Visites (dt.: Die Liebe auf Besuch) von Alfred Jarry, dem Vorläufer des absurden Theaters und als Dramatiker vor allem durch das Stück König Ubu bekannt. Viel hat der neue Marthaler aber nicht mit den genannten Werken von Jarry zu tun. Eher mit dessen Thesen von der sogenannten ’Pataphysik, einer Parawissenschaft, die sich v.a. mit imaginären Lösungen am Einzelfall und der Ausnahme von der Regel, sogenannten Epiphänomen, beschäftigt. „Die ’Pataphysik steht zur Metaphysik so wie die Metaphysik zur Physik.“ Das klingt zunächst recht absurd. Es handelt sich hierbei aber auch um die Vorstellung eines künstlerischen Paralleluniversums, das an die Stelle der bekannten Welt treten könnte. Und damit sind wir ja direkt wieder im Theater als Ort von Imaginationen und Utopien.

Letztendlich lässt sich das, was Christoph Marthaler mit seinen Theaterinszenierungen betreibt, durchaus in diese Sparte einordnen, bewegt sich der Regisseur mit ihnen doch regelmäßig am Rande des Absonderlichen und Erklärbaren, jedenfalls immer weitab vom gängigen Mainstream. Wie weit man da mitgehen möchte, da scheiden sich regelmäßig die Geister. So auch beim Übermann, für den Marthalers Stammbühnenbildnerin Anna Viebrock wieder einen ihrer zeitvergessenen hohen Räume mit fahlen Wänden, an den alte Tapetenreste kleben, gebaut hat. Wir schauen auf einen Vorraum eines alten Kongresssaales mit Garderobentresen, an dem zunächst die Besucher der titelgebenden wissenschaftlichen Jahrestagung ihre Mäntel und Hüte abgeben, die von der bewährten englischen Marthalerdarstellerin und klassischen Sängerin Rosemary Hardy als strickende Garderobiere an imaginäre Kleiderhaken gehängt werden. Das erste also, was man sich vorstellen müsste, und so fallen die Kleidungstücke auch recht erwartbar zum Amüsement des Publikums an der Rampe zu Boden.

 

Übermann oder die Die Liebe kommt zu Besuch am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto © Matthias Horn

 

Danach wird es plötzlich kurz dunkel und eine computeranimierte Stimme erklärt uns das Marthaler‘sche Paralleluniversum. Nicht nur der Titel des Abends muss aufgrund unerwarteter Ereignisse komplett eliminiert werden. Auch die männlichen Tagungsteilnehmer seien durch einen starken Sonnenwind, der den Magnetschild der Erde passiert hat, was zu Strom- und Funkausfällen führte, entmagnetisiert und der Gravitation enthoben in die Erdumlaufbahn entschwebt. Nur noch ihre Schuhe stehen auf dem Bühnenboden. Die Männer (Statisterie) befinden sich also im wahrsten Sinne des Wortes außer Reichweite. Dafür hat der Sonnenwind eine Gottheit aus dem Äther auf die Erde geweht, die sich in Gestalt von Musiker Clemens Sienknecht im seidenen Bademantel ans Klavier setzt und das Paralleluniversum der ’Pataphysik repräsentierend den ganzen Abend klassische Melodien von Bach, Beethoven, Cage, Satie, Schubert, Schumann und Wagner sowie Popsongs von Abba, den Kings und den Pretenders spielt. Dazu tritt eine achtköpfige Damenriege auf, zu der neben Rosemary Hardy noch Altea Garrido, Isabel Gehweiler (die auch auf dem Cello spielt), Sachiko Hara, Anja Laïs, Sasha Rau, Bettina Stucky und Gala Othero Winter gehören.

Rosemary Hardy beginnt den Reigen der eigenartigen Texte mit einem Auszug aus Gertrud Steins A Play Called Not and Now, einem Stück abstrakter, konkreter Literatur, das von Doppelgängern bekannter Männer wie Dashiell Hammett, Charly Chaplin oder Pablo Picasso berichtet. Ein Abend der experimentellen Sprache also, zu dem auch wunderbar ein Gedicht von Nora Gomringer, der Tochter des konkreten Lyrikers Eugen Gomringer (momentan Stein des Anstoßes an einer Berliner Hausfassade), passt. „Ich mache jetzt etwas mit der Sprache / Das wird ganz unerhört sein, was ich jetzt mache mit der Sprache / Da werden Sie staunen werden Sie da.“ trägt Clemens Sienknecht mit dem Klavier rauf- und runterfahrend vor. Das sorgt natürlich für Gelächter, geht aber doch über den blanken Nonsens hinaus. Einen ähnlichen Abend hat Herbert Fritsch mit der die mann an der Volksbühne (jetzt wieder an der Berliner Schaubühne zu sehen) gestaltet, nur das Christoph Marthaler nicht auf die Klamauktube drückt und diese Erwartungen auch ganz bewusst immer wieder unterläuft.

In gewohnt entschleunigter Manier tragen die Damen nun abwechselnd weitere absurde Texte von Ilse Aichinger, Gisela Elsner, Elfriede Gerstl, Gertrud Kolmar und auch von Alfred Jarry vor, der in Gestalt des französischen Schauspielers Marc Bodnar in passendem Radlerdress auftritt, wie eine Karikatur des Supermanns auf der Stelle in die Pedalen tritt, singt, oder von den Damen zum Gesellschaftstanz genötigt wird. Ansonsten passiert tatsächlich nicht allzu viel. Sideboards fahren rein und raus, Die Damen sitzen auf Barhockern, verfallen in schläfrige Starre oder singen Choräle und schöne, sehnsuchtsvolle Ohrwürmer wie „I go to sleep, sleep /And imagine that you’re there with me“. Bettina Stucky spricht mit einer Konservendose, Sasha Rau über eine im Weg liegende Schnecke, Anja Laïs über ihre Nase, Sachiko Hara über Familienleben und singt dazu Elfriede Gerstls Schlagertext „Ich möchte mit dir staubsaugen / ich möchte dich aufräumen / am silbernen Meer.” Gott Sienknecht philosophiert über Raum und Gegenwart und eine Maschine zur Erforschung der Zeit. Schön auch der gemeinsame Text Die Welt verlangt danach, gekontert zu werden von Ilse Aichinger.

Das ist sicher mehr als nur ein ironisch-feministischer Theaterabend. Die Frage, ob eine Welt ohne Männer vorstellbar ist, lässt sich sicher auch nicht nur einfach mit der Antwort „aber sinnlos“ kontern. Ob man damit etwas anfangen kann, hängt möglicherweise davon ab, ob man überhaupt bereit ist zu imaginieren. Und wie heißt es im Stück so schön im besten Oxford-English: „In that case there are wonders.” und „Many wonders are women.“

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Übermann oder Die Liebe kommt zu Besuch
von Christoph Marthaler nach Alfred Jarry
Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Sara Kittelmann
Licht: Annette ter Meulen
Ton: Matthias Lutz, Christoph Naumann
Video: Marcel Didolff, Peter Stein
Dramaturgie: Malte Ubenauf
Cello: Isabel Kathrin Gehweiler
Es spielen: Marc Bodnar, Altea Garrido, Rosemary Hardy, Sachiko Hara, Anja Laïs, Sasha Rau, Clemens Sienknecht, Bettina Stucky, Gala Othero Winter, sowie: Rolf Bach, Renè Batista, Uwe Behrmann, James Bleyer, Niels Christenhuß, Tommasso DelDuca, Steffen Gottschling, Allan Naylor, Davide Pronat, Mohammad Sabra
Die Uraufführung war am 18.03.2018 im SchauspielHaus
Termine: 02., 18., 26.04.2018

Infos: https://www.schauspielhaus.de/de

Zuerst erschienen am 20.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Gut abgehangen – Mit Null, seinem zweiten Stück an der Berliner Schaubühne, umkreist Herbert Fritsch das Nichts als kreativen Ausgangspunkt für das Theater

Herbert Fritsch kokettiert im Trailer für sein neues Stück an der Berliner Schaubühne, dass er auf die Null gekommen sei, weil ihm einfach nichts mehr eingefallen ist. Sozusagen Tabula Rasa im Kopf, ein Reset auf leerer Bühne. Auch für den Altmeister unter den Theatermachern, dem britischen Regisseur Peter Brook, war der leere Raum (also das Nichts) „der Punkt oder Ort in einem kreativen Prozess, an dem mir nichts mehr einfällt und sich in meinem Kopf eine absolute Leere ausbreitet“. Wohl in diesem Sinne wollte Fritsch einfach mal etwas anfangen, ohne zu wissen, was es wird, oder wohin das führt. Eine Art Umkreisung des Nichts als kreativen Ausgangspunkt für das Entstehen von Theater.

 

Null in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Man kann das philosophisch oder mathematisch untermauern wie im Programmheft zum neuen Fritsch-Null-Abend oder einfach mal anfangen, probieren und sehen, was passiert. Und so betritt das Fritsch-Ensemble mit Florian Anderer, Bernardo Arias Porras, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler und Axel Wandtke die leergeräumte Bühne, auf deren Boden geometrische Figuren gezeichnet sind. Linien, Kreise und Quadrate gehörten schon immer zum Fritsch-Universum. Und auch diesmal hat der Regisseur die Bühne selbst gestaltet.

Die gleicht einem Turnsaal, in dem auch eine lange Kletterstange montiert ist. Und so beginnt der Abend auch mit gymnastischen Aufwärmübungen, Stellproben, Einzählversuchen und kleinen Tanzeinlagen, die vom Ensemble in wiederkehrenden Satzfetzen mit Worten wie Metronom, Tinnitus oder Tanztee kommentiert werden. Ein lustiges Mach-doch-noch-Mal in Endlosschleife bis man irgendwann die Sicherheitsgeschirre am Boden entdeckt, sich in vom Schnürboden herabgelassene Seile einhängt und choreografierte Schwebefiguren im Gleichklang oder wildem Chaos vollführt. Auf und nieder immer wieder. Nach einer halben Stunde ist dann allerdings schon Umbaupause.

 

Null in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (c) Thomas Aurin

 

Das bringt diesen netten, improvisiert wirkenden Anfang etwas aus dem Gleichgewicht. Ein dramaturgisch unnützer Break, der in der Volksbühne sicher nicht notwendig gewesen wäre. Das Publikum sieht nun dem Aufhängen einer überdimensionalen Gliederhand zu, die im großen Haus am Rosa-Luxemburg-Platz problemlos unter dem Schnürboden hätte versteckt werden können. Also noch mal alles zurück auf Anfang. Der Abend beginnt nach fast einer Stunde wieder bei null. Die Ensemblemitglieder haben ihre pastellfarbenen 50er-Jahre-Kostüme untereinander gewechselt und treten nun zu munteren Kreisspielen an, bis Axel Wandtke mit einem Gabelstapler Florian Anderer hereinfährt und an die Decke vor die Kletterstange hebt. Krampfhaft umklammert der die glatte Metallstange und rutsch an ihr ganz langsam aber geräuschvoll herab, worauf sich alle mal in mehr oder weniger akrobatischen Slapstick- oder Pooldance-Einlagen versuchen dürfen. Komisches Scheitern natürlich inbegriffen.

Bis hierhin ist der Abend eine perfektionierte, aber auch schrecklich nette Nullnummern-Revue der lustigen Art. Projizierte Farbquadrate und rhythmisch wechselnde Spotlights, auf Rückwand oder DarstellerInnen gesetzt, lassen eine virtuos durchkomponierte Licht- und Klanginstallation entstehen. Die diesmal relativ wortlose Fritsch’sche Sinnaustreibung erschöpft sich dann in einem von Musiker Ingo Günther dirigiertem schulterzuckenden „Hä“-Chor, der auf dem Gabelstapler in die Unterbühne fährt und mit Blechblasinstrumenten wieder zum Vorschein kommt. Es folgt ein Blaskonzert aus heißer Luft, die alle lautlos in ihre Instrumente pusten. Ähnlich wie in Pfusch wird auch lange rhythmisch auf den Instrumenten geklopft. Ein minimalistisch auf null laufendes Musikkunststück.

Die an der Decke hängende Hand, die sich auch zu Beginn auch mal wie ein Schutzdach über das Ensemble gesenkt hatte, knarrt nur leise und winkt etwas bedrohlich von oben. Ihr und dem Gabelstapler gehört der letzte Teil des Abends. Nachdem das Ensemble die Bühne verlassen hat, bewegen sich die riesigen Fingerglieder zu einem technischen Roboter-Sound. Gemeinsam mit dem kreiselnden Gabelstapler entspinnt sich ein gespenstischer Tanz der Maschinen. Eine kinetische Klanginstallation im leeren Raum als Vision eines Theaters ohne Menschen. Spielerisch umkreist der Abend damit vieles und nichts. Er ist schön anzuschauen, aber zuweilen auch ein wenig beliebig.

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NULL (Schaubühne am Lehniner Platz, 24.03.2018)
Regie und Bühne: Herbert Fritsch
Kostüme: Bettina Helmi
Musik: Ingo Günther
Dramaturgie: Bettina Ehrlich
Licht: Carsten Sander
Mit: Florian Anderer, Bernardo Arias Porras, Jule Böwe, Werner Eng, Ingo Günther, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Carol Schuler und Axel Wandtke
Die Uraufführung war am 24. März 2018.
Weitere Termine: 30.03. / 01., 02., 27.-30.04. / 01., 02.05.2018

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 25. März 2018 auf Kultura-Extra.

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Knallbunt und mit viel Musik – Das Schauspiel Leipzig zeigt „König Ubu / Ubus Prozess“ als grelle Bühnenfarce und gemeinsam mit dem Theaterjugendclub „Sorry, eh!“ die Stückentwicklung „Über Grenzen“

Samstag, Februar 10th, 2018

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König Ubu / Ubus Prozess – Am Schauspiel Leipzig inszeniert Claudia Bauer Alfred Jarrys absurde Groteske als grellbunte Bühnenfarce mit einer nachdenklichen Rahmenhandlung von Simon Stephens

Foto (c) Rolf Arnold

Wegen eines verballhornten Kraftausdrucks wie „Schreiße“ (Merdre im französischen Original) wird heute sicher keine Theateraufführung mehr unterbrochen werden müssen, wie noch 1896 zur Pariser Uraufführung des Stücks König Ubu von Alfred Jarry. Durch so etwas lässt sich das Publikum kaum noch wirklich verstören. Jarry hatte in den Mittelpunkt seiner Groteske einen monströsen kindischen Widerling und seine Frau gestellt, die den polnischen König meucheln und die Macht an sich reißen. Der neue König Ubu, erst als Hoffnung für das Volk gefeiert, regiert bald völlig willkürlich, bringt seine Widersacher durch eine sogenannte „Enthirnungsmaschine“ um, setzt alle Steuern hoch und verfolgt auch sonst nur rein egoistische Ziele. Mit dieser Parodie von Shakespeare-Figuren wie König Lear und Lady Macbeth schrieb sich Jarry als Vorläufer des absurden Theaters in die Bühnengeschichte. Eine große Grand Guignol und Travestie auf gesellschaftliche Verhältnisse, die auch heute wieder in Zeiten großer Populisten Theaterleute zu aktuellen Interpretationen reizt.

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Am Schauspiel Leipzig hat nun Regisseurin Claudia Bauer (mit ihrer Inszenierung von 89/90 zum letzten THEATERTREFFEN eingeladen) Jarrys Stück König Ubu mit einer Fortsetzung des Stoffs vom britischen Dramatiker Simon Stephens kombiniert. In dessen Stück Ubus Prozess steht der vom russischen Zaren gestürzte Usurpator nun in einem Schauprozess vor einem Internationalen Strafgerichtshof. Und so beginnt in Leipzig auch die Inszenierung von König Ubu / Ubus Prozess, bei der Ubu, gespielt von Roman Kanonik, in einem aufgeständerten Glaskasten sitzt und aus dem Off seine Anklage wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit verlesen bekommt.

Stephens ernstes Sequel dient hier als Klammer für eine grellbunte Bühnenfarce, bei der die DarstellerInnen zunächst in pinken Abendroben den Hofstaat des polnischen Königs Wenzel (Wenzel Banneyer) darstellen, der sich zum Supé beim Hauptmann der königlichen Leibgarde Vater Ubu und seiner Frau, Mutter Ubu, einfindet, wo ein teuflischer Plan zur Beseitigung des Königs ausgeheckt wird. Treibende Kraft dabei ist zunächst Mutter Ubu (Julia Preuß), die ihren Mann zum Königsmord aufstachelt. Die Verschworenen, zu denen auch Hauptmann Bordure (Denis Petković) gehört, werden durch das Vokalensemble VOXID dargestellt. Claudia Bauer setzt – wie bereits in 89/90 – wieder auf eine starke musikalische Begleitung, die sich operettenhaft durch die gesamte Inszenierung zieht. In mehren Videoeinspielungen wird zudem der Schwarz-Weiß-Ästhetik des Stummfilms gefrönt.

 

Foto (c) Rolf Arnold

 

Wie auch dem Jarry’sche Fäkalhumor, der hier mal gesungen, mal rein verbal als „Fickscheiße“ oder kackbraunem Klobürstengag daherkommt. Roman Kanonik und Julia Preuß ziehen alle komischen Register bis zum Entblößen des Hinterteils, das uns Kanoniks Ubu entgegenhält. Sie bewegen sich dabei mehr tänzelnd wie puppenhafte Monstren, die zur Inthronisierung des geldgeilen Potentaten wenigstens ein paar Stücken Torte fürs Volk spendieren. Der Adel wird mit Trommelschlägen in die Versenkung befördert. Die gleichgeschalteten Hofschranzen im Frack ohne Hosen klatschen dem Justiz und „Phynanz“ aufmischenden und Gesetze mit der Klobürste unterzeichnenden Wahnsinnigen im Tutu Beifall. Hier gleicht der Leipziger Ubu dem trotzig kindlichen Trump-Verschnitt von Benny Claessens in Falk Richters zum THEATERTREFFEN eingeladenen Hamburger Jelinek-Inzenierung Am Königsweg. Und natürlich zielt auch der Diplomatie und Politik verachtende Ubu genau dahin.

Claudia Bauer setzt in Sachen Putin mit einem oberkörperfreien Zaren, der einen großen Fisch hält und in Polen auf einem Mammut einreitet, noch einen drauf. Dass diese Art Assoziationen wohlfeil sind, dürfte auch der Regisseurin klar sein. Nach dem etwas zerfasernden Krieg mit Russland folgt Ubus Tribunal, das zunächst wie in einer TV-Liveübertragung auf die Rückwand der Bühne projiziert wird. Ubus Gräueltaten werden geschildert und die ehemaligen Getreuen des Tyrannen als Zeugen wie in einem Interview verhört. Aber alle fallen nach und nach von ihm ab, haben nur auf Befehl gemordet oder wurden dazu gezwungen. Und auch Ubu selbst hält seinen Anklägern eine lange Rede, in der er alle Schuld und Konsequenzen von sich weist. „Ich liebe doch alle.“ Irgendwie kennt man das. Ein Abgesang auf Logik und menschliche Vernunft in einer Welt in permanenter Auflösung.

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König Ubu / Ubus Prozess (Schauspiel Leipzig, 03.02.2018)
von Alfred Jarry / Simon Stephens
Deutsch von Marlis und Paul Pförtner / Barbara Christ
Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Vanessa Rust
Musikalische Leitung: Daniel Barke
Sounddesign: Rafael Klitzing
Video: Katharina Merten, Kai Schadeberg
Dramaturgie: Matthias Huber
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Wenzel Banneyer, Max Hubacher, Roman Kanonik, Denis Petković, Julia Preuß, Florian Steffens, Daniel Barke, Diana Labrenz, Maike Lindemann, Friedrich Rau (VOXID) als Gesang
Premiere war am 27.01.2018 am Schauspiel Leipzig
Termine: 24.02. / 01., 25.03. / 06., 21.04. / 13.05.2018

Infos: https://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 04.02.2018 auf Kultura-Extra.

 

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Über Grenzen – Regisseur Yves Hinrichs lotet mit Mitgliedern des Leipziger Schauspielensembles und des Theaterjugendclubs „Sorry, eh!“ in einer gemeinsamen Stückentwicklung persönliche Grenzerfahrungen aus.

Foto (c) Rolf Arnold

Um sogenannte Grenzerfahrung geht es in dem neuen Abend, den Regisseur Yves Hinrichs und Autor David Lindemann gemeinsam mit Mitgliedern des Leipziger Schauspielensembles und des Theaterjugendclubs „Sorry, eh!“ nach Texten eingerichtet haben. Damit sind nicht nur Grenzen im herkömmlichen Sinn von räumlichen und territorialen Trennlinien gemeint. Es geht auch um Zugehörigkeitsgefühle, identitätsstiftende Abgrenzungen zu anderen und Grenzüberschreitungen. In der Stückentwicklung Über Grenzen berichten also DarstellerInnen dreier Generationen spielerisch von eigenen Erfahrungen, bei denen sie an ihre Grenzen gelangt bzw. diese überschritten haben.

Es beginnt damit, dass Schauspielerin Julia Berke das Horrorszenerio, ohne gültige Papiere an einer Landesgrenze abgewiesen zu werden, aus Sicht einer Schengen-verwöhnten EU-Bürgerin beschreibt. Ist der Kinderpass abgelaufen, kann es einer Familie durchaus mal passieren, am Check-In-Schalter eines Flughafens abgewiesen zu werden. Was innerhalb der EU-Grenzen für uns kaum noch von Bedeutung ist, wird in Zeiten von Grenzabschottungen gegen zunehmende Flüchtlingsströme schon bald wieder zur bitteren Realität. Das allein ist aber nicht die einzige Intension dieses Abends.

Auch wenn das Ensemble performativ und tänzerisch zu Beginn auch mal ein schwarzes Loch darstellt, in dem eine Freiwillige aus dem Publikum verschwinden muss, während Schauspieler Hartmut Neuber über die Relativitätstheorie und den sogenannte Schwarzfeldgrenzradius, bei dem sich unter Druck ein Objekt im Weltraum in ein alles verschluckendes schwarzes Loch verwandelt, referiert, geht es im Folgenden vor allem um das Ausloten und Überschreiten ganz persönlicher eigener Grenzen. Das wäre z.B. für Philip Schroeder ein Grenzerfahrungstrip nach dem Vorbild eines Christopher McCandless (bekannt aus Buch und Film Into the Wild) in die Wildnis als totaler Ausstieg aus der Gesellschaft ohne Hintertür. Charlotte Kremberg berichtet von einer Demo gegen Nazis und ihrer Begegnung mit der Staatsmacht in Person der Polizei. Plötzlich hat sie einen brennenden Molotow-Cocktail in der Hand. Wie weit will man gehen für seine Ideale? Brennende Fragen, die im Zusammenspiel mit dem Ensemble und der starken Sound- und Gesangsuntermalung von Musikerin Undine Unger am Keyboard szenisch sehr anschaulich verhandelt werden.

 

Foto (c) Rolf Arnold

 

Unter harten Technoklängen wird ein großer Flokatiteppich ausgerollt, auf dem liegend der Älteste des Abends, Schauspieler Andreas Herrmann über die Überschreitung der letzten Grenze spricht. Dazu beschreibt Paul Spiering die biologischen Vorgänge beim Sterben und der Verwesung des Körpers. Aber nicht nur über die Haut als empfindendes Grenzorgan, auch über zwischenmenschliche Grenzen geht es, wenn sich ein Paar (Julia Berke, Hartmut Neuber) über Freiheit, Vertrauen und Kontrolle in ihrer Beziehung streitet. Es werden lauthals Identitätsfragen, gesellschaftliche Normen und Genderwahn diskutiert, bis die Frauen des Ensembles in einem witzigen Westernplot die Herrschaft der Männer mit Spielzeugpistolen beenden. Dazu färben sich Videowand und Flokati unter den Videoprojektionen von Max Vincent Schulze blutrot.

So gibt der Abend Raum für viele weitere grenz- und genenerationsüberschreitende Betrachtungen unseres Lebens. Dabei legt sich das Ensemble mit viel Spielwitz- und -freude ins Zeug, bis am Ende des Stücks der Schauspieler Andreas Herrmann noch einmal über eine für ihn und seinen Beruf sehr wichtige Grenze spricht, die durch den Fall der „vierten Wand“ bedroht scheint. Er bricht hier nochmal eine Lanze für den Schutzraum Bühne, in dem er verabredet lügen, morden und doch auch eine eigene Wirklichkeit zur realen Welt erschaffen kann. Eine allabendliche Existenzbehauptung, mit der man sich diese Welt spielerisch erobern kann. Und auch das zeigt dieser Abend wunderbar.

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Über Grenzen (UA) (Diskothek, 02.02.2018)
Mit Mitgliedern des Schauspielensembles und des Jugendclubs „Sorry, eh!“
Texte von David Lindemann
Regie: Yves Hinrichs
Bühne: Yves Hinrichs & Leonie Kramp
Kostüme: Marleen Hinniger
Choreographie: Jana Rath
Video: Max Vincent Schulze
Dramaturgie: Clara Probst
Mit: Julia Berke, Andreas Herrmann, Hartmut Neuber (Mitglieder des Schauspielensembles)
Charlotte Kremberg, Philip Schroeder, Paul Spiering, Undine Unger, Marie Schulte-Werning (Mitglieder des Theaterjugendclubs „Sorry, eh!“)
Die Premiere war am 02.02.2018 in der Diskothek des Schauspiel Leipzig
Termine: 18.02. / 18.03.2018

Infos: https://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 03.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Schuberts Winterreise, Ubu und die Wahrheitskommission – William Kentridge verknüpfte bei den FOREIGN AFFAIRS Europa mit Südafrika

Donnerstag, Juli 21st, 2016

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Ubu and the Truth Commission (Ubu und die Wahrheitskommission) – Eine Gemeinschaftsarbeit von William Kentridge und der Handspring Puppet Company

Schon seit 1975 beschäftigt sich der südafrikanische Multimedia-Künstler William Kentridge mit dem absurden Theaterstück König Ubu von Alfred Jarry. Zuerst als Schauspieler und ab Mitte der 1990er Jahre mit Radierungen und der Animationsfilm-Serie Ubu and the Procession. „Aus südafrikanischer Sicht ist Ubu eine besonders starke Metapher für den Irrsinn der Apartheidpolitik, die vom Staat als vernünftiges System hingestellt wird.“ schreibt Carolyn Christov-Bakargie, Verfasserin von Künstlermonografien über Kentridge und Kuratorin der dOCUMENTA 13.

 

Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Haus der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

 

Im Zuge der 1996 vom ANC und Präsident Nelson Mandela eingerichteten Wahrheits- und Versöhnungskommission (engl. Truth and Reconciliation Commission), einer südafrikanischen Einrichtung zur Untersuchung von politisch motivierten Verbrechen während der Zeit der Apartheid, entstand der Animationsfilm Ubu Tells the Truth. Gemeinsam mit der südafrikanischen Handspring Puppet Company inszenierte Kentridge 1997 das mittlerweile vielgereiste Theaterstück Ubu und the Truth Commission, das nun im Rahmen des Kentridige-Fokus der FOREIGN AFFAIRS auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele in Originalbesetzung gezeigt wurde.

Kentridge inszeniert eine Mischung aus Elementen von Graphic Novel, Dokumentar-, Puppen- und satirischem Volkstheater mit Gesang. Während im Hintergrund seine Kohle-Bilder rassistischer Gewalt mit Folter und Mord laufen, in die der Künstler immer wieder die von Jarry selbst geschaffene Zeichnung der monströsen Figur Père Ubu einfügt, spielen vor der Leinwand Dawid Minnaar und Busi Zokufa die südafrikanische Variante des Paars Papa und Mama Ubu. Der korrupte und sadistische General aus Jarrys Stück ist hier ein feige berechnender Täter, der sich mit einer Horde von Bluthunden umgibt. Die Beweise seiner nächtlichen Mordausflüge gibt er einem Krokodil mit Taschenmagen zu fressen, in dem auch jede Menge Knochen verschwinden. Die Spieler der Handspring Puppet Company führen diese Tiergestalten und leihen ihnen Stimme und Bewegung.

 

Ubu and the Truth Comission - Foto (c) Luke Younge

Ubu and the Truth ComissionFoto (c) Luke Younge

 

Ziel der südafrikanischen Wahrheitskommission war es, Opfer und Täter politisch motivierter, rassistischer Gewalt zu versöhnen, indem es den Opfern eine Stimme gab und den reuigen Tätern als Belohnung Straffreiheit zusagte, was auch oft als Vereitelung von Gerechtigkeit kritisiert wurde. Vor allem im Fall des besonders brutalen Polizeioberst Eugene Alexander de Kock, der durchaus Pate für die Ubu-Figur des Stücks gestanden haben könnte. Der Stück-Ubu windet sich schließlich mit geheuchelter Reue heraus und schiebt alle Schuld auf seine Hundemeute. Wie de Kock werden die willigen Helfer zu lebenslänglich plus 212 Jahre verurteilt werden, während der scheinbar geläuterte Captain Ubu die Segel setzt und zu neuen Ufern in die Saragossasee aufbricht.

Kentridges Film wie das Theaterstück sind vor allem eine in zwei Ebenen angelegte Erinnerungsarbeit über Gewalt, Verrat, Heuchelei und Vertuschung der Verbrechen des früheren Apartheitstaats. Mit Puppen gespielte und in Xhosa gesprochene Berichte von schwarzen Südafrikanern über ihr Martyrium werden simultan von Schauspielern in einem Glaskasten, in dem sich zuvor Captain Ubu das Blut der Nacht abgeduscht hat, ins Englische übersetzt. Die nüchtern dokumentarisch wirkenden Aussagen der Opfer setzen die satirisch überhöhten Spielszenen mit dem windigen Heuchlers Ubu ins rechte Licht und reflektieren die Absurdität eines gescheiterten Versöhnungsmythos.

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Winterreise – William Kentridges bebildert eindrucksvoll Schuberts romantisch-melancholischen Liederzyklus

Sicherlich einen der Höhepunkte nicht nur des Kentridge-Fokus erlebten die FOREIGN AFFAIRS mit der Interpretation der Winterreise von Franz Schubert zu den Gedichten von Wilhelm Müller durch den Bariton Matthias Goerne, der vom Intendanten der Wiener Festwochen Markus Hinterhäuser am Klavier begleitet wurde. Mit fast schon philosophischem Ernst nähert sich William Kentridge dem romantisch-melancholischen Liederzyklus. Er hat zu einer Reihe seiner bereits existierenden Animationsfilme einige neue zur Bebilderung von Schuberts Musikwerk passend hinzugefügt.

 

Die Winterreise - Foto (c) Patrick Berger / Artcomart

Die WinterreiseFoto (c) Patrick Berger / Artcomart

 

Diese in üblicher Weise animierten Kohlezeichnungen Kentridges laufen auf zwei großen und versetzt stehenden Atelierwänden, die mit Zetteln und Zeichnungen dicht behängt sind und den visuellen Hintergrund für den musikalischen Vortrag von Goerne und Hinterhäuser bilden. Die schwarz-weißen Videobilder greifen Kentridges typische Themen wie Entstehen und Verwischen, Erinnern und Vergessens auf, aber auch die Naturmetaphorik der Verse von Wilhelm Müller, dessen unbehaustes, lyrisches Ich suchend durch die kargen Landschaften Kentridges streift, als animiertes Alter-Ego des Künstlers über die Seiten von Enzyklopädien wandelt und sich ein wirbelndes Tänzchen mit der südafrikanischen Choreografin Dada Masilo aus der Performance Refuse the Hour gönnt.

William Kentridge spannt geschickt einen Bogen von Schuberts Lebenswelt in Wien, wo die Konzert-Performance auch bei den Festwochen 2014 zu sehen war, zur Umgebung des südafrikanischen Johannesburg, der Heimat Kentridges mit ihrer kargen Grubenarchitektur. Bäume entstehen wie aus dem Nichts und verdorren wieder, animierte Streifen laufen über die Videowände, wie Gefrorne Tränen, von denen Goerne singt, und Kentridges Kaffeekannen, Megafontrichter, Kameras und liegende, nackte Frauenleiber verwirbeln als Kohlepapierfetzen zu Schuberts Winterstürmen.

 

Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Haus der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

 

Im Lied Das Wirtshaus durchziehen Striche wie imaginäre Parabeln die Koordinaten einer alten Totenliste. Und plötzlich hängen da auch Leiber im Lindenbaum. Zu den Nebensonnen zeigt Kentridge Negativbilder und zum Leiermann zieht eine Schattenprozession gebückter Leiber wie ein endloser Flüchtlingstross über die Leinwand. Zu dokumentarischen Archivbildern von Schlachten und Bombenexplosionen fügt Kentridge am Ende seine gezeichneten Bilder der Leichen des Sharpeville-Massakers. Schuberts düstere Winterreise als Kunstallegorie auf politische Restauration und Hoffnungslosigkeit wird somit auch zu einem ganz gegenwärtigen Requiem für die Opfer von Apartheid, Krieg und Vertreibung.

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UBU AND THE TRUTH COMISSION (Seitenbühne vom Haus der Berliner Festspiele, 14.07.2016)

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Regie: William Kentridge
Co-Regie: Janni Younge
Text: Jane Taylor
Puppendesign: Adrian Kohler
Animation: William Kentridge
Bühnenbild: Adrian Kohler und William Kentridge
Kostümbild: Adrian Kohler
Kostümmacher: Phyllis Midlane, Sue Steele
Lichtdesign: Wesley France
Sounddesign: Wilbert Schubel
Musik: Warrick Sony und Brendan Jury
Choreografie: Robyn Orlinä
Animationsschnitt: Catherine Meyburgh
TRC-Recherche: Antjie Krog
Film- und Videorecherche: Gail Berhmann
Technische Leitung: Wesley France
Inspizienz: Bruce Koch
Sound: Simon Mahoney
Mit: Dawid Minnaar und Busi Zokufa (Schauspiel) sowie Gabriel Marchand, Mandiseli Maseti und Mongi Mthombeni (Puppenspiel)

WINTERREISE (Haus der Berliner Festspiele, 12.07.2016)
Regie und visuelle Kreation: William Kentridge
Bühnenbild: Sabine Theunissen
Kostümbild: Greta Goiris
Lichtdesign: Herman Sorgeloos
Videoschnitt: Snezana Marovic
Video: Kim Gunning
Mit: Matthias Goerne (Bariton) und Markus Hinterhäuser (Klavier)
Produktion: Festival d’Aix-en-Provence
Uraufführung 2014 beim Festival d’Aix-en-Provence
Koproduktion: Wiener Festwochen, Holland Festival, Kunstfestspiele Herrenhausen (Hannover) / Niedersächsische Musiktage (Göttingen), Lincoln Center, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Opéra de Lille

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-festspiele.de/

Zuerst erschienen am 16.06.2016 auf Kultura-Extra.

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