Archive for the ‘andcompany&Co’ Category

Tri tra trullala – Zweimal poppige Revolutionrevue an Berliner Theatern

Mittwoch, November 30th, 2016

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NOT MY REVOLUTION, IF… im HAU1 – ancompany&Co. erzählen in einem ironischen Agit-Pop-Musical DIE GESCHICHTEN DER ANGIE O.

angie-o-_hau_notmyDie Welt steckt in der Krise. Sei es nun die Finanzkrise, Flüchtlingskrise oder die Krise der westlichen Demokratie mit Wahlsiegen rechter Populisten von der AfD bis hin zu Donald Trump. Immer wenn gerade mal wieder die ökonomische Krise des Kapitalismus wie das baldige Ende der Welt eingeläutet wird, erinnert sich das Theater seiner politischen Mission und haben Bertolt Brecht und Heiner Müller auf den Bühnen Hochkonjunktur. So zurzeit auch in Berlin. Und auch das Performancekollektiv andcompany&Co. hat sich schon ausführlich mit den beiden Säulenheiligen des politischen Theaters beschäftigt, ob nun als anthropophage Einverleibung mit Fatzer-Braz nach Bertolt Brecht oder als einen kybernetischen Müller in Metropolis. In ihrer neuen Inszenierung im HAU1 kommt man dagegen mal wieder ganz ohne dramatische Vorlage aus und singt, die Bühne zum revolutionären Protestcamp machend, das hehre Lied von der Geschichte der „Angie O.“.

Allerdings ist das ein ironisches Wortspiel mit der englischen Kurzform NGO für Non-Governmental Organisation (zu Deutsch: Nichtregierungsorganisation). In Not my Revolution, if…: Die Geschichten der Angie O. zelebrieren die beiden deutschen Performerinnen Nicola Nord und Claudia Splitt, unterstützt durch ihre beiden holländischen Kollegen Krisjan Schellingerhout und Vincent van der Valk, einen ganz unterhaltsamen, leicht kritisch angehauchten Agit-Pop-Abend. Zum Protestslogan „Merry crisis and a happy new fear“ intoniert das Ensemble im Stile der britischen Protestband Chumbawamba zu Gitarre, Fanfaren und Trommeln einiges an politischen Rock- und Rebel-Songs. Ein durchaus witziger Bühnen-Marsch durch einige Jahrzehnte Protestbewegung.

Als metaphorische Bühnenfigur dient dabei also besagte Angie O., die bestens vernetzt durch die Welt jettet, in einer Fair-Trade-Coffee-Shop-Kette arbeitet und ihr Zelt in Parks, auf Plätzen, vor Banken oder wie hier auf der Bühne aufschlägt. Sie ist überall da, wo es gilt Menschen zu helfen oder mal eben die Welt zu retten. „Es helfen Menschen, wo Menschen sind.“ Aber anstatt Menschen kommen meist Organisationen. Am schlimmsten sei dabei immer der Ausspruch: „Ich bin von der Regierung und bin gekommen, um zu helfen.“ andcompany&Co. beleuchten also das institutionalisierte Business der internationalen Hilfs- und Protestorganisationen, ob nun non-governmental oder nicht.

(c) Noah Fischer

(c) Noah Fischer

 

Der Abend taugt allerdings nur bedingt als ernstzunehmende Reflexion auf die Geschichte der Protestkultur, auch wenn man dabei im Stile traditioneller, amerikanischer Singer-Songwriter agiert, die Krise des Kapitalismus rappt, „The Man Who Sold the World“ singt oder zur Melodie des PJ-Harvey-Songs „The Weel“ über die Bühne marschiert. „It’s the song I hate“ sangen die Sonic Youth in den 1990ern. Und so changiert man beständig zwischen Pop und Parolen, Songs und Smoothies. Es gibt wenig Erleuchtendes, was ja meist auch nicht im Sinne der ausufernden Performances der andco’s ist.

So assoziieren sich die mit Schürzen und Namensschildern ausgerüsteten Zapatista-Baristas auf der Suche nach einem geeigneten, unabhängigen „Third Space“ durch das „Wood Wide Web“ der Rhizome bildenden Pilze. Eine Vision der Angie O., die nach dem Genuss von Magic Mushrooms erst die globale Vernetzung von Organisationen entdeckte. Oder man treibt mit einem Abraham-Lincoln-Penny als Kopf lustige Wortspiele mit Coffee und Money. Ja, die Investition ins Geschäft mit der Moral und Fair-Trade-Produkten kann sich auszahlen. Starbucks macht‘s vor, und Angie O. wäre damit auch nur die neoliberale Variante der Heiligen Johanna der Schlachthöfe, womit wir wieder bei Brecht wären. From save our sells to sells our souls. Selbst für free hugs muss jemand bezahlen.

Natürlich reflektiert man auch die eigene Rolle als Actor und politischer Akteur, was in einem Umfallerslapstick von Krisjan Schellingerhout mündet und dem Witz, dass Künstler zwar viel über Neoliberalismus reden, aber nicht mal ihre Steuererklärung verstehen. Neben ein wenig Medienkritik, wobei die Akteure ihr Gesichter in große ausgeschnittene Smartphonedisplayatrappen stecken oder wie die russischen Pussy Riot auftreten, wird auch noch anhand des großen pyramidenförmigen Zelts auf der Bühne, in dem Schaumstoffpupen an Stangen hängen, die Verteilung des weltweiten Reichtums erklärt. Oben stehen 10 %, die 86 % besitzen, unten 50 % mit nichts außer ihrer Arbeitskraft. Dazwischen wäre dann die sogenannte Mittelklasse mit 14 % des Reichtums anzusiedeln. Nicht nicht mitgerechnet die, die außerhalb des Zelts stehen und gar nicht mehr gebraucht werden.

Der Abend ufert dann endgültig in einem an eine schlechte Pollesch-Parodie erinnernden Streitgespräch auf einer Demo im Angesicht der die Staatsgewalt ausübenden Polizei aus. Theaternebel und Tränengas simulierende Tränenstifte stiften untergehakten Gemeinsinn. Die Protestgemeinschaft als hierarchisch organisierte Affinitätsgruppe, aus dem der Ausbruch nur eines Ichs die Lücke für den Zugriff schlägt. Aktion und Gegenaktion – wer A sagt, erwartet ein B, obwohl eigentlich schon A gilt oder nichts. Da erweist sich die kleine Gruppe der tapferen Bühnen-Aktivisten, die verzweifelt die schlaff am Boden liegenden Schaumstoffpuppen wiederbeleben und aufstellen will, ganz gemäß dem PJ-Harvey-Song als eine ewige „Community of Hope“.

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NOT MY REVOLUTION, IF…: DIE GESCHICHTEN DER ANGIE O. (HAU1, 25.11.2016)
Von und mit: Noah Fischer, Alexander Karschnia, Nicola Nord, Krisjan Schellingerhout, Claudia Splitt, Sascha Sulimma und Vincent van der Valk&Co.
Text: Alexander Karschnia & Co.
Musik: Sascha Sulimma und Vincent van der Valk&Co.
Bühne: Noah Fischer&Co.
Kostüme und Mitarbeit Bühne: Franziska Sauer&Co.
Licht Design: Rainer Casper
Ton: Mareike Trillhaas
Regieassistenz: Hilkje Kempka
Technische Leitung: Marc Zeuske
Premiere im HAU Hebbel am Ufer: 24. November 2016
Eine Produktion von andcompany&Co. in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer (Berlin), Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, FFT Düsseldorf, Ringlokschuppen Ruhr, Theater im Pumpenhaus Münster und brut Wien und House on Fire

Weiterer Termin siehe: http://www.andco.de/

Weitere Infos siehe auch: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Zuerst erschienen am 27.11.2016 auf Kultura-Extra.

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Marat/Sade am Deutschen Theater – Stefan Pucher veranstaltet mit dem Revolutionsspiel von Peter Weiss ein monströses Schaubudenspektakel

Marat/Sade am DT Berlin - (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

Im Deutschen Theater Berlin soll das Publikum laut Spielzeit-Motto „Keine Angst vor niemand“ haben. Dafür gibt man sich reichlich Mühe mit deutscher Dichtung angefangen bei Goethe über Brecht bis Peter Weiss. Zum hundertsten Geburtstag bringt dem deutschen Dramatiker, den man inhaltlich irgendwo zwischen Bertolt Brecht und Heiner Müller verorten kann, der Pop-Regisseur Stefan Pucher ein Revolutionsständchen mit dessen 1964 als Stück der Stunde am Berliner Schillertheater uraufgeführtem Drama in zwei Akten: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade, abgekürzt: Marat/Sade. Länger geht’s nur bei René Pollesch an der Volksbühne. Dringend zu kürzen ist hier nicht nur der Stücktitel, obwohl darin der ganzen Plot schon bestens erklärt ist, sondern auch der Text. Und auch da hat sich Stefan Pucher reichlich Mühe gegeben. 1 Stunde und 45 Minuten kurz ist die Inszenierung. Die Pause für Schwätzchen bei Brezeln und Bier wurde gestrichen.

Schwatzen darf hier nur, wer den entsprechenden Text dafür hat. Reichlich davon gibt es für Anita Vulesica, die als Irrenanstaltsdirektor Coulmer in die Handlung einführen und als Ausrufer zwischen den Szenen Moderation auf Revolution reimen darf. Ansonsten teilt der schlimme Finger Marquis de Sade, wie schon im Stücktitel erwähnt, die Sprechrollen zu. Felix Goeser gibt ihn recht herrisch als dominanten Regisseur, der bei Revolution eher an Kopulation denkt und sich beim Auspeitschen auch schon mal lustvoll ans Gemächt greift. Das ist nicht etwa Ekeltheater, sondern echter Weiss. Ansonsten brüllt Goeser seine Puppenschauspieler an oder die Souffleuse nach Text. Leider sind den Figuren hier nicht nur ein paar Texte abhandengekommen, sondern auch die Beine, die sie nun wie Kasperlepuppen als Stummel vor dem Bauch geschnallt tragen. Ähnliches hatte schon Philip Tiedemann in seiner Schiller-Inszenierung Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen am Berliner Ensemble gezeigt.

Und auch Tiedemann war es, der zum letzten Mal vor 16 Jahren in Berlin den französischen Revolutionsführer Marat in Gestalt von Martin Wuttke in eine Wanne setzte, in der dieser so agil plantschte, dass es bis in die erste Reihe des Zuschauerraums im BE spritzte. Schwamm drüber. Im DT bleibt die Wanne leer. Das heißt, Daniel Hoevels als Marat mit schön aufgeschminkten Ekzemen tut nur so, als ob sein Blut das Wasser trüben würde wie das der Toten, die zu Tausenden in den Zeiten des großen Terrors über die Guillotine gehen. In einem Schaukasten sieht man abgetrennte Köpfe wie in einem Gruselkabinett der Revolution, in das uns Stefan Pucher führt. „Illusionen, Sensationen, Original Gespenster- und Geistererscheinungen, Horror und Monstrositäten“ steht über der Jahrmarktsbude auf der Bühne. Der Fall ist klar: Die Revolution ist begraben und erlebt hier lustig-ironische Auferstehung zwecks Publikumsbespaßung. Angst soll ja niemand haben.

 

Marat/Sade am DT Berlin - (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

 

Nun hat ja Peter Weiss sein Drama durchaus auch als Komödie mit Musik angelegt. Nur wollte er dabei schon, dass man das verhandelte Thema auch entsprechend ernst nimmt. Nun gibt es am Deutschen Theater nach Kuttners Fatzer-Revue bereits den zweiten witzigen Musiktheaterabend in Sachen Revolution. Erst über eine, die nicht kommt, dann über eine, die sich tot gemordet hat. Die Reihenfolge von Brecht zu Weiss ist dabei durchaus gut gewählt. In beiden Fällen geht es aber nicht nur um die Gewalt als Mittel zum Zweck. „Wir morden nicht / wir töten aus Notwehr“ sagt der seine Revolutionsideale verteidigende Marat zu de Sade im Disput der Weltanschauungen. Wie auch im Fatzer geht es aber vor allem um die Auseinandersetzung des Individuums mit dem ideologischen Massenmenschen. „Es gibt kein Wir / Ich scheiße auf alle / Ich glaube nur an mich selbst“ sagt hier der von der Revolution enttäuschte und zum Zyniker gewordene Freigeist und Individualist de Sade.

Diese Szenen kommen auch bei Pucher nicht zu kurz. Nur versucht er sie immer gleich wieder doppelt ironisch zu brechen. Weiss wollte in Abkehr zur Brecht auch kein didaktisches Lehrstück schreiben, sondern das Publikum emotional packen. Das allerdings gelingt Pucher mit seinem Kasperletheater, bei dem er Felix Goeser auch noch heutiges Regietheater persiflieren lässt, nicht. Hier fühlt sich niemand ernsthaft gemeint. Der Rest des Irrenanstaltspersonals fristet sein Dasein als ulkige Randfiguren der Geschichte. Katrin Wichmann spielt die Marat mordende Charlotte Corday als fehlgeleitete Fanatikerin, und Benjamin Lillie den ehemaligen Priester Jacques Roux als Hassprediger und Aufpeitscher der Massen. Michael Goldberg gibt im Fummel Marats Frau Simonne Evrard, und Bernd Moss den opportunistisch abwartenden Corday-Liebhaber Dupperet, der seiner Angebeteten beim trauten Sing-Sang auch mal an die Puppenwäsche gehen darf.

Wirklich stark gelingt Pucher nur der das Volk darstellende Chor aus Studierenden der HfS „Ernst Busch“, der uniform gekleidet immer wieder auf den ins Publikum ragenden Laufsteg tritt und ruft: „Marat was ist aus unserer Revolution geworden / Marat wir woll’n nicht mehr warten bis morgen“. Später wird der Chor sich dann mit Marats Worten vor der Nationalversammlung an das Publikum wenden: „Immer werdet ihr vom Volk / als von einer rohen und formlosen Masse sprechen“. Die sich von den korrupten, lügenden Eliten abgehängt Fühlenden sehen die Nation in Gefahr und rufen nach dem wahren Abgeordneten des Volkes, dem Chef in der Zeit der Krise. Hier kann man auch ohne direkten Pegida-Bezug spüren, inwieweit uns dies alles heute noch betreffen könnte. Das ist in seiner verstörenden Mehrdeutigkeit näher an uns dran, als jedes billige Revolutionstheater.

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MARAT / SADE (Deutsches Theater Berlin, 27.11.2016)
von Peter Weiss
Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Kostüme: Annabelle Witt
Musik: Christopher Uhe
Video: Meika Dresenkamp
Künstlerische Leitung des Chors: Christine Groß
Coaching Puppen: Jochen Menzel
Dramaturgie: John von Düffel
Licht: Matthias Vogel
Maske: Andreas Müller
Mit: Felix Goeser, Daniel Hoevels, Michael Goldberg, Katrin Wichmann, Bernd Moss, Benjamin Lillie, Anita Vulesica
Chor: Johanna Meinhard, Tabitha Frehner, Victor Tahal, Viktor Nilsson, Johannes Nussbaum, Thomas Prenn, Mascha Schneider, Sonja Viegener, Daniel Séjourné und Juno Zobel
Musiker: Chikara Aoshima und Michael Mühlhaus
Premiere war am 27. November 2016

Weitere Termine: 3., 10., 21. 12. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 29.11.2016 auf Kultura-Extra.
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Heu im HAU – Das Berlienr Hebbel am Ufer richet dem Dichter und Dramatiker Heiner Müller ein Festival aus

Dienstag, März 8th, 2016

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„Ich glaube an Konflikt. Sonst glaube ich an nichts.“ Heiner Müller (1982)

Heiner Müller!_Plakat HAUHeiner Müller (1929-1995) war nicht nur ein bedeutender deutscher Dichter und Dramatiker, sondern auch eine begnadete Zitatmaschine. Mit vielen seiner überlieferten Sätze ließe sich heute gut leitartikeln. So sprach Müller bereits kurz nach dem Fall der Mauer von „neuen Mauern“. In seiner Rede zur Verleihung des Kleistpreises 1990 bezeichnete er Deutschland als ortlos und „Erdbebenzone (…) auf dem Riss zwischen West- und Ostrom“. Der neue Limes hat sich heute von der Elbe weiter nach Osten und Süden verschoben, an die Grenzen Europas. Die Dramen Heiner Müllers sind immer auch ein „Ausflug in die Geschichte aus der Gier des Dramatikers auf Katastrophen“ nebst Totenbeschwörung und einem nahezu prophetischen Blick in die Zukunft. Heiner Müller ist nun seit 20 Jahren tot und sozusagen selbst Geschichte. Geschichte schreiben aber nach wie vor andere.

Zitatenreich wie Heiner Müller gibt sich auch das Festival, das das Berliner Hebbel am Ufer (HAU) dem Vielzitierten seit Donnerstagabend ausrichtet. Es heißt ganz einfach HEINER MÜLLER! – geschrieben in Müller-Versalien und mit Ausrufezeichen. Unter dem Motto des Müller-Zitats „Was jetzt passiert, ist die totale Besetzung mit Gegenwart.“ versuchen noch bis zum 12. März Performer, Musiker, Schauspieler und Regisseure Müllers Texte auf Gegenwartstauglichkeit zu überprüfen.

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Syberbergs Für Heiner Müller im HAU 1

Den Anfang macht aber ein alter Müller-Bekannter aus früheren BE-Zeiten, der vor 25 Jahren auch schon mal am Hebbel-Theater gearbeitet hat. Die Rede ist vom Theater- und Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg, der sein Handwerk Anfang der 1950er Jahre am Berliner Ensemble erlernte. Und auch hier ein Bezug zu Heinrich von Kleist. Der Monolog Ein Traum, was sonst mit Edith Clever, 1990 im Hebbel-Theater aufgeführt, basiert u.a. auf Kleists Prinz von Homburg. Die Clever spielt die Gräfin Bismarck, die kurz vor Kriegsende in den Trümmern ihres Gutshauses auf die Russen wartet und dabei Kleist, Goethe und Euripides deklamiert. Eine hochästhetische Kunstanstrengung, deren Verfilmung von 1994 Teil einer multimedialen Installation Syberbergs im Theatersaal des HAU 1 ist. Im Zentrum des schummrigen Raums, der in einen Müller- und Syberberg-Flügel geteilt ist, steht ein Modell des Amphitheaters von Delphi, das Urbild der Theaterwelt, auf das sich Syberberg bezieht.

 

Foto (c) Dorothea Tuch

Foto (c) Dorothea Tuch

 

Für Heiner Müller nennt sich diese mit einigen Fernsehbildschirmen, Videoleinwänden und einer Fuhre frischem Heu aus Syberbergs 2001 rückgekauftem ehemaligen elterlichen Gutshofs in Nossendorf ausgestattete, begehbare Installation. Syberberg stammt wie Müller aus Mecklenburg. Seine Familie wurde enteignet, er ging in den Westen. Müller blieb in der DDR und schrieb ein Drama zur Kollektivierung mit dem Titel Die Umsiedlerin oder das Leben auf dem Lande. 1961 von B. K. Tragelehn uraufgeführt, wurde es sofort verboten. Der Regisseur verschwand in der Produktion, der Autor flog aus dem Schriftstellerverband. Nun hat Müllers Stück eine Art Andachtsraum erhalten, den Syberberg gleichzeitig zur Reflexion seiner Geschichte als Großgrundbesitzersohn vor 1945 nutzt. Im Grunde genommen eine doppelte Rehabilitierung. Doch der Sieger der Geschichte ist der Traktor, wie Syberberg in seiner Einführung anmerkt. Ein kleines Model dieses Siegs des technischen Fortschritts über den Menschen ziert die Bühnenrampe und schlägt damit den Bogen zu Müllers frühen Werken.

Es drängen sich noch weit mehr Assoziationen beim Durchgang durch die Installation auf. Im Rückblick auf Peter Steins Birken der alten Schaubühnenära, die im Theater am Halleschen Ufer um die Ecke begann, lässt sich feststellen, dass auch Heu im HAU einen irren Duft verströmt. Ansonsten kommt man sich zwischen den Filmapparaten wie in der Vernissage-Installation The Art Show von Edward Kienholz vor, wobei das Ganze noch die Aura einer Schlingesief‘schen Totenmesse wie einst im Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig hat. Ein wenig viel Syberberg und Clever, etwas zu wenig Heiner Müller, wobei die heiße Diskussion anlässlich einer Syberberg-Werkschau 1990 in der Akademie der Künste mit Heiner Müller und anderen Ost- und Westintellektuellen sowie die Rede von Alexander Kluge zu Heiner Müllers Tod allein schon das Ansehen wert sind.

Und noch ein anderer Erinnerungskünstler deutscher Geschichte ist anwesend. Neben Syberbergs Bühnenaltar mit Heu und Scheunenskelett sowie links und rechts davon je einem Videoleinwandflügel gibt es auch einen Film über die Morgenthau-Plan-Gemälde von Anselm Kiefer zu sehen. Eine künstlerische Umsetzung der US-amerikanischen Nachkriegs-Vision eines Deutschlands als befriedetem Agrarland. Ob Müller-Utopie oder -Dystopie, darüber ließe sich nun trefflich streiten.

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Müller-Maschinen im HAU 2 und 3

HEINER MÜLLER! im Hebbel am Ufer - Foto: St. Bock

Die Müllermatrix am HAU 2  Foto: St. Bock

Wie die jüngere Künstlergeneration mit Heiner Müllers Erbe umgeht, ist beim laufenden Hebbel am Ufer-Festival HEINER MÜLLER! v.a. im HAU 2 und 3 zu sehen. Als „Mensch-Maschine“ ist die Stimme des toten Dichters in der Telefonzellen-Installation Die Müllermatrix von Interrobang zurückgekehrt und spricht auf Tastendruck in zusammengesampelten Textfetzen über ganz gegenwärtige Themen wie Migration, den Untergang Europas oder das zeitgenössische Theater. Ein Müller für jede Gelegenheit.

Noch fast komplett analog ist da die Installation Transitraum goes HAU von Kristin Schulz und Chasper Bertschinger. Die Literaturwissenschaftlerin und Müller-Expertin Kristin Schulz hat dafür Teile des originalen Müller-Transitraums aus der HU Berlin in den 2. Stock des HAU 2 transferiert. Hier kann man nun ganz Old School haptisch in Werken, Manuskripten und Typografien Müllers blättern oder sehen, was in seiner Bibliothek stand und den Dichter inspirierte. Neben Sideboards mit Büchern von Bertolt Brecht, Alexander Bek, William Faulkner und Steven King sind aber auch einige Hörstationen aufgebaut, die einladen, Müller selbst beim Lesen zuzuhören oder gar in den Film-Gesprächen mit Alexander Kluge beim Zigarre-Paffen und Verfassen von Gedanken zuzusehen.

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Die digitale Müller-Brille auf hat das Performance-Kollektiv andcompany&Co. mit ihrem Lecture-Konzert 2045: Müller in Metropolis im HAU 3. Hier wird nun Heiner Müller gänzlich zum Cyborg aus der Zukunft. „WIE FRÜHER GEISTER KAMEN AUS VERGANGENHEIT / SO JETZT AUS ZUKUNFT EBENSO“ heißt es in Brechts Fatzer-Fragment, das Müller bearbeitet hat. Ein Gedanke, der ihn bewegte und wohl auch Einzug in diese 45minütige Tischperformance mit Video und Musik gefunden hat. Der andcompany-Mastermind Alexander Karschnia und seine Cooperanten Nicola Nord und Sascha Sulimma scheinen ebenfalls die Kleistrede von Heiner Müller gelesen zu haben. Reichlich wird daraus zitiert. Aber v.a. die vorausschauende Äußerung zur „Hochzeit von Mensch und Maschine“ hat es ihnen angetan. Als Kind der 80er freut es einen natürlich immer, alte Elektrohelden mal in einer Theaterperformance verwurstet zu sehen. Hier ist es Anne Clark mit ihrem titelgebenden Hit Sleeper in Metropolis. Und Nicola Nord performt dann auch den deutschen Text zu Fritz Langs berühmten Stummfilmbildern mit ordentlich Nebel aus der Trockeneismaschine.

 

Foto (c) Dorothea Tuch

Foto (c) Dorothea Tuch

 

Sind wir nicht alle digitale Schläfer? Eine Frage, der andcompany&Co. nachgegangen sind und mit einer Exkursion in die technologische Singularität und ins Silicon-Valley aufwarten. Auch Müller war in Kalifornien, wenn auch nicht in einer Garage in Palo Alto. Spaß haben und unheimlich reich werden ist die Maxime der digitalen Hippies, der neuen 68er Generation, die sich Mitte der 1980er Jahre aufmachte, um das World-Wide-Web zu erobern. Aus der Starre des Beobachtens in die Genickstarre der digitalen Kommunikation. Alles ist möglich, das „Ich“ zur Adresse geworden. 1 oder 0 ist wie Sein oder Nichtsein. Das Arbeiten an der Differenz geschieht im On-Off-Modus. Das permanente Lauschen im digitalen Rauschen der täglichen Informations- und Kommunikationsflut.

Wie ein roter Faden zieht sich die Kybernetik, auch ein Hobby Müllers, durch die Eröffnungsveranstaltungen des Festivals im HAU. Man muss den turbo-philosophischen Ausführungen von Alexander Karschnia nicht unbedingt folgen, um hier etwas mitzunehmen. Die Menschheit hat den ersten Schritt zur technischen Evolution längst getan. Wir drücken im Internet auf den Unsterblichkeits-Button. Die Aufhebung des Menschen in seiner Schöpfung, der Technologie, wie es Müller formulierte. Vorbild ist wie immer Amerika, wo ein Transhumanist zum Präsidentschaftswahlkampf antritt, ein Terminator-Filmstar Gouverneur werden kann und man sich beim Burning Man in der Wüste Nevadas mit Mutantenfahrzeugen vergnügt. Der Mensch versucht aus der Geschichte herauszufallen, heißt es bei andcompany&Co. Sein Ziel ist die ewige Gegenwart.

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HEINER MÜLLER!
Ein Festival im Hebbel am Ufer

Mit: andcompany&Co., Sebastian Baumgarten, Ana Berkenhoff&Cecilie Ullerup Schmidt, Boris Buden, Laurent Chétouane, Marie-Hélène Gutberlet, Thomas Heise, Interrobang, Boris Nikitin, Patrick Primavesi, Damian Rebgetz & Paul Hankinson, Annegret Schlegel, Kristin Schulz, Veit Sprenger, Hans-Jürgen Syberberg, B.K. und Christa Tragelehn, Ginka Tscholakowa, Hans-Thies Lehmann, Helena Varopoulou u.a.

Termine: 03. – 12. März 2016

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/2015-2016/heiner-mueller/

Zuerst erschienen am 04.03. und 05.03.2016 auf Kultura-Extra

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Worte und Zeichen – andcompany&Co. und She She Pop im Berliner HAU

Donnerstag, Oktober 10th, 2013

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Der Versuch eines postkolonialen Exorzismus – BLACK BISMARCK von andcompany&Co. im HAU 2

Im Rahmen eines kleinen Afrika- und Kolonialismus-Schwerpunkts bei den Foreign Affairs 2012 hatten die Performer Alexander Karschnia, Sascha Sulimma und ihr belgischer Kollege Joachim Robbrecht von andcompany&Co. bereits einen kleinen Ausblick auf ihre jetzt am HAU 2 herausgekommene Produktion Black Bismarck gegeben. Im Haus der Berliner Festspiele saßen die drei vor einer weißen Leinwand und hielten eine Art Lecture-Performance über die Suche nach den kolonialen Wurzeln Europas und im Speziellen über die Verstrickungen Deutschlands. Eine Lehrstunde für alle überprivilegierten Unterpigmentierten über das Weißsein als unmarkierte Normalität sowie das Spielen im Dunklen der romantisierenden und gleichsam diskriminierenden Vorstellungen über den schwarzen Kontinent.

Black Bismarck Foto: Jan Brokof&Co.

Black Bismarck
Foto: Jan Brokof&Co.

Als graue Eminenz, oder besser Weißer Revolutionär bzw. Riese der deutschen Kolonialgeschichte beleuchteten andcompany&Co. vor allem den einstigen Ministerpräsidenten des preußischen Staats und späteren Kanzler des Deutschen Reichs, den heute wohl immer noch bekanntesten und beliebtesten Politiker Otto von Bismarck. Black Bismarck previsited war nicht einfach nur ein interessanter Lichtbildervortrag mit Musikuntermalung. Es war kluge Unterhaltung mit ernstem Hintergrund auf hohem Niveau. Ein tiefer Abstieg auf die dunkle Seite des weißen, europäischen Selbstverständnisses, wo das Gespenst des Kolonialismus noch immer munter umherspukt.

Sascha Sulimma und Joachim Robrecht sind auch diesmal wieder mit von der Partie. Allerding ist, sieht man mal davon ab, dass die zwei mit Dela Dabulamanzi, Simone Dede Ayivi, Nicola Nord und Gorges Ocloo schlagkräftige Verstärkung bekommen haben, inhaltlich nicht allzu viel Neues hinzugekommen. Ohne Frage, spielerisch haben andcompany&Co. den Abend ausgebaut. Es wird viel herumgetollt, erklärt, gestritten und musiziert. Die Performer tragen dabei als sichtbare Zeichen fantasievolle Helme und Kostüme, mit deren Hilfe sich z.B. die schwarzen Performer im Team als deutsche Birken verkleiden können. Eine klare Aussage und bestimmtes Zeichen, wie eine Kusshand oder der Mittelfinger eines deutschen Politikers.

Auch die weiße Leinwand ist im Hintergrund wieder angebracht. Sie stellt beim ersten Hinsehen noch kein Zeichen dar, erweckt aber sofort die Fantasie und den Expansionstrieb des Europäers, wie ein weißer Fleck auf der Landkarte, den es zu entdecken und zu kolonisieren gilt. Bei der sogenannten Kongo-Konferenz 1884-85 in Berlin teilten die europäischen Mächte Afrika unter sich auf, zogen Grenzen, die noch heute bestand haben und Grund für Konflikte sind. Von den Kolonialläden, Gartenkolonien über Afrikaferiendörfer und koloniale Straßennamen bis in die Psychoanalyse von Sigmund Freud, die romantische und unbewusste Vereinnahmung des dunklen Kontinents Afrika als Symbol für das Fremde und Unbekannte ist im deutschen Sprachgebrauch allgegenwärtig. In den 70ern belegte Ingrid Peters mit der Coverversion des Rose-Laurens-Hits Afrika Platz eins der deutschen Hitparade im ZDF.

Warum ist der Knecht Ruprecht schwarz? Wer hat den schwarzen Peter? Warum werden weiße Schauspieler im Theater schwarz angemalt? Und auf welche Rollen sind schwarze Schauspieler im Nibelungenhort des deutschen Theaters festgelegt? Fragen über Fragen, die die Performer auf ironische Art ausdiskutieren und versinnbildlichen. Ein Exkurs tief ins Herz des Weißseins. Der Unbewusstseinszustand besteht hierbei darin, weiß und nichtmarkiert zu sein, selbst aber ständig alles zu markieren. Und auch der titelgebende Fürst Bismarck spukt als Gespenst weiter durch Deutschland mit seinen Bismarckheringen, -zigarren, -schnäpsen und -apotheken. In sage und schreibe 142 Städten und Gemeinden stehen heute noch Bismarcktürme.

andcompany&Co: BLACK BISMARCK

BLACK BISMARCK  Foto (c) MuTphoto-Barbara-Braun

Das Ganze verzettelt sich dann leider mehr und mehr in eine lustige Performance. Da springt im Video ein Withe Rabbit in der bekannten Berliner U-Bahnstation mit umgewandeltem Namen Möhrenstraße herum und bewegt sich ein kolonialer Albtraum aus Zucker und Gummi in Form des Marshmellowman Stay Puft über die Bühne. Dem schrägen Diskurs werden zwar immer wieder neue Schlagworte zugeführt, allerdings kommt dabei kaum etwas wirklich Zwingendes zustande. Auch ein Zeichen für die bisweilen hart und bizarr geführte Diskussion um den alltäglichen Rassismus in Deutschland. Einziger Hinweis auf schwarze Gegenpositionen bleibt die Erwähnung des afroamerikanischen Bürgerrechtlers Burghardt Du Bois mit seiner These des Zweiten Gesichts, nach der sich ein Schwarzer immer zugleich auch durch die Augen der Weißen wahrnimmt.

Unsere Wahrnehmung der afrikanischen Kultur erfolgt noch immer anhand von Exponaten, die in der Kolonialzeit aus diesen Gebieten nach Deutschland verbracht wurden und nun bald an geschichtlich brisantem Ort des ehemaligen preußischen Stadtschlosses gezeigt werden. In einer gelungenen Merkel-Parodie verblüfft uns Nicola Nord mit elitärem Politikersprech zum Thema Entwicklungshilfe. Der bunte Abend gipfelt dann im Versuch von Joachim Robrecht, den alten Witz vom Schwarzen auf dem Zebrastreifen zu konterkarieren. „Man sieht mich, man sieht mich nicht“ rufend hüpft er mit vollem Körpereinsatz vor der weißen Leinwand auf und ab und kugelte sich dabei leider auch noch die Schulter aus. Gute Besserung von hier aus.

Letztendlich bringt es andcompany&Co.-Mastermind Alexander Karschnia, der sofort für Robbrecht einsprang, mit seinem Mantra „Empty your Head!“ auf den Punkt. Wenn das nur so einfach wäre. Vielleicht sollte es besser „Open your Mind!“ heißen. Aber schön, dass wir mal drüber geredet haben. Die durchaus anregende Performance geht jetzt auf Deutschlandtournee nach Mülheim, Münster und Düsseldorf und wird auch im kooperierenden deSingel Antwerpen zu sehen sein. Weitere Termine siehe unten.

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Black Bismarck  (29.09.2014)
Von und mit: Dela Dabulamanzi, Simone Dede Ayivi, Alexander Karschnia, Nicola Nord, Gorges Ocloo, Joachim Robbrecht, Sascha Sulimma&Co.
Dramaturgie: Alexander Karschnia&Co.
Bühne: Jan Brokof&Co.
Licht: Gregor Knüppel&Co.
Video: Kathrin Krottenthaler&Co.
Kostüm: Raki Fernandez&Co.
Regieassistenz: Mascha Euchner-Martinez
Bühnenbildassistenz: Julia Harttung
Technische Leitung: Marc Zeuske
Company Management: Katja Sonnemann
Eine Produktion von andcompany&Co. in Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer (Berlin), deSingel Antwerpen, FFT Düsseldorf, Ringlokschuppen Mülheim und dem Theater im Pumpenhaus Münster.

Premiere: 27.09.2013 im HAU 2

Weitere Infos:

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/programm/alphabetisch/black-bismarck/#

http://www.andco.de/index.php?context=project_detail&id=7074

Zuerst erschienen am 2. Oktober 2013 auf Kultura-Extra.

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Ende oder die Welt als crazy Rock-Scheibe – She She Pop denken im HAU 3 über das richtige Schlussmachen nach.

Was geschieht eigentlich mit den ganzen Dingen, die ein Performancekollektiv so bei der angestrengten Probenarbeit anhäuft, begutachtet, sortiert, wieder verwirft? Kreativmüll sozusagen. Wird das noch gebraucht, oder kann das weg? Die Probenzeit ist mit dem heutigen Tag beendet, konstatiert Mieke Matzke von der Gruppe She She Pop. Aber irgendwie scheinen die vier Performer mit ihrer Arbeit nicht ganz fertig geworden zu sein. Überall auf dem Bühnenboden verstreut liegen diese Dinge, nebst einigen blauen Müllsäcken, die besonders Mieke Matzke Angst bereiten. Die Angst nicht fertig zu werden, nicht zum Ende zu kommen. Dabei hatte das Ganze noch gar nicht richtig angefangen.

Ende von She She Pop im HAU 3 Foto: St. B.

ENDE von She She Pop im HAU 3 – Foto: St. B.

Dunkel ist es nämlich zu Beginn der Performance Ende im HAU 3. Und wir hören die ersten Worte vom Anfang und Ende, von der Schöpfung der Welt aus der Ursuppe, herumfliegendem Weltraummüll und dem Problem etwas Unfertiges, Ungelöstes aus dem Tag mit in die Nacht zu nehmen. Denn davon handelt die Performance, vom Willen, das einmal Begonnene zu Ende zu bringen.

Nach und nach beginnt sich das Auge an die Dunkelheit zu gewöhnen, bis es hell geblendet den ersten Tag der She She Pop‘ schen Schöpfungsgeschichte erblicken darf. Creation day 1. Und da liegt sie dann, die Ursuppe aus aufgehäuften Utensilien, wie Gaffer Tape, Äpfel, Orangen, Post-its, rote Menstruationsfäden, Wasserflaschen und natürlich eine Bibel. Auf einer aufgeklappten Kreisscheibe, die am Rand mit den Albumtiteln der Bat Out Of Hell-LP von Meat Loaf verziert ist. Die Welt als crazy Rock-Scheibe in der kreativen Schöpfungs- und Vorstellungskraft der Performer.

Diese Welt teilt sich in Adam und Eva, die himmlischen Heerscharen und selbstredend Gott, der das ganze Kuddelmuddel verbockt hat. Jeder übernimmt seine Rolle, wobei zuerst das Problem der Nacktheit zu Gunsten hautfarbener Kostüme geklärt wird. Nur die himmlischen Heerscharen bekommen etwas mehr Farbe ab und die vielleicht undankbarste Aufgabe. Lisa Lucassen, einst jugendliches Opfer der Geschmacksverirrungen ihres Bruders, und heute eigentlich eher cool und modebewusst, schmettert mal zart, mal inbrünstig den „Soundtrack ihres Lebens“, den sie hier nun öffentlich durch Absingen des ganzen Albums exorzieren will. You Took The Words Right Out Of My Mouth. Direkt raus aus der Hölle. Und da ist sie wirklich nicht zu beneiden, denn was sich dieser durchgedrehte Hackbraten da in den 70ern so zusammengesungen hat, passt heute auf keine politisch korrekte Kuhhaut mehr.

ENDE von She She Pop - Foto: Benjamin Krieg

ENDE von She She Pop – Foto: Benjamin Krieg

Sieben Songs und sieben Tage in nur 90 Minuten, da bleibt nicht viel Zeit für überflüssige Details. Aber ob hier etwas Kunst ist, oder in den blauen Müllsack gehört, überlässt man dann doch lieber nicht der Putzfrau. Die Performer nehmen sich nun selbst nochmal die allegorisch belegten Dinge eines nach dem anderen vor. Und Mieke Matze ordnet sie akribisch wie Gott auf der Weltenscheibe an. Muss aber erkennen, dass die Arbeit nie getan ist, immer noch was kommt und immer noch eine Frage zu klären bleibt.

Schluss soll also gemacht werden. Zum Beispiel mit den Vorurteilen über Frauen. Ilia Papatheodorou als Eva beklebt sich mit Orangenhaut und stopft sich hinten und vorne aus, ihre weibliche Zuschreibung grotesk betonend. Was erwartet man von Frauen, wie werden sie gesehen und sehen sich selbst? Papatheodorou performt es auf Äpfeln laufend, Prosecco einschenkend und Frauenwitze erzählend. Sie gibt lächelnd Konversationstipps und streicht ein Klischee nach dem anderen von der Welttafel.

Sebastian Bark dagegen trägt als Adam, oder besser vielleicht doch lieber nur Mensch, das Lebenslicht und versucht sich sonst in der Eigenbeschränkung. Das geschieht rein körperlich in Form von Tape, Schnüren und einem Mülleimer. Denn: „Ende ist, wenn nichts mehr geht.“ Das hindert Bark aber nicht daran, noch die Geschichte seines immer zu kurz gekommenen Cousins vorzutragen. Im übertragenen Sinne ein Beispiel, für das Verschließen der Sinne als Ende aller Fantasie, die selbst gewählte und von anderen zugeschriebene Rolle, in der man gefangen ist. Und sei es eine Ehe, die alles beendet. Meat Loaf / Lisa röhrt dazu: „I’m praying for the end of time that’s all that I can do uhhh.. uhh…”

Wie immer bei She She Pop sind das alles ganz persönliche Erfahrungen und Geschichten, die hier auf Dauer aber doch etwas zu nebulös aus der performativen Ursuppe wabern. Nun ist es ja Gott sei Dank nicht Aufgabe des Kritikers, die unfertig herumliegenden Gedankenenden eines Performers zu ordnen. Lustige Anregungen zum Weiterdenken lassen sich in den zum Ende hin wieder zusammengeschobenen Weltenraumbruchstückchen aber allemal finden. Man muss sie nur aufnehmen und ganz entspannt weiter darüber nachdenken. Heaven Can Wait.

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ENDE (08.10.2014)
Konzept und Produktion: She She Pop
Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer und Forum Freies Theater Düsseldorf
Bühne und Kostüme: Sandra Fox und SSP
Choreographische Beratung: Minako Seki
Musikalische Beratung: Max Knoth
Von und mit: Sebastian Bark, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Premiere: 08.10.2013, HAU 3

Weitere Infos: http://www.sheshepop.de

Zuerst erschienen am 9. Oktober 2013 auf Kultura-Extra.

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Ironische Maskenspiele zwischen Liebe, Verrat und Imagination. Oder was kann und wozu studiert man Universalgeschichte? – Zwei Intertextuelle Versuche mit Heiner Müller und Friedrich Schiller über den Aufstand auf Berliner Bühnen.

Dienstag, März 19th, 2013

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„Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüme, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“
Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

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Ohne Auftrag auf dem Teppich der Weltgeschichte.
Blick in die leere Szene am bat-Studiotheater.

„Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater und „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co im HAU 1

Wie es der Zufall manchmal so will, gab es in den vergangenen Wochen gleich zwei Inszenierungen an Berliner Theatern, die sich vordergründig mit dem Thema des Aufstands und seiner Rezeption in der Geschichte beschäftigen und gleichzeitig damit in Bezug zur gesellschaftspolitischen Wahrnehmung und dem revolutionären Potential in unseren Tagen treten wollen. Gerade eben erst ist der Autor der viel beachteten Streitschrift „Empört Euch!“ Stéphane Hessel gestorben. Sein Aufruf zum Engagement war vor allem an die Jugend gerichtet und hallte auch auf vielen deutschsprachigen Bühnen landauf und landab wider. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich der künstlerische Nachwuchs gerade am bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch mit einem der zeitgeschichtlichen Stücke Heiner Müllers auseinander setzte, das den „Auftrag“ zum Aufstand sozusagen schon im Titel trägt. Im HAU 1 dagegen beleuchtete das bekannte Künstlerkollektiv andcompany & Co. den Aufstand aus Sicht der „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“ von Friedrich Schiller und verschränkte es dabei mit weiteren Texten zum Thema, u.a. dem neuerdings ebenso oft auf deutschen Bühnen (von Berliner Schaubühne bis Maxim Gorki Theater) zitierten revolutionären Aufruf zum Widerstand „Der kommenden Aufstand“ des „Unsichtbaren Komitees“. Einem politischen Text, der bereits seit 2007 in Frankreich und seit 2010 auch in deutscher Übersetzung kursiert. Dass diese zeitgeschichtlichen Exkurse in HAU und bat noch dazu stark intertextuellen Charakter aufweisen, ist eine weitere interessante Gemeinsamkeit beider Inszenierungen. Sie beziehen sich dabei vor allem auf spezielle Ereignisse der Zeitgeschichte oder deren Abbildung in Werken anderer Künstler.

Motiv bei A.S.

Debuisson auf Jamaika
Zwischen schwarzen Brüsten
In Paris Robespierre
Mit zerbrochenem Kinn.
Oder Jeanne D’Arc als der Engel ausblieb
Immer bleiben die Engel aus am Ende
FLEISCHBERG DANTON KANN DER STRASSE KEIN
FLEISCH GEBEN
SEHT SEHT DOCH DAS FLEISCH AUF DER STRASSE
JAGD AUF DAS ROTWILD IN DEN GELBEN SCHUHN.
Christus. Der Teufel zeigt ihm die Reiche der Welt
WIRF DAS KREUZ AB UND ALLES IST DEIN.
In der Zeit des Verrats Sind die Landschaften schön.

Heiner Müller (1958)

Tragödie oder Farce? – „Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater

Der zeitgeschichtliche Bezug bei Heiner Müller und die Intertextualität des Stücks „Der Auftrag“ bestehen nicht allein nur darin, dass sich Müller auf Motive der Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“ von Anna Seghers stützt, welche die französische Revolution und ihr Wirken auf historisch verbürgte Vorgänge jener Zeit auf den europäischen Kolonien der Antillen beschreibt. Er spielt im „Auftrag“ auch vielfach auf biblische Motive an und stellt klare Bezüge zu Georg Büchners Revolutionsstück „Dantons Tod“ sowie den geschichtstheoretischen Ausführungen von Karl Marx (Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte) und Walter Benjamin (Über den Begriff der Geschichte) her. Der Untertitel des Stücks „Erinnerungen an eine Revolution“ verweist dabei deutlich auf die wohl wichtigste Intension in Müllers Werk, nämlich die, gegen das allgemeine Geschichtsvergessen anzuschreiben. Dazu kommt wie so oft bei Müller der Verrat in all seinen Formen und Spielarten. Hier im Speziellen eben auch der Verrat an der Geschichte, der Zusammenhang von Liebe, Genuss und Verrat sowie historischem Auftrag und opportunistischer Staatsraison.

Die Republikaner Debuisson, Sohn von französischen Plantagenbesitzern auf Jamaika, Galloudec, ein französischer Bauer, und Sasportas, ein ehemaliger Sklave, werden vom französischen Konvent 1797/98 ausgesandt, um auf Jamaika einen Aufstand unter den Plantagensklaven zu organisieren. Als sie dort ankommen sind, hat aber bereits Napoleon am 18. Brumaire VIII des Republikanischen Kalenders (09.11.1799) die Herrschaft in Frankreich an sich gerissen und die Freiheit trägt wieder Uniform. Der Auftrag ist somit obsolet. Das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben steht. Während Debuisson in die alten Verhaltensmuster der herrschenden Klasse zurückfällt, sterben die anderen beiden bei dem Versuch ihren Auftrag dennoch auszuführen. Sasportas wird gehängt und Galloudec verreckt in Gefangenschaft an den Folgen seiner Verwundung. Die Revolution auf Jamaika ist gescheitert. Der Auftraggeber Antoine in Frankreich erhält den letzen Brief des sterbenden Galloudec, der den Auftrag wieder zurückgegeben will. Bürger Antoine, nunmehr der Bankrotteur einer Firma, die nicht mehr im Handelsregister steht, verleugnet den Auftrag und flieht sich in die Arme seiner Frau. Hier setzt nun der Bezug zur Gegenwart ein. Wie bankrott sind heute Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bzw. worin könnte noch so etwas wie ein Auftrag bestehen? Und was hindert uns daran ihn anzunehmen. Eine junge Frau reflektiert zu Beginn der Inszenierung am bat aus dem Off über ihr Schauspielstudium. Sie beschreibt ihre Vorstellungen von künstleris   cher Entfaltung auf der Probebühne, die Angst vor dem Scheitern sowie die finanzielle Sicherheit, die ihr das Geld des Vaters beim sich Ausprobieren bietet. Auf der einen Seite steht die unsichere Möglichkeit mit Kunst etwas zu verändern, auf der anderen Seite die, sich nach einem Scheitern wieder bequem in die Abhängigkeit zum Geld des Vaters zurückfallen zu lassen.

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Der Auftrag v.l. Weil, Brüggemann, Breustedt, Richter, Vetter. Foto: Ch. Burchard

Vor diesem Hintergrund entwickeln die sechs Schauspielstudenten im 3. Studienjahr ihre Version von Heiner Müllers „Auftrag“ als Versuch und Diskurs über das Scheitern, den Verrat an sich selbst, seinen Gefühlen und Ideen. Dabei entwickeln sie in einer spielerisch sehr anregenden Form Müllers Requiem auf verlorene Revolutionen, das immerhin schon fas 25 Jahre auf dem Buckel hat, konsequent weiter. Von traditionell chorischen Passagen zu Beginn über die zynischen Dialoge der drei Emissäre bis zu den von Müller eingefügten mystischen Traumsequenzen und parabelartigen Monologen, wie der „Ersten Liebe“ oder dem „Mann im Fahrstuhl“, wechseln die Darsteller gekonnt hin und her. Dabei werden die strengen Müller`schen Texte und Szenenfolgen immer wieder durch Slapsticknummern durchbrochen, verlieren dadurch aber nicht an Kraft und Intensität. Es geht nicht allein um ironische Brechung, sondern um eine konkret spielerische Aneignung des Stoffs. Nicht bloße Reproduktion, sondern die Durchdringung von Müllers Texten ist die Folge. Und das unterscheidet Magali Tosatos Inszenierung von der üblichen Müller-verehrenden Rezeption seines Werks, wie z.B. in der letzten großen, bekannten Inszenierung des „Auftrags“ zu des Dichters 75. Geburtstag. Der Müller-Schauspieler und einstige Hamletdarsteller Ulrich Mühe hatte 2004 das Drama in Starbesetzung (Florian Lukas, Christiane Paul, Ekkehard Schall, Herbert Knaup, Udo Samel, Inge Keller, Heike Kroemer) auf die große Bühne im Haus der Berliner Festspiele gebracht. Das war gut gemeinte Heiner-Müller-Ikonografie in rostigem Bühnenbild. Ein wenig 11.September hier, ein wenig ökologische Dystopie da, und ein andächtiges Erstarren vor des Meisters Text. Eine hehre Leichenfledderei im besten Sinne nach 10 Jahren des kollektiven Vergessens jeglicher Aufträge.

Im bat findet das Spiel auf zwei sich voneinander abhebenden Ebenen (Bühne: Franziska Keune) statt. Am Boden liegen Regale die durch Antoine (Anton Weil) zu Beginn wie Ikea-Möbel verschraubt werden. Er wirkt dabei wie ein heutiger gestresster Alltagsbürger, der sich bei seiner Arbeit gleich von einer ganzen Gruppe von Briefüberbringern genötigt sieht. Wie in einem bösen Traum schießen die Hände mit dem Schreiben Galloudecs immer wieder geisterhaft aus den liegenden Regalsärgen zu ihm empor. Und immer wieder klingt dazu auch wie zum Hohn ein alter Schlager über Ananasfarmen auf Jamaika. Während unten die drei grundverschiedenen Revolutionäre ihre Ansichten vom Kampf zunächst noch sehr euphorisch darlegen, dräut oben der „Engel der Verzweifelung“ aus der Luke und zieht die „Erste Liebe“ (ganz in weiß Kara Schröder) den Plantagenbesitzersohn Debuisson (mit herrschaftlichem Tropenhelm Felix Maria Richter) mit ihren süßen Reden von Verrat und Genuss wieder in ihren Bann. Er hat hier auf Jamaika seine Maske nicht mehr nötig. Schnell legt er sie wie seine Überzeugungen ab, während die anderen beiden diese Möglichkeit nicht haben. „Dein Fell bleibt schwarz, Sasportas. Du, Galloudec, bleibst Bauer. (…) Ich will mein Stück vom Kuchen.“ Die Hackordnung wird wieder hergestellt. Demütig müssen Galloudec (Jan Gerrit Brüggemann in gescheckten Unterhosen) und Sasportas (nur in Shorts Christophe Vetter) ihre angestammten Masken aufbehalten. Ihnen bleibt nur das Schauspiel von der Französischen Revolution als Farce zu wiederholen. Und sie schlagen sich dabei im „Theater der weißen Revolution“ ihre närrischen Rasta-Perücken vom Kopf. „Ein bisschen Spaß muss sein“ singt die Gruppe dazu und führt ein koloniales Bananentänzchen inklusive brauner Brüste auf. Die Freiheit ist wieder, wie schon Dantons Gefährte Lacroix in Büchners Drama kurz vor dem Schafott erwähnt, zur Hure gemacht. „Die Freiheit und die Hure sind die kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt anständig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren.“ (Danton in: „Dantons Tod“, 5.Szene)

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Szene aus „Der Auftrag“ im bat-Studiotheater. (v.l. Vetter, Breustedt, Brüggemann, Richter) – Foto: Ch. Burchard

„Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution.“ Die Geschichte schreitet voran, der Mensch dreht sich in ihr beständig im Kreis. Eine fatale, fatalistische Mischung aus Benjamins verzweifeltem „Engel der Geschichte“, Marx‘ Rückkehr der Geschichte als Farce sowie „Dantons Tod“ von Georg Bücher als Revolutionstheater der fleischgewordenen Masken. Und immer noch scheitert der Mensch an der Last der Entscheidung zwischen Vernunft und Eros, Auftrag und Genuss oder auch dem Zwiespalt gesellschaftlicher Verpflichtung und persönlichem Glück. Er wird „zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte“, wie es Georg Büchner beim Rückblick auf die Französische Revolution desillusioniert bezeichnete, die gleichwohl eine unvollendete bleibt. (Siehe hierzu auch Jette Steckels Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ am Hamburger Thalia Theater.) Dagegen setzt Heiner Müller sein Theater des „konstruktiven Defaitismus“, des ironischen Zweifels an der reinen Ideologie. Das im Angesicht des Scheiterns aller Utopien trotz allem noch Raum für einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine scheinbar unerreichbar gewordene Utopie lässt. Hierzu wird der Monolog „Der Mann im Fahrstuhl“ im bat zum besonderen Ereignis. In ruhigem, deklamierenden Ton – Die Zeit ist aus den Fugen – besteigt Anton Weil Sprosse um Sprosse der Leiter nach oben. Zunächst noch eingeschnürt in Schlips und Zwang seinen Auftrag nicht zu verfehlen, kommt ihm nach und nach die Gewissheit seines Scheiterns, und wird der Verlust seines imaginären Auftrags zur inneren Befreiung. Die Angst weicht dem Vergessen und öffnet somit durchaus die Möglichkeit einer anderen, neuen gedanklichen Ebene. Auch auf einem grasüberwachsenen Bahndamm bleibt jede Arbeit auch immer Hoffnung.

Und so wie Müller seine Protagonisten in ihrer ganzen Zerrissenheit zwischen einer Sehnsucht nach Glück und Hoffnung, Geschichtsvergessenheit und Verrat zeigt, so sind die Macher des Abends im bat auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Auftrag in einer Welt, wie sie sich den drei Revolutionären in einer kleinen Videoeinspielung mitten im Prenzlauer Berg zwischen religiösen Wahnvorstellungen und Verheißungen, Drang zu sklavischer Liebe und Unterordnung sowie jeder Menge anderer Schicksale und Ungerechtigkeiten aller Art eröffnet. Der scheinbar ohne konkreten Auftrag aus der Enge des Fahrstuhls tretende Mensch, befreit von den Zwängen einer vorbestimmten Ideologie, wird seinen ganz persönlichen Auftrag auch in diesem offensichtlichen Wirrwahr nicht verfehlen können. Vorausgesetzt man empfindet die Ungerechtigkeit der Welt nicht als gottgegeben und begnügt sich damit, durch sein Handeln kein weiteres Unrecht zu begehen und niemandem zu schaden. Wie es der Vater unserer Schauspielstudentin, offensichtlich selbst in leitender Position, im abschließenden Video seiner Tochter als seine Werte vorleben und mitgeben will.
Das bat-Studiotheater wird sich im April im Rahmen eines regelrechten Festivals mit Studenteninszenierungen, übrigens neben Bertolt Brechts Frühwerk „Trommeln in der Nacht“, auch wieder mit Heiner Müller befassen. Dann stehen mit „Zement“ und „Verkommenes Ufer. Medeamaterial. Landschaft mit Argonauten“ weitere Texte zwischen Revolution, Utopieverlust und Mythen der Geschichte auf dem Programm. „DO YOU REMEMBER DO YOU NO I DONT”

Termine unter: www.bat-berlin.de

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Imaginäre Bühnenbesetzung am HAU 1 – andcompany&Co. proben den (kommenden) Aufstand nach Schiller.

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Schillersche Trutzburg der Kunst. Das HAU 1 in der Stresemannstraße Berlin-Kreuzberg – Foto: St. B

Um das Herstellen eines bestimmten Kontextes zur Geschichte geht es auch in „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co. Vor dem Hintergrund von Schillers Text über die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“ versuchen die Performer um Alexander Karschnia sich über die politischen und ökonomischen Grundlagen für einen Aufstand klar zu werden. Also was sind die Grundlagen für eine revolutionäre Situation und wie kommt sie in Gang. Dazu besetzen die Performer die Bühne und machen uns zu ihren Komplizen im Zuschauerraum. Künstlerische Unterstützung hat das Kernteam der andcompany diesmal vom flämischen Theatermacher Joachim Robbrecht, mit dem sie schon für die Lecture-Performance „BLACK BISMARCK previsited“ zusammengearbeitet haben und von Kollegen aus den Niederlanden bekommen. „How do you squat an imaginary space within an imaginary context?“ ist die Frage die es zu klären gilt. Die Darsteller nennen das, was sie auf der Bühne des HAU 1 zusammengeführt hat, dann zunächst auch eine Besetzungsprobe. Der imaginäre Raum des Theaters lässt sich für das Vorhaben, über die politischen Anliegen der Kunst zu verhandeln und dem freier Bürger dazu eine Bühne zu bieten, bekannter Maßen auch am besten nutzen. Schon Friedrich Schiller selbst hatte in seiner Vorlesung „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ das Theater als eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der Aufklärung bezeichnet.

Ausgehend von den historischen Kämpfen der vereinigten Niederlande im 80jährigen Krieg von 1568 bis 1648 gegen die Europäische Zentralmacht Spanien (Spanische Krone), in Deutschland eher bekannt als der 30jährige Religionskrieg in Mitteleuropa, werden auf der Bühne nach Parallelen zur heutigen globalen Finanzkrise einerseits und zur Krise der Kunst in den heutigen Niederlanden andererseits gesucht. Die weltweiten Occupy-Bewegungen werden dabei mit dem Aufstand der „Geusen“ 1564 verglichen. Die Bühnenbesetzer im HAU 1 treten dann auch im Gewand der niederländischen Aufständischen wie Bettler in Säcke gekleidet auf. Sie üben zunächst das Vokabular der heutigen globalisierungskritischen Widerstandsbewegung, das sich in den zahlreichen Occupy-Camps entwickelt hat, ein. Man sitzt dazu mit dem Rücken zum Publikum und wiederholt dabei stoisch immer wieder alles Gesagte. In Hinblick auf eine globalisierte Geschichte des Widerstands ist es erst einmal notwendig zu einer gemeinsamen Sprache zu finden. Ein imaginären Kontext entsteht aber erst in der Verbindung einiger skizzenhaften Spielszenen von den Werken wie Goethes „Egmont“ oder Schillers „Don Carlos“ mit der universalen Geschichte Europas von den Zeiten der Entdeckung Amerikas durch die Spanier über deren Aufstieg zur Weltmacht bis hin zur Entstehung des freien Warenaustauschs in den Niederlanden. Auf der Bühne, wo sich für Schiller Vergnügen und Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wird spielerisch die Reise von den Silberminen des Potosi über den finanziellen Zusammenbruch Spaniens, das sein Gold nicht mehr los wurde, bis zum ersten Weltmarkt mit den Finanzplätzen Antwerpen und Amsterdam vollzogen.

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Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller – Szenenfoto von Hans Jörg Michel

Der Lack ist ab, die einst glänzende Fassade wird in der kleinen Guckkastenbühne mit der Tapete abgerissen. Der Aufstand der niederländischen Bürger gegen die spanische Krone als Reaktion auf die Behinderung des freien Handels. Die Niederlande entwickelten sich zu einem Zentrum von florierender Wirtschaft, Wissenschaft und Fortschritt ohne die Repressionen der spanischen Inquisition, die hier noch einmal in rotem Kutten- und Mützenmummenschanz den Aufständischen die Instrumente zeigen darf, deren Ton arg verstimmt klingt. Mit historischen Kostümen geht man über zu Schillers „Don Carlos“. Doch wo bleibt bei all der lustigen Fiktion und Historienbebilderung der Bezug zu heutigen Aufständen. „Wo bleibt der Aufstand?“, wird dann auch aufgeregt von einem Beteiligten gefragt. Der (kommende) Aufstand manifestiert sich hier auch erst einmal nur durch die eingestreuten Wuttexte der Performer inklusive Auszügen aus dem Pamphlet des Unsichtbaren Komitees. Auf der Bühne entsteht so zunächst auf ironische Weise eine imaginäre Ästhetik des Widerstands mit Anleihen bei Schiller, Peter Weiss und Heiner Müllers konstruktivem Defaitismus. Und so kommt dann schließlich auch noch der Umschluss zur prekären Situation der Künstler in den heutigen Niederlanden. Die Künstler stehen dort bereits mit dem Rücken zur Wand und hier auf der Bühne plötzlich ohne Hosen da. Kein Geld zu besitzen macht sie daheim zu Bittstellern mit geöffneten Geldbeutel und Verbrechern im Sinne der Gesellschaft, deren größte Missetat es ist, wie in Brechts „Mahagonny“ kein Geld zu besitzen.

Den „Kommenden Aufstand“ zitieren und singen die Holländer und Flamen gemeinsam mit den deutschen Performern der Truppe zumindest kollektiv auf der Bühne herbei, und versuchen ihn auch in die Reihen des Publikums zu tragen. Mit runtergelassener Hose, nostalgischen Protest-Hits wie „Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, solln aufstehn“, entsprechenden Protestschildern und unkoordiniertem Gewusel auf der Bühne hat das natürlich schon etwas fröhlich unbefangen Chaotisches. Aber zu Schillers Forderung nach Gedankenfreiheit gesellen sich so neben Rede-, Versammlungs- auch die Assoziationsfreiheit der Kunst. Ganz frei nach Heiner Müllers Feststellung: „Das einzige, was ein Kunstwerk kann, ist die Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“ Und dabei produziert vor allem auch die Angst Kreativität. Sie ist konstruktiv und zwingt uns zu Lösungen (HM aus: „Gesammelte Irrtümer“). Selbst auf die Gefahr hin, dass, wenn man an mehreren Zitat-Baustellen gleichzeitig bastelt oder auf der Bühne an zu vielen Lichtschaltern spielt, man ganz plötzlich auch im Dunklen stehen kann. Es geht hier natürlich nicht nur um die reine Lust am Zitieren. Es soll in beiden Stücken vordergründig unsere heutige Stellung zu einer universellen Menschheitsgeschichte aus bestimmten Machtverhältnissen, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und den daraus resultierenden Aufständen herausgearbeitet werden. Von den erfolgreichen Aufständen bei Friedrich Schiller über die gescheiterten bei Heiner Müller versuchen die bat-Inszenierung „Der Auftrag“ und die Performance „Der (kommende) Aufstand“, vor allem mittels spielerischer Untersuchung der historischen Mythen, in alten Geschichtsräumen neue Türen aufzustoßen. Beiden Inszenierungen ist das dann auch mit ihren aktuellen Bezügen mehr oder weniger glücklich gelungen.

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Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller von andcompany&Co – (c) Jan Brokof

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“
Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

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Literatur:

  • Heiner Müller: „Der Auftrag und andere Revolutionsstücke“, Herausgegeben von Uwe Wittstock, Reclam, Stuttgart 2005 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8470)
  • Heiner Müller, Werke 1: „Die Gedichte“, Herausgegeben von Frank Hörnigk, Suhrkamp 1998
  • Georg Büchner: „Dantons Tod“, Reclam Taschenbuch
  • Karl Marx: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Suhrkamp Taschenbuch oder auf zeno.org
  • Walter Benjamin: „Über den Begriff der Geschichte“, Reclam Taschenbuch
  • Friedrich Schiller: „Don Carlos“, Reclam Taschenbuch
  • Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Reclam Taschenbuch und
  • Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung. Inselverlag Leipzig, 1979 (nur gebraucht) oder beides auf Projekt Gutenberg-DE
  • Das Unsichtbare Komitee: „Der Kommende Aufstand“, Edition Nautilus, Hamburg 2010, oder auf pdfcast.org

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Beim „Monologfestival 2012“ im Theaterdiscounter geht es um Fragen der Moral. Fabian Hinrichs will dagegen in seiner Performance „Die Zeit schlägt dich tot“ beim Festival „Foreign Affairs“ vor dem Missverständnis warnen, die Frage schon für die Antwort zu halten.

Mittwoch, Oktober 24th, 2012

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„Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.“
Friedrich Nietzsche, aus „Jenseits von Gut und Böse“, Aph. 153

Ist Moral die Triebfeder der Menschheit, oder eher Korrektiv und damit Hemmschuh der gesellschaftlichen Entwicklung? In der Antike war für Aristoteles tugendhaftes Handeln (Ethik) der Ausdruck höchsten Glücks und allein begründet in der menschlichen Vernunft. ( „Die Tugend ist also ein Verhalten [eine Haltung] der Entscheidung, begründet in der Mitte in Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde.“ Aristoteles: „Nikomachische Ethik“ ) Dabei war für ihn die sogenannte Verstandestugend (Klugheit) die Kardinaltugend schlechthin, als Voraussetzung für ein „moralisch-praktisches Urteilsvermögen“.  ( „Es bleibt also nur übrig, dass sie [die Klugheit] eine handlungsleitende, wahre und auf Begründung beruhende Haltung im Bereich des für den Menschen Guten und Schlechten ist.“ Aristoteles: „Nikomachische Ethik“ ) Allerdings lässt einen der Verlauf der menschlichen Geschichte doch oft eher an der menschlichen Vernunft zweifeln. Soviel zur vielgepriesenen Mitte der Gesellschaft.

Während z.B. für die Hedonisten moralisches Handeln rein der Maximierung des individuellen Glücks dient, ist die christliche Moral durch Gebote geprägt und verlegt angesichts des Elends auf der Welt die Glückseligkeit bei entsprechendem Handeln lieber ins Himmelreich. Bei Kant ist ethisches Handeln abhängig von moralischen Prinzipien, denen sich der Mensch in freiem Willen unterwirft, was in den kategorischen Imperativ mündet, nachdem jeder sein Gewissen zu befragen hat. Somit steht der Mensch immer wieder vor der schwierigen Frage, nach welchen Regeln er sein Handeln überprüfen soll. Was bestimmt nun heute menschliches Handeln? Wie steht es mit dem Streben nach dem ganz individuellen Glück und der Moral im Kapitalismus, wo immer mehr reine Sachzwänge unser Handeln bestimmen? Oder bietet allein der Kommunismus die Glückseligkeit, indem er verspricht, dass jeder nach seinen Bedürfnissen befriedigt werden und sich in der Gemeinschaft verwirklichen kann? Sind Moral- und Glücksphilosophie am Ende? „Was gilt Jenseits von Gut und Böse?“ ist daher die berechtigte Frage, die sich die Macher des Monologfestivals im Theaterdiscounter in diesem Jahr gestellt haben.

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„Out of the dark into the night (copy and taste)” – Zu Beginn des Monologfestivals im Theaterdiscounter versuchen sich andcompany&Co. an einer Moraldefinition.

„Arbeit und Tugend schließen einander aus.“ Aristoteles

Vielleicht hat das Performancekollektiv andcompanyCo. auch daran gedacht, als sie zur Eröffnung des Monologfestivals 2012 die verschiedenen Moralbegriffe auf den Prüfstand stellten. Gerade noch mit „BLACK BISMARCK previsited“ auf dem Festival „Foreign Affairs“ machen sich die Performer nun zum Thema Moral auf, und gehen „Out of the dark into the night”. Moral ist nicht nur das A und O gesellschaftlichen Handelns. Moral ist eben auch Arbeitsmoral behauptet der Performer Sascha Sulimma, der sich hier als Falcoimitator versucht und erst einmal über den Titel der Performance aufklärt. Man hat den Falcosongtitel „Out of the dark into the light“ nicht nur leicht abgeändert, da er so interessanter klingt, sondern um damit wieder ein eigenes Copyright zu schaffen und vielleicht so auch GEMA-Gebühren zu sparen. Denn Moral ist vor allem auch Zahlungsmoral. Und am Anfang stehen nicht ein A oder B, sondern eine Null zu der sich eine Eins gesellt und dann immer mehr Nullen. Und schon sind wir beim Euro, der aus Frankfurt kommt. Wie auch Sascha Sulimma, der eigentlich lieber eine Falco-Performance vorführen würde, aber nun diesen Text vom Denker der Truppe Alexander Karschnia vortragen muss. Sulimma sinniert über die EZB, die in einem Gebäude sitzt, das einmal die Bank für Gemeinwesen beheimatete, nachdenkliche Banker und die Occupybewegung. Er kalauert sich von D-Marks und Engels über das Gespenst das in Europa umgeht, europäischer und persönlicher Verschuldung wieder zum Zahlungsmittel Euro und versucht es im Spotlight zu erhaschen.

Der Untertitel der Veranstaltung heißt „copy and tast“. Auch wieder so eine Anspielung auf das Copyright und die Versuchung von anderen Köpfen zu leben. Das untermauert Sulimma dann mit einem Schillerzitat aus dessen Antrittsvorlesung 1789 in Jena „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, in der Schiller dem sogenannten Brotgelehrten den freien, philosophischen Geist gegenüberstellt, und wo es heißt: „…zwischen denkenden Köpfen gilt eine innige Gemeinschaft aller Güter des Geistes; was Einer im Reiche der Wahrheit erwirbt, hat er allen erworben.“ Eine wahrlich schöne Doppeldeutigkeit. Sulimma stellt noch fest, dass er sich gerade mit seinem Labtop den gesamten Kommunismus runtergeladen hat und nun Angst vor der unkontrollierten Verbreitung hat. Dann ufern allerdings Performance und Text immer weiter aus, meandern noch durch deutsche Schlafzimmer, mit Wächtern vor der Tür (Kafka lässt grüßen), an die heute immer schon Gerichtssäle grenzen. Wir hören Berichte von Heeren wanzenverseuchter IKEA-Möbel, die unsere Wohnzimmer überfluten. Bis alles irgendwann im kuriosen Gebot: „Du sollst nicht Duzen!“ gipfelt. Die vergnügliche Performance verschachtelt die verschiedensten Moral-Ebenen auf ironische Weise miteinander und bringt es schließlich ganz ohne Reue frei nach Jürgen Teipels Bestseller über die Musikszene der 80er mit „Verschwende deine Tugend, denn sie vergeht.“ auf den Punkt.

Fazit: Moral ist heute nicht mehr so leicht zu fassen. Also dann „Back to zero?“ Oder doch lieber auf in eine neue Utopie? Um wieder mit Schiller zu sprechen, mit dieser Performance haben andcompany&Co. zumindest den ersten Handschuh mitten hinein in den Fight der monologischen Moral-Diskurse geworfen. 10 weitere Positionen werden noch bis zum 28.10.12 folgen. Unter anderem auch am 27.10. um 21:00 Uhr das heiß umstrittene Reenactment „You will not like what comes after America #1: Breiviks Statement“ von Milo Rau, das gerade erst in Weimar Premiere hatte und schon für viel Gesprächsstoff gesorgt hat. Andcompany&Co sind noch einmal am 24.10. um 20:00 Uhr dran.

Out of the dark into the night (copy and taste)
von Alexander Karschnia, Nicola Nord, Sascha Sulimma&Co.
Performance: Sascha Sulimma
Dauer: ca. 45 min.

  • Programmvorschau Monologfestival auf:

www.theaterdiscounter.de

  • Nächster Termin von andcompany&Co. in Berlin:

Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller
26.02.und 28.02.2013 im Hebbel am Ufer

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Die Zeit schlägt dich tot – Fabian Hinrichs führt einen musikalisch-philosophischen Diskurs-Monolog über die ganz großen Fragen mit sich selbst und lässt das Publikum bei den Foreign Affairs daran teilhaben.

Berlin, eine Großstadt im Herbst. Goldenes Wetter, die Sonne lacht den ganzen Tag. Auch am Samstagabend herrschen noch angenehme Temperaturen, als das kulturhungrige Volk sich zu einer weiteren illustren „Foreign Affair“ im Haus der Berliner Festspiele einfindet. Voll froher Erwartung harrt das Premierenpublikum bei Sekt und Bier dem Beginn der ersten Regiearbeit des allseits beliebten und talentierten Schauspielers Fabian Hinrichs. Auf der Bühne grüner Rollrasen, ein Bandsetting im Hintergrund, leichte Klopf- und Knarzgeräusche aus den Boxen, der kongeniale Interpret Pollesch´scher Diskursschleifen macht es wirklich spannend. Doch was muss man sehen? Zu seiner musikalischen Solo-Performance „Die Zeit schlägt dich tot“ erscheint Fabian Hinrichs als gehäuteter Schmerzensmann im schlaffen muscle suit und beginnt auf offener Bühne eine etwas verfrühte, ausgewachsene Herbstdepression zu pflegen. Falsches Timing, falscher Ort, oder war ihm einfach sein „Koffer voller Schmerzen“, den er hier in Berlin bereits mehrfach in den sophiensaelen zu philosophischen Vortragsperformances über Gott und Welt geöffnet hatte, auf den Fuß gefallen? Vielleicht ist ihm aber auch das viele Philosophieren aufs Gemüt geschlagen. Aus dem lebensfrohen Stadtjungen von einst scheint ein nachdenklicher Mensch geworden zu sein.

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Die Zeit schlägt dich tot. Fabian Hinrichs, hier gottlob noch ganz lebendig. © William Minke

Und was einem dann nicht alles so im Kopf herum geht. Doch zunächst schwingt Fabian Hinrichs eine lange, aus einem Holzscheit bestehende Schaukel hin- und her, und beginnt die Ahnen der deutschsprachigen Schauspielkunst aufzurufen. Fritz Kortner, Bernhard Minetti, Maria Wimmer, Will Quadflieg, Günter Pfitzmann, genannt „Pfitze“ usw., alle bereits tot. Danach rezitiert er noch aus dem „Tod des Empedokles“ von Friedrich Hölderlin. Klassisch dehnt Hinrichs dabei die Silben und deklamiert die pantheistischen Jamben-Verse über den sizilianischen, vorsokratischen Philosophen, dem großen Einzelnen im Kampf mit der ihm feindlichen Gesellschaft, der den Göttern abschwört und sich der Natur zuwendet. „O gebt euch der Natur, eh sie euch nimmt.“ Wo aber z.B. Frank Patrick Steckel in seinen „Antworten an Deutschland“ am Centraltheater Leipzig noch den ans Volk gewandten, auffordernden Empedokles thematisiert, spielt Hinrichs hier den einsamen Melancholiker, mit sich im Zwiespalt, kurz vor dem Sturz in den Ätna, dem man ob seiner Stimmungsschwankungen getrost eine ausgemachte Persönlichkeitsstörung oder ähnliches attestieren könnte. Der Empedokles des Hölderlin ist der personifizierte Weltschmerz, das Verzweifeln an und die Flucht aus der Welt. Wahrlich, zum Verrücktwerden.

Wo seid ihr meine Götter…
Einmal noch! noch einmal
Soll mir’s lebendig werden und ich will’s!
Fluch oder Segen! (…) tagen soll’s
Von eigner Flamme mir! Du sollst
Zufrieden werden, armer Geist,
Gefangener, frei, groß und reich
In eigner Welt dich fühlen –
Und wieder einsam, weh! Und wieder einsam?
(aus Friedrich Hölderlin: „Der Tod des Empedokles“, 2. Fassung, 1. Akt, 2. Auftritt)

Die Frage wäre, ob Hinrichs sich hier gemütsmäßig tatsächlich mit Hölderlin vergleichen will, dem man von schizo-affektiven Psychosen bis zum Asperger-Syndrom bereits alles mögliche angedichtet hat. Oder er den Empedokles doch nur für seine anschließenden Ausführungen über die Technik- und Großstadtverdrossenheit braucht. Als Rufer in der kalten, grauen Großstadtwüste sozusagen. Gespielt hat Hinrichs den Empedokles jeden Falls schon einmal in Laurent Chétouanes „EMPEDOKLES // FATZER“ 2008 am Schauspiel Köln. Ein Trauerspiel macht Hinrichs im Weiteren aber gottlob nicht aus seiner Performance. Er hat dann doch ganz „moderne Probleme“.

Es geht Fabian Hinrichs schon um den vereinzelten Menschen in der anonymen Großstadt. Eine Abrechnung mit Berlin, die sich bereits schon im letzten Stück von René Pollesch „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ an der Volksbühne angekündigt hatte. Allerdings ist auch Hinrichs wie Empedokles im Zwiespalt. Einerseits will er in der Stadt leben, bzw. „Ich wollte das mal.“ Ist andererseits aber zu der Erkenntnis gelangt, dass man hier eigentlich gar nicht leben kann. Die Stadt, einmal „Herz und Hoffnung der Zivilisation“, befindet sich nämlich in Zersetzung. Berlin ist, wie auch andere Großstädte, nicht mehr die Stadt mit Herz. Die Menschen finden nicht zueinander, sitzen einsam in Cafés – „einsam im Gewühl, Staubkörner an der Oberfläche“ – oder pflegen ihr ICH. Hinrichs springt hier mit einem Hüpfball mit gleichlautender Aufschrift auf die Bühne und lässt demonstrativ die Luft raus. Er plädiert für mehr Herz statt Verstand, umarmt Leute im Publikum und fordert alle auf ihrem Nachbarn zu sagen, wie gut er aussieht. Mit augenzwinkernder Ironie mimt Hinrichs hier den TV-Prediger. „Und jetzt alle: Do it!“ Mit dem gleichen Pathos, wie er die Verse Hölderlins vorgetragen hat, geht Hinrichs nun auch durch den eigenen Text. Auflockernd oder auch verstärkend, je nach Gemütslage im Publikum, wirkt dann die musikalische Begleitung durch die Band um Jakob Ilja, den Gitaristen von „Element of Crime“. Auch Hinrichs selbst greift hier mit in die Saiten. Anstatt Großstadtblues gibt es aber Rockmusik satt.

Es folgen Selbstreflexionen über Kinderträume, verflossene Jahre und Betrachtungen über das eigene abgetragene Gesicht, dass mit 40 für immer das letzte sein wird. Jetzt geht Hinrichs wieder in den Klagemodus über, konstatiert einen Mangel an Liebe und hebt die Hände gen Himmel. Wie können wir Liebe geben, wenn wir gar nicht mehr wissen, was das ist? Gibt es gar nichts Neues mehr, was noch kommen könnte? Ein leuchtender Strick zeigt sich am Bühnenhintergrund. Nein. Da muss doch noch Wut sein. Aber auch die scheint im Publikum eher abgeflaut. Sind wir tatsächlich alle schon so abgestumpft? In der Sitzsauna geht Hinrichs dann in die innere Kontemplation, spielt Krocket und philosophiert weiter über die Unterschiede zwischen den Menschen, die eigentlich das Bewusstsein anregen sollen, und das Gleichmaß der Eindrücke. Dann möchte er schließlich mit uns in den Himmel über Berlin fliegen. Allein, so sympathisch und nachvollziehbar das alles ist, es fehlt die Dringlichkeit. Hinrichs selbst scheint das zu wissen, und nimmt es sogar billligend in seinen ironischen Unterton mit auf. All den Furor, den er hier anzettelt, nimmt ihm im Publikum so leicht keiner ab. Aus der Klage über die verrinnende Lebenszeit wird ein doppeldeutiges Totschlagen von Zeit. „Eine Idee ist bei uns nur die Verbindung aus zwei Zitaten.“ Die Ironie, die in diesem Satz steckt, trifft Hinrichs hier selbst. Die zündende Idee fehlt ihm leider.

Einmal noch kann sich Fabian Hinrichs zu einer schönen Geschichte aufschwingen, über die großen Missverständnisse zwischen den Menschen, diesen Unterschiedswesen, die immer schon die Frage für die Antwort halten. „Das darf nicht passieren“, und da hat er tatsächlich etwas Wahres gesagt, das sich so mancher Theatermacher hinter den Spiegel klemmen sollte. Dann setzt wieder die Musik ein und Hinrichs träumt von der Sehnsucht, als dem „einzigem normalen Zustand“. Und die bleibt. Am Ende winkt uns der anfänglich so aufgeregte Diskurstarzan Hinrichs noch einmal freundlich und entspannt von seiner Gedankenliane aus zu. „Geht doch.“ scheint er da erleichtert zu denken. „War doch gar nicht so schlimm.“ Oder? Wenn die Sache dann im tristen, kalten Dezember am Berliner HAU rauskommt, braucht er sich vermutlich um Zuspruch zu seinen Thesen keine Sorgen mehr zu machen. Hier und heute gab es schon mal warmen und aufmunternden Applaus.

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Foto: St. B.

Die Zeit schlägt dich tot

Uraufführung
Von und mit Fabian Hinrichs [Berlin]

Musik und Komposition Jakob Ilja
Konzeptionelle Mitarbeit / Raum Jürgen Lehmann
Kostüme Victoria Behr

Jakob Ilja (Gitarre)
Nikko Weidemann (Tasten)
Niels Lorenz (Bass)
Carolina Bigge (Schlagzeug)

Ausführender Produzent Büro Tom Stromberg
Eine Produktion von Berliner Festspiele / Foreign Affairs in Koproduktion mit Hebbel am Ufer / Berlin sowie mit Ringlokschuppen Mülheim, Stadsschouwburg Amsterdam, Le Maillon-Théâtre de Strasbourg und Kaserne Basel

Dauer ca. 1h, keine Pause

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Beim Berliner Festival „Foreign Affairs“ befassen sich drei Performance-Produktionen auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema Afrika und Kolonialismus aus Sicht der westlichen Welt.

Samstag, Oktober 20th, 2012

„Die Welt ist komplex.
Und was komplex ist, kann nicht vereinfacht werden.
Doch es gilt sich in ein Verhältnis zur Welt zu setzen, denn –
was ist unser europäisch-imperialistich geprägtes Verhältnis zu nicht-westlichen Kulturen und Künsten?“
Frie Leysen in der Festivalzeitung „Foreign Affairs“, Berliner Festspiele, Juli 2012

foreign-affairs_ende-sept-2012.jpg Foto: St. B.

Auf diese Frage der Leiterin des Festivals „Foreign Affairs“, das die Berliner Festspiele unter Thomas Oberender anstelle der „spielzeit’europa“ neu installiert haben, will das von ihr kuratierte Programm zwar keine konkreten Antworten geben. Es läd aber alle Besucher zu einem „Clash von Visionen“, zu einer fremden Affäre „mit unserer Zeit und unserer Welt, in Ihrer Stadt“ ein. Das Festival befasst sich verdichtet auf die Zeit eines Monats im gesamten Stadtraum mit ganz speziellen Angelegenheiten wie z.B. Kolonialismus, Konsumismus, Rassismus und noch vielem mehr. 19 Künstler wollten in 22 Produktionen vorwiegend performativer Art sehr differenziert eigene Ansichten zu diesen Themen vorstellen. Zu Beginn des Festivals lag der Schwerpunkt auf dem Verhältnis der westlichen Welt zum afrikanischen Kontinent. Der weiße Südafrikaner Brett Bailey wollte dabei die vorwiegend europäischen Besucher seiner Ausstellungsperformance „Exhibit B“ mit dem Blick auf ihre eigene koloniale Vergangenheit konfrontieren. Die Performer von andcompany&Co. gingen das selbe Thema in ihrem Beitrag „BLACK BISMARCK previsited“ mit ganz anderen Mitteln an. Sie berichteten in einer Art musikalischem Lichtbildervortrag über die speziell deutsche Geschichte des Kolonialismus und deren Fortbestand in unserem täglichen Leben. Die beiden radikalen Performancegruppen Institutet und Nya Rampen um den Regisseur Markus Öhrn versuchten dagegen das Publikum in „We love Africa and Africa loves us“ mit ihren freud’schen Erlöser-Fantasien zu falsch verstandener Entwicklungshilfe zu verstörten. Die Reaktionen auf die einzelnen Produktionen waren sehr verschieden und nicht immer wurden sie wohlwollend aufgenommen. Eins ist ihnen aber bei aller Diversität gemeinsam, der Wille zur Aufklärung und das Angebot weiter darüber im Gespräch zu bleiben.

EXHIBIT B – Theatrale Begegnungen in einer begehbaren Installation von Brett Bailey im Kleinen Wasserspeicher Prenzlauer Berg.

Ausgehend von den ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika veranstalteten Völkerschauen will der südafrikanische Regisseur Brett Bailey den kolonialen Blick der Schaulustigen von damals in seiner begehbaren Installation mit ebenfalls lebenden „Exponaten“ umdrehen und Parallelen zur postkolonialen Gegenwart herstellen. Bailey hat dazu schwarze Performer aus Afrika nach Berlin gebracht und lässt sie in konkret arrangierten „Tableau Vivants“ Szenen der Versklavung und Gewalt im sogenannten Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) darstellen und kombiniert das mit Bildern heutiger Kategorisierung von Asylbewerbern und der unmenschlichen Abschiebepraxis. Der Besucher wird hier einerseits mit der grausamen kolonialen Geschichte Deutschlands konfrontiert und anderseits auf Parallelen in der gegenwärtigen Behandlung von Flüchtlingen in Europa gestoßen. Das soll aufrütteln und ein Bewusstsein für das begangene Unrecht schaffen, wirkt aber in erster Linie beschämend auf den Betrachter. Anscheinend sind die Fotos aus der Kolonialzeit Deutschlands von 1884 bis 1915 immer noch nicht jedem bekannt. Zumindest von der blutigen Niederschlagung des Aufstands der Nama und Herero 1904 könnte der interessierte Europäer aber schon einmal gehört haben. Bailey stellt dann auch deren Leid in den Vordergrund seiner Installation.

Regisseur Brett Bailey brett-bailey_-koen-cobbaert.jpg © Koen Cobbaert

Und so läuft man in den Räumen des kleinen Wasserspeichers dann z.B. an einer Hererofrau vorbei, die hinter Stacheldraht sitzend eine Scherbe in der Hand hält und an die Praxis in deutschen Gefangenenlagern erinnert, in denen toten Afrikanern für wissenschaftliche Untersuchungen die Köpfe abgeschlagen, ausgekocht und mit Scherben ausgeschabt wurden. Ein anderes Bild zeigt eine schwarze Frau an ein Bett gefesselt, die die Besucher durch einen Spiegel anblickt. Andere Afrikaner stehen tatsächlich wie Ausstellungstücke in Museums-Vitrinen. Aufsteller erklären das Dargestellte. Es ist aber immer der eindringliche Blick der Performer, der den weißen Betrachter verunsichern soll und ihn daran erinnert, dass er es wie vor hundert Jahren in den kolonialen „Menschenzoos“ eben mit lebendigen Menschen zu tun hat. Neben der Kolonialgeschichte geht es Bailey aber auch um die heutige Praxis der Behandlung von Flüchtlingen aus Afrika. Und so stehen in der Ausstellung auch sogenannte Readymades mit Schwarzen in heutiger Alltagskleidung, über die man wie in entwürdigenden Fragebögen, Persönliches wie Geschlecht, Alter, Herkunft und Krankheiten erfährt. Ein an einen Flugzeugsitz gefesselt und geknebelter Afrikaner soll an die vielen bei der Abschiebung umgekommenen Asylbewerber erinnern. Der Besucher geht nun die ganze Zeit mit halb gesenktem Kopf und einem Klos im Hals durch die „Ausstellung“ und weiß sich nicht konkret dazu zu verhalten. Man soll sich als Teil der Installation begreifen, bleibt aber eigentümlich hilflos außen vor. Letztendlich sucht man entweder schnell wieder das Weite oder lässt seinen Gefühlen freien Lauf.

So ist Brett Baileys Installation doch wieder nur für rein weiße Betrachter gemacht, um sie zu beschämen. Und das tut sie dann auch sehr effizient, aber eben auch auf sehr einseitige Art und Weise. Ich sah eine junge Frau herzergreifend weinen. Aber was ist damit gekonnt? Man kann das natürlich als den klassisch kathartischen Moment begreifen. Nur worin liegt nun die Schuld dieser Frau? Die Amerikaner haben nach dem zweiten Weltkrieg Bürgern von Weimar (vorrangig NSDAP-Mitglieder) durch das KZ Buchenwald geführt, damit sie sich die Leichenberge selbst vor Ort ansehen können. Das lässt natürlich nicht vergleichen und bei Baileys Installation hat man es auch immer noch mit Kunst zu tun. Auch der Holocaust ist auf verschiedenste Art künstlerisch verarbeitet worden. Trotzdem wirkt er immer noch sehr unterschiedlich in der Wahrnehmung der Menschen nach. Betroffen, und nicht nur im emotionalen Bereich, bleiben davon aber immer alle. Wie stellt sich nun aber der schwarze Mensch in Baileys Installation dar? Doch eben auch wieder nur als Opfer. Im Tableau Vivant kann er seine Geschichte nicht selbst erzählen, er stellt sie lediglich aus. Er ist mit seiner rein körperlichen Anwesenheit nur bedingt gestaltend beteiligt. Das ist vermutlich das Problem, das schwarze Menschen damit haben dürften, dass hier schwarze Afrikaner als Ausstellungsstücke fungieren.

Die von Bailey beabsichtigte Vermischung oder sogar die Umkehr von Objekt und Betrachter kann so nicht wirklich stattfinden. Es fehlt ein diskursives Feedback, eine wirkliche Interaktion zwischen Performer und Betrachter. Es gelingt Bailey eigentlich nur in einem Bild eine scheinbare Interaktion herzustellen. Und zwar in der Installation Dr. Fischers (Eugen Fischer, ein deutscher Mediziner, Anthropologe und „Rassenhygieniker“) Wunderkabinett. Vier schwarze Sänger, deren Köpfe aus Kisten ragen und an abgeschlagene Nama-Häupter erinnern sollen, singen traditionelle Klagelieder, die wie christliche Choräle durch die Räume des Wasserspeichers klingen. Hier erlangen trotz aller Drastik der Darstellung die Opfer ihre Stimme zurück und wirken dadurch stärker als die stummen Mementos. Einige Besucher nehmen vor diesem Bild sogar auf den bereitgestellten Stühlen Platz. Aber auch hier läuft alles wieder auf einer rein emotionalen Ebene ab. Bailey ist für seine Installation aus lebenden „Exponaten“ von schwarzen Aktivisten auf dem Symposium „Stages of Colonialism/Stages of Discomfort“ im Haus der Berliner Festspiele deswegen stark kritisiert worden. Letztendlich ist die Performance zwar gut gemeint und soll im eigentlichen Sinne ja auch aufklärerisch wirken. Baileys Anstoß bleibt aber auf halbem Weg stehen. Zur Aufarbeitung und zum Umgang mit der kolonialen Geschichte aus postkolonialer Sicht genügt das Gezeigte noch nicht.

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BLACK BISMARCK previsited – Ein Lecture-Konzert von und mit andcompany&Co. im Foyer des Hauses der Berliner Festspiele.

Black Bismarck black-bismarck-_-jan-brokofco.jpg © Jan Brokof & Co.

Als Ergänzung zur Installation „Exhibit B“ von Brett Bailey, empfahl es sich die Lese-Performance mit Musik der Gruppe andcompany&Co. im Cinema im oberen Foyer des Festspielhauses in der Schaperstraße zu besuchen. Die Avantgardeperformer, die sich beim Studium der Theaterwissenschaften in Frankfurt/M kennen gelernt haben, plündern hier wie immer den theater- und literaturwissenschaftlichen Fundus und bringen ihre Ergebnisse mit theatralisch-humorvollen Mitteln dem allseits interessierten Publikum nahe. Als besserwisserisch und staubtrocken kann man ihre Performances nicht gerade bezeichnen. Und so wird dann auch in dieser Produktion irgendwann Geistiges in flüssiger Form verabreicht. Ein Tablett mit Gläsern voll Fürst Bismarck Doppelkorn kreist im Publikum. Aufs Korn genommen haben die andco-Performer aber nicht nur den sogenannten „Weißen Revolutionär“ Bismarck, sondern auch das Erbe der deutschen Kolonialzeit, angefangen bei den Kolonialwarenläden über verrückte Afro-Perücken bis zu den obligaten Bismarcktürmen in deutschen Städten und Gemeinden. Die Kolonialbegeisterung in Deutschland kannte seinerzeit keine Grenzen. Der „dunkle Kontinent“ Afrika strahlte eine exotische Faszination auf die Deutschen aus, man konnte sogar in Afrikadörfern in der brandenburgischen Provinz Urlaub machen. Alte Postkarten zeugen bis heute davon.

Zu Beginn ist die Projektionswand hinter den vortragenden andco-Gründern Alexander Karschnia und Sascha Sulimma sowie ihrem belgischen Kollege Joachim Robbrecht noch weiß, wie das unbeschrieben Blatt, das Afrika für die europäischen Kolonialstaaten noch Ende des 19. Jahrhunderts war, bevor sie den Kontinent bei der „Kongo-Konferenz“ 1884-85 in Berlin unter sich aufteilten. Hier dockt die Veranstaltung nahtlos an Brett Baileys „Exhibit B“ an, dessen Bilder ja auch von der Unterdrückung der Nama und Hereros berichten. Wie weit Deutschland aber bis heute diese Zeit verdrängt hat, zeigen die Performer anhand des Suchens nach einem passenden Datum für den Tag der Deutschen Einheit. Das konnte natürlich nicht der 09. November (Reichskristallnacht) sein. Aber auch der 3. Oktober ist belastet als Beginn des Nama-Aufstands in Deutsch-Südwestafrika, oder dem Tag des ersten Starts einer V2 Rakete 1942. Andcompany&Co ziehen so gekonnt einen Bogen von der deutschen Kolonialgeschichte mit Bismarck an der Spitze über den 2. Weltkrieg bis zur deutschen Einheit unter Helmut Kohl. Das Bewusstsein für diese Zusammenhänge und den Kolonialismus überhaupt ist in Deutschland aber immer noch sehr gering. Den Missing Link zur postkolonialen Gegenwart haben andco nun im Begriff der „Critical Whiteness“ ausgemacht, die schon länger wie ein „Gespenst“ in Europa umgeht. Wir „überprivilegierten Unterpigmentierten“ empfinden unser Weissein eben immer noch als unmarkierte Normalität. Darauf aufbauend hauen andco uns alle möglichen schwarz-weiß-Begrifflichkeiten um die Ohren. Dazu werden jede Menge Afrika-Klischees und Voodoozauber mit Phantasiehelmen vorgeführt, eine an Belgisch-Kongo erinnernde Europaflagge gehisst und die passenden Schlagermelodien vom Band a la „Afrika“ von Ingrid Peters gespielt.

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Joachim Robbrecht, Alexander Karschnia und Sascha Sulimma zu Beginn ihres Lecture-Konzert vor noch „weißer“ Leinwand. Bühne: Jan Brokof&Co.

Besonders aber in der Literatur spielt „Weiߓ als Symbol eine große Rolle. So zündet der Held in Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow (1973, dt. Die Enden der Parabel) Weissmann eine V2-Rakete oder im Film „Ghostbusters“ läuft das riesige Marshmallow-Männchen Stay Puft als „Kolonialer Albtraum“ aus Zucker und Gummi durch New York. Vor allem schöpfen und zitieren die Performer aber auch aus dem bemerkenswerten Essayband „Playing in the Dark. Whiteness and Literary Imagination“ (1992, auf deutsch „Im Dunkeln Spielen“, 1994 bei Rowohlt) der schwarzen amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Tony Morrison, deren Theaterstück „Desdemona“ Peter Sellars im November 2011 bei der spielzeit’europa in Berlin aufführte. Anhand bekannter Romane von Edgar Allan Poe, Herman Melville, Nathaniel Hawthorne (alles Vertreter der „amerikanischen dunklen Romantik“) oder auch Mark Twain und Ernest Hemingway untersuchte sie die weiße amerikanische Literatur auf ihren romantisierenden „Afrikanismus“ und die benutzte Symbolik. Besonders Melvilles „Moby Dick“ (Der weiße Wal) und Poes „The Narrative of Arthur Gordon Pym“ (Der Bericht des Arthur Gordon Pym) beziehen ihre faszinierenden Imaginationen aus der Beschreibung des Unterschieds von weiß und schwarz, hell und dunkel. So fährt Pym mit seinem Kameraden Peters und dem gefangenen schwarzen Eingeborenen Nu-Nu am Ende des Romans auf einem Kanu über einen milchigen Ozean in eine weiße Wand, hinter der eine Gestalt eines Mannes, mit einer Hautfarbe von makellosem Weiß wie Schnee, vor ihnen auftaucht.

Die Black-Bismarck-previsited-Vorstellung von andcompany&Co will auf eine ganz andere Art als Brett Baileys „Exhibit B“ aufklären. Sie vermittelt nicht nur Wissen, sondern verarbeitet dieses auch in der Performance. Das ist sicherlich künstlerisch noch nicht im Detail ausgereift. Die Macher arbeiten ja noch daran. Aber das Ganze kann theatral und politisch auch als ein interessanter Beitrag zur momentanen Blackface-Debatte gesehen werden, weil hier der Brückenschlag aus der Geschichte ins postkoloniale Heute nachvollziehbar gelingt, auch ohne krasse Schockbilder. Das Publikum fühlt sich hier mitgenommen und nicht abgeschreckt, was leider auch noch oft genug, wie im Fall Baileys durch die wenig differenzierten und damit nicht besonders hilfreichen Anfeindungen der Bühnenwatch-Aktivisten verstärkt wird. Die fertige Produktion von „Black Bismarck“ soll 2013 im HAU gezeigt werden.

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We love Africa and Africa loves us – Ein postkolonialer Albtraum mit Institutet und Nya Rampen im Ballhaus Ost. Regie und Bühne: Marcus Öhrn

Wieder ganz anders gehen die skandinavischen Performer von Institutet und Nya Rampen um den schwedischen Künstler Marcus Öhrn mit dem Thema Postkolonialismus um. Obwohl auch Schweden eine koloniale Vergangenheit in Afrika und Amerika hat, die allerdings bereits im 19. Jahrhundert endete, zeigen sich die Performer in ihrer Produktion „We love Africa and Africa loves us“ davon eher unbelastet. Ihnen geht es auch mehr um den alltäglichen Rassismus, der sich hier wie selbstverständlich aus der eigenen Psyche entwickelt. Zu Beginn sitzen die vier Mitglieder der Familie Fritzl, die wir bereits 2010 am Ballhaus Ost im preisgekrönten „Conte d’Amour“ kennen gelernt haben, friedlich auf dem häuslichen Sofa in einer Pose, die Normalität heischen will. Aber der Keller hat seine tiefenpsychologischen Spuren hinterlassen. Zum Teil nervtötende Störgeräusche und pure Langeweile künden von den schlummernden Trieben. Die Performance spielt sich wieder in einem großen Kasten mit vorgelagertem Gartenzaun ab. Die Bilder aus dem Inneren werden auf die Vorderseite des Kastens übertragen. Mit viel Trockeneisnebel und düsterer Musik kündigt sich das kommende Geschehen an. Aus dem Keller entronnen, hat sich die Familie dem Oberhaupt mehr und mehr entfremdet, obwohl Daddy weiterhin versucht die Vormachtstellung zu behaupten. Es gelingt ihm aber nurmehr mittels der Erniedrigung seines Sohnes und einem vorgeschnallten Penis. Die Familie vom Jüngsten bis zum Familienvorstand macht hier wieder die verschieden Phasen der Freudschen Fixierungen durch. Anus privat, Phallus öffentlich. „Mein Körper gehört mir.“ versucht der Sohn sich zu positionieren. Es werden ungelöste Vater-Sohn-Konflikte, Macht- und Rollenspiele ausgelebt. Analphilosophisches wechselt sich mit sexistischem und schwulenfeindlichem Vokabular ab.

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Noch ist der Familie Fritzl fad. Die Performer Elmer Bäck, Anders Carlsson, Jakob Öhrman und Rasmus Slätis auf dem Familiensofa. © Markus Öhrn

Die Allmachtsphantasien der europäischen Kernfamilie wenden sich aber bald einem anderen Thema zu. Der „dunkle Kontinent“ regt die Phantasien des Vaters neu an und er verschwindet wieder im Keller. Familie Fritzl projiziert ihre eigenen ungelösten Konflikte auf eine neue, alte Ebene. Der hilfsbedürftige Afrikaner, reduziert auf Puppenkörperteile und exotische Masken, ist nun das Ziel. Dass das so nicht funktionieren kann, ist schnell klar. Der Vater ergeht sich in einem regelrechten Kunstblutrausch der wiedergefundenen Potenz, während die restliche Familie andächtig in Popsongs schwelgt. Die Nachahmungsversuche des Sohns enden wie oberhalb des Kellers wieder am dominanten Vater, der ihm sein Schwulsein vorwirft und mit den Worten: „Weist Du, was die mit Schwulen in Afrika machen?“ die Sache erledigt. Es wird hier ausgiebig das europäische Helfersyndrom vorgeführt, das sich in Form der Familie Fritzl in verzweifelten Ersatzhandlungen regelrecht pervertiert. Die schwere Musik dient hier einerseits der konkreten Untermalung, anderseits ist sie Mittel zur Kompensation der überbordenden Handlungen. Im abschließenden Song der schwedischen Kultband Broder Daniel „Happy People Never Fantasize“ wird die ausufernde Performance dann mental verarbeitet und wieder auf die trügerische Ebene vermeintlicher Normalität zurückgeführt. Schließlich winden sich die Figuren noch einmal in einem zeitlupenartigen Tempo in verzweifelten Posen, bis sich wieder alles zum Anfang hin zurücknivelliert hat. Was natürlich einerseits das Scheitern des Ausbruchsversuchs zeigt und andererseits aber auch das utopische Unvermögen der Kleinfamilie recht pessimistisch konstatiert.

Zugegeben, der erste Teil über dem Keller zerrt vielleicht etwas an den Nerven. Wer Conte d’Amour gesehen hat, musste sich hier wohl auch zwangsläufig etwas gelangweilt fühlen, bei all der Redundanz der zur Schau gestellten sexuellen Obsessionen und Machtspielchen. Die Entwicklung des einen aus dem anderen Stück heraus erschließt sich aber tatsächlich erst im zweiten Teil im Keller. Da haben aber einige Zuschauer bereits entnervt aufgegeben. Vielleicht haben sie aber auch die ästhetisch etwas ansprechenderen Bilder von Conte d’Amour vermisst. Das Thema war da auch einfach näher an uns dran. Die Performance hatte sogar, wenn es einem nicht all zu abartig vorkam, einen gewissen erlösenden Moment am Ende. Man konnte sich bedingt einfühlen. Es ist natürlich auch der voyeuristische, pornografische Blick jedes Einzelnen, der hier geprüft wird. Die Performer dekonstruieren aber vor allem das zwischenmenschliche Verhalten aus der Sicht der Sexualität heraus – Freud´sche Verhaltensmuster eben – und projizieren das auf die sogenannte Kernfamilie. Es bedarf dazu vielleicht nicht einmal Freud oder Fritzl, um das nachvollziehen zu können. Alles in allem gerät der zweite Teil im Keller etwas zu pathetisch. Man hat tatsächlich das Gefühl, hier sind den Performern nicht mehr genug Bilder eingefallen, für das, was sie eigentlich zeigen wollen und was sich auch, wenn man das Interview im Programmheft liest, ganz gut nachvollziehen lässt. Es wirkt aber zum Thema Afrika leider wie eine etwas verkrampfte Auftragsarbeit, die den Adressaten nicht ganz erreicht. Künstlerisch ist der Abend dennoch ein Erlebnis. Das perfekte Zusammenspiel der Masken und Körper mit dem Bühnenbild und der Musik fasziniert schon. Vor allem ist das Können der Performer einfach große Klasse. Man sieht schon, dass sie es ernst meinen und nicht nur sinnlos provozieren wollen.

Natürlich bleibt das alles weißes Theater für weißes Publikum. Es gibt kaum einen Beitrag, außer besagtem von Brett Bailey, der direkt aus Afrika kommt und somit auch ein schwarzes Publikum ansprechen würde. Das dieses Publikum sich unterrepräsentiert und falsch dargestellt fühlt, obwohl bekannt ist, dass auch in Europa die Zahl der schwarzen Bürger nicht nur aufgrund der kolonialen Geschichte wächst, bleibt ein Problem des etablierten, vorherrschend weißen Theaters in Europa. Nun ist Kolonialismus, abgesehen von der Sklaverei, kein rein afrikanisches Phänomen. Asien und Amerika sind genauso betroffen. Die Festivalleitung muss sich aber dennoch vorwerfen lassen, wenn sie Kolonialismus als Thema setzt und vorher behauptet, Europa ist nicht mehr genug, dass schwarze Positionen hier einfach fehlen. Da besteht dann leider auch die Gefahr, dass das Ganze eher zu einer weißen Nabelschau wird.

„Wenn ich mich mit anderen Gegenständen und Betrachtungen befassen will, dann muß ich mindestens darauf achten, daß ich dabei keinem anderen auf dem Rücken sitze.“
Henry David Thoreau (12.07.1817 – 06.051862) in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“, deutsch von Walter E. Richartz, Zürich 2004

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foreign-affairs_mobile-house.jpg Foto: St. B.

Marino Formentis 24-Stunden-Klavierperformance „nowhere“ fand vom 28.09. bis  20.10.12 in Kyohei Sakaguchis „Mobile House“ vor dem Haus der Berliner Festspiele statt. Wer wollte, konnte sich nach dem thematisch zum Teil schweren Programm hier wieder erden lassen.

Das Programm von „Foreign Affairs läuft noch bis zum 26.10.2012.

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Festivalsommer 2012 (Schluss): Eine „Große Weltausstellung“ zum Abschied und ein kleiner Ausblick in die Zukunft der performativen Kunstformen in Berlin

Donnerstag, August 30th, 2012

„The World Is Not Fair“ oder Performative Kunst in prekären Zeiten. – Die Große Weltausstellung des Berliner HAU fand im Juni auf dem Tempelhofer Feld zum Ende der Ära Matthias Lilienthal statt.

„Berlin hätte es bitter nötig, über kulturelle Institutionen der Zukunft nachzudenken. Der Stadt ist zehn Jahre lang aufgrund der Mietsituation und der Stiftungen vieles in den Schoß gefallen. Aber die soziale Basis davon wird in den nächsten Jahren unweigerlich wegbrechen. Da fände ich es sinnvoll, neue Räume zu schaffen, die sich nicht mehr klar den einzelnen Kunstgenres zuordnen lassen. Ich würde ja den Hangar in Tempelhof vorschlagen, da könnte man so ein Performance-Zentrum mit zwölf Räumen hinsetzen.“ Matthias Lilienthal im Tagesspiegel-Interview vom 04.05.2012

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Foto: Kevin Slavin unter CC-Lizens auf flickr.com

Neun Jahre hat Matthias Lilienthal nun das Berliner HAU geleitet, hat Theater gemacht für die Stadt mit Themen der Stadt, hat den freien Gruppen eine Plattform geboten, für die Finanzierung der Projekte gesorgt und verschiedenste Kunstformen unter einem Dach vereint. Der Kunstvisionär Lilienthal hat die drei Spielstätten HAU 1, 2 und 3 zu einem gut funktionierenden „Theaterkombinat“ und Versuchslabor für neue Formate jenseits der festgefahrenen Stadttheaterstrukturen zusammengeschweißt. Im Juni ging er nun noch einmal, wie schon oft vorher, mitten hinein in die Stadt, setzte sich fest auf dem weiten Feld und entdeckte das brachliegende, ungenutzte Potenzial am Rande der City als neuen Raum für performative Kunst, bevor es die üblichen Investoren okkupieren werden. Der ehemalige Flughafen Berlin-Tempelhof scheint geradezu prädestiniert als Bühne für die Zusammenführung alternativer Architektur, Kunst und gesellschaftlichem Diskurs. Der geschichtsträchtige lokale Ort als Tor zur Welt. Das „launische, trashige Dorf“ der Theaterschaffenden und langjährigen Mitstreiter Lilienthals versammelte sich hier und gab sich zum Schluss noch einmal als „Große Weltausstellung“.

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Check ein in die Große Welt im spartenübergreifenden Kleinformat!

15 Pavillons wurden dafür in Zusammenarbeit der Künstler mit den Architekten des Büros „raumlaborberlin“ weiträumig über das Tempelhofer Feld verteilt. Einige der kleineren duckten sich dicht an die Grasnarbe, andere sah man schon von weit her über das Feld leuchten, signalfarben rot-weiß gestreift. Hier wo die Feldlerche sich einen geschützten Raum zum Brüten zurückerobert hat, gesellte sich zu ihr eine weitere seltene und schützenswerte Spezies, der freie Künstler jenseits des rundumgeförderten Theaterbetriebs. Matthias Lilienthal stellte ihm hier im Rahmen seiner Quer- und spartenübergreifenden Kunstförderung noch einmal ein natürliches Biotop zur Verfügung, eine fast unbegrenzte Spielwiese, die zur freien, kreativen Entfaltung einlud. Zu einfach sollten es dabei aber weder die Künstlern selbst noch deren potentielle Rezipienten haben, die sich, wollten sie den gesamten Kunstparkcour absolvieren, wohl oder übel auf ein Fahrrad setzen mussten.

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Imaginäre Inseln der Kunst. Kleine Utopien auf dem weiten Feld der Großen Weltausstellung.

Wind und Wetter trotzend, machte sich dann auch so manch williger Besucher auf den recht beschwerlichen Weg zum uneingeschränkten Kunstgenuss, der dem aufnahmebereiten Kunstinteressierten für gewöhnlich ja nicht ganz unbekannt sein dürfte. Und auch dem freien Künstlern blasen hin und wieder raue Winde ins Gesicht, ähnlich denen, die bisweilen über das offene Gelände des Tempelhofer Felds fegen und auf den Rollbahnen eher zum sportlichen Kiteboarding einladen, als zum kreativen Kommunizieren mit dem vorüberziehenden Volk. Die sonst eher starre Beziehung zwischen aktivem Kunstproduzenten und normalerweise passivem Konsumenten wurde auf diesem Wege nicht nur auf ironische Weise aufgebrochen, sondern entwickelte dabei auch eine ganz eigene Art von Dynamik.

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„Double Shooting“

Was für die eine oder andere Seite nun im Einzelnen dabei heraus gekommen ist, lässt sich wie immer nur schwer beziffern. Allein die breite Mischung der Kunstsparten bot letztendlich für Jeden etwas, ganz unabhängig von Geschmack und Erwartung. Neben den erwartungsgemäß stark vertretenen Performance-Kollektiven gab es vor allem einige bemerkenswerte Installationen zu sehen und auch zu hören, wie die 15minütige Klanginstallation „Farafra“ von Willem De Rooij, für die er Geräusche auf einer Kamelfarm in Ägypten aufgenommen und zu einer eindrucksvollen Komposition verdichtet hat. Oder die Foto-Installation des Libanesen Rabih Mroué „Double Shooting“, die in 72 Einzelaufnahmen ein Handyvideo eines Demonstranten aus Syrien zeigte, der seine eigen Erschießung filmte. Man konnte einen 42 Meter langen Tunnel-Gang neben den Aufnahmen entlang laufen, und so die letzten 18 Sekunden des Filmers nacherleben. Mit der politischen und militärischen Vergangenheit des Tempelhofer Flughafens beschäftigte sich die Installation des Dokumentartheatermachers Hans-Werner Kroesinger „Feldpost 2012“ in einem ehemaligen Antennengebäude inmitten des Flugfeldes.

hans-werner-kroesinger.jpg „Feldpost 2012“
Hans-Werner Kroesingers Klanginstallation in einem Antennengebäude des Flughafens.

Neben aktuellpolitischen Beiträgen und Einblicken in die Geschichte des Flughafens selbst wurde aber auch die Geschichte der Internationalen Weltausstellungen insgesamt reflektiert. Von den Anfängen die noch nach dem Prinzip der exotischen Menschenzoos konzipiert waren (Klanginstallation von Willem De Rooij), spannte sich der Bogen bis ins Heute. Im Pavillon des Künstlers Erik Göngrich wurde die architektonische Gigantomanie dieser Großevents auf einer überdimensionalen Zeichnung dokumentiert . Einige Workshops und Diskussionsrunden beschäftigten sich daher auch mit moderner alternativer Stadtentwicklung unter Einbeziehung der gewachsenen Strukturen. Besitzt doch das Tempelhofer Feld als Ort der Weltausstellung selbst ein riesiges Entwicklungspotential, über das nach wie vor gestritten wird. Einen Vorschlag für eine Künstlersiedlung, die man sich durchaus gut am Ort der Ausstellung vorstellen könnte, unterbreitete die Berliner Künstlergruppe Dellbrügge & De Moll mit ihrem „Camp der Renegaten“. Eine kreative Heimstatt für Künstler im Ruhestand, deren Zahl in Berlin wohl stetig anwachsen wird. Gedanken zur Finanzierung des Projektes konnten im Innern des Jurtenähnlichen Pavillons schriftlich an den Wände dargelegt werden.

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Das leidige Geldproblem. „Wie finanziert wir das Ganze?“ fragen Dellbrügge & De Moll im „Camp der Renegaten“.

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Keine einfachen Laiendarsteller, Tracey Rose aus Südafrika.

Von den Performern seien hier beispielhaft drei Gruppen genannt. Zuerst die Südafrikanerin Tracey Rose mit ihrer Truppe, die in einer Nachbildung eines alten S/W-Fernsehers eine Daily Soap in Form einer Minstrel-Show spielten. Ihre Performance gab der Weltausstellung den Namen: „The World Is Not Fair“. Der japanische Regisseur Toshiki Okada stellte in seiner Performance „Unable To See“ die Katastrophe von Fukushima in den Mittelpunkt. Die Zuschauer folgten den beiden Performern, die sich vorab Schutzanzüge überstreiften in das Innere des nachgestellten Reaktorblocks und erhielten so einen imaginären Einblick in eine abstrakte Welt zwischen Katastrophe und Technikgläubigkeit. In aller Ruhe wurden kontaminiertes Kühlwasser mit den Gummistiefeln geschöpft und dem Publikum die Brennstäbe wie Heiligenschreine präsentiert. Die technikgewohnten Japaner haben eine ganz einfache Erklärung für unsere Bedenken gegen die Atomkraft: „Je weiter entfernt die Menschen sind, desto größer ist ihre Angst.“ Nebenbei war noch zu erfahren, dass der Strom zur Weltausstellung 1970 in Osaka aus dem damals noch zukunftstträchtigen Fukushima stammte.

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Toshiki Okadas Performance „Unable To See“ für die der Reaktor aus Fukushima in Tempelhof nachgebildet wurde.

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Einen der interessantesten Pavillions hatten mit Sicherheit das Theaterkollektiv Andcompany & Co. In ihrem World Freud Centerkonnte sich der im realen Leben geschundene Künstler auf die Couch legen oder in einer Perormance mit Tatiana Saphir (DJ Obstsalat) und Santiago Blaum hemmungslos dem Mammon frönen, in einem Kunstexorzismus nach ganz spezieller Andcompany-Art mit den typischen selbstgebastelten Schildern, Sprechblasen und bunten Requisiten. Aus dem geschützten Ei seines Künstlerdaseins geschlüpft, fällt der Protagonist in die Welt des Kommerz und Konsums in der es immer wieder heißt: „Es gibt kein Budget für Dich.“ Andcompany aber weisen in fast religiösem Eifer einen Ausweg auf die Kehrseite der Welt ins gelobte Land. Die Truppe wird dem HAU weiter erhalten bleiben, man probt gerade wieder an neuen Stücken, u.a. an „Der (kommende) Aufstand“ nach Friedrich Schiller. Beim Festival „Foreign Affairs“ kann man am 03.10.12 eine erste Kostprobe ihrer Performance „Black Bismarck“, die 2013 im HAU gezeigt wird, im Haus der Berliner Festspiele sehen. Interdisziplinär heißt auch das Zauberwort der Stunde bei dem im September und Oktober stattfindenden Festival „Foreign Affairs“. Zu den vielschichtigen Themen Einsamkeit, Kolonialismus, Konsumismus, Ökologie, Rassismus, Manipulation und Erinnerung wird es laut der Kuratorin Frie Leysen einen „Clash von Visionen“ aus Tanz, Film, Bildender Kunst, Architektur, Musik und Performance geben. Das Augenmerk liegt dabei auf der Präsentation von „originalen Kreationen“ und nicht auf der bekannter Vorlagen, wie der neue Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender im Interview mit der Berliner Morgenpost betonte.

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Andcompany & Co. empfingen in ihrem World Freud Center zum musikalisch-performativen Exorzismus.

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Die Nachfolge von Matthias Lilienthal hat nun die Belgierin Annemie Vanackere angetreten. Sie wird im Grunde wohl nichts Wesentliches an der Struktur des HAU verändern, außer das wahrscheinlich die performative Kunst wieder mehr im Vordergrund stehen wird. Die Grenzen hatten sich da in der letzten Zeit immer mehr zu anderen Genres hin verwischt. Diese Weltausstellung ist dafür bestes Beispiel. Vanackere wird u.a. wieder mit den großen Namen der internationalen Tanz- und Performanceszene wie Laurent Chétouane, Anne Teresa de Keersmaeker und Meg Stuart zusammenarbeiten. Ob da aus dem „Es gibt kein Budget für Dich.“ der Performer Andcompany & Co. ein Hoffnung verheißendes „Kreatives künstlerisches Potential gepaart mit innovativen Ideen schafft Dein Budget“ werden kann, wird die kommende Spielzeit ab November am dann frisch renovierten Theaterkombinat HAU zeigen. Auch das Tempelhofer Feld wird weiterhin im Fokus der Theatermacher stehen. Im November zeigt das Gefängnistheater aufBruch hier ihr neues Stück SIMPLICISSIMUS in einer Inszenierung von Peter Atanassow in der Alten Feuerwache des Flughafens Tempelhof. Weitere Kunstausstellungen, die die Weite des Feldes zu nutzen wissen, würden dem Ort aber sicher auch wieder gut zu Gesicht stehen.

tamer-yigit_branka-prlic.jpg Ganz und gar nicht asozial. Das Lager der Performer Tamer Ygit und Branka Prlic.

Ob die Konkurrenz der Freien Szene die behäbigen Stadttheaterkreuzer in Berlin etwas beflügeln kann, wird man spätestens in einem Jahr sehen können, wenn sich 2013 von Anfang Mai bis in den August die Festivals in Berlin sozusagen die Klinke in die Hand drücken. Nach dem Theatertreffen im Mai und den Autorentheatertagen im Juni, bei denen sich die Creme des deutschsprachigen Sprechtheaters und der Gegenwartsdramatik feiern, wird im Juli der bekennende Verächter des konventionellen Stadttheaterbetriebs  Matthias von Hartz mit seiner ersten Version der „Foreign Affairs“ für die Berliner Festspiele ins Rennen gehen. Ihm folgt das bis dahin hoffentlich ebenfalls mit einem erfrischenden Update versehene Festival „Tanz im August“. Spannende Aussichten also für die kommende Theatersaison. Es verspricht wieder etwas farbiger zu werden in der bisweilen grauen Berliner Theaterlandschaft. Der Sommer ist zu Ende, Willkommen in der neuen Spielzeit.

Nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlene Anleitung zum Kunst-Verständnis zu Zeiten von Dada. (Pavillion von Hans-Werner Kroesinger)

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Fotos: St. B.

Video zur Großen Weltausstellung auf Spiegel online

Literatur:
Import Export. Arbeitsbuch zum HAU Berlin
Herausgegeben von Kirsten Hehmeyer und Matthias Pees.
Mit Beiträgen von u.a. Stefanie Carp, Neco Çelik, Carolin Emcke, Barbara Gronau und Joseph Vogl, Pirkko Husemann, Rabih Mroué, Sylvia Sasse und Stefanie Wenner.
Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012, 180 S., 18 Euro
Zur Rezension auf Nachtkritik

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Zwei Klassikeradaptionen von andcompany&Co im Berliner HAU

Sonntag, Januar 9th, 2011

FatzerBraz – andcompany&Co versuchen sich den heiligen Bertolt Brecht einzuverleiben

Bereits Ende Oktober des letzten Jahres gastierten andcompany&Co und einige brasilianische Mitstreiter mit einer Version von Brechts „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ im HAU 3. Die Inszenierung hatte auf dem Theaterfestival in Sao Paulo im August Premiere und ist eine Annäherung an das Prinzip der brasilianischen „Anthropophagia“ der „Verspeisung des heiligen Feindes“ nach dem Manifesto Antropófago (1928) von Oswaldo de Andrades, um sich durch auffressen und verdauen die kreative Energie des Gegners anzueignen und diese selbst wiederum kreativ zu nutzen.
Die Frage nach dem Fressen und der leidigen Moral hat ja in Brechts Texten eine gewisse Bedeutung und so liegt es nahe, den eigensinnigen Fatzer mit den brasilianischen Urmythen wie der des „Macunaima“ des Schriftstellers Mario de Andrades kurzzuschließen. In Südamerika sind ja die Revolutionäre reinste Volkshelden und so tragen die Protagonisten zu südamerikanischen Klängen Masken von Che Guevara, Ulrike Meinhof, brasilianischen Stars und Sternchen sowie Angela Merkel, Bastian Schweinsteiger und natürlich Brecht selbst vor sich her.
Die von den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges desertierte Panzerbesatzung sitzt zu Beginn in einem grünen Planenmonstrum aus dem Arme, Beine und Köpfe herausschauen können. Ansonsten erinnert hier nicht sehr viel an den eigentlichen Ort das Geschehens, die Stadt Mühlheim. Alles wirkt eher sehr exotisch mit Palmen und Tiermasken. Das ist alles sehr erfrischend und lustig anzusehen, letztendlich können andcompany&Co dem Stoff aber nicht viel neues abgewinnen. Der Egoist Fatzer geht den vorbestimmten Weg, weg von den revolutionären Plänen hin zu den Fleischtöpfen. Den Kameraden in ihrem Pappkartonkellerloch hängt er Knochen und Würste vor die Nase. Am Ende verschwindet Fatzer in einem großen Pappmachemaul, leicht verdauliche Kost ohne lästiges Sodbrennen.

Lauter Vater-Sohn-Traumata in teutschen Landen – Die Bearbeitung des „Pandämonium Germanicum“ der andcompany&Co ist nicht bloß eine lenz’sche Eseley

Wer die Szenische Skizze in drei Akten von Jakob Michael Reinhold Lenz, 1775 entstanden, aufführen will, muss dafür schon einen triftigen Grund haben. Vor allem füllt das Stück keinen ganzen Abend. Deshalb schließen die Akteure von andcompany&Co den Goethe-Apologeten Lenz mit einem anderen Möchtegern-Künstler kurz, dem 68er Rausch- und „Reise“-Autor Bernward Vesper, Ex-Geliebter der RAF-Aktivistin Gudrun Ensslin. Vesper hatte an seinem Übervater und Nazidichter Will Vesper zu leiden und sich in seinem Werk versucht von ihm zu emanzipieren. Lenz versuchte mit seiner Satire „Pandämonium Germanicum“ Goethe auf einen Berg zu heben und die Nachahmer von französischen und englischen Vorbildern als Philister zu geißeln. Die Journaille kommt dabei auch nicht gut weg. In einem Tempel des Ruhms treffen alle aufeinander, um letztendlich verspottet zu werden und in Goethe und Lenz die Vorkämpfer des neuen Dramas zu sehen.
Bei andcompany&Co findet das auf einer Bühne mit rotem Vorhang und in historischen Kostümen statt. Goethe ist eine Frau und Lenz alias Vesper ist Maler im Blaumann und um Eigenständigkeit bemüht. Es gibt Bücher so groß, das man in ihnen verschwinden kann und unter ihnen begraben wird. Das Licht wird an und aus geknipst, die Vorbilder aus Kunst, Kultur und Politik tanzen wie in einem Horrortrip durch 200 Jahre Reliquienverehrung mit Figuren wie Shakespeare, Goethe, Schiller, Kleist, Wieland, Lessing, Kafka, Hitler, Bader, Enslin und Vesper an uns vorbei.
Haben andcompany&Co in Fatzerbraz beim Versuch sich Brecht einzuverleiben, den Klassiker noch fast unverdaut wiedergekäut, so entwickeln sie beim durch den Zitat-Wolf drehen von J M R Lenz und all seiner neuzeitlichen Pendanten ein gewaltiges Assoziationsfeuerwerk. Nach dem Motto Handeln, Handeln, Handeln ziehen andcompany&Co hier kongenial Parallelen durch die deutsche Geschichte und schlagen den Bogen der deutschen Heldenverehrung und deren Vaterfiguren vom Sturm und Drang und der Weimarer Klassik über Nationalsozialismus, 68er Generation RAF und deutschem Herbst bis ins Heute. Nur gibt es sie eben nicht mehr diese Überväter und verhinderten Söhne. Jetzt sind alle nur noch Nachahmer und 15 min. Berühmtheiten? Jeder der sich auf eine Bühne stellt, ist gezwungen, das Rad ständig neu zu erfinden, das hat so ähnlich auch schon Rene Pollesch im Perfekten Tag festgestellt.
Andcompany&Co parodieren das bis hin zu Peymann-, Meese-, Bleibtreu- oder Schlingesiefverweisen mit ALS-Quiz. Man muss das Rad nicht mehr neu erfinden, es ist alles schon mal da gewesen und wartet nur auf seine Reproduktion. Lenz`ens Albtraum des sich vom Vorbild befreienden Kunstwerks dient hier nur als Aufhänger für eine wunderbare Eseley des schönen Scheins. Gut geskizzen ist manchmal auch wie gemohlt. Übrigens macht das Ganze auch ohne das nötige Insiderwissen Spaß und wem das all zu süßlich gerät, man muss ja die Bonbons nicht annehmen, wenn man schon zu viel vom Braten genossen hat.