Archive for the ‘Andreas Kriegenburg’ Category

Ein Käfig ging einen Vogel suchen – Am Deutschen Theater Berlin schickt Andreas Kriegenburg den deutschen Kleinbürger mit Kafka auf die schiefe Ebene

Mittwoch, Februar 17th, 2016

___

Foto: DT-Schaukasten

Foto: DT-Schaukasten

Die Interpretation der Erzählungen und Romanfragmente des Schriftstellers Franz Kafka sind ein weites Feld, das gerade auch am Theater sehr gern beackert wird. Und dabei kann man schon mal auf die schiefe Ebene geraten. „Jeder Satz spricht: deute mich, und keiner will es dulden.“ ist daher eine recht passende Feststellung von Theodor W. Adorno zu Kafkas Werk. Regisseur Andreas Kriegenburg, der bereits in einer Bühnenadaption von Kafkas Prozess 2008 an den Münchner Kammerspielen die Welt eines normalen Kleinbürgers auf einer kippbaren Scheibe rotieren ließ, erschafft auch in seiner neuen Inszenierung verschiedener Kafka-Erzählungen am Deutschen Theater Berlin einen ineinander verschachtelten Bau aus kistenartigen Wohnräumen mit schiefen Böden und Wänden, die die Schwerkraft zum entscheidenden Mitspieler werden lassen.

Die Welt des Kleinbürgers aus den Angeln zu heben, vermögen die Erzählungen Franz Kafkas sicher nicht. Sie lassen aber dessen Gewissheiten oft gefährlich ins Wanken geraten. Kafka spielt dabei mit diffusen Ängsten und klaustrophoben, scheinbar ausweglosen Zuständen, die die Protagonisten schicksalhaft anziehen und an denen sie schließlich verzweifeln und scheitern müssen. So auch in zweien seiner Schlüsselerzählungen Der Bau und Blumfeld, eine älterer Junggeselle, die Andreas Kriegenburg in seinem schiefen Kistenbühnenbild ineinander verschränkt. Das Klaustrophobe mit dem Absurden verbinden will dieser Abend gleichermaßen wie er auch den Einbruch des Irrationalen in die alltägliche Realität seiner Protagonisten beschreibt.

*

Ein Käfig ging einen Vogel suchen ist einer der schönen, absurden und sogenannten „kafkaesken“ Aphorismen, die der Schriftsteller im Laufe der Jahre neben seinen zahlreichen Prosawerken zusammengetragen hat und der jetzt den gleichlautenden Titel für Kriegenburgs Exkurs zur komischen Seite Kafkas gibt. Über den „lachenden Kafka“ im Gegensatz zum doch meist eher düster empfundenen ist viel diskutiert worden. Fakt ist, dass Kafka besonders mit der Erzählung Blumfeld, ein älterer Junggeselle eine tragikomische Slapstick-Figur geschaffen hat. Natürlich kann man sich Vieles aus der Besonderheit von Kafkas Biografie und seiner oft schwierigen Psyche zusammenreimen. An der absurden Komik dieser Erzählung, die natürlich auch selbstironische, autobiografische Züge trägt, wird man nicht vorbeikommen.

(C) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

Kriegenburg überführt Kafkas Einzelgänger ins Universelle. Gemäß der Kurzparabel Gemeinschaft gibt es hier gleich fünf Blumfelds (Elias Arens, Moritz Grove, Bernd Moss, Jörg Pose und Natali Seelig), die sich allerdings Anton Blumenfeld nennen, aber genauso gut Müller, Meier, Schulze heißen könnten. Ausstatterin Andrea Schraad hat alle mit Halbmaske, Brille, Anzug und Aktentasche gleichgeschaltet. Otto-Normalbürger, die lieber unter sich bleiben wollen, aber plötzlich aus dem alltäglichen Trott ins Chaos gestürzt werden. Kriegenburg übersetzt das in entsprechend chaotische Wimmelbilder mit schrägen Hängepartien im Bühnenbild, zu denen Nele Rosetz die Texte spricht. Erster Höhepunkt des Abends ist aber mit Sicherheit die Schilderung der Bemühungen von Blumfeld, die daheim vorgefundenen, auf- und abspringenden Zelluloidbälle unter Kontrolle zu bringen. Laura Goldfarb und Lisa Quarg tragen das als doppeltes Lottchen im Stil einer Sportreportage vor.

Es fällt einem zunächst etwas schwer, sich auf den Text zu konzentrieren. Verunsicherung ist Programm an diesem Abend. Denn auch in der ebenso surrealen Erzählung Der Bau, in der ein nicht näher definiertes Tier die Vorzüge seines gut getarnten, unterirdischen Heims mit Gängen und Kammern anpreist, geht es um schwindende Sicherheiten und eine wachsende Paranoia. Den Text sprechen alle abwechselnd in einem ähnlich forcierten, ironischen Tonfall wie zuvor den Blumfeld. Der zu neuer Leichtigkeit gefundene Regisseur Kriegenburg erweist sich einmal mehr als Meister des inszenierten Slapsticks, der vom höchst konzentriert spielenden Ensemble mit erstaunlicher Präzision beim Frühstücken, Krawattenbinden und Turnen am Zimmermobiliar zelebriert wird.

Und noch weitere kurze Kafka-Texte finden Eingang in die Inszenierung und geben dem Abend letztendlich sogar eine ganz konkrete Richtung in die heutige Zeit. Aus dem Radio sind nicht nur Meldungen über schlechtes Wetter, sondern auch von Flüchtlingen zu hören. Übersetzt ins Kafka-Vokabular erzeugt die Veränderung der Welt die verschiedensten Ängste und Vorurteile sowie ein ständiges Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlusts. Und das gilt natürlich im Umkehrschluss nicht nur für Kafkas Figuren. In der Tierparabel Schakale und Araber wird das ziemlich deutlich. Eine relativ widersprüchliche Geschichte, in der Kafka seine innere Zerrissenheit gegenüber dem Judentum höchst symbolhaft thematisiert. Man müsste sie allerdings hier noch etwas negativer deuten.

Noch problematischer wirkt da die Einflechtung der Erzählung Ein altes Blatt, in der die Machtlosigkeit eines Kaisers gegenüber fremden Nomaden, die eine Stadt belagern, beschrieben wird. Als verängstigtes Volk lässt Kriegenburg seine fünf Blumenfelds sich verzweifelt ans Interieur klammen, während sie von den beiden Friedas, die zu regelrechten Furien mutieren, bedrängt werden. Die Unruhe der Figuren, das immer wieder Abrutschen an der schiefen Ebene entbehrt natürlich nicht einer gewissen Komik und Ironie. Das Gefühl der inneren Sicherheit geht ja auch dem Bau-Verteidiger irgendwann flöten. Nur resultiert dies ja bekanntlich aus einer eingebildeten Gefahr.

Wenn allerdings die Messer gewetzt und Abwehrwaffen gebastelt werden, kippt die Inszenierung vollends ins Paranoide und gibt die Stimmung in Teilen des Volkes – man summt auch mal die Melodie des Deutschlandlieds – durchaus recht drastisch wieder. Bei all dem momentanen Abschottungswahn will diese Inszenierung vielleicht ein Möglichkeitsraum sein, die Paranoia wegzulachen. Ein humorvoller Hoffnungsschimmer durch die Lücken der kafkaesken chinesischen Mauer, mit deren Bau die Länder Europas gerade den inneren Zusammenhalt erzwingen wollen.

***

Ein Käfig ging einen Vogel suchen
von Franz Kafka
Regie / Bühne: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad, Dramaturgie: Juliane Koepp
Mit: Elias Arens, Laura Goldfarb, Moritz Grove, Bernd Moss, Jörg Pose, Nele Rosetz, Natali Seelig, Lisa Quarg
Premiere war am 13. Februar 2016 im Deutschen Theater
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Termine: 18.02. / 13. und 16.03.2016

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 15.02.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Lessing, bitte!? – Andreas Kriegenburg inszeniert den NATHAN am Deutschen Theater Berlin als Toleranz-Comic mit Matsch und Lattenzaun.

Donnerstag, September 3rd, 2015

___

Der Mensch hat im Lauf der Weltgeschichte nach unzähligen Kriegen, Revolutionen, der Aufklärung, fortschreitender Säkularisierung und Kommerzialisierung seinen Glauben verloren. Spätestens seit Nietzsche ist Gott tot und der Himmel leer. So nennt sich dann auch das neue Spielzeitmotto am Deutschen Theater „Der leere Himmel“. Was an die Stelle Gottes getreten ist, werden nun die von der Berliner Traditionsbühne des guten Bildungsbürgertums beauftragten Theaterschaffenden eine Spielzeit lang in über 20 neuen Inszenierungen untersuchen. Stück der Stunde dürfte dabei zweifellos das von Gotthold Ephraim Lessing 1779 geschriebene Dramatische Gedicht Nathan der Weise sein, das immer dann auf den Spielplänen steht, wenn Vernunft, Toleranz und Humanismus in einer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft in Gefahr geraten. Der Streit um die richtige Religion vermischt sich auch heute angesichts von Terror, Flucht und Verfolgung wieder mit jeder Menge Populismus, nationalistischen Ressentiments und blankem Fremdenhass.

 

Der Himmel ist leer in der neuen Spielzeit am DT - Foto: St. B.

Der Himmel ist leer in der neuen Spielzeit am DT – Foto: St. B.

 

Lessings verbarg seine Religionskritik im Gewand eines utopisch anmutenden Lehrstücks über Toleranz. Der Jude Nathan, dessen Familie in der Zeit der Jerusalemer Kreuzzüge von Christen ermordet wurde, zieht ein christliches Mädchen auf, das wiederum bei einem Brand von einem deutschen Tempelherrn gerettet wird. Dieser war vom Sultan Saladin wegen einer Ähnlichkeit zu dessen verschollenem Bruder begnadigt worden. Nach einigen Irrungen und Wirrungen liegen sich am Ende alle mehr oder weniger miteinander verwandt in den Armen. Herzstück von Lessings Nathan ist die Ringparabel, deren Interpretation zum heiligen Bildungskanon des deutschen Literaturunterrichts gehört. Nur kurz zum allbekannten Fazit: So wie sich ein Ring dem anderen gleicht, lässt sich auch keine der drei Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam der anderen vorziehen. „Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!“ – was im Grunde genommen den Kern von jedweder Toleranz ausmacht.

„Der eingeforderte interkulturelle Dialog zwischen Christentum, Islam und Judentum, basierend auf Vernunft und Humanität, lässt sich heute im Kontext fortschreitender fundamentalistischer Konflikte wie bereits zu Lessings Zeiten, nur wie ein Märchen lesen. Ein Märchen, das dem Strukturprinzip der Komödie folgt.“ So gelesen im Programmheft des Stücks. Regisseur Andreas Kriegenburg will also die Komödie aus dem Nathan kitzeln, und (wie es im Programmheft weiter heißt) „als archaischen Comic“ aufführen, „an dessen Anfang der aus Erde erschaffene Mensch steht.“ Das lässt sich dann so an, dass zu Beginn des Stücks ein von oben bis unten mit Schlamm beschmiertes Adam-und-Eva-Paar in inniger Umarmung liegt, bis es von vier weiteren „Erdmännchen“ getrennt wird. Es beginnt ein zirzensisches Merry-Go-Round-Spiel im Stummfilm-Watschelgang vom unschuldigen Erdenanfang bis in die Konsumgesellschaft mit Marken-Boutiquen-Tüten um einen großen Latten-Kubus, der wohl die einzig gültige Wahrheit zu bergen scheint. Am Ende des kleinen Vorspiels starren dann alle gen Bühnenhimmel und rufen vergeblich nach ihrem Gott. Nur – siehe Motto – der Himmel ist leer.

So weit, so gut und schlüssig. Nur: „Lessing, bitte!“ Gesagt, getan. Zur Brecht‘schen Verfremdung gesellen sich nun noch einige Kleider sowie religiöse Symbole wie Schläfenlocken und Hut, und schon ist Jud. „Is Jud jetzt“ kalauert sich also das Erdmännchen-Sextett in seine Rollenzuschreibungen, die bis auf den Nathan von Jörg Pose auch immer mal gewechselt werden. Distanz, ja. Zweifel, na ja. Schon Nicolas Stemann hat in seiner Nathan-Inszenierung, die vor ein paar Jahren hier als Gastspiel des Hamburger Thalia Theaters lief, ironisch mit Rollenklischees und religiösen Symbolen gespielt, sich den Nathan aber weitestgehend vom Hals gehalten und immer wieder den auf religiösen Terror, Märtyrertum, Pappmaschee-Köpfe der Weltpolitik und den österreichischen Fritzl-Keller eingehenden Text Abraumhalde von Elfriede Jelinek eingeflochten. Kriegenburg belässt es bei ein paar modernisierenden Wortspielereien und Andeutungen wie brennenden Flüchtlingsheimen oder einer Front nationaler Europäer.

Nathan der Weise_DT-SchaukastenWenn der junge Tempelherr (Elias Arens) sein Kreuz beklagt, trägt man ihm sogleich ein selbiges aus Latten an, inklusive Inri-Schild. Nathans Tochter Recha (Nina Gummich) himmelt ihren engelsgleichen Retter wie ein verliebter Teenager an. Das Schachspiel des Sultans Saladin (Bernd Moss) – auch mal Satan Sultanin genannt – mit seiner Schwester Sittha (Julia Nachtmann) wird wie in einer Al Jazeera Sportreportage kommentiert. Und wenn der Patriarch von Jerusalem sein „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt“ von sich gibt, sitzt Natalie Selig im übergroßen Fettsuite auf dem Klo und wühlt in braunen Exkrementen. Grüß Gott, Schalom und Salem aleikum. Das Jerusalem der Kreuzzüge als lustiges „Grußbabel“ mit einer Lattenzaun-Klagemauer, die sich aus dem aufgefächerten Kubus bilden lässt, der auf der Rückseite das Haus des Nathan darstellt. In einer einzigen ernsten und wohl auch ernst gemeinten Szene hat der als guter Märchenonkel vom Kubus herunter dann seinen Ringparabel-Auftritt.

Ansonsten witzelt und kalauert die Inszenierung weiter vor sich hin und bringt in gut 2 ¾ Stunden fast den gesamten Nathan, ohne dass sie wirklich an den Kern des Lessing-Stoffs käme. Das will die Regie wohl auch gar nicht und gibt sich mit der Zurschaustellung von oberflächlicher Symbolik und Klamauk zufrieden. Der Text scheint für Andreas Kriegenburg nur Anlass für Wortwitze, comicartige Bilder und ulkige Figurenzeichnungen geboten zu haben. Eine Hinterfragung des Stücks oder möglicherweise sogar seine kritische zeithistorische Einordnung als Schablone für unsere Gegenwart findet nicht statt. Toleranz als gute Abendunterhaltung. Das ist soweit ganz lustig, tut aber auch mit Sicherheit niemandem weh.

Schon Lessing selbst hielt seinen allzu märchenhaften Plot auf dem Theater für wenig wirksam. Bei Kriegenburg erfolgt nun der Versuch einer Überrumpelung des Publikums mit Spaß und Comedy. Ein ironisch spitzbübisches Wachkitzeln sozusagen, was per se ja nicht total falsch ist, da ein erhobener Zeigefinger in Sachen Aufklärung nur einmal mehr in die Totalermüdung und Schlafstarre führen würde. Davor ist allerdings auch Kriegenburgs andauernde Attacke auf die Lachmuskeln der Zuschauer nicht ganz gefeit. Der treffsichere Humor hält sich auf Dauer in Grenzen und der Erkenntnisgewinn bleibt trotz hinreißendem Schauspiel des sechsköpfigen Ensembles wie immer recht gering. Zum Schluss gibt es auch hier wie in Lessings Original ein wie von Gotteshand gefügtes, wundersames Happy End. Die Kiste zu und alle Fragen offen. Anschließend fordern die Schauspieler in einer wohl von Herbert Fritsch entlehnten Applausordnung mit hochgehaltenem Schild nach Free Hugs. Sie ihnen zu gewähren, wäre wohl eine Spielart von Toleranz.

***

Nathan der Weise
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Andreas Kriegenburg
Bühne: Harald Thor
Kostüme: Andrea Schraad, Cornelia Gloth
Licht: Cornelia Gloth
Dramaturgie: Juliane Koepp.
Mit: Bernd Moss, Julia Nachtmann, Natali Seelig, Elias Arens, Nina Gummich, Jörg Pose.
Premiere am Deutsches Theater Berlin: 30.08.2015
Dauer: ca. 2 Stunden, 50 Minuten, eine Pause
Weitere Termine: 7., 11., 18. + 21. 9. 2015

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 01.09.2015 auf Kultur-Extra.

___________

Am kommenden Wochenende beginnt die neue Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 1: Das Deutsche Theater und Berliner Ensemble

Samstag, August 23rd, 2014

___

Die Spielzeitpause der Berliner Bühnen neigt sich mal wieder dem Ende. Sie wurde für die an Entzug leidenden Theatersüchtigen ganz gut durch Festivals wie den FOREIGN AFFAIRS, dem TANZ IM AUGUST und natürlich wie immer durch luftig lockeres Open-Air-Theater überbrückt. Auch eine willkommene Abwechslung zur Routine des alltäglichen Einerleis an den hochsubventionierten Theaterbühnen Berlins. Womit wir beim ersten Kritikpunkt der letzten Saison an den fünf Stadttheatern angekommen sind. Es gab weder sehr viel Neues noch wirklich Herausragendes in den Spielplänen der hauptstädtischen Bühnen. Berlin ist auch längst keine Theaterhauptstadt mehr, wie man unschwer beim Theatertreffen im Mai feststellen konnte. Wie es um den Berliner Stadttheaterbetrieb bestellt ist, zeigt eine kleine Rückschau auf die zurückliegende und ein Ausblick auf die kommende Spielzeit.

*

Deutsches Theater Berlin. Spielzeit 13/14 - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin. Spielzeit 13/14 – Foto: St. B.

Innehalten hieß es noch zum Abschluss der Spielzeit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in der Schumannstraße. Aber gerade das immer noch als führende Bühne gehandelte DT ist klarer Stadtmeister im Output. Durchschnittlich drei Inszenierungen feiern hier pro Monat ihre Premiere. Die drei Spielorte wollen ja auch entsprechend bespielt sein. Dabei ist man mal mehr, mal weniger darum bemüht, die einzelnen Produktionen in ein übergreifendes Motto zu pressen. Das lässt sich natürlich nicht immer konsequent durchhalten. In der letzten Spielzeit, in der es um Demokratie und Krieg gehen sollte, vermochten hinsichtlich des gesteckten Rahmens nur die wenigsten der Inszenierungen wirklich zu überzeugen.

Als Vielinszenierer fiel nicht erst in der vergangenen Spielzeit Hausregisseur Stephan Kimmig auf. Nachdem sich nach Michael Thalheimer auch Andreas Kriegenburg als tragender Regisseur des Hauses immer mehr zurückgezogen hat, lastete auf Kimmig bei immerhin vier Inszenierungen eine umso größere Erwartungshaltung. Nach einem Fehlstart mit der Doppelinszenierung Demetrius / Hieron. Vollkommene Welt konnte der auch außerhalb Berlins vielbeschäftigte Regisseur gemeinsam mit einer starken Hauptdarstellerin Susanne Wolff zumindest noch ein relativ schwaches Stück der Niederländerin Lot Vekemans retten. Mit Ismene, Schwester von, dem Münchner Gastspiel Judas und Gift war die Autorin immerhin dreimal im Programm vertreten. Bis auf den umjubelten Judas konnten diese Stücke aber nur durch den Einsatz des DT-Starensembles halbwegs überzeugen.

Am Ende standen noch ein kurz hingelaschter Beitrag zu den Autorentheatertagen und die vielleicht bemerkenswerteste Inszenierung der Berliner Theatersaison zu Buche. Kimmig Inszenierung von Wassa Schelesnowa, Maxim Gorkis Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall mit der Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin, war schon eine ziemlich genaue Zeichnung einer kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter in der Regie von Sebastian Hartmann - Foto: St. B.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter, Regie: Sebastian Hartmann – Foto: St. B.

Nur erwartbare Kunst-Routine herrschte dagegen bei Stefan Pucher, dem Regieduo Kuttner/Kühnel oder den schon genannten Regisseuren Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg. Eher enttäuschend auch die erste Inszenierung vom neu ans DT gerufenen Leipziger Ex-Intendanten Sebastian Hartmann. Nur Milan Peschel konnte in seiner zweiten Regiearbeit am DT ausgerechnet mit einem Gegenwartsstück von Nis-Momme Stockmann in den Kammerspielen punkten. Was wieder mal die These bekräftigt, dass die Überraschungen eher auf den kleineren Bühnen des Hauses zu finden sind.

Junge Regisseurinnen haben es weiterhin nicht gerade leicht am Deutschen Theater. Ihnen bleibt bis auf einzelne Ausnahmen nach wie vor die kleine Ausprobierbühne der Box vorbehalten. Ärgerlich in dieser Hinsicht war dann, dass gerade Jette Steckel ihren besonderen Auftritt auf der großen Bühne mit Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre verpatzte. In der neuen Spielzeit werden aber Brit Bartkowiak, Daniela Löffner und Jette Steckel neben Neuzugang Nora Schlocker wieder mit am Start sein.

Nach dem schmerzhaften Verlust von Dimiter Gottschef rücken nun immer mehr jüngere Regisseure ins Rampenlicht. Raffael Sanchez, Tilman Köhler, Simon Solberg, Frank Abt und Bastian Kraft mühten sich redlich um neue Regieakzente mit allerdings recht unterschiedlichen Ergebnissen. Der Star unter den Newcomern ist dabei sicher Bastian Kraft, der mittlerweile an einigen deutschen Stadttheatern Fuß gefasst hat. Seine poppigen Regie-Arrangements erinnern zum Teil an Stefan Puchers Breitwandüberwältigungsstil, entwickeln aber wie auch im Besuch der alten Dame durchaus ihren eigenen Reiz. Das kann aber nicht ganz über die ironiesatten Scheinbilder und harmlose Belanglosigkeit vieler Inszenierungen am DT hinwegtäuschen. Unbedingter Kunstwillen mit Starensemble im Hochglanzformat als einzige Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit?

die DT-Kammerspiele im Juni 2014 - Foto: St. B.

Die DT-Kammerspiele im Juni 2014 – Foto: St. B.

Das soll nun anscheinend in der neuen Spielzeit ganz anders werden. Kein ganz so starres Motto mehr. Intendant Ulrich Khuon lässt in den geplanten Inszenierungen den Umgang mit und die Veränderbarkeit von Realität auf der Bühne untersuchen. Dass damit verstärkt wieder ein Augenmerk auf die Gegenwart gelegt wird, lässt da auf eine spannende Spielzeit hoffen. 10 Autoren hat das DT eingeladen, anhand von 10 Schlüsselwörtern die wichtigsten 10 Neuinszenierungen des Hauses zu beschreiben. Ein Wort- und Text-Memory zu eher ambivalent-realen Empfindungen wie ZEIT, WIDERSPRUCH, SCHMERZ, FREMDE, TAUMEL, MUTTER, BEGEHREN, ANGST, FREIHEIT, GOTT.

Starten wollte das DT am 05.09. mit der Beckett-Inszenierung Warten auf Godot, die ursprünglich Dimiter Gotscheff übernommen hatte. In der Regie von Ivan Panteleev hatte das Stück Anfang Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere. Nach einer Urlaubsverletzung von Wolfram Koch ist die Berlin-Premiere auf den 28.9. verschoben worden. Nun machen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 11.09. Tabula rasa mit Gruppentanz und Klassenkampf. Carl Sternheim verabschiedete mit seiner Komödie bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, die Ideale der Sozialdemokratie. Nach der Münchner Inszenierung von Aus dem bürgerlichen Heldenleben die zweite Auseinandersetzung von Kuttner/Kühnel mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem deutschen Kleinbürgertum. Was bedeutet es heute links zu sein? Eine Frage, der die Beiden sicher wieder auf gewohnte Weise zwischen Didaktik und Comedy nachgehen werden.

Bewährtes gibt es mit Kleists Amphitryon (Andreas Kriegenburgs zweiter Kleistversuch am DT), Büchners Woyzeck (Regie: Sebastian Hartmann), Molières Der Geizige in der Regie von Martin Laberenz, dem zweiten Ex(il)-Leipziger am DT, Ibsens Die Frau vom Meer (Regie Stepahn Kimmig) und Schnitzlers Weites Land (Regie: Jette Steckel). Und natürlich darf Geburtstagskind Shakespeare nicht fehlen. Mit Macbeth (Regie: Tilmann Köhler), Was ihr wollt (Regie: Stefan Pucher) und Romeo und Julia (Regie: Christopher Rüping) wird so ziemlich die gesamte Bandbreite des elisabethanischen Dramatikers abgedeckt.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT Foto: St. B.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT
Foto: St. B.

Das Zeitgenössische Drama ist mit Altbekannten wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig aber auch gefragten jungen Autoren wie Iwan Wyrypajew, Philipp Löhle und Wolfram Lotz ganz gut abgedeckt. Besonders interessant dürfte aber vor allem Stefan Puchers Versuch an Bertolt Brechts frühem Künstlerdrama Baal sein. Erst 2009 scheiterte Christoph Mehler noch recht sportlich in den Kammerspielen. Pucher ist also in guter Gesellschaft und Brecht wieder im Kommen. Auch Volksbühnenchef Frank Castorf greift mal wieder zum proletarischen Dichter und seinem unangepassten Bürgerschreck. Um das zu sehen, muss man allerdings nach München fahren.

Das DT bietet dafür noch eine weitere Überraschung. Gerade erst wurde dem zweimaligen Überquerer der ehemaligen innerdeutschen Grenze Ronald M. Schernikau eine Informationstafel an seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf gewidmet. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November widmet Bastian Kraft dem außergewöhnlichen und leider früh verstorbenen Dichter und Schriftsteller an den Kammerspielen mit Die Schönheit von Ost-Berlin eine theatrale Collage. Es ist immerhin schon wieder vier Jahre her, dass das Theaterkollektiv PortFolio Inc. im Theater unterm Dach ebenfalls mit einer Art Collage biografischer Texte zum 50sten Geburtstag an Schernikau erinnerte.

*

Das BE im Dornröschenschlaf ? Foto: St. B.

Das BE im Dornröschenschlaf ?
Foto: St. B.

Also wieder einiges los am Deutschen Theater und wenig Zeit zum wirklichen Innehalten. Dagegen fristet das benachbarte Berliner Ensemble seit Jahren einen eher fast schon museal anmutenden theatralen Dornröschenschlaf, aus dem es zumindest kurzfristig durch Leander Haußmanns fulminante Hamlet-Inszenierung erweckt werden konnte. Und ungewöhnlich früh startet das BE auch mit Haußmann in die neue Spielzeit. Im Duell der Nachbarn hat zumindest Claus Peymann terminlich kurzfristig die Nase vorn. Leander Haußmann bleibt dran und bringt nach Hamlet mit Büchners Woyzeck eine weitere getriebene Männerfigur auf die Bühne am Schiffbauer Damm bevor Anfang Oktober Sebastian Hartmann am Deutschen Theater nachziehen kann.

Viel Bemerkenswertes hatte das BE in der letzten Spielzeit allerdings nicht zu bieten. Neben zwei frühen Brechtfragmenten mit ganz unterschiedlichem Erfolg stand ein launiges Alterswerk von Luc Bondy, der Horvaths aus tiefen Augenhöhlen blickenden Kriegsheimkehrer Don Juan (Samuel Finzi) seine liebe Not mit dem weiblichen Geschlecht haben ließ. Zumindest eine einmalige Zusammenführung mehrerer Jahre Theatergeschichte in Gestalt von Schauspielern aus drei Berliner Theatern.

Die Altherrenriege Peymann und Karge teilte sich den Rest der Neuinszenierungen. Wobei Claus Peymann nur einmal und dann noch mit Kafkas Prozeß für das BE eher untypisch einen Roman inszenierte, wogegen Manfred Karge mit Fatzer am Hausheiligen Brecht scheiterte, Bruckners Die Rassen auf der Probebühne aber durchaus ganz passabel gestaltete. Runde Geburtstage von George Tabori und Heiner Müller brachten dann noch einige wenige Glanzpunkte.

HM  100 Jahre George  Fotos: St. B.

Runde Geburtstage von George Tabori (Die Kannibalen) 
und Heiner Müller (Der Spuk ist nicht vorbei) am BE

Für die neue Spielzeit hat man am Berliner Ensemble noch zwei Komödien-Inszenierungen von Katharina Thalbach (Molières Amphitryon) und Veit Schubert (Shakespeares Zwei Herren aus Verona) sowie einen musikalischen Abend von Franz Wittenbrink in Petto. In Villa Aurora erklingen Lieder aus dem Exil. Gesungen wird mit Sicherheit auch bei Robert Wilsons Faust-Inszenierung im April 2015. Herbert Grönemeyer meets Faust/Mesphisto & friends… steht in der Vorankündigung. Nach Büchners Leonce und Lena die zweite Zusammenarbeit des deutschen Sängers mit dem Texaner Wilson am BE.

Was eine neue Regiearbeit des Hausherren Claus Peymann betrifft, hält man sich am BE wie immer ziemlich bedeckt. Auf die lange angekündigte Uraufführung eines neuen Stücks von Peter Handke muss man wohl weiter vergebens warten. Der Autor äußert sich in seinem gerade erschienenen Gesprächsband über seine Arbeit fürs Theater gegenüber dem Dramaturgen Thomas Oberender auch recht despektierlich zu seinem alten Intimfreund/feind Claus Peymann. Dabei kommt der BE-Intendant im Vergleich zum Regisseur Michael Haneke oder gar dem Klassiker Goethe noch recht glimpflich weg.

Hausheiliger Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble Foto: St. B.

Hausheiliger Bertolt Brecht wacht vor dem Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Peymann wäre als Organisator der Typ Fußballtrainer, allerdings nicht bei Real Madrid sondern eher Arminia Bielefeld. Der Ostwestfälische Ballsportclub mit dem Cheruskerfürsten Arminus im Namen ist bekanntlich über die Jahre von der Bundesliga in die 3. Liga abgestiegen. Um diesen harschen Vergleich zum Fußballgeschäft etwas abzumildern, bescheinigt Handke Claus Peymann aber noch ein Ver- bzw. „Duchwalten“ aus Passion. Das wäre auch wirklich etwas Rührendes an ihm. Claus Peymann also als passionierter Sachwalter und Durchhalter einer musealen Theaterkunst. Da sagt uns Peter Handke wahrlich nicht sehr viel Neues. Das Claus Peymann aus der Deckung kommen wird, um eine neuerliche Guerilla-Abwehrschlacht in den Gazetten anzuzetteln, kann man getrost bezweifeln. Was das betrifft, macht sich bereits eine gewisse Müdigkeit beim alten Theaterrecken breit.

*

Fazit der Spielzeitvorschau am Deutschen Theater und Berliner Ensemble: Die üblichen Verdächtigen beackern mit dem allgemeinen Bildungskanon den gewohnten Themenpark. Eine große Verunsicherung wird sich da wohl eher nicht breit machen. Man wird sehen müssen, was das wirklich bringt. Zumindest kann das DT gegenüber dem BE in Sachen Uraufführungen punkten. Was letztendlich sicher auch am nötigen Kleingeld, sprich Subventionen, liegen mag. Allerdings das Stück, was Claus Peymann demnächst (wann auch immer) mal uraufführen wird, will erst noch geschrieben sein.

Fortsetzung folgt…

***

Weitere Infos:

Deutsches Theater Berlin: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/

Berliner Ensemble: http://www.berliner-ensemble.de/premieren

__________

Heute startet die neue Spielzeit am DT – Wo bleibt der große Wurf? Das Deutsche Theater Berlin zwischen deutscher Geschichte und Tradition, Kunstanspruch und Klamotte. Ein Rückblick nicht nur auf die letzte Spielzeit.

Freitag, August 30th, 2013

___

„Die republikanische Verfassung eines Theaters ist wohl möglich und für seinen Bestand nicht nur ohne Gefahr, sondern vielmehr von großem Vorteil. (…) Die Tatsache aber ist nicht zu verschweigen, dass, um breiteste Wirkungen im edelsten Sinne auszulösen, nicht der Einfluß eines Theaters genügt, nicht eines oder mehrerer Hoftheater, sondern alle Theater dürften letzten Endes nur dem einen Ziele dienen, dem Ziele der Wohlfahrt und des höchsten Gedeihen des Volkes, wie es von den Besten erkannt und angestrebt wird. Man braucht nur einen Blick auf die Mehrzahl deutscher Bühnen zu werfen, um das betrübende Bewusstsein zu haben, wie wenig von diesen für die Kultur des Volkes geleistet wird, geleistet werden kann!“
Zitat Siegwart Friedemann, Vertrauliche Theaterbriefe. Schlussbetrachtung. 1909, aus: Alexander Weigel: Das Deutsche Theater – Eine Geschichte in Bildern, Propyläen 1999

DT-LogoGeschichte und Tradition am Deutschen Theater Berlin

Bereits in den Jahren vor 1848 bis in die Zeit der Märzrevolution in Deutschland führt in einem alten Casino an der Schumannstraße 14 der Restaurateur und damalige Direktor Friedrich Wilhelm Deichmann kleine revolutionskritische Possen mit „höchst zeitgemäßen Couplets“ wie „Die Nacht der Barrikaden, oder der Engel im Dachstübchen“ und „Eigentum ist Diebstahl oder Der Traum eines roten Republikaners“ auf. Es folgen weitere derlei „komische Genrebilder mit Gesang“ wie „Der deutsche Michel“, „Keine Arbeit mehr!“ oder „Eine Leipziger Barrikade“. Das kleinbürgerlich Verharmlosende dieser mehr spaßig gedachten Bühnenstücke hat Kurt Tucholsky 1919 in „Was darf Satire“ so beschrieben: „Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten.“

Trotzdem strömt das Publikum begeistert ins Wilhelmstädtische Theater bis dann gerade die Aufführung Johann Nestroys „Freiheit im Krähwinkel“ Direktor Deichmann doch noch die befürchtete „permanente Überwachung“ durch das Berliner Polizeipräsidium einbringt. Erst der Errichtung eines Prachtbaus des von ihm beauftragten Architekten Eduard Titz in den Jahren 1849/50 holt das Theater aus der volksnahen Schmuddelecke. Deichmann will von nun an ein Theater für die „bessere Gesellschaft“ leiten. Aber die Aufführungen von Singspielen und komischen Opern, ernste Sachen sind dem Königlichen Theater vorbehalten, finden wenig Anklang beim vergnügungssüchtigen Volk. Erst um 1859 treffen „französische Frivolitäten“ wie die Operetten von Jacques Offenbach wieder den Geschmack auch eines breiteren Publikums. In den folgenden Jahren etabliert sich das Theater immer mehr als gutgehende Operettenbühne und zieht vor allem das durch die deutsche Reichsgründung erstarkte und zahlungskräftige Bürgertum in die Schumannstraße.

Außenfassade des Friedrich-Wilhelmstädtischen-Theaters um 1850 (http://www.deutschestheater.de/dt-freunde/)

Außenfassade des Friedrich-Wilhelmstädtischen-Theaters um 1850 (http://www.deutschestheater.de/dt-freunde/)

Dieses national wie finanziell erstarkte Bürgertum gibt sich aber nicht lange nur dem Frohsinn hin. Es verlangt immer mehr auch nach höherer Erbauung. Entsprechende Aufführungen von Shakespeare-Dramen und nicht zuletzt Kleists „Prinz von Homburg“ entfachen dann in den 1870er Jahren auch regelrechte vaterländische Begeisterungsstürme im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater. Die alte Idee eines „Deutschen Nationaltheaters“ verwirklichen dann Theaterleute um den Kritiker Adolph L’Arronge und Schauspieler Siegwart Friedemann mit der Gründung einer deutschen Schauspieler-Sozietät. Sie kaufen sich in das Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater ein und übernehmen es ab 1883 ganz. Dies ist dann auch die Geburtsstunde des „Deutschen Theaters“, das damit in diesem Jahr auf eine nunmehr 130jährige Tradition unter diesem Namen zurückblicken kann.

DT_Adolph L’Arronge   DT_Otto Brahm

Adolph L’Arronge (1838 – 1908) und Otto Brahm (1856 – 1912) (http://www.berliner-schauspielschule.de/)

Max Reinhardt - Portrait von Emil Orlik

Max Reinhardt – Portrait von Emil Orlik

Mit dem Namenswechsel geht natürlich auch ein entsprechend programmatischer Wechsel vonstatten. Das Haus eröffnet mit Schillers „Kabale und Liebe“. Es folgen Lessings „Minna von Barnhelm“ und Goethes „Iphigenie“. Das nationale Selbstverständnis des deutschen Bürgertums manifestiert sich in einer klassisch deutschen Dramatik. Schillers „Don Carlos“ wird am Deutschen Theater an zwei Tagen komplett aufgeführt und auch der Klassiker Shakespeare verschafft den einzelnen Schauspielstars große Rollen. An deren großem Ego scheitert allerdings auch der erste Versuch eines demokratischen Schauspielertheaters. Ein Traum, den auch bis heute immer wieder mal Theaterregisseure wie Peter Stein oder Peter Zadek an der Schaubühne oder dem Berliner Ensemble zu verwirklichen suchten. Unter dem Intendanten Otto Brahm gehen nach 1894 die Klassikerinszenierungen immer weiter zurück und der Naturalismus mit Ibsen, Hauptmann, Schnitzler und Tolstoi ist auch am Deutschen Theater auf dem Vormarsch. Was sich unter dem großen Schauspielerregisseur Max Reinhardt (1873 – 1943) ab 1905 auch fortsetzt. Neben der legendären Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ von 1903 führt Reinhardt vor allem Hauptmann, Ibsen, Strindberg und Tschechow auf. Neben Shakespeare greift Reinhardt aber in seinem „Deutschen Zyklus“ auch wieder zu Dichtern wie Lessing, Kleist, Lenz und Büchner.

Max Reinhardt: „Ein Traum ohne Wirklichkeit bedeutet mir ebenso wenig als eine Wirklichkeit ohne Traum. Und das Theater besteht ja nur aus verwirklichten Träumen.“

Deutsches Theater und Kammerspiele - Postkarte um 1903

Deutsches Theater und Kammerspiele
Postkarte um 1903

Nach dem 1. Weltkrieg geht Reinhardt nach Salzburg und übergibt seinem Dramaturgen Felix Hollaender die Intendanz des Deutsche Theaters. Die Zeit der Weimarer Republik ist zunächst eher durch künstlerische Stagnation geprägt. Bis die Gruppe um den jungen Brecht mit den Uraufführungen von „Trommeln in der Nacht“ und „Im Dickicht der Städte“ für Aufsehen sorgt. Reinhardt kehrt nach Berlin zurück und setzt seine erfolgreiche Arbeit fort. Die Dramatiker Bruckner, Zuckmayer und Horvath arbeiten nun am DT. Bis schließlich die Machtergreifung der Nazis dieser Ära ein jähes Ende setzt. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten gelingt es dem Intendanten Heinz Hilpert sich weitestgehend aus dem Propagandarummel herauszuhalten. Unter Wolfgang Langhoff  (1901 – 1966) gelangt das Deutsche Theater ab 1946 wieder zu neuer Geltung im deutschsprachigen Raum. Brecht gastiert hier nach seiner Rückkehr aus dem Exil bis 1954 mit seinem Berliner Ensemble. Auch nach dem unrühmlichen Abgang Langhoffs beansprucht das DT weiterhin eine führende Rolle im bürgerlichen Sprechtheater der DDR, was auch im Westen Deutschlands anerkennend bemerkt wird. 1989 wird das DT zum ersten Mal mit Heiner Müllers „Der Lohndrücker“ zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Diese Tradition setzt sich auch nach der Wende erst unter Thomas Langhoff und ab 2001 unter Bernd Wilms fort. In den Jahren 1992, 1998 (DT-Baracke), 2005 und 2008 wird das DT zum Theater des Jahres gewählt.

Foto: Wolfgang Langhoff (sitzend) mit Dramaturg Heinar Kipphardt und Chefbühnenbildner Heinrich Kilger, Sept. 1953 – Bundesarchiv, Bild 183-21621-0003 / Kemlein, Eva / CC-BY-SA

Große Namen allein sind keine Garantie für den dauerhaften Erfolg

Berlin, 80. Geburtstag Wolfgang Heinz

Foto: 80. Geburtstag von Wolfgang Heinz mit Katja Paryla (m.) Simone von Zglinicki (r.) 19.05.1980 – Bundesarchiv, Bild 183-W0519-0028 / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA

gespenster

Ibsens Gespenster (1983)

Das DT war und ist auch stets ein Theater der großen Namen und Traditionen geblieben. Im Ensemble standen Schauspieler wie Louise Dumont, Gertrud Eysoldt, Tilla Durieux, Adele Sandrock, Elisabeth Bergner, Josef Kainz, Oscar Sauer, Max Reinhardt, Curt Bois, Alexander Moissi, Ernst Deutsch, Peter Lorre, Fritz Kortner, Erich Ponto, Hans Moser, Hans Albers, Inge Keller, Erika Pelikowsky, Elsa Grube-Deister, Käthe Reichel, Gudrun Ritter, Bärbel Bolle, Jutta Wachowiak, Johanna Schall, Katja Paryla, Christine Schorn, Herwart Grosse, Rolf Ludwig, Fred Düren, Dieter Franke, Eberhard Esche, Kurt Böwe, Otto Mellies, Dieter Mann, Christian Grashof, Jörg Gudzuhn, Dagmar Manzel, Ulrich Mühe u.v.a.m. Solch bekannte Regisseure wie Emil Lessing, Cord Hachmann, Felix Hollaender, Max Reinhardt, Oskar Kokoschka, Otto Falckenberg, Erich Engel, Heinz Hilpert, Wolfgang Heinz, Benno Besson, Adolf Dresen, Friedo Solter, Thomas Langhoff, Alexander Lang, Frank Castorf, Heiner Müller, Jürgen Gosch, und kurzzeitig in der Baracke auch Thomas Ostermeier gaben dem Haus mit ihren Inszenierungen ein vielschichtiges Gepräge.

Foto: Ulrich Mühe mit Inge Keller (l.) und Simone von Zglinicki (r) bei einer Aufführung von Ibsens Gespenster, 18. November 1983 – Hartmut Reiche, Bundesarchiv, Bild 183-1983-1118-005 / CC-BY-SA

Auch heute verfügt kaum ein Theater im deutschsprachigen Raum außer der Wiener Burg, den Münchner Kammerspielen oder dem Thalia Theater in Hamburg noch über ein solch großes und auserlesenes Schauspielensemble wie das Deutsche Theater in Berlin. Neben Ausnahmeschauspielern wie Corinna Harfouch, Almut Zilcher, Nina Hoss, Meike Droste, Ulrich Matthes, Samuel Finzi, Wolfram Koch und dem bedauerlicher Weise in diesem Jahr verstorbenen Sven Lehmann stehen die Mitglieder des alten DT-Ensembles wie Margit Bendokat, Gabriele Heinz, Barbara Schnitzler, Simone von Zglinicki, Christian Grashof, Michael Gerber, Michael Schweighöfer und Bernd Stempel neben den Neuzugängen Maren Eggert, Susanne Wolff, Judith Hofmann, Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Felix Goeser, Peter Moltzen, Andreas Döhler u.a., die mit Intendant Ulrich Kuhon zur Spielzeit 2009/2010 aus Hamburg nach Berlin gewechselt sind. Die derzeitigen Regiestars heißen Dimiter Gotscheff, Michael Thalheimer, Stefan Pucher, Nicolas Stemann, Jürgen Kuttner und die Hausregisseure Andreas Kriegenburg und Stephan Kimmig. Die junge Garde ist mit Jette Steckel, Bastian Kraft, Simon Solberg, Rafael Sanchez oder Roger Vontobel bestens vertreten.

Dantons Tod von Georg Büchner (1981)

Foto: „Dantons Tod“ in der Regie von Alexander Lang. Inge Keller (l), Margit Bendokat (3.v.l.), Christian Grashof (2.v.l.) und Günter Sonnenberg (4.v.l.) 20.04.1981 – Bundesarchiv, Bild 183-Z0420-027 / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA

Das alles scheint eigentlich Garant für andauernde Qualität und entsprechende Erfolge für das Deutsche Theater zu sein. Allein diese, wenn man die Einladungen zum Berliner Theatertreffen als Maßstab der Dinge nehmen möchte, lassen seit dem Beginn der Intendanz Ulrich Khuons auf sich warten. Jürgen Goschs Tschechow-Inszenierungen „Onkel Wanja“ (2008) und „Die Möwe“ (2009) sowie Michael Thalheimers „Orestie“ (2007) von Aischylos oder „Die Ratten“ (2008) von Gerhart Hauptmann sind nach wie vor unerreicht. Andreas Kriegenburgs Dea-Loher-Trommel-des-Lebens-Inszenierung „Diebe“ (2010) war das Bemerkenswerteste, was das DT im Leistungsvergleich mit den anderen deutschsprachigen Bühnen seither zu bieten hatte. Seit nunmehr drei Jahren herrscht leider nur noch eine gut gehandwerkelte Beliebigkeit am DT. Und das bei geradezu hausintern künstlich hochgehaltenem schauspielerischem Glamourfaktor. Während die großen Konkurrenten Burgtheater Wien, Münchner Kammerspiele und das Thalia Theater Hamburg beinahe schon auf das Theatertreffen abonniert zu sein scheinen, war auch zu dessen 50. Jubiläum das Deutsche Theater im mittlerweile zur gesamtdeutschen Theaterhauptstadt gewordenen Berlin nicht vertreten. Fast schon demütigend dürfte dabei noch die Tatsache hinzukommen, dass dem DT seither durch den Quereinsteiger Herbert Fritsch, der die ebenso in Agonie verfallene Volksbühne erweckt hat, immer wieder der Witz abgekauft wird. Reizt Fritsch mittlerweile sogar Regiealtmeister Frank Castorf zu neuen Höhenflügen, lieferten das DT-Hausregieduo Kimmig und Kriegenburg dagegen in letzter Zeit eher gefälliges Mittelmaß ab.

Deutsches Theater und Kammerspiele im Jahr 2013 - Foto: st. B.

Deutsches Theater und Kammerspiele
im Jahr 2013 – Foto: St. B.

Höhen und Tiefen der Spielzeit 2012-13

In der Spielzeit 2010-11 und auch 2011-12 gab es wenig Herausragendes zu berichten. Bei weitgehend hohem Premierenoutput verzettelte sich das Deutsche Theater dabei immer mehr zwischen angestrebtem gesellschaftlichen Anspruch und guter Unterhaltung. Erst in dieser Saison war erstmals überhaupt ein durchgängiges künstlerisches Konzept erkennbar. In Zeiten von Krise, Politikverdrossenheit und breiter Empörung gab man sich mit dem Motto „Macht Gewalt Demokratie“ wieder explizit politisch und sogar bisweilen kämpferisch. Herausgekommen ist aber dennoch wieder eine Spielzeit mit eher durchwachsenen Leistungen. Auch Dimiter Gotscheffs mit Spannung erwartete Collage zum Thema Macht und Gewalt „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige” geriet eher zum Heiner-Müller-Gedächtnis-Spezial als zu einem wirklich überragenden Beitrag zum mächtig gewaltigen Themenkomplex. Halbwegs überzeugen konnten die Kritiker des DT nur das Antikendigest „Ödipus Stadt“ um Thebens Herrschergeschlecht der Labdakiden oder die Dramatisierung von Eugen Ruges DDR-Nomenklaturasaga „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, beides durch Vielarbeiter Stephan Kimmig inszeniert. Kimmig konnte hier zumindest teilweise sein feines Gespür für interessante Familienstoffe ausspielen. Trotz einiger schauspielerischer Glanzleistungen vermochten beide Inszenierung aber nicht wirklich zu packen.

Regie-Neuzugang Andres Veiel brachte dem DT mit seinem Doku-Recherche-Stück „Das Himbeerreich“ zumindest einiges an Medienaufmerksamkeit. In einer Art fiktiven Dialogmontage plaudern abgehalfterte Banker aus dem Nähkästchen, träumen von alter Größe und versuchen sich, mehr oder weniger einsichtig, zu rechtfertigen. Das besitzt leider weder einen besonders informativen Gehalt noch dramatischen Reiz und verflacht zusehends bis auf kleine wütende Rampenausflüge von Ulrich Matthes. Fast schon zu einem peinlichen Dauerausfall ist mittlerweile Chefregisseur Andreas Kriegenburg geworden. Weder seine Hebbel-Inszenierung „Judith“, die „Winterreise“ von Elfriede Jelinek oder das Kleistdebakel mit dem sechsfachen „Käthchen von Heilbronn“, noch das neue Dea Loher Stück „Am schwarzen See“ in seiner Regie konnten in der jüngsten Vergangenheit annähernd überzeugen. Im Spielplan stehen überhaupt nur noch zwei von Kriegenburgs Dea-Loher-Arbeiten. Feiern konnte man lediglich die Rückkehr des Regisseurs Michael Thalheimer zu alter Größe. Seine Inszenierung von Horvaths Klassiker „Geschichten aus dem Wiener Wald“ riss das DT kurz vor Ende der Spielzeit noch einmal aus der sich breitmachenden Lethargie. Wie kurzzeitig Verlorengegangene bewegen sich die Protagonisten immer wieder aus dem Dunkel der Bühne nach vorn an die Rampe und erstarren dort nach kurzem Aufbegehren wieder in Eiseskälte hinter Pappmasken. Thalheimer hat seine Liebe zur geschundenen, von den gesellschaftlichen Verhältnissen gebeugten Kreatur in der Gestalt der Marianne (Katrin Wichmann) wiederentdeckt und lässt sie bei aller ungeschützten Nacktheit doch traumzauberisch würdevoll im allen falschen Donau-Walzerkitsch überdeckenden Konfettiregen stehen. Ein wahrhaft großartiger Theaterabend.

Programmzettel der Uraufführung am 2. November 1931 am Deutschen Theater Berlin

Programmzettel der Uraufführung am 2. November 1931 am Deutschen Theater Berlin

„Eine stärkste Kraft unter den Jungen, Horváth, umspannt hier größere Teile des Lebens als zuvor. (…) Unter den Jungen ein Wer; ein Geblüt; ein Bestand. Ansonst ist hier kein Zurückschrauben in die Fibeldummheit; sondern ein Saft. Und ein Reichtum.“ Alfred Kerr 1931 im Berliner Tagblatt zur Berliner Uraufführung von „Geschichten aus dem Wiener Wald“ unter der Regie von Heinz Hilpert am Deutschen Theater

Gelungenes und weniger Gelungenes in der Box und den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin 

Wenn es im großen Haus floppt, konnte man sich am DT bisher wenigstens noch auf kleinere Inszenierungen in den Kammerspielen und der Box verlassen. Waren das in den letzten Jahren vor allem Inszenierungen wie Kafkas „Schloss“ von Nurkan Erpulat, „Jochen Schanotta“ von Ulrich Seidel in der Regie von Frank Abt, die Dauerbrenner „Die Sorgen und die Macht“ von Peter Hacks vom Regie-Duo Kühnel/Kuttner oder „Tschick“ nach dem Roman des gerade verstorbenen Wolfgang Herrndorf in der Regie von Alexander Riemenschneider, so fällt in diesem Jahr die Auswahl wesentlich schwerer. Als kleine Achtungserfolge können auf jeden Fall die Uraufführung von „Muttersprache Mameloschn“ von Marianna Salzmann in der von Regie von Brit Bartkowiak und „Antwort aus der Stille“ nach der Erzählung von Max Frisch in der Regie von Frank Abt in der Box gelten. Neuer wie auch älterer Text werden hier jeweils nur mit drei glänzend aufgelegten Schauspieler_innen zum Leuchten gebracht.

„Manchmal wünsche ich mir einfach eine Bombe im Auto und keine Bremse im Kopf.“ Rahels Monolog aus: „Muttersprache Mameloschn“ von Marianna Salzmann

Marianna Salzmanns berührendes Familienstück über drei Generationen jüdischer Frauen in Deutschland wird durch die DT-Schauspielerinnen Gabriele Heinz, Anita Vulesica und Natalia Belitski mittels viel Witz und Hilfe einer frischen, lockeren Regie hervorragend in Szene gesetzt. Das mit reichlich Mutter- und Sprachwitz ausgestattete Stück ist ganz zu Recht auch für den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis nominiert worden. Max Frischs frühe Erzählung „Antwort aus der Stille“ über eigene Ansprüche, verfehlte Jugendträume und Menschen auf der Identitätssuche zwischen Extrem und Anpassung wird aus der Perspektive der gealterten Charaktere neu erzählt. Gabriele Heinz, Katharina Matz und Markwart Müller-Elmau brillieren in souveräner Weise in der im Gegensatz zum Boulevard-Karussell von Bastian Krafts Frisch-Inszenierung „Biografie: Ein Spiel“ aus dem Vorjahr wohltuend unaufgeregten Dramatisierung von Frank Abt und Meike Schmitz.

Weniger Glück hatte Frank Abt mit seiner recht stilisierten Regie zu Franz Xaver Kroetz’ Missbrauchs- und Emanzipationsdrama „Stallerhof“ aus dem Jahr 1971. Die Geschichte der jungen, geistig behinderten Beppi, gerät in den Kammerspielen des DT zum gut gemeinten integrativen Versuch. Der Blick konzentriert sich in dem klinisch weißen Bühnen-Guckkasten auf die ebenfalls behinderte Schauspielerin Mereika Schulz vom Ensemble des integrativen Theaters Thikwa aus Kreuzberg. Die bei Kroetz sogenannte Randexistenz rückt Abt so bewusst in den Mittelpunkt. Die falsche Moral und Scham der Eltern (Matthias Neukirch und Isabel Schosnig) über die Zurückgebliebenheit ihrer Tochter, die sich in Worten und auch Schlägen äußert, steht neben der Unfähigkeit des Knechts Sepp (Markwart Müller-Elmau) zu sozialem Verhalten, sein Begehren auch entsprechend auszudrücken. In dieser Kette aus Unterdrückung ist Beppi schließlich das schwächste Glied. Da sich zu Gunsten von Mereika Schulz alle anderen Darsteller weitestgehend zurückhalten, entstehen zwar eindringliche Momente, die einen ob der drastischen Sprache des Stücks beklommen machen, aber auch Leerstellen, die weitestgehend darstellerisch ungenutzt bleiben. Die unterstützende Führung durch den Text mit dem Schauspieler Thorsten Hierse als Erzähler, erweist sich nicht als der starke Kunstgriff, wie von Frank Abt gedacht. Textliche Unsicherheiten lassen sich zwar so geschickt kaschieren, dem Stück fehlt aber die spielerische Wucht, wie sie erst im letzten Jahr beim Gastspiel der Wiener Inszenierung von David Bösch mit Sarah Viktoria Frick in der Hauptrolle am BE zu erleben war. Dennoch kann Frank Abts Inszenierung als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters - Foto: St. B.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters
Foto: St. B.

Ebenfalls recht zwiespältig fiel die Inszenierung von Wajdi Mouawads düsterem Bürgerkriegsstück „Verbrennungen“ aus. Das ewige Regietalent Tilmann Köhler hat in Berlin nicht das glückliche Händchen wie am Staatsschauspiel Dresden, wo er seit 2009 als Hausregisseur tätig ist. Man sieht in den Kammerspielen von zwei Seiten auf eine kleine Plattform, auf, unter und neben der die Darsteller die Reise der kanadischen Zwillinge Jeanne (Kathleen Morgeneyer) und Simon (Christoph Franken) mit libanesischen Wurzeln auf den Spuren der Geschichte ihrer Mutter im ehemaligen Bürgerkriegsland, die auch die ihre ist, performen. Die mit vielen Rückblenden versehene komplizierte Handlung kann sich bei ständigen Rollenwechseln, nur Maren Eggert bleibt in der Rolle der Mutter Nawal (Die Frau, die singt) kaum richtig entfalten. Wer die Kraft gelungener Inszenierungen von Tilmann Köhler sehen will, muss weiterhin nach Dresden fahren, was sich auch in jedem Fall lohnt. Leider lohnt sich ein Besuch der Kammerspiele des DT in dieser Spielzeit nur bedingt. Auch ein weiterer gut gemeinter Versuch reale Probleme mittels eines Klassikers auf die Bühne zu bringen, steht mit Schillers „Verbrecher aus verlorener Ehre“ in der ersten Regie Simon Solbergs am DT von Anfang an auf verlorenem Posten. Trotz spielfreudigem Ensemble gerät Schillers Story des Kneiperssohns Christian Wolf vom Wilddieb über den verschmähten Liebhaber zum Verbrecher zur wüst kalauernden Klamotte. Das am Ende noch zwei echte ehemalige Knackis auftreten, die bereits zwischen den Szenen in Videoeinspielungen von ihrem Werdegang erzählten, und nun mit dem Ensemble von einem selbstbestimmten freien Vollzug auf einer Musterknastinsel träumen, verkitscht völlig die wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gesellschaft und humaner Strafvollzug.

Humor und Gesellschaftskritik – Neue Inszenierungen von Milan Peschel und Andreas Kriegenburg in den Kammerspielen

„Die Welt, ist eine Bühne und die meisten von uns, sind hoffnunglos unerprobt.“ Seán O´Casey (1880 – 1964)

Nach den schweren Themen zu Beginn der Spielzeit, versuchte man seit Januar an den Kammerspielen auch soziale Themen mit Humor anzugehen. Der irische Dramatiker und Freiheitsaktivist Seán O`Casey sowie der mit jeder Menge absurdem Witz ausgestattete französische Satiriker Georges Courteline scheinen dafür bestens geeignet. Nach seiner recht erfolgreichen Zeit als Schauspieler wie Regisseur an der Volksbühne und am Maxim Gorki Theater, wollte Komödienspezialist Milan Peschel in dieser Spielzeit überraschender Weise ausgerechnet auch am sonst eher humorarmen DT reüssieren. Das Unterfangen dürfte ihm mit seiner Brachial-Inszenierung von O`Caseys irischem Bürgerkriegsdrama „Juno und der Pfau“ gründlich danebengegangen sein. Er bullerte den kleinen Klamottenofen auf der Bühne ordentlich an und ließ das DT-Ensemble, allen voran Michael Schweighöfer als „Käptn“ Jack Boyle, der sich seinerseits schon am DT und MGT in Komödienregie versucht hatte, weitestgehend freien Lauf. Und Schweighöfer nutzt das auch genüsslich, um sich wie ein Pfau zu spreizen und dem Affen ordentlich Zucker zu geben. Ihm zur Seite steht Moritz Grove als Jacks prekärer Saufkumpel Joxer, immer eine Lidl-Tüte und ein paar bauernschlaue Weisheiten parat habend. So liebenswert verhuscht die beiden entschluss- und arbeitsscheuen Trinkkumpane auch durch den Abend schlurfen, grölen und grimassieren, es täuscht nicht über eine Regie hinweg, der nichts weiter zu O`Caseys sozialkritischem Stoff einfällt, als sie zur Farce und die anderen Darsteller zu Randfiguren und Stichwortgebern zu degradieren. Der ernste Hintergrund bei all dem Spaß verschwindet schnell hinter den Brettern, mit der Boyles Klein-Häuschen und kurzzeitig zusammengeborgter Reichtum nach der Pause vernagelt wird. Und wie sich die Verheißung vom Erbe und schnellen Reichtum alsbald in Rauch auflöst, so fällt auch die über dreistündige Story trotz lustiger irischer Pogues-Tanzmusik nach und nach wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Nicht viel besser erging es dem Versuch von Andreas Kriegenburg mit den Einaktern des absurden Dramatikers Courteline den zwanghaften Individualismus unserer Zeit aufs Korn zu nehmen und als neuen kreativen Uniformismus zu entlarven. In Fantasiekostümen, ziemlich dicht an die genderirritierenden Kreationen des australischen Performancekünstlers und Modedesigners Leigh Bowery angelehnt, trashen sich die Schauspieler durch fünf absurde Kurzdramen des französischen Satirikers und Bürgerschrecks des ausgehenden 19. Jahrhunderts. XTRAVAGANZA war das Motto des Stars der Londoner und New Yorker Club- und Modeszene der 80er Jahre, extravagant und gewollt exhibitionistisch ist auch das Auftreten der Darsteller in Kriegenburgs Courteline-Inszenierung „Sklaven“. Alles Sklaven ihres eigenen Strebens nach unbedingter Einzigartigkeit. Leigh Bowery unterlief mit viel schrägem Humor gesellschaftliche Konventionen ebenso wie die Erwartungen der Szene, die gierig jeden neuen individuellen Kick aufsog. Die Diktatur der angepassten Masse, wie die Diktatur der Fashion Victims. Kriegenburg versucht dies mit der absurden Handlungsdramatik Courtelines kurzzuschließen. Weiterer Szeneneinfall des Regisseurs ist die Nachbildung eines der bekanntesten Banksy-Graffitis, ein Blumenstrauß werfender Autonomer, am Bühnenhintergrund. Während sich die Protagonisten zunächst noch subversiv den Weg aus einer mit Zivilisationsmüll gefüllten Hinterbühne freischießen, werden anschließend vorn an der Rampe brav die „Szenen aus der bürgerlichen Hölle“ Courtelines repetiert. Bei aller schauspielerischen Raffinesse, ein Unterfangen, das kaum jemandem im Publikum eine Reaktion abnötigte. Beredtes Treiben auf der Bühne und Totenstille im Saal. Eine wahrlich beängstigende Szenerie der Gleichgültigkeit. Man riecht förmlich den angestrengten Denkschweiß von Kriegenburgs Arbeit. Er macht sich somit selbst zum Sklaven eines zu hoch geschraubten Kunstanspruchs.

"Sklaven" in der Regie von Andreas Kriegenburg - Foto: St. B.

„Sklaven“ in der Regie von Andreas Kriegenburg – Foto: St. B.

„Es gibt im Leben keine bessere Waffe als den Humor.“ Georges Courteline (1858 – 1929)

Shakespeare, Ibsen und Fallada – klassische Stücke in modernem Regiegewand

Den Kunstanspruch der Regisseure in allen Ehren. Zeichnet doch nicht zuletzt das Ausprobieren immer neuer Regiehandschriften ein experimentierfreudiges Theater aus. Wenn sich diese allerdings in möglichst originellen Regieeinfällen, übermäßigem Einsatz von Musik und Video sowie möglichst aufwendigen Bühnenaufbauten erschöpfen, wird Theater vollends zum billigen Pop Event. All das trifft leider auch auf die letzten Regiearbeiten von Rafael Sanchez, Roger Vontobel und Stefan Pucher zu. Dem Motto Macht und Demokratie geschuldet, hat sich Rafael Sanchez an den Shakespeare-Klassiker des römischen Heerführers „Coreolanus“ gemacht. Nur widerwillig beugt sich der Kriegsheld den pseudodemokratischen Gepflogenheiten des Pöbels, den er verachtet, um politische Karriere zu machen. Gekränkt durch des Volkes Wankelmut, das sich von den Volkstribunen aufhetzen lässt, schlägt er sich schließlich auf die Seite der Feinde Roms, fällt dann aber auch hier seinem ungezügelten Zorn zum Opfer. Sanchez hat alle Rollen weiblich besetzt, woraus sich aber im Folgenden kaum ein sichtbarer Gewinn ersehen lässt. Ausgestattet mit Perücken, Fettsuites und martialischen Rocker-Attitüden hangeln sich die fünf Darstellerinnen an einer Wand mit stufenförmig ausfahrbaren Kästchen durch alle Rollen des Stücks. Das lässt sich zunächst gut an und scheint auch recht symmetrisch choreografiert, wirkt aber auf Dauer eher beliebig und unfreiwillig komisch. Wem hier die Sympathie des Regisseurs tatsächlich gehört, will nicht so recht klar werden. Neben Judith Hofmann in der Hauptrolle, Susanne Wolff, Natalia Belitski und Barbara Heynen ist nach langer Abwesenheit mal wieder Jutta Wachowiak in einer Rolle am Deutschen Theater zu sehen und zeigt, dass sie auch mit unausgegorenen Regiekonzepten ganz gut fertig werden kann.

Dass Theatermacher immer häufiger mit Livemusikern zusammenarbeiten, ist nicht mehr grundsätzlich erwähnenswert. Auf den Berliner Bühnen wirkt dieser Einsatz aber mittlerweile fast schon inflationär. Das hat sich wohl auch Roger Vontobel gedacht. Nach seinem Hamlet in Pop in Dresden hat er sich für das Deutsche Theater gleich eine ganze „Inflationsrevue“ ausgedacht. Dazu adaptierte er den Berliner 20er-Jahre-Roman „Wolf unter Wölfen“ von Hans Fallada. Der junge Protagonist Wolfgang Pagel (Ole Lagerpusch cool in Lederjacke) lässt sich durch das fiebrige, alkoholgeschwängerte Berlin der Inflationszeit treiben. Dazu dreht sich die als Roulettetrichter ausgestaltete Bühne, fliegen Geldscheine und Goldflitter durch die Luft und eine ganze Band spielt den jazzigen Sound jener Zeit dazu. Mit Meike Droste, Peter Jordan, Matthias Neukirch, Isabel Schosnig, Christoph Franken und Katharina Marie Schubert bestens besetzt, kommt die Inszenierung, selbst im zweiten Teil auf dem Lande, nicht über ein aufgeregtes Umhertollen und -albern hinaus. Fallada scheint nur noch zum ironischen Klamauk zu taugen. Die Digestdramatisierung dafür lieferte wie immer am DT Hausdramaturg John von Düffel. Groß geklotzt wird in der Revue bei Bühne und Kostümen, da bleibt für Falladas Romanhandlung kaum mehr Platz. Selbst in dreieinhalb Stunden lässt sich seine Geschichte um den Verfall des gesellschaftlichen und politischen Sittenbilds in der Weimarer Republik nicht annähernd abbilden. Anklänge an die heutige Zeit werden dem schnellen Witz geopfert.

Falladas Wolf unter Wölfen, Regie: Roger Vontobel - Foto: St. B.

Falladas Wolf unter Wölfen, Regie: Roger Vontobel – Foto: St. B.

Die Krönung des unsinnig übertriebenen Einsatzes von Bühne, Kostüm und Musik ist allerdings die letzte Inszenierung der Spielzeit. Stefan Pucher hat sich für eine seiner berühmten Breitwandadaptionen alter Theaterklassiker ausgerechnet Ibsens „Hedda Gabler“ ausgesucht. Es scheint wie dessen Volksfeind, den es ausnahmsweise am DT nicht gab, ein Stück der Stunde zu sein. Man wird nicht müde, die vielen unterschiedlichen Versionen und großen Theaterdiven aufzuzählen, die sich schon in der Figur der vom unspektakulären bürgerlichen Leben ihres Wissenschaftlergatten Jögen Tesman gelangweilten Hedda versucht haben. Nun also Nina Hoss, und man fragt sich, wem hier nun die Stunde geschlagen hat. Hedda, ihrem erfolglosen Gatten Tesman (Felix Goeser) oder dem im provozierten Alkoholexzess abgestürzten Eilert Lövborg, dessen Manuskript sie vernichtet, um ihn zu einer letzten großen Tat zu anzutreiben. Pucher zeigt allerdings wenig Interesse an Psychospielchen und dreht die Protagonisten, ausgehend von einer ironisch rustikal anmutenden Blockhütte mit steifem Kragen, über ein elegantes, amerikanisches 30er Jahre Filmset, bis zu einem lässigen Siebzigerambiente im Plastikdesign, durch eine filmreifen Kulisse nach der anderen. Während sich die Szenen langsam auflösen und die Akteure immer mal wieder zur Gitarre greifen, gleitet das Geschehen an Nina Hoss und ihren eng gefassten Teflonkleidern ab, in denen sie, von all dem bemerkenswert unberührt, wie in ihrem eigenen Traum steckt. Auf der Strecke bleibt letztendlich das Stück und mit ihm die letzte Chance auf den großen Wurf. Auch wenn dann noch ein Videoshowdown im Westernstil über die Leinwand flimmert, hat man die Duellpistolen eigentlich schon vergessen und interessiert sich auch nicht mehr für den moralischen Zeigefinger den Margit Bendokat als Tante Tesmans zum Schluss noch einmal herausholt.

Hoffnungsträger Stephan Kimmig, Michael Thalheimer und eine Aussicht auf die neue Spielzeit

Es scheint so, als müsse es in der neuen Spielzeit wieder einmal Vielinszenierer und Hausregisseur Stephan Kimmig richten. Er arbeitet mittlerweile an fast allen großen, renommierten Häusern in Frankfurt, Stuttgart, Hamburg, München oder Wien. Zwei dieser Arbeiten konnte man im Juni bei den Autorentheatertagen am DT sehen. Trotz dieser Mehrfachbelastung bringt er immer mal wieder, wenn auch nicht gerade mit Ewald Palmetshofers verschwiemeltem jüngst am Akademietheater Wien uraufgeführtem Generationendrama „räuber. schuldengenital“, dann doch mit dem Stuttgarter Kroetz-Kaluza-Doppelschlag „Stallerhof / 3 D“, durchaus Bemerkenswertes zustande. Die Ergänzung dieses schon etwas betagten Missbrauchsdramas durch den frischen Text eines jüngeren Autors zum gleichen Thema ist ihm durchaus geglückt und diese Methode scheint auch zukünftig ein ergiebiges Experimentierfeld für Kimmig zu sein. Heute wird er wieder mit einer Doppelarbeit den Premierenreigen am Deutschen Theater eröffnen. Er überblendet Friedrich Schillers spätes Fragment „Demetrius“ mit dem neuen Stück „Hieron. Vollkommene Welt“ des jungen Berliner Dramatikers Mario Salazar. Es geht wie schon in der letzten Spielzeit um Macht und Machterhalt. Ob er damit wieder solche Funken schlagen kann, wie mit seiner aufrührerischen Antigone in „Ödipus Stadt“, bleibt abzuwarten.

Mit den Autorentheatertage wollte das DT 2013 das Weite suchen. Wie wird es in der neuen Spielzeit? - Foto: St. B.

Mit den Autorentheatertage wollte das DT 2013 das Weite suchen. Wie wird es in der neuen Spielzeit? – Foto: St. B.

Am Sonntag greift dann das Regieduo Kuttner/Kühnel an den Kammerspielen in das Geschehen ein. Passend zum Demetriusstoff von Schiller werden die beiden mit „Agonie“ ein zaristisches Lehrstück über die letzten Tage der Romanows zur Aufführung bringen. Nach ihrem seichten Willi-Brandt-Schlagerabend „Demokratie“ bleibt zu hoffen, dass das DT nicht schon zum Spielzeitstart im „Todeskampf“ liegt. Noch einmal Schiller wird es Ende September geben, wenn Michael Thalheimers bereits in Salzburg gezeigte „Jungfrau von Orleans“ Berlin-Premiere feiert. Neben den alteingesessen Strategen Dimiter Gotscheff (Becketts „Warten auf Godot“) und Andreas Kriegenburg („Aus der Zeit fallen“ von David Grossman) werden auch wieder jüngere Regisseure wie Bastian Kraft, Tilmann Köhler, Rafael Sanchez und Daniela Löffner am Start sein. Nach Ibsens „Hedda Gabler“ versucht sich Stefan Pucher nun an Sophokles` „Elektra“. Ob er mit Michael Thalheimers archaischer Burgtheater-Inszenierung mithalten kann, ist fraglich. Nina Hoss, die bekanntlich in Richtung Schaubühne abgewandert ist, wird ihm jedenfalls nicht mehr zur Verfügung stehen.

Auch bringt diese Spielzeit einige Überraschungen und Wiedersehen. Mit „Der Löwe im Winter” von James Goldman gibt der in Leipzig gescheiterte Sebastian Hartmann, der bisher nur am Maxim Gorki Theater inszenierte, seinen Einstand am DT. Nuran David Calis geht in seiner zweiten DT-Arbeit mit „Tee im Harem des Archimedes“ nach dem Roman von Mehdi Charef in die Banlieues von Paris. Und nach der Babypause wird auch wieder eine Regiearbeit von Jette Steckel zu sehen sein. Nach Hauptmanns „Ratten“ am Thalia Theater in Hamburg, bringt sie im März 2014 eine neue Inszenierung auf die Bühne des DT (ursprünglich geplant war „In Zeiten des Aufruhrs“ nach dem Roman von Richard Yates). Ob das endlich der ganz große Wurf für Ulrich Khuons DT ist, wie noch vor einem Jahr Steckels fulminanter „Dantons Tod“ in Hamburg, wird sich zeigen. Wir bleiben zuversichtlich am Ball.

DT_Juni 2013

Noch herrschen sonnige Tage zum Spielzeitbeginn am Deutschen Theater Berlin. – Foto: St. B.

„Dramatiker und Rausschmeißer träumen immer von einem großen Wurf.“ Joachim Ringelnatz (07.08.1883 – 17.11.1934)

***

Alle besprochenen Inszenierungen stehen weiterhin im Spielplan des DT.

________

Ausweglos – In Andreas Kriegenburgs Uraufführung von Dea Lohers neuem Stück „Am Schwarzen See“ fahren die Protagonisten auf der Bühne des DT immer wieder gegen die Wand.

Montag, Oktober 29th, 2012

 ___

„Bei Dante ist der Limbo der erste Kreis der Hölle. Aber es ist eben gerade kein Ort des Schmerzes und der Verzweifelung, sondern ein mindestens neutraler, genau genommen sogar ein angenehmer Ort; das Leben dort wird als eine Art Schwebzustand beschrieben.“ Dea Loher im Programmheft zu „Am schwarzen See“

Dea Loher benutzt hier ganz bewusst die englische Bezeichnung für die Vorhölle (bei Dante der Limbus), um den Schwebzustand (state of limbo), in dem sich die Figuren in ihrem neuen Stück „Am schwarzen See“ befinden, zu beschreiben. Sie befinden sich somit an einem Ort ohne Ausweg, „getrennt sowohl vom Paradies als auch von der Hölle“. Ein „Ort der unerfüllten Sehnsucht“, der laut Dea Loher dem „Normalzustand unseres Lebens“ sehr nahe kommt. Nachdem die Dramatikerin in ihren bisherigen Stücken bereits mehrfach in die Untiefen der menschlichen Seele hinabgestiegen ist, wagt sie sich diesmal noch viel weiter in deren tiefenpsychologischen Abgründe vor. In ihrem neuen Drama „Am schwarzen See“ versucht Dea Loher im Deutschen Theater die schier unergründlichen Tiefen menschlichen Schmerzes auszuloten. Als theatraler Navigator steht ihr dabei ein weiteres Mal ihr langjähriger, kongenialer Erfüllungsgehilfe Andreas Kriegenburg zur Seite.

Foto: St. B. dt_am-schwarzen-see3.JPG

Diesmal entsteht aber leider der Eindruck einer gewissen Disparität zwischen Kriegenburgs Inszenierung und Dea Lohers Text, was schon etwas merkwürdig ist, wenn man mal voraussetzt, dass da nach Jahren der Zusammenarbeit eigentlich kaum noch größere Verständigungsprobleme zwischen beiden existieren dürften. Verhandelte Dea Loher in „Unschuld“, „Das letzte Feuer“, oder auch im Erfolgsstück „Diebe“ noch episodenhaft die schicksalhaften Verbindungen von mehreren nebeneinander herlebenden Figuren und deren Verstrickungen in Schuld und Leid, konzentriert sie sich diesmal auf eine kleinere Personengruppe, die eine gemeinsame, traumatische Erfahrung nach einigen Jahren wieder zusammenführt. Der Plot des neuen Stücks ist schnell erzählt. Die beiden Paare Cleo (Nathali Seelig) und Eddie (Bern Moss) sowie Johnny (Jörg Pose) und Else (Katharina Marie Schubert) treffen nach vier Jahren im besagten Haus am schwarzen See, in dem sie einst auch schöne Tage miteinander verbracht hatten, wieder zusammen. Aber nach herzlicher Begrüßungszeremonie und etwas Smalltalk bei einem Glas Prosecco brechen bald wieder die alten Wunden auf.

Vordergründig ursächlich für ihr Leid ist der gemeinschaftliche Selbstmord ihrer Kinder Fritz und Nina, die mit den Worten „Das hier ist nicht schön“ und „Die Liebe ist tot. Der Tod ist die Liebe“ in einem Abschiedsbrief ihre Ablehnung gegenüber dem Leben der Eltern zum Ausdruck gebracht haben. Schnell stellt sich aber heraus, dass der eigentliche Grund tatsächlich in ihrer Unfähigkeit ihr Alltagsleben zu reflektieren liegt und darin die Ursache für ihren Mangel an Liebe und Glück zu suchen. Sie funktionierten alle lange in ihrem jeweiligen Beruf, hatten aber auch stets mit unausgesprochenen Zweifeln zu kämpfen. Sei es, dass die Brauerei von Cleo und Eddi schlecht läuft und nur durch einen Kreditbewilligung des Bankangestellten Johnny zu retten war, oder dass sich Johnny an seine herzkranke und übersensible Frau Else gebunden fühlt und nur in sexuell motivierten, gelegentlichen Seitensprüngen Erfüllung finden kann. Johnny und Else versuchen durch berufsbedingte Ortswechsel dem Nachdenken über ihr Leben zu entfliehen, während Cleo und Eddi sich im Haus am See einmauern und die Realität einfach draußen lassen. Bei Eddi entlädt sich der Unmut in gelegentlichen sozial bemäntelten Zwangshandlungen, wie dem Verschenken der Einrichtung. Wogegen sich Cleo gefühlsmäßig hart macht und die Zügel der Geschäftsführung immer mehr an sich zieht.

Einen Gegenentwurf zu ihrem festgefahrenen Leben stellt die bedingungslose Liebe von Fritz und Nina dar, die sie scheinbar nicht wahrgenommen haben, da sie feststellen müssen, ihre Kinder nicht wirklich gekannt zu haben, und sich in gegenseitigen Vorwürfen zum Tod der beiden ergehen. Die Fragen nach dem Warum und der eigenen Schuld daran treiben die beiden Paare um, den einen mehr den anderen weniger, und bestimmen die düstere Grundstimmung des Stücks über weite Strecken. Kriegenburg lässt das nun auf fast leerer Bühne, zwischen zwei hohen Begrenzungswänden und einer fensterlosen, zugemauerten Rückwand (Bühne von Harald Thor) spielen. Einziges Möbelstück ist ein alter Lehnsessel, als Tisch dient ein auf lehre Bierkästen gelegtes Brett. Die Leere in den Herzen der Protagonisten spiegelt sich so im Interieur des Hauses wieder. Die Vorstellung noch einmal neu anfangen zu können, endet immer wieder an den hohen kahlen Seitenwänden. Die Bewegungen im Bühnenbild der Stücke „Diebe“ und „Das letzte Feuer“ (Mühlrad, Drehbühne), mit der Kriegenburg das Schicksalhafte im Leben der Protagonisten deutlich macht, laufen hier mit der sich langsam drehenden Bühne buchstäblich immer wieder gegen die Wand. Einziger Versuch zu gemeinschaftlichem Handeln bleibt das Ausmalen des fehlenden Bilds des Sees, des unwirklichen Protagonisten, den jeder für sich aus der Erinnerung an die zugemauerte Rückwand zeichnet.

Dea Loher versucht in ihrem Stück die Unfähigkeit der Figuren zu wahrer Trauer als das eigentliche Leid zu fokussieren, und das u.a. mit dem allgemeinen Glauben an das Funktionieren müssen im Alltag zu begründen. Sie stecken fest im „Limbo“, wie es Johnny einmal treffend bezeichnet. Andreas Kriegenburg macht nun daraus einen körperlich angestrengten Leidenslimbo (limbo hier für Englisch limber: biegsam), indem er die Protagonisten immer wieder zwanghaft erzittern, übereinander rollen oder einfach niederstürzen lässt. Eine stetig anschwellende Verzweiflungschoreografie zu klassischer Klagemusik. Kriegenburg benutzt hier u.a. die 3. Sinfonie der Klagelieder (Sorrowful Songs) des polnischen Komponisten Henryk Mikołaj Górecki, die dieser 1976 für die Opfer des polnischen Widerstands gegen die Nazis und des KZs Auschwitz komponiert hatte. Damit überlädt Kriegenburg das Leid der Protagonisten über die Maßen und evoziert eine existentielle Tiefe, die im Text Dea Lohers nicht wirklich enthalten ist. Somit erlangt auch das Bühnenbild fast die Größe einer Kathedrale des Leids. Sicher ist das wieder einer der für Dea Loher typisch sperrigen Texte, der es einem sicher nicht leicht macht. Kriegenburg versucht ihm mit einer fast expressiven Einfühlungsstudie par excellence bei zu kommen, der es aber dennoch an Dringlichkeit fehlt. Er vermittelt damit über weite Strecken nur eine emotionale Künstlichkeit, die merkwürdig starr an der Oberfläche verharrt.

am-schwarzen-see5.JPG Foto: St. B.

Termine „Am schwarzen See“ im Deutschen Theater Berlin:

  • 31. Oktober 2012, 19.30 Uhr
  • 06. November 2012, 20.00 Uhr
  • 11. November 2012, 19.30 Uhr
  • 21. November 2012, 20.00 Uhr
  • Dauer: 1:45 h

_________

Kleist und kein Ende – In Berlin gibt es nun ein doppeltes „Käthchen von Heilbronn“

Sonntag, Dezember 11th, 2011

Jan Bosse am Gorki und Andreas Kriegenburg am DT versuchen sich auf recht unterschiedliche Weise am großen historischen Ritterschauspiel

„Ich sagte, daß, so geschickt er auch die Sache seiner Paradoxe führe, er mich doch nimmermehr glauben machen würde, daß in einem mechanischen Gliedermann mehr Anmut enthalten sein könne, als in dem Bau des menschlichen Körpers.
Er versetzte, daß es dem Menschen schlechthin unmöglich wäre, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen. Nur ein Gott könne sich, auf diesem Felde, mit der Materie messen; und hier sei der Punkt, wo die beiden Enden der ringförmigen Welt in einander griffen.“

Heinrich von Kleist aus „Über das Marionettentheater“ (1810)

„Tanzen ist Träumen mit den Füßen“ marionette_clara-diercks_pixeliode.jpg
Foto: Clara Diercks / pixelio.de

Kleists Essay „Über das Marionettentheater“ ist Ausdruck seines ästhetischen Empfindens der darstellenden Kunst wie auch seiner Skepsis über das zeitgenössische Theater seiner Zeit. Es zeigt Kleists Zerrissenheit der Seele, genauso wie seine Zweifel an der realen Welt, in welcher der aus dem Paradies vertriebene Mensch durch seine Gravitation an den Boden gefesselt bleiben muss. Was Wunder also, dass sich zwei Regisseure in Berlin nun u.a. mit Hilfe von Puppen einem als unspielbar geltenden Werk Kleists nähern, dem so wundersam hirnspinnstigen, großen historischen Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“. Goethe, wird kolportiert, hatte das ihm überlassene Manuskript nach der Lektüre mit den Worten: „Ein wunderbares Gemisch von Sinn und Unsinn! Die verfluchte Unnatur!“ in das lodernde Feuer des Ofen geworfen. Er weigerte sich das Stück aufzuführen, „… wenn es auch ganz Weimar verlangt.“ 

Was für eine Ironie, ist doch das Feuer neben dem Wasser ein entscheidendes Element in Kleists Dichtung über die geradezu unterwürfige Liebe des einfachen Mädchens Katharina Friedeborn zum Ritter Friedrich Graf Wetter vom Strahl. Erst muss es buchstäblich durchs Feuer gehen und dann auch noch einen reißenden Fluss überqueren. Dabei steht ihr ein echter Schutzengel zur Seite, „ein Cherub in der Gestalt eines Jünglings, von Licht umflossen, blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand.“ Soviel Pathos kennt man nur noch aus der Oper, wie z.B. aus Mozarts „Zauberflöte“ oder den Werken Richard Wagners, der auch in Tränen ausbrach, beim Lesen von Kleists Drama. Man glaubte damals, eine Parodie auf die romantischen Ritterschauspiele der Zeit vor sich zu haben, musste aber feststellen, dass es Kleist, den lang ersehnten Erfolg vor Augen, durchaus ernst damit wahr. Ihm gelang hier ein Anschlag auf die aufgeklärte Welt seiner Zeit, mit Hilfe der romantischen Schilderung eines Traums von der bedingungslosen Liebe.

(mehr …)

Winterreise? Andreas Kriegenburg inszeniert Elfriede Jelinek am DT mit fünf Quasselstrippen auf einer Klatschmohnwiese

Samstag, September 10th, 2011

Mit einem langanhaltenden Kiekser beendet Anette Paulmann als Leiermann diesen leider ebenso langatmigen Jelinek-Abend, der gestern am Deutschen Theater Berlin Premiere hatte. Kaum einen Kiekser mehr ist diese dreistündige Inszenierung des DT-Hausregisseurs Andreas Kriegenburg dann auch wert. Es ist noch nicht all zu lange her, dass die Kammerspiele München mit der „Winterreise“ in einer Inszenierung von Intendant Johan Simons hier zu Gast waren. Auch wenn er mit der Uraufführung des in Mülheim preisgekrönten Stückes von Elfriede Jelinek keinen wirklichen Volltreffer landen konnte, muss sich Kriegenburg nun wohl oder übel daran messen lassen.
Keinen kahlen unwirtlicher Raum, wie bei der Aufführung im Rahmen der Autorentheatertage im Juni, sondern eine Blumenwiese, gepflanzt von Nikolaus Frinke, ist auf der Bühne zu sehen. Hier wandeln fünf elfengleiche Wesen (Judith Hofmann, Annette Paulmann, Maria Schrader, Anita Vulesica  und Susanne Wolff) zunächst mit Wanderrucksäcken und im Nachthemd umher und sagen ihren Jelinektext auf. Die Musik aus Schuberts Liederzyklus klingt im Hintergrund und trennt die einzelnen Szenen voneinander. Zu Beginn und während der Aufführung spielt Maria Schrader immer wieder einige Akkorde aus der Winterreise auf einem Flügel. Sie ist dabei regelrecht ans Klavier gefesselt und wird auch mal mit Packband daran festgeklebt. Schrader schlägt sich dabei auf die Hand und macht dazu devote Verbeugungen. Elfriede Jelinek hat seit dem sechsten Lebensjahr selbst Klavier gespielt, diese Art von Selbsterniedrigungen sind aus ihrem Buch „Die Klavierspielerin“ und dem gleichnamigen Film von Michael Haneke bestens bekannt.
Die am Anfang des Stückes stehenden und von Heideggers „Sein und Zeit“ beeinflussten Textpassagen des Wanderers sind auf alle fünf Schauspielerinnen verteilt, man wechselt sich beim Sprechen ab und tummelt sich dabei geschäftig auf der Wiese. Die gestopfte Hypobankbraut ist gestrichen, es geht sofort mit der Kampuschstory und fünf schnatternden Klatschweibern weiter. Zu den folgenden recht expliziten Texten um Sex und unerfüllte Liebe, verletzen sich die Schauspielerinnen immer wieder symbolisch selbst, spielen mit Messern, Hackklötzen und Scheren. Annette Paulmann knüpft sich sogar eine Scherenkrone und Anita Vulesica deutet Verletzungen im Genitalbereich an. Kriegenburg wählt bewusst diese überdeutlichen Bilder, pathologisiert damit aber auch das Stück samt Autorin. Nicht etwa das Elfriede Jelinek nie ihr Innerstes in provozierender Art und Weise nach außen gekehrt hätte, aber hier werden fertige Klischees ausgestellt. Kriegenburg traut der Assoziationskraft des Zuschauers nicht und bebildert den eh schon starken Text eins zu eins.
Nach der Pause wird es dann aber richtig peinlich, wenn Maria Schrader in eine Anzugszwangsjacke gesteckt, mit gebrochener Stimme den dementen Vater der Jelinek mimen muss. Sie befreit sich zwar nach einiger Zeit wieder aus diesem Korsett, dafür tapern jetzt die anderen vier, als senile alte Männer verkleidet, über die Wiese und stecken die Schrader schließlich auch noch in ein Gitterbett. Wo Simons in seiner Inszenierung Kitsch weitestgehend vermieden hat, greift Kriegenburg mit beiden Händen mitten hinein. Erst am Schluss bekommt der Abend wieder ein paar kräftigere Szenen, wenn die Damen immer wieder im Wechsel an die Rampe treten und sehr selbstbewusst und gar nicht larmoyant die Leiermannklage anstimmen. Da ist es aber bereits zu spät, um diesen Abend noch zu retten. Was wollte uns Elfriede Jelinek eigentlich gleich noch sagen? Egal, es hört ja ohnehin kaum jemand zu. Was wirklich bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack und eine bittere Enttäuschung mehr am DT.

__________________________________

Andreas Kriegenburg stellt mit Hebbels „Judith“ in den Kammerspielen des DT das Dilemma der Legitimation des Tyrannenmords aus

Dienstag, März 22nd, 2011

Schwarz, blutiges Rot und gekalktes Weiß sind die drei vorherrschenden Farben in Andreas Kriegenburgs Theaterwelt, einem Theater der melancholischen, oft auch clownesken Masken und Bilder. Umfallende Wände, schiefe Ebenen, die kaum Halt für seine Figuren darstellen, zeichnen seine Bühnenbilder aus. Sich niemals wirklich sicher sein, die behandelten Stoffe hinterfragen und spielerisch neu gestalten, das waren bisher die Stärken von Kriegenburgs Inszenierungen. Er ließ sich dabei immer auch auf schwerst melancholische oder klaustrophobe (Dea Loher, Anton Tschechow oder Franz Kafka) und pathosgeladene Stoffe (Aischylos Orestie, Hebbels Nibelungen und Kants Penthesila) ein, die aber in seiner Hand mit viel Spielfreude neu erstrahlten. In der letzen Zeit überwiegen aber deutlich eine gewisse Schwere und Ausweglosigkeit in den behandelten Stoffen zu Lasten seines zauberhaft komödiantischen Humors, der Kriegenburgs Inszenierungen bisher auszeichnete. Diese zart melancholische und oft poetische Ironie ist ihm nun in Friedrich Hebbels „Judith“ vollends abhanden gekommen. Nachdem Michael Thalheimer im letzten Jahr die Nibelungen von Hebbel in einer gewaltigen Blut- und Bierflut ersäufte, nähert sich nun auch Kriegenburg an diese bedeutungsschwangeren Bildern an.
Hebbel hatte seine Judith im Gegensatz zum biblischen Vorbild, nicht als Gotteskriegerin gezeichnet, die triumphierend den Kopf des assyrischen Heerführers Holofernes in die belagerte Stadt Bethulien trägt, sondern als eine Frau und unberührte Witwe mit eigenem Willen und einer Sehnsucht nach erfüllter Sexualität. Sie fällt letztendlich aber auch dieser Sehnsucht zum Opfer und tötet den Holofernes aus Rache, also niederen Beweggründen, ist sich dieser Schuld wohl bewusst und zerbricht schließlich daran. Das Dilemma der Legitimation des Tyrannenmordes macht nun Kriegenburg daraus. Im Programmheft zeichnet der Germanist und Professors des Lehrstuhls Literatur und Medien an der Ruhr-Universität-Bochum Manfred Schneider die Chronologie von Tyrannenmorden in der Literatur und Weltgeschichte von Caligula, Nero und Cesar über Ludwig den VI. bis zu Abraham Lincoln und schließlich Nicolai Ceausescu in der nun medienbestimmten Gegenwart nach, als eine Suche nach einer rechtlichen Legitimation und fehlgeleiteten Rezeption der Geschichte von göttlicher Herrschaft und Tyrannei. „Der Tyrannenmörder ist nicht selten das Spiegelbild seines Opfers. Er macht das Unmögliche möglich, nämlich „kurzen Prozess“. Aber er fühlt sich zu dieser Tat legitimiert, … weil er sich durch Vorbilder, durch geschriebenes oder ungeschriebenes Recht dazu aufgefordert sieht.“
Das steckt alles natürlich auch in der Judith. Kriegenburg vermengt nun aber die religiöse Figur der Bibel mit der Verzweiflungstäterin bei Hebbel. Am Anfang soll allerdings noch über ein Videobild einer Kopftuchträgerin mit der Unterschrift: „I’m not a terrorist“ klar gestellt werden, dass Judith eben nicht in den fanatisch religiösen Kontext gestellt werden soll. Die Bilder, die nun in schneller Folge über die Bühnerückwand laufen, sollen den Gegenwartsbezug aus Krieg, Gewalt und deren medialer Aufbereitung zeigen. Da stehen Bildern von Nachrichtensendungen mit Obama und Gaddafi, der nun aktuell den als nächstes zu stürzenden Tyrann darstellt, neben Bildern von Guantanamo und Wikileaks-Gründer Julian Assange, einen den man durchaus als kritischen Hinterfrager des heutigen Tyrannensturzes bezeichnen kann, obwohl er mittlerweile selbst zu einer Art medialen Tyrannen gemacht wurde. Lauter Interessante Fragen, die es zu klären gäbe, aber das ist schnell ad acta gelegt. Nachdem die Protagonisten in Alltagskleidung die Geschichte der Judith erzählt haben, bemalen sie die Rückwand mit schwarzer Farbe, die weiße Lücken lässt, aus denen lauter Opfer werden und Alexander Khuon schält sich als Holofernes aus dieser Gruppe heraus.
Hier nun beginnt das eigentliche Dilemma der Inszenierung, die Aktualität in Bildern behauptet, aber nur noch den Schrecken und die Macht des Tyrannen Holofernes ausstellt und die Ohnmacht und das Wanken der Ebräer, die in der Steinigung des Assad gipfelt, in einer durchchoreografierten Tuchtanznummer verklausuliert. Judith wird nun aus dieser Unentschlossenheit heraus zur Projektion der Wünsche dieser Ebräer, ihre eigentliche Geschichte wird buchstäblich unter dem Tuch gehalten und Katharina-Marie Schubert als Judith muss sich auf der Bühne wälzen und mit Farbe beschmieren, um die reine Verzweiflung darstellen zu können. Die Begegnung mit Holofernes wird zu einer Unterwürfigkeitsnummer, die saufenden und vergewaltigenden Soldaten des Holofernes, in weiße blutbefleckte Mäntel gekleidet, sind das bestimmende Bild dieser Inszenierung. Hin und wieder tritt einer aus dem Kreis der Protagonisten und erzählt als Judith eine Geschichte aus der Sicht der Opfer bekannter Kriege von Judäa über Beirut bis nach Srebrenica.
Alexander Khuon soll die Ausgeburt eines Tyrannen verkörpern, ist aber nur ein gelangweilter Kraftmeier. Sein Trunk ist die Droge jedes beliebigen Diktators, der sich an seinen Taten besoffen hat, bis ihm nichts mehr bleibt, als auf seine Attentäter zu warten, Gott werden oder Tier. Kriegenburg entscheidet sich für das Tier im Manne. Holofernes sticht erst alles um sich herum ab und zerrt sich dann sämtliche Blutmäntel über, bis er vor Kraft kaum noch laufen kann. Er verhöhnt, als sich selbst gottgleich wähnender Kriegsherr, die Götter der Ebräer und erniedrigt die vor ihm liegende und verzweifelt argumentierende Judith. Das wird als nicht enden wollender Schlammcatch-Ringkampf ausgeführt, bis Holofernes Judith schließlich zum eigentlichen Geschlechtsakt wegzerrt.
Als einzige weitere Rolle steht oder besser kniet Bernd Moss als Judiths Magd Mirza neben dem Geschehen und barmt mit ihr um die Wette. Von der aufsteigenden, enttäuschten Wut der Judith auf ihren Schänder ist dann nichts mehr wirklich zu sehen. Kriegenburgs Weltschmerz überträgt sich auf seine Darstellerin und diese muss den Zorn wieder mit einem Bild beweisen, indem sich Katharina-Marie Schubert mit Theaterblut „Hass“ auf den Bauch schreibt. Die eigentliche Tat der Enthauptung findet nach Umsturz der Bühnenrückwand im Hintergrund statt, indem sich Judith auf das Schwert des Holofernes setzt, das dem schlafenden dann im Hals steckt. Das ist ganz großes Schmerzgetue und die Zweifel der Judith an ihrer Tat werden in den Versen Hebbels zur großen Anklage gegen alles Übel dieser Welt. „Wehe, sie werden mich rühmen!“ Das zeigt dann aber Kriegenburg nicht mehr und was er eigentlich zum Dilemma der Judith zu sagen hat, geht im Bildmatsch der Inszenierung unter. Es bleibt zu hoffen, das er schnellst möglich wieder aus seiner Trauergruft heraussteigt und zur Leichtigkeit seiner früheren Bilderräusche zurück findet. Dabei muss er ja sein Gewissen nicht in der Garderobe lassen, aber nur Aufschminken ist auch keine Lösung.

Das Höchste und das Tiefste

Kein Gewissen zu haben, bezeichnet das Höchste und Tiefste,
Denn es erlischt nur im Gott, doch es verstummt auch im Tier.

Friedrich Hebbel

Ein Sommernachtstraum für müde Städter mit Torschlusspanik

Samstag, September 25th, 2010

___

Andreas Kriegenburg schickt am DT eine Cocktail-Party-Gesellschaft zur Traumdeutung in den Zauberwald von Athen.

Nach dem jüngsten Streit um eine Hamlet-Inszenierung am Thalia Theater Hamburg, nun am Deutschen Theater Berlin der nächste Regietheaterstreich mit William Shakespeare inszeniert vom Hausregisseur Andreas Kriegenburg, der auch wieder die Bühne gestaltet hat.

Zu Beginn stehen fünf Gestalten im Blaumann vor uns, sie haben Putzeimer und Lappen dabei. Vier Frauen und ein Mann. Sie stellen die Handwerker dar, hier sind es Fensterputzer, und warten erst mal auf die wohlverdiente Pause. Der einzige Mann der Handwerksgesellschaft hat weder Bart noch Haare auf dem Kopf, die vier Damen dagegen haben sie sogar auf den Zähnen. Markwart Müller-Elmau als Zettel geht erst mal kacken, während die Damenrunde beim Frühstück schon zu philosophieren beginnt. Es geht um Schein und Wirklichkeit, den Traum und seine Bedeutung. Dazu werden u.a. Walter Benjamin, der Verfechter des Auratischen und die Philosophin Petra Gering aus ihrem Werk „Traum und Wirklichkeit“ zitiert oder die Traumdeutung der Aborigines und natürlich Sigmund Freud diskutiert. Als Zettel endlich wiederkommt, kann mit Shakespeare begonnen werden. Die Fensterputzer machen sich auf, die Bühne beginnt sich zu drehen und gibt den Blick erst auf eine Glasfassade mit Pflanzen und dann auf einen fast kathedralenhaften Raum zwischen diesen Wänden frei.

Mehrere Menschen in Blumenkleidern und weißen Anzügen bewegen sich fast traumhaft zu Madrigalen. Aus ihnen schälen sich erst langsam die Darsteller der zwei bekannten Athener Paare. Die Anfangszene an Athens Hof ist gestrichen, von der bevorstehenden Hochzeit von Herzog Theseus und Hippolyta der Königin der Amazonen wird nur berichtet. Die Anklage des Egeus, Vater der Hermia findet nicht statt. Es beginnt sofort mit der Flucht der Hermia und ihres Geliebten Lysander in den Wald, die Verschmähten Helena und Demetrius folgen ihnen. In den Szenenwechseln putzen die Handwerker die Glasfenster und stellen wieder philosophische Betrachtungen an, das hat durchaus seinen Witz und ist nicht nur ein schmaler Running Gag.

Die Bewohner des Elfenreiches tragen alle Kopfputz aus Moos, Rinde, Strauchwerk und was der Wald sonst so hergibt. Es entstehen immer wieder merkwürdig phantastisch anmutende Choreografien bevor die eigentliche Handlung weiter geht. Der Puck des Daniel Hoevel ist ein Beau mit Spazierstock, ebenso wie sein Herr Oberon gespielt von Ole Lagerpusch, sie sind ersichtlich jünger als die Athener Paare, dargestellt von Bernd Moss, Natali Seelig, Jörg Pose, und Judith Hofmann. Das ist das Prinzip von Andras Kriegenburg, er stellt sie als gestresste Städter mit Torschlusspanik dar. Jörg Poses Demetrius ist der Partylangweiler schlechthin, er spricht seinen Text eher beiläufig daher.

Diese Gesellschaft wird nun von den übersättigten Partysprengern Puck und Oberon auf die übliche Weise durcheinandergewürfelt nur so zum Zeitvertreib. Der Text ist stark zusammengestrichen und auf die Szenen im Wald beschränkt. Die verwendete Übersetzung stammt von Frank Günther, der Shakespeare bereits in den 70er Jahren übersetzt hat. Andreas Kriegenburg setzt zur Unterstützung seiner Traumdeutung immer wieder ein ganzes Ensemble von Waldgeistern ein, die über die Bühne tänzeln und selbst Puck wächst ein Strauch aus dem Kragen, blind mit dem Zauberkraut umherirrend verwechselt er die Athener. Die konsequente Entschleunigung des Stücks öffnet das Auge für das Unterbewußte, endlich werden die Figuren nicht mehr durch den Wald gehetzt, sie sind eher Getriebene ihrer inneren Sehnsüchte.

Auf dem Höhepunkt der Verwirrung taumeln die verdrehten Paare zwischen lauter umherlaufenden Menschen mit Handys am Ohr umher, hatten wir das nicht erst vor kurzem, bevor sie erschöpft in einem Knäuel zusammenfallen. Das Konzept der Metropolenbewohner auf der Suche nach der Liebe zwischen Verlangen und Unfähigkeit ihre Lust ausleben zu können, trägt leider nicht den ganzen Abend und so besinnt sich Kriegenburg wieder auf die Geschichte der Handwerker, die für die dringend notwendig Abwechslung sorgen müssen. Ihr Probe ist mit einer der Höhepunkte des Abends. Zettel/Pyramus mit Starallüren, eine vor trockenem Humor strotzende Margit Bendokat als Flaut/Thisbe, Barbara Heynen als genervter Regisseur Squenz, Barbara Schnitzler als Schnauz im wahrsten Sinne und Almut Zilcher als Schnock auf der Suche nach seinen Cojones fürs echte Löwengebrüll. Eine herrliche Parodie auf den Theaterbetrieb. Gut gebrüllt, Löwe.

Puck zaubert nun Zettel den Eselskopf und die Handwerker zerstreuen sich maulend im Wald. Titania, Olivia Gräser als laszive traumwandlerische Verführerin, empfängt ihn in ihrer Bondage-Schaukel. Zettel wird umgarnt und verwöhnt bis Oberon den Zauber von ihnen nimmt. Allein steht Zettel nun auf der Bühne, als Einziger der zufrieden seinen Traum ausgelebt hat, genüsslich malt er ihn uns aus. Für alle anderen bleibt es wie immer ein Albtraum der Gefühle, der sich zum Schluss erst wieder durch die ordnende Hand des Zufalls richten wird. Analyse und Selbsterkenntnis fallen aus. Zum Schluss kann man noch genüsslich dem Schauspiel der Handwerker von Pyramos und Thisbe beiwohnen, einer schönen Parabel über Schein und Sein, Maske und Verstellung.

Für Jürgen Goschs sehr physischen gut vierstündigen Sommernachttraum vor nicht all zu langer Zeit gab es noch Zugaberufe, hier ist der Beifall eher recht brav für eine doch durchaus gelungene Shakespeareinterpretation, die auch ruhig noch etwas kürzer hätte ausfallen können.

_________