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Finanzkrise und Krieg als Dokudrama – Am Deutschen Theater und der Schaubühne Berlin ringen professionelle Darsteller mit authentischen Texten aus dem Munde von Bankern und Soldaten um Wahrheit und Verantwortung.

Donnerstag, Februar 7th, 2013

Finanzkrise und Krieg, wer sähe da keine Zusammenhänge, und hätte nicht sofort die politischen Fotomontagen eines John Haertfield vor Augen? Stehen doch auch heute durchaus noch Millionen hinter manchem Diktator oder sorgen das Spekulieren mit Ressourcen und Lebensmitteln für Ausbeutung, Hunger und letztendlich auch bewaffnete Verteilungskämpfe und Interventionen in der dritten Welt. Das mag platt und abgegriffen klingen, aber so ganz einfach lassen sich diese Zusammenhänge, gerade in der immer komplizierter erscheinenden Welt der Banken, heute auch nicht mehr erkennen. Doch auch einzeln betrachtet, birgt jedes gesellschaftliche Problem für sich schon einiges an Theatralität, und ist somit dankbarer Stoff für Bühnen, die politische Aktualität nicht nur als Fahne vor sich her tragen wollen. Trotz aller Schwierigkeiten, politische Zusammenhänge schlüssig und künstlerisch interessant zugleich auf dem Theater darzustellen, sind Macht, Demokratie, Gewalt und Revolte gerade in dieser Spielzeit wieder gefragte Schlagworte auf deutschsprachigen Bühnen. Zurzeit sind in Berlin zwei Theaterinszenierungen zu sehen, die, jede auf ihre ganz bestimmte Weise, sich diesen Themen widmen. Zwei Theatermacher, Andres Veiel am Deutschen Theater und Volker Lösch an der Schaubühne, die in ihrer Herangehensweise kaum unterschiedlicher sein könnten, haben nun jeder für sich Ergebnisse vorgelegt, die sich trotz dieser Unterschiede dennoch in einem entscheidenden Punkt treffen. Sie nutzen beide ganz oder zum Teil  authentisches O-Tonmaterial, das sie mangels originärer Protagonisten professionellen Darstellern in den Mund legen.

Abgehalfterte Banker träumen von alter Größe und rechtfertigen sich auf der Bühne des Deutschen Theaters – „Das Himbeerreich“ von Andres Veiel gerät dabei eher süß-sauer.

„Wenn einer falsch berät, Produkte verkauft, die er nicht versteht oder die für den Kunden ungeeignet sind, dann gehört der nicht in die Bank. Aber vom Fehlverhalten weniger kann nicht auf das Verhalten aller geschlossen werden.“ Andreas Schmitz, scheidender Präsident des deutschen Bankenverbands, in einem Interview mit der Berliner Zeitung (2./3. Febr. 2013)

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Nur sich selbst reflektierende Festungen aus Stahl und Glas? Blick von Nordwesten auf das Bankenviertel Frankfurt am Main. Foto: Heptagon (auf Wikipedia)

„Das Bild in der Öffentlichkeit ist miserabel“ gesteht der Investmentbanker und Sprecher der HSBC Trinkaus & Burkhardt AG Andreas Schmitz in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung. Dennoch sieht der Privatbanker die Fehler eher bei den Sparkassen und Landesbanken, die sich in Unkenntnis der Risiken auf scheinbar lukrative Immobiliendeals mit amerikanischen Investmentbanken eingelassen haben. „Es waren schließlich die Lehmann Brothers, Northern Rocks [Großbritannien] und HREs [Hypo Real Estate München] dieser Welt, die in Schieflage geraten sind.“ Einem versierten Privatbanker wie Schmitz kann so etwas nicht passieren. Und dennoch begrüßt er den schnell aufgespannten Rettungsschirm der Bundesregierung: „Mich hat überrascht, wie entscheidungsfreudig und wehrhaft eine Demokratie in Not sein kann. Das Bankenrettungspaket wurde innerhalb von zweieinhalb Wochen umgesetzt.“ Es ist schon interessant, was Banker so unter einer wehrhaften Demokratie verstehen. Aus der Sicht von Schmitz sind die Vergütungsstrukturen der Banker zwischen dem Aufsichtsrat und dem Management auszuhandeln. Sie seien nicht Sache des Staates (Kurier am Sonntag, 28.06.2009). Bei der Kritik an überzogenen Managergehältern sollte sich der Staat also eher zurückhalten. Er darf sich dann aber wiederum aktiv an der Rettung der leckgeschlagenen Geldtanker beteiligen. Geradezu zynisch wird es, wenn Schmitz nach Anlagetipps befragt schließlich damit herausrückt: „Erst einmal weiß ja keiner so genau, ob und wie die Inflation in Deutschland steigt. Darüber hinaus ist es der Risikoneigung des Einzelnen überlassen, wie er anlegt. Die Welt wird wieder mutiger, das sehen wir unter anderem an den zuweilen üppigen Preisen, die Privatanleger für Immobilien zahlen.“ Auch wenn die europäischen Regierungen das Zocken an den Börsen durch einige teilweise recht drastische Regulierungen und Strafen unterbinden wollen, konnten anscheinend Privatanleger und Banken mittlerweile genügend Eigenkapital auftanken, um bei Investitionen und der Kreditvergabe wieder etwas risikofreudiger zu werden.

Bei dieser Art von Hybris scheint es tatsächlich so, als hätten die führenden Manager in den Bankenetagen nicht allzu viel dazu gelernt. Das Schuldbewusstsein hält sich in Grenzen, oder sinkt gar proportional mit wachsender Renditeerwartung. „Das Fest“ kann also wieder beginnen, um den Eröffnungssatz aus Andres Veiels Theaterstück „Das Himbeerreich“, das jüngst in Stuttgart und Berlin Premiere hatte, aufzunehmen. Nachfolger von Andreas Schmitz wird übrigens Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen, der gerade erst im Dezember mit einem Skandal bezüglich des Handels mit CO2-Zertifikate in die Schlagzeilen geraten ist, und gegen den in diesem Zusammenhang wegen schwerer Steuerhinterziehung (Umsatzsteuerbetrug), Geldwäsche und versuchter Strafvereitelung ermittelt wird. Es kann also noch richtig heiter werden in den Chefetagen der Deutschen Bank. Gar nicht spaßig, sondern eher sehr ernst hat dagegen Andres Veiel, der erfolgreiche Dokumentarfilmer („Die Spielwütigen“, „Black Box BRD“), die Sache mit der Finanzkrise genommen. Bereits seit 2005 beschäftigt er sich mit diesem Thema, wie er in einem Interview berichtete. Ausgehend von seinen Kontakten in die Bankerszene, die er während den Dreharbeiten zu „Black Box BRD“ knüpfen konnte, hat er eine Vielzahl von Bankmanagern aus den oberen Etagen der Frankfurter und Londoner Finanztürme interviewen können, und ihnen dabei einige Interna entlockt, die er nun in seinem zweiten Theaterstück „Das Himbeerreich“ verarbeitet hat. Einem weiteren Thema, dem der RAF, von der neben „Black Box BRD“ auch sein erster Spielfilm „Wer wenn nicht wir“ handelt, ist er mit dem Titel dieses Dokustücks treu geblieben. Die Früchte des Himbeerreichs, gemeint sind Konsumgüter der kapitalistischen Warenwelt, erbat sich die wegen des Frankfurter Kaufhausbrandes in U-Haft sitzende Gudrun Ensslin von ihrem Mann Bernward Vesper.

Während die RAF nicht nur symbolisch die schöne Welt des Konsums in Form eines Kaufhauses in Flammen aufgehen ließ, sich aber anderseits noch im Knast nach ein wenig Konsum sehnte, verbrannten die Protagonisten des Investmentbankings virtuelles Geld bis zum Kollaps des Systems an den Wertpapierbörsen, bestehen aber auch trotzdem weiter auf ihren angestammten Privilegien. Diese im Nachhinein kurios anmutende Gemeinsamkeit und die hierarchischen Besonderheiten in den Vorstandsetagen der Großbanken haben Veiel wohl besonders fasziniert, als er sich für die Darstellung von vier geschassten Bankmanagern und einer Personalmanagerin entschied, die im Rückblick ihr Wirken bis zum Bankencrash und persönlichen Absturz in die unteren Etagen der Finanzgiganten aus Stahl und Glas reflektieren. Da sie aber auch weiterhin in ihren ehemaligen Wirkungskreisen verhaftet sind und nicht auf ihre Pensionen oder Privilegien wie Büro und persönlichem Chauffeur verzichten wollen, haben sie ihr Wissen nur unter der Zusicherung der absoluten Anonymisierung preisgegeben. Veiel hat ihre Worte fünf Schauspielern und einem Chauffeursdarsteller in den Mund gelegt. Zusätzlich hat er die Aussagen aus dem direkten Zusammenhang genommen und neu zusammenmontiert. Es entsteht so eine ganz bestimmtes Sprach- und Stimmungsbild der uns bisweilen fremd anmutenden Bankenwelt, in der ganz bewusst eine elitäre Bild- und für Außenstehende unverständliche Finanzsprache gepflegt wird. Das Programmheft versucht Begriffe wie zum Beispiel stochastische Volatilität zu erklären. Ein Maß für die wahrscheinliche Schwankung von Aktienkursen und Zinsen, um den möglichen Gewinn bzw. Verlust bei einem risikobehafteten Wertpapiergeschäft vorherzusehen.

dt_himbeerreich_jan-2013.jpg Foto: St. B.
Viel medialer Rummel um „Das Himbeerreich“ am Deutschen Theater.

„Wer gewinnt daran, wo geht das Geld hin? An die, die heute schon auf den Zusammenbruch des gesamten Systems Hunderte von Milliarden wetten. Warum wird da niemand wütend? Warum werden die Zelte abgebaut und in den Museen ausgestellt? – Die eigentlichen Fragen werden nicht gestellt.“ Gottfried W. Kastein, aus: „Das Himbeerreich“ von Andres Veiel (Auszug aus dem Programmheft des DT)

Pappfiguren der Finanzwelt

Die Figur des kritischen Bankers Gottfried W. Kastein, dargestellt vom Vorzeigemimen des DT Ulrich Matthes, in dessen sprechendem Namen die Theaterbegriffe der antiken und der gegenwärtigen Tragödie wie Katastrophe, Erschrecken und Katharsis implizit mitzuschwingen scheinen, ist Veiels Versuch wenigstens einen der ehemaligen Finanzelite etwas wie ein Gewissen zu gönnen. Der kleine, gespielte Wutausbruch an der Rampe mit strengem Blick von Matthes ins Publikum wird aber nur mit vereinzeltem Beifall aus dem Parkett bedacht. Seine Gegenspielerin, die ehemalige Personalchefin Dr. Brigitte Manzinger (Susanne-Marie Wrage – Sie war schon in Veiels erstem Theaterstück „Der Kick“ dabei.), scheint dagegen kaltschnäuzig über die sprichwörtlichen Leichen zu gehen. Sie hat sich ihren Weg in die Chefetage hart erkämpfen müssen, und definiert Gier vor allem auch als Neugier. Erst langsam beginnt sie sich auch ein Privatleben und eine Familie zu gönnen. Trotzdem will Manzinger aber bis zum Schluss konsequent bleiben, selbst beim Sprung mit dem Champagnerglas runter vom Dach. Veiel hat, wie in einem Beitrag des Tagesspiegels zu lesen war, aus Mangel an realen Vorbildern auch männliche Positionen in diese Figur montiert. Es kommt zum gelegentlichen Schlagabtausch zwischen Manzinger und Kastein. Aber anstatt in den Klinsch zu gehen, separiert Veiel seine Protagonisten weitestgehend und lässt sie zumeist einzeln ihre Sicht der Dinge vortragen. Da ist weiter der bullige Investmentbanker Niki Modersohn (Sebastian Kowski) der zwar von „kleinen Flirts mit Mephisto“ aber auch fasziniert von Nullen spricht, die sich an die ersten Millionen reihen. Die Banker alter Schule werden von Dr. Dr. h. c. Walter K. von Hirschstein (Joachim Bissmeier) und Bertram Ansberger (Manfred Andrae) verkörpert. Sie wurden von der rasanten Entwicklung am Aktienmarkt förmlich überrollt, saßen aber trotz Bedenken weiter fest in ihren Vorstandssesseln. Sie fühlen sich nun von der Politik zum „hanebüchenen Deal“ mit den Amerikaner genötigt, und versuchen ihr Handeln im nachhinein zu rechtfertigen. Von Hirschstein setzt dabei auf klassische Philosophie, den gesunden Menschenverstand und Mitarbeiter die in ihrer Freizeit auch mal ein Buch lesen und nicht nur Sport treiben. Das sich im Kampf der Kräfte trotzdem eine Elite durchgesetzt hat, von der selbst Machiavelli nicht zu träumen wagte, können beide nur noch müde konstatieren.

Andres Veiel sperrt diese Looser der glänzenden Bankenwelt in einen metallenen, kalt-sterilen Bunker mit gläsernen Aufzügen (Bühne: Julia Kaschlinski). Sie sind begraben unter den Türmen aus Stahl und Glas, im sogenannte Sterbegeschoss. Die Ausgesonderten, die dennoch nicht ganz loslassen können, um ihre alten Privilegien jammern und sich die noch verbliebenen schönreden. Man wirft philosophische Bonmots in die Runde, oder sozialdarwinistische Thesen, hat alles immer schon gewusst und ist sich dennoch keiner Schuld bewusst. Wie zahnlose Tiger in einem Käfig beäugen sich die ehemaligen Kontrahenten und bekommen zum Schluss von ihrem Fahrer einen Freizeitdress von Puma gereicht. Nach erfolgreichem Berufsleben warten nun Präsidentenposten in Stiftungen und Fußballclubs auf sie. Veiel setzt mit Jürgen Huth als Fahrer Hans Helmut Hinz einen kleinen Kontrapunkt zum undurchschaubaren System der Banken. Ein ganz geerdeter Jedermann, der zwar nicht versteht was seine Chefs sagen, aber scheinbar die einzige Bezugsperson nach draußen darstellt. Auch Alfred Herrhausen hatte ja eine ganz persönliche Beziehung zu seinem Chauffeur. Aus dem Off werden chorisch Episoden aus der Vergangenheit der Banker mit schwerer Kindheit usw. verlesen. Seinen Protagonisten auch eine ganz private, menschliche Seite zu geben, ist wie bereits in „Black Box BRD“ eine ganz besondere Spezialität von Andres Veiel. Hier lenkt es eher ab, als das es erhellend wirken würde. Das Wissen um die spezielle Sprache der Banker, die schon Elfriede Jelinek zu ihren kaulauernden Wortschöpfungen in „Die Kontrakte des Kaufmanns“ inspirierte, ihre abgeschottete, intransparente Welt zeugen schon allein von ihrer Absicht auch weiterhin ungestört unter sich zu bleiben. Wenn man das Interview von Bankvorstand Andreas Schmitz, der sich sicher auch als Banker alter Schule sehen würde, in der Berliner Zeitung ließt, scheint es zunächst recht unspektakulär. Das Leitartikelwort Gier wird mit keiner Silbe von ihm erwähnt. Erst beim zweiten Lesen und separieren bestimmter Passagen, erkennt man die Brisanz in den Formulierungen. Es bedarf also gar nicht unbedingt eines Theaterstücks mit anonymisierten Stimmen. Schon allein im täglichen Umgang mit den Medien und der Politik bekommen die Banker trotz Verstellung ein Gesicht. In Andres Veiels Bankenstück „Das Himbeerreich“ behalten sie weitestgehend ihre Pappmasken auf. Alles nur Theater mit der Tragödie? Scheinbar, allerdings über weite Strecken tatsächlich ziemlich unspektakulär, wie die ganze Sache sich trotz brandaktuellem Bezug dann wohl auch in Wahrheit darstellt. Was ihr hier auf der Bühne leider die Spannung, jedoch in der Realität nicht zwangsweise die Brisanz rauben muss. Und die Feststellung von Kastein, dass die Schwachen die eigentlich Gefährlichen sind, ließe sich durchaus auch positiv umwerten.

„Bei Occupy mochte ich das Weglassen von Gesichtern und Thesen, damit das nicht sofort medial verschossen wird. Trotzdem geht man mit dem Camp direkt dahin, wo man sagen kann: Das wollen wir nicht. Also ein Ausstieg, aber mittendrin. Ob man durch diese Strategie an Relevanz verliert, ist die Frage. (…) Dieses Gehen auf die Agora und sich dort treffen, das fanden wir alle immer am geilsten. Ich fange jetzt auch schon an, mich über Medien zu behaupten, aber eigentlich ist das Schwachsinn. Eigentlich müßte ich auf den Platz zu den anderen.“ Der Hamburger Künstler Schorsch Kamerun in einem Interview zu seinem neuen Soloalbum „Der Mensch läßt nach“- Songs aus Theaterstücken (junge Welt, 06.02.13)

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Volker Lösch wagt an der Berliner Schaubühne den theatralen, geschichtlichen Dreisprung zwischen Wolfgang Borcherts Nachkriegsdrama „Draußen vor Tür“, Abhörprotokollen deutscher Kriegsgefangener und dem Trauma eines Afghanistan-Veteranen der Bundeswehr.

Foto: St. B. schaubuhne_drausen-vor-der-tur_febr-2013.jpg

Bereits 2010 hatte der Theaterregisseur und große Inszenator authentischer Laienchöre Betroffener aus allen Bereichen des Alltags Volker Lösch an der Berliner Schaubühne ähnliches vor, wie Andres Veiel mit seinem „Himbeerreich“ am DT. Er wollte Georg Kaisers expressionistisches Drama „Von morgens bis mitternachts” über den Kassenangestellten einer Bank inszenieren, der erst wegen einer Frau Geld unterschlägt und sich dann durch das Berlin der 1920er Jahre bis zum Selbstmord treiben lässt. Es fanden sich damals nur leider keine Banker, die bereit waren, offen auf der Bühne über ihr Wirken zu berichten. Einer entsprechenden Einladung der Schaubühne zum Casting waren nicht genügend Menschen aus der Finanzwelt gefolgt, wie Nachtkritik seinerzeit meldete. Keine Problem hatte Lösch dann 2011 die rechte Anzahl echter Prostituierter für seine Produktion „Lulu – Die Nuttenrepublik“ nach dem Drama von Frank Wedekind zu finden. Was dann aber auch nicht ganz der Wahrheit entsprach und für einigen Wirbel in Presse und Internet sorgte. Anfang Januar diesen Jahres hat Volker Lösch nun mit professionellen Schauspielern auch ohne Banker in Basel Robert Harris‘ Roman „Angst“ auf die Bühne gebracht und mit Zitaten aus Werken von Charles Darwin zur Evolutionstheorie sowie Interviewtexten von Bankern, der sozialdarwinistischen Ebene sozusagen, kurzgeschlossen. Zwar durchaus ein typischer Lösch, wie die Kritik berichtet, sich dabei aber gleichzeitig auch über die allzu plakative Verlegung ins Reich der Neandertaler amüsiert. Das Fehlen authentischer Laien, die ihre Geschichte selbst vortragen, zur Umsetzung seiner speziellen Methodik scheint also ein entscheidendes Manko bei der Erreichung der gewohnten Lösch’ schen Theaterästhetik zu sein. Da hatte man vor einem Jahr schon die Vermutung, als bekannt wurde, dass die Premiere der Produktion von „Draußen vor der Tür“ ebenfalls abgesetzt wurde, dass es wieder an den mangelnden Experten liegen würde. Angekündigt war damals noch die enge Verschränkung von Borcherts Kriegsheimkehrerdrama mit den Aussagen von Afghanistanveteranen der Bundeswehr. Nun war es wohl doch nur eine Probenverletzung von Schaubühnenschauspieler Felix Römer, der sich ein Bein gebrochen hatte, was als Grund für die Verschiebung auch mehr als plausibel klingt. Von Veteranen aus dem Umfeld aktueller deutscher Auslandseinsätze war dann in den Presseinterviews von Volker Lösch im Vorfeld der Neuansetzung des Stückes auch keine Rede mehr. Dazu aber später mehr.

„Und der Mörder bin ich. Ich? der Gemordete, ich, den sie gemordet haben, ich bin der Mörder? Wer schützt uns davor, daß wir nicht Mörder werden? Wir werden jeden Tag ermordet und jeden Tag begehen wir einen Mord! Wir gehen jeden Tag an einem Mord vorbei!“  Beckmann, aus: „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert

Was Lösch jetzt an der Schaubühne macht, ist dem Ansatz von Veiel aber gar nicht so unähnlich. Nur dass er nicht selbst recherchiert, sondern fertiges Material verwendet, das der Historikers Sönke Neitzel und der Sozialpsychologe Harald Welzer gesammelt haben, und dieses wie üblich in seinen Produktionen mit einem Werk der Weltliteratur oder Dramatik umrahmt. Oder auch umgekehrt, je nach Sichtweise des Betrachters. Lösch geht es mit Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ (1946/47) aber schon um die Legende des ehrenhaften Landsers. Der Mythos der sauberen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg wurde ja bereits durch die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944“ nachhaltig zerstört. Jetzt kratzen also Sönke Neitzel und Harald Welzer mit ihrem Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“, in dem sie Abhörprotokolle aus englischen und amerikanischen Kriegsgefangenenlagern dokumentieren, auch an der Ehre des einzelnen einfachen Soldaten. In den zahlreichen teils unsäglichen Fernsehproduktionen des öffentlich rechtlichen deutschen Fernsehens über das Dritte Reich, wie etwa „Hitlers Helfer“ oder auch über die Protagonisten des 20. Juli 1944, konnte man schon des öfteren Erlebnisberichten sogenannter Zeitzeugen lauschen. Der einfache Soldat war da aber eher unterrepräsentiert. Da diese aus Altersgründen kaum noch zur Verfügung stehen oder den Mühen einer Theaterproduktion gewachsen sein dürften, hat Volker Lösch für seine Inszenierung wieder auf professionelle Schauspieler zurückgegriffen. Also kein Chor der betroffenen Laien ist hier zu vernehmen, sondern speziell arrangierte Theaterkunst mit in den Mund gelegten Originaltönen aus den besagten Abhörprotokollen. Und diese Gespräche der sich unbeobachtet fühlenden Wehrmachtssoldaten haben es dann auch entsprechend in sich. Nicht dass man nicht auch schon wusste, dass die Wehrmacht an Erschießungen von Juden oder Partisanen beteiligt war. Dass die Soldaten sich aber sogar dieser Taten rühmen, und wie in feuchtfröhlicher Runde von ihrem Spaß an Angriffen auf die Zivilbevölkerung Frankreichs, Englands und Russlands, an Vergewaltigungen und der Teilnahme an Erschießungskommandos berichten, ist eine neue Qualität, an die sich so mancher erst noch wird gewöhnen müssen.

Und hier kommt nun der Umschluss zu Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“. Der Protagonist Beckmann kommt nach drei Jahren Kriegsgefangenschaft in Russland körperlich und geistig versehrt wieder zurück nach Hamburg und findet sich daheim nicht mehr zurecht. Sein Kind ist tot und an der Seite seiner Frau liegt bereits ein Anderer. Da seine Stelle im alten Leben besetzt ist, wirft sich Beckmann verzweifelt in die Elbe. Die will sein armseliges Leben aber noch nicht haben. Er solle erst einmal richtig leben, getreten werden und zurücktreten. Beckmann wird schließlich bei Blankenese wieder ausgespuckt. Eine junge Frau liest ihn auf und steckt ihn, den „Fisch“, in die Sachen ihres vermissten Mannes. Aber nun taucht ein Einbeiniger auf, der seine Jacke und sein Mädchen zurückverlangt. Daraufhin flieht Beckmann wieder in die Nacht. Sein Gewissen plagt ihn, dass er als Unteroffizier an der Verwundung des Einbeinigen Schuld sei. Innerhalb der Nacht begegnet er dann weiteren Personen, denen er seine Geschichte, sein Trauma, dass an ihm nagt, erzählen will und Antworten verlangt. Niemand will Beckmann aber ernsthaft zuhören. Verfolgt von einer inneren Stimme, die sich in dem „Anderen“ personifiziert und ihn stetig antreibt, rennt er durch die Nacht, ohne Schlaf zu finden. Sebastian Nakajew als Beckmann kämpft sich dabei über einen unsicheren, nachgiebigen Parcours aus Bergen und Tälern mit einem riesigen sauberen schwarz-rot-goldenen Frottierüberzug (Bühne: Carola Reuther). Was sich darunter befindet und bewusst oder unbewusst schwelt, kann man verschiedentlich assoziieren. Es ist wohl vor allem ein Zeichen für einen gut funktionierenden Verdrängungsmechanismus, der alles Unbequeme unter den mittlerweile gesamtdeutschen Teppich kehrt. Ein fragiler, schwankender Grund, auf dem unsere Demokratie aufgebaut ist.

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Nach der Schlacht. Deutschland, ein unsicheres Gelände an der Schaubühne. (Bühnenbild von Carola Reuther)

Nakajew wird, mal chorisch, mal in verschiedenen Einzelrollen, von weiteren Mitgliedern des Ensembles der Schaubühne (Johanna Geißler, Moritz Gottwald, Ulrich Hoppe, Felix Römer, David Ruland und Leoni Schulz) begleitet. Alle wie er in graue Soldatenmänteln gekleidet. Der Chor fungiert hier mal als verfielfachter Beckmann, und dann wieder als der Andere, der Beckmann beständig quält. In eingestreuten Szenen werden die Berichte aus den Abkörprotokollen vorgetragen. Die Soldaten skandieren im Chor, oder prahlen mit ihren Kriegserlebnissen während sie banale, alltägliche Dinge verrichten, wie Schuhe oder Zähne putzen, trinken, grölen, lachen oder einfach auf dem Rücken (unterm Scheinwerferlicht) liegen und sich auf goldgelbem Untergrund, gleich den Sommerfeldern Russlands, den Bauch sonnen. Einmal legen sie sich sogar unter das große Frottiertuch und erzählen sich wie zum Hohn schaurige Gute-Nacht-Geschichte und schlafen dann guten Gewissens ein, während Beckmann der Wunsch, endlich Pennen zu können, versagt bleibt. Die Protokollszenen durchdringen nicht nur das eigentliche Stück, sie sind bewusst gegen die Spielhandlung gesetzt, so als trieben sie mit ihren nahezu leicht dahingesagten ungeheuerlichen Wahrheiten Beckmann zusätzlich in den Wahnsinn. Lösch nimmt Borcherts expressionistischen Bild- und Stakkato-Stil der Sprache in seiner Inszenierung auf. Das kommt seinem eigenen chorischen und bisweilen recht plakativen Inszenierungsmitteln auch sehr entgegen. Da rennt Beckmann das Mädchen (Leoni Schulz) mit einem großen Bett auf dem Rücken hinterher, oder der Oberst (Ulrich Hoppe), der ihm im Krieg per Durchhaltebefehl die Verantwortung über zwanzig Mann übergeholfen hat, begegnet ihm als feiste Witzfigur und Hühnerflügelwerfer. Sogar in dessen durchsichtigem Wanst türmen sich die Hühnerkeulen. Seine Verantwortung wird Beckmann hier nicht los. Auch fürs Kabarett sind seine düsteren Kriegsschilderungen nicht geeignet. Felix Römer, als Theaterdirektor in einer janusköpfigen Riesentheatermaske steckend, antwortet auf Beckmanns unbequeme Wahrheit nur zynisch, dass die Kunst mit der Wahrheit nichts gemein hätte. Es scheint so, als reflektiere Lösch hier ironisch die Wirkungslosigkeit des Theaters ansich, oder sogar das eigene Schaffen.

Beckmann müsste, um weiterleben zu können, selbst verdrängen. Das aber schafft er nicht. Den Kopf schon in der Schlinge wird er vom Anderen an seine Eltern erinnert. Aber auch dort steht er vor verschlossener Tür und ist nicht willkommen. Die Eltern haben sich per Freitod mit Gas selbst „entnazifiziert“, wie die neue Mieterin (Johanna Geißler) berichtet. Und wieder schließt sich vor Beckmann, hier tatsächlich auch mal in Großformat, die Tür. Er bleibt weiter draußen vor. Es gelingt nicht den nassen, verlorenen Fisch auf dem schwarz-rot-goldenen Frottiertuch trocken zu reiben und wieder sesshaft zu machen. Für ihn bleibt es ein ewiges unwirtliches Schlachtfeld, während und auch nach dem Krieg, in seinen schlaflosen Träumen wie den realen Begegnungen mit den Menschen, deren Verdrängungsmechanismus einfach besser funktioniert. Einerseits weil niemand seine Fragen beantworten will, anderseits aber auch weil er selbst nicht in der Lage ist, sich diesen wirklich zu stellen. Beckmann wird schließlich vom gequälten Individuum zum namen- und gesichtslosen Jedermann. Der Andere (David Ruland) stülpt ihm einen weißen Mullkopf über. Und wer trägt nun die Verantwortung an seinem Nachkriegstrauma? „Gibt denn keiner Antwort. Gibt denn keiner, keiner Antwort?“ Der Chor skandiert es zum Ende des Stücks an der Rampe direkt ins Publikum. Niemand weiß eine Antwort.

Und ganz zum Schluss wenn man schon denkt, dass war’s, kommt der unverhoffte Sprung ins Deutschland des Hier und Heute. Nun tritt der ehemalige Oberstleutnant der Bundeswehr und Afghanistanveteran Andreas Timmermann-Levanas auf und trägt die Geschichte seiner Traumatisierung bei den sogenannten Friedenseinsätzen der UNO und Nato vor. Er hat das Blut seiner Kameraden in den afghanischen Wüstensand rinnen sehen, was er nun genau wie Beckmann nicht vergessen kann. Nach einer Verantwortung fragt er aber nicht. Über 20 Jahre hat Timmermann-Levanas in der Bundeswehr gedient, und wirbt nun um Verständnis für seine Anliegen als Vorsitzender des Bundes Deutscher Veteranen. Die Rückkehrer aus den Auslandseinsätzen haben in Deutschland keine Lobby. Es gibt keine Zahlen und Statistiken über psychische Erkrankungen, Scheidungen oder gar Selbstmord. Die Parallelen zum Kriegsheimkehrer Beckmann sind offensichtlich. Timmermann-Levanas verschweigt nicht, dass er an Kampfeinsätzen beteiligt war. Was dort in Afghanistan genau geschehen ist, erfahren wir jedoch nicht. Ein ca. zehnminütiges Statement zur aktuellen Lage deutscher Soldaten in Auslandseinsätzen. Regisseur Lösch geht es dabei nicht in erster Linie um deren Zustandekommen und Hintergründe, er lässt die Rede des Veteranen bewusst unkommentiert am Schluss stehen. Man kann dies aber auch als einen ganz unvoreingenommenen Anstoß zu einer gesamtgesellschaftlichen Debatte verstehen.

Alles in allem will Löschs Inszenierung diesmal keine direkte Provokation oder bloße Konfrontation mit den nackten Tatsachen sein, sondern ist eher ein geschickter Dreisprung durch die allgemeine Wahrnehmung deutscher Kriegsgeschichte. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs, wie ihn die Überlebenden sehen wollten und aus Gründen des Weiterlebens teilweise auch mussten, zurück zu unbequemen Tatsachenberichten der kämpfenden Truppe direkt in die Zukunft Deutschlands mit der Teilnahme unserer Bundeswehr an UN- und NATO-Einsätzen, die wiederum Opfer, Täter, Widersprüche und Mythen sowie in ihrer Psyche verstörte Veteranen produziert. Eigentlich kein schlechter Ansatz und in der Umsetzung auch wegen der bei Lösch immer sehr plakativen Bilder und durchchoreographierten Chöre eine echte Zumutung, der man sich nur schlecht entziehen kann. Was die reine Umsetzung betrifft, bleibt der Abend aber trotz schwarz-rot-goldenem Grund merkwürdig blass. Wen das Spiel der Darsteller aber inhaltlich nicht zu berühren vermag, dem ist vermutlich auch mit ganz große Theaterkunst nicht zu helfen. Noch 2008 hatte der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die Bedeutung von Borcherts Drama als Zeitstück betont: „Dieses Heimkehrerstück ist Schrei und Aufschrei, Klage und Anklage in einem, es ist Ausdruck von Verzweiflung der vom Vaterland betrogenen, vom Krieg gemarterten und von der Nachkriegsgesellschaft ausgeschlossenen Generation.“ Ganz so einfach kann man es nun nicht mehr betrachten. Man wird die Fragen nach Wahrheit und Verantwortung, um die sich ja auch die Banker in Andres Veiels „Himbeerreich“ herumdrücken, aus Sicht der Kriegs- und auch der Nachkriegsgenerationen in Deutschland immer mitdenken müssen.

BECKMANN: Du hast kein Gesicht. Geh weg.
DER ANDERE: Du wirst mich nicht los. Ich habe tausend Gesichter. Ich bin die Stimme, die jeder kennt. Ich bin der Andere, der immer da ist. Der andere Mensch, der Antworter. Der lacht, wenn du weinst. Der antreibt, wenn du müde wirst, der Antreiber, der Heimliche, Unbequeme bin ich. Ich bin der Optimist, der an den Bösen das Gute sieht und die Lampen in der finstersten Finsternis. Ich bin der, der glaubt, der lacht, der liebt! Ich bin der, der weitermarschiert, auch wenn gehumpelt wird. Und der Ja sagt, wenn du Nein sagst, der Jasager bin ich. … aus: „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert

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Briefmarkenausgabe zum 75. Geburtstag von Wolfgang Borchert (unter Verwendung einer Borchert-Fotografie von Rosemarie Clausen). Deutsche Bundespost 1996 (Wikipedia)

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Termine:

„Das Himbeerreich“ am Deutschen Theater Berlin:

Alle Vorstellungen im Februar sind ausverkauft. Vorverkauf für März ab 09.02.13, 11:00 Uhr.

  • 06. März 2013, 19.30 – 21.10 Uhr
  • 11. März 2013, 20.00 – 21.40 Uhr
  • 14. März 2013, 20.00 – 21.40 Uhr
  • 23. März 2013, 20.00 – 21.40 Uhr
  • 31. März 2013, 19.30 – 21.10 Uhr
  • 01. April 2013, 19.30 – 21.10 Uhr

„Draußen vor der Tür“ an der Berliner Schaubühne:

  • 09.02.2013, 20.00 Uhr
  • 10.02.2013, 20.00 Uhr
  • Im März keine Termine.

Dauer: ca. 1:40 h

Literaturhinweise:

zu Andres Veiel:

  • Black Box BRD. Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, München 2002
  • Der Kick. Ein Lehrstück über Gewalt (zusammen mit Gesine Schmidt). Goldmann Verlag, München 2007
  • Edition der Filmemacher – Andres Veiel [5 DVDs]
    „Winternachtstraum“
    „Balagan“
    „Die Überlebenden“
    „Black Box BRD“

zu Wolfgang Borchert:

  • Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen
    Rowohlt Taschenbuch: Auflage 94 (1956) Mit einem Nachwort von Heinrich Böll
  • Gordon Burgess: Wolfgang Borchert. Ich glaube an mein Glück: Eine Biographie
    Aufbau Taschenbuch; Auflage: 1 (2007)
  • Peter Rühmkorf: Wolfgang Borchert. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten
    rororo; Auflage: 29 (1. Juni 1961)
  • Gordon J. A. Burgess (Autor), Michael Töteberg (Herausgeber): Allein mit meinem Schatten und dem Mond: Briefe, Gedichte und Dokumente
    rororo; Auflage: 2 (1. November 1996)
  • Draußen vor der Tür [2 DVDs] DDR-TV-Archiv (2011)
    mit Reimar Johannes Baur als Beckmann, Regie: Fritz Bornemann
    Deutscher Fernsehfunk (DFF) der DDR, 1960

Wissenschaftliche Publikationen zum Thema Wehrmacht:

Sönke Neitzel, geboren 1968, und Felix Römer, geboren 1978, lehrten beide Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Mai 2012 ist Römer wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut London. Neitzel hat 2012 einen Ruf an die London School of Economics auf einen Lehrstuhl für International History angenommen. Harald Welzer, geboren 1958, ist Direktor von FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit in Berlin und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er Sozialpsychologie an der Universität Sankt Gallen. (Quelle: Wikipedia)

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Das Tier und der menschliche Wahnsinn in den Filmen des Wettbewerbs auf der Berlinale 2011

Samstag, Februar 19th, 2011

Die diesjährige Berlinale scheint ihr Thema gefunden zu haben, es ist das Tier in allen möglichen Gattungen und seine Wirkung auf die menschliche Psyche. Mal beruhigend bei Trennungsschmerz, mal als Auslöser von Torschlusspanik bei Mitdreißigern, als Symbol für den Tod oder das Fremde und als mystisches Sehnsuchtswesen eines afrikaverrückten Arztes. Der Wahnsinn in seinen verschiedenen Spielarten ist allen diese Figuren in irgendeiner Weise eingeschrieben.

Béla Tarr erzählt uns in seinem neuen Film einen vom Turiner Pferd

“Der Mensch als Gattung stellt keinen Fortschritt im Vergleich zu irgendeinem Tier dar. Die gesamte Tier- und Pflanzenwelt entwickelt sich nicht vom Niederen zum Höheren…” – Friedrich Nietzsche

Dieses Zitat Nietzsches muss der ungarische Regisseur Béla Tarr wörtlich genommen haben. Ausgehend von einem nicht näher belegten Ereignis in Turin des Jahres 1889, in dem Nietzsche dem von einem Kutscher misshandeltem Pferd weinend um den Hals fällt, erzählt er die unbekannte Geschichte dieses Kutschers und seinem Pferd als dumpfes Untergangsszenario in einem nie enden wollenden Sturm der in völlige Finsternis mündet. Nietzsche sah in dieser Begegnung seine Vision bestätigt, die er bereits 1888 in einem Brief an den Maler und Schriftsteller Reinhart von Seydlitz schilderte: „Winterlandschaft. Ein alter Fuhrmann, der mit dem Ausdruck des brutalsten Cynismus, härter noch als der Winter ringsherum, sein Wasser an seinem Pferd abschlägt. Das Pferd, die arme geschundene Creatur, blickt sich um, dankbar, sehr dankbar“. Nietzsche fällt daraufhin in eine geistige Umnachtung, die 10 Jahre andauern soll und mit seinem Tod endet.
Tarr ist ein Meister langer Einstellungen und harter Schwarz-Weiß-Bilder. In seinen Filmen stellt er in teils surrealen Bildern immer wieder die Unfähigkeit der Menschen zu Empathie und wahrer Liebe dar. In „Werckmeister Harmonies“ wird ein Wanderzirkus mit einem riesigen Wal zum Sinnbild für das Fremde, das Gefüge einer Kleinstadt störend, deren Bewohner sich in einem von einem Demagogen angestachelten Exzess von Gewalt Luft verschaffen. Dabei gab es aber immer auch einen Protagonisten, der sich diesen Bestrebungen mit Witz und dem naiven Glauben an die Menschlichkeit entgegenstellte. In „The Turin Horse” gibt es diese Figur nicht mehr. Der Stumpfsinn hat gesiegt, das Ende der Welt ist nahe. Innerhalb von 6 Tagen wird diese gewohnte Welt des Kutschers und seiner Tochter aus den Fugen geraten, jeder Ausbruchsversuch ist schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt. Der Wind heult unentwegt und die minimalistische Musik von Mihály Víg verdichtet diesen 2 1/2-stündigen Film zu einer Tour de Force für alle Zuschauer. Die Kamera von Fred Kelemen folgt zunächst stringent in langen Einstellungen dem immer gleichen Tagesablauf der Protagonisten, vom An- und Auskleiden, Wasserholen, dem obligatorischen Schnaps zum Frühstück, dem vergeblichen Anschirren des kranken Pferdes bis zum Abendmahl mit heißer Pellkartoffel. Diese eindrücklichen langsamen Bilder des deutschen Regisseurs und langjährigen Kameramanns von Béla Tarr erzählen von der Härte der Natur und der Verlorenheit des Menschen darin.
Nur wenige Variationen lässt Béla Tarr zu. Einmal kommt der Nachbar, dem der Palinka ausgegangen ist, durch den Sturm zum Haus der Beiden und erzählt vom Untergang der Stadt in Dekadenz und dem immer währenden Kampf zwischen Herrschaft und Unterwerfung. Das Drehbuch stammt wieder vom Schriftsteller László Krasznahorkai, viel gesprochen wird dennoch nicht. Der Alte (János Derzsi) knurrt nur und herrscht seine Tochter (Erika Bók) an. Sie muss ihn immer wieder an- und auskleiden, da er einen steifen Arm hat. Bisweilen trocken und mehlig, wie die Pellkartoffeln an denen sie still kauen, wirkt dieser Film. Da das Pferd nicht mehr frisst und nicht aus dem Stall will, bleibt die Hütte der Ort des weiteren Geschehens. Der Alte sieht müde aus dem Fenster in den Sturm. Ein Wagen mit Zigeunern kommt vorbei auf dem Weg nach Amerika, sie wollen aus dem Brunnen trinken. Der Alte verjagt sie wütend mit der Axt. Die Tochter liest zögerlich religiöse Verse aus einem Buch, das ihr einer der Zigeuner geschenkt hat. Am nächsten Tag ist der Sturm vorbei und der Brunnen versiegt. Es wird nicht mehr hell und das Feuer geht langsam aus. Dennoch bleiben sie bei ihrem Tagesablauf, der Alte beißt in die rohe Kartoffel und befiehlt seiner Tochter ebenfalls zu essen, doch sie hat wie das Pferd bereits aufgegeben.
Das Leben als sinnloser Kreislauf des Werden und Vergehens, das ist das filmische Vermächtnis des Béla Tarr, das sich in seiner ausweglosen Entgültigkeit gewaschen hat, auch ohne Wasser. Tarrs Nihilismus demontiert Nietzsches Theorie vom Übermenschen konsequent. „Die Schwachen und Mißratnen sollen zugrunde gehn: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dazu helfen.“ (Nietzsche aus „Antichrist“) Nach Tarr haben sie das nun gründlich selbst besorgt. Der Meister schickt uns nach dem Film mit einer knappen Geste nach Hause. Das Mitleiden hat für dieses Mal ein Ende.

Der Mensch ist nur ein Seil, gespannt zwischen dem Tier und dem Übermensch. Ein Seil über einem Abgrunde. – Friedrich Nietzsche aus „Also sprach Zarathustra“

Afrika for ever – In „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler verliert sich ein Arzt im Dschungel seiner Sehnsüchte

Mit Ulrich Köhler ist in diesem Jahr wieder ein Vertreter der „Berliner Schule“ im Wettbewerb vertreten. 2009 gewann Maren Ade, Lebensgefährtin von Ulrich Köhler, mit „Alle anderen“ den großen Preis der Berlinale-Jury. Köhler dürfte das mit seinem Film wohl schwerlich gelingen. Er ist so etwas wie der Mystiker unter den Regisseuren der „Berliner Schule“, seine Figuren brechen aus gewohnten Bahnen aus und verlieren sich an unwirklich anmutenden Orten wie einem Ferienhaus in „Bungalow“ und einem surrealen Hotel in „Montag kommen die Fenster“.
In Schlafkrankheit geht es um eine Paar, das jahrelang Entwicklungshilfe in Afrika geleistet hat. Ebbo (Pierre Bokma, niederländischer Schauspieler, z.Zt. an den Münchner Kammerspielen) und Vera Velten (Jenny Schily, bekannt aus Inszenierungen der Schaubühne Berlin) wollen nun wegen ihrer Tochter nach Deutschland zurück kehren. Ebbo ist Arzt und leitet ein Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit in Kamerun. Auch Köhler hat mit seinen Eltern einige Zeit in Afrika verbracht. Ganz ruhig und unspektakulär erzählt er die Geschichte von verlorenen Illusionen und dem ewigen Kampf um Geld und die Zweckentfremdung von Fördermitteln. Dennoch hält Ebbo etwas in Afrika, er liebt das Land, die Arbeit hier füllt ihn aus, in Deutschland erwartet in nichts. Unter Tränen erklärt er seiner Frau am Telefon, dass er nicht zurückkehren wird.
Als nach Jahren Alex Nzila (Jean-Christophe Folly), ein junger französischer Arzt mit afrikanischen Wurzeln, zu einer Einschätzung des Schlafkrankheitsprogramms nach Afrika fährt, trifft er nach längere Fahrt in den Dschungel und einiger Wartezeit auf Ebbo, der sich häuslich eingerichtet hat, eine einheimische Frau besitzt, die schwanger von ihm ist und zweifelhafte Projekte wie ein Hüttendorf für Touristen betreibt. Ein Ähnlichkeit zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ ist nicht von der Hand zu weisen. Alex, der wegen seiner Hautfarbe und Homosexualität erst selbst noch in Frankreich diskriminiert wurde, bewegt sich wie ein ignoranter Europäer durch Afrika, voller Vorurteile und ständig auf der Hut übervorteilt zu werden. Er findet keine Beziehung zu Ebbo, alles ist ihm fremd. Ebbo dagegen gefällt sich in der Rolle des Wohltäters, herrscht seine Bediensteten an und hat sich an die Korrumpierbarkeit der Beamten und des Militärs gewöhnt. Mit einem Franzosen geht er zur Nilpferdjagd. Dieses mystische Tier Afrikas steht als Sinnbild für Kraft und ist gefürchtet für seine Gewaltausbrüche. Nach einem Streit verlieren sich die Jäger im Dunkel des Dschungels. Ein Schuss fällt, Alex sieht am nächsten morgen ein Nilpferd, das kurz durchs Bild läuft. Es bleibt offen, was mit Ebbo passiert ist. Der undurchdringliche Dschungel hat ihn verschluckt, er ist an seinem Sehnsuchtsort verloren gegangen.
Das wäre eine gute Story für den Mystiker unter den Dramatikern Roland Schimmelpfennig, der sich aber lieber mit einer Holzpuppe und dem Gesichts Gottes als Metapher für das unerklärbare Afrika beschäftigt hat. Ulrich Köhler weiß auch nicht so recht, was er dem Stoff anfangen soll, der Europäer als Fremdkörper und ewiger Kolonist, kann nicht von diesem Kontinent seiner Träume lassen. Es tun sich aber keine wirklichen Abgründe der Seelen wie bei Conrads Roman auf. „Der Mensch ist ein bösartiges Tier. Seine Bösartigkeit muss organisiert werden. Das Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz. Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell, sonst würde sie nicht existieren (…) Wir gehen mit Worten Kompromisse ein. Es hilft uns auch nicht weiter. Es ist wie ein Wald, in dem niemand den Weg kennt. Man ist verloren, während man noch ruft: `Ich bin gerettet!`“ – Joseph Conrad

Noch 30 Tage bis Paw Paw – Eine Katze verändert das eingefahrene Leben zweier Mitdreißiger in „The Futur“ von Miranda July

Das Leben und dazu eine Katze, das gibt eine unglaubliche Summe. – Rainer Maria Rilke

So ist es auch im zweitem Spielfilm des US-amerikanischen Multi-Talents Miranda July, in dem sie auch wieder wie in „Ich und Du und Alle, die wir kennen“ (Goldene Kamera in Cannes 2005 für das beste Debüt) die weibliche Hauptrolle übernimmt. Die Katze heißt Paw Paw (Pfötchen) und ist einem Paar in den Dreißigern zugelaufen. Sie wollen es adoptieren, um mehr Verantwortung in ihrem Leben zu übernehmen. Sie bekommen aber noch mal 30 Tage Bedenkzeit, da die verletzte Pfote des Streuners erst im Tierheim gesund gepflegt werden muss. Dass die kranke Katze nicht nur ein paar Monate zu leben hat, sondern auch gut und gerne 5 Jahre, versetzt die beiden, die ihr Leben fast nur noch im Internet verbringen, in totale Torschlusspanik. In 5 Jahren ist man schließlich schon 40 und das ist ja fast schon 50. Sie wollen die letzten 30 Tage ohne Verantwortung dann auch voll nutzen, kündigen spontan ihre langweiligen Jobs als IT-Serviceberater und Tanzlehrerin für Kinder und stürzen sich in neue Projekte. Jason (Hamish Linklater) widmet sich dem Klimaschutz und zieht von Haustür zu Haustür, um Bäume zu verkaufen. Sophie will 30 Tänze kreieren, jeden Tag einen neuen und ins Internet stellen. Sie scheitern natürlich beide an ihren zu hoch geschraubten Zielen. Letztendlich sind das alles nur vergebliche Ausbruchsversuche aus ihrer lahm liegenden Beziehung.
Aus dem Off reflektiert die Katze mit der verfremdeten Stimme von Miranda July über das ungebundene Leben in der Wildnis, freut sich aber auf ein ruhiges Leben bei den Beiden, die sie nun aufnehmen werden und sie signalisiert schon mal durch Schnurren Bereitschaft. Bereit für einen gemeinsamen Neuanfang ist das Paar aber nicht wirklich. Sophie drängt es zu einem alleinerziehenden Schilderdesigner aus einer Vorstadtsiedlung und einer schnellen Affäre, Jason trifft einen bereits 60 Jahre verheirateten Mann, dem er einen alten Fön abkauft und sich seine Weisheiten über die Liebe und Paarbeziehungen im allgemeinen anhört. Seine erst 4 Jahre währende Beziehung zu Sophie erscheint Jason bereits ewig, ist aber in den Augen des Alten nur der Anfang und der ist ja bekanntlich schwer. Der Film ist auch eine Geschichte über das Vergehen von Lebenszeit und die unterschiedliche Wahrnehmung dessen. In einer albtraumhaften Sequenz sieht Sophie ihre Freundinnen vor sich, erst schwanger, dann mit Kindern und schließlich stehen diese dann vor ihr und wollen ihre Kind zum Tanzkurs anmelden. Die Zeit rast in ihren Augen und auch Jason versucht diese einfach anzuhalten, muss aber erkennen, das die gemeinsame Zeit nur in seiner Vorstellung fest steht und Sophie sich auch so längst von ihm entfernt hat.
Beide verpassen den Abholtermin für die Katze, die bereits voll Ungeduld gewartet hatte und sich die Länge von 30 Tage vorzustellen versucht. Sie stirbt am Ende, ob es einen Neuanfang für Sophie und Jason geben wird bleibt offen. Miranda July gelingt mit viel Selbstironie und Humor, der auch in seinen leicht kitschig melancholischen Momenten nie aufgesetzt wirkt, ein durchaus überzeugendes Porträt von zwei Menschen, die nicht so richtig zu wissen scheinen, worum es ihnen im Leben geht. Miranda July hat diesen Stoff, wie sie im anschließenden Gespräch erklärt, aus einer ihrer Kurzgeschichten entlehnt und die ihrer Meinung nach etwas langweilige Story durch entsprechend assoziative Bilder zu verstärken versucht. Durchaus sehr sympathisch dieser Versuch, leider aber auch etwas zu nett. Der Konfliktstoff bleibt bisweilen in diesen visuellen Fantastereien stecken.

Der Film, der an diesem Abend in der Reihe „Berlinale goes Kiez“ im Kino Adria an der Steglitzer Schloßstraße lief, wurde von Maren Ade präsentiert, deren Lebensgefährte Ulrich Köhler seinen Film „Schlafkrankheit“ im Wettbewerb zeigte. Und so wurde der Abend noch zu einer Veranstaltung der „Berliner Schule“, mit der Miranda July auch persönlich verbandelt ist. Zum zweiten Film des Abends erschienen doch tatsächlich Dieter Kosslick und Christoph Terhechte und stellten mit Christian Petzold und seinem Film „Etwas Besseres als den Tod“ einen weiteren Vertreter dieser Richtung vor. Alle sprühten geradezu vor Witzigkeit und hatten sichtlich Spaß mal abseits des stressigen Berlinale-Alltags.
Der Film von Petzold ist ein Beitrag zu dem dreiteiligen Projekt „DreiLeben mit den Regisseuren Dominik Graf und Christoph Hochhäusler, das im Forum der Berlinale lief. Es erzählt mit jeweils anderen Protagonisten in den Hauptrollen, die Geschichte eines entlaufenen Frauenmörders (Stefan Kurt) und weiterer Figuren aus dem Umfeld einer kleinen Stadt im Thüringer Wald. Der erste Teil von Christian Petzold dreht sich um die Liebesgeschichte zwischen einem Medizinstudenten (Jacob Matschenz) der in einem Krankenhaus ein Praktikum macht und einem bosnischen Zimmermädchen (Luna Mijovic, bekannt aus dem Berlinalesieger von 2006 „Grbavica“). Die Liebe scheitert an Vorurteilen und den verschieden Vorstellungen über eine gemeinsame Zukunft. Das Mädchen wird schließlich dem Mörder zum Opfer fallen, es gibt eine kurze Horrorschockszene in Petzolds Film und unheimlich gefilmte Bilder des Waldes. Man kann sich sicher auf die Ausstrahlung im Herbst in der ARD freuen, zwischen Tagesschau, Wetter und Anne Will, wie Petzold gut aufgelegt witzelte. Aber vielleicht kommt ja auch ein Championsleaguespiel dazwischen.

Wie die Väter, so die Söhne und Töchter – Andres Veiel psychologisiert die 68er in seinem ersten Spielfilm „Wer wenn nicht wir“, einem Portrait von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper

Eine Katze steht auch im Mittelpunkt der Schlüsselszene des ersten Spielfilms des Dokumentarfilmers Andres Veiel. Veil wurde bekannt durch wunderbare Dokumentationen, wie etwa über junge Schauspielschüler (Die Spielwütigen, 2004), über den brutalen Mord an einem 16-jährigen Jungen im brandenburgischen Potzlow (Der Kick, 2006, nach seinem gleichnamigen Theaterstück am Gorki Berlin, 2001) und nicht zu letzt durch den 2001 gedrehten Dokumentarfilm „Black Box BRD“, in dem er die Biografien des von der RAF ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und die des bei seiner Festnahme in Bad Kleinen auf bisher ungeklärte Weise ums Leben gekommenen RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Nun hat sich Veiel der Biografie des Paares Gudrun Ensslin und Bernward Vesper angenommen, beide Leitfiguren der 68er Studentenbewegung, deren Liebe letztendlich nicht nur an den unterschiedlichen Ansichten über den Weg zu notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen scheitern.
Der Film beginnt kurz nach dem 2. Weltkrieg im Elternhaus des 8jährigen Bernward im niedersächsischen Triangel. Die besagte Katze gehört dem Jungen. Der Vater erschießt die Katze, weil sie den Nachtigallen im Park nachstellt. Im ruhigen Verständnis heischenden Ton erklärt er Bernward, das Katzen nicht zum Menschen passen, da sie die Juden unter den Tieren sind. Diese Szene ist prägend für den jungen Vesper, er hat sie auch in seinem Drogentrip „Die Reise“, einer Abrechnung mit der Elterngeneration, beschrieben. Der Roman blieb Fragment, da sich Vesper im Jahr 1971 in der Psychiatrie das leben nahm. Der Vater Will Vesper, dargestellt vom Theaterschauspieler Thomas Thieme, war eine glühender Hitler-Verehrer und sogenannter Blut-und-Boden-Dichter, der gegen jüdische und liberale Schriftsteller und Verleger hetzte. Dennoch verehrte Bernward Vesper sehr seinen Vater auch noch nach dem Krieg und begann auf des Zuraten hin selbst zu schreiben. August Diel stellt ihn sehr schön zwischen selbstbewusstem politischem Verleger und schwankend in der Distanz zu seinem Vater dar. 1961 lernt er Gudrun Ensslin an der Uni Tübingen kennen, wo sie u.a. Germanistik studieren und Vorlesungen bei Walter Jens besuchen. Beide gründen einen Verlag, um die alten Bücher Will Vespers aber auch linke Schriften und ein Buch von Stokely Carmichael, einem der Führer der afroamerikanischen Black Panther Party, heraus zu bringen.
Der Film, der auf dem Buch „Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus“ des Publizisten und Historikers Gerd Koenen beruht, beschreibt das in allen Einzelheiten. Die Annäherung der beiden erfolgt erst zögerlich, dann aber um so heftiger. Sie ziehen zusammen, erst zu dritt mit einer Freundin Gudruns. Dann entsteht aber schnell, eine fast symbiotische Beziehung zwischen Bernward und Gudrun. Beide versuchen sich aber auch unabhängig von einander zu verwirklichen, eine ständiger Kampf um Anerkennung und Abgrenzung zu den Eltern beginnt. Vesper geht fremd und Ensslin verletzt sich aus enttäuschter Liebe selbst. Sie geht eine kurze Beziehung zu Klaus Roehler ein, der ihr bei ihrer Dissertation über Hans Henny Jahnn helfen soll. Schließlich mündet der Kampf doch in den bürgerlichen Akt der Verlobung. Es folgen Verbindungen zur SPD-nahen Gruppe 47, die aber nicht ihrem Streben nach radikaleren Forderungen entsprechen. Veiel spult den Film wie ein Biopic ab. Es werden dokumentarische Szenen aus Nachrichten und alten schwarz-weiß-Dokumentationen eingespielt, um den zeitgeschichtlichen Bezug herzustellen. Von den ersten Atombombenversuchen in den USA, über den Beginn der großen Koalition von CDU mit Kiesinger und derSPD, dem obligatorischen Schahbesuch mit den Prügelszenen in Berlin, bis zum Kaufhausbrandprozess in Frankfurt geht die Kette direkt zur Begegnung mit Andreas Baader. Alexander Fehling spielt ihn als zwischen androgynem Wesen und dem üblichen Revolutionsposer. Seine Fotzenrhetorik hat Veiel aber bewusst vermieden, Gudrun Ensslin darf auch mal zurückschlagen und so ist sein Film im Gegensatz zum Bader-Meinhoff-Komplex auch nicht so reißerisch inszeniert. Es geht Veiel eher um ein Psychogramm dieser Zeit.
Gudrun Ensslin ist eine Figur, die aus Ablehnung gegen den Opportunismus der Vätergeneration heraus, zu der Einsicht gelangt, das man etwas tun muss. Eine Entdeckung ist dabei die junge Lena Lauzemis, die Gudrun Ensslins große Emotionalität und ihre emanzipierte Entschlossenheit wirklich anschaulich rüberbringen kann. Ensslin ist Vesper in jedem Moment geistig und in ihrer Entschlossenheit überlegen. Er kann ihr nicht mehr Paroli bieten. Aus der Erkenntnis, dass die Bundesrepublik mit ihrer angeblich freiheitlichen demokratischen Grundordnung die Geschichte des Nationalsozialismus nicht wirklich aufarbeitet und das im Bewusstsein der Menschen nicht ankommt, stellt sie sich gegen ihre bürgerliche Familie und radikalisiert sich, um den Massen ein Beispiel zu geben. Man muss das in gewisser Weise auch psychologisch sehen. Der Druck für intellektuelle Leute wie Ensslin, Meinhoff und auch Vesper war so groß, das es nur zwei Möglichkeiten für sie gab, entweder zerbrechen wie Vesper oder, oder der Weg in den Terror der RAF, der andere Wahnsinn, wie ihn Baader propagierte. Ein dazwischen gibt es für sie nicht, entweder dafür sein oder dagegen. Das ist auch der Widerspruch, der sich für viele nicht lösen ließ. Radikale Forderungen lassen sich in einer Demokratie nicht so schnell umsetzten. Eine im Knast eingefügte Szene zeigt Ensslin im Gespräch mit der Anstaltsleiterin, die an ihr Gewissen appelliert, mit dem Verweis auf kleine Schritte der Veränderung, um sie vom bewaffneten Kampf abzubringen. Dennoch steigen die Protagonisten der RAF aus und bilden eine in ihren Strukturen klar hierarchisch und diktatorisch durchorganisierte Organisation. Sie sind damit aber wieder im System der Väter angekommen. Diesen Weg will Veiel mit seinem Film beschreiben, leider pathologisiert er damit auch die gesamte 68er-Bewegung. Die Geschichte hat keine passende Lösung parat, es bleibt ein ewiges Suchen nach der Wahrheit. Hier bietet der Film auch keinen Antworten.

„Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier“ – aus dem Briefwechsel von Heinrich Böll mit Ernst-Adolf Kunz 1945-1953

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